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König Friedrich der Große

von Theodor Rehtwisch

"Es ist nicht nötig, daß ich lebe, wohl aber, daß ich meine Pflicht tue und für das Vaterland kämpfe, um es zu retten, wenn es noch zu retten ist." Diese Worte, welche König Friedrich der Große in der schweren Zeit des siebenjährigen Krieges niederschrieb, sind gleichsam eingegraben in die Erztafeln der vaterländischen Geschichte. Sie sind, seitdem sie gesprochen worden, förmlich zu einem Bekenntniswort geworden für jeden Preußen, mehr noch für jeden Deutschen, seitdem das Königreich Preußen zum Fundament des großes deutschen Vaterlandes geworden ist. Diese eiserne Mahnung zur Pflicht hat für das große Deutschland auch gegolten, als es in den Jahren 1870 und 1871 im blutigen Ringen gegen Frankreich seine Einigkeit und seine Kaiserkrone sich gewann." Wir glauben daher recht zu tun, wenn wir gerade diese Worte in ihrer wunderbaren Kürze und Schwere dieser Gedenkschrift zum zweihundertjährigen Geburtstage des großen Preußenkönigs voranstellen.

Von jeher haben Männer die Geschichte gemacht, und wenngleich eine fortgesetzte Entwicklung der Völker gern anerkannt werden soll, so waren es doch immer Männer, die sich zu Führern solcher Entwicklung aufwarfen oder die über ihre Zeit hinausragend stark genug waren, solche Entwicklung erst hervorzurufen. Und zu diesen letzteren gehört König Friedrich II., den sein Volk nach unerhörten Siegen dankbar den Großen genannt hat.

Gewiß, es waren große Männer, bedeutende Fürsten unter seinen Ahnen, die ihm vorgearbeitet hatten. Der große Kurfürst Friedrich Wilhelm, sein Urgroßvater, war es, der schon mit zwanzig Jahren die Kurwürde in Brandenburg und den Herzogshut in Preußen erbte und dann in einer fast fünfzigjährigen Regierung mit fester Hand den Staat zusammenballte, der unter seinem Sohn König Friedrich I. zum Königreich Preußen erhoben werden sollte. Längst nicht alle Wünsche, die Kurfürst Friedrich Wilhelm hatte und mit Recht haben durfte, waren diesem großen Manne in Erfüllung gegangen. Als er, der Schwedenbesieger, der große Feldherr und Staatsmann, sich schließlich von aller Welt verlassen und um die Früchte seiner Siege in Pommern und Preußen betrogen sah, da warf er zornig die Feder von sich, mit welcher er gezwungen nur den Frieden von Saint Germain unterschrieben hatte, einen Frieden, der ihn um alle Vorteile brachte — zornig rief er aus und zugleich prophetisch die Worte: "Exoriare aliquis nostrix ex ossibus ultor!" "Aus meinen Gebeinen möge mir ein Rächer erstehen!" Und dieser Rächer, er erstand in seinem Urenkel Friedrich den Großen, von dem wir hier reden wollen.

Aber auch der Vater Friedrichs, König Friedrich Wilhelm I., war ein bedeutender Mann, der unermüdlich große Ziele verfolgte. Friedrich Wilhelm, den die Geschichte den Soldatenkönig nennt, war viel mehr als das. Wohl war er der Erzieher des preußischen Heeres, aber er war zugleich der Erzieher des preußischen Volkes, und so hat ein großer Geschichtsschreiber von ihm gesagt: "Wer Völker nach seinem Ebenbild formt, der ist ein König, und trüge er auch statt des Szepters einen Spazierstock."

War der große Kurfürst, dessen reger Geist von keinem Entwurf stillstand, ward er, der große Staatsmann und Feldherr, nie müde, neu zu planen, zu rüsten, Bündnisse zu kitten, Verträge zu zerreißen, ja, selbst in jener frühen Zeit eine Flotte auf das Meer hinauszusenden, so war Friedrich Wilhelm, sein Enkel, dagegen ein Mann der Arbeit innerhalb der Grenzen des ihm überkommenen preußischen Staates. Hatte der Große Kurfürst das Herzogtum Preußen und das mühsam eroberte Hinterpommern, die magdeburgischen und clevischen Lande eng zusammengefaßt durch die Macht seines Willens zu einem wehrfähigen Staate, der in dem halben Jahrhundert seiner Regierung eine große Bedeutung in Europa gewann, so sah König Friedrich Wilhelm I. seine Aufgabe in der Kleinarbeit, in der Festigung dieses Staates von innen heraus , in der Ausbildung und Ergänzung der Armee und in der Schaffung eines Beamtenheeres, das seine Anordnungen mit der größten Gewissenhaftigkeit ausführte. König Friedrich Wilhelm, selbst ein Arbeiter von unglaublichem Fleiße, verlangte von seinen Beamten das Menschenmögliche. Schlagend und kurz hat der Vater Friedrichs des Großen seinem Sohne gesagt, wie er seine hohe Aufgabe auffaßte, mit den Worten: "Arbeiten müßt Ihr, so wie ich das beständig getan habe. Ein Regent, der in der Welt mit Ehren regieren will, muß seine Sachen alle selber machen, denn die Regenten sind zum Arbeiten geboren und nicht zum faulen Leben."

Solchem Ahn, solcher Vater, denen beiden das Pflichtgefühl als höchstes Gebot galt, war König Friedrich zur Nachfolge bestimmt, als er um die Mittagszeit am Sonntag dem 24. Januar des Jahres 1712 im Berliner Königsschlosse geboren wurde, als der dritte Sohn des damaligen Kronprinzen Friedrich Wilhelm und seiner Kronprinzessin Sophie Dorothee aus dem Kurfürstlichen Hause Hannover. Schon waren den Eltern zwei Söhne in ganz zarten Alter gestorben, und man kann sich denken, wie groß die Erregung in Berlin war, als an dem hellen Wintertage um die Mittagszeit plötzlich die Kanonen gelöst wurden und ankündeten, daß im Königsschlosse ein Kind das Licht der Welt erblickt habe. Die guten Berliner haben damals erregt mitgezählt, und als die Schüsse über den einundzwanzigsten hinausgingen und bis zur Zahl 101 weiter dröhnten, mag manchem getreuen Bürger ein Stein vom Herzen gefallen sein, denn nun war die Erbfolge im Königshause der Hohenzollern gesichert, ein junger Prinz war angekommen!

Besonders aber war es König Friedrich I., des Kindes Großvater, den grenzenlose Freude erfüllte. Mit Sorgen hatte der alternde König das Sterben seiner zwei ersten Enkel erlebt, und nun durften seine Augen dennoch den Nachfolger seiner Krone sehen, seine Hände durften ihn segnen. Und da er ein prachtliebender Herr war, so wurde bei der Taufe des Prinzen, die schon am siebenten Zage nach der Geburt, am 31. Januar, stattfand, die ganze Pracht des preußischen Königshofes entfaltet. Das Kind in seinem Steckkissen trug er an seiner Seite schon den schwarzen Adlerorden und ein Krönlein auf dem Haupte. Man erzählt, daß sechs Gräfinnen die schwere Schleppe seines Taufkleides trugen, eines Kleides von reichem Silberbrokat, mit Diamanten besetzt. Der königliche Großvater selbst hielt den kleinen Prinzen über die Taufe. Alle Glocken von Berlin jubelten über der Stadt, und Kanonendonner mischte sich dazwischen. So wurde dieser junge Prinz in Pracht und Prunk getauft, der später als König im schlichten, abgetragenen Uniformrock, im alten, weichgedrückten Dreimaster und den bequemen Lederstiefeln, die er nur ungern zu wechseln liebte, den Krückstock in der Hand, seine schwere Königspflicht tagein tagaus zu tun berufen war.

Nur ein Jahr lang noch überlebte König Friedrich die Geburt seines Enkels. Im Februar 1713 starb der erste preußische König, und sein Sohn Friedrich Wilhelm I. bestieg den Thron. Damit kam ein ganz anderes Regiment in Preußen hinein. Mit schuldiger Ehrfurcht, mit königlichem Pomp, wie der Tote ihn geliebt hatte, bestattete Friedrich Wilhelm seinen Vater; aber dann ging eine große Veränderung des Hofhaltes vor sich. "Wozu", dachte Friedrich Wilhelm, "dies großeHeer von Müßiggängern?" — Er setzte sich selbst über die Hofhaltungsliste und strich und strich und brachte es fertig, mit seinen praktischen Strichen die Hofhalten von 276 000 Talern auf den fünften Teil, auf 55 000 Taler herabzusetzen. Sparsamkeit und unermüdliche Arbeit waren die unabänderlichen Grundsätze dieses Königs. "Parole auf dieser Welt," schrieb er einst an den Fürsten Leopold von Anhalt Dessau, seinen Vertrauten, "ist nichts als Unruhe und Arbeit, und wo man nicht selbst die Nase in jeden Dreck steckt, so geht die Sache nicht, wie sie gehen soll." Seine prächtige, immer tätige Natur konnte keinen Müßiggänger leiden. Es ist wohl vorgekommen, daß das spanische Rohr des Königs irgendeinen Faulpelz unsanft berührte mit den Worten: "Scher' er sich heim und tu' er was!" — Wer ein Amt hatte, sollte arbeiten, und zwar für das Gehalt, das er bezog, möglichst viel, möglichst schnell, ohne Zögern, ohne Aufschub.

Wie dieser König für sich keine Schonung kannte, denn von der frühen Morgenstunde an saß er an seinem einfachen Schreibtisch, und ein Geschäft jagte in seinem Tageslauf das andere, so kannte er solche Schonung auch nicht für seine Leute. Das eigenhändige königliche "cito citissimo", "schnell, schnellstens" auf den Akten war ein allseitig gefürchteter Vermerk. Dies Aufpassen Königlicher Majestät ließ die Beamten nicht zur Ruhe kommen, und so entstand eine musterhafte Verwaltung im Einzelnen. Jeder Beamte mußte auf seinem Posten sein, Tag und Nacht, wenn es galt. Als einmal einer der Herren gegen seine Versetzung Einspruch erhob, beschied ihn Friedrich Wilhelm kurz: "Man muß dem Herrn mit Leib und Leben, mit Hab' und Gut, mit Ehre und Gewissen dienen, und alles daran setzen an die Seligkeit, aber alles Andere, das muß mein sein." So übersetzte der König auf seine Weise das Bibelwort: "Gebet dem König, was des Königs ist, und Gott, was Gottes ist." Durch das ganze Land schallte sozusagen befehlende und allenthalben deutlich vernehmbar die weinerliche, metallhelle, durchdringende Stimme dieses Monarchen, der mit Recht als der große Volkswirt und Volkserzieher, der größte seines Jahrhunderts, gepriesen wird.

Geordnete Finanzen und ein schlagfertige Heer, diese beiden Dinge galten für König Friedrich Wilhelm I. als die Hauptstützen seines preußischen Staates, wie sie auch heute noch nach 200 Jahren das für jeden Staat sind und sein müssen. Für das damalige Preußen doppelt und dreifach. Denn lang hingestreckt zog sich der preußische Staatskörper vom Rhein bis an das Kurische Haff, ein Land mit sehr unsicheren Grenzen, das eines starken, wohlgeschulten Heeres bedurfte, wie kein anderes. Des Königs Gehilfe in seinem Soldatenhandwerk war der Fürst Leopold von Dessau, der in der Geschichte den Namen "Der alte Dessauer" erhalten hat. Er war der Erfinder des eisernen Ladestockes, der sehr bald in den preußischen Kriegen eine wichtige Rolle spielen sollte gegenüber dem hölzernen, der bei den anderen Heeren noch in Gebrauch war. Fürst Leopold von Dessau war der Schulmeister des preußischen Heeres. Er erfand den Paradeschritt, er sorgt für eine fast übermenschliche Präzisität im Exerzieren, Chargieren, feuern, in allen Waffenübungen, die zum Soldatendienst gehörten, und das preußische Heer dankte es dem König und dem Dessauer, daß es bald für das Musterheer in Europa galt; und die Grundlagen, welche jene beiden Männer für die Ausbildung des Heeres geschaffen haben — sie gelten heute noch.

König Friedrich Wilhelm I. war ein mann von rein deutscher Gesinnung. Er war in seinen jüngeren Jahren ein schöner, stattlich gebauter Mann mit wohlgefügten Gliedern und sehr feinen, wohlgepflegten Händen, die aber zugreifen und festzuhalten verstanden. Er trug eine schöne, freie Stirn, ein kluges, graues Auge. Zwar zeigte sich schon in frühen Jahren eine Neigung zur Wohlbeleibtheit, was aber seinen Grund mit darin haben mochte, daß der König ein sehr starker Esser war. Allerdings machte er an die Küche wenig Ansprüche. Von der französischen Küche wollte er überhaupt nicht viel wissen; er hielt sich an Pökelfleisch, Erbsen, Sauerkohl, Speck und Bohnen. Wenn es möglich war, ließ er seinen Mittagstisch im Freien unter einem schattigen Baum decken. Der König liebte frische Luft, frisches Wasser, badete, wo er nur konnte, manchmal vier bis fünf Mal am tage. Einen schlimmen Haß hatte er Polstermöbel, Teppiche, Portieren und Staubfänger dieser Art. Sein Arbeitssitz war ein Holzschemel und ein einfach gezimmerter Tisch. Die Jagd war seine Erholung, und wenn es nichts zu jagen gab, so sammelte er seine Generale, Minister, Gesandten um sich, und so entstand das Tabakskollegium, das geschichtlich berühmt geworden ist.

Der König saß dann mit seinen Gästen um einen einfachen Tisch, jeder mit einem Krug Ducksteiner Bier vor sich und eine Tonpfeife mit holländischem Tabak. König Friedrich Wilhelm liebte das Rauchen und hat es eigentlich hoffähig gemacht. Auf einem Anrichtetisch stand ein Topf mit Butter, Brot, Schinken, Braten, Käse, wovon sich jeder nach Belieben nehmen konnte. Es mußte sich jeder selbst bedienen. In jenen Abendstunden beim Flackern der Kerzen und beim gemütlichen Trunk legte Friedrich Wilhelm den Herrscher ganz ab. Er war dann Freund unter Freunden, vertraulich und offen sprach er über seine Absichten und Pläne. Schnurren und Späße sehr derber Art brachten Abwechslung in diese Abende. Aber mochte diese soldatische Geselligkeit auch derb sein, sie war noch viel harmloser als die kostspieligen und liederlichen Zerstreuungen, wie sie damals an anderen deutschen Fürstenhöfen Sitte waren, denn König Friedrich Wilhelm dachte in sittlicher Beziehung sehr streng. Als er einst eine Einladung an den üppigen sächsischen Königshof gefolgt war, schrieb er an Leopold von Dessau: "Ist gewiß nit christlich Leben hier, aber Gott ist mein Zeuge, daß ich kein Plaisir daran gefunden und noch so rein bin, als ich von Hause hergekommen und mit Gottes Hilfe beharren werde bis an mein Lebensende."

Der König war auch ein aufrichtiger gläubiger Mann und sich wohl bewußt, daß er dem höchsten Gott für sein Handeln Rechenschaft schuldig sei, und nicht nur für sich, sondern auch für seine Familie und sein Volk. Er fühlte sich in dieser Eigenschaft als unbeschränkter Heer im Lande, und da er es gut meinte mit seinem Volk und den Seinigen, so sollte auch unbedingt und ohne Widerrede das gelten, was er befahl. Stieß er auf Widerspruch, so wurde seine Strenge oft zur Härte und sein Jähzorn lohte fürchterlich auf. Dieser Jähzorn war ein Tropfen in seinem Blut, für den der König selbst nicht konnte. Stand in solchen Augenblicken jemand vor ihm, der seine Frömmigkeit anrief, so wurde Friedrich Wilhelm weich wie Wachs, und man hat den König in solchen Stunden reuevoll bitterlich weinen sehen. Im übrigens war aber Friedrich Wilhelm ein im Sinne des Wortes guter Mann, der nur das Beste wollte und sann, in dessen Seele kein Arg wohnte. So war Friedrichs Vater.

Wo es nun anging, der rasenden Zeit einige Minuten abzugewinnen, pflegte der König gern mit seinen Kindern zu spielen. Viel wird das nicht vorgekommen sein, aber es kam doch vor. "Sieht Er wohl, mein lieber Forcade," sagte der König einst zu diesem General, als derselbe ins Zimmer trat, "sieht Er wohl! Er ist selbst Vater und weiß es auch: Väter müssen mit ihren Kindern zuweilen Kinder sein, müssen mit ihnen spielen und ihnen die Zeit vertreiben." — Bis zu seinem siebenten Jahre war Kronprinz Friedrich in Frauenhänden. Die Oberhofmeisterin Frau von Kamecke hatte die Oberaufsicht, und eine alte Französin, die verwitwete Frau des Obersten Rocoulles, war die Gouvernante des kleinen Fritz. So erlernte er schon in seiner Kinderstube die französische Sprache, die er so lieb gewann, daß er ihr dauernd treu blieb.

Wir erblicken des Königs Gesinnung schon in den ersten Erziehungsregeln, die er für seinen Sohn gab. Wohl verlangte er von dem Prinzen Respekt und wahre Unterwürfigkeit gegen Vater und Mutter, aber diese sollte ehrlich sein und niemals sklavisch und knechtisch. Ausdrücklich befahl der König, daß man dem jungen Prinzen niemals mit seinem Vater drohe, sondern nur mit seiner Mutter. Mit Strenge verbot der König es, seinem Sohne zu schmeicheln, denn nichts sei Fürsten schädlicher als Schmeichelei. Vor allen Dingen aber hielt der König darauf und wies den Erzieher an, dem Kronprinzen die wahre Liebe zum Soldatenstande einzuprägen und ihm darzulegen, "daß gleichwie nichts in der Welt, was einem Prinzen Ruhm und Ehre zu geben vermag, der Degen sei, und von der Welt ein verachteter Mensch sein würde, wenn er solchen nicht gleichfalls liebte und die einzige Glorie in demselben suchte." —

Als der junge Friedrich die Erziehung der Frauen entwachsen war, gab Friedrich Wilhelm ihm zwei militärische Erzieher in der Person des Generalleutnants Graf Finckenstein und den Obersten von Kalkstein. Der Erstere war der Oberhofmeister, der zweite der Untergouverneur. Ihnen gesellte sich als Lehrer ein Franzose mit Namen Duhan de Jandrun. Für den Gang der Erziehung entwarf der König einen genauen Plan. Liebe zu Soldatenstand, Frömmigkeit des Herzens, Liebe und Furcht zu Gott, waren die Hauptgrundzüge; und dann kam das wissenschaftliche Gebiet. Das Latein verbot der König, so sehr der Prinz sich auch danach sehnte, diese Sprache zu erlernen. Als es dennoch später insgeheim versucht wurde, jagte der König mit erhobenem Krückstock den lateinischen Präzeptor davon. Dagegen sollte das Deutsche und Französische so gelehrt werden, daß der Kronprinz sich darin mündlich und schriftlich gut und kurz ausdrücken könne. Mehr Gewicht legte Friedrich Wilhelm schon auf die Rechenkunst, die Mathematik und Staatswirtschaft, sowie auf artilleristische Kenntnisse. Letztere aus dem Fundament. Besonders Wert legte Friedrich Wilhelm auf die Erlernung der Geschichten der letzten 150 Jahre. Die Regeln, die der sorgsame König für die Erziehung seines Sohnes gab, waren jedenfalls überaus praktisch, wenngleich sie natürlich hinter dem, was heute von einer Prinzenerziehung verlangt wird, wesentlich zurückblieben.

An den Arbeitsplan des jungen Prinzen schloß sich eine genaue Einteilung der Wochentage. Wenigstens liegt eine solche vor für einen Aufenthalt, der im Frühherbst des Jahres 1721 im Jagdschloß Wusterhausen stattfand. Vom Sonntag bis zum Sonnabend wird die Woche genau eingeteilt. Des Morgens soll der Prinz in Gegenwart des Erziehers und der Bedienten ein Morgengebet und das Vaterunser sprechen. Er soll laut und deutlich beten und darf kein Wort vergessen. Alsdann soll er sich hurtig anziehen, sich sauber waschen, und nur eine Viertelstunde Zeit läßt die väterliche Vorschrift für dies Geschäft, zu dem auch noch das Schwänzen (Zopfdrehen), das Pudern usw, gehört. Selbst mit dem ersten Frühstück soll der Prinz in dieser Viertelstunde fertig sein. Alsdann soll die gesamte Dienerschaft sich in des Prinzen Zimmer versammeln, und nun soll das große Gebet und die Andacht abgehalten werden, zu welcher ein Lied gesungen werden soll. An Sonntagen will der König alsdann seinen Sohn mit zur Kirche nehmen und mit ihm zum Mittag essen Punkt 12 Uhr.

Der Rest des Tages soll für Spiele und Bewegung im Freien, Reiten oder was sonst ist, dem Prinzen gehören. Um ½11 Uhr muß der Prinz nach einer Abendandacht im Bette liegen. Dies ist der Sonntag. An den Wochentagen muß der Prinz schon eine Stunde früher, nämlich um 6 Uhr aufstehen und zwar ist nach des Königs Vorschrift "darauf zu halten, daß er ohne sich zu ruhen und nochmals umzudrehen, hurtig und sofort aufstehe." Gebet, Andacht, morgens sowohl wie abends, bleiben dieselben wie am Sonntag. Dann geht es ans Lernen. Von 7 bis 9 Uhr wird Geschichte gelehrt. Von 9 bis 11 Uhr Religion. Dann einige Stunden beim Vater und gemeinsames Mittagessen. Punkt 2 Uhr nachmittags setzt der Unterricht wieder ein. Zunächst Geographie und Unterweisung auf der Landkarte, wobei dem Zögling die Macht und Schwäche, die Größe, der Reichtum, die Armut, der verschiedenen Länder und Staaten klarzumachen ist. Dann folgte Unterricht in der Moral und dann werden deutsche Briefe geschrieben, wobei der Lehrer Duhan besonders darauf achten soll, daß der Prinz einen guten Stil bekomme. Um 5 Uhr wird der Unterricht geschlossen und der Prinz darf alsdann, nachdem er sich die Hände gehörig gewaschen hat, seinen Vater begrüßen, dann ausreiten, sich aber immer in der frischen Luft und nie im Zimmer aufhalten. Er darf dann tun, was er will, mit der Einschränkung: "wenn es nur nicht gegen Gott ist." — So ist der Arbeitsplan, die Unterrichtszeit und alles, was zur Erziehung gehört, vom Könige wohlweislich eingeteilt und bis auf die Minute festgelegt. Besonders ermahnt der König die Erzieher noch, daß man den Prinzen dazu anhalten solle, "daß er hurtig aus und in die Kleider komme, sich selbst aus- und anziehen lerne, daß er sich propre (richtig) wasche und reinlich werde und niemals schmutzig sei."

So sorgfältig wie die Erziehung überwachte der König auch die Haushaltung seines jungen Prinzen. Um jene Zeit erhielt der Kronprinz jährlich 360 Taler, nach unserem Gelde also etwa 1200 Mark, um seine Ausgaben zu bestreiten, aber jeden Groschen wünschte der König genau aufgeschrieben zu sehen und diese Rechnung mußte der König am Schlusse jedes Monats pünktlich vorgelegt werden. Da finden wir in solcher Monatsrechnung folgende Angaben: Bor zwei Farbenschachteln.... 16 Groschen. — Bor sechs Pfund Puder (für den Zopf) ....12 Groschen. — Bor Stiblettenknöpfe ..... 2 Groschen. — Bor 12 Ellen Zopfhand.... 1 Taler und 6 Groschen. — Bor Schnur zur Peitsche.... 4 Groschen. — Bor die Königlichen Knechte zu Bier ..... 4 Groschen. — Bor ein Rotkehlchen .... 4 Groschen. — Bor die Schuh auf Leisten zu schlagen..... 1 Groschen. — Unter dieser Rechnung steht von des Königs eigener Hand bemerkt: "Wann meine Lakaien, Kutscher und Knechte aufwarten, so sollen sie nichts davor bekommen, denn ich sie davor bezahle. Denn Fritz und ich ist einerlei; sonst bin ich mit der guten Haushaltung sehr zufrieden."

So tat der König Friedrich Wilhelm alles, um seinen Prinzen zu einem Könige zu erziehen, wie er selbst einer war, zu einem arbeitsamen, tüchtigen Manne, wohl unterrichtet in allen praktischen Dingen des Lebens und stramm als Soldat. In der Tat zeigte der Prinz um jene Zeit auch das natürliche Interesse eines Knaben am Soldatenspielen, und wenn der König ab und zu aufbrauste und über mangelnde Propretät (Sauberkeit) im Anzug zornig ward, so ging es doch im großen und ganzen gut. Mancher allerdings war in der Umgebung des königlichen Hofes, dem die Erziehung des Kronprinzen allzu straff schien. Graf Seckendorf, der Gesandte des Wiener Kaiserhofes, welcher eine besondere Vertrauensstellung zu König Friedrich Wilhelm hatte, meinte zweifelnd: "Ob der König schon den Prinzen herzlich liebt, so ermüdet er ihn dennoch mit Frühaufstehen und Strapazen den ganzen Tag dergestalt, daß er bei seinen jungen Jahren so ältlich und steif aussieht, als ob er schon viele Feldzüge mitgemacht hätte."

Aber dann, als gewisse Neigungen des jungen Friedrich gar zu sehr von den Grundsätzen des Vaters abwichen, kam es zu einem schlimmen Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn. Der Prinz zeigte lebhafte Hinneigung zu französischen Büchern. Er liebte es, sein Haar nach der Mode der Franzosen zu frisieren, trug, wenn der Waffendienst ihm Muße ließ, französische Kleider, Schlafröcke aus blauem Samt und dergleichen und liebte das Flötenspiel, da ihm eine große musikalische Begabung angeboren war. Von alledem wollte der König nichts wissen. Friedrich Wilhelm fühlte sich durch und durch als deutscher Fürst und haßte alle französischen Sitten, gewiß mit guten Grunde, denn es ging an den Höfen Deutschlands, wo man dem französischen Wesen Tür und Tor öffnete, schlimm genug zu. So kann man es nur begreifen, das Friedrich Wilhelm seinen jungen Sohn mit Gewalt davon abhalten wollte, jenem französischen, von ihm als schlaff und bequem gefürchteten, Wesen sich hinzugeben. Es ist kein Zweifel, das Kronprinz Friedrich, je älter er wurde, desto mehr gerade an geistiger Beschäftigung, an der Musik, an geistreicher Unterhaltung seine Lust fand und den militärischen Neigungen seines Vaters gegenüber Gleichgültigkeit, ja sogar Abneigung bezeigte.

Die körperlichen Übungen, Reiten, Schießen, Jagen vernachlässigte er gegenüber dem Lesen französischer Werke, dem geliebten Flötenspiel und anderen Zerstreuungen. Man klagte dem Könige gegenüber auch, daß Friedrich nicht die religiöse Gesinnung zeigte, die sein Vater ihm durch die vielen Religionsübungen, die er angeordnet hatte, einzuflößen gedachte. Je mehr sich Friedrich dem Vater entfremdete, desto mehr nahm sich seine Mutter Sophie Dorothee seiner an. Sie hatte als die Tochter des Kurfürsten von Hannover eine sehr gute französische Bildung genossen (die Bildung der höherstehenden Kreise und besonders der Höfe war damals allgemein französisch) und fühlte sich selbst an dem soldatischeinfachen preußischen Hofe nicht besonders glücklich. Zwar liebte König Friedrich Wilhelm seine Sophie, die er im Familienkreise sein "Fiechen" zu nennen pflegte, von ganzem Herzen. Aber um so bitterer mochte der heißblütige Mann es empfinden, daß die Mutter seiner Kinder sich in Erziehungsfragen nur zu häufig auf die Seite ihres Sohnes stellte.

Bald spielte auch eine Heiratsgeschichte hinein. Der Bruder der Königin, König Georg II. von England, hatte ziemlich gleichaltrige Kinder wie seine Schwester, und nun wünschte die Königin von Herzen, daß die preußischen Königskinder sich mit dem Prinzen und der Prinzessin von England, diesem reichen und mächtigen Staate, wechselseitig verheiraten möchten. Auf der anderen Seite wollte der König seine Zustimmung nicht geben, und es waren hier der österreichische Graf Seckendorf und der erste Minister des Königs, General von Grumbkow, welche Friedrich Wilhelm von dieser englischen Heirat abrieten. Denn der österreichische Kaiserhof wünschte eine solche Verbindung aus politischen Gründen nicht. Natürlich waren auch schlechte Menschen genug da, welche manche leichtsinnig gesprochenen Worte des Kronprinzen auffingen und dem Vater hinterbrachten. Solche widerwärtige Gebärdenspäher und Geschichtsträger trugen natürlich durch ihre Maulwurfsarbeit viel dazu bei, das Verhältnis zwischen Vater und Sohn vollends zu untergraben.

"Man kann sich kaum einen Begriff von den niederträchtigen Streichen machen," schrieb in jener Zeit der englische Gesandte, "deren man sich bedient, um den Vater gegen den Sohn aufzubringen." Ja es kam so weit, daß sich Vater und Sohn möglichst aus dem Wege gingen, daß sie, im Jagdschloß Wusterhausen unter einem Dache lebend, nur noch brieflich miteinander verkehrten, um Zusammenstöße zu vermeiden. In jener Zeit redete man Friedrich zu, seinem Vater einen Brief zu schreiben, in welchem er um Verzeihung bitten solle. Der Prinz verstand sich dazu und schrieb einen solchen Brief, den er mit den Worten schloß: "Hätte ich wider meinen Willen und Wissen getan, was meinen Lieben Papa den grausamen Haß, den ich aus all seinem Tun genug habe wahrnehmen können, werde fahren lassen." Aber der Vater zürnte und es mochte auch der Brief des Sohnes doch nicht den rechten Ton der Demut und Beugung vor dem väterlichen Willen getroffen haben.

Hier ist die Antwort Friedrich Wilhelms an seinen Prinzen, die uns ein Bild gibt, welche Klagen über seinen Prinzen der König hatte und wie schwer erzürnt er war. "Sein eigensinniger böser Kopf," heißt es da, "der nicht seinen Vater liebet, denn wenn man alles tut, was der Vater will und seinen Vater liebet, so tut man, was er haben will, nicht wenn er dabei steht, sondern dann, wenn er nicht alles sieht. Zum andern aber weiß Er wohl, daß ich keinen schlaffen Kerl leiden kann, der sich schämt, nicht reiten noch schießen kann und dabei malpropre an seinem Leibe ist, seine Haare wie ein Narr sich frisiert und nicht verschneidet, obgleich Ich das alles tausendmal befohlen, aber es ist alles umsonst und in nichts Besserung. Zum andern ist Er hoffärtig, recht bauernstolz, der mit keinem Menschen spricht als mit Welschen (Franzosen) und mit dem Gesichte Grimassen schneidet, als wenn er ein Narr wäre, und in Nichts Meinen Wille tut, als wozu Er mit Strenge angehalten wird, aber nichts aus Liebe und der zu allem nicht Lust hat, als seinen eigenen Kopf zu folgen, so daß alles nichts nutze ist. Dieses ist die Antwort." Gewiß einbitterer, strenger Brief. Aber man darf nicht vergessen, daß Friedrich Wilhelm es gut und väterlich meinte. So hoch stand dem Könige die Pflicht, seinen Prinzen so zu erziehen, wie es Staat und Heer verlangte, daß sie ihm unabweisbar schien.

Und wieder begegnen wir tiefen Zügen väterliche Liebe. Da ist eine Briefstelle an den Fürsten von Dessau, in der es heißt: "Mein ältester Sohn ist sehr krank. Es ist wie eine Auszehrung. Sie können sich denken, wie Mir zu Mute ist. So lange die Kinder gesund sind, weiß man nicht, daß man sie lieb hat." — Ein andermal mußte der Prinz dem Könige gestehen, daß er eine Schuldensumme von 7 000 Talern habe. Wohl mochte dem sparsamen Vater die Bezahlung einer solchen Summe sehr schwer werden. Aber der König bezahlte sie stillschweigend. "An dem Gelde," erklärte er, "sei ihm ein Dreck gelegen, wofern der Prinz nur seine Aufführung ändern wolle und ein ehrliches Herz zeigen. Sobald er dem Könige ein Wort sage, solle es ihm an Geld nie fehlen." — Bei einer Festtafel in Wusterhausen kam es einst zu einer schönen Versöhnungsszene. Der Prinz fiel bewegt seinem Vater zu Füßen, ergriff die Hand des Königs und küßte sie heftig. Friedrich Wilhelm war tief ergriffen. "Schon gut, schon gut," sagte er, "werde nur ein ehrlicher Kerl." Und selten hat man den König so froh und erleichtert gesehen wie an jenem Abend im Tabakskollegium.

Leider hielt die Versöhnung nicht lange vor. Und als Kronprinz Friedrich älter wurde, kam es zu immer stürmischeren Szenen zwischen Vater und Sohn. Der Jähzorn König Friedrich Wilhelms stieg oft so hoch, daß er seinen Prinzen körperlich mißhandelte. Bei einem Manöverversuche am sächsischen Königshofe kam es wieder zu einem schweren Konflikt. In jenem Lustlager von Mühlberg," sagt der große Geschichtsschreiber Leopold von ranke, " wo die Augen so vieler Fremden sich auf ihn richteten, ward der Kronprinz wie ein ungehorsamer Knabe sogar einmal körperlich mißhandelt, eben damit er fühlen solle, daß man ihn für nichts Besseres halte. Der aufgebrachte König, der die Folgen seiner Worte niemals erwog, fügte der Mißhandlung noch den Schimpf hinzu. Er sagte:"Wäre er von seinem Vater so behandelt worden, so hätte er sich totgeschossen, aber Friedrich habe keine Ehre, er lasse sich alles gefallen." — Diese väterliche Zornestat schlug dem Faß den Boden aus. Von jenem Augenblicke an trug sich der Kronprinz ernstlich mit Fluchtgedanken, die er allerdings schon früher gehegt hatte. Der Kronprinz verabredete sich mit einigen seiner Freunde, dem Leutnant von Katte von den königlichen Gendarmen und den Brüdern Keith — der eine war Page, der andere Leutnant in Wesel — zur Flucht.

Auf einer Reise nach Süddeutschland, die der König Mitte Juni 1730 antrat, und auf welcher der Kronprinz, ihn begleiten sollte, wollen die jungen Leute die Flucht zur Ausführung bringen. Im Dorfe Steinsfurth, nahe Mannheim, übernachtete die Reisegesellschaft in zwei Scheunen, da Friedrich Wilhelm gerade solche einfach soldatischen Reisequartiere liebten. Unterwegs, schon in Stuttgart, hatte sich Friedrich bei günstiger Gelegenheit einen roten Reiserock arbeiten lassen. Dieser zog er in jener Nacht an, nachdem er sich früh zwischen 2 und 3 Uhr von seinem Lager erhoben hatte, während der Page Keith die Pferde herbeischaffen sollte. Der Prinz gedachte über den Rhein nach Frankreich zu fliehen und dort Zuflucht zu suchen. Indessen hatte der Oberstleutnant von Rochow, des Prinzen militärischer Begleiter, dem Kammerdiener Gummersbach dringend empfohlen, auf seine Königliche Hoheit wachsam zu sein. Der Kammerdiener fragte den Prinzen, was er vorhabe. "Ich will aufstehen," sagte Friedrich, "was geht es Dich an."

Der besorgte Mann schickt einen Jäger zu dem Oberstleutnant und bald ist Rochow, der Tag und Nacht aus den Kleidern nicht herauskommt, zur Stelle. Auch andere Generale kommen hinzu. Die Flucht wird vereitelt. Zwar schweigen die Herren dem Könige gegenüber, aber nach einem Kirchenbesuch in Mannheim wirft sich der Page Keith in tiefer Reue dem König zu Füßen und gesteht alles. Des Königs Zorn ist furchtbar. Er läßt den Prinzen unter scharfer Bewachung den Rhein hinunter bringen nach Wesel und hier kommt es zu einer Szene zwischen Vater und Sohn, die so bedrohlich wird, daß sich der alte Generalmajor von Mosel, der Kommandant der Festung Wesel, zwischen die beiden wirft. Der Leutnant Keith ist aus Wesel flüchtig geworden und nicht mehr einzufangen. Der Leutnant von Katte wird in Berlin stracks verhaftet. Und nun wird Kronprinz Friedrich wie ein hoher Staatsverbrecher gefährlichster Art quer durch Deutschland nach Küstrin gebracht. Der königliche Vater leidet unendlich. Er glaubt sich von aller Welt verraten, von Ränken und Komplotten umsponnen. Er glaubt, daß England und Frankreich mit dem Prinzen gegen ihn im Bunde seien, und doch ist das Ganze schließlich nichts weiter, als ein unüberlegter Jugendstreich eines schwer gekränkten jungen Prinzen, der die väterliche Behandlung nicht mehr ertragen zu können glaubte.

In Küstrin war der Kronprinz nichts als "der Arrestant Friedrich". Sein Degen, sein Portepee waren ihm genommen, die Uniform mußte er ausziehen. Der Kommandant von Küstrin, General von Lepel, bekam strenge Befehle vom König, wie die Haft eingerichtet werden solle. Die feste Tür des Gefangenenzimmers wurde noch besonders mit schweren Schlössern und Riegeln versehen. Ein Doppelposten stand an der Tür, Gewehr bei Fuß. Der wachthabende Offizier befand sich im Vorzimmer. Wenn dem Prinzen morgens das Waschwasser gereicht wurde, mußten zwei Offiziere zugegen sein. Ebenso mittags beim Essen, welches der Prinz geschnitten empfing, ohne Messer und Gabel, nur mit einem Löffel dabei. Ein Kalfaktor von der Wache besorgte die Aufwartung. Waren die Mahlzeiten beendet, so durfte niemand länger im Zimmer weilen als vier Minuten. Keine Frage des Prinzen durfte beantwortet werden.

König Friedrich Wilhelm selbst ordnete die Fragestellung bei der Untersuchung gegen den Kronprinzen und seiner Helfer ausführlich an. In dem Protokoll, welches der König beantwortet zu haben wünschte, standen 185 Fragen. In Küstrin trat die Kommission zusammen, vor welcher sich der Prinz zu verantworten hatte. Seine Haltung, so wird uns von Zeitgenossen berichtet, war bewundernswert, seine Geistesgegenwart unübertroffen. Der König wollte durch die Fragestellung aus dem "bösen Friedrich" jedes kleinste Geheimnis herausholen. Aber mit freier Stirn und kluger Antwort stand dieser achtzehnjährige Prinz vor den gereiften Männern, kein Wort zu viel, keins zu wenig kam über seine Lippen. Am Schlusse nach dieser ermüdenden Verhör kamen die Hauptfragen. "Was er wohl verdiene und welch einer Strafe er gewärtig sei?" Worauf der Prinz: "ich unterwerfe mich der Gnade und dem Willen des Königs." — "Was denn ein Mensch verdiene, der seine Ehre breche und Komplotte zur Desertion macht?" Der Prinz: "ich glaube nicht, gegen meine Ehre gehandelt zu haben." — "Ob er verdiene, Landesherr zu werden?" Der Prinz: "Ich kann mein eigener Richter nicht sein." — "Ob er sein Leben wolle geschenkt haben oder nicht?" Der Prinz: "Ich unterwerfe mich des Königs Gnade und Willen." Und dann kam ein herzergreifendes Wort von den jungen Lippen: "Es sei," sagte Kronprinz Friedrich, "ein großer Fehler von ihm, den er begangen, daß er keine Geduld gehabt habe, aber man müsse doch das seiner Jugend mit zuschreiben."

Indes der König zürnte schwer. Er setzte ein Kriegsgericht ein über die Schuldigen. Das Kriegsgericht trat in dem alten, grauen Schlosse zu Köpenick zusammen. Drei Generalleutnants, drei Obersten, drei Oberstleutnants, drei Majors und drei Kapitäne unter dem Vorsitze des alten frommen Generals Achaz von der Schulenburg. Das Kriegsgericht lehnte einstimmig jeden Eingriff in die königliche Gewalt und jedes Gericht über den Kronprinzen und zukünftigen Landesherrn ab. "Es käme," erklärten die Richter, "Untertanen nicht zu , über den Sohn ihres Königs zu richten." Dagegen wurde über die Mitwisser und Genossen gerechter Spruch gefällt. Der aus Wesel entflohene Leutnant von Keith wurde wegen vollendeter Desertion zum Galgen verurteilt und, da er selbst nicht zu haben war, im Bilde zu Wesel gehängt. Zwei andere Leutnants, die in irgend einer Weise verwickelt waren, wurden kassiert und mit Festung bestraft. Den Leutnant von Katte verurteilte die Hälfte der Richter zum Tode durch das Schwert, die andere Hälfte zu lebenslänglichem Gefängnis. Das mildere Urteil galt. Es wurde dem König eingereicht. Aber Friedrich Wilhelm sandte zornig die Akten zurück und befahl ein anderes Urteil über Katte. "Sie sollen Recht sprechen," ließ er den Richtern sagen, "und nicht mit dem Flederwisch darüber gehen." Und hier erhalten wir ein schönes Bild von jenen alten ehrenhaften Männern altpreußischer Schule. Sie saßen zum zweiten Male zu Gericht und ihr Spruch blieb derselbe. Der alte General Achaz von der Schulenburg schrieb an den Rand der königlichen Kabinettsorder das Bibelwort aus den Büchern der Chronika: "Gehet zu, was Ihr tut, denn Ihr haltet das Gericht nicht den Menschen, sondern dem Herrn."

Aber König Friedrich Wilhelms Ansicht war der seines Generals entgegen. Er hielt das Verbrechen Kattes für ein Majetätsverbrechen und verurteilte ihn aus königlichen Recht zum Tode durch das Schwert. "Wenn das Kriegsgericht," so schrieb der König, "dem Katte das Urteil mitteilt, so soll ihm gesagt werden, daß es Seiner Königlichen Majestät leid um ihn täte, aber es wäre besser, daß er stürbe, als daß die Gerechtigkeit aus der Welt käme."

In der Frühe des 6. November erst erhielt Kronprinz Friedrich in seinem Gefängnis von zwei Offizieren die Nachricht, daß die Hinrichtung Kattes beschlossen sei und daß sie auf Befehl des Königs vor den Fenstern des Kronprinzen stattfinden sollte. "Was bringen Sie mir für eine böse Zeitung," schrie Friedrich in tiefster Seele getroffen auf, "Herr Jesus, bringen Sie mich doch lieber ums Leben!" — Aber hier konnte niemand etwas helfen. Den hätte der königliche Zorn zermalmt, der zwischen ihn und den Todgeweihten getreten wäre. Als der dumpfe Trommelklang anzeigte, daß Katte zu Tode schritt, trat Friedrich ans Fenster. Schon stand der geliebte Freund im Kreis der Soldaten. Vor ihm der Oberauditeur, der das Urteil verlas, etwas abseits im roten Mantel, dessen Falten das Richtschwert bargen, der Scharfrichter. Der erschütterte Kronprinz warf dem freunde Kußhände zu und rief laut schreiend: "Pardonnez moi, mon cher Katte!" "Verzeihe mir, mein teurer Katte!" worauf Katte zurückrief : "La mort est douce pour un si aimable prince!" "Der Tod ist süß für einen so liebenswürdigen Prinzen!" Bis zur letzten Minute hoffte man auf einen königlichen Gnadenerlaß. Er traf nicht ein.

Das Haupt Kattes fiel. Kronprinz Friedrich sank den Offizieren, die bei ihm waren, ohnmächtig in die Arme. Wieder zu sich gekommen, war Friedrich während des ganzen Tages nicht vom Fenster wegzubringen. Er starrte fortwährend auf jene Stelle, wo Kattes toter Körper mit einem schwarzen Tuch bedeckt lag. Endlich kamen einige Küstriner Bürger, die den Toten in einen Sarg legten. Der Prinz lag während der Nacht in wilden Phantasien. Als der blasse Morgen anbrach, setzte er sich aufrecht und sagte, vor sich hinstarrend: "Der König meint wohl, er habe mir Katte genommen, ich sehe ihn aber vor meinen Augen stehen."

So war ein furchtbar strenges Gericht über Friedrich hereingebrochen. Ein Gericht, daß seine Seele bis in die Tiefen erschüttern mußte. Der Feldprediger Müller von den Berliner Gendarmen, ein aufrechter, wackerer Mann, blieb noch etliche Tage in Küstrin und unterhielt sich viel mit dem Prinzen. Er überbrachte auch Kattes letzte Aufzeichnungen an Friedrich, in welchen der Gerichtete seinen kronprinzlichen Freund beschwor, sein Herz Gott zu ergeben und dem Könige nicht zu grollen und zu glauben, das Katte die Schuld an seinem Tode nicht ihm beimesse.

Bevor der Kronprinz sein Gefängnis verlassen durfte, verlangte der König einen besonderen Eid von ihm des Wortlauts: "Daß er wolle streng und gehorsamlich dem Willen des Königs nachleben und in allen Stücken tun, was einem getreuen Diener, Untertan und Sohn zukomme und gebühre, wofern er aber wieder umschlüge und auf die alten Sprünge kommen würde, sollte er der Krone, der Kurwürde und der Thronfolge verlustig sein." — Der Kronprinz wurde von nun an auf der Kriegs- und Domänenkammer in Küstrin beschäftigt, um die innere Verwaltung kennen zu lernen. Der sehr tüchtige Präsident von Münchow und der treffliche Kammerdirektor Hille wurden seine Lehrmeister. Friedrich zeigte einen in jeder Beziehung großen Eifer, vorwärts zu kommen, aber noch blieb ihm viel verboten. Er durfte keine Briefe schreiben, bis auf solche an den König und die Königin, in jedem Monat einen. Er durfte weder Musik treiben noch solche anhören. Er durfte nie über Politik sprechen. Zum Lesen wurden ihm nur erlaubt: die Bibel, das Gesangbuch und ein frommes Andachtsbuch. Der König war der Meinung, daß die vielen französischen Bücher, die sich in Friedrichs Bibliothek vorfanden, schlecht auf seinen Prinzen eingewirkt hätten. Im übrigen wünschte er, daß sich sein Kronprinz aus den Kammergeschäften davon überzeuge: "daß kein Staat bestehen könne ohne Wirtschaft und gute Verfassung und daß unstreitig das Wohl des Landes davon abhinge, daß der Landesvater selbst alles verstehe und ein guter Wirt sei, denn sonst, wenn dies nicht geschehe, bliebe das Land den Günstlingen und Premierministern zur Verfügung, welche den Vorteil davon hätten und alle Sachen in Unordnung brächten."

Ein ganzes Jahr währte es, bis sich der König entschloß, sein Vaterauge wieder auf dem "Bösewicht Fritz" ruhen zu lassen. Endlich, am 15. August 1731, am Geburtstage des Königs, kam Friedrich Wilhelm nach Küstrin und ließ seinen Sohn vor sich kommen. Der König fand tief zu Herzen gehende Worte für dieses Wiedersehen, obgleich er mit strenge sprach. "Ihr habt gemeint, mein Kerl, mit Eurem Eigensinn durchzukommen, aber höret, wenn Ihr auch 60 und 70 Jahre alt wäret, so solltet Ihr mir doch nichts vorschreiben!" Dann aber hielt er seinem Prinzen vor, wie er als Vater doch zeitlebens alles getan, um das Herz seines Sohnes zu gewinnen und wie er nicht einmal seine Freundschaft habe erwerben können. Hier war es, wo Kronprinz Friedrich zum erstenmal den warmen Schlag des Vaterherzens empfand, wo er spürte, daß neben harter Strenge doch auch viel Sorge und Liebe für ihn in diesem Herzen wohne. "Ich hatte bisher wahrlich nie geglaubt," sagte Friedrich, "daß mein Vater die geringste Regung von Liebe für mich hätte."

Aber noch mußte Kronprinz Fritz einige Monate in Küstrin bleiben und fleißig arbeiten. Diese Küstriner Zeit ist später für den König Friedrich von großer Wichtigkeit gewesen. Sein heller Geist gewann tiefe Einblicke in die Verwaltung des Staates, und er lernte zuerst in Küstrin die Tüchtigkeit und den Erfolg der unermüdlichen Arbeit seines Vaters erkennen. Endlich, Ende November, führte der König der Mutter und Schwester den Sohn wieder zu. Es war auf Wilhelminens Hochzeit mit dem Erbprinzen von Bayreuth, als Friedrich aus seiner Küstriner Dunkelheit plötzlich in dem hell erleuchteten Festsaal erschien. "Seht Ihr, Madame," sagte der König zu seiner Frau, "da ist nun der Fritz wieder." Natürlich gab dies plötzliche Erscheinen eine erregte Szene ab. Die königliche Mutter konnte sich kaum fassen. Schwester Wilhelmine "war wie närrisch, weinte, lachte und schwatzte das verworrenste Zeug." Uns als auch der König die weiche Seite zeigte und weinend nach seinem Taschentuch griff, war bald ein allgemeines Schluchzen und Weinen. — Kronprinz Friedrich kehrte dann nach Küstrin zurück und der König trachtete nun, seinen Prinzen, um den englischen Heiratsplänen ein für allemal ein Ende zu machen, zu verheiraten. Auch in dieser so ernsten Frage mußte der Kronprinz seinem Vater unbedingt gehorchen. Die Prinzessin Elisabeth Christine von Braunschweig Bevern war es, auf welche die Wahl des Königs gefallen war. Friedrich gab ohne Murren nach, obgleich er sich innerlich tief unglücklich fühlte. "Ich habe keine Abneigung gegen die Prinzessin," sagte er einem Vertrauten, "sie ist ein gutes Herz und ich will ihr nichts Böses, aber ich werde sie nie lieben können!"

König Friedrich Wilhelm zeigte sich seinem gehorsamen Sohne gnädig. Er übergab ihm als Oberst die Führung des 15. Regiments zu Nauen und Ruppin, allerdings mit dem straffen königlichen Befehl, der Prinz solle dafür sorgen, "daß sein Regiment kein Salatregiment würde." In der Tat hat Friedrich die Pflichten, die ihm als Oberst erwuchsen, mit großer Tatkraft und Treue erfüllt. "Wir exerzieren hier tüchtig," schrieb er an einen Vertrauten, "denn neue Besen kehren gut und ich muß doch in meiner neuen Würde zeigen, daß ich ein tüchtiger Offizier bin."

Am 12. Juni 1733 fand zu Salzdahlum in Braunschweig die Hochzeit des Kronprinzenpaares statt. Mochte nur auch Kronprinz Friedrich keine Liebe zu seiner Braut hegen, es ist gewiß, daß die Prinzessin Elisabeth Christine ihrem geistig weit höher stehend Gemahl Liebe und Zuneigung, ja förmlich Ehrfurcht in hohem Maße entgegenbrachte, und der Kronprinz war zu gerecht, um nicht das, was ihm seine junge Frau sein wollte, zu erkennen. "Ich müßte der niedrigste Mensch auf dem Erdboden sein," hat er später geäußert, "wenn ich meine Frau nicht aufrichtig hochschätzen wollte, denn sie ist das sanfteste Gemüt, so gelehrig wie sich nur denken läßt und gefällig bis zum äußersten, so daß sie mir alles an den Augen absieht, womit sie denkt, mir Freude machen zu können."

Das Jahr 1734 führte den Kronprinzen Friedrich in das Feldlager des Prinzen Eugen von Savoyen, dem in dem Liede "Prinz Eugen, der edle Ritter" viel Besungenen. Um die Thronfolge in Polen war ein Krieg zwischen Frankreich und Österreich ausgebrochen, Preußen stellte 10 000 Mann Hilfstruppen zu dem österreichischen Heer, das an den Rhein marschierte. Mit Lust folgte der Kronprinz dem Wunsche seines Vaters, die preußischen Truppen als Volontär zu begleiten. Allerdings der große Feldherr Prinz Eugen war damals schon 71 Jahre alt, und der Türkensieger von Zenta und Belgrad besaß nicht mehr das Feuer der Jugend; dennoch mochte der Prinz auf Friedrich einen unauslöschlichen Eindruck, und begeistert rief der junge Kronprinz aus: "Noch ein Schatten des Prinzen Eugen flößte den Feinden Ehrfurcht ein." — Aber Friedrich brachte aus dem Feldzug mehr heim, als nur die Bewunderung für den Prinzen Eugen. Sein Vater hatte ihm ausdrücklich befohlen, er solle sich stets an die alten Offiziere und Generale anschließen, solle bei jeder Rekognoszierung um den Führer sein und auf dessen Anordnungen achtgeben. Da konnte es bei den offenen Augen des Prinzen und seinem scharfen Verstande nicht fehlen, daß Friedrich vieles sah und lernte.

Vor allen Dingen nahm er hier das wahr, was er bisher nur im Frieden gesehen hatte, nämlich, daß die preußische Infanterie, welche unter dem Kommando des Fürsten Leopold von Anhalt Dessau stand, ausgezeichnet geschult war. Hier war strenge Disziplin und Manneszucht, während die Kaiserliche Armee eine bedenkliche Vernachlässigung zeigte. Friedrich faßte seine Beobachtungen in das Wort zusammen: "Solcher Feldzug ist eine Schule, in der man aus der Verwirrung und Unordnung, die in der österreichischen Armee herrscht, eine Lehre ziehen kann." — Bald genug sollte das Geschick es herbeiführen, daß Friedrich, selbst an der Spitze eine Heeres stehend, sich mit den österreichischen Truppen messen konnte. Inzwischen aber waren die drei Monate, die Friedrich im Feldlager stand, auch in anderer Beziehung für ihn von Wert. Er lernte den Felddienst im kleinen kennen: "Wie die Schuhe der Musketiere beschaffen sein sollten, wielange ein Soldat solche tragen konnte und wielange er damit in einer Kompagnie auskommen mußte, desgleichen von allen Kleinigkeiten, so zu den Soldaten gehörten, und so ferner bis zur hundertpfündigen Kanone, auch endlich bis zu dem großen Dienst und auch bis zu des Generalissimus Dispositionen."

Eine schwere Erkrankung des Vaters rief im Herbst den Sohn aus dem Feldlager zurück. Der arme König war von der Wassersucht am ganzen Leibe geschwollen. Er glaubte damals selbst an seinen Tod und nahm Gelegenheit, den Prinzen in die Staatsgeschäfte einzuführen, soweit ihm das bei seinem leidenden Zustand möglich war. "Fritzchen, Fritzchen!" pflegte er wohl zu sagen, "wenn Du es nicht recht wirst anfangen, und alles drunter und drüber gehen wird, so werde ich noch im Grabe über dich lachen." — Aber diesmal genas der König wieder, und es sollten noch einige Jahre darüber hingehen, bevor Friedrich auf den Thron berufen wurde.

Bis dahin hielt der Kronprinz Hof im Schlosse zu Rheinsberg, einem staatlichen Besitz, den der König ihm geschenkt hatte. Hier durfte sich Friedrich das Leben so einrichten, wie es ihm gefiel. Er sammelte eine Anzahl geistreicher, gelehrter, philosophisch veranlagter Freunde um sich und atmete nach so viel Stürmen, die sein junges Leben schon mit sich gebracht hatte, hier in der Stille des Rheinsberger Schlosses und seines Parkes auf. Ein Zeitgenosse schildert uns anschaulich das Leben in Rheinsberg. "Alle, die auf dem Schlosse wohnen, genießen die ungezwungenste Freiheit. Jeder denkt, liest, zeichnet, schreibt, spielt ein Instrument, ergötzt oder beschäftigt sich in seinem Zimmer bis zur Tafel. Dann kleidet man sich sauber, doch ohne Pracht und Verschwendung, und begibt sich in den Speisesaal. Alle Beschäftigungen und Vergnügungen des Kronprinzen verraten den mann von Geist. Sein Gespräch bei Tafel ist unvergleichlich. Er spricht viel und gut; es scheint, als wäre ihn kein Gegenstand zu fremd oder zu hoch. Über jeden findet er eine Menge neuer richtiger Bemerkungen. Er duldet den Widerspruch und versteht die Kunst, die guten Einfälle anderer zutage zu fördern. Er scherzt und neckt zuweilen, doch ohne Bitterkeit und ohne eine witzige Entgegnung übel aufzunehmen. Die Bibliothek des Prinzen ist allerliebst; sie ist in einem der Türme des Schlosses aufgestellt und hat die Aussicht auf den See und Garten. Sie enthält eine nicht zahlreiche, aber wohlgewählte Sammlung der besten französischen Bücher. Voltaires lebensgroßes Bild ist darin aufgehängt."

Diese feine Bibliothek bedeutete für den Kronprinzen sehr viel. Er stand früh um 4 Uhr bereits auf und saß dann gewöhnlich 6 Stunden lang und länger an seinem Arbeitstisch in dem runden Turmzimmer und las. Den Gänsekiel oder das Crayon hatte er stets zur Hand, um nachdenkliche Stellen anzustreichen oder Auszüge zu machen. Er pflegte die von der Lektüre befruchteten Gedanken sofort niederzuschreiben. So tief steckte der Prinz in seinen Studien, daß er kaum wußte, ob draußen die Sonne schien oder ob es regnete. "Auf der Hin- und Herreise zwischen meinem Arbeitszimmer und meiner Bücherei habe ich keine Gelegenheit, nach dem Wetter zu sehen," meinte er scherzend. Mit eisernem Fleiß war Friedrich bemüht, die Lücken seiner Bildung auszufüllen. Ernste und fruchtbringende Studien waren ihm die Hauptsache für den Tag. Er unterschied genau die nützlichen und die angenehmen Beschäftigungen. Zu den nützlichen zählte Friedrich das Studium der Philosophie, der Geschichte und Sprachen und gute Lektüre; zu den angenehmen gehörte eine lebhafte Tafel, Musik und Theaterspiel. Das Lesen wurde für den König zur Leidenschaft, aber es war ein denkendes Lesen, und bezeichnend ist die Frage, die später der alte Fritz an einem seiner Adjutanten tat: "Kann Er lesen?" Auf das verblüffte Aussehen des Adjutanten sagte der König kurz: "Merke Er wohl auf: Lesen heißt denken!"

Die Bildung Friedrichs war französisch. Die französische Sprache hatte er in seiner Kinderstube erlernt. Sie blieb ihm unentbehrlich wegen ihrer Eleganz, Feinheit und Kraft. Die deutsche Sprache erschien ihm holprig und schwerfällig. Damals stand die französische Literatur auf einer ganz anderen Stufe als die deutsche. Sie besaß einen größeren Reichtum, der allerdings durch die Reihen deutscher Dichter in den 150 Jahren, die seitdem verflossen sind, zehnfach überflügelt worden ist. Aber damals sah es um das deutsche Schrifttum noch schlimm aus. Dennoch verkannte Friedrich keineswegs die geistige Bedeutung seiner Landsleute. "Den Deutschen," so schrieb er, "fehlt es durchaus nicht an Geist, und die Natur hat ihnen einen gesunden Menschenverstand gegeben. Die Deutschen sind arbeitsam und tief, und wenn sie sich einmal mit einer Sachen befassen, so gehen sie darin auf; ihre Bücher aber sind von einer tödlichen Weitschweifigkeit. Wenn man ihnen ihre Schwerfälligkeit nehmen könnte, würde ich die Hoffnung nie aufgeben, daß meine Nation große Männer hervorbringen könnte." — Für Friedrich bestand die große Kunst der Schriftsteller darin, "es zu vermeiden, daß die Leser gähnten." Ein Wort, daß wir heute noch getrost unterschreiben können, denn wahrlich, kein Buch braucht langweilig zu sein; jeder Stoff läßt sich irgendwie fesselnd behandeln, und wenn das nicht so geschieht, wie es notwendig ist, so liegt dies allemal am Schreiber.

In jenen Tagen begann Friedrichs Briefwechsel mit den großen französischen Schriftsteller Voltaire, der seinerseits natürlich begierig auf solchen Briefwechsel einging und sich dem preußischen Kronprinzen gegenüber von der allerbesten Seite zeigte. Die Verehrung Friedrichs für den Schriftsteller Voltaire ist auch niemals erloschen. Den Menschen allerdings sollte Friedrich später von einer Seite kennen lernen, die durchaus nichts Verehrungswürdiges hatte.

So floß in ernsten und heiteren Stunden die Rheinsberger Zeit dahin. Es waren glückliche Tage für Friedrich, wie sie so glücklich ihm im Leben niemals wiederkehren sollten. Er hat damals, als er ein Jahr in Rheinsberg zugebracht hatte, die Worte gesprochen: "Wenn ich heute meine Grabschrift machen würde, so müßte sie lauten: Hier liegt Einer, der ein Jahr gelebt hat."

Sehr viel zum inneren Frieden des Kronprinzen und Sohnes trug es auch bei, daß das Verhältnis zu seinem Vater sich immer freundlicher gestaltete. Besonders, als der erste Rat des Königs, der Feldmarschall von Grumblow, aus dem Leben schied, schien das letzte Hemmnis zwischen Vater und Sohn gehoben. Besonders äußert sich das im Sommer 1739, als der König und sein Sohn gemeinsam durch Ostpreußen reisten. "Ich kann den König gar nicht genug rühmen," schrieb Friedrich bewegt an einen Vertrauten, "er ist so gegen mich, wie ich es mir immer gewünscht habe." — Und als er die gewaltige Arbeit erkannte, die sein tapferer Vater in Litauen geleistet hatte, brach bei Friedrich die Bewunderung für diesen Vater und König durch. Das Land war von der Pest entvölkert worden, Elend hatte überall geherrscht, bis König Friedrich Wilhelm eingriff. Begeistert schrieb Kronprinz Friedrich über diese Tat seines Vaters an Voltaire und schildert ihm, was der König hier in Litauen geleistet hatte. Eine Einöde war in ein blühendes Land gewandelt worden, und mehr als eine halbe Million Bewohner lebten in Litauen in blühenden Städten und Dörfern in Wohlstand, und alle dankten diese dem Könige. "Ich habe," heißt es am Schlusse des Briefes, "in der offenherzigen und freimütigen Art, derer sich der König bedient hat, diese Einöde fruchtbar und glücklich zu machen, etwas so heroisches gefunden, daß es mir schien, als müßten Sie von denselben Empfindungen erfüllt sein."

So klang mit den sinkenden Tagen des Königs das Verhältnis zu seinem Sohne in guter Harmonie aus. Längst hatte Friedrich Wilhelm erkannt, daß in diesem Sohne etwas Großes, Ungeahntes stecken müsse, und der Prinz hatte in seiner bedrängten Jugend gelernt, daß es in dieser Welt unmöglich sei, mit dem Kopfe gegen die Wand zu rennen, sondern daß Gehorsam sein mußte.

Im Frühjahr des Jahres 1740 mehrte sich die Krankheit des Königs, und man konnte ständig seinen Tod erwarten. Der arme Herr mußte furchtbar leiden. Er fand des Nachts keinen Schlaf mehr, die Atemnot nahm zu, die Wassersucht zeigte sich in ihrer schrecklichsten Form. Der König hatte sich, um doch mehr Natur um sich zu haben, in das Stadtschloß von Potsdam begeben, wo er den letzten Mai seines Lebens verbrachte. Am 30. Mai wurde Kronprinz Friedrich zu seinem sterbenden Vater gerufen. Er fand den König in einem Rollstuhle im Sonnenschein auf dem Schloßhofe sitzen und die Bauarbeiten an seinem Marstalle beobachten. Als der Prinz kam, schloß ihn der König in die Arme, während ringsum eine große Menge von Zuschauern tieferschüttert teilnahm. Stundenlang hat dann Friedrich Wilhelm mit seinem Sohne und seinem ersten Minister von Podewils über die Lage der Politik und den Staat gesprochen. Innerlich tief beruhigt, legte der Scheidende das Regiment in die Hände seines Sohnes. "Gott tut mir viel Gnade," sagte er zu den Generalen und Offizieren, die um ihn waren, "daß er mit einen so braven und würdigen Sohn gegeben hat."

So rege war dieser heldische König bis in seine letzten Stunden, daß er genau alles bestimmte, wie sein Begräbnis gehalten werden sollte. Er ließ auch seinen Sarg vor sich bringen, besah sich die Arbeit und war zufrieden und sagte: "In diesem Bette will ich recht ruhig schlafen." — Er bestimmte das Bataillon Garde, welches folgen sollte, "das Gewehr umgekehrt unter dem linken Arm," und die Pfeifer sollten die Melodie spielen: O Haupt voll Blut und Wunden..., ein Lied, dessen Text und Weise dem König von jeher gut gefiel. Drei Salven sollten seine Potsdamer Grenadiere über seinen Sarg abgeben, aber, so befahl der König, die Salve solle klappen und die Kerle sollten nicht "plackern", d.h. es sollte kein Schuß nachknattern, was Friedrich Wilhelm von jeher höchst verhaßt war.

Der letzte Tag des Mai endlich brachte das Ende. "Fühl' Er meinen Puls, Pietsch," sagte der König zu seinem Chirugen, "und sage Er mir, wie lange ich noch lebe." — Pietsch entgegnete: "Leider ist es bald aus, Ew. Majestät." — "Er soll nicht leider sagen," brummte der König, "woher weiß Er das überhaupt?" Der Chirug muß seine Ansicht begründen, so gut er kann. — Um 3 Uhr nachmittags tritt die erlösende Ohnmacht ein und das starke Herz hämmert dem letzten Schlag entgegen. "Mein Vater", sagte Friedrich von diesem Tode, "starb mit der Festigkeit eines Philosophen und der Ergebung eines Christen. Er bewahrte eine bewundernswerte Geistesgegenwart bis zum letzten Augenblicke seines Lebens, als Staatsmann seine Geschäfte ordnend, die Fortschritte seiner Krankheit verfolgend wie ein Arzt, und über den Tod triumphierend wie ein Held." —

Bei dem tiefen Gemütsleben des jungen Königs der nun an das Staatsruder trat, war es begreiflich, daß Friedrich sehr unter dem Tode des Vaters litt. Vom ersten Schmerz bewältigt, eilte der Sohn auf ein Zimmer und schloß sich ein. Aber schon pocht die Pflicht mit hartem Finger an. Der alte Fürst Leopold von Anhalt Dessau läßt sich melden, er muß nach Dessau abreisen. Der junge König kann sich dem alten General nicht versagen, und so tritt der tapfere Degen, das Schwert der preußischen Monarchie, zu seinem jungen König in das Zimmer. Aufgelöst in Tränen, wirft sich dem neuen Herrn zu Füßen. Er ist der erste, der dem König sein Beileid entgegenbringt und auch der erste, der andere Worte findet: Er bittet den König, ihn und seine Söhne in den Ämtern und Würden, die sie besitzen, zu belassen und bittet den König auch, die persönliche "Autorität", die sie unter dem toten König genossen haben, aufrecht zu erhalten. Dieses erste Gesuch , das an den schmerzbewegten Sohn gerichtet wird, will seine Antwort. Gewaltsam drängt Friedrich das Gefühl zurück. Seine helle blauen Augen richten sich auf den alten Fürsten, und dann kommt es knapp in wohllautender, schmiegsamer, heller Stimme von den Lippen des jungen Königs: "Ich werde versuchen, Ew. Durchlaucht in allem, was Ihnen Freude macht, zu willen zu sein, so weit ich es vermag. Ich werde auch weder an Ihre eigenen Ämter, noch an die ihrer Söhne rühren. Was aber die Autorität angeht, welche Sie besessen zu haben glauben, so ist mir davon nichts bekannt: Ich weiß als König von keiner Autorität, als der, die den König selbst innewohnt." — Das war eine Antwort, gegeben von einen jungen König, von dem man getrost sagen darf: jeder Zoll ein König. Friedrich wollte keinen Willen neben sich. Sein eigener Wille sollte gelten. "Er wollte keinen Hofmeister," wie er wenige Monate später dem alten Dessauer offen schrieb.

Das königliche Antlitz, das Friedrich dem alten Dessauer zeigte, bekamen am nächsten Tage in Berlin bei der Vereidigung auch seine Generale zu sehen. "Wir haben, meine Herren," sagte Friedrich, "unseren gemeinschaftlichen Herrn und König verloren. Wir müssen suchen, uns darüber zu trösten. Ich hoffe, Sie werden mir beistehen, die schöne Armee zu erhalten, welche Sie meinem Vater haben bilden helfen. Gegen einige von Ihnen liegen Klagen über Härte, Habsucht und Übermut vor. Stellen sie dieselben ab. Ein guter Soldat muß ebenso menschlich, wie vernünftig, als herzhaft und brav sein." — Mit klarem Wort stellte Friedrich auch seinen Ministern gegenüber seine Stellung als König zum Staate fest: "Ich denke, daß das Interesse des Landes mein eigenes ist, daß ich kein Interesse haben kann, welches nicht zugleich, das des Ganzen wäre. Sollten sich beide nicht mit einander vertragen, so soll der Vorteil des Landes stets den Vorzug haben." — Wahrlich ein königliches Wort, welches einzig dastand in einer Zeit, wo so viele deutsche und fremde Fürsten ihre hohe Stellung mißbrauchten und ihre Länder aussogen und ausplünderten.

Schon im ersten Monat der Regierung zeigte der König, wie hoch sein freier Geist über den Dingen stand. Mit einem Federstrich schaffte er die bis dahin im Gerichtswesen noch gebräuchliche Folter ab. Und dann kamen jene Verfügungen in Sachen der Religionen, welche noch heute über die Jahrhunderte hinwegleuchten: "Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, welche sie ausüben, ehrliche Leute sind." — Und das andere Wort, welches dieses erste gleichsam ergänzt: "Die Religionen müssen alle toleriert (geduldet) werden, und muß der Staat ein Auge darauf haben, daß keine der anderen Abbruch tue, denn hier muß jeder nach seiner Fasson selig werden können." Hier zeigt sich der königliche Geist, der weit über den Dingen und seiner Zeit stand. Ihm waren alle religiösen Bekenntnisse gleich geachtet, nur verlangte er von den Bekenner jeder Religion, daß er seine Pflicht als Staatsbürger gewissenhaft erfülle. Man muß bedenken, daß die Worte des Königs in eine Welt hinaustönten, in welcher es um die Duldsamkeit der religiösen Bekenntnisse zu einander noch arg stand, und man wird doppelt anerkennen, wie hoch die Bedeutung solcher freien Worte war.

Mit Wucht stürzte sich der König in die Arbeit. Im Sommer um 4 Uhr, im Winter um 5 Uhr begann sein Tagewerk, und dies ist durch die 46 Jahre seiner Regierung dauernd so beigeblieben. "Die Kürze des Tages," schrieb er bezeichnend an Voltaire, "da er mir 24 Stunden zu wenig zu haben scheint, bedaure ich. Ich arbeite mit beiden Händen, mit der einen für die Armee, mit der andern für das Volk und die schönen Künste." —

Jene aber irrten sich gewaltig, die da glaubten, daß nun ein goldenes Zeitalter der Wissenschaft und Kunst über Preußen heraufkommen werden. Wohl hat Friedrich während seiner ganzen Regierung, so viel es anging. Wissenschaft und Kunst gefördert, wohnte doch in ihm ein künstlerischer Geist ersten Ranges; aber die Staatsgeschäfte gingen unter allen Umständen vor. Friedrich verminderte sein Heer nicht etwa, nein, er vermehrte es. Er schuf alsbald 16 neue Bataillone in einer Stärke von 10 000 Mann und hielt alsdann 90- bis 100 000 Mann wohlgerüsteter und einexerzierter Truppen unter den Waffen. Wohl war das eine gewaltige Rüstung für ein Staat, der knapp zwei und eine Viertelmillion Einwohner hatte; aber das kleine Preußen war infolge seiner langgestreckten Lage ein in seinen Grenzen schwer zu verteidigender Staat, so daß es eine schwere Waffenrüstung trogen mußte. Und dies schlagfertige Heer, das sein Vater geschaffen, das Friedrich vermehrte und stählte, sollte nur zu bald seine ernsthafteste Verwendung finden. Friedrich war nicht gewillt, wie sein Vater es zeitlebens getan hatte, "mit gespanntem Hahn ständig auf der Wacht zu stehen, aber nie loszudrücken." Er war sich bewußt, daß die letztere Notwendigkeit einmal plötzlich eintreten konnte und er wollte ihr nicht aus dem Wege gehen, "denn" so sagte er, "es ist ein gewisser Grundsatz, daß es besser ist, zuvorzukommen, als sich zuvorzukommen zu lassen." —

Nur wenige Monate nach seiner Thronbesteigung trat diese Notwendigkeit für König Friedrich ein. Am 26. Oktober 1740 starb nahe Wien auf seinem Jagdschloß Favorite Kaiser Karl VI. Der Kaiser war der letzte männliche Sproß aus dem Stamme Habsburg und da das Erbrecht nur für die männliche Linie galt, so ließ Kaiser Karl VI. durch ein besonderes Hausgesetz seine Tochter Maria Theresia zur Erbin erklären. Dies Hausgesetz ließ er sich von den Großmächten und den deutschen Fürsten garantieren. Aber natürlich wurden an eine solche Garantie von allen Seiten Bedingungen geknüpft, und als der Kaiser dann nach unendlichen Mühen in dieser Sache zu früh starb, — er war kaum 56 Jahre alt, — erwies sich dieser Erbvertrag dennoch nur als ein Blatt Papier, das sehr bald von allen Seiten durchlöchert wurde.

König Friedrich von Preußen war ebenfalls entschlossen, für den fall des Todes des Kaisers Ansprüche geltend zu machen und zwar auf jene schlesischen Gebiete Liegnitz, Brieg und Wohlau, die einst seinem Hause durch Erbvertrag versprochen waren. Außerdem hatte zu Anfang des dreißigjährigen Krieges das Herzogtum Jägerndorf unter der Herrschaft eines hohenzollernschen Marktgrafen gestanden, der dann in Kriegszeiten von der österreichischen Macht von Land und Leute vertrieben worden war. Zweifellos fiel, nachdem jetzt die männliche Erbfolge im habsburgischen Hause erloschen war, das Erbe an den Mannesstamm der Hohenzollern zurück. Es war übrigens ein Erbhandel, der seit über hundert Jahren spielte. Der Große Kurfürst hatte stets Ansprüche auf diese schlesischen Lande gemacht, nicht minder sein Vater und nicht minder König Friedrich Wilhelm I. Jetzt war es an König Friedrich, seine Rechte auf Schlesien geltend zu machen, und der König, der sich selbst tagelang in diese alten Papiere und Erbdokumente vertiefte, war von seinem Rechte so fest überzeugt, daß er ebenso entschlossen war, kein Tüttelchen davon herzugeben.

Als daher am Nachmittag des 26. Oktober 1740 ein Kurier aus Wien mit der Botschaft vom Tode des Kaisers Karl in Rheinsberg eintraf, war Friedrich gleich bereit zu handeln. Er litt damals an einem Wechselfieber, das ihn sehr quälte. Aber er schüttelte das Fieber: "Ich werde meinem Fieber den Laufpaß geben, denn ich habe meine Maschine nötig." — Sofort ließ der König seinen Minister von Podewils und seinen General Graf Schwerin nach Rheinsberg kommen, um mit diesen beiden wichtigen Männern zu Rate zu gehen. Der General war von vornherein sehr bei der Sache, der Minister hingegen war bedenklich und machte Einwendungen. Indes beide stießen auf einen festen Entschluß des Königs, den dieser durchaus nicht ändern wollte. "Die Rechtsfrage," entgegnete der König seinem Minister, "ist Ihre Sache. Es ist Zeit, insgeheim daran zu arbeiten, denn die Befehle an die Truppen sind gegeben."

Die Rüstungen, die alsbald in ganz Preußen angestellt wurden, erregten die europäischen Großstaaten an allen Ecken und Enden. Von Frankreich kamen Gesandte, selbst Voltaire kam, unter dem Vorwande den König zu besuchen, im Grunde aber, um ihn auszukundschaften. Alle Diplomaten und Geschäftsträger steckten die Köpfe zusammen. Der Gesandte, der von Wien kam, um die Thronbesteigung der Königin Maria Theresia anzuzeigen, sah bereits allenthalben auf seinem Wege Truppenmärsche und Truppenversammlungen. Der alte Fürst von Dessau erlaubte sich, den König zu warnen. Er redete so dringend, daß der König später sagte: "Er würde mich eingeschüchtert haben, wäre mein Entschluß nicht von äußerster Festigkeit gewesen." Als der alte Feldmarschall sah, daß der König sich nicht zurückhalten ließ, bat er um ein Kommando. Aber Friedrich entgegnete ihm knapp und kurz: "Ich behalte mir die jetzige Unternehmung für mich allein vor, auf daß die Welt nicht glaube, der König von Preußen ziehe mit seinem Hofmeister zu Feld."

Österreich war schlecht gerüstet. Die vorhandene Truppenmacht war im ganzen Lande an den Grenzen von Mailand bis Brüssel verzettelt. In Schlesien standen im ganzen drei Bataillone und einige Grenadierkompagnien. So konnte der Marsch gegen Breslau nichts anderes sein als ein Siegesmarsch. Was sollten die Behörden, die dem Hause Österreich ihren Eid geschworen hatten, hier tun? Sitzen da in Grünberg Bürgermeister und Schöffen um den Ratstisch, während vor den Toren ein preußisches Regiment steht. Ein Leutnant erscheint in der Ratsstube und verlangt die Schlüssel. "Hier liegen die Schlüssel der Stadt," sagt der hochmögende Bürgermeister, auf den Tisch zeigend, "ich lehne es unter allen Umständen ab, sie Ihnen zu geben; wollen Sie sie sich aber nehmen, so kann ich es freilich nicht hindern."

Am 3. Januar 1741 hielt Friedrich seinen Einzug in Breslau. Die Bewohner der Stadt staunten über das schöne preußische Militär. "Lauter schöne, wohlqualifizierte, galantmontierte Leute," heißt es in einem zeitgenössischen Bericht, "die aller Augen mit Bewunderung auf sich zogen und bei unseren schlesischen Frauenzimmern starken Liebreiz erweckten." Gegen Ende Januar war ganz Schlesien in den Händen Friedrichs, mit Ausnahme einiger Festungen. Aber auch diese, Glogau, Brieg, Neiße, waren eingeschlossen. Der König ließ durch seinen Gesandten in Wien vorschlagen, ihm Schlesien gegen eine große Geldzahlung und andere Vorteile abzutreten. Aber die Königin Maria Theresia und ihr Gemahl, Herzog Franz von Lothringen, waren zu stolz, um nachzugeben. Es war eben eine Frage, wo beide Teile, König Friedrich sowohl wie die Königin Maria Theresia, in ihrem Recht zu sein glaubten. Solche Verhältnisse ergaben sich und ergeben sich ja noch heute oft in der Geschichte der Welt."Kehren Sie zurück zu Ihrem Herrn," lautete der Bescheid an Friedrichs Gesandten, "und sagen Sie ihm, daß, solange nur ein einziger seiner Soldaten noch in Schlesien steht, wir ihm kein Wort zu sagen haben."

So mußten in dieser Streitfrage um den Besitz der schönen Provinz Schlesien denn die Waffen entscheiden. Friedrich war entschlossen, sich selbst, wenn es sein mußte, aufs äußerste auszusetzen. Er schrieb damals seinem Minister Podewils die wahrhaft königlichen Worte: "Wenn Mir das Unglück zustoßen sollte, gefangen genommen zu werden, so befehle ich Ihnen und mache Sie mit Ihrem Kopf dafür verantwortlich, Meine während Meiner Gefangenschaft gegebenen Befehle nicht zu beachten und dafür zu sorgen, daß der Staat für Meine Befreiung keine unwürdige Handlung begehe; und Ich will und befehle für jeden Fall, daß man alsdann noch kräftiger handle. Ich bin nur König, wenn Ich frei bin."

Am 10. April 1741 kam es bei Mollwitz zur ersten Schlacht. Die österreichischen Reiterei zeigte sich der preußischen weit überlegen und es sah eine Zeitlang schlimm für den Sieg der preußischen Waffen aus. König Friedrich geriet in das dichteste Getümmel. Graf Schwerin beschwor den König, das Schlachtfeld zu verlassen. Fast wäre der König vor den Toren von Oppeln in die Hände österreichischer Husaren gefallen, nur die Schnelligkeit seines Schimmels rettete ihn. Inzwischen hatte sich auf dem Schlachtfelde das Glück gewendet. Die unerschütterliche Haltung und Feuerdisziplin der preußischen Infanterie hatten zum Siege geführt. "Unsere Infanterie," urteilte König Friedrich, "sind lauter Cäsars und die Offiziere davon lauter Helden, aber die Kavallerie ist nicht wert, daß sie der Teufel holt."

Der Sieg von Mollwitz erregte in ganz Europa großes Aufsehen. Frankreich bot dem König sein Bündnis an, England bot seine Vermittlung an. "Jeder sucht seinen Topf mit an unser Feuer zu stellen," meinte Minister Podewils. Friedrich durchschaute wohl die Bemühungen der Staatsmänner und erkannte ihren wahren Wert. "Die Rolle eines ehrlichen Mannes zu bewahren unter Schelmen," schrieb er seinem Minister "ist eine höchst gefährliche Sache, und sein sein mit Betrügern ist ein verzweifeltes Beginnen." Da aber Maria Theresia von Österreich die verzweifeltsten Anstrengungen machte, ihren Angreifer zu Boden zu werfen, nahm Friedrich die Hilfe Frankreichs an. "Wenn man aber nicht," erklärte der König "nachdrücklich, schnell und von allen Seiten zugleich angriffe, so könne man sich auf ihn verlassen wie auf das Laub im November. In der Tat meinten die Franzosen es unehrlich. Sie wollten nur ihren Nutzen daraus ziehen, daß die deutschen Fürsten sich gegenseitig zerfleischten. Ganz offen hieß es in Paris: "Wenn die Häuser Sachsen, Pfalz, Bayern und Brandenburg die Königin Maria Theresia rupfen, so fördern sie nur Frankreichs Vorteil, und Frankreich hat nicht zu fürchten, daß die Beute, unter sie verteilt, eines dieser Häuser beunruhigend vergrößert."

Friedrich war schließlich von neuem auf sich angewiesen und bei Chotusitz in Böhmen kam es am 17. Mai 1742 zu einer zweiten Schlacht, in welcher Friedrich den Prinzen Karl von Lothringen, Maria Theresiens Schwager, aufs Haupt schlug. Wieder war es die preußische Infanterie, die hier unverwelkliche Lorberen erntete. König Friedrich, der keineswegs die Absicht hatte, für Frankreich die Kastanien aus dem Feuer zu holen, war zum Frieden bereit und gewann im Vertrage vom 28. Juli 1742 die schöne Provinz Schlesien, die ihm als altes rechtmäßiges Erbe des Hauses Brandenburg galt. Der Staat gewann hierdurch 650 Quadratmeilen Landes und 1¼ Million Einwohner; um ein volles Drittel vergrößerte sich der Landbesitz des Königreichs Preußen. "Ich kehre in mein Vaterland zurück mit dem tröstlichen Gefühl, daß ich mir ihm gegenüber nichts vorzuwerfen habe!" durfte der König mit Stolz von sich sagen.

Während dieses Feldzuges hatte Friedrich, um den Einfluß der österreichischen Macht zu schwächen, es durchgesetzt, daß die deutsche Kaiserkrone an das bayerische Kurfürstenhaus kam und daß der Kurfürst Karl VII. von Bayern zum Kaiser gewählt wurde (4. Januar 1742). Bayern stand noch im Bunde mit Frankreich gegen Österreich in Waffen. Auch Kaiser Karl VII. glaubte berechtigte Ansprüche auf einen Teil des österreichischen Erbes, besonders auf Böhmen zu haben. Aber der Krieg ging für den Kaiser schlecht aus. Obgleich die bayerischen und französischen Truppen schon bis Wien und bis Prag vorgedrungen waren, wurden sie durch die energische Gegenwehr Österreichs wieder hinausgetrieben und ganz Bayern gelangte in die Hände der Österreicher. Friedrich mußte einsehen, daß der Kaiser, der hauptsächlich durch seinen Einfluß gewählt worden war, sich ohne seine Hilfe nicht werden behaupten können, zumal sich jetzt auch England auf seiten Österreichs gestellt hatte. "Ich kümmere mich nicht um das," rief Friedrich empört den englischen Gesandten zu, "was den Franzosen geschieht, aber ich kann nicht dulden, daß der deutsche Kaiser zugrunde gerichtet wird."

Außerdem konnte Friedrich sich nicht verhehlen, daß Maria Theresia, wenn sie mit Bayern und Frankreich fertig sei, einen neuen Waffengang um Schlesien wagen würde. Denn zu nahe war der hohen und stolzen Erzherzogin von Österreich der Verlust der blühenden Provinz gegangen. Sie konnte keinen Schlesier sehen, ohne in Tränen auszubrechen. König Friedrich sah ein, daß er die Gunst der Stunde wahrnehmen müsse, bevor man ihm zuvorkäme. Er schloß (5. Juni 1744) eine neues Bündnis mit Frankreich, dem sich auch Bayern anschloß, und ließ "zum Schutze des Kaisers und der deutschen Freiheit" 80 000 Mann seiner Armee als kaiserliche Hilfstruppen marschieren. — Während aber Friedrich in Böhmen stand und vergeblich die Österreicher zur Schlacht zu bringen suchte, starb (20. Januar 1745) der Kaiser Karl VII., für den er diesen zweiten schlesischen Krieg eigentlich angefangen hatte. Sein Sohn Max Josef schloß mit Österreich Frieden, verzichtete auf alle Ansprüche und versprach, dem Herzog Franz von Lothringen, Maria Theresiens Gemahl, seine Stimme bei der Kaiserwahl zu geben.

Jetzt stand König Friedrich ganz allein, denn die Franzosen führten den Krieg so schlaff, daß sie kaum den Rhein verteidigten. Der König mußte wegen Mangels an Lebensmitteln und Fourage seine Stellung in Böhmen aufgeben und nach Schlesien zurückgehen. Die Österreicher folgten ihm mit einem stattlichen Heere. Und schon erließ Maria Theresia eine Kundgebung an die Schlesier, in welcher sie dieselben ihres Gehorsams und Eides gegen den König von Preußen entband und sie aufforderte, unter das Szepter des Erzhauses zurückzukehren. Aber der König war entschlossen, keinen Schritt zu weichen. "Aus Schlesien kann ich mich so wenig herausschmeißen lassen als aus der Mark. Ich werde Schlesien verteidigen bis auf den Tod so gut wie Brandenburg. Entweder werde ich keinen Mann nach Berlin zurückführen oder wir werden siegreich sein." — Mit eiserner Tatkraft betrieb König Friedrich den Krieg. Als die österreichische Armee unter Karl von Lothringen aus den Gebirgspässen wie eine Wasserflut hervorbrach und gleichsam die ganze Gegend überschwemmte, stand Friedrich zum Schlagen bereit. Am Frühmorgen des 4. Juni 1745 gegen 4 Uhr begann die Schlacht von Hohenfriedberg. Und vier Stunden später hatte der König einen glänzenden Sieg errungen. "Die besten Alliierten, die wir haben," sagte der König "sind unsere eigenen Truppen," und setzte diesen Truppen in folgenden Worten ein leuchtendes Denkmal.:

"Ich habe Offiziere gesehen, die lieber starben als wichen; ich habe gesehen, wie sie und selbst die Gemeinen in ihrer Mitte keinen mehr dulden wollten, der Schwächeanwandlungen gezeigt hatte, von welchem man in anderen Heeren sicher kein Aufhebens machen würde; ich habe Offiziere und Soldaten gesehen, die schwer verwundet sich weigerten, ihren Platz zu verlassen und sich nach einen Verband umzusehen. Mit solchen Truppen würde man die ganze Welt bändigen!"

Aber Maria Theresia dachte dennoch nicht an Frieden. Ihr Gemahl Franz von Lothringen stand inzwischen vor der Kaiserwahl, die am 13. September 1745 erfolgte. Aber sie erklärte, die Kaiserkrone selbst sei ohne Schlesien nicht des Tragens wert. Sie wäre entschlossen, selbst wenn sie morgen Frieden machen würde, heute noch eine Schlacht zu wagen. Vierzehn Tage später (30. September) kam es in Böhmen zur Schlacht von Soor. Wie bei Hohenfriedberg war es auch hier die Kriegskunst des Königs und die über alles erhabene Tapferkeit seiner Truppen, die den Sieg gewann. Dankbar gestand Friedrich schlicht: "Ich hätte verdient, bei Soor geschlagen zu werden, wenn nicht die Geschicklichkeit meiner Generale und die Tapferkeit meiner Truppen mich davor bewahrt hätten." Aber noch immer kein Friede. Zwar durfte Friedrich getrost sein Minister Podewils schreiben: "Ich habe von meiner Seite getan, was menschenmöglich ist und was von mir abhängt, den Rest der Siege überlasse ich der Vorsehung. Und Sie werden mir bezeugen können, daß ich nichts vernachlässigt und mir nichts vorzuwerfen habe."

Die letzte Schlacht in diesem zweiten schlesischen Krieg gewann der alte Dessauer. Am 15. Dezember, einem klaren, hellen Wintertage, griff auf schneebedeckter Erde der alte Fürst seine Feinde bei Kesselsdorf an und gewann einen glänzenden Sieg. Es wird erzählt, daß er vor der Front seines Heeres, den Hut mit beiden Händen umklammernd, ein seltsames Gebet getan habe: "Gott möge ihm helfen und beistehen, oder wenn er das nicht wolle, so möge er doch wenigstens den verdammten Schurken von Feinden nicht beistehen, sondern ruhig zusehen, wie es ausginge." Und dann hatte er mit den Worten: "In Jesu Namen drauf!" den Befehl zum Angriff gegeben. — Am Weihnachtsmorgen 1745 wurde in Dresden der zweite Friede mit Österreich geschlossen, der dem König den Besitz Schlesiens sicherte. "Ich werde fortan keine Katze mehr angreifen," sagte Friedrich, "es sei denn, um mich zu verteidigen. Für mich liegt mehr wahrhafte Größe darin, für das Glück meiner Untertanen zu sorgen als für di Ruhe Europa."

Mit ehrlichem Herzen hat König Friedrich fortan den Frieden gewollt und es gelang ihm, denselben 11 Jahre lang aufrecht zu erhalten, bis ihm das Bündnis des halben Europa im siebenjährigen Krieg die Waffen wieder in die Hand zwang. Während dieser 11 Jahre konnte der König, der sich als Feldherr und Staatsmann so glänzend bewiesen hatte, in segensreicher Friedensarbeit wirken und sich als das zeigen, was er im Grunde nur sein wollte: als der erste Diener seines Staates. Alle Fäden des Staatswesens liefen schließlich in der Hand des Königs zusammen. So hatte sein Vater die Verwaltung errichtet und so behielt Friedrich sie bei. Er war der erste Mann am Ruder, er war der Präsident eine Reihe von Ministern.

Vor allem legte der König die bessernde Hand an eine der höchsten Einrichtungen im Staate, an die Rechtspflege. Gern erinnert sich Friedrich einer kleinen Geschichte dieses Inhaltes: Es war ein König des Altertums, dem einst ein armes Weib eine Beschwerde überreichte. Da fuhr der König das Weib an und gebot, ihn in Ruhe zu lassen. Das Weib aber sprach: "Wozu bist du den König, wenn du mir nicht mein Recht schaffen willst? — In einem sehr tüchtigen Manne, dem Kanzler Samuel von Cocceji fand Friedrich bei seiner Arbeit auf diesem Gebiete einen Gehilfen. Der König wünschte fortan eine kurze, schnelle Rechtspflege ohne große Kosten, ohne Verschleppung, die nur beherrscht wurde von Vernunft, vom Recht und Billigkeit, wie es das Beste des Landes und der Untertanen erfordert. Ein Prozeß sollte nicht länge dauern als ein Jahr. Diejenigen, die schon länger schwebten, wurden zu einem Ausgleich gebracht. Des Königs Kanzler räumte so in einem halben Jahr einige tausend Prozesse aus der Welt. Fortan war jeder Richter verpflichtet, "allen Menschen, ohne Ansehen der Person, Großen und Kleinen, Reichen und Armen, gleiche und unparteiische Justiz zu administrieren, so wie sie gedenken, solches vor dem gerechten Richterstuhle Gottes zu verantworten, damit die Seufzer der Witwen und Waisen, auch anderer Bedrängten, nicht auf ihr und ihrer Kinder Haupt kommen möge."

Der lebhafte, klar erkennende Geist des Königs förderte die Reform der Rechtspflege nicht nur in ihrer äußeren Gestalt, er deutet auch den Kern des Rechts an in einer Schrift, die im Januar 1750 in der Akademie der Wissenschaften in Berlin verlesen wurde. Es lagen dieser Schrift eingehende Studien zugrunde; der König hatte sich in das Recht der verschiedenen Länder vertieft. Vielfach noch wurde der Dieb an den Galgen gehängt. Die harte Gesetz scheint dem König von den reichen gemacht. Hier wallt ein lebhaftes soziales Empfinden in Friedrich auf, das wir wohl beachten wollen, denn es ist in vielen Gliedern seiner Rasse wach: "Sollten die Armen," so rief er aus, "nicht mit Recht entgegnen können: Warum hat man denn kein Mitleid mit unserm beklagenswerten Zustand; wäret ihr barmherzig, wäret ihr menschlich, so würdet ihr und helfen in unserem Elend und wir würden nicht stehlen. Sagt, ist es gerecht, daß alle Glücksgüter dieser Welt für euch sind und daß alle Mühseligkeiten auf uns lasten?" Der König will die schweren Strafen aussparen für die schweren Verbrecher, für Totschlag, Mord, Raub, damit die Strafe immer gleichen Schritt halte mit dem Verbrechen. Leuchtende Worte sind seiner Feder entflossen in jener Abhandlung:

"Sich einbilden, daß die Menschen sämtlich Teufel sind, und sie mit Grausamkeit verfolgen, wäre das Wahngesicht eines scheuen Menschenhassers; voraussetzen, daß die Menschen sämtlich Engel sind, und ihnen den Zügel schießen lassen, wäre der Traum eines törichten Kapuziners; glauben, daß sie weder alle gut noch alle schlecht sind, ihre guten Handlungen über den Wert lohnen, ihre schlechten unter dem Maß strafen, Nachsicht üben gegen ihre Schwächen und Menschlichkeit haben für alle, das heißt handeln, wie ein vernünftiger Mensch soll."

Aber wie in der Rechtspflege, so war der König auch der Meinung, daß in der Verwaltung "der alte Sauerteig ausgekehrt werden müsse." Der König verlangte von seinen beamten eine schnelle Entschlußkraft, von den gemeinsamen Sitzungen schnelle Resultate. "Sie sollen nicht," heißt es in einer Verfügung, "ihre Zeit mit wunderlichen Reden zubringen und wenn sie sich nicht in 6 Minuten vergleichen können, so soll sofort Bericht an den König erstattet werden." Ein andermal meinte der König: "Wenn die Beamten fleißig arbeiten, so können sie ihre Arbeit des Morgens in laufenden Sachen innerhalb drei Stunden verrichten. Wenn sie sich aber Geschichten erzählen und Zeitungen lesen, so ist der ganze Tag nicht lang genug." Der König will von jemanden, der in des Königs Brot steht, auch solide, greifbare Arbeit. Da ist hoch und niedrig vor den königlichen Augen gleich. Ein Geheimer Rat soll ebenso gut arbeiten wie sein Sekretär "und nicht etwa glauben, daß er nur zum ansehen da sei." — Vom Kammerpräsidenten hinab bis zum niedrigsten Steuerbeamten soll jeder für den Bürger da sein. Das Beamtenheer soll den Städtern und Bauern das Leben nicht erschweren, sondern erleichtern und sie fördern. Der König will keine Faultiere und Schmarotzer, will keine Bedrückung seiner Bürger und Bauern. Die Pachtungen sollen auch nicht zu hoch ausgeschrieben werden, "denn", so sagt mit hohem Wort der König, "das Plus ist ist verflucht, welches durch das Unglück anderer Leute gemacht wird."

König Friedrich hielt sehr viel auf einen gesunden Bauernstand. "Wahrer Reichtum," sagte er, "ist nur das, was die Erde hervorbringt. Die Bauern sind die Pflegeväter der Gesellschaft. Man muß sie zum Ackerbau ermuntern, darin besteht der wahre Reichtum des Landes." — Je dichter die Bevölkerung war, desto größer war nach der Meinung des Königs der Reichtum des Landes. Jede lebendige Kraft, die Arme zum Arbeiten hatte, die ein Hirn hat zum Denken, war für diesen großen König ein Kapital, das dem Staate dienstbar gemacht werden konnte. Wo indes die Natur so große Hindernisse entgegenstellte, daß der einzelne sie nicht überwinden konnte, da war Friedrich stets bereit zu helfen. "Wenn es in meinem Staate Dinge gibt, die über die Kraft meiner Untertanen hinausgehen, so habe ich die Kosten dafür zu tragen und sie die Früchte derselben einzuernten."

Sein Vater hatte den Rhin- und Havelbruch trocken legen lassen, hatte das selbe auch mit dem Oderbruch geplant, dann aber, die ungeheuren Kosten scheuend die Berechnungen und Pläne zusammengelegt, in einem Umschlag versiegelt und darauf geschrieben: "Für meinen Sohn Friedrich." Es war ein Vermächtnis des Vaters, das Friedrich hier antrat. In Sommer 1747 begannen die Arbeiten im Oderbruch. Sieben Jahre lang dauerte dieser friedliche Kampf, der dem siebenjährigen Krieg vorausging. Es wurden an 12 bis 14 Quadratmeilen ungenutzten Landes in fruchtbaren Ackerboden verwandelt. Mit Recht durfte Friedrich sagen, daß er hier eine Provinz im Frieden erobert habe. Es konnten über 1200 Familien auf dem neugeschaffenen Grund und Boden angesiedelt werden. Nicht nur hier im Oderbruch, sondern überall, wo es ging, wurden Brüche ausgetrocknet und urbar gemacht. So entstanden in Pommern an 90 neue Dörfer, fünfzig im Oderbruch der Mark, fast hundert in der Priegnitz und der Kurmark, wahrlich ein gewaltiges Werk.

"Ich kann nicht leugnen," sagte Prinz Moritz von Dessau, der den König verständnisvoll und tatkräftig unterstützt hatte. "wer solche Örter fertig aufgebaut und mit hundertundfünfzig bis zweihundert Seelen besetzt siehet, wo sich vor einigen Jahren noch die wilden Tieren aufhielten, der muß sich über Eure Majestät Anordnung zur Wohlfahrt der Armee und der Lande ohne Unterlaß freuen." Ein Königsbrief rief Heimatlose und Heimatmüde ins Land. Der Anfang machten Rheinpfälzer, Rheinhessen und Schwaben, dann kamen mecklenburgische Bauern und schwedische Pommern, auch fleißige Sachsen aus dem Kurfürstentum fanden sich ein; endlich Evangelische aus den österreichischen Gebirgsländern.

Jedenfalls war die größere Zahl der Bauern dieser Dörfer neu zugewandert. Die Taufe der neuerstandenen Dörfer erfolgte auf die einfachste Weise: Nach den Namen von Ministern, Generalen und Erbgesessenen, die sich irgend ein Verdienst um die Heimat erworben hatten. Da entstanden Blumenthal, Kattenhof, Podewilshausen, Soccejendorf, Rotenburg, Forkadenberg, Schmalzenthin und andere. Der König war mit allem zufrieden, ihm war die Hauptsache, daß die Dörfer dastanden, mit eingezäunten Gehöften, mit Schulhäusern, Kirchen und Friedhöfen, daß dort gearbeitet, geheiratet, geboren und gestorben werden konnte; wie so ein Dorf benannt wurde, war ihm gleich, der Name ihm Schall und Rauch. "Daß je simpler solche Namen seien, je besser es damit sein wird."

Die Volkszahl der alten Lande stieg beträchtlich. In den vierzehn Jahren von 1740 bis 1753 zählte man 400 000 Seelen Vermehrung. Ganz Preußen hatte um jene Zeit vier Millionen Einwohner, Berlin 100 000, Breslau und Königsberg etwas über 50 000, Halle 30 000, die Festungen Magdeburg und Stettin waren noch zwischen 15- und 20 000 Einwohnern; ungefähr 30 Prozent der Bevölkerung wohnte in den Städten, 70 Prozent dagegen auf dem flachen Lande.

Aber über seiner rastlosen Arbeit mochte Friedrich die alte Liebe und Sehnsucht nach Kunst und Wissenschaft nicht begraben. "Seit meiner Kindheit," so hat König Friedrich sieben Jahre nach dem großen Krieg geschrieben, "habe ich die Kunst, die Literatur und die Wissenschaften geliebt, und wenn ich zu ihrer Verbreitung beitragen kann, so gebe ich mich dem mit aller der Leidenschaft hin, deren ich fähig bin, weil es in dieser Welt kein wahres Glück ohne sie gibt."

Der König hatte sich auf einer Anhöhe bei Potsdam ein Lustschloß bauen lassen, das berühmte Sanssouci, oder Haus "Sorgenfrei". Allerdings kann man nicht sagen, daß es für den König ein sorgenfreies Haus gab, denn die Sorgen um Heer und Staat begleiteten den Herrscher auf Schritt und Tritt. Aber wenigstens konnte er sich seine freien Stunden so gestalten, wie er es liebte. Uns Nachgeborenen erscheint dies hübsche Terrassenschlößchen vom König Friedrich unzertrennlich. Aber auch schon für die damaligen Mitwelt gehörten Friedrich und Sanssouci eng zusammen. Hier sammelte der König einen Kreis von Männern um sich, die ihn zusagten, wie einst im Schloß zu Rheinsberg. Der Feldmarschall Jakob Keith, den Friedrich aus russischem Dienst übernommen hatte, und der in einem sehr schönen Verhältnis zum Könige stand, schrieb in jener Zeit an seinen Bruder:

"Ich habe jetzt die Ehre, und was noch mehr ist, das Vergnügen, bei dem Könige in Potsdam zu sein. Ich genieße hier die Auszeichnung, fast täglich mit ihm zu mittag und zu Abend zu speisen. Er hat mehr Geist und Witz, als daß ich mit dem meinen es schildern könnte, und spricht über die verschiedensten Dinge gründlich und sachkundig. Er hat eine Anzahl Leute, mit denen er ganz ungezwungen, fast wie ein freund verkehrt, aber seinen Günstling; dazu eine natürliche Höflichkeit gegen seine ganze Umgebung. Dafür, daß ich erst vier Tage um ihn bin, mag es Euch scheinen, als ob ich von seinem Charakter schon recht viel zu wissen beanspruche; darauf aber könnt Ihr Euch verlassen, wenn ich Euch sage: nach längerer Zeit werde ich genau so viel von ihm wissen, als er mich wissen lassen will, und sein ganzes Ministerium weiß nicht mehr."

Auch der berühmte Voltaire fand sich in diesem Kreise ein. Von ihm besitzen wir ebenfalls einen Brief, den er an den französischen Herzog von Richelieu richtete, in welchem sich die folgende begeisterte Schilderung der Persönlichkeit Friedrichs findet:
"Ich komme in Potsdam an, die großen blauen Augen des Königs, sein holdseliges Lächeln, seine Sirenenstimme, seine fünf Schlachten, sein ausgesprochenes Gefallen an der Zurückgezogenheit und der Arbeit, an Versen und an Prosa, endlich Freundlichkeiten, um den Kopf schwindeln zu lassen, eine entzückende Unterhaltungsgabe, Freiheit, in Verkehr volles Vergessen der Majestät, tausend Aufmerksamkeiten, die schon von seiten eines Privatmannes bestricken würden — alles das hat mir den Verstand verrückt: ich ergebe mich ihm aus Leidenschaft, aus Verblendung, und ohne zu vernünfteln ..... So lebe ich seit einem Jahr."

Es fanden sich in dem König und in Voltaire eben zwei bedeutende Geister, die sich in ihren literarischen Bestrebungen gewissermaßen ergänzen. "Ich genieße die Freude, dem Könige in seinen Studien nützlich zu sein," schrieb Voltaire, "und schöpfe daraus neue Kräfte, meine eigenen zu fördern."

Die Wechselwirkung, welche die beiden bedeutenden Männer aufeinander ausübten, war außerordentlich. Friedrich fühlte sich zur literarischen Tätigkeit ständig angeregt, und jene Jahre sind seine fruchtbarsten Schriftstellerjahre gewesen. Und Voltaire schuf in jener Potsdamer Zeit "die Geschichte des Zeitalters Ludwigs XIV.", eine seiner bedeutendsten Arbeiten, von welcher er erklärte, daß er in Frankreich nie die Kraft dazu gefunden haben würde.

Schon glaubte der geistreiche Franzose eine dauernde Statt am Hofe Friedrichs des Großen gefunden zu haben, als er sich doch durch sein Betragen, seine mehr als schmutzige Geldgier, seine Nachsucht unmöglich machte. Mit Recht durfte Friedrich dem Voltaire die Worte schreiben: "Ihre Werke verdienen, daß man Ihnen Bildsäulen errichte; Ihr Betragen aber verdient die Galeere." — Später, während des siebenjährigen Krieges, begann dann wieder ein Briefwechsel zwischen dem Könige und Voltaire, der Friedrich in seinen einsamen Stunden Anregung gab, denn dem Könige waren von jeher Geist und Witz die Würze des Lebens, und er mußte diese seltenen Eigenschaften hernehmen, wo er sie fand. Ohne daß er sein Urteil über die menschliche Persönlichkeit Voltaires änderte, blieb ihm der Schriftsteller und Dichter ein Mann von Großer Bedeutung.

In diesen Jahren von Sanssouci, in welchen Friedrich mit großem Fleiße der Schriftstellerei oblag, ist viel Wertvolles aus seiner Feder geflossen; so das Werk über die "General Prinzipien vom Kriege", welches in seinen Grundzügen noch heute gültig ist und gewissermaßen als eine militärische Bibel gelten kann. Auch sein "politisches Testament" verfaßte der König. Bis heute sind aus diesem Werke nur Auszüge an die Öffentlichkeit gelangt, aber das, was kund geworden ist, wird mit Recht als eine der großartigsten Offenbarungen staatsmännischen Geistes gepriesen. Vor allem leuchtet aus diesem "politischen Testament" die hohe Auffassung hervor, die Friedrich von seinem Königsamte hatte. "Ein Fürst," so lautet eins seiner berühmtesten Worte, "ist der erste Diener seines Staates und gut bezahlt, um die Würde seiner Stellung aufrecht zu erhalten. Aber man verlangt von ihm, daß er nachdrücklich zum Wohle des Staates arbeite und die wichtigsten Dinge mit Ernst betreibe." —

Und diese Richtschnur hat Friedrich vom ersten tage seines Regierungsantrittes, bis er in Sanssouci die müden Augen schloß, festgehalten. Offen hat unter der Last seines schweren Amtes der König ausgesprochen, daß er mit Leib und Seele Schriftsteller sei, und daß ihn literarische Arbeiten mehr erfreuten als eine andere Tätigkeit; aber niemals würde er den amtlichen Geschäften darum seine Aufmerksamkeit entziehen, denn er sei dazu geboren, sie zu vollbringen. Wohl kam ihm einmal der Gedanke, daß es schön für ihn sein würde, in der Stille seines Studienzimmers als Privatmann zu leben, aber mit raschem Ruck schüttelte er solchen Gedanken ab: "Ich habe ein Volk, das ich liebe, ich muß die Last tragen, welche auf mir liegt, ich muß an meiner Stelle bleiben!"

Hier sei auch ein Wort über die religiöse Stellung des großen Königs gesagt, über welche so manches Unverantwortliche von jeher verbreitet worden ist. Wir hörten schon von ihm selbst, daß in seinem Staate jede Religion und jede Konfession geduldet werden sollte. Mag hier ein Wort hinzugefügt werden, das der große Geschichtsschreiber Leopold von Ranke über Friedrichs religiöse Stellung gesprochen hat: "Wir kennen sein Schwanken zwischen der Annahme eines blinden Geschickes und einer allwaltenden Vorsehung, und wie er in den großen Entscheidungen auf die letzte zurückkam. Meistenteils schien es ihm doch, daß alles ein nicht aufzulösendes Rätsel bleibe, wenn man nicht eine Vorsehung voraussetzte, die das Weltgeschick zu einem großen Ziele leite. Nur in einem Punkte war er unerschütterlich; er fuhr auf, wenn jemand im Gespräche seinen Glauben an einen lebendigen Gott bezweifelte; die populären Beweise für das Dasein Gottes, besonders den von der weisen Ordnung in der Natur hergenommenen, wiederholte er mit dem vollsten Ausdruck der Überzeugung. "Ich kenne Gott nicht, aber ich bete ihn an."

Nie vergaß der König einen Augenblick, daß sich sein junger Königsstaat noch auf das Schwert stützen mußte. Friedrich hatte in den beiden ersten schlesischen Kriegen eingesehen, daß es doch nicht leicht sei, eine so gewaltige Macht wie das österreichische Erzhaus zu Boden zu ringen. So galt es, das Schwert blank und das Heer auf der Höhe zu erhalten. Ein König von Preußen mußte Soldat sein, mußte sein eigener Oberfeldherr sein, und was der König von sich verlangte, das verlangte er auch von seinen Offizieren. Stieß er auf Fehler und Ungehorsam, auf Nachlässigkeit, so war Friedrich erbarmungslos, und die Tage der Truppenrevuen waren im ganzen Lande Preußen gefürchtet. "Da stiegen allerorten die Wünsche von Frauen, Kindern, Verwandten und Freunden mit Inbrunst zum Himmel, daß ihre Männer und Söhne in diesen fürchterlichen drei Tagen nicht unglücklich werden möchten." Friedrich hatte den Grundsatz, daß er im Heere keine Offiziere ernähren wollte, die ihren Dienst nicht mit der gehörigen Promptheit verrichteten.

Ein Leutnant galt im übrigen mehr bei dem König, als ein Kammerheer, und in den Kreisen des Adels hieß es wohl: "Königsbrot ist immer das beste." Der König aber erkannte die Leistungen seiner Offiziere und Soldaten mit offenen Worten an. "In unserem Staate," schrieb er, "ist es eine Ehre, mit der Blüte des Adels und der Nation an der Festigung der Disziplin zu arbeiten, die den Ruhm des Vaterlandes aufrecht erhält und es im Frieden Achtung gebietend, im Kriege siegreich macht." — Ständig auf der Wacht vor Feinden, oder wie Friedrich selbst sagt "mit einem Fuß im Steigbügel" ging die militärische Ausbildung ihren strammen Weg. Um das Jahr 1753 standen bereits rund 140 000 Soldaten unter den Waffen, oder konnten doch jeden Augenblick einberufen werden, alles gut geschulte, tapfere und zum großen Teil kriegserprobte Leute. Den größten Teil stellten Landeskinder der preußischen Lande, deren Dienstzeit damals zwanzig Jahre betrug, d.h. sie wurden im Durchschnitt nur einige Monate jährlich zur Fahne eingezogen und konnten den übrigen Teil des Jahres ihrem Gewerk, ihrer Arbeit nachgehen, so daß sie dem Leben nie fremd wurden.

Sehr stark war natürlich noch die Zahl der Angeworbenen. Die Fahnen des Königs von Preußen waren siegreich und hatten eine starke Werbekraft und so liefen denn aus dem Auslande viele dem Kalbsfelle nach, die schon in anderen Ländern gedient hatten. Die meisten von ihnen waren tapfer und verkauften ehrlich ihre Haut. Allerdings so zuverlässig wie die geborenen Landeskinder waren sie längst nicht. Diese geborenen Brandenburger, Preußen, Pommern, sie bildeten immer den Kern des Heeres, und von solchen Regimentern durfte der tapfere Moritz von Dessau getrost sagen: "Ew. Majestät können dem Regiment Szepter und Krone anvertrauen: wenn die vor dem feinde laufen, so mag ich auch nicht bleiben." So konnte Friedrich, gestützt auf ein zahlreiches, festgefügtes Heer, wie es keine andere macht Europas auch nur annähernd besaß, in seinem "politischen Testament" wohl die Worte niederschrieben: "Wenn die Ehre des Staates Euch zwingt, den Degen zu ziehen, dann falle auf Euere Feinde der Blitz und der Donner zugleich."

Es war im Jahre 1756, als die Ehre des Staats dem großen Könige den Degen in die Hand zwang. Der österreichische Minister Graf Kaunitz, die rechte Hand der Kaiserin Maria Theresia, hatte es fertig gebracht, ein Bündnis mit Rußland und Sachsen und später auch mit Frankreich zu schmieden, welches bestimmt war, den König Friedrich zu Boden zu werfen, Schlesien für Österreich zurückzugewinnen und auch einen Teil der übrigen brandenburgischen Lande zur guten Beute für die verbündeten Mächte zu machen. "Mit Gottes Hilfe," meinte Graf Kaunitz, "werden wir dem hochmütigen Könige soviel Feinde auf den Hals ziehen, daß er darunter erliegen muß!" — Ganz in der Stille war dies Bündnis vorbereitet, und plötzlich gedachten die Feinde Friedrichs loszubrechen. Aber der König, rechtzeitig von allen Ränken seiner Gegner unterrichtet, kam ihnen zuvor. "Wenn unsere Feinde," schrieb Friedrich seinem um die Zukunft besorgten Bruder, "uns nötigen, Krieg zu führen, so muß man fragen: Wo sind sie? und nicht: Wie viele sind ihrer? — Ich bin unschuldig an diesem Kriege. Ich habe getan, was ich konnte, ihn zu vermeiden, aber so groß meine Friedensliebe sein mag, niemals darf ich ihr meine Sicherheit und meine Ehre preisgeben." —

So zog König Friedrich in jenen Krieg, der sieben Jahre währen sollte und aus welchem er nach unerhörten Siegen, gegen das halbe Europa im Felde stehend, so glorreich und aufrecht hervorgehen sollte.

Gleich die ersten Ereignisse des Krieges waren Prankenschläge des preußischen Löwen, welche eine Welt in Erstaunen setzten. Im Herbst 1756 wurden die sächsischen Truppen, 20 000 Mann stark, im Lager von Pirna eingeschlossen und ausgehungert. Ein österreichisches Heer unter dem Feldmarschall Graf Browne, das aus Böhmen zur Entsatz anrückte, wurde bei Lowositz aufs Haupt geschlagen. Ohne Rücksicht auf seine Person setzte sich Friedrich dem feindlichen Feuer aus, und auf die Warnungen entgegnete er achselzuckend: "Ich bin nicht hier, um die Kugeln zu vermeiden." — Gewiß erkannte der König, daß es sich für ihn um Sein oder Nichtsein handelte in diesem Kriege. "Es ist also mit unseren Umständen kein Kinderspiel," schrieb er seinem getreuen General von Winterfeldt, "sondern es gehet auf Kopf und Kragen. Indes mein Entschluß ist auf alle Fälle gefaßt, und ich werde mich bis auf den letzten Mann wehren." —

Für der Fall, daß er gefangen werde, bestimmte König Friedrich ausdrücklich und machte seine sämtlichen Generale und Minister mit dem Kopfe dafür verantwortlich, daß man für seine Freigabe weder eine Provinz noch Geld anbiete, sondern daß man den Krieg tatkräftig fortsetzte, als wäre er nie auf der Welt gewesen.

So stieg das große Jahr 1757 herauf. Der glänzende Sieg von Prag (6. Mai 1757) eröffnete den Feldzug. Hier fiel des Königs berühmter Feldmarschall Graf Schwerin. Als seine Regimenter wankten, stellte sich der alte siebzigjährige General an die Spitze, ergriff die Fahne und führte die Seinen mit dem Rufe: "Vorwärts, meine Kinder!" gegen den Feind. Fünf Kartätschenkugeln durchbohrten ihn. Das schwarzweiße preußische Fahnentuch deckte seinen sterbenden Körper.

König Friedrich warf die österreichische Armee nach einer schweren Niederlage für dieselbe in die Festung Prag hinein.— Dann brach er auf, um den heranrückenden General Graf Daun zu schlagen. Aber die Schlacht von Kolin (18. Juni 1757) wandelte sich wider Erwarten zu einer Niederlage. Schon hatte Daun den Befehl zum Rückzug gegeben, als der sächsische Reiteroberst Beukendorff auf seine eigene Faust eine glänzende Kavallerieattacke machte, der die preußischen erschöpften Bataillone nicht mehr standhalten konnten. In Verzweiflung sammelte Friedrich um eine Fahne etliche 40 Mann, ließ die Trommeln schlagen und führte diese Trümmer gegen eine feindliche Batterie. "Sire," rief Major Grant, sein Adjutant, "wollen Sie die Batterie allein erobern?" —

Es war eine schwere Niederlage für den König, und kaum hatte er sich aufgerafft, als ihm die Kunde vom Tode seiner Mutter wurde. Die königliche Frau hatte von jeher alles mit ihrem Sohne getragen, hatte ihn stets die weiche Seite gezeigt und für ihn gesorgt, wie nur eine Mutter sorgen kann. Der König, tiefster Empfindung fähig, war etliche Tage fassungslos, dann aber riß er sich in der Verantwortung für den Staat aus seinem Schmerze empor. Sein geschlagenes Heer flutete über das Gebirge zurück. Sein Bruder Prinz August Wilhelm, der es führte, zeigte nicht die Tatkraft und Entschlossenheit, die Friedrich von seinem Bruder so gut wie von jedem seiner Generale erwartete. Und derselbe König, der eben fassungslos vor Schmerz war um den Tod seiner Mutter, mußte jetzt in Erfüllung seiner Pflicht hart gegen diesen Bruder sein, der doch wie er der Sohn jener Mutter war.

Furchtbar war das Gericht, welches den Prinzen und seine Generale traf. "Da sah man die Prinzen und Generale zittern," sagte ein Augenzeuge, "sie hätten sicher vorgezogen, eine Breche zu stürmen, als vor den König zu treten." — "In der Sache," sagt der Geschichtsforscher Reinhold Koser, "hat Friedrich nur recht und königlich gehandelt, wenn er im Gegensatze zur Schwäche so vieler anderer Herrscher einen Anspruch hoher Geburt auf die Heerführung nicht gelten ließ. Er war nicht zugunsten seines Fleisches und Blutes voreingenommen, aber auch nicht zuungunsten. Denn, wenn er jetzt den einen Bruder bei offenkundiger Unzulänglichkeit schnell wieder unter die Masse schob, so hat er nachmals den anderen, Prinz Heinrich, der echtes Verdienst bewährte, willig und dankbar als den hervorragendsten aller seiner Truppenführer anerkannt."

Nun, ein Mann in der Lage des Königs Friedrich durfte weder trauern, feiern, noch auch sich lange besinnen. Die Franzosen und Reichstruppen rückten von Thüringen her an und es war not, ihnen entgegenzutreten. Mit knapp 25 000 Mann rückte Friedrich der doppelt so starken Armee von Feinden entgegen. Als der Herzog von Hildburghausen und der Prinz Soubise, der Anführer der Franzosen und Reichstruppen, den Anmarsch des Königs vernahm, zogen sie sich schleunigst zurück. Das Mahl, das bereits im Schlosse zu Gotha für den französischen Herren bereitet war, konnte König Friedrich mit seinen Generalen verzehren. Höflich bat der König die Herzogin um "einen Teller Suppe." Einer der Tischgenossen gibt ein fein gezeichnetes Portrait des großen Königs, der ihm an der Tafel gegenüber saß: "Das Feuer der Helden, die Bedachtsamkeit des Heerführers, die Verschlagenheit des Staatsmannes, den Verstand des Weltweisen, den Geist des Dichters, den Ernst des Gehorsam heischenden Herrn, die Artigkeit des Gesellschafters, den Witz des Spötters: das alles fanden wir unserer Meinung nach in den Zügen dieses Gesichts, in welchem ein Paar der schönsten blauen Augen voll Glanz und Lebendigkeit, eine gerade, scharfe und wohl gebildete Nase, ein überaus freundlicher und beim Sprechen von lauter Geist umspielter Mund und selbst die zwei bedenklichen Linien zwischen den Augen zusammen das regelmäßige und angenehmste Menschenantlitz ergab, das man nur sehen kann."

Am 5. November 1757 um die Mittagszeit kam es zur Schlacht bei Roßbach. Als Friedrich erkannte, daß die Feinde auf ihn anrückten, um ihn zu umzingeln, war sein Entschluß sofort gefaßt. Wie eine Theater Dekoration verschwanden die Zelte des preußischen Lagers vor den Augen der Feinde, und mitten im Anmarsch sahen sich diese angegriffen. Der junge General von Seydlitz warf sich mit seinen Reitergeschwadern auf die durch das Artillerie- und Musketenfeuer erschütterten feindlichen Regimenter und brachte sie nach kurzem Reitergefecht zur Auflösung. Alle Generale Friedrichs, Prinz Heinrich von Preußen, Prinz Moritz von Dessau, Prinz Franz von Braunschweig taten ihr Bestes. "Vater, aus dem Wege, daß wir schießen können!" riefen die Musketiere ihrem Könige zu, der immer mitten im Getümmel war. Es war eine jammervolle Niederlage, welche die Franzosen und Reichstruppen hier bei Roßbach erlitten. "Wenn man meinte," schrieb der Herzog von Hildburghausen an den Kaiser, "eine Schwadron oder ein Bataillon bei einander zu haben, durfte nur eine einzige Stückkugel dazwischen fahren und alles lief wie Schafe davon. Es war unser Glück, allergnädigster Herr, daß es Nacht geworden, sonst wäre bei Gott nichts davongekommen." —

Und ein deutscher Mitkämpfer oder vielmehr Mitläufer meinte bekümmert: "Es dürfte kaum einen Streit geben, wer von den Deutschen und Franzosen am geschwindesten gelaufen sei." Eine besondere Wertung für diesen wundervollen Sieg von Roßbach hat der große englische Geschichtsschreiber Macaulay gegeben: "Seit der Auflösung des Reiches Karls des Großen hatte die germanische Rasse noch nie einen solchen Sieg über die Franzosen gewonnen. Die Kunde davon rief einen Sturm der Freude und des Stolzes hervor in der ganzen große Völkerfamilie, welche in den verschiedenen Mundarten der alten Sprache des Arminius redete. Friedrichs Ruhm begann einigermaßen den Mangel einer gemeinsamen Regierung und einer gemeinsamen Hauptstadt zu ersetzen. Er wurde ein einigender Mittelpunkt für alle echten Deutschen, ein Gegenstand wechselseitiger Beglückwünschung für den Bayer wie für den Westfalen, für den Bürger von Frankfurt wie für den von Nürnberg. Damals erst wurde es offenbar, daß die Deutschen wirklich eine Nation waren."

Aber kaum war in Thüringen die Aufgabe gelöst, als eine unglückliche Wendung in den Dingen den König nach Schlesien rief. Sein tapferer General von Winterfeldt war in einem Treffen bei Moys gefallen — für den König ein unendlich schwerer Verlust, den er nur schwer verwand. "Gegen die Menge meiner Feinde," rief der König erschüttert aus, "hoffe ich noch Rettungsmittel zu finden, aber nie wieder werde ich einen Winterfeldt finden!" — Noch in späteren Jahren seines Lebens erinnerte sich der König mit Wehmut dieses seltenen Mannes. "Er war ein guter Mensch, ein Seelenmensch, er war mein Freund!" —

In Eilmärschen rückte Friedrich mit kaum 14 000 Mann Kerntruppen nach Schlesien ab. Er war entschlossen, die Österreicher zu schlagen, "und wenn sie auf dem Zobtenberge oder auf den Türmen Breslaus stünden." Bald erreichte den König die Kunde, daß sein schlesischer Feldherr, der Herzog von Bevern, vor Breslau eine schwere Niederlage erlitten habe. Selbst diese Nachricht machte den König in seinem Entschluß nicht wankend. "Er zeigte," wie sein getreuer Kabinettssekretär Eichel berichtet, "gewiß und wahrhaftig eine Festigkeit, die fast übernatürlich und, ohne Schmeichelei gesagt, eben nur ihm, dem Könige selbst, ähnlich und eigen war."

Die Österreicher, denen der König in der Morgenfrühe des 5. Dezember 1757 entgegenzog, standen in fester Stellung über 70 000 Mann stark bei dem Kirchdorfe Leuthen. Nur 30 000 Mann konnte Friedrich ihnen entgegenführen.

Am Tage vorher hatte Friedrich, der sonst nicht für Reden war, seinen Generalen seine berühmte Rede gehalten, um sie "in deutscher Redekunst mit Kürze und Nachdruck bei ihrem Ehrgefühl zu packen." Da stand der König im abgetragenen Waffenrock, den Ordensstern auf der Brust, von den Strapazen gemagert, von den seelischen Qualen gealtert vor der Zeit, und sprach mit seiner melodiösen, weichen Stimme Worte, die aus einem großen Königsherzen kamen. Da war keiner unter den Generalen und Offiziere, dem des Königs Worte nicht durch Mark und Bein gingen. "Wer die preußische Sache verloren gäbe, der solle ungehindert seine Wege gehen dürfen." Da brach es bei dem Major von Billerbeck aus, der rief: "Das müßte ja ein insamer Hundsfott sein, jetzt wäre es Zeit!" Lächelnd setze Friedrich seine Rede fort und endete: "Nun leben Sie wohl, meine Herrn, in kurzem haben wir den Feind geschlagen, oder wir sehen uns nie wieder."

Niemand empfand tiefer als der König, daß diese Schlacht einen Kampf um Sein oder Nichtsein bedeutete. Während er bei der Vorhut ritt, rief er einen Husarenoffizier zu sich heran: "Ich werde mich heute bei der Bataille mehr aussetzen als sonst. Er soll sich fünfzig Mann nehmen, um mir als Deckung zu dienen. Er verläßt mich nicht und gibt acht, daß ich nicht der Kanaille in die Hände falle. Bleibe ich, so bedeckt Er den Körper mit einem Mantel und läßt einen Wagen holen; Er legt den Körper in den Wagen und sagt keinem ein Wort. Die Schlacht geht fort und der feind wird geschlagen." Der König hatte ein kurzes Testament niedergeschrieben: "Er habe seinen Generalen alles befohlen, was für den fall eines glücklichen oder unglücklichen Ausganges zu geschehen habe," heißt es darin, und dann: "Was schließlich mich angeht, so will ich in Sanssouci begraben sein, ohne Gepräge und Pomp und bei Nacht."

Der König zieht parallel der österreichischen Front mit seiner Armee dahin, scheint nicht angreifen zu wollen. "Sie paschen ab, " sagt Leopold Daun, "die guten Leute, lassen wir sie in Frieden ziehen!" Dann aber kommt plötzlich um die Mittagszeit von Sagschütz, dem österreichischen linken Flügel, die Kunde, daß der König angreift. Friedrich hat den Angriff selbst geleitet. Er reitet bei dem Regiment Meyerinck: "Junker von der Leibkompagnie, sieht er wohl, auf der Berhack soll er zumarschieren; er muß aber nicht zu stark avancieren, damit die Armee folgen kann." Mit Wucht wirft Friedrich seine Bataillone gegen den Kiefernberg von Sagschütz. Es war etwas Unwiderstehliches in dem Angriff der Preußen. Selbst einen Moritz von Dessau haben die Bataillone Meyerinck und Itzenplitz genug getan. "Burschen, Ehre genug für heute, geht zurück ins zweite Treffen!" Aber wütend dröhnt es dem Führer entgegen: "Da müßten wir ja Hundsfötter sein, Patronen her, Patronen her!" Als am Kirchhof von Leuthen der Sturm zu stocken scheint, springt der Hauptmann von Möllendorf gegen das Kirchhofstor und brüllt: "Hier gibt es kein Bedenken, einen anderen Mann her!" Das dritte Bataillon Garde folgt und der Kirchhof wird reingefegt. Als sich die Dämmerung senkt, ist Friedrich Herr der Wahlstatt.

Als die Dunkelheit völlig hereinbrach, lagerte sich die preußische Armee, Gewehr im Arm, auf den Feldern zur Rechten und Linken der Landstraße nach Lissa, hinter sich die blutige erkämpfte Wahlstatt. Aber der König selbst gönnte sich noch keine Ruhe. Er wollte sich noch in dieser Nacht des Marktfleckens Lissa und der jenseits desselben liegenden Weistitzbrücken bemächtigen, damit der feind sich dort nicht von neuem festsetze.

Im Flecken Deutschlissa war alles still, doch die Zimmer noch alle hell erleuchtet. Als der König, vor den Grenadieren reitend, sein Gefolge zu beiden Seiten neben sich, auf dem geräumigen Platze vor dem Schlosse, etwa sechszig bis achtzig Schritt vor der Brücke, welche über das Schweidnitzer Wasser führt, ankam, sah man aus einigen Häusern Weißröcke mit Strohbündeln ankommen. Auch wurde aus den Häusern geschossen. Die Grenadiere drangen mit dem Bajonett ein und säuberten die Häuser vom Feind. In dieser Verwirrung, wo jeder sich zu retten suchte, alles schrie und durcheinander kommandierte, verlor der König keinen Augenblick seine Ruhe. In seiner Umgebung gewandt, sprach er: "Messieurs, folgen Sie mir, ich weiß hier Bescheid." Er ritt links über die Zugbrücke, die zum Schlosse führte, während seine Adjutanten ihm folgten. Der König stieg vom Pferd, gab seinem Gefolge einen Wink und benutzte links von der Schloßbrücke eine kleine Steintreppe, die zu einer ihm bekannten Tür der Wirtschaftsräume führte.

Er durchschritt schnell die Küche und gewann eine Wendeltreppe, die im Innern des Schlosses auf den großen Korridor mündete. Dort oben rannten österreichische Offiziere mit Leuchtern durcheinander, den das lebhafte Schießen draußen hatte sie aufgeschreckt. "Bon soir, Messieurs!" sagte der König mit höflichen Gruße den Hut hebend, "gewiß werden Sie mich hier nicht vermuten! Kann man hier denn auch noch unterkommen?" Verblüfft und erschrocken beeilen sich die abgeschnittenen österreichischen Herren, dem König zu leuchten und führen ihn in den großen Speisesaal, wo ihrer noch mehrere sind, die alle statt von ihren Sitzen aufspringen, als plötzlich der Gewaltige vor ihnen steht, der ihnen heute gezeigt hat, was ein König von Preußen mit seiner Wachtparade mag. Der König aber richtet, als sei nichts geschehen, mit der ihm eigenen feinen Höflichkeit an einige der Herren freundliche Worte und beurlaubt dann die überraschte Schar in — die Gefangenschaft.

Als man bei der preußischen Armee die Kanonade und das Schießen von Lissa her hörte, gab es kein Halten mehr: das ganze treue Heer folgte sofort seinem König. Als die siegreichen Kolonnen in festem Tritt über die gefrorene Landstraße in der tiefen Dunkelheit der Nacht dahingezogen, stimmte plötzlich ein Grenadier mit hellem Tenor das weihevolle Lied: "Nun danket alle Gott" an und all die Tausende stimmten ein in den feierlichen Choral.

"Wie aus tiefem Schlafe erwacht," schreibt ein preußischer Offizier in seinem Erinnerungen über diesen großen Augenblick, "fühlte sich jetzt jeder zum Danke gegen die Vorsehung für seine Erhaltung hingerissen, und mehr als fünfundzwanzigtausend Menschen sangen diesen Choral einstimmig bis zu Ende. Die Dunkelheit der Nacht, die Stille derselben, und das Grausen eines Schlachtfeldes, wo man fast bei jedem Schritt auf eine Leiche stieß, gaben dieser Handlung eine Feierlichkeit, die sich besser empfinden ließ, als sie beschrieben werden kann. Selbst die auf der Wahlstatt liegenden Verwundeten, die bisher die Gegend mit ihrem Wehklagen erfüllt hatten, vergaßen ihre Schmerzen, um Anteil an diesem allgemeinen Opfer der Dankbarkeit zu nehmen. Eine erneute innere Festigkeit belebte jetzt den durch so viele Anstrengungen erschöpften Krieger, ein lauter Jubel ertönte aus aller Munde, und als gleich darauf das heftige Kanonenfeuer von Lissa her hörbar wurde, wollte es einer den andern an Geschwindigkeit zuvortun, seinem König beizustehen."

Bald sammelten sich die Generale und Stabsoffiziere im Schloß. Als der König zu ihnen trat, um die Parole auszugeben, rief er heiter aus: "Nach einer so getanen Arbeit, meine Herren, ist gut ruhen. Dieser Tag wird den Ruhm Ihres Namens und den der Nation auf die spätere Nachwelt bringen." Einer der Herren machte gesprächsweise die Bemerkung, daß die Österreicher kaum noch eine so prahlerische Sprache über die Potsdamer Wachtparade führen würden, als wenige Tage zuvor. Lächelnd antwortete die Majestät: "Ich vergebe ihnen ihre Dummheiten, die sie gesagt haben, zugunsten derer, die sie heute gemacht haben."

Als der König am Abend der Schlacht in der Dämmerung über das Feld ritt, rings die Verwüstung sah und das Stöhnen zerschossener Menschen hörte, wurde vor der furchtbaren Notwendigkeit seine große Seele weich, und er rief aus: "Wann werden meine Qualen sich enden?" Über eintausendzweihundert Mann seiner treuen Truppen lagen tot auf der Wahlstatt, darunter neunundfünfzig Offiziere. Über fünftausend waren leicht und schwer verwundet. Die Regimenter Markgraf Carl und Pannwitz büßten ein jedes über siebenhundert Mann ein, die beiden Bataillone Garde fünfhundert Mann. Fast vierfach so hoch waren die Verluste der österreichischen Armee. Sie verlor zusammen mit ihren bayrischen, württembergischen und sächsischen Hilfstruppen wenigstens zehntausend Tote und verwundete. Außerdem blieben dreizehntausend Gefangene, vierundfünfzig Fahnen und Standarten und einhunderteinunddreißig Geschütze in den Händen der Sieger. Auf den Feldern bei Leuthen zeigt man heute noch die Stellen der gewaltigen Massengräber, wo Freunde und Feinde zur gemeinsamen Ruhe verscharrt wurden. Nach Menschenaltern noch warf der Pflug des friedlichen Landmannes häufig Gebeine, Münzen, Skapuliere, Kugeln und Kartätschensplitter aus der Erde auf. Einige dieser Reliquien sind in den Sockel der Siegessäule versenkt, die seit dem Jahre 1854 den Schönberg bei Heidau schmückt.

Aber selbst nach diesem glänzenden Siege sollte König Friedrich noch fast fünf lange Jahre gegen seine Feinde stehen. Und mit jedem Feldzuge erneuerten sich für ihn die Schwierigkeiten. Mit jedem Feldzuge wurde es schwerer, Geld zu schaffen und Soldaten. Im Laufe dieser Jahre folgte eine Schlacht der anderen. Glänzende Siege, die des Königs kriegerisches Genie im hellsten Glanze strahlen ließen, und wiederum Niederlagen, teils durch die Umstände, teils durch die geringe Schätzung des Königs für die feindlichen Generale herbeigeführt. — Bei Zorndorf (25. August 1758) griff Friedrich die Russen an, welche zäh standhielten. Es gab ein fürchterliches Morden. Die hartnäckigen Moskowiten ließen sich niederhauen, wo sie standen, als Seydlitz mit seinen Schwadronen gegen sie hereinbrach und ihren rechten Flügel zersprengte. Sie klammerten sich an ihre Geschütze und ließen nicht los, bis man ihnen Finger und Hände zerhackte. Sie schossen in ihrer Betrunkenheit, denn man hatte sie reichlich mit Branntwein versehen, auf Freund und Feind. Hier offenbarte sich Seydlitz als der geborene Kavalleriegeneral, "der jene Entschlossenheit besaß, welche die Gunst des Augenblicks sicher zu ergreifen verstand." — War dieser Tag von Zorndorf ein Sieg, den von Hochkirch sechs Wochen später wurde zur schweren Niederlage. Der König wußte wohl, daß er bei Hochkirch dem Feinde gegenüber ein nicht genügend gesichertes Lager innehabe, aber er traute seinen alten Gegner Daun keine Entschlußkraft zu.

Warnend sagte der Feldmarschall Keith zum Könige: "Lassen die Feinde uns hier in Ruhe, verdienen sie gehängt zu werden." — "So wollen wir hoffen," meinte Friedrich trocken, "daß sie sich mehr vor uns, als vor den Galgen fürchten." — Aber Graf Daun fand seine Stunde in der Nacht zum 14. Oktober und veranstaltete mit gutem Geschick einen Überfall auf das preußische Lager. Es kam zu einem Verworrenen, blutigen Nachtgefecht, zu dem elf Dörfer als Leuchtfackeln loderten. Der König warf den Angreifern seine Kernbataillone entgegen: Forcade, Itzenplitz, Prinz von Preußen. Feldmarschall Keith sank von einer Stückkugel zerrissen. Die Österreicher fanden ihn später völlig nackt auf der Wahlstatt. Prinz Franz von Braunschweig, der Königin jüngster Bruder, fiel zu Tode getroffen. Moritz von Dessau wurde der Unterleib zerrissen, er kam in österreichische Gefangenschaft. — Die Verluste für Friedrich waren bitter. Aber dann raffte er sich auf und zeigte seinen Truppen die größte Ruhe. "Kanoniere, wo habt Ihr Eure Kanonen gelassen?" — "Der Teufel hat sie bei Nacht geholt, Majestät!" — "So wollen wir sie bei Tage ihm wieder abnehmen." —

Wenige Tage nach dieser furchtbaren Niederlage kommt die Nachricht vom Tode der geliebten Schwester Wilhelmine zu Bayreuth. In dumpfen Schmerz entgegnet Friedrich: "Ich habe keine Zeit, den Tod meiner Schwester zu beweinen. Die Menge meines Unglücks stumpft schließlich die Empfindung ab und ich glaube, es könnte der Himmel die Erde erdrücken und der Boden unter meine Füßen einsinken, ohne daß ich es achten würde." —

Und dennoch denkt der König nicht an Frieden. Sein Stolz läßt es nicht zu, als ein Bittender zu erscheinen. "Ich bin stumm wie ein Karpfen; wenn die Franzosen oder Österreicher oder Russen mir etwas zu sagen haben, so haben sie nur zu sprechen. Ich für mein Teil beschränke mich darauf, sie zu schlagen und zu schweigen." —

Der Tag von Kunersdorf (2. August 1759) brachte die schwerste Niederlage des Königs im siebenjährigen Kriege. Friedrich griff die durch ein Österreichisches Heer von 20 000 Mann unter dem tüchtigen General Laudon verstärkten Russen an. Der Anfang der Schlacht war glänzend. Schon sandte der König Kuriere mit der Siegesnachricht nach Berlin, aber das Ende des Tages war fürchterlich. Als man den König beschwor, sich nicht so sehr den Kugeln auszusetzen, sagte er kurz: "Wir müssen hier alles versuchen, um die Bataille zu gewinnen, und ich muß hier wie jeder Andere meine Schuldigkeit tun." — Der Ausgang dieser Schlacht hatte das Gemüt des Königs schwer verdüstert. Er glaubte den Untergang seines Vaterlandes vor sich zu sehen und war entschlossen, diesen Tag nicht zu überleben.

Man sah Friedrich in der Nacht in einer Bauernhütte auf einem Bund Stroh tief schlafend, vor der Tür eine Schildwache. Aber kaum 24 Stunden dauerte die seelische Stimmung des Königs, dann schnellte sein hoher Geist wieder mit der gewohnten Spannkraft empor. Ein Wunder erschien es ihm, daß die Russen trotz ihres Sieges nichts unternehmen; aber deren Feldherr, der Fürst Ssaltykow, tat einen merkwürdigen Ausspruch. "Noch eine solche Schlacht," klagte er, "und ich könnte mit einem Stocke in der Hand nach St. Petersburg wandern." —

So wogte das Glück der Schlachten hin und her. Schon glaubten um die Mitte des August 1760 die Österreicher, als sie das Marschlager des Königs bei Liegnitz von drei Seiten eingeschlossen hatten, ihrer 90 000 gegen 30 000 Preußen, den König im Sack zu haben. "Der Sack sei aufgemacht, man brauche ihn nur zuzuschnüren, um den König mit seiner Armee zu fangen," so scherzte man im österreichischen Lager. "Sie haben so unrecht nicht," sagte Friedrich lächelnd, als er dies hörte, "aber ich denke ihnen ein Loch in den Sack zu machen." —

Und so schlug Friedrich in der Nacht zum 14. August die glänzende Schlacht von Liegnitz. Hier zahlte er dem General Laudon die Schuld von Kunersdorf heim, den Laudon hatte den Sieg von Kunersdorf entschieden. Das Regiment Anhalt hatte sich hier bei Liegnitz besonders ausgezeichnet. Es erhielt seine Huttressen und Seitengewehre wieder, die es im letzten Feldzuge durch einen Befehl des Königs eingebüßt hatte. "Wohl, Kinder," rief der König den Grenadieren zu, die ihn darum baten, "Ihr sollt sie wieder haben und alles soll vergessen sein! Ihr habt brav gefochten, Burschen!" — Worauf ein alter, lang gedienter Grenadier treuherzig erwiderte: "Wie sollten wir nicht? Wir kämpfen ja für den König und für das Vaterland!" Niemals konnte Friedrich diese Episode erzählen, ohne das die Rührung über ihn kam.

Mit hoher Bewunderung muß uns Nachgeborene die gewaltige Entschlußkraft, die in diesem großen Könige wohnte, stets erfüllen. Wohl hatte Friedrich, wie nach Kunersdorf und bei vielen anderen Mißerfolgen und Schlägen des siebenjährigen Krieges, seine gebeugten Stimmungen, wie sie jeder Mensch hat; aber das eben ist das Bewundernswerte an diesem Könige, daß er sich aus allen Tiefen aufraffte und mit stählerner Spannkraft zu neuen Taten schritt. Es sind eherne Worte, die Friedrich in jenen Tagen an seinen Freund, den gelehrten d'Argens, nach Berlin schrieb:
"Niemals werde ich den Augenblick erleben, der mich zwingen soll, einen unehrenhaften frieden zu schließen; keine Überredung, keine Beredsamkeit können mich dahin bringen, meine Schande zu unterzeichnen. Entweder werde ich mich begraben lassen unter den Trümmern meines Vaterlandes, oder, wenn dem Unglück, das mich verfolgt, diese Tröstung noch zu süß erscheint, so werde ich selber meinen Leiden ein Ziel setzen, wenn es nicht mehr möglich sein wird, sie zu ertragen. Ich habe gehandelt und werde zu handeln fortfahren nach dieser inneren Stimme und dem Ehrgefühl, die alle meine Schritte lenken; mein Verhalten wird zu jeder Zeit mit diesen Grundsätzen übereinstimmen. Nachdem ich meine Jugend meinem Vater, mein reiferes Alter meinem Vaterlande geopfert habe, glaube ich das Recht erworben zu haben, über mein Alter frei zu bestimmen. Ich habe es Ihnen gesagt und wiederhole es: nie wird meine Hand eine demütigenden Frieden unterzeichnen. Und so will ich die beenden: entschlossen, alles zu wagen und die verzweifeltsten Dinge zu versuchen, um zu siegen oder ein Ende mit Ruhm zu finden."

Wenige Tage nach diesem Briefe kam es zu der Schlacht von Torgau, da sich der General Graf Daun mit 62 000 Mann hier aufgestellt hatte, zur Schlacht bereit. Friedrich konnte nur zwei Drittel dieser Macht den Feinden entgegenführen. Es war eine furchtbare Schlacht, und der Kanonendonner so stark, das selbst König Friedrich einem General zurief: "Haben Sie je eine gleiche Kanonade gehört?" — Die ersten Angriffe werden von den Österreichern glatt abgeschlagen. Der König setzt seine Person aus, wie er es stets zu tun pflegt. Da trifft ein Kartätschensplitter seine Brust, er sink betäubt zusammen. Die Adjutanten reißen seine Kleider auf, aber zum Glück haben Mantel und Rockfutter die Wirkung des Geschosses geschwächt. "Es ist nichts," sagt der König und befiehlt, was zu befehlen ist. Endlich greift Zieten von Süden her an und nun belebt sich die Wucht des Angriffes auf der Seite des Königs von neuem. Der Sieg neigt sich auf die Seite der Preußen, und in später Abendstunde des November darf Friedrich auf die Altarstufen einer Dorfkirche die Siegesnachricht auf ein Blatt Papier schreiben. Auf einem Bund Stroh, das man ihm geschüttet hat, bringt der König die Nacht zu.

So raffte sich der König stets wieder zu glänzenden Siegen auf, aber dennoch glaubte er, daß er schließlich der Übermacht seiner Feinde erliegen müsse. Allerdings trat bei diesen allmählich eine Kriegsmüdigkeit ein. Die Franzosen ließen durch ihren Gesandten erklären, daß ihr König den Krieg nicht fortsetzen würde. "Wir haben kein Geld, keine Hilfsmittel, keine Marine, keine Soldaten, keine Generale, keine Minister." — Aber Maria Theresia war noch immer hartnäckig. Zu groß war die Trauer um das verlorene Schlesien, zu lebhaft ihr Wunsch, es zurückzugewinnen.

Unter den ständigen Strapazen des Krieges war König Friedrich früh gealtert. "Dies ganze Treiben," schreibt er an die Gräfin Camas, eine mütterliche Freundin aus seinen Jugendtagen, "dieser unaufhörliche Wirrwarr haben mich alt gemacht, daß Sie Mühe haben würden, mich wiederzuerkennen. An der rechten Seite ist mein Haar ganz grau, meine Zähne brechen ab und fallen aus, mein Gesicht hat Runzeln gleich den Falten eines Weiberrocks, Mein Rücken ist gekrümmt, wie ein Bogen und mein Sinn traurig und niedergeschlagen, wie ein Trappistenmöch. Ich bereite Sie auf alles das vor, damit Sie nicht, falls wir uns je in Fleisch und Blut wiedersehen sollten, über meinen Anblick zu erschrocken sind."

Allmählich war der Krieg zu einem schwelenden Feuer geworden. Der König hatte kaum noch 60 000 Feldtruppen unter den Waffen und war von allen Seiten bedroht. Er verglich sich geistreich einem geschickten Musiker, den man fragt, ob er auf einer Geige mit nur drei Saiten spielen könne. "Er spielte so gut es ging. Dann zerriß man ihm eine Saite, dann eine zweite. Er spielte, aber er spielte natürlich weniger gut. Endlich zerriß man ihm auch die letzte Saite und verlangte, daß er trotzdem seinem Instrument Töne entlocken sollte."

Da trat der Tod als Bundesgenosse des Königs auf . Seine bittere Feindin Kaiserin Elisabeth von Rußland starb, und ihr Nachfolger, Zar Peter III., ein glühender Verehrer Friedrichs, beeilte sich nicht nur, Frieden zu schließen, sondern bot dem Könige auch ein Bündnis an. Allerdings dauerte das nicht lange, denn Zar Peter wurde nach kurzer Zeit ermordet, und seine Gemahlin Katharina bestieg den Thron. Sie erhielt das Bündnis zwar nicht aufrecht, aber beim Frieden blieb es, weil sie mit ihrem großen Russenreich genug zu tun hatte.

Den letzten Sieg in dem Kriege gewann des Königs Bruder Prinz Heinrich in der Schlacht von Freiberg (29. Oktober 1762). Der König war hocherfreut über den Erfolg seines Bruders. "Die Ankunft Ihres Briefes, mein lieber Bruder, hat mich zwanzig Jahre jünger gemacht. Gestern war ich sechszig, heute kaum achtzehn; der Dienst, den Sie dem Staate geleistet haben, ist so wichtig, das ich meine Dankbarkeit nicht hinlänglich auszudrücken vermag und warten will, bis ich es in Person tun kann." —

Endlich dann nach sieben blutigen Jahren wurde am 15. Februar 1763 der friede zu Hubertusburg geschlossen. Von vornherein hatte Friedrich der Große den gegnerischen Unterhändlern erklärt: "Rechnet ja nicht darauf, ein Dorf oder einen Groschen von mir zu bekommen."

So war das Ringen zu Ende, und König Friedrich, und König Friedrich unbestrittener Sieger in diesem furchtbaren Zweikampf. "Es ist doch ein gutes Ding um den Frieden, den wir abgeschlossen haben," sagte er erleichtert zu seinem Gesandten Herzberg, "aber — man muß sich das nicht merken lassen." —

König Friedrich hatte die Fünfzig überschritten, als er aus dem Feldzuge kam. Wohl hätte er sich gern der Ruhe hingegeben, aber seiner warteten zertretene, ausgeplünderte, durch Mordbrennerei und alle Schrecken des Krieges verheerte Provinzen. Mit der Stunde des Friedensschlusses fing eine neue, nie versiegende Arbeit an, und dieser König hat zu keiner Stunde versagt: "Der Mensch muß arbeiten, wie der Ochs pflügen muß!"

Auf hoher Stirn des Genius Zeichen —
Die Lippe schmal, — das Aug' ein Blitz, —
Im Kampf mit vier gewalt'gen Reichen
Stand, ohne einen Schritt zu weichen,
Die Hand am Schwert, der alte Fritz.
Das war ein Krieg von sieben Jahren,
Fortuna ging von Hand zu Hand,
Und doch, als sie zu Ende waren,
Erzwangen seiner Feinde Scharen
Nicht ein Büchse märk'schen Sand

Man weiß in Friedrichs Geschichte nicht, wann man mehr bewundern soll. Dreiundzwanzig Jahre währte die erste Periode seiner Regierung, von 1740 bis 1763. Sie war erfüllt mit dem ersten und zweiten schlesischen Krieg, mit den Jahren von Sanssouci, mit dem siebenjährigen Ringen um den Besitz Schlesiens und um mehr, um den Bestand der Monarchie. Diese Periode war ein großes Auf und Ab, ein Wagen, Emporschnellen und Wiederwagen, ein Schulen und Spannen der Kräfte des Staates, ein Bessern dessen, was nicht gut schien, ein unendliches Mühen dieser großen Seele, die Krone, welche die Geburt ihr aufs Haupt gedrückt hatte, königlich zu tragen. Diesem Hochgeborenen war die Königschaft mehr als eine Würde, sie war ihm eine Pflicht, eine unabweisliche, strenge, mit jedem Tag von neuem an ihn herantretende Pflicht.

Aber diese erste Periode hatte ihre Höhen. Mochte der König noch so gleichgültig vom Ruhm denken gelernt haben, dennoch wob sich der Lorbeer um seine Schläfen und ein Europa bewunderte ihn. Die zweite Periode, die zweiten 23 Jahre, hatte solche Höhen nicht mehr. Aus dem König Friedrich, den die Welt "der Großen" nannte, war der "alte Fritz" geworden, und seine Tage kannten nur die Pflicht, die nüchtern jeden Tag vor ihn trat und nüchtern mit gefüllter Tasche ging. Es gab keinen Wechsel der Dinge mehr, kein Auf und Ab; das Schwert, von Lorbeer umsäumt, ruhte, die Flinten schwiegen, die Kanonen wurden nur an Festtagen gelöst.

Und so begann mit dem Tage der Ankunft in Berlin diese zweite Hälfte des großen Königslebens und lief dahin, ein Tag dem andern folgend, ein Mond dem andern, ein Jahr dem andern, und sammelte im Schoß dieser dreiundzwanzig Jahre ein so gerütteltes Maß von Arbeit, daß die Bewunderung in tiefer Bewegung steht. Als einstigen träume eines von künstlerischem Geiste und heiterer Lebenskunst getragenen Lebens sind längst erloschen. Die dreimal heilige Arbeit ist das Los dieses Königs, die heischende Pflicht seiner Tage Gefährtin."An der Stelle, wo ich stehe, muß man handeln, als sollte man niemals sterben." Dank? Er will ihn nicht, und wenn sich Hände dankend heben, so gibt es für ihn nur das eine Wort: "Dafür bin ich da."

Ohne eine Stunde zu verlieren, gleich am Tage seiner Ankunft in Berlin begann König Friedrich mit der Wiederherstellung des Staates. "Fürsten," sagte er, "müssen der Lanze des Achilleus gleichen, welche die beigebrachten Wunden auch wieder heilt." — Große Summen flossen auf des Königs Geheiß an Städte und Landratsämter. Vor allen Dingen handelte es sich darum, dem Volke Mut zu machen, die zerstörten Hütten wieder aufzubauen, die zerstampften Felder wieder zu bestellen, und dann mochte der eigene Fleiß des Einzelnen das Übrige tun. In Schlesien, in Pommern, in der Neumark wurden an 15 000 Häuser und Gehöfte neu gebaut. Stets war Friedrich willig zu geben. Im ganzen hat der König seit dem Friedensschluß über 40 Millionen Taler aufgewandt, um der allgemeinen Not zu steuern. Er pflegte zu sagen: "Ob ich nun eine oder anderthalb Millionen mehr im Staatsschatz lasse oder nicht, das ist gleichviel, und besser ist es, wenn ich noch in meinem Leben Gutes damit stifte!"

Nicht nur um die blühende Provinz Schlesien hat König Friedrich seine Staaten vermehrt. Er griff auch mit fester Hand dann zu, als von Rußland und Österreich die Aufteilungen des Königreichs Polen beschlossen wurde. Zwar wurde dadurch einer Nation ihre Selbständigkeit genommen, aber diese Nation hatte sich nicht lebensfähig erwiesen, ihre Selbständigkeit zu erhalten. Die ganze Aufteilung ging ohne Schwertstreich ab. "Wenn man seine getrennten Staaten," schrieb Friedrich einmal, "zu einem Ganzen verbinden kann, so möchte schwerlich ein Sterblicher zu finden sein, welcher das nicht mit Vergnügen unternehmen sollte. Es ist dabei wohl zu bemerken, daß alles noch dazu ohne Blutvergießen abgegangen ist. Ein wenig Tinte und eine Feder haben alles abgetan und Europa wird nun von den schlimmsten Unruhen befreit sein." — König Friedrich hat nie das Empfinden gehabt, daß den Polen ein Unrecht geschähe.

"Wegen dieser polnischen Angelegenheit," meinte Friedrich, "könnte ich mich vor allen Richterstühlen der Welt verteidigen." — In der Tat hat der große König und mit ihm der preußische Staat im Laufe der Zeit eine gewaltige Kulturarbeit an den polnischen Gebietsteilen, welche dem Königreich Preußen als Westpreußen einverleibt wurden, vollbracht. "Das sicherste Mittel," schrieb der König an den Oberpräsidenten der Provinz, "diesen slavischen Leuten bessere Begriffe und Sitten beizubringen, wird immer sein, solche mit der Zeit mit Deutschen zu vermischen." — Bald entschloß sich der König, ganze Dörfer mit Deutschen zu besiedeln. Aus allen deutschen Landen rief er sie herbei, und deutsche Gesittung, deutscher Fleiß, deutsche Wirtschaftlichkeit sollten den Polen die Kultur bringen. "Was gemacht wird, ist nicht auf kurze Zeit, sondern auf die Jahrhunderte gemacht." —

Noch einmal reckte am Ausgange des vierten Jahrzehnts seiner Regierung der große König das Schwert empor. Nach dem Tode des bayerischen Kurfürsten erlosch der Mannesstamm der kurbayerischen Linie, und es wurde nun ein Vertrag kund, nach welchem das Haus Habsburg sich zum Erben der bayerischen Lande aufgeworfen hatte. Sobald der Kurfürst die Augen zugemacht hatte, marschierten 10 000 Österreicher in die abgetretenen bayerischen Gebiete ein (Mitte Januar 1778). Aber Friedrich trat für den rechtmäßigen Erben der Wittelsbacher Lande ein. Er war der Einzige im Reich, der für den Herzog Karl von Pfalz Zweibrücken das Schwert zog. Anfang Juli 1778 überschritt Friedrich an der Spitze der ersten Sektion seiner Avantgarde von neuem die böhmische Grenze. Fast vierzig Jahre war es her, seit er sie als junger König überschritten hatte.

Jetzt war es die Pflicht, die ihn zwang, und er säumte nicht, sie zu tun, und selten in der Geschichte ist eine so ehrliche Politik zum Schutze der deutschen Reichsfürsten getrieben, wie Friedrich sie hier trieb. "Bis dahin," schrieb die sächsische Kurfürstin, eine Tochter des Hauses Wittelsbach, "hatte Friedrich vornehmlich für die Seinen gekämpft; jetzt kämpfte er für die anderen, er wurde der uneigennützigste Schiedsrichter in den Händeln der Herrscher, das Werkzeug der obersten Gerechtigkeit, welche die Nation richtete." — Das Stoßgebet in Bayern hieß damals, wie der Volkswitz meinte, nicht: "Jesus, Maria und Josef," sondern " Jesus, Maria und Friedrich," und es gab fast kein Haus in München, in welchem man nicht das in Kupfer gestochene Porträt des Königs Friedrich von Preußen fand. Die Drohgebärde Friedrichs genügte. Das Haus Habsburg war gezwungen, Wasser in seinen Wein zu gießen, und der junge Kaiser Josef mußte die Lande, die er so schleunig besetzt hatte, wieder herausgeben.

In Friedrich tauchte damals der Gedanke auf, die deutschen Stämme und Lande zu bereinigen und einen Fürstenbund zu gründen, um jeden Angriff und jeder Vergewaltigung gegenüber Schulter an Schulter zu stehen. Ein solcher Fürstenbund kam auch am 23. Juni 1785 zu Berlin zustande. Preußen, Sachsen, Hannover und einige andere deutsche Reichsfürsten vereinigten sich. Es waren, wenn man so will, die Anfänge eines deutschen Bundes, eines deutschen Reichs, und Friedrich war nach Goethes Worten "der Polarstern, um den sich Deutschland, Europa, ja die Welt zu drehen schien." —

So war König Friedrich, nimmermüde im Dienst seines Staates, ein Siebziger geworden. Ein Tag ging ihm hin wie der andere. Er zwang die Tage, ihm zu dienen. Er stand sehr früh auf, spätestens um 4 Uhr im Sommer, im Winter eine Stunde später. Wurde er nicht rechtzeitig geweckt, so zürnte er. Er zog sich gewöhnlich, auf den Bett sitzend, die Strümpfe und die schwarzen Samtbeinkleider an, die er stets trug. Dann folgten die Stiefel, die niemals neu waren, auch nie frisch gewichst sein durften und daher oft rötlich aussahen. Vor dem Kamin stehend, vollendete er seinen Anzug, und ließ sich das Haar pudern. Da er indes für dies Geschäft wenig Zeit hatte, so wurde er stets nur flüchtig gemacht. Nach beendeter Toilette brachte der Adjutant den Rapport des Tages, und der König konferierte alsdann mit seinen Generaladjutanten über Militär Angelegenheiten.

Dann trank Friedrich seinen Kaffee, zwei bis drei Tassen. Nach dem Kaffee pflegte er auf der Flöte zu phantasieren, wobei er im Zimmer auf und ab ging, und nach seiner eigenen Aussage sind ihm dabei die glücklichsten Gedanken über wichtige Geschäfte gekommen. Um 9 Uhr erledigte Friedrich die Berichte seiner Kabinettsräte und versah die vielen Eingaben und Gesuche mit Bleistiftnotizen, den berühmten Randbemerkungen, die immer den Nagel auf den Kopf trafen. Was auch vor sein Auge kommen mochte, alles wurde von diesem König scharf und wohlwollend überlegt. Um 10 Uhr erhielt der Kommandant die Parole, der König erteilte einige Audienzen, las laut deklamierend aus französischen Klassikern, stieg dann zu Pferde und ritt zur Parade oder ritt spazieren. Die Mittagstafel, welche um 12 Uhr stattfand, brachte Gäste und geistreiche Unterhaltung über Politik, Religion, Geschichte, Kriegsangelegenheiten und was sonst an der Tagesordnung war.

Der Umgang an der Tafel, wie auch sonst in des Königs Umgebung, war ungezwungen; er ließ seine Gegenwart niemals lästig empfinden. Allerdings verlangte er die gebührende Achtung inmitten der ungebundensten Unterhaltung. Auch nach Tisch blies der König wieder eine halbe Stunde Flöte, dann ging es an die Lesung und Unterschrift der Briefe und Befehle. Friedrich las alles sehr gewissenhaft und fügte oft eigenhändige Bemerkungen hinzu. Es war Grundsatz bei ihm, alle Eingaben möglichst am selben Tage zu beantworten. Der Abend brachte etwas Musik und Unterhaltung. Um 10 Uhr pflegte der König sein Schlafzimmer aufzusuchen. Sechs Stunden Schlaf genügten ihm, in späten Jahren allerdings wurden es sieben und acht Stunden.

Solche Tagesordnung wurde, wenn es Revuen und Reisen und Besichtigungen, sei es in Berlin, sei es in den Provinzen, gab, natürlich unterbrochen. Der König schenkte sich nichts, und mochten ihm die Ärzte noch so abraten, die Reisen, die er geplant hatte, unternahm er dennoch. "Meine Methode, mich einzurichten, bleibt immer dieselbe. Je mehr man sich verwöhnt, desto schwächer und empfindlicher wird der Körper. Mein Metier verlangt Arbeit und Tätigkeit. Mein Körper und Geist müssen sich ihrer Pflicht anbequemen. Es ist nicht nötig, daß ich lebe, aber wohl, das ich handle, dabei habe ich mich immer sehr wohl befunden." — Und als den Siebzigjährigen der Arzt durchaus von einer Reise nach Westpreußen zurückhalten will, meint Friedrich kopfschüttelnd: "Doktor, Er treibt sein Geschäft und ich das meinige. Ich will bis zum letzten Moment meine Pflicht als König tun!" —

Auf einer solchen Reise sah ihn als Kind der spätere General von Marwitz. Er erzählte: "Wir warteten und eine Menge Volks mit uns. Die Vorspannpferde standen geordnet, Bauernpferde, ganz kleine Katzen, aber die besten ausgesucht, die Bauern, die reiten sollten, geputzt, und zehn Stück Pferde zu des Königs Wagen, hinten vier, die der Kutscher vom Bock fuhr, dann zweimal zwei, auf jedem Paar ein Bauernknecht, und auf den vordersten zwei der Königs Vorreiter. Nun kam der Feldjäger auf einem Bauernpferde mit der großen Hetzpeitsche, ein Bauer als Begleiter mit ihm. Der Feldjäger, glühend von der Hitze, stieg ab, sagte: der König werde in fünf Minuten hier sein, sah das Relais nach und die Kerle mit den Wassereimern, die die Rädern begießen sollten, stürzte ein ganzes Quart Bier hinunter und da unterdessen sein Sattel auf ein anderes kleines Bauerpferdchen gelegt war, hinauf und im Galopp weiter.

Bald kam der Page, ebenso beritten, ein Jüngling von siebzehn bis achtzehn Jahren, ganz erschöpft, mußte vom Pferde heruntergehoben und nachher wieder auf das frische hinaufgeholfen werden, weil er seiner kaum mehr mächtig war — und dicht hinter ihm kam der König. Er saß allein in einer altmodischen Fensterkutsche. Der Wagen hielt, und der König sagte zu seinem Kutscher Pfund: "Ist das Dolgelin?" "Ja, Ihro Majestät!" "Hier will ich bleiben." "Nein," sprach Pfund, "die Sonne ist noch nicht unter. Wir kommen noch recht gut nach Münchenberg, und dann sind wir morgen früher in Potsdam." "Na! — wenn es sein muß."

Und damit wurde umgespannt. Die Bauern,welchem von weitem ganz still mit ehrerbietig gezogen Hüten standen, kamen sachte näher und schauten den König begierig an. Eine alte Semmelfrau aus Libbenichen nahm mich auf den Arm und hob mich gerade an dem Wagenfenster in die Höhe. Ich war nun höchstens eine Elle weit vom König entfernt, und es war mir, als ob ich den lieben Gott ansähe. Er sah ganz gerade vor sich hin, durch das Vorderfenster. Er hatte einen ganz alten dreieckigen Montierungshut auf, dessen hintere Krempe hatte er nach vorn gesetzt und die Schnüre losgemacht, so das diese Krempe vorn herunterhing und ihn vor der Sonne schützte. Die Hutkordons waren losgerissen und tanzten auf dieser heruntergelassenen Krempe umher; die weiße Generalsfeder im Hut war zerrissen und schmutzig; die einfache blaue Montierung mit roten Aufschlägen, Kragen und goldenem Achselband alt und bestaubt, die gelbe Weste voll Tabak; — dazu hatte er schwarze Samthosen an.

Ich dachte immer, er würde mich anreden. Ich fürchtete mich gar nicht, hatte aber ein unbeschreibliches Gefühl von Ehrfurcht. Er tat es aber nicht, sondern sah immer gerade aus. Die alte Frau konnte mich nicht lange hochhalten und setzte mich wieder herunter. Da sah der König den Prediger, winkte ihn heran und fragte, wessen das Kind sei. "Des Herrn v. Marwitz in Friedersdorf." "Ist das der General?" "Nein der Kammerherr." Der König schwieg, denn er konnte die Kammerherren nicht leiden, die er wie Müßiggänger betrachtete. Die Umspannung war geschehen, fort ging es. Die Bauern sprachen den ganzen Tag vom König, wie er dies und jenes in Ordnung bringen und allen denen den Kopf waschen würde, die ihnen unangenehm waren.—"

Im Dienst des Staates holte sich König Friedrich seine Todeskrankheit. Der Gicht und der Schwäche nicht achtend, reiste der König im August 1785 zu den Truppenübungen nach Schlesien und saß während des Haupttages der Revue (24. August) sechs Stunden lang, nur bekleidet mit dem schlichten blauen Uniformrock, zu Pferde, während es wie aus Eimern goß. Bis auf die Haut durchnäßt, kehrte er in das Quartier zurück. Wenige Wochen später erlitt er in Potsdam einen Stickfluß, eine Art Schlaganfall, der sich nur langsam besserte. Und immer mehr traten die Erscheinungen der Wassersucht während des Winters zutage. Sobald der Frühling nahte, hielt Friedrich es im Potsdamer Stadtschloß nicht mehr aus. Er ließ sich am 17. April nach einer langen Spazierfahrt durch die Dörfer nach seinem lieben Sanssouci fahren. — Und doch ist es, als ob dieser König noch den letzten Atemzug zurate halten will. Er durchwacht die Nächte in seinem Lehnstuhl, weil die Luft nicht durch will, und dann, um 4 Uhr früh, empfängt er seine Sekretäre. "Meine Herren, mein Zustand zwingt mich, Ihnen diese Mühe zu machen, die für Sie nicht lange dauern wird. Mein Leben ist auf der Neige, die Zeit, die ich noch habe, muß ich benutzen, sie gehört nicht mir, sondern dem Staat." Noch einmal mochte der König zu Pferde steigen. Am 4. Juli ließ er den Schimmel Condé vor sich bringen, sein altes, liebes Tier, und saß im Sattel und ritt dreiviertel Stunden durch den Garten von Sanssouci.—

In der Nacht zum 17. August 1786 hört der König die Glocke elf schlagen: "Was ist die Glocke? Um vier Uhr will ich aufstehen." Sein Auge fällt auf ein fröstelndes Windspiel, und er befiehlt, man möge das Tier mit einem Kissen zudecken. Von seinem Kammerhusaren Strützky gestützt — der treue Mensch hatte sich auf das Knie niedergelassen und harrte so drei Stunden aus — atmet Friedrich unablässig schwer und schwerer und sein Leben keucht dem Tode entgegen. Ein heftiger Hustenanfall, der etwas Schleim löst. "La montagne est passée, nous irons mieux." "Wir sind über den Berg, jetzt wird's besser gehen!" Der Zeiger der Uhr zeigte zwanzig Minuten nach zwei in der Frühe des 17. August. als die königliche Brust den letzten Atemzug tat.

Was Menschenkraft vermag, — er hat es
In nimmermüden Tun gelehrt;
Ein mann der Tat, der Pflicht, des Rates,
"Der erste Diener seines Staates",
O stolzes Wort von ew' gem Wert.
Wir aber nah'n uns Deinen Nauen,
Du Held, der einer Welt gewehrt;
Dein Preußen schritt auf Siegesbahne,
All Deutschland folgte seinen Fahnen:
Dein Erbe, Herr, ist unversehrt!

 

Quelle: König Friedrich der Große, Ein Gedenkbuch zu seinem 200jährigen Geburtstage 24-Januar-1912, Theodor Rehtwisch, Verlag Georg Wigand, Leipzig, von rado jadu 2001

 

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