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"Es
ist nicht nötig, daß ich lebe, wohl aber, daß ich meine
Pflicht tue und für das Vaterland kämpfe, um es zu retten, wenn
es noch zu retten ist." Diese Worte, welche König Friedrich
der Große in der schweren Zeit des siebenjährigen Krieges niederschrieb,
sind gleichsam eingegraben in die Erztafeln der vaterländischen Geschichte.
Sie sind, seitdem sie gesprochen worden, förmlich zu einem Bekenntniswort
geworden für jeden Preußen, mehr noch für jeden Deutschen,
seitdem das Königreich Preußen zum Fundament des großes
deutschen Vaterlandes geworden ist. Diese eiserne Mahnung zur Pflicht
hat für das große Deutschland auch gegolten, als es in den
Jahren 1870 und 1871 im blutigen Ringen gegen Frankreich seine Einigkeit
und seine Kaiserkrone sich gewann." Wir glauben daher recht zu tun,
wenn wir gerade diese Worte in ihrer wunderbaren Kürze und Schwere
dieser Gedenkschrift zum zweihundertjährigen Geburtstage des großen
Preußenkönigs voranstellen.
Von jeher
haben Männer die Geschichte gemacht, und wenngleich eine fortgesetzte
Entwicklung der Völker gern anerkannt werden soll, so waren es doch
immer Männer, die sich zu Führern solcher Entwicklung aufwarfen
oder die über ihre Zeit hinausragend stark genug waren, solche Entwicklung
erst hervorzurufen. Und zu diesen letzteren gehört König Friedrich
II., den sein Volk nach unerhörten Siegen dankbar den Großen
genannt hat.
Gewiß,
es waren große Männer, bedeutende Fürsten unter seinen
Ahnen, die ihm vorgearbeitet hatten. Der große Kurfürst Friedrich
Wilhelm, sein Urgroßvater, war es, der schon mit zwanzig Jahren
die Kurwürde in Brandenburg und den Herzogshut in Preußen erbte
und dann in einer fast fünfzigjährigen Regierung mit fester
Hand den Staat zusammenballte, der unter seinem Sohn König Friedrich
I. zum Königreich Preußen erhoben werden sollte. Längst
nicht alle Wünsche, die Kurfürst Friedrich Wilhelm hatte und
mit Recht haben durfte, waren diesem großen Manne in Erfüllung
gegangen. Als er, der Schwedenbesieger, der große Feldherr und Staatsmann,
sich schließlich von aller Welt verlassen und um die Früchte
seiner Siege in Pommern und Preußen betrogen sah, da warf er zornig
die Feder von sich, mit welcher er gezwungen nur den Frieden von Saint
Germain unterschrieben hatte, einen Frieden, der ihn um alle Vorteile
brachte zornig rief er aus und zugleich prophetisch die Worte:
"Exoriare aliquis nostrix ex ossibus ultor!" "Aus meinen
Gebeinen möge mir ein Rächer erstehen!" Und dieser Rächer,
er erstand in seinem Urenkel Friedrich den Großen, von dem wir hier
reden wollen.
Aber auch
der Vater Friedrichs, König Friedrich Wilhelm I., war ein bedeutender
Mann, der unermüdlich große Ziele verfolgte. Friedrich Wilhelm,
den die Geschichte den Soldatenkönig nennt, war viel mehr als das.
Wohl war er der Erzieher des preußischen Heeres, aber er war zugleich
der Erzieher des preußischen Volkes, und so hat ein großer
Geschichtsschreiber von ihm gesagt: "Wer Völker nach seinem
Ebenbild formt, der ist ein König, und trüge er auch statt des
Szepters einen Spazierstock."
War der große
Kurfürst, dessen reger Geist von keinem Entwurf stillstand, ward
er, der große Staatsmann und Feldherr, nie müde, neu zu planen,
zu rüsten, Bündnisse zu kitten, Verträge zu zerreißen,
ja, selbst in jener frühen Zeit eine Flotte auf das Meer hinauszusenden,
so war Friedrich Wilhelm, sein Enkel, dagegen ein Mann der Arbeit innerhalb
der Grenzen des ihm überkommenen preußischen Staates. Hatte
der Große Kurfürst das Herzogtum Preußen und das mühsam
eroberte Hinterpommern, die magdeburgischen und clevischen Lande eng zusammengefaßt
durch die Macht seines Willens zu einem wehrfähigen Staate, der in
dem halben Jahrhundert seiner Regierung eine große Bedeutung in
Europa gewann, so sah König Friedrich Wilhelm I. seine Aufgabe in
der Kleinarbeit, in der Festigung dieses Staates von innen heraus , in
der Ausbildung und Ergänzung der Armee und in der Schaffung eines
Beamtenheeres, das seine Anordnungen mit der größten Gewissenhaftigkeit
ausführte. König Friedrich Wilhelm, selbst ein Arbeiter von
unglaublichem Fleiße, verlangte von seinen Beamten das Menschenmögliche.
Schlagend und kurz hat der Vater Friedrichs des Großen seinem Sohne
gesagt, wie er seine hohe Aufgabe auffaßte, mit den Worten: "Arbeiten
müßt Ihr, so wie ich das beständig getan habe. Ein Regent,
der in der Welt mit Ehren regieren will, muß seine Sachen alle selber
machen, denn die Regenten sind zum Arbeiten geboren und nicht zum faulen
Leben."
Solchem Ahn,
solcher Vater, denen beiden das Pflichtgefühl als höchstes Gebot
galt, war König Friedrich zur Nachfolge bestimmt, als er um die Mittagszeit
am Sonntag dem 24. Januar des Jahres 1712 im Berliner Königsschlosse
geboren wurde, als der dritte Sohn des damaligen Kronprinzen Friedrich
Wilhelm und seiner Kronprinzessin Sophie Dorothee aus dem Kurfürstlichen
Hause Hannover. Schon waren den Eltern zwei Söhne in ganz zarten
Alter gestorben, und man kann sich denken, wie groß die Erregung
in Berlin war, als an dem hellen Wintertage um die Mittagszeit plötzlich
die Kanonen gelöst wurden und ankündeten, daß im Königsschlosse
ein Kind das Licht der Welt erblickt habe. Die guten Berliner haben damals
erregt mitgezählt, und als die Schüsse über den einundzwanzigsten
hinausgingen und bis zur Zahl 101 weiter dröhnten, mag manchem getreuen
Bürger ein Stein vom Herzen gefallen sein, denn nun war die Erbfolge
im Königshause der Hohenzollern gesichert, ein junger Prinz war angekommen!
Besonders
aber war es König Friedrich I., des Kindes Großvater, den grenzenlose
Freude erfüllte. Mit Sorgen hatte der alternde König das Sterben
seiner zwei ersten Enkel erlebt, und nun durften seine Augen dennoch den
Nachfolger seiner Krone sehen, seine Hände durften ihn segnen. Und
da er ein prachtliebender Herr war, so wurde bei der Taufe des Prinzen,
die schon am siebenten Zage nach der Geburt, am 31. Januar, stattfand,
die ganze Pracht des preußischen Königshofes entfaltet. Das
Kind in seinem Steckkissen trug er an seiner Seite schon den schwarzen
Adlerorden und ein Krönlein auf dem Haupte. Man erzählt, daß
sechs Gräfinnen die schwere Schleppe seines Taufkleides trugen, eines
Kleides von reichem Silberbrokat, mit Diamanten besetzt. Der königliche
Großvater selbst hielt den kleinen Prinzen über die Taufe.
Alle Glocken von Berlin jubelten über der Stadt, und Kanonendonner
mischte sich dazwischen. So wurde dieser junge Prinz in Pracht und Prunk
getauft, der später als König im schlichten, abgetragenen Uniformrock,
im alten, weichgedrückten Dreimaster und den bequemen Lederstiefeln,
die er nur ungern zu wechseln liebte, den Krückstock in der Hand,
seine schwere Königspflicht tagein tagaus zu tun berufen war.
Nur
ein Jahr lang noch überlebte König Friedrich die Geburt seines
Enkels. Im Februar 1713 starb der erste preußische König, und
sein Sohn Friedrich Wilhelm I. bestieg den Thron. Damit kam ein ganz anderes
Regiment in Preußen hinein. Mit schuldiger Ehrfurcht, mit königlichem
Pomp, wie der Tote ihn geliebt hatte, bestattete Friedrich Wilhelm seinen
Vater; aber dann ging eine große Veränderung des Hofhaltes
vor sich. "Wozu", dachte Friedrich Wilhelm, "dies großeHeer
von Müßiggängern?" Er setzte sich selbst über
die Hofhaltungsliste und strich und strich und brachte es fertig, mit
seinen praktischen Strichen die Hofhalten von 276 000 Talern auf den fünften
Teil, auf 55 000 Taler herabzusetzen. Sparsamkeit und unermüdliche
Arbeit waren die unabänderlichen Grundsätze dieses Königs.
"Parole auf dieser Welt," schrieb er einst an den Fürsten
Leopold von Anhalt Dessau, seinen Vertrauten, "ist nichts als Unruhe
und Arbeit, und wo man nicht selbst die Nase in jeden Dreck steckt, so
geht die Sache nicht, wie sie gehen soll." Seine prächtige,
immer tätige Natur konnte keinen Müßiggänger leiden.
Es ist wohl vorgekommen, daß das spanische Rohr des Königs
irgendeinen Faulpelz unsanft berührte mit den Worten: "Scher'
er sich heim und tu' er was!" Wer ein Amt hatte, sollte arbeiten,
und zwar für das Gehalt, das er bezog, möglichst viel, möglichst
schnell, ohne Zögern, ohne Aufschub.
Wie dieser
König für sich keine Schonung kannte, denn von der frühen
Morgenstunde an saß er an seinem einfachen Schreibtisch, und ein
Geschäft jagte in seinem Tageslauf das andere, so kannte er solche
Schonung auch nicht für seine Leute. Das eigenhändige königliche
"cito citissimo", "schnell, schnellstens" auf den
Akten war ein allseitig gefürchteter Vermerk. Dies Aufpassen Königlicher
Majestät ließ die Beamten nicht zur Ruhe kommen, und so entstand
eine musterhafte Verwaltung im Einzelnen. Jeder Beamte mußte auf
seinem Posten sein, Tag und Nacht, wenn es galt. Als einmal einer der
Herren gegen seine Versetzung Einspruch erhob, beschied ihn Friedrich
Wilhelm kurz: "Man muß dem Herrn mit Leib und Leben, mit Hab'
und Gut, mit Ehre und Gewissen dienen, und alles daran setzen an die Seligkeit,
aber alles Andere, das muß mein sein." So übersetzte der
König auf seine Weise das Bibelwort: "Gebet dem König,
was des Königs ist, und Gott, was Gottes ist." Durch das ganze
Land schallte sozusagen befehlende und allenthalben deutlich vernehmbar
die weinerliche, metallhelle, durchdringende Stimme dieses Monarchen,
der mit Recht als der große Volkswirt und Volkserzieher, der größte
seines Jahrhunderts, gepriesen wird.
Geordnete
Finanzen und ein schlagfertige Heer, diese beiden Dinge galten für
König Friedrich Wilhelm I. als die Hauptstützen seines preußischen
Staates, wie sie auch heute noch nach 200 Jahren das für jeden Staat
sind und sein müssen. Für das damalige Preußen doppelt
und dreifach. Denn lang hingestreckt zog sich der preußische Staatskörper
vom Rhein bis an das Kurische Haff, ein Land mit sehr unsicheren Grenzen,
das eines starken, wohlgeschulten Heeres bedurfte, wie kein anderes. Des
Königs Gehilfe in seinem Soldatenhandwerk war der Fürst Leopold
von Dessau, der in der Geschichte den Namen "Der alte Dessauer"
erhalten hat. Er war der Erfinder des eisernen Ladestockes, der sehr bald
in den preußischen Kriegen eine wichtige Rolle spielen sollte gegenüber
dem hölzernen, der bei den anderen Heeren noch in Gebrauch war. Fürst
Leopold von Dessau war der Schulmeister des preußischen Heeres.
Er erfand den Paradeschritt, er sorgt für eine fast übermenschliche
Präzisität im Exerzieren, Chargieren, feuern, in allen Waffenübungen,
die zum Soldatendienst gehörten, und das preußische Heer dankte
es dem König und dem Dessauer, daß es bald für das Musterheer
in Europa galt; und die Grundlagen, welche jene beiden Männer für
die Ausbildung des Heeres geschaffen haben sie gelten heute noch.
König
Friedrich Wilhelm I. war ein mann von rein deutscher Gesinnung. Er war
in seinen jüngeren Jahren ein schöner, stattlich gebauter Mann
mit wohlgefügten Gliedern und sehr feinen, wohlgepflegten Händen,
die aber zugreifen und festzuhalten verstanden. Er trug eine schöne,
freie Stirn, ein kluges, graues Auge. Zwar zeigte sich schon in frühen
Jahren eine Neigung zur Wohlbeleibtheit, was aber seinen Grund mit darin
haben mochte, daß der König ein sehr starker Esser war. Allerdings
machte er an die Küche wenig Ansprüche. Von der französischen
Küche wollte er überhaupt nicht viel wissen; er hielt sich an
Pökelfleisch, Erbsen, Sauerkohl, Speck und Bohnen. Wenn es möglich
war, ließ er seinen Mittagstisch im Freien unter einem schattigen
Baum decken. Der König liebte frische Luft, frisches Wasser, badete,
wo er nur konnte, manchmal vier bis fünf Mal am tage. Einen schlimmen
Haß hatte er Polstermöbel, Teppiche, Portieren und Staubfänger
dieser Art. Sein Arbeitssitz war ein Holzschemel und ein einfach gezimmerter
Tisch. Die Jagd war seine Erholung, und wenn es nichts zu jagen gab, so
sammelte er seine Generale, Minister, Gesandten um sich, und so entstand
das Tabakskollegium, das geschichtlich berühmt geworden ist.
Der König
saß dann mit seinen Gästen um einen einfachen Tisch, jeder
mit einem Krug Ducksteiner Bier vor sich und eine Tonpfeife mit holländischem
Tabak. König Friedrich Wilhelm liebte das Rauchen und hat es eigentlich
hoffähig gemacht. Auf einem Anrichtetisch stand ein Topf mit Butter,
Brot, Schinken, Braten, Käse, wovon sich jeder nach Belieben nehmen
konnte. Es mußte sich jeder selbst bedienen. In jenen Abendstunden
beim Flackern der Kerzen und beim gemütlichen Trunk legte Friedrich
Wilhelm den Herrscher ganz ab. Er war dann Freund unter Freunden, vertraulich
und offen sprach er über seine Absichten und Pläne. Schnurren
und Späße sehr derber Art brachten Abwechslung in diese Abende.
Aber mochte diese soldatische Geselligkeit auch derb sein, sie war noch
viel harmloser als die kostspieligen und liederlichen Zerstreuungen, wie
sie damals an anderen deutschen Fürstenhöfen Sitte waren, denn
König Friedrich Wilhelm dachte in sittlicher Beziehung sehr streng.
Als er einst eine Einladung an den üppigen sächsischen Königshof
gefolgt war, schrieb er an Leopold von Dessau: "Ist gewiß nit
christlich Leben hier, aber Gott ist mein Zeuge, daß ich kein Plaisir
daran gefunden und noch so rein bin, als ich von Hause hergekommen und
mit Gottes Hilfe beharren werde bis an mein Lebensende."
Der
König war auch ein aufrichtiger gläubiger Mann und sich wohl
bewußt, daß er dem höchsten Gott für sein Handeln
Rechenschaft schuldig sei, und nicht nur für sich, sondern auch für
seine Familie und sein Volk. Er fühlte sich in dieser Eigenschaft
als unbeschränkter Heer im Lande, und da er es gut meinte mit seinem
Volk und den Seinigen, so sollte auch unbedingt und ohne Widerrede das
gelten, was er befahl. Stieß er auf Widerspruch, so wurde seine
Strenge oft zur Härte und sein Jähzorn lohte fürchterlich
auf. Dieser Jähzorn war ein Tropfen in seinem Blut, für den
der König selbst nicht konnte. Stand in solchen Augenblicken jemand
vor ihm, der seine Frömmigkeit anrief, so wurde Friedrich Wilhelm
weich wie Wachs, und man hat den König in solchen Stunden reuevoll
bitterlich weinen sehen. Im übrigens war aber Friedrich Wilhelm ein
im Sinne des Wortes guter Mann, der nur das Beste wollte und sann, in
dessen Seele kein Arg wohnte. So war Friedrichs Vater.
Wo es nun
anging, der rasenden Zeit einige Minuten abzugewinnen, pflegte der König
gern mit seinen Kindern zu spielen. Viel wird das nicht vorgekommen sein,
aber es kam doch vor. "Sieht Er wohl, mein lieber Forcade,"
sagte der König einst zu diesem General, als derselbe ins Zimmer
trat, "sieht Er wohl! Er ist selbst Vater und weiß es auch:
Väter müssen mit ihren Kindern zuweilen Kinder sein, müssen
mit ihnen spielen und ihnen die Zeit vertreiben." Bis zu seinem
siebenten Jahre war Kronprinz Friedrich in Frauenhänden. Die Oberhofmeisterin
Frau von Kamecke hatte die Oberaufsicht, und eine alte Französin,
die verwitwete Frau des Obersten Rocoulles, war die Gouvernante des kleinen
Fritz. So erlernte er schon in seiner Kinderstube die französische
Sprache, die er so lieb gewann, daß er ihr dauernd treu blieb.
Wir erblicken
des Königs Gesinnung schon in den ersten Erziehungsregeln, die er
für seinen Sohn gab. Wohl verlangte er von dem Prinzen Respekt und
wahre Unterwürfigkeit gegen Vater und Mutter, aber diese sollte ehrlich
sein und niemals sklavisch und knechtisch. Ausdrücklich befahl der
König, daß man dem jungen Prinzen niemals mit seinem Vater
drohe, sondern nur mit seiner Mutter. Mit Strenge verbot der König
es, seinem Sohne zu schmeicheln, denn nichts sei Fürsten schädlicher
als Schmeichelei. Vor allen Dingen aber hielt der König darauf und
wies den Erzieher an, dem Kronprinzen die wahre Liebe zum Soldatenstande
einzuprägen und ihm darzulegen, "daß gleichwie nichts
in der Welt, was einem Prinzen Ruhm und Ehre zu geben vermag, der Degen
sei, und von der Welt ein verachteter Mensch sein würde, wenn er
solchen nicht gleichfalls liebte und die einzige Glorie in demselben suchte."
Als der junge
Friedrich die Erziehung der Frauen entwachsen war, gab Friedrich Wilhelm
ihm zwei militärische Erzieher in der Person des Generalleutnants
Graf Finckenstein und den Obersten von Kalkstein. Der Erstere war der
Oberhofmeister, der zweite der Untergouverneur. Ihnen gesellte sich als
Lehrer ein Franzose mit Namen Duhan de Jandrun. Für den Gang der
Erziehung entwarf der König einen genauen Plan. Liebe zu Soldatenstand,
Frömmigkeit des Herzens, Liebe und Furcht zu Gott, waren die Hauptgrundzüge;
und dann kam das wissenschaftliche Gebiet. Das Latein verbot der König,
so sehr der Prinz sich auch danach sehnte, diese Sprache zu erlernen.
Als es dennoch später insgeheim versucht wurde, jagte der König
mit erhobenem Krückstock den lateinischen Präzeptor davon. Dagegen
sollte das Deutsche und Französische so gelehrt werden, daß
der Kronprinz sich darin mündlich und schriftlich gut und kurz ausdrücken
könne. Mehr Gewicht legte Friedrich Wilhelm schon auf die Rechenkunst,
die Mathematik und Staatswirtschaft, sowie auf artilleristische Kenntnisse.
Letztere aus dem Fundament. Besonders Wert legte Friedrich Wilhelm auf
die Erlernung der Geschichten der letzten 150 Jahre. Die Regeln, die der
sorgsame König für die Erziehung seines Sohnes gab, waren jedenfalls
überaus praktisch, wenngleich sie natürlich hinter dem, was
heute von einer Prinzenerziehung verlangt wird, wesentlich zurückblieben.
An
den Arbeitsplan des jungen Prinzen schloß sich eine genaue Einteilung
der Wochentage. Wenigstens liegt eine solche vor für einen Aufenthalt,
der im Frühherbst des Jahres 1721 im Jagdschloß Wusterhausen
stattfand. Vom Sonntag bis zum Sonnabend wird die Woche genau eingeteilt.
Des Morgens soll der Prinz in Gegenwart des Erziehers und der Bedienten
ein Morgengebet und das Vaterunser sprechen. Er soll laut und deutlich
beten und darf kein Wort vergessen. Alsdann soll er sich hurtig anziehen,
sich sauber waschen, und nur eine Viertelstunde Zeit läßt die
väterliche Vorschrift für dies Geschäft, zu dem auch noch
das Schwänzen (Zopfdrehen), das Pudern usw, gehört. Selbst mit
dem ersten Frühstück soll der Prinz in dieser Viertelstunde
fertig sein. Alsdann soll die gesamte Dienerschaft sich in des Prinzen
Zimmer versammeln, und nun soll das große Gebet und die Andacht
abgehalten werden, zu welcher ein Lied gesungen werden soll. An Sonntagen
will der König alsdann seinen Sohn mit zur Kirche nehmen und mit
ihm zum Mittag essen Punkt 12 Uhr.
Der Rest des
Tages soll für Spiele und Bewegung im Freien, Reiten oder was sonst
ist, dem Prinzen gehören. Um ½11 Uhr muß der Prinz nach
einer Abendandacht im Bette liegen. Dies ist der Sonntag. An den Wochentagen
muß der Prinz schon eine Stunde früher, nämlich um 6 Uhr
aufstehen und zwar ist nach des Königs Vorschrift "darauf zu
halten, daß er ohne sich zu ruhen und nochmals umzudrehen, hurtig
und sofort aufstehe." Gebet, Andacht, morgens sowohl wie abends,
bleiben dieselben wie am Sonntag. Dann geht es ans Lernen. Von 7 bis 9
Uhr wird Geschichte gelehrt. Von 9 bis 11 Uhr Religion. Dann einige Stunden
beim Vater und gemeinsames Mittagessen. Punkt 2 Uhr nachmittags setzt
der Unterricht wieder ein. Zunächst Geographie und Unterweisung auf
der Landkarte, wobei dem Zögling die Macht und Schwäche, die
Größe, der Reichtum, die Armut, der verschiedenen Länder
und Staaten klarzumachen ist. Dann folgte Unterricht in der Moral und
dann werden deutsche Briefe geschrieben, wobei der Lehrer Duhan besonders
darauf achten soll, daß der Prinz einen guten Stil bekomme. Um 5
Uhr wird der Unterricht geschlossen und der Prinz darf alsdann, nachdem
er sich die Hände gehörig gewaschen hat, seinen Vater begrüßen,
dann ausreiten, sich aber immer in der frischen Luft und nie im Zimmer
aufhalten. Er darf dann tun, was er will, mit der Einschränkung:
"wenn es nur nicht gegen Gott ist." So ist der Arbeitsplan,
die Unterrichtszeit und alles, was zur Erziehung gehört, vom Könige
wohlweislich eingeteilt und bis auf die Minute festgelegt. Besonders ermahnt
der König die Erzieher noch, daß man den Prinzen dazu anhalten
solle, "daß er hurtig aus und in die Kleider komme, sich selbst
aus- und anziehen lerne, daß er sich propre (richtig) wasche und
reinlich werde und niemals schmutzig sei."
So sorgfältig
wie die Erziehung überwachte der König auch die Haushaltung
seines jungen Prinzen. Um jene Zeit erhielt der Kronprinz jährlich
360 Taler, nach unserem Gelde also etwa 1200 Mark, um seine Ausgaben zu
bestreiten, aber jeden Groschen wünschte der König genau aufgeschrieben
zu sehen und diese Rechnung mußte der König am Schlusse jedes
Monats pünktlich vorgelegt werden. Da finden wir in solcher Monatsrechnung
folgende Angaben: Bor zwei Farbenschachteln.... 16 Groschen. Bor
sechs Pfund Puder (für den Zopf) ....12 Groschen. Bor Stiblettenknöpfe
..... 2 Groschen. Bor 12 Ellen Zopfhand.... 1 Taler und 6 Groschen.
Bor Schnur zur Peitsche.... 4 Groschen. Bor die Königlichen
Knechte zu Bier ..... 4 Groschen. Bor ein Rotkehlchen .... 4 Groschen.
Bor die Schuh auf Leisten zu schlagen..... 1 Groschen. Unter
dieser Rechnung steht von des Königs eigener Hand bemerkt: "Wann
meine Lakaien, Kutscher und Knechte aufwarten, so sollen sie nichts davor
bekommen, denn ich sie davor bezahle. Denn Fritz und ich ist einerlei;
sonst bin ich mit der guten Haushaltung sehr zufrieden."
So tat der
König Friedrich Wilhelm alles, um seinen Prinzen zu einem Könige
zu erziehen, wie er selbst einer war, zu einem arbeitsamen, tüchtigen
Manne, wohl unterrichtet in allen praktischen Dingen des Lebens und stramm
als Soldat. In der Tat zeigte der Prinz um jene Zeit auch das natürliche
Interesse eines Knaben am Soldatenspielen, und wenn der König ab
und zu aufbrauste und über mangelnde Propretät (Sauberkeit)
im Anzug zornig ward, so ging es doch im großen und ganzen gut.
Mancher allerdings war in der Umgebung des königlichen Hofes, dem
die Erziehung des Kronprinzen allzu straff schien. Graf Seckendorf, der
Gesandte des Wiener Kaiserhofes, welcher eine besondere Vertrauensstellung
zu König Friedrich Wilhelm hatte, meinte zweifelnd: "Ob der
König schon den Prinzen herzlich liebt, so ermüdet er ihn dennoch
mit Frühaufstehen und Strapazen den ganzen Tag dergestalt, daß
er bei seinen jungen Jahren so ältlich und steif aussieht, als ob
er schon viele Feldzüge mitgemacht hätte."
Aber dann,
als gewisse Neigungen des jungen Friedrich gar zu sehr von den Grundsätzen
des Vaters abwichen, kam es zu einem schlimmen Zerwürfnis zwischen
Vater und Sohn. Der Prinz zeigte lebhafte Hinneigung zu französischen
Büchern. Er liebte es, sein Haar nach der Mode der Franzosen zu frisieren,
trug, wenn der Waffendienst ihm Muße ließ, französische
Kleider, Schlafröcke aus blauem Samt und dergleichen und liebte das
Flötenspiel, da ihm eine große musikalische Begabung angeboren
war. Von alledem wollte der König nichts wissen. Friedrich Wilhelm
fühlte sich durch und durch als deutscher Fürst und haßte
alle französischen Sitten, gewiß mit guten Grunde, denn es
ging an den Höfen Deutschlands, wo man dem französischen Wesen
Tür und Tor öffnete, schlimm genug zu. So kann man es nur begreifen,
das Friedrich Wilhelm seinen jungen Sohn mit Gewalt davon abhalten wollte,
jenem französischen, von ihm als schlaff und bequem gefürchteten,
Wesen sich hinzugeben. Es ist kein Zweifel, das Kronprinz Friedrich, je
älter er wurde, desto mehr gerade an geistiger Beschäftigung,
an der Musik, an geistreicher Unterhaltung seine Lust fand und den militärischen
Neigungen seines Vaters gegenüber Gleichgültigkeit, ja sogar
Abneigung bezeigte.
Die körperlichen
Übungen, Reiten, Schießen, Jagen vernachlässigte er gegenüber
dem Lesen französischer Werke, dem geliebten Flötenspiel und
anderen Zerstreuungen. Man klagte dem Könige gegenüber auch,
daß Friedrich nicht die religiöse Gesinnung zeigte, die sein
Vater ihm durch die vielen Religionsübungen, die er angeordnet hatte,
einzuflößen gedachte. Je mehr sich Friedrich dem Vater entfremdete,
desto mehr nahm sich seine Mutter Sophie Dorothee seiner an. Sie hatte
als die Tochter des Kurfürsten von Hannover eine sehr gute französische
Bildung genossen (die Bildung der höherstehenden Kreise und besonders
der Höfe war damals allgemein französisch) und fühlte sich
selbst an dem soldatischeinfachen preußischen Hofe nicht besonders
glücklich. Zwar liebte König Friedrich Wilhelm seine Sophie,
die er im Familienkreise sein "Fiechen" zu nennen pflegte, von
ganzem Herzen. Aber um so bitterer mochte der heißblütige Mann
es empfinden, daß die Mutter seiner Kinder sich in Erziehungsfragen
nur zu häufig auf die Seite ihres Sohnes stellte.
Bald
spielte auch eine Heiratsgeschichte hinein. Der Bruder der Königin,
König Georg II. von England, hatte ziemlich gleichaltrige Kinder
wie seine Schwester, und nun wünschte die Königin von Herzen,
daß die preußischen Königskinder sich mit dem Prinzen
und der Prinzessin von England, diesem reichen und mächtigen Staate,
wechselseitig verheiraten möchten. Auf der anderen Seite wollte der
König seine Zustimmung nicht geben, und es waren hier der österreichische
Graf Seckendorf und der erste Minister des Königs, General von Grumbkow,
welche Friedrich Wilhelm von dieser englischen Heirat abrieten. Denn der
österreichische Kaiserhof wünschte eine solche Verbindung aus
politischen Gründen nicht. Natürlich waren auch schlechte Menschen
genug da, welche manche leichtsinnig gesprochenen Worte des Kronprinzen
auffingen und dem Vater hinterbrachten. Solche widerwärtige Gebärdenspäher
und Geschichtsträger trugen natürlich durch ihre Maulwurfsarbeit
viel dazu bei, das Verhältnis zwischen Vater und Sohn vollends zu
untergraben.
"Man kann sich kaum
einen Begriff von den niederträchtigen Streichen machen," schrieb
in jener Zeit der englische Gesandte, "deren man sich bedient, um
den Vater gegen den Sohn aufzubringen." Ja es kam so weit, daß
sich Vater und Sohn möglichst aus dem Wege gingen, daß sie,
im Jagdschloß Wusterhausen unter einem Dache lebend, nur noch brieflich
miteinander verkehrten, um Zusammenstöße zu vermeiden. In jener
Zeit redete man Friedrich zu, seinem Vater einen Brief zu schreiben, in
welchem er um Verzeihung bitten solle. Der Prinz verstand sich dazu und
schrieb einen solchen Brief, den er mit den Worten schloß: "Hätte
ich wider meinen Willen und Wissen getan, was meinen Lieben Papa den grausamen
Haß, den ich aus all seinem Tun genug habe wahrnehmen können,
werde fahren lassen." Aber der Vater zürnte und es mochte auch
der Brief des Sohnes doch nicht den rechten Ton der Demut und Beugung
vor dem väterlichen Willen getroffen haben.
Hier ist die
Antwort Friedrich Wilhelms an seinen Prinzen, die uns ein Bild gibt, welche
Klagen über seinen Prinzen der König hatte und wie schwer erzürnt
er war. "Sein eigensinniger böser Kopf," heißt es
da, "der nicht seinen Vater liebet, denn wenn man alles tut, was
der Vater will und seinen Vater liebet, so tut man, was er haben will,
nicht wenn er dabei steht, sondern dann, wenn er nicht alles sieht. Zum
andern aber weiß Er wohl, daß ich keinen schlaffen Kerl leiden
kann, der sich schämt, nicht reiten noch schießen kann und
dabei malpropre an seinem Leibe ist, seine Haare wie ein Narr sich frisiert
und nicht verschneidet, obgleich Ich das alles tausendmal befohlen, aber
es ist alles umsonst und in nichts Besserung. Zum andern ist Er hoffärtig,
recht bauernstolz, der mit keinem Menschen spricht als mit Welschen (Franzosen)
und mit dem Gesichte Grimassen schneidet, als wenn er ein Narr wäre,
und in Nichts Meinen Wille tut, als wozu Er mit Strenge angehalten wird,
aber nichts aus Liebe und der zu allem nicht Lust hat, als seinen eigenen
Kopf zu folgen, so daß alles nichts nutze ist. Dieses ist die Antwort."
Gewiß einbitterer, strenger Brief. Aber man darf nicht vergessen,
daß Friedrich Wilhelm es gut und väterlich meinte. So hoch
stand dem Könige die Pflicht, seinen Prinzen so zu erziehen, wie
es Staat und Heer verlangte, daß sie ihm unabweisbar schien.
Und wieder
begegnen wir tiefen Zügen väterliche Liebe. Da ist eine Briefstelle
an den Fürsten von Dessau, in der es heißt: "Mein ältester
Sohn ist sehr krank. Es ist wie eine Auszehrung. Sie können sich
denken, wie Mir zu Mute ist. So lange die Kinder gesund sind, weiß
man nicht, daß man sie lieb hat." Ein andermal mußte
der Prinz dem Könige gestehen, daß er eine Schuldensumme von
7 000 Talern habe. Wohl mochte dem sparsamen Vater die Bezahlung einer
solchen Summe sehr schwer werden. Aber der König bezahlte sie stillschweigend.
"An dem Gelde," erklärte er, "sei ihm ein Dreck gelegen,
wofern der Prinz nur seine Aufführung ändern wolle und ein ehrliches
Herz zeigen. Sobald er dem Könige ein Wort sage, solle es ihm an
Geld nie fehlen." Bei einer Festtafel in Wusterhausen kam
es einst zu einer schönen Versöhnungsszene. Der Prinz fiel bewegt
seinem Vater zu Füßen, ergriff die Hand des Königs und
küßte sie heftig. Friedrich Wilhelm war tief ergriffen. "Schon
gut, schon gut," sagte er, "werde nur ein ehrlicher Kerl."
Und selten hat man den König so froh und erleichtert gesehen wie
an jenem Abend im Tabakskollegium.
Leider
hielt die Versöhnung nicht lange vor. Und als Kronprinz Friedrich
älter wurde, kam es zu immer stürmischeren Szenen zwischen Vater
und Sohn. Der Jähzorn König Friedrich Wilhelms stieg oft so
hoch, daß er seinen Prinzen körperlich mißhandelte. Bei
einem Manöverversuche am sächsischen Königshofe kam es
wieder zu einem schweren Konflikt. In jenem Lustlager von Mühlberg,"
sagt der große Geschichtsschreiber Leopold von ranke, " wo
die Augen so vieler Fremden sich auf ihn richteten, ward der Kronprinz
wie ein ungehorsamer Knabe sogar einmal körperlich mißhandelt,
eben damit er fühlen solle, daß man ihn für nichts Besseres
halte. Der aufgebrachte König, der die Folgen seiner Worte niemals
erwog, fügte der Mißhandlung noch den Schimpf hinzu. Er sagte:"Wäre
er von seinem Vater so behandelt worden, so hätte er sich totgeschossen,
aber Friedrich habe keine Ehre, er lasse sich alles gefallen."
Diese väterliche Zornestat schlug dem Faß den Boden aus. Von
jenem Augenblicke an trug sich der Kronprinz ernstlich mit Fluchtgedanken,
die er allerdings schon früher gehegt hatte. Der Kronprinz verabredete
sich mit einigen seiner Freunde, dem Leutnant von Katte von den königlichen
Gendarmen und den Brüdern Keith der eine war Page, der andere
Leutnant in Wesel zur Flucht.
Auf einer
Reise nach Süddeutschland, die der König Mitte Juni 1730 antrat,
und auf welcher der Kronprinz, ihn begleiten sollte, wollen die jungen
Leute die Flucht zur Ausführung bringen. Im Dorfe Steinsfurth, nahe
Mannheim, übernachtete die Reisegesellschaft in zwei Scheunen, da
Friedrich Wilhelm gerade solche einfach soldatischen Reisequartiere liebten.
Unterwegs, schon in Stuttgart, hatte sich Friedrich bei günstiger
Gelegenheit einen roten Reiserock arbeiten lassen. Dieser zog er in jener
Nacht an, nachdem er sich früh zwischen 2 und 3 Uhr von seinem Lager
erhoben hatte, während der Page Keith die Pferde herbeischaffen sollte.
Der Prinz gedachte über den Rhein nach Frankreich zu fliehen und
dort Zuflucht zu suchen. Indessen hatte der Oberstleutnant von Rochow,
des Prinzen militärischer Begleiter, dem Kammerdiener Gummersbach
dringend empfohlen, auf seine Königliche Hoheit wachsam zu sein.
Der Kammerdiener fragte den Prinzen, was er vorhabe. "Ich will aufstehen,"
sagte Friedrich, "was geht es Dich an."
Der besorgte
Mann schickt einen Jäger zu dem Oberstleutnant und bald ist Rochow,
der Tag und Nacht aus den Kleidern nicht herauskommt, zur Stelle. Auch
andere Generale kommen hinzu. Die Flucht wird vereitelt. Zwar schweigen
die Herren dem Könige gegenüber, aber nach einem Kirchenbesuch
in Mannheim wirft sich der Page Keith in tiefer Reue dem König zu
Füßen und gesteht alles. Des Königs Zorn ist furchtbar.
Er läßt den Prinzen unter scharfer Bewachung den Rhein hinunter
bringen nach Wesel und hier kommt es zu einer Szene zwischen Vater und
Sohn, die so bedrohlich wird, daß sich der alte Generalmajor von
Mosel, der Kommandant der Festung Wesel, zwischen die beiden wirft. Der
Leutnant Keith ist aus Wesel flüchtig geworden und nicht mehr einzufangen.
Der Leutnant von Katte wird in Berlin stracks verhaftet. Und nun wird
Kronprinz Friedrich wie ein hoher Staatsverbrecher gefährlichster
Art quer durch Deutschland nach Küstrin gebracht. Der königliche
Vater leidet unendlich. Er glaubt sich von aller Welt verraten, von Ränken
und Komplotten umsponnen. Er glaubt, daß England und Frankreich
mit dem Prinzen gegen ihn im Bunde seien, und doch ist das Ganze schließlich
nichts weiter, als ein unüberlegter Jugendstreich eines schwer gekränkten
jungen Prinzen, der die väterliche Behandlung nicht mehr ertragen
zu können glaubte.
In Küstrin
war der Kronprinz nichts als "der Arrestant Friedrich". Sein
Degen, sein Portepee waren ihm genommen, die Uniform mußte er ausziehen.
Der Kommandant von Küstrin, General von Lepel, bekam strenge Befehle
vom König, wie die Haft eingerichtet werden solle. Die feste Tür
des Gefangenenzimmers wurde noch besonders mit schweren Schlössern
und Riegeln versehen. Ein Doppelposten stand an der Tür, Gewehr bei
Fuß. Der wachthabende Offizier befand sich im Vorzimmer. Wenn dem
Prinzen morgens das Waschwasser gereicht wurde, mußten zwei Offiziere
zugegen sein. Ebenso mittags beim Essen, welches der Prinz geschnitten
empfing, ohne Messer und Gabel, nur mit einem Löffel dabei. Ein Kalfaktor
von der Wache besorgte die Aufwartung. Waren die Mahlzeiten beendet, so
durfte niemand länger im Zimmer weilen als vier Minuten. Keine Frage
des Prinzen durfte beantwortet werden.
König
Friedrich Wilhelm selbst ordnete die Fragestellung bei der Untersuchung
gegen den Kronprinzen und seiner Helfer ausführlich an. In dem Protokoll,
welches der König beantwortet zu haben wünschte, standen 185
Fragen. In Küstrin trat die Kommission zusammen, vor welcher sich
der Prinz zu verantworten hatte. Seine Haltung, so wird uns von Zeitgenossen
berichtet, war bewundernswert, seine Geistesgegenwart unübertroffen.
Der König wollte durch die Fragestellung aus dem "bösen
Friedrich" jedes kleinste Geheimnis herausholen. Aber mit freier
Stirn und kluger Antwort stand dieser achtzehnjährige Prinz vor den
gereiften Männern, kein Wort zu viel, keins zu wenig kam über
seine Lippen. Am Schlusse nach dieser ermüdenden Verhör kamen
die Hauptfragen. "Was er wohl verdiene und welch einer Strafe er
gewärtig sei?" Worauf der Prinz: "ich unterwerfe mich der
Gnade und dem Willen des Königs." "Was denn ein
Mensch verdiene, der seine Ehre breche und Komplotte zur Desertion macht?"
Der Prinz: "ich glaube nicht, gegen meine Ehre gehandelt zu haben."
"Ob er verdiene, Landesherr zu werden?" Der Prinz: "Ich
kann mein eigener Richter nicht sein." "Ob er sein Leben
wolle geschenkt haben oder nicht?" Der Prinz: "Ich unterwerfe
mich des Königs Gnade und Willen." Und dann kam ein herzergreifendes
Wort von den jungen Lippen: "Es sei," sagte Kronprinz Friedrich,
"ein großer Fehler von ihm, den er begangen, daß er keine
Geduld gehabt habe, aber man müsse doch das seiner Jugend mit zuschreiben."
Indes der
König zürnte schwer. Er setzte ein Kriegsgericht ein über
die Schuldigen. Das Kriegsgericht trat in dem alten, grauen Schlosse zu
Köpenick zusammen. Drei Generalleutnants, drei Obersten, drei Oberstleutnants,
drei Majors und drei Kapitäne unter dem Vorsitze des alten frommen
Generals Achaz von der Schulenburg. Das Kriegsgericht lehnte einstimmig
jeden Eingriff in die königliche Gewalt und jedes Gericht über
den Kronprinzen und zukünftigen Landesherrn ab. "Es käme,"
erklärten die Richter, "Untertanen nicht zu , über den
Sohn ihres Königs zu richten." Dagegen wurde über die Mitwisser
und Genossen gerechter Spruch gefällt. Der aus Wesel entflohene Leutnant
von Keith wurde wegen vollendeter Desertion zum Galgen verurteilt und,
da er selbst nicht zu haben war, im Bilde zu Wesel gehängt. Zwei
andere Leutnants, die in irgend einer Weise verwickelt waren, wurden kassiert
und mit Festung bestraft. Den Leutnant von Katte verurteilte die Hälfte
der Richter zum Tode durch das Schwert, die andere Hälfte zu lebenslänglichem
Gefängnis. Das mildere Urteil galt. Es wurde dem König eingereicht.
Aber Friedrich Wilhelm sandte zornig die Akten zurück und befahl
ein anderes Urteil über Katte. "Sie sollen Recht sprechen,"
ließ er den Richtern sagen, "und nicht mit dem Flederwisch
darüber gehen." Und hier erhalten wir ein schönes Bild
von jenen alten ehrenhaften Männern altpreußischer Schule.
Sie saßen zum zweiten Male zu Gericht und ihr Spruch blieb derselbe.
Der alte General Achaz von der Schulenburg schrieb an den Rand der königlichen
Kabinettsorder das Bibelwort aus den Büchern der Chronika: "Gehet
zu, was Ihr tut, denn Ihr haltet das Gericht nicht den Menschen, sondern
dem Herrn."
Aber König
Friedrich Wilhelms Ansicht war der seines Generals entgegen. Er hielt
das Verbrechen Kattes für ein Majetätsverbrechen und verurteilte
ihn aus königlichen Recht zum Tode durch das Schwert. "Wenn
das Kriegsgericht," so schrieb der König, "dem Katte das
Urteil mitteilt, so soll ihm gesagt werden, daß es Seiner Königlichen
Majestät leid um ihn täte, aber es wäre besser, daß
er stürbe, als daß die Gerechtigkeit aus der Welt käme."
In der Frühe
des 6. November erst erhielt Kronprinz Friedrich in seinem Gefängnis
von zwei Offizieren die Nachricht, daß die Hinrichtung Kattes beschlossen
sei und daß sie auf Befehl des Königs vor den Fenstern des
Kronprinzen stattfinden sollte. "Was bringen Sie mir für eine
böse Zeitung," schrie Friedrich in tiefster Seele getroffen
auf, "Herr Jesus, bringen Sie mich doch lieber ums Leben!"
Aber hier konnte niemand etwas helfen. Den hätte der königliche
Zorn zermalmt, der zwischen ihn und den Todgeweihten getreten wäre.
Als der dumpfe Trommelklang anzeigte, daß Katte zu Tode schritt,
trat Friedrich ans Fenster. Schon stand der geliebte Freund im Kreis der
Soldaten. Vor ihm der Oberauditeur, der das Urteil verlas, etwas abseits
im roten Mantel, dessen Falten das Richtschwert bargen, der Scharfrichter.
Der erschütterte Kronprinz warf dem freunde Kußhände zu
und rief laut schreiend: "Pardonnez moi, mon cher Katte!" "Verzeihe
mir, mein teurer Katte!" worauf Katte zurückrief : "La
mort est douce pour un si aimable prince!" "Der Tod ist süß
für einen so liebenswürdigen Prinzen!" Bis zur letzten
Minute hoffte man auf einen königlichen Gnadenerlaß. Er traf
nicht ein.
Das Haupt
Kattes fiel. Kronprinz Friedrich sank den Offizieren, die bei ihm waren,
ohnmächtig in die Arme. Wieder zu sich gekommen, war Friedrich während
des ganzen Tages nicht vom Fenster wegzubringen. Er starrte fortwährend
auf jene Stelle, wo Kattes toter Körper mit einem schwarzen Tuch
bedeckt lag. Endlich kamen einige Küstriner Bürger, die den
Toten in einen Sarg legten. Der Prinz lag während der Nacht in wilden
Phantasien. Als der blasse Morgen anbrach, setzte er sich aufrecht und
sagte, vor sich hinstarrend: "Der König meint wohl, er habe
mir Katte genommen, ich sehe ihn aber vor meinen Augen stehen."
So war ein
furchtbar strenges Gericht über Friedrich hereingebrochen. Ein Gericht,
daß seine Seele bis in die Tiefen erschüttern mußte.
Der Feldprediger Müller von den Berliner Gendarmen, ein aufrechter,
wackerer Mann, blieb noch etliche Tage in Küstrin und unterhielt
sich viel mit dem Prinzen. Er überbrachte auch Kattes letzte Aufzeichnungen
an Friedrich, in welchen der Gerichtete seinen kronprinzlichen Freund
beschwor, sein Herz Gott zu ergeben und dem Könige nicht zu grollen
und zu glauben, das Katte die Schuld an seinem Tode nicht ihm beimesse.
Bevor der
Kronprinz sein Gefängnis verlassen durfte, verlangte der König
einen besonderen Eid von ihm des Wortlauts: "Daß er wolle streng
und gehorsamlich dem Willen des Königs nachleben und in allen Stücken
tun, was einem getreuen Diener, Untertan und Sohn zukomme und gebühre,
wofern er aber wieder umschlüge und auf die alten Sprünge kommen
würde, sollte er der Krone, der Kurwürde und der Thronfolge
verlustig sein." Der Kronprinz wurde von nun an auf der Kriegs-
und Domänenkammer in Küstrin beschäftigt, um die innere
Verwaltung kennen zu lernen. Der sehr tüchtige Präsident von
Münchow und der treffliche Kammerdirektor Hille wurden seine Lehrmeister.
Friedrich zeigte einen in jeder Beziehung großen Eifer, vorwärts
zu kommen, aber noch blieb ihm viel verboten. Er durfte keine Briefe schreiben,
bis auf solche an den König und die Königin, in jedem Monat
einen. Er durfte weder Musik treiben noch solche anhören. Er durfte
nie über Politik sprechen. Zum Lesen wurden ihm nur erlaubt: die
Bibel, das Gesangbuch und ein frommes Andachtsbuch. Der König war
der Meinung, daß die vielen französischen Bücher, die
sich in Friedrichs Bibliothek vorfanden, schlecht auf seinen Prinzen eingewirkt
hätten. Im übrigen wünschte er, daß sich sein Kronprinz
aus den Kammergeschäften davon überzeuge: "daß kein
Staat bestehen könne ohne Wirtschaft und gute Verfassung und daß
unstreitig das Wohl des Landes davon abhinge, daß der Landesvater
selbst alles verstehe und ein guter Wirt sei, denn sonst, wenn dies nicht
geschehe, bliebe das Land den Günstlingen und Premierministern zur
Verfügung, welche den Vorteil davon hätten und alle Sachen in
Unordnung brächten."
Ein ganzes
Jahr währte es, bis sich der König entschloß, sein Vaterauge
wieder auf dem "Bösewicht Fritz" ruhen zu lassen. Endlich,
am 15. August 1731, am Geburtstage des Königs, kam Friedrich Wilhelm
nach Küstrin und ließ seinen Sohn vor sich kommen. Der König
fand tief zu Herzen gehende Worte für dieses Wiedersehen, obgleich
er mit strenge sprach. "Ihr habt gemeint, mein Kerl, mit Eurem Eigensinn
durchzukommen, aber höret, wenn Ihr auch 60 und 70 Jahre alt wäret,
so solltet Ihr mir doch nichts vorschreiben!" Dann aber hielt er
seinem Prinzen vor, wie er als Vater doch zeitlebens alles getan, um das
Herz seines Sohnes zu gewinnen und wie er nicht einmal seine Freundschaft
habe erwerben können. Hier war es, wo Kronprinz Friedrich zum erstenmal
den warmen Schlag des Vaterherzens empfand, wo er spürte, daß
neben harter Strenge doch auch viel Sorge und Liebe für ihn in diesem
Herzen wohne. "Ich hatte bisher wahrlich nie geglaubt," sagte
Friedrich, "daß mein Vater die geringste Regung von Liebe für
mich hätte."
Aber noch
mußte Kronprinz Fritz einige Monate in Küstrin bleiben und
fleißig arbeiten. Diese Küstriner Zeit ist später für
den König Friedrich von großer Wichtigkeit gewesen. Sein heller
Geist gewann tiefe Einblicke in die Verwaltung des Staates, und er lernte
zuerst in Küstrin die Tüchtigkeit und den Erfolg der unermüdlichen
Arbeit seines Vaters erkennen. Endlich, Ende November, führte der
König der Mutter und Schwester den Sohn wieder zu. Es war auf Wilhelminens
Hochzeit mit dem Erbprinzen von Bayreuth, als Friedrich aus seiner Küstriner
Dunkelheit plötzlich in dem hell erleuchteten Festsaal erschien.
"Seht Ihr, Madame," sagte der König zu seiner Frau, "da
ist nun der Fritz wieder." Natürlich gab dies plötzliche
Erscheinen eine erregte Szene ab. Die königliche Mutter konnte sich
kaum fassen. Schwester Wilhelmine "war wie närrisch, weinte,
lachte und schwatzte das verworrenste Zeug." Uns als auch der König
die weiche Seite zeigte und weinend nach seinem Taschentuch griff, war
bald ein allgemeines Schluchzen und Weinen. Kronprinz Friedrich
kehrte dann nach Küstrin zurück und der König trachtete
nun, seinen Prinzen, um den englischen Heiratsplänen ein für
allemal ein Ende zu machen, zu verheiraten. Auch in dieser so ernsten
Frage mußte der Kronprinz seinem Vater unbedingt gehorchen. Die
Prinzessin Elisabeth Christine von Braunschweig Bevern war es, auf welche
die Wahl des Königs gefallen war. Friedrich gab ohne Murren nach,
obgleich er sich innerlich tief unglücklich fühlte. "Ich
habe keine Abneigung gegen die Prinzessin," sagte er einem Vertrauten,
"sie ist ein gutes Herz und ich will ihr nichts Böses, aber
ich werde sie nie lieben können!"
König
Friedrich Wilhelm zeigte sich seinem gehorsamen Sohne gnädig. Er
übergab ihm als Oberst die Führung des 15. Regiments zu Nauen
und Ruppin, allerdings mit dem straffen königlichen Befehl, der Prinz
solle dafür sorgen, "daß sein Regiment kein Salatregiment
würde." In der Tat hat Friedrich die Pflichten, die ihm als
Oberst erwuchsen, mit großer Tatkraft und Treue erfüllt. "Wir
exerzieren hier tüchtig," schrieb er an einen Vertrauten, "denn
neue Besen kehren gut und ich muß doch in meiner neuen Würde
zeigen, daß ich ein tüchtiger Offizier bin."
Am 12. Juni
1733 fand zu Salzdahlum in Braunschweig die Hochzeit des Kronprinzenpaares
statt. Mochte nur auch Kronprinz Friedrich keine Liebe zu seiner Braut
hegen, es ist gewiß, daß die Prinzessin Elisabeth Christine
ihrem geistig weit höher stehend Gemahl Liebe und Zuneigung, ja förmlich
Ehrfurcht in hohem Maße entgegenbrachte, und der Kronprinz war zu
gerecht, um nicht das, was ihm seine junge Frau sein wollte, zu erkennen.
"Ich müßte der niedrigste Mensch auf dem Erdboden sein,"
hat er später geäußert, "wenn ich meine Frau nicht
aufrichtig hochschätzen wollte, denn sie ist das sanfteste Gemüt,
so gelehrig wie sich nur denken läßt und gefällig bis
zum äußersten, so daß sie mir alles an den Augen absieht,
womit sie denkt, mir Freude machen zu können."
Das Jahr 1734
führte den Kronprinzen Friedrich in das Feldlager des Prinzen Eugen
von Savoyen, dem in dem Liede "Prinz Eugen, der edle Ritter"
viel Besungenen. Um die Thronfolge in Polen war ein Krieg zwischen Frankreich
und Österreich ausgebrochen, Preußen stellte 10 000 Mann Hilfstruppen
zu dem österreichischen Heer, das an den Rhein marschierte. Mit Lust
folgte der Kronprinz dem Wunsche seines Vaters, die preußischen
Truppen als Volontär zu begleiten. Allerdings der große Feldherr
Prinz Eugen war damals schon 71 Jahre alt, und der Türkensieger von
Zenta und Belgrad besaß nicht mehr das Feuer der Jugend; dennoch
mochte der Prinz auf Friedrich einen unauslöschlichen Eindruck, und
begeistert rief der junge Kronprinz aus: "Noch ein Schatten des Prinzen
Eugen flößte den Feinden Ehrfurcht ein." Aber Friedrich
brachte aus dem Feldzug mehr heim, als nur die Bewunderung für den
Prinzen Eugen. Sein Vater hatte ihm ausdrücklich befohlen, er solle
sich stets an die alten Offiziere und Generale anschließen, solle
bei jeder Rekognoszierung um den Führer sein und auf dessen Anordnungen
achtgeben. Da konnte es bei den offenen Augen des Prinzen und seinem scharfen
Verstande nicht fehlen, daß Friedrich vieles sah und lernte.
Vor allen
Dingen nahm er hier das wahr, was er bisher nur im Frieden gesehen hatte,
nämlich, daß die preußische Infanterie, welche unter
dem Kommando des Fürsten Leopold von Anhalt Dessau stand, ausgezeichnet
geschult war. Hier war strenge Disziplin und Manneszucht, während
die Kaiserliche Armee eine bedenkliche Vernachlässigung zeigte. Friedrich
faßte seine Beobachtungen in das Wort zusammen: "Solcher Feldzug
ist eine Schule, in der man aus der Verwirrung und Unordnung, die in der
österreichischen Armee herrscht, eine Lehre ziehen kann."
Bald genug sollte das Geschick es herbeiführen, daß Friedrich,
selbst an der Spitze eine Heeres stehend, sich mit den österreichischen
Truppen messen konnte. Inzwischen aber waren die drei Monate, die Friedrich
im Feldlager stand, auch in anderer Beziehung für ihn von Wert. Er
lernte den Felddienst im kleinen kennen: "Wie die Schuhe der Musketiere
beschaffen sein sollten, wielange ein Soldat solche tragen konnte und
wielange er damit in einer Kompagnie auskommen mußte, desgleichen
von allen Kleinigkeiten, so zu den Soldaten gehörten, und so ferner
bis zur hundertpfündigen Kanone, auch endlich bis zu dem großen
Dienst und auch bis zu des Generalissimus Dispositionen."
Eine schwere
Erkrankung des Vaters rief im Herbst den Sohn aus dem Feldlager zurück.
Der arme König war von der Wassersucht am ganzen Leibe geschwollen.
Er glaubte damals selbst an seinen Tod und nahm Gelegenheit, den Prinzen
in die Staatsgeschäfte einzuführen, soweit ihm das bei seinem
leidenden Zustand möglich war. "Fritzchen, Fritzchen!"
pflegte er wohl zu sagen, "wenn Du es nicht recht wirst anfangen,
und alles drunter und drüber gehen wird, so werde ich noch im Grabe
über dich lachen." Aber diesmal genas der König
wieder, und es sollten noch einige Jahre darüber hingehen, bevor
Friedrich auf den Thron berufen wurde.
Bis dahin
hielt der Kronprinz Hof im Schlosse zu Rheinsberg, einem staatlichen Besitz,
den der König ihm geschenkt hatte. Hier durfte sich Friedrich das
Leben so einrichten, wie es ihm gefiel. Er sammelte eine Anzahl geistreicher,
gelehrter, philosophisch veranlagter Freunde um sich und atmete nach so
viel Stürmen, die sein junges Leben schon mit sich gebracht hatte,
hier in der Stille des Rheinsberger Schlosses und seines Parkes auf. Ein
Zeitgenosse schildert uns anschaulich das Leben in Rheinsberg. "Alle,
die auf dem Schlosse wohnen, genießen die ungezwungenste Freiheit.
Jeder denkt, liest, zeichnet, schreibt, spielt ein Instrument, ergötzt
oder beschäftigt sich in seinem Zimmer bis zur Tafel. Dann kleidet
man sich sauber, doch ohne Pracht und Verschwendung, und begibt sich in
den Speisesaal. Alle Beschäftigungen und Vergnügungen des Kronprinzen
verraten den mann von Geist. Sein Gespräch bei Tafel ist unvergleichlich.
Er spricht viel und gut; es scheint, als wäre ihn kein Gegenstand
zu fremd oder zu hoch. Über jeden findet er eine Menge neuer richtiger
Bemerkungen. Er duldet den Widerspruch und versteht die Kunst, die guten
Einfälle anderer zutage zu fördern. Er scherzt und neckt zuweilen,
doch ohne Bitterkeit und ohne eine witzige Entgegnung übel aufzunehmen.
Die Bibliothek des Prinzen ist allerliebst; sie ist in einem der Türme
des Schlosses aufgestellt und hat die Aussicht auf den See und Garten.
Sie enthält eine nicht zahlreiche, aber wohlgewählte Sammlung
der besten französischen Bücher. Voltaires lebensgroßes
Bild ist darin aufgehängt."
Diese
feine Bibliothek bedeutete für den Kronprinzen sehr viel. Er stand
früh um 4 Uhr bereits auf und saß dann gewöhnlich 6 Stunden
lang und länger an seinem Arbeitstisch in dem runden Turmzimmer und
las. Den Gänsekiel oder das Crayon hatte er stets zur Hand, um nachdenkliche
Stellen anzustreichen oder Auszüge zu machen. Er pflegte die von
der Lektüre befruchteten Gedanken sofort niederzuschreiben. So tief
steckte der Prinz in seinen Studien, daß er kaum wußte, ob
draußen die Sonne schien oder ob es regnete. "Auf der Hin-
und Herreise zwischen meinem Arbeitszimmer und meiner Bücherei habe
ich keine Gelegenheit, nach dem Wetter zu sehen," meinte er scherzend.
Mit eisernem Fleiß war Friedrich bemüht, die Lücken seiner
Bildung auszufüllen. Ernste und fruchtbringende Studien waren ihm
die Hauptsache für den Tag. Er unterschied genau die nützlichen
und die angenehmen Beschäftigungen. Zu den nützlichen zählte
Friedrich das Studium der Philosophie, der Geschichte und Sprachen und
gute Lektüre; zu den angenehmen gehörte eine lebhafte Tafel,
Musik und Theaterspiel. Das Lesen wurde für den König zur Leidenschaft,
aber es war ein denkendes Lesen, und bezeichnend ist die Frage, die später
der alte Fritz an einem seiner Adjutanten tat: "Kann Er lesen?"
Auf das verblüffte Aussehen des Adjutanten sagte der König kurz:
"Merke Er wohl auf: Lesen heißt denken!"
Die Bildung
Friedrichs war französisch. Die französische Sprache hatte er
in seiner Kinderstube erlernt. Sie blieb ihm unentbehrlich wegen ihrer
Eleganz, Feinheit und Kraft. Die deutsche Sprache erschien ihm holprig
und schwerfällig. Damals stand die französische Literatur auf
einer ganz anderen Stufe als die deutsche. Sie besaß einen größeren
Reichtum, der allerdings durch die Reihen deutscher Dichter in den 150
Jahren, die seitdem verflossen sind, zehnfach überflügelt worden
ist. Aber damals sah es um das deutsche Schrifttum noch schlimm aus. Dennoch
verkannte Friedrich keineswegs die geistige Bedeutung seiner Landsleute.
"Den Deutschen," so schrieb er, "fehlt es durchaus nicht
an Geist, und die Natur hat ihnen einen gesunden Menschenverstand gegeben.
Die Deutschen sind arbeitsam und tief, und wenn sie sich einmal mit einer
Sachen befassen, so gehen sie darin auf; ihre Bücher aber sind von
einer tödlichen Weitschweifigkeit. Wenn man ihnen ihre Schwerfälligkeit
nehmen könnte, würde ich die Hoffnung nie aufgeben, daß
meine Nation große Männer hervorbringen könnte."
Für Friedrich bestand die große Kunst der Schriftsteller
darin, "es zu vermeiden, daß die Leser gähnten."
Ein Wort, daß wir heute noch getrost unterschreiben können,
denn wahrlich, kein Buch braucht langweilig zu sein; jeder Stoff läßt
sich irgendwie fesselnd behandeln, und wenn das nicht so geschieht, wie
es notwendig ist, so liegt dies allemal am Schreiber.
In jenen Tagen
begann Friedrichs Briefwechsel mit den großen französischen
Schriftsteller Voltaire, der seinerseits natürlich begierig auf solchen
Briefwechsel einging und sich dem preußischen Kronprinzen gegenüber
von der allerbesten Seite zeigte. Die Verehrung Friedrichs für den
Schriftsteller Voltaire ist auch niemals erloschen. Den Menschen allerdings
sollte Friedrich später von einer Seite kennen lernen, die durchaus
nichts Verehrungswürdiges hatte.
So floß
in ernsten und heiteren Stunden die Rheinsberger Zeit dahin. Es waren
glückliche Tage für Friedrich, wie sie so glücklich ihm
im Leben niemals wiederkehren sollten. Er hat damals, als er ein Jahr
in Rheinsberg zugebracht hatte, die Worte gesprochen: "Wenn ich heute
meine Grabschrift machen würde, so müßte sie lauten: Hier
liegt Einer, der ein Jahr gelebt hat."
Sehr viel
zum inneren Frieden des Kronprinzen und Sohnes trug es auch bei, daß
das Verhältnis zu seinem Vater sich immer freundlicher gestaltete.
Besonders, als der erste Rat des Königs, der Feldmarschall von Grumblow,
aus dem Leben schied, schien das letzte Hemmnis zwischen Vater und Sohn
gehoben. Besonders äußert sich das im Sommer 1739, als der
König und sein Sohn gemeinsam durch Ostpreußen reisten. "Ich
kann den König gar nicht genug rühmen," schrieb Friedrich
bewegt an einen Vertrauten, "er ist so gegen mich, wie ich es mir
immer gewünscht habe." Und als er die gewaltige Arbeit
erkannte, die sein tapferer Vater in Litauen geleistet hatte, brach bei
Friedrich die Bewunderung für diesen Vater und König durch.
Das Land war von der Pest entvölkert worden, Elend hatte überall
geherrscht, bis König Friedrich Wilhelm eingriff. Begeistert schrieb
Kronprinz Friedrich über diese Tat seines Vaters an Voltaire und
schildert ihm, was der König hier in Litauen geleistet hatte. Eine
Einöde war in ein blühendes Land gewandelt worden, und mehr
als eine halbe Million Bewohner lebten in Litauen in blühenden Städten
und Dörfern in Wohlstand, und alle dankten diese dem Könige.
"Ich habe," heißt es am Schlusse des Briefes, "in
der offenherzigen und freimütigen Art, derer sich der König
bedient hat, diese Einöde fruchtbar und glücklich zu machen,
etwas so heroisches gefunden, daß es mir schien, als müßten
Sie von denselben Empfindungen erfüllt sein."
So klang mit
den sinkenden Tagen des Königs das Verhältnis zu seinem Sohne
in guter Harmonie aus. Längst hatte Friedrich Wilhelm erkannt, daß
in diesem Sohne etwas Großes, Ungeahntes stecken müsse, und
der Prinz hatte in seiner bedrängten Jugend gelernt, daß es
in dieser Welt unmöglich sei, mit dem Kopfe gegen die Wand zu rennen,
sondern daß Gehorsam sein mußte.
Im Frühjahr
des Jahres 1740 mehrte sich die Krankheit des Königs, und man konnte
ständig seinen Tod erwarten. Der arme Herr mußte furchtbar
leiden. Er fand des Nachts keinen Schlaf mehr, die Atemnot nahm zu, die
Wassersucht zeigte sich in ihrer schrecklichsten Form. Der König
hatte sich, um doch mehr Natur um sich zu haben, in das Stadtschloß
von Potsdam begeben, wo er den letzten Mai seines Lebens verbrachte. Am
30. Mai wurde Kronprinz Friedrich zu seinem sterbenden Vater gerufen.
Er fand den König in einem Rollstuhle im Sonnenschein auf dem Schloßhofe
sitzen und die Bauarbeiten an seinem Marstalle beobachten. Als der Prinz
kam, schloß ihn der König in die Arme, während ringsum
eine große Menge von Zuschauern tieferschüttert teilnahm. Stundenlang
hat dann Friedrich Wilhelm mit seinem Sohne und seinem ersten Minister
von Podewils über die Lage der Politik und den Staat gesprochen.
Innerlich tief beruhigt, legte der Scheidende das Regiment in die Hände
seines Sohnes. "Gott tut mir viel Gnade," sagte er zu den Generalen
und Offizieren, die um ihn waren, "daß er mit einen so braven
und würdigen Sohn gegeben hat."
So rege war
dieser heldische König bis in seine letzten Stunden, daß er
genau alles bestimmte, wie sein Begräbnis gehalten werden sollte.
Er ließ auch seinen Sarg vor sich bringen, besah sich die Arbeit
und war zufrieden und sagte: "In diesem Bette will ich recht ruhig
schlafen." Er bestimmte das Bataillon Garde, welches folgen
sollte, "das Gewehr umgekehrt unter dem linken Arm," und die
Pfeifer sollten die Melodie spielen: O Haupt voll Blut und Wunden...,
ein Lied, dessen Text und Weise dem König von jeher gut gefiel. Drei
Salven sollten seine Potsdamer Grenadiere über seinen Sarg abgeben,
aber, so befahl der König, die Salve solle klappen und die Kerle
sollten nicht "plackern", d.h. es sollte kein Schuß nachknattern,
was Friedrich Wilhelm von jeher höchst verhaßt war.
Der letzte
Tag des Mai endlich brachte das Ende. "Fühl' Er meinen Puls,
Pietsch," sagte der König zu seinem Chirugen, "und sage
Er mir, wie lange ich noch lebe." Pietsch entgegnete: "Leider
ist es bald aus, Ew. Majestät." "Er soll nicht leider
sagen," brummte der König, "woher weiß Er das überhaupt?"
Der Chirug muß seine Ansicht begründen, so gut er kann.
Um 3 Uhr nachmittags tritt die erlösende Ohnmacht ein und das starke
Herz hämmert dem letzten Schlag entgegen. "Mein Vater",
sagte Friedrich von diesem Tode, "starb mit der Festigkeit eines
Philosophen und der Ergebung eines Christen. Er bewahrte eine bewundernswerte
Geistesgegenwart bis zum letzten Augenblicke seines Lebens, als Staatsmann
seine Geschäfte ordnend, die Fortschritte seiner Krankheit verfolgend
wie ein Arzt, und über den Tod triumphierend wie ein Held."
Bei dem tiefen
Gemütsleben des jungen Königs der nun an das Staatsruder trat,
war es begreiflich, daß Friedrich sehr unter dem Tode des Vaters
litt. Vom ersten Schmerz bewältigt, eilte der Sohn auf ein Zimmer
und schloß sich ein. Aber schon pocht die Pflicht mit hartem Finger
an. Der alte Fürst Leopold von Anhalt Dessau läßt sich
melden, er muß nach Dessau abreisen. Der junge König kann sich
dem alten General nicht versagen, und so tritt der tapfere Degen, das
Schwert der preußischen Monarchie, zu seinem jungen König in
das Zimmer. Aufgelöst in Tränen, wirft sich dem neuen Herrn
zu Füßen. Er ist der erste, der dem König sein Beileid
entgegenbringt und auch der erste, der andere Worte findet: Er bittet
den König, ihn und seine Söhne in den Ämtern und Würden,
die sie besitzen, zu belassen und bittet den König auch, die persönliche
"Autorität", die sie unter dem toten König genossen
haben, aufrecht zu erhalten. Dieses erste Gesuch , das an den schmerzbewegten
Sohn gerichtet wird, will seine Antwort. Gewaltsam drängt Friedrich
das Gefühl zurück. Seine helle blauen Augen richten sich auf
den alten Fürsten, und dann kommt es knapp in wohllautender, schmiegsamer,
heller Stimme von den Lippen des jungen Königs: "Ich werde versuchen,
Ew. Durchlaucht in allem, was Ihnen Freude macht, zu willen zu sein, so
weit ich es vermag. Ich werde auch weder an Ihre eigenen Ämter, noch
an die ihrer Söhne rühren. Was aber die Autorität angeht,
welche Sie besessen zu haben glauben, so ist mir davon nichts bekannt:
Ich weiß als König von keiner Autorität, als der, die
den König selbst innewohnt." Das war eine Antwort, gegeben
von einen jungen König, von dem man getrost sagen darf: jeder Zoll
ein König. Friedrich wollte keinen Willen neben sich. Sein eigener
Wille sollte gelten. "Er wollte keinen Hofmeister," wie er wenige
Monate später dem alten Dessauer offen schrieb.
Das königliche
Antlitz, das Friedrich dem alten Dessauer zeigte, bekamen am nächsten
Tage in Berlin bei der Vereidigung auch seine Generale zu sehen. "Wir
haben, meine Herren," sagte Friedrich, "unseren gemeinschaftlichen
Herrn und König verloren. Wir müssen suchen, uns darüber
zu trösten. Ich hoffe, Sie werden mir beistehen, die schöne
Armee zu erhalten, welche Sie meinem Vater haben bilden helfen. Gegen
einige von Ihnen liegen Klagen über Härte, Habsucht und Übermut
vor. Stellen sie dieselben ab. Ein guter Soldat muß ebenso menschlich,
wie vernünftig, als herzhaft und brav sein." Mit klarem
Wort stellte Friedrich auch seinen Ministern gegenüber seine Stellung
als König zum Staate fest: "Ich denke, daß das Interesse
des Landes mein eigenes ist, daß ich kein Interesse haben kann,
welches nicht zugleich, das des Ganzen wäre. Sollten sich beide nicht
mit einander vertragen, so soll der Vorteil des Landes stets den Vorzug
haben." Wahrlich ein königliches Wort, welches einzig
dastand in einer Zeit, wo so viele deutsche und fremde Fürsten ihre
hohe Stellung mißbrauchten und ihre Länder aussogen und ausplünderten.
Schon im ersten
Monat der Regierung zeigte der König, wie hoch sein freier Geist
über den Dingen stand. Mit einem Federstrich schaffte er die bis
dahin im Gerichtswesen noch gebräuchliche Folter ab. Und dann kamen
jene Verfügungen in Sachen der Religionen, welche noch heute über
die Jahrhunderte hinwegleuchten: "Alle Religionen sind gleich und
gut, wenn nur die Leute, welche sie ausüben, ehrliche Leute sind."
Und das andere Wort, welches dieses erste gleichsam ergänzt:
"Die Religionen müssen alle toleriert (geduldet) werden, und
muß der Staat ein Auge darauf haben, daß keine der anderen
Abbruch tue, denn hier muß jeder nach seiner Fasson selig werden
können." Hier zeigt sich der königliche Geist, der weit
über den Dingen und seiner Zeit stand. Ihm waren alle religiösen
Bekenntnisse gleich geachtet, nur verlangte er von den Bekenner jeder
Religion, daß er seine Pflicht als Staatsbürger gewissenhaft
erfülle. Man muß bedenken, daß die Worte des Königs
in eine Welt hinaustönten, in welcher es um die Duldsamkeit der religiösen
Bekenntnisse zu einander noch arg stand, und man wird doppelt anerkennen,
wie hoch die Bedeutung solcher freien Worte war.
Mit Wucht
stürzte sich der König in die Arbeit. Im Sommer um 4 Uhr, im
Winter um 5 Uhr begann sein Tagewerk, und dies ist durch die 46 Jahre
seiner Regierung dauernd so beigeblieben. "Die Kürze des Tages,"
schrieb er bezeichnend an Voltaire, "da er mir 24 Stunden zu wenig
zu haben scheint, bedaure ich. Ich arbeite mit beiden Händen, mit
der einen für die Armee, mit der andern für das Volk und die
schönen Künste."
Jene
aber irrten sich gewaltig, die da glaubten, daß nun ein goldenes
Zeitalter der Wissenschaft und Kunst über Preußen heraufkommen
werden. Wohl hat Friedrich während seiner ganzen Regierung, so viel
es anging. Wissenschaft und Kunst gefördert, wohnte doch in ihm ein
künstlerischer Geist ersten Ranges; aber die Staatsgeschäfte
gingen unter allen Umständen vor. Friedrich verminderte sein Heer
nicht etwa, nein, er vermehrte es. Er schuf alsbald 16 neue Bataillone
in einer Stärke von 10 000 Mann und hielt alsdann 90- bis 100 000
Mann wohlgerüsteter und einexerzierter Truppen unter den Waffen.
Wohl war das eine gewaltige Rüstung für ein Staat, der knapp
zwei und eine Viertelmillion Einwohner hatte; aber das kleine Preußen
war infolge seiner langgestreckten Lage ein in seinen Grenzen schwer zu
verteidigender Staat, so daß es eine schwere Waffenrüstung
trogen mußte. Und dies schlagfertige Heer, das sein Vater geschaffen,
das Friedrich vermehrte und stählte, sollte nur zu bald seine ernsthafteste
Verwendung finden. Friedrich war nicht gewillt, wie sein Vater es zeitlebens
getan hatte, "mit gespanntem Hahn ständig auf der Wacht zu stehen,
aber nie loszudrücken." Er war sich bewußt, daß
die letztere Notwendigkeit einmal plötzlich eintreten konnte und
er wollte ihr nicht aus dem Wege gehen, "denn" so sagte er,
"es ist ein gewisser Grundsatz, daß es besser ist, zuvorzukommen,
als sich zuvorzukommen zu lassen."
Nur wenige
Monate nach seiner Thronbesteigung trat diese Notwendigkeit für König
Friedrich ein. Am 26. Oktober 1740 starb nahe Wien auf seinem Jagdschloß
Favorite Kaiser Karl VI. Der Kaiser war der letzte männliche Sproß
aus dem Stamme Habsburg und da das Erbrecht nur für die männliche
Linie galt, so ließ Kaiser Karl VI. durch ein besonderes Hausgesetz
seine Tochter Maria Theresia zur Erbin erklären. Dies Hausgesetz
ließ er sich von den Großmächten und den deutschen Fürsten
garantieren. Aber natürlich wurden an eine solche Garantie von allen
Seiten Bedingungen geknüpft, und als der Kaiser dann nach unendlichen
Mühen in dieser Sache zu früh starb, er war kaum 56 Jahre
alt, erwies sich dieser Erbvertrag dennoch nur als ein Blatt Papier,
das sehr bald von allen Seiten durchlöchert wurde.
König
Friedrich von Preußen war ebenfalls entschlossen, für den fall
des Todes des Kaisers Ansprüche geltend zu machen und zwar auf jene
schlesischen Gebiete Liegnitz, Brieg und Wohlau, die einst seinem Hause
durch Erbvertrag versprochen waren. Außerdem hatte zu Anfang des
dreißigjährigen Krieges das Herzogtum Jägerndorf unter
der Herrschaft eines hohenzollernschen Marktgrafen gestanden, der dann
in Kriegszeiten von der österreichischen Macht von Land und Leute
vertrieben worden war. Zweifellos fiel, nachdem jetzt die männliche
Erbfolge im habsburgischen Hause erloschen war, das Erbe an den Mannesstamm
der Hohenzollern zurück. Es war übrigens ein Erbhandel, der
seit über hundert Jahren spielte. Der Große Kurfürst hatte
stets Ansprüche auf diese schlesischen Lande gemacht, nicht minder
sein Vater und nicht minder König Friedrich Wilhelm I. Jetzt war
es an König Friedrich, seine Rechte auf Schlesien geltend zu machen,
und der König, der sich selbst tagelang in diese alten Papiere und
Erbdokumente vertiefte, war von seinem Rechte so fest überzeugt,
daß er ebenso entschlossen war, kein Tüttelchen davon herzugeben.
Als daher
am Nachmittag des 26. Oktober 1740 ein Kurier aus Wien mit der Botschaft
vom Tode des Kaisers Karl in Rheinsberg eintraf, war Friedrich gleich
bereit zu handeln. Er litt damals an einem Wechselfieber, das ihn sehr
quälte. Aber er schüttelte das Fieber: "Ich werde meinem
Fieber den Laufpaß geben, denn ich habe meine Maschine nötig."
Sofort ließ der König seinen Minister von Podewils und
seinen General Graf Schwerin nach Rheinsberg kommen, um mit diesen beiden
wichtigen Männern zu Rate zu gehen. Der General war von vornherein
sehr bei der Sache, der Minister hingegen war bedenklich und machte Einwendungen.
Indes beide stießen auf einen festen Entschluß des Königs,
den dieser durchaus nicht ändern wollte. "Die Rechtsfrage,"
entgegnete der König seinem Minister, "ist Ihre Sache. Es ist
Zeit, insgeheim daran zu arbeiten, denn die Befehle an die Truppen sind
gegeben."
Die Rüstungen,
die alsbald in ganz Preußen angestellt wurden, erregten die europäischen
Großstaaten an allen Ecken und Enden. Von Frankreich kamen Gesandte,
selbst Voltaire kam, unter dem Vorwande den König zu besuchen, im
Grunde aber, um ihn auszukundschaften. Alle Diplomaten und Geschäftsträger
steckten die Köpfe zusammen. Der Gesandte, der von Wien kam, um die
Thronbesteigung der Königin Maria Theresia anzuzeigen, sah bereits
allenthalben auf seinem Wege Truppenmärsche und Truppenversammlungen.
Der alte Fürst von Dessau erlaubte sich, den König zu warnen.
Er redete so dringend, daß der König später sagte: "Er
würde mich eingeschüchtert haben, wäre mein Entschluß
nicht von äußerster Festigkeit gewesen." Als der alte
Feldmarschall sah, daß der König sich nicht zurückhalten
ließ, bat er um ein Kommando. Aber Friedrich entgegnete ihm knapp
und kurz: "Ich behalte mir die jetzige Unternehmung für mich
allein vor, auf daß die Welt nicht glaube, der König von Preußen
ziehe mit seinem Hofmeister zu Feld."
Österreich
war schlecht gerüstet. Die vorhandene Truppenmacht war im ganzen
Lande an den Grenzen von Mailand bis Brüssel verzettelt. In Schlesien
standen im ganzen drei Bataillone und einige Grenadierkompagnien. So konnte
der Marsch gegen Breslau nichts anderes sein als ein Siegesmarsch. Was
sollten die Behörden, die dem Hause Österreich ihren Eid geschworen
hatten, hier tun? Sitzen da in Grünberg Bürgermeister und Schöffen
um den Ratstisch, während vor den Toren ein preußisches Regiment
steht. Ein Leutnant erscheint in der Ratsstube und verlangt die Schlüssel.
"Hier liegen die Schlüssel der Stadt," sagt der hochmögende
Bürgermeister, auf den Tisch zeigend, "ich lehne es unter allen
Umständen ab, sie Ihnen zu geben; wollen Sie sie sich aber nehmen,
so kann ich es freilich nicht hindern."
Am 3. Januar
1741 hielt Friedrich seinen Einzug in Breslau. Die Bewohner der Stadt
staunten über das schöne preußische Militär. "Lauter
schöne, wohlqualifizierte, galantmontierte Leute," heißt
es in einem zeitgenössischen Bericht, "die aller Augen mit Bewunderung
auf sich zogen und bei unseren schlesischen Frauenzimmern starken Liebreiz
erweckten." Gegen Ende Januar war ganz Schlesien in den Händen
Friedrichs, mit Ausnahme einiger Festungen. Aber auch diese, Glogau, Brieg,
Neiße, waren eingeschlossen. Der König ließ durch seinen
Gesandten in Wien vorschlagen, ihm Schlesien gegen eine große Geldzahlung
und andere Vorteile abzutreten. Aber die Königin Maria Theresia und
ihr Gemahl, Herzog Franz von Lothringen, waren zu stolz, um nachzugeben.
Es war eben eine Frage, wo beide Teile, König Friedrich sowohl wie
die Königin Maria Theresia, in ihrem Recht zu sein glaubten. Solche
Verhältnisse ergaben sich und ergeben sich ja noch heute oft in der
Geschichte der Welt."Kehren Sie zurück zu Ihrem Herrn,"
lautete der Bescheid an Friedrichs Gesandten, "und sagen Sie ihm,
daß, solange nur ein einziger seiner Soldaten noch in Schlesien
steht, wir ihm kein Wort zu sagen haben."
So mußten
in dieser Streitfrage um den Besitz der schönen Provinz Schlesien
denn die Waffen entscheiden. Friedrich war entschlossen, sich selbst,
wenn es sein mußte, aufs äußerste auszusetzen. Er schrieb
damals seinem Minister Podewils die wahrhaft königlichen Worte: "Wenn
Mir das Unglück zustoßen sollte, gefangen genommen zu werden,
so befehle ich Ihnen und mache Sie mit Ihrem Kopf dafür verantwortlich,
Meine während Meiner Gefangenschaft gegebenen Befehle nicht zu beachten
und dafür zu sorgen, daß der Staat für Meine Befreiung
keine unwürdige Handlung begehe; und Ich will und befehle für
jeden Fall, daß man alsdann noch kräftiger handle. Ich bin
nur König, wenn Ich frei bin."
Am 10. April
1741 kam es bei Mollwitz zur ersten Schlacht. Die österreichischen
Reiterei zeigte sich der preußischen weit überlegen und es
sah eine Zeitlang schlimm für den Sieg der preußischen Waffen
aus. König Friedrich geriet in das dichteste Getümmel. Graf
Schwerin beschwor den König, das Schlachtfeld zu verlassen. Fast
wäre der König vor den Toren von Oppeln in die Hände österreichischer
Husaren gefallen, nur die Schnelligkeit seines Schimmels rettete ihn.
Inzwischen hatte sich auf dem Schlachtfelde das Glück gewendet. Die
unerschütterliche Haltung und Feuerdisziplin der preußischen
Infanterie hatten zum Siege geführt. "Unsere Infanterie,"
urteilte König Friedrich, "sind lauter Cäsars und die Offiziere
davon lauter Helden, aber die Kavallerie ist nicht wert, daß sie
der Teufel holt."
Der Sieg von
Mollwitz erregte in ganz Europa großes Aufsehen. Frankreich bot
dem König sein Bündnis an, England bot seine Vermittlung an.
"Jeder sucht seinen Topf mit an unser Feuer zu stellen," meinte
Minister Podewils. Friedrich durchschaute wohl die Bemühungen der
Staatsmänner und erkannte ihren wahren Wert. "Die Rolle eines
ehrlichen Mannes zu bewahren unter Schelmen," schrieb er seinem Minister
"ist eine höchst gefährliche Sache, und sein sein mit Betrügern
ist ein verzweifeltes Beginnen." Da aber Maria Theresia von Österreich
die verzweifeltsten Anstrengungen machte, ihren Angreifer zu Boden zu
werfen, nahm Friedrich die Hilfe Frankreichs an. "Wenn man aber nicht,"
erklärte der König "nachdrücklich, schnell und von
allen Seiten zugleich angriffe, so könne man sich auf ihn verlassen
wie auf das Laub im November. In der Tat meinten die Franzosen es unehrlich.
Sie wollten nur ihren Nutzen daraus ziehen, daß die deutschen Fürsten
sich gegenseitig zerfleischten. Ganz offen hieß es in Paris: "Wenn
die Häuser Sachsen, Pfalz, Bayern und Brandenburg die Königin
Maria Theresia rupfen, so fördern sie nur Frankreichs Vorteil, und
Frankreich hat nicht zu fürchten, daß die Beute, unter sie
verteilt, eines dieser Häuser beunruhigend vergrößert."
Friedrich
war schließlich von neuem auf sich angewiesen und bei Chotusitz
in Böhmen kam es am 17. Mai 1742 zu einer zweiten Schlacht, in welcher
Friedrich den Prinzen Karl von Lothringen, Maria Theresiens Schwager,
aufs Haupt schlug. Wieder war es die preußische Infanterie, die
hier unverwelkliche Lorberen erntete. König Friedrich, der keineswegs
die Absicht hatte, für Frankreich die Kastanien aus dem Feuer zu
holen, war zum Frieden bereit und gewann im Vertrage vom 28. Juli 1742
die schöne Provinz Schlesien, die ihm als altes rechtmäßiges
Erbe des Hauses Brandenburg galt. Der Staat gewann hierdurch 650 Quadratmeilen
Landes und 1¼ Million Einwohner; um ein volles Drittel vergrößerte
sich der Landbesitz des Königreichs Preußen. "Ich kehre
in mein Vaterland zurück mit dem tröstlichen Gefühl, daß
ich mir ihm gegenüber nichts vorzuwerfen habe!" durfte der König
mit Stolz von sich sagen.
Während
dieses Feldzuges hatte Friedrich, um den Einfluß der österreichischen
Macht zu schwächen, es durchgesetzt, daß die deutsche Kaiserkrone
an das bayerische Kurfürstenhaus kam und daß der Kurfürst
Karl VII. von Bayern zum Kaiser gewählt wurde (4. Januar 1742). Bayern
stand noch im Bunde mit Frankreich gegen Österreich in Waffen. Auch
Kaiser Karl VII. glaubte berechtigte Ansprüche auf einen Teil des
österreichischen Erbes, besonders auf Böhmen zu haben. Aber
der Krieg ging für den Kaiser schlecht aus. Obgleich die bayerischen
und französischen Truppen schon bis Wien und bis Prag vorgedrungen
waren, wurden sie durch die energische Gegenwehr Österreichs wieder
hinausgetrieben und ganz Bayern gelangte in die Hände der Österreicher.
Friedrich mußte einsehen, daß der Kaiser, der hauptsächlich
durch seinen Einfluß gewählt worden war, sich ohne seine Hilfe
nicht werden behaupten können, zumal sich jetzt auch England auf
seiten Österreichs gestellt hatte. "Ich kümmere mich nicht
um das," rief Friedrich empört den englischen Gesandten zu,
"was den Franzosen geschieht, aber ich kann nicht dulden, daß
der deutsche Kaiser zugrunde gerichtet wird."
Außerdem
konnte Friedrich sich nicht verhehlen, daß Maria Theresia, wenn
sie mit Bayern und Frankreich fertig sei, einen neuen Waffengang um Schlesien
wagen würde. Denn zu nahe war der hohen und stolzen Erzherzogin von
Österreich der Verlust der blühenden Provinz gegangen. Sie konnte
keinen Schlesier sehen, ohne in Tränen auszubrechen. König Friedrich
sah ein, daß er die Gunst der Stunde wahrnehmen müsse, bevor
man ihm zuvorkäme. Er schloß (5. Juni 1744) eine neues Bündnis
mit Frankreich, dem sich auch Bayern anschloß, und ließ "zum
Schutze des Kaisers und der deutschen Freiheit" 80 000 Mann seiner
Armee als kaiserliche Hilfstruppen marschieren. Während aber
Friedrich in Böhmen stand und vergeblich die Österreicher zur
Schlacht zu bringen suchte, starb (20. Januar 1745) der Kaiser Karl VII.,
für den er diesen zweiten schlesischen Krieg eigentlich angefangen
hatte. Sein Sohn Max Josef schloß mit Österreich Frieden, verzichtete
auf alle Ansprüche und versprach, dem Herzog Franz von Lothringen,
Maria Theresiens Gemahl, seine Stimme bei der Kaiserwahl zu geben.
Jetzt stand
König Friedrich ganz allein, denn die Franzosen führten den
Krieg so schlaff, daß sie kaum den Rhein verteidigten. Der König
mußte wegen Mangels an Lebensmitteln und Fourage seine Stellung
in Böhmen aufgeben und nach Schlesien zurückgehen. Die Österreicher
folgten ihm mit einem stattlichen Heere. Und schon erließ Maria
Theresia eine Kundgebung an die Schlesier, in welcher sie dieselben ihres
Gehorsams und Eides gegen den König von Preußen entband und
sie aufforderte, unter das Szepter des Erzhauses zurückzukehren.
Aber der König war entschlossen, keinen Schritt zu weichen. "Aus
Schlesien kann ich mich so wenig herausschmeißen lassen als aus
der Mark. Ich werde Schlesien verteidigen bis auf den Tod so gut wie Brandenburg.
Entweder werde ich keinen Mann nach Berlin zurückführen oder
wir werden siegreich sein." Mit eiserner Tatkraft betrieb
König Friedrich den Krieg. Als die österreichische Armee unter
Karl von Lothringen aus den Gebirgspässen wie eine Wasserflut hervorbrach
und gleichsam die ganze Gegend überschwemmte, stand Friedrich zum
Schlagen bereit. Am Frühmorgen des 4. Juni 1745 gegen 4 Uhr begann
die Schlacht von Hohenfriedberg. Und vier Stunden später hatte der
König einen glänzenden Sieg errungen. "Die besten Alliierten,
die wir haben," sagte der König "sind unsere eigenen Truppen,"
und setzte diesen Truppen in folgenden Worten ein leuchtendes Denkmal.:
"Ich habe Offiziere
gesehen, die lieber starben als wichen; ich habe gesehen, wie sie und
selbst die Gemeinen in ihrer Mitte keinen mehr dulden wollten, der Schwächeanwandlungen
gezeigt hatte, von welchem man in anderen Heeren sicher kein Aufhebens
machen würde; ich habe Offiziere und Soldaten gesehen, die schwer
verwundet sich weigerten, ihren Platz zu verlassen und sich nach einen
Verband umzusehen. Mit solchen Truppen würde man die ganze Welt bändigen!"
Aber
Maria Theresia dachte dennoch nicht an Frieden. Ihr Gemahl Franz von Lothringen
stand inzwischen vor der Kaiserwahl, die am 13. September 1745 erfolgte.
Aber sie erklärte, die Kaiserkrone selbst sei ohne Schlesien nicht
des Tragens wert. Sie wäre entschlossen, selbst wenn sie morgen Frieden
machen würde, heute noch eine Schlacht zu wagen. Vierzehn Tage später
(30. September) kam es in Böhmen zur Schlacht von Soor. Wie bei Hohenfriedberg
war es auch hier die Kriegskunst des Königs und die über alles
erhabene Tapferkeit seiner Truppen, die den Sieg gewann. Dankbar gestand
Friedrich schlicht: "Ich hätte verdient, bei Soor geschlagen
zu werden, wenn nicht die Geschicklichkeit meiner Generale und die Tapferkeit
meiner Truppen mich davor bewahrt hätten." Aber noch immer kein
Friede. Zwar durfte Friedrich getrost sein Minister Podewils schreiben:
"Ich habe von meiner Seite getan, was menschenmöglich ist und
was von mir abhängt, den Rest der Siege überlasse ich der Vorsehung.
Und Sie werden mir bezeugen können, daß ich nichts vernachlässigt
und mir nichts vorzuwerfen habe."
Die letzte
Schlacht in diesem zweiten schlesischen Krieg gewann der alte Dessauer.
Am 15. Dezember, einem klaren, hellen Wintertage, griff auf schneebedeckter
Erde der alte Fürst seine Feinde bei Kesselsdorf an und gewann einen
glänzenden Sieg. Es wird erzählt, daß er vor der Front
seines Heeres, den Hut mit beiden Händen umklammernd, ein seltsames
Gebet getan habe: "Gott möge ihm helfen und beistehen, oder
wenn er das nicht wolle, so möge er doch wenigstens den verdammten
Schurken von Feinden nicht beistehen, sondern ruhig zusehen, wie es ausginge."
Und dann hatte er mit den Worten: "In Jesu Namen drauf!" den
Befehl zum Angriff gegeben. Am Weihnachtsmorgen 1745 wurde in Dresden
der zweite Friede mit Österreich geschlossen, der dem König
den Besitz Schlesiens sicherte. "Ich werde fortan keine Katze mehr
angreifen," sagte Friedrich, "es sei denn, um mich zu verteidigen.
Für mich liegt mehr wahrhafte Größe darin, für das
Glück meiner Untertanen zu sorgen als für di Ruhe Europa."
Mit ehrlichem
Herzen hat König Friedrich fortan den Frieden gewollt und es gelang
ihm, denselben 11 Jahre lang aufrecht zu erhalten, bis ihm das Bündnis
des halben Europa im siebenjährigen Krieg die Waffen wieder in die
Hand zwang. Während dieser 11 Jahre konnte der König, der sich
als Feldherr und Staatsmann so glänzend bewiesen hatte, in segensreicher
Friedensarbeit wirken und sich als das zeigen, was er im Grunde nur sein
wollte: als der erste Diener seines Staates. Alle Fäden des Staatswesens
liefen schließlich in der Hand des Königs zusammen. So hatte
sein Vater die Verwaltung errichtet und so behielt Friedrich sie bei.
Er war der erste Mann am Ruder, er war der Präsident eine Reihe von
Ministern.
Vor allem
legte der König die bessernde Hand an eine der höchsten Einrichtungen
im Staate, an die Rechtspflege. Gern erinnert sich Friedrich einer kleinen
Geschichte dieses Inhaltes: Es war ein König des Altertums, dem einst
ein armes Weib eine Beschwerde überreichte. Da fuhr der König
das Weib an und gebot, ihn in Ruhe zu lassen. Das Weib aber sprach: "Wozu
bist du den König, wenn du mir nicht mein Recht schaffen willst?
In einem sehr tüchtigen Manne, dem Kanzler Samuel von Cocceji
fand Friedrich bei seiner Arbeit auf diesem Gebiete einen Gehilfen. Der
König wünschte fortan eine kurze, schnelle Rechtspflege ohne
große Kosten, ohne Verschleppung, die nur beherrscht wurde von Vernunft,
vom Recht und Billigkeit, wie es das Beste des Landes und der Untertanen
erfordert. Ein Prozeß sollte nicht länge dauern als ein Jahr.
Diejenigen, die schon länger schwebten, wurden zu einem Ausgleich
gebracht. Des Königs Kanzler räumte so in einem halben Jahr
einige tausend Prozesse aus der Welt. Fortan war jeder Richter verpflichtet,
"allen Menschen, ohne Ansehen der Person, Großen und Kleinen,
Reichen und Armen, gleiche und unparteiische Justiz zu administrieren,
so wie sie gedenken, solches vor dem gerechten Richterstuhle Gottes zu
verantworten, damit die Seufzer der Witwen und Waisen, auch anderer Bedrängten,
nicht auf ihr und ihrer Kinder Haupt kommen möge."
Der lebhafte,
klar erkennende Geist des Königs förderte die Reform der Rechtspflege
nicht nur in ihrer äußeren Gestalt, er deutet auch den Kern
des Rechts an in einer Schrift, die im Januar 1750 in der Akademie der
Wissenschaften in Berlin verlesen wurde. Es lagen dieser Schrift eingehende
Studien zugrunde; der König hatte sich in das Recht der verschiedenen
Länder vertieft. Vielfach noch wurde der Dieb an den Galgen gehängt.
Die harte Gesetz scheint dem König von den reichen gemacht. Hier
wallt ein lebhaftes soziales Empfinden in Friedrich auf, das wir wohl
beachten wollen, denn es ist in vielen Gliedern seiner Rasse wach: "Sollten
die Armen," so rief er aus, "nicht mit Recht entgegnen können:
Warum hat man denn kein Mitleid mit unserm beklagenswerten Zustand; wäret
ihr barmherzig, wäret ihr menschlich, so würdet ihr und helfen
in unserem Elend und wir würden nicht stehlen. Sagt, ist es gerecht,
daß alle Glücksgüter dieser Welt für euch sind und
daß alle Mühseligkeiten auf uns lasten?" Der König
will die schweren Strafen aussparen für die schweren Verbrecher,
für Totschlag, Mord, Raub, damit die Strafe immer gleichen Schritt
halte mit dem Verbrechen. Leuchtende Worte sind seiner Feder entflossen
in jener Abhandlung:
"Sich einbilden, daß
die Menschen sämtlich Teufel sind, und sie mit Grausamkeit verfolgen,
wäre das Wahngesicht eines scheuen Menschenhassers; voraussetzen,
daß die Menschen sämtlich Engel sind, und ihnen den Zügel
schießen lassen, wäre der Traum eines törichten Kapuziners;
glauben, daß sie weder alle gut noch alle schlecht sind, ihre guten
Handlungen über den Wert lohnen, ihre schlechten unter dem Maß
strafen, Nachsicht üben gegen ihre Schwächen und Menschlichkeit
haben für alle, das heißt handeln, wie ein vernünftiger
Mensch soll."
Aber
wie in der Rechtspflege, so war der König auch der Meinung, daß
in der Verwaltung "der alte Sauerteig ausgekehrt werden müsse."
Der König verlangte von seinen beamten eine schnelle Entschlußkraft,
von den gemeinsamen Sitzungen schnelle Resultate. "Sie sollen nicht,"
heißt es in einer Verfügung, "ihre Zeit mit wunderlichen
Reden zubringen und wenn sie sich nicht in 6 Minuten vergleichen können,
so soll sofort Bericht an den König erstattet werden." Ein andermal
meinte der König: "Wenn die Beamten fleißig arbeiten,
so können sie ihre Arbeit des Morgens in laufenden Sachen innerhalb
drei Stunden verrichten. Wenn sie sich aber Geschichten erzählen
und Zeitungen lesen, so ist der ganze Tag nicht lang genug." Der
König will von jemanden, der in des Königs Brot steht, auch
solide, greifbare Arbeit. Da ist hoch und niedrig vor den königlichen
Augen gleich. Ein Geheimer Rat soll ebenso gut arbeiten wie sein Sekretär
"und nicht etwa glauben, daß er nur zum ansehen da sei."
Vom Kammerpräsidenten hinab bis zum niedrigsten Steuerbeamten
soll jeder für den Bürger da sein. Das Beamtenheer soll den
Städtern und Bauern das Leben nicht erschweren, sondern erleichtern
und sie fördern. Der König will keine Faultiere und Schmarotzer,
will keine Bedrückung seiner Bürger und Bauern. Die Pachtungen
sollen auch nicht zu hoch ausgeschrieben werden, "denn", so
sagt mit hohem Wort der König, "das Plus ist ist verflucht,
welches durch das Unglück anderer Leute gemacht wird."
König
Friedrich hielt sehr viel auf einen gesunden Bauernstand. "Wahrer
Reichtum," sagte er, "ist nur das, was die Erde hervorbringt.
Die Bauern sind die Pflegeväter der Gesellschaft. Man muß sie
zum Ackerbau ermuntern, darin besteht der wahre Reichtum des Landes."
Je dichter die Bevölkerung war, desto größer war
nach der Meinung des Königs der Reichtum des Landes. Jede lebendige
Kraft, die Arme zum Arbeiten hatte, die ein Hirn hat zum Denken, war für
diesen großen König ein Kapital, das dem Staate dienstbar gemacht
werden konnte. Wo indes die Natur so große Hindernisse entgegenstellte,
daß der einzelne sie nicht überwinden konnte, da war Friedrich
stets bereit zu helfen. "Wenn es in meinem Staate Dinge gibt, die
über die Kraft meiner Untertanen hinausgehen, so habe ich die Kosten
dafür zu tragen und sie die Früchte derselben einzuernten."
Sein
Vater hatte den Rhin- und Havelbruch trocken legen lassen, hatte das selbe
auch mit dem Oderbruch geplant, dann aber, die ungeheuren Kosten scheuend
die Berechnungen und Pläne zusammengelegt, in einem Umschlag versiegelt
und darauf geschrieben: "Für meinen Sohn Friedrich." Es
war ein Vermächtnis des Vaters, das Friedrich hier antrat. In Sommer
1747 begannen die Arbeiten im Oderbruch. Sieben Jahre lang dauerte dieser
friedliche Kampf, der dem siebenjährigen Krieg vorausging. Es wurden
an 12 bis 14 Quadratmeilen ungenutzten Landes in fruchtbaren Ackerboden
verwandelt. Mit Recht durfte Friedrich sagen, daß er hier eine Provinz
im Frieden erobert habe. Es konnten über 1200 Familien auf dem neugeschaffenen
Grund und Boden angesiedelt werden. Nicht nur hier im Oderbruch, sondern
überall, wo es ging, wurden Brüche ausgetrocknet und urbar gemacht.
So entstanden in Pommern an 90 neue Dörfer, fünfzig im Oderbruch
der Mark, fast hundert in der Priegnitz und der Kurmark, wahrlich ein
gewaltiges Werk.
"Ich kann nicht leugnen,"
sagte Prinz Moritz von Dessau, der den König verständnisvoll
und tatkräftig unterstützt hatte. "wer solche Örter
fertig aufgebaut und mit hundertundfünfzig bis zweihundert Seelen
besetzt siehet, wo sich vor einigen Jahren noch die wilden Tieren aufhielten,
der muß sich über Eure Majestät Anordnung zur Wohlfahrt
der Armee und der Lande ohne Unterlaß freuen." Ein Königsbrief
rief Heimatlose und Heimatmüde ins Land. Der Anfang machten Rheinpfälzer,
Rheinhessen und Schwaben, dann kamen mecklenburgische Bauern und schwedische
Pommern, auch fleißige Sachsen aus dem Kurfürstentum fanden
sich ein; endlich Evangelische aus den österreichischen Gebirgsländern.
Jedenfalls
war die größere Zahl der Bauern dieser Dörfer neu zugewandert.
Die Taufe der neuerstandenen Dörfer erfolgte auf die einfachste Weise:
Nach den Namen von Ministern, Generalen und Erbgesessenen, die sich irgend
ein Verdienst um die Heimat erworben hatten. Da entstanden Blumenthal,
Kattenhof, Podewilshausen, Soccejendorf, Rotenburg, Forkadenberg, Schmalzenthin
und andere. Der König war mit allem zufrieden, ihm war die Hauptsache,
daß die Dörfer dastanden, mit eingezäunten Gehöften,
mit Schulhäusern, Kirchen und Friedhöfen, daß dort gearbeitet,
geheiratet, geboren und gestorben werden konnte; wie so ein Dorf benannt
wurde, war ihm gleich, der Name ihm Schall und Rauch. "Daß
je simpler solche Namen seien, je besser es damit sein wird."
Die Volkszahl
der alten Lande stieg beträchtlich. In den vierzehn Jahren von 1740
bis 1753 zählte man 400 000 Seelen Vermehrung. Ganz Preußen
hatte um jene Zeit vier Millionen Einwohner, Berlin 100 000, Breslau und
Königsberg etwas über 50 000, Halle 30 000, die Festungen Magdeburg
und Stettin waren noch zwischen 15- und 20 000 Einwohnern; ungefähr
30 Prozent der Bevölkerung wohnte in den Städten, 70 Prozent
dagegen auf dem flachen Lande.
Aber über
seiner rastlosen Arbeit mochte Friedrich die alte Liebe und Sehnsucht
nach Kunst und Wissenschaft nicht begraben. "Seit meiner Kindheit,"
so hat König Friedrich sieben Jahre nach dem großen Krieg geschrieben,
"habe ich die Kunst, die Literatur und die Wissenschaften geliebt,
und wenn ich zu ihrer Verbreitung beitragen kann, so gebe ich mich dem
mit aller der Leidenschaft hin, deren ich fähig bin, weil es in dieser
Welt kein wahres Glück ohne sie gibt."
Der
König hatte sich auf einer Anhöhe bei Potsdam ein Lustschloß
bauen lassen, das berühmte Sanssouci, oder Haus "Sorgenfrei".
Allerdings kann man nicht sagen, daß es für den König
ein sorgenfreies Haus gab, denn die Sorgen um Heer und Staat begleiteten
den Herrscher auf Schritt und Tritt. Aber wenigstens konnte er sich seine
freien Stunden so gestalten, wie er es liebte. Uns Nachgeborenen erscheint
dies hübsche Terrassenschlößchen vom König Friedrich
unzertrennlich. Aber auch schon für die damaligen Mitwelt gehörten
Friedrich und Sanssouci eng zusammen. Hier sammelte der König einen
Kreis von Männern um sich, die ihn zusagten, wie einst im Schloß
zu Rheinsberg. Der Feldmarschall Jakob Keith, den Friedrich aus russischem
Dienst übernommen hatte, und der in einem sehr schönen Verhältnis
zum Könige stand, schrieb in jener Zeit an seinen Bruder:
"Ich habe jetzt die
Ehre, und was noch mehr ist, das Vergnügen, bei dem Könige in
Potsdam zu sein. Ich genieße hier die Auszeichnung, fast täglich
mit ihm zu mittag und zu Abend zu speisen. Er hat mehr Geist und Witz,
als daß ich mit dem meinen es schildern könnte, und spricht
über die verschiedensten Dinge gründlich und sachkundig. Er
hat eine Anzahl Leute, mit denen er ganz ungezwungen, fast wie ein freund
verkehrt, aber seinen Günstling; dazu eine natürliche Höflichkeit
gegen seine ganze Umgebung. Dafür, daß ich erst vier Tage um
ihn bin, mag es Euch scheinen, als ob ich von seinem Charakter schon recht
viel zu wissen beanspruche; darauf aber könnt Ihr Euch verlassen,
wenn ich Euch sage: nach längerer Zeit werde ich genau so viel von
ihm wissen, als er mich wissen lassen will, und sein ganzes Ministerium
weiß nicht mehr."
Auch der berühmte
Voltaire fand sich in diesem Kreise ein. Von ihm besitzen wir ebenfalls
einen Brief, den er an den französischen Herzog von Richelieu richtete,
in welchem sich die folgende begeisterte Schilderung der Persönlichkeit
Friedrichs findet:
"Ich komme in Potsdam an, die großen blauen Augen des Königs,
sein holdseliges Lächeln, seine Sirenenstimme, seine fünf Schlachten,
sein ausgesprochenes Gefallen an der Zurückgezogenheit und der Arbeit,
an Versen und an Prosa, endlich Freundlichkeiten, um den Kopf schwindeln
zu lassen, eine entzückende Unterhaltungsgabe, Freiheit, in Verkehr
volles Vergessen der Majestät, tausend Aufmerksamkeiten, die schon
von seiten eines Privatmannes bestricken würden alles das
hat mir den Verstand verrückt: ich ergebe mich ihm aus Leidenschaft,
aus Verblendung, und ohne zu vernünfteln ..... So lebe ich seit einem
Jahr."
Es fanden
sich in dem König und in Voltaire eben zwei bedeutende Geister, die
sich in ihren literarischen Bestrebungen gewissermaßen ergänzen.
"Ich genieße die Freude, dem Könige in seinen Studien
nützlich zu sein," schrieb Voltaire, "und schöpfe
daraus neue Kräfte, meine eigenen zu fördern."
Die Wechselwirkung,
welche die beiden bedeutenden Männer aufeinander ausübten, war
außerordentlich. Friedrich fühlte sich zur literarischen Tätigkeit
ständig angeregt, und jene Jahre sind seine fruchtbarsten Schriftstellerjahre
gewesen. Und Voltaire schuf in jener Potsdamer Zeit "die Geschichte
des Zeitalters Ludwigs XIV.", eine seiner bedeutendsten Arbeiten,
von welcher er erklärte, daß er in Frankreich nie die Kraft
dazu gefunden haben würde.
Schon
glaubte der geistreiche Franzose eine dauernde Statt am Hofe Friedrichs
des Großen gefunden zu haben, als er sich doch durch sein Betragen,
seine mehr als schmutzige Geldgier, seine Nachsucht unmöglich machte.
Mit Recht durfte Friedrich dem Voltaire die Worte schreiben: "Ihre
Werke verdienen, daß man Ihnen Bildsäulen errichte; Ihr Betragen
aber verdient die Galeere." Später, während des
siebenjährigen Krieges, begann dann wieder ein Briefwechsel zwischen
dem Könige und Voltaire, der Friedrich in seinen einsamen Stunden
Anregung gab, denn dem Könige waren von jeher Geist und Witz die
Würze des Lebens, und er mußte diese seltenen Eigenschaften
hernehmen, wo er sie fand. Ohne daß er sein Urteil über die
menschliche Persönlichkeit Voltaires änderte, blieb ihm der
Schriftsteller und Dichter ein Mann von Großer Bedeutung.
In diesen
Jahren von Sanssouci, in welchen Friedrich mit großem Fleiße
der Schriftstellerei oblag, ist viel Wertvolles aus seiner Feder geflossen;
so das Werk über die "General Prinzipien vom Kriege", welches
in seinen Grundzügen noch heute gültig ist und gewissermaßen
als eine militärische Bibel gelten kann. Auch sein "politisches
Testament" verfaßte der König. Bis heute sind aus diesem
Werke nur Auszüge an die Öffentlichkeit gelangt, aber das, was
kund geworden ist, wird mit Recht als eine der großartigsten Offenbarungen
staatsmännischen Geistes gepriesen. Vor allem leuchtet aus diesem
"politischen Testament" die hohe Auffassung hervor, die Friedrich
von seinem Königsamte hatte. "Ein Fürst," so lautet
eins seiner berühmtesten Worte, "ist der erste Diener seines
Staates und gut bezahlt, um die Würde seiner Stellung aufrecht zu
erhalten. Aber man verlangt von ihm, daß er nachdrücklich zum
Wohle des Staates arbeite und die wichtigsten Dinge mit Ernst betreibe."
Und diese
Richtschnur hat Friedrich vom ersten tage seines Regierungsantrittes,
bis er in Sanssouci die müden Augen schloß, festgehalten. Offen
hat unter der Last seines schweren Amtes der König ausgesprochen,
daß er mit Leib und Seele Schriftsteller sei, und daß ihn
literarische Arbeiten mehr erfreuten als eine andere Tätigkeit; aber
niemals würde er den amtlichen Geschäften darum seine Aufmerksamkeit
entziehen, denn er sei dazu geboren, sie zu vollbringen. Wohl kam ihm
einmal der Gedanke, daß es schön für ihn sein würde,
in der Stille seines Studienzimmers als Privatmann zu leben, aber mit
raschem Ruck schüttelte er solchen Gedanken ab: "Ich habe ein
Volk, das ich liebe, ich muß die Last tragen, welche auf mir liegt,
ich muß an meiner Stelle bleiben!"
Hier sei auch
ein Wort über die religiöse Stellung des großen Königs
gesagt, über welche so manches Unverantwortliche von jeher verbreitet
worden ist. Wir hörten schon von ihm selbst, daß in seinem
Staate jede Religion und jede Konfession geduldet werden sollte. Mag hier
ein Wort hinzugefügt werden, das der große Geschichtsschreiber
Leopold von Ranke über Friedrichs religiöse Stellung gesprochen
hat: "Wir kennen sein Schwanken zwischen der Annahme eines blinden
Geschickes und einer allwaltenden Vorsehung, und wie er in den großen
Entscheidungen auf die letzte zurückkam. Meistenteils schien es ihm
doch, daß alles ein nicht aufzulösendes Rätsel bleibe,
wenn man nicht eine Vorsehung voraussetzte, die das Weltgeschick zu einem
großen Ziele leite. Nur in einem Punkte war er unerschütterlich;
er fuhr auf, wenn jemand im Gespräche seinen Glauben an einen lebendigen
Gott bezweifelte; die populären Beweise für das Dasein Gottes,
besonders den von der weisen Ordnung in der Natur hergenommenen, wiederholte
er mit dem vollsten Ausdruck der Überzeugung. "Ich kenne Gott
nicht, aber ich bete ihn an."
Nie
vergaß der König einen Augenblick, daß sich sein junger
Königsstaat noch auf das Schwert stützen mußte. Friedrich
hatte in den beiden ersten schlesischen Kriegen eingesehen, daß
es doch nicht leicht sei, eine so gewaltige Macht wie das österreichische
Erzhaus zu Boden zu ringen. So galt es, das Schwert blank und das Heer
auf der Höhe zu erhalten. Ein König von Preußen mußte
Soldat sein, mußte sein eigener Oberfeldherr sein, und was der König
von sich verlangte, das verlangte er auch von seinen Offizieren. Stieß
er auf Fehler und Ungehorsam, auf Nachlässigkeit, so war Friedrich
erbarmungslos, und die Tage der Truppenrevuen waren im ganzen Lande Preußen
gefürchtet. "Da stiegen allerorten die Wünsche von Frauen,
Kindern, Verwandten und Freunden mit Inbrunst zum Himmel, daß ihre
Männer und Söhne in diesen fürchterlichen drei Tagen nicht
unglücklich werden möchten." Friedrich hatte den Grundsatz,
daß er im Heere keine Offiziere ernähren wollte, die ihren
Dienst nicht mit der gehörigen Promptheit verrichteten.
Ein Leutnant
galt im übrigen mehr bei dem König, als ein Kammerheer, und
in den Kreisen des Adels hieß es wohl: "Königsbrot ist
immer das beste." Der König aber erkannte die Leistungen seiner
Offiziere und Soldaten mit offenen Worten an. "In unserem Staate,"
schrieb er, "ist es eine Ehre, mit der Blüte des Adels und der
Nation an der Festigung der Disziplin zu arbeiten, die den Ruhm des Vaterlandes
aufrecht erhält und es im Frieden Achtung gebietend, im Kriege siegreich
macht." Ständig auf der Wacht vor Feinden, oder wie Friedrich
selbst sagt "mit einem Fuß im Steigbügel" ging die
militärische Ausbildung ihren strammen Weg. Um das Jahr 1753 standen
bereits rund 140 000 Soldaten unter den Waffen, oder konnten doch jeden
Augenblick einberufen werden, alles gut geschulte, tapfere und zum großen
Teil kriegserprobte Leute. Den größten Teil stellten Landeskinder
der preußischen Lande, deren Dienstzeit damals zwanzig Jahre betrug,
d.h. sie wurden im Durchschnitt nur einige Monate jährlich zur Fahne
eingezogen und konnten den übrigen Teil des Jahres ihrem Gewerk,
ihrer Arbeit nachgehen, so daß sie dem Leben nie fremd wurden.
Sehr stark
war natürlich noch die Zahl der Angeworbenen. Die Fahnen des Königs
von Preußen waren siegreich und hatten eine starke Werbekraft und
so liefen denn aus dem Auslande viele dem Kalbsfelle nach, die schon in
anderen Ländern gedient hatten. Die meisten von ihnen waren tapfer
und verkauften ehrlich ihre Haut. Allerdings so zuverlässig wie die
geborenen Landeskinder waren sie längst nicht. Diese geborenen Brandenburger,
Preußen, Pommern, sie bildeten immer den Kern des Heeres, und von
solchen Regimentern durfte der tapfere Moritz von Dessau getrost sagen:
"Ew. Majestät können dem Regiment Szepter und Krone anvertrauen:
wenn die vor dem feinde laufen, so mag ich auch nicht bleiben." So
konnte Friedrich, gestützt auf ein zahlreiches, festgefügtes
Heer, wie es keine andere macht Europas auch nur annähernd besaß,
in seinem "politischen Testament" wohl die Worte niederschrieben:
"Wenn die Ehre des Staates Euch zwingt, den Degen zu ziehen, dann
falle auf Euere Feinde der Blitz und der Donner zugleich."
Es
war im Jahre 1756, als die Ehre des Staats dem großen Könige
den Degen in die Hand zwang. Der österreichische Minister Graf Kaunitz,
die rechte Hand der Kaiserin Maria Theresia, hatte es fertig gebracht,
ein Bündnis mit Rußland und Sachsen und später auch mit
Frankreich zu schmieden, welches bestimmt war, den König Friedrich
zu Boden zu werfen, Schlesien für Österreich zurückzugewinnen
und auch einen Teil der übrigen brandenburgischen Lande zur guten
Beute für die verbündeten Mächte zu machen. "Mit Gottes
Hilfe," meinte Graf Kaunitz, "werden wir dem hochmütigen
Könige soviel Feinde auf den Hals ziehen, daß er darunter erliegen
muß!" Ganz in der Stille war dies Bündnis vorbereitet,
und plötzlich gedachten die Feinde Friedrichs loszubrechen. Aber
der König, rechtzeitig von allen Ränken seiner Gegner unterrichtet,
kam ihnen zuvor. "Wenn unsere Feinde," schrieb Friedrich seinem
um die Zukunft besorgten Bruder, "uns nötigen, Krieg zu führen,
so muß man fragen: Wo sind sie? und nicht: Wie viele sind ihrer?
Ich bin unschuldig an diesem Kriege. Ich habe getan, was ich konnte,
ihn zu vermeiden, aber so groß meine Friedensliebe sein mag, niemals
darf ich ihr meine Sicherheit und meine Ehre preisgeben."
So zog König
Friedrich in jenen Krieg, der sieben Jahre währen sollte und aus
welchem er nach unerhörten Siegen, gegen das halbe Europa im Felde
stehend, so glorreich und aufrecht hervorgehen sollte.
Gleich
die ersten Ereignisse des Krieges waren Prankenschläge des preußischen
Löwen, welche eine Welt in Erstaunen setzten. Im Herbst 1756 wurden
die sächsischen Truppen, 20 000 Mann stark, im Lager von Pirna eingeschlossen
und ausgehungert. Ein österreichisches Heer unter dem Feldmarschall
Graf Browne, das aus Böhmen zur Entsatz anrückte, wurde bei
Lowositz aufs Haupt geschlagen. Ohne Rücksicht auf seine Person setzte
sich Friedrich dem feindlichen Feuer aus, und auf die Warnungen entgegnete
er achselzuckend: "Ich bin nicht hier, um die Kugeln zu vermeiden."
Gewiß erkannte der König, daß es sich für
ihn um Sein oder Nichtsein handelte in diesem Kriege. "Es ist also
mit unseren Umständen kein Kinderspiel," schrieb er seinem getreuen
General von Winterfeldt, "sondern es gehet auf Kopf und Kragen. Indes
mein Entschluß ist auf alle Fälle gefaßt, und ich werde
mich bis auf den letzten Mann wehren."
Für der
Fall, daß er gefangen werde, bestimmte König Friedrich ausdrücklich
und machte seine sämtlichen Generale und Minister mit dem Kopfe dafür
verantwortlich, daß man für seine Freigabe weder eine Provinz
noch Geld anbiete, sondern daß man den Krieg tatkräftig fortsetzte,
als wäre er nie auf der Welt gewesen.
So
stieg das große Jahr 1757 herauf. Der glänzende Sieg von Prag
(6. Mai 1757) eröffnete den Feldzug. Hier fiel des Königs berühmter
Feldmarschall Graf Schwerin. Als seine Regimenter wankten, stellte sich
der alte siebzigjährige General an die Spitze, ergriff die Fahne
und führte die Seinen mit dem Rufe: "Vorwärts, meine Kinder!"
gegen den Feind. Fünf Kartätschenkugeln durchbohrten ihn. Das
schwarzweiße preußische Fahnentuch deckte seinen sterbenden
Körper.
König
Friedrich warf die österreichische Armee nach einer schweren Niederlage
für dieselbe in die Festung Prag hinein. Dann brach er auf,
um den heranrückenden General Graf Daun zu schlagen. Aber die Schlacht
von Kolin (18. Juni 1757) wandelte sich wider Erwarten zu einer Niederlage.
Schon hatte Daun den Befehl zum Rückzug gegeben, als der sächsische
Reiteroberst Beukendorff auf seine eigene Faust eine glänzende Kavallerieattacke
machte, der die preußischen erschöpften Bataillone nicht mehr
standhalten konnten. In Verzweiflung sammelte Friedrich um eine Fahne
etliche 40 Mann, ließ die Trommeln schlagen und führte diese
Trümmer gegen eine feindliche Batterie. "Sire," rief Major
Grant, sein Adjutant, "wollen Sie die Batterie allein erobern?"
Es
war eine schwere Niederlage für den König, und kaum hatte er
sich aufgerafft, als ihm die Kunde vom Tode seiner Mutter wurde. Die königliche
Frau hatte von jeher alles mit ihrem Sohne getragen, hatte ihn stets die
weiche Seite gezeigt und für ihn gesorgt, wie nur eine Mutter sorgen
kann. Der König, tiefster Empfindung fähig, war etliche Tage
fassungslos, dann aber riß er sich in der Verantwortung für
den Staat aus seinem Schmerze empor. Sein geschlagenes Heer flutete über
das Gebirge zurück. Sein Bruder Prinz August Wilhelm, der es führte,
zeigte nicht die Tatkraft und Entschlossenheit, die Friedrich von seinem
Bruder so gut wie von jedem seiner Generale erwartete. Und derselbe König,
der eben fassungslos vor Schmerz war um den Tod seiner Mutter, mußte
jetzt in Erfüllung seiner Pflicht hart gegen diesen Bruder sein,
der doch wie er der Sohn jener Mutter war.
Furchtbar
war das Gericht, welches den Prinzen und seine Generale traf. "Da
sah man die Prinzen und Generale zittern," sagte ein Augenzeuge,
"sie hätten sicher vorgezogen, eine Breche zu stürmen,
als vor den König zu treten." "In der Sache,"
sagt der Geschichtsforscher Reinhold Koser, "hat Friedrich nur recht
und königlich gehandelt, wenn er im Gegensatze zur Schwäche
so vieler anderer Herrscher einen Anspruch hoher Geburt auf die Heerführung
nicht gelten ließ. Er war nicht zugunsten seines Fleisches und Blutes
voreingenommen, aber auch nicht zuungunsten. Denn, wenn er jetzt den einen
Bruder bei offenkundiger Unzulänglichkeit schnell wieder unter die
Masse schob, so hat er nachmals den anderen, Prinz Heinrich, der echtes
Verdienst bewährte, willig und dankbar als den hervorragendsten aller
seiner Truppenführer anerkannt."
Nun,
ein Mann in der Lage des Königs Friedrich durfte weder trauern, feiern,
noch auch sich lange besinnen. Die Franzosen und Reichstruppen rückten
von Thüringen her an und es war not, ihnen entgegenzutreten. Mit
knapp 25 000 Mann rückte Friedrich der doppelt so starken Armee von
Feinden entgegen. Als der Herzog von Hildburghausen und der Prinz Soubise,
der Anführer der Franzosen und Reichstruppen, den Anmarsch des Königs
vernahm, zogen sie sich schleunigst zurück. Das Mahl, das bereits
im Schlosse zu Gotha für den französischen Herren bereitet war,
konnte König Friedrich mit seinen Generalen verzehren. Höflich
bat der König die Herzogin um "einen Teller Suppe." Einer
der Tischgenossen gibt ein fein gezeichnetes Portrait des großen
Königs, der ihm an der Tafel gegenüber saß: "Das
Feuer der Helden, die Bedachtsamkeit des Heerführers, die Verschlagenheit
des Staatsmannes, den Verstand des Weltweisen, den Geist des Dichters,
den Ernst des Gehorsam heischenden Herrn, die Artigkeit des Gesellschafters,
den Witz des Spötters: das alles fanden wir unserer Meinung nach
in den Zügen dieses Gesichts, in welchem ein Paar der schönsten
blauen Augen voll Glanz und Lebendigkeit, eine gerade, scharfe und wohl
gebildete Nase, ein überaus freundlicher und beim Sprechen von lauter
Geist umspielter Mund und selbst die zwei bedenklichen Linien zwischen
den Augen zusammen das regelmäßige und angenehmste Menschenantlitz
ergab, das man nur sehen kann."
Am 5. November
1757 um die Mittagszeit kam es zur Schlacht bei Roßbach. Als Friedrich
erkannte, daß die Feinde auf ihn anrückten, um ihn zu umzingeln,
war sein Entschluß sofort gefaßt. Wie eine Theater Dekoration
verschwanden die Zelte des preußischen Lagers vor den Augen der
Feinde, und mitten im Anmarsch sahen sich diese angegriffen. Der junge
General von Seydlitz warf sich mit seinen Reitergeschwadern auf die durch
das Artillerie- und Musketenfeuer erschütterten feindlichen Regimenter
und brachte sie nach kurzem Reitergefecht zur Auflösung. Alle Generale
Friedrichs, Prinz Heinrich von Preußen, Prinz Moritz von Dessau,
Prinz Franz von Braunschweig taten ihr Bestes. "Vater, aus dem Wege,
daß wir schießen können!" riefen die Musketiere
ihrem Könige zu, der immer mitten im Getümmel war. Es war eine
jammervolle Niederlage, welche die Franzosen und Reichstruppen hier bei
Roßbach erlitten. "Wenn man meinte," schrieb der Herzog
von Hildburghausen an den Kaiser, "eine Schwadron oder ein Bataillon
bei einander zu haben, durfte nur eine einzige Stückkugel dazwischen
fahren und alles lief wie Schafe davon. Es war unser Glück, allergnädigster
Herr, daß es Nacht geworden, sonst wäre bei Gott nichts davongekommen."
Und
ein deutscher Mitkämpfer oder vielmehr Mitläufer meinte bekümmert:
"Es dürfte kaum einen Streit geben, wer von den Deutschen und
Franzosen am geschwindesten gelaufen sei." Eine besondere Wertung
für diesen wundervollen Sieg von Roßbach hat der große
englische Geschichtsschreiber Macaulay gegeben: "Seit der Auflösung
des Reiches Karls des Großen hatte die germanische Rasse noch nie
einen solchen Sieg über die Franzosen gewonnen. Die Kunde davon rief
einen Sturm der Freude und des Stolzes hervor in der ganzen große
Völkerfamilie, welche in den verschiedenen Mundarten der alten Sprache
des Arminius redete. Friedrichs Ruhm begann einigermaßen den Mangel
einer gemeinsamen Regierung und einer gemeinsamen Hauptstadt zu ersetzen.
Er wurde ein einigender Mittelpunkt für alle echten Deutschen, ein
Gegenstand wechselseitiger Beglückwünschung für den Bayer
wie für den Westfalen, für den Bürger von Frankfurt wie
für den von Nürnberg. Damals erst wurde es offenbar, daß
die Deutschen wirklich eine Nation waren."
Aber kaum
war in Thüringen die Aufgabe gelöst, als eine unglückliche
Wendung in den Dingen den König nach Schlesien rief. Sein tapferer
General von Winterfeldt war in einem Treffen bei Moys gefallen
für den König ein unendlich schwerer Verlust, den er nur schwer
verwand. "Gegen die Menge meiner Feinde," rief der König
erschüttert aus, "hoffe ich noch Rettungsmittel zu finden, aber
nie wieder werde ich einen Winterfeldt finden!" Noch in späteren
Jahren seines Lebens erinnerte sich der König mit Wehmut dieses seltenen
Mannes. "Er war ein guter Mensch, ein Seelenmensch, er war mein Freund!"
In
Eilmärschen rückte Friedrich mit kaum 14 000 Mann Kerntruppen
nach Schlesien ab. Er war entschlossen, die Österreicher zu schlagen,
"und wenn sie auf dem Zobtenberge oder auf den Türmen Breslaus
stünden." Bald erreichte den König die Kunde, daß
sein schlesischer Feldherr, der Herzog von Bevern, vor Breslau eine schwere
Niederlage erlitten habe. Selbst diese Nachricht machte den König
in seinem Entschluß nicht wankend. "Er zeigte," wie sein
getreuer Kabinettssekretär Eichel berichtet, "gewiß und
wahrhaftig eine Festigkeit, die fast übernatürlich und, ohne
Schmeichelei gesagt, eben nur ihm, dem Könige selbst, ähnlich
und eigen war."
Die Österreicher,
denen der König in der Morgenfrühe des 5. Dezember 1757 entgegenzog,
standen in fester Stellung über 70 000 Mann stark bei dem Kirchdorfe
Leuthen. Nur 30 000 Mann konnte Friedrich ihnen entgegenführen.
Am Tage vorher
hatte Friedrich, der sonst nicht für Reden war, seinen Generalen
seine berühmte Rede gehalten, um sie "in deutscher Redekunst
mit Kürze und Nachdruck bei ihrem Ehrgefühl zu packen."
Da stand der König im abgetragenen Waffenrock, den Ordensstern auf
der Brust, von den Strapazen gemagert, von den seelischen Qualen gealtert
vor der Zeit, und sprach mit seiner melodiösen, weichen Stimme Worte,
die aus einem großen Königsherzen kamen. Da war keiner unter
den Generalen und Offiziere, dem des Königs Worte nicht durch Mark
und Bein gingen. "Wer die preußische Sache verloren gäbe,
der solle ungehindert seine Wege gehen dürfen." Da brach es
bei dem Major von Billerbeck aus, der rief: "Das müßte
ja ein insamer Hundsfott sein, jetzt wäre es Zeit!" Lächelnd
setze Friedrich seine Rede fort und endete: "Nun leben Sie wohl,
meine Herrn, in kurzem haben wir den Feind geschlagen, oder wir sehen
uns nie wieder."
Niemand
empfand tiefer als der König, daß diese Schlacht einen Kampf
um Sein oder Nichtsein bedeutete. Während er bei der Vorhut ritt,
rief er einen Husarenoffizier zu sich heran: "Ich werde mich heute
bei der Bataille mehr aussetzen als sonst. Er soll sich fünfzig Mann
nehmen, um mir als Deckung zu dienen. Er verläßt mich nicht
und gibt acht, daß ich nicht der Kanaille in die Hände falle.
Bleibe ich, so bedeckt Er den Körper mit einem Mantel und läßt
einen Wagen holen; Er legt den Körper in den Wagen und sagt keinem
ein Wort. Die Schlacht geht fort und der feind wird geschlagen."
Der König hatte ein kurzes Testament niedergeschrieben: "Er
habe seinen Generalen alles befohlen, was für den fall eines glücklichen
oder unglücklichen Ausganges zu geschehen habe," heißt
es darin, und dann: "Was schließlich mich angeht, so will ich
in Sanssouci begraben sein, ohne Gepräge und Pomp und bei Nacht."
Der König
zieht parallel der österreichischen Front mit seiner Armee dahin,
scheint nicht angreifen zu wollen. "Sie paschen ab, " sagt Leopold
Daun, "die guten Leute, lassen wir sie in Frieden ziehen!" Dann
aber kommt plötzlich um die Mittagszeit von Sagschütz, dem österreichischen
linken Flügel, die Kunde, daß der König angreift. Friedrich
hat den Angriff selbst geleitet. Er reitet bei dem Regiment Meyerinck:
"Junker von der Leibkompagnie, sieht er wohl, auf der Berhack soll
er zumarschieren; er muß aber nicht zu stark avancieren, damit die
Armee folgen kann." Mit Wucht wirft Friedrich seine Bataillone gegen
den Kiefernberg von Sagschütz. Es war etwas Unwiderstehliches in
dem Angriff der Preußen. Selbst einen Moritz von Dessau haben die
Bataillone Meyerinck und Itzenplitz genug getan. "Burschen, Ehre
genug für heute, geht zurück ins zweite Treffen!" Aber
wütend dröhnt es dem Führer entgegen: "Da müßten
wir ja Hundsfötter sein, Patronen her, Patronen her!" Als am
Kirchhof von Leuthen der Sturm zu stocken scheint, springt der Hauptmann
von Möllendorf gegen das Kirchhofstor und brüllt: "Hier
gibt es kein Bedenken, einen anderen Mann her!" Das dritte Bataillon
Garde folgt und der Kirchhof wird reingefegt. Als sich die Dämmerung
senkt, ist Friedrich Herr der Wahlstatt.
Als
die Dunkelheit völlig hereinbrach, lagerte sich die preußische
Armee, Gewehr im Arm, auf den Feldern zur Rechten und Linken der Landstraße
nach Lissa, hinter sich die blutige erkämpfte Wahlstatt. Aber der
König selbst gönnte sich noch keine Ruhe. Er wollte sich noch
in dieser Nacht des Marktfleckens Lissa und der jenseits desselben liegenden
Weistitzbrücken bemächtigen, damit der feind sich dort nicht
von neuem festsetze.
Im Flecken
Deutschlissa war alles still, doch die Zimmer noch alle hell erleuchtet.
Als der König, vor den Grenadieren reitend, sein Gefolge zu beiden
Seiten neben sich, auf dem geräumigen Platze vor dem Schlosse, etwa
sechszig bis achtzig Schritt vor der Brücke, welche über das
Schweidnitzer Wasser führt, ankam, sah man aus einigen Häusern
Weißröcke mit Strohbündeln ankommen. Auch wurde aus den
Häusern geschossen. Die Grenadiere drangen mit dem Bajonett ein und
säuberten die Häuser vom Feind. In dieser Verwirrung, wo jeder
sich zu retten suchte, alles schrie und durcheinander kommandierte, verlor
der König keinen Augenblick seine Ruhe. In seiner Umgebung gewandt,
sprach er: "Messieurs, folgen Sie mir, ich weiß hier Bescheid."
Er ritt links über die Zugbrücke, die zum Schlosse führte,
während seine Adjutanten ihm folgten. Der König stieg vom Pferd,
gab seinem Gefolge einen Wink und benutzte links von der Schloßbrücke
eine kleine Steintreppe, die zu einer ihm bekannten Tür der Wirtschaftsräume
führte.
Er durchschritt
schnell die Küche und gewann eine Wendeltreppe, die im Innern des
Schlosses auf den großen Korridor mündete. Dort oben rannten
österreichische Offiziere mit Leuchtern durcheinander, den das lebhafte
Schießen draußen hatte sie aufgeschreckt. "Bon soir,
Messieurs!" sagte der König mit höflichen Gruße den
Hut hebend, "gewiß werden Sie mich hier nicht vermuten! Kann
man hier denn auch noch unterkommen?" Verblüfft und erschrocken
beeilen sich die abgeschnittenen österreichischen Herren, dem König
zu leuchten und führen ihn in den großen Speisesaal, wo ihrer
noch mehrere sind, die alle statt von ihren Sitzen aufspringen, als plötzlich
der Gewaltige vor ihnen steht, der ihnen heute gezeigt hat, was ein König
von Preußen mit seiner Wachtparade mag. Der König aber richtet,
als sei nichts geschehen, mit der ihm eigenen feinen Höflichkeit
an einige der Herren freundliche Worte und beurlaubt dann die überraschte
Schar in die Gefangenschaft.
Als man bei
der preußischen Armee die Kanonade und das Schießen von Lissa
her hörte, gab es kein Halten mehr: das ganze treue Heer folgte sofort
seinem König. Als die siegreichen Kolonnen in festem Tritt über
die gefrorene Landstraße in der tiefen Dunkelheit der Nacht dahingezogen,
stimmte plötzlich ein Grenadier mit hellem Tenor das weihevolle Lied:
"Nun danket alle Gott" an und all die Tausende stimmten ein
in den feierlichen Choral.
"Wie
aus tiefem Schlafe erwacht," schreibt ein preußischer Offizier
in seinem Erinnerungen über diesen großen Augenblick, "fühlte
sich jetzt jeder zum Danke gegen die Vorsehung für seine Erhaltung
hingerissen, und mehr als fünfundzwanzigtausend Menschen sangen diesen
Choral einstimmig bis zu Ende. Die Dunkelheit der Nacht, die Stille derselben,
und das Grausen eines Schlachtfeldes, wo man fast bei jedem Schritt auf
eine Leiche stieß, gaben dieser Handlung eine Feierlichkeit, die
sich besser empfinden ließ, als sie beschrieben werden kann. Selbst
die auf der Wahlstatt liegenden Verwundeten, die bisher die Gegend mit
ihrem Wehklagen erfüllt hatten, vergaßen ihre Schmerzen, um
Anteil an diesem allgemeinen Opfer der Dankbarkeit zu nehmen. Eine erneute
innere Festigkeit belebte jetzt den durch so viele Anstrengungen erschöpften
Krieger, ein lauter Jubel ertönte aus aller Munde, und als gleich
darauf das heftige Kanonenfeuer von Lissa her hörbar wurde, wollte
es einer den andern an Geschwindigkeit zuvortun, seinem König beizustehen."
Bald sammelten
sich die Generale und Stabsoffiziere im Schloß. Als der König
zu ihnen trat, um die Parole auszugeben, rief er heiter aus: "Nach
einer so getanen Arbeit, meine Herren, ist gut ruhen. Dieser Tag wird
den Ruhm Ihres Namens und den der Nation auf die spätere Nachwelt
bringen." Einer der Herren machte gesprächsweise die Bemerkung,
daß die Österreicher kaum noch eine so prahlerische Sprache
über die Potsdamer Wachtparade führen würden, als wenige
Tage zuvor. Lächelnd antwortete die Majestät: "Ich vergebe
ihnen ihre Dummheiten, die sie gesagt haben, zugunsten derer, die sie
heute gemacht haben."
Als der König
am Abend der Schlacht in der Dämmerung über das Feld ritt, rings
die Verwüstung sah und das Stöhnen zerschossener Menschen hörte,
wurde vor der furchtbaren Notwendigkeit seine große Seele weich,
und er rief aus: "Wann werden meine Qualen sich enden?" Über
eintausendzweihundert Mann seiner treuen Truppen lagen tot auf der Wahlstatt,
darunter neunundfünfzig Offiziere. Über fünftausend waren
leicht und schwer verwundet. Die Regimenter Markgraf Carl und Pannwitz
büßten ein jedes über siebenhundert Mann ein, die beiden
Bataillone Garde fünfhundert Mann. Fast vierfach so hoch waren die
Verluste der österreichischen Armee. Sie verlor zusammen mit ihren
bayrischen, württembergischen und sächsischen Hilfstruppen wenigstens
zehntausend Tote und verwundete. Außerdem blieben dreizehntausend
Gefangene, vierundfünfzig Fahnen und Standarten und einhunderteinunddreißig
Geschütze in den Händen der Sieger. Auf den Feldern bei Leuthen
zeigt man heute noch die Stellen der gewaltigen Massengräber, wo
Freunde und Feinde zur gemeinsamen Ruhe verscharrt wurden. Nach Menschenaltern
noch warf der Pflug des friedlichen Landmannes häufig Gebeine, Münzen,
Skapuliere, Kugeln und Kartätschensplitter aus der Erde auf. Einige
dieser Reliquien sind in den Sockel der Siegessäule versenkt, die
seit dem Jahre 1854 den Schönberg bei Heidau schmückt.
Aber
selbst nach diesem glänzenden Siege sollte König Friedrich noch
fast fünf lange Jahre gegen seine Feinde stehen. Und mit jedem Feldzuge
erneuerten sich für ihn die Schwierigkeiten. Mit jedem Feldzuge wurde
es schwerer, Geld zu schaffen und Soldaten. Im Laufe dieser Jahre folgte
eine Schlacht der anderen. Glänzende Siege, die des Königs kriegerisches
Genie im hellsten Glanze strahlen ließen, und wiederum Niederlagen,
teils durch die Umstände, teils durch die geringe Schätzung
des Königs für die feindlichen Generale herbeigeführt.
Bei Zorndorf (25. August 1758) griff Friedrich die Russen an, welche
zäh standhielten. Es gab ein fürchterliches Morden. Die hartnäckigen
Moskowiten ließen sich niederhauen, wo sie standen, als Seydlitz
mit seinen Schwadronen gegen sie hereinbrach und ihren rechten Flügel
zersprengte. Sie klammerten sich an ihre Geschütze und ließen
nicht los, bis man ihnen Finger und Hände zerhackte. Sie schossen
in ihrer Betrunkenheit, denn man hatte sie reichlich mit Branntwein versehen,
auf Freund und Feind. Hier offenbarte sich Seydlitz als der geborene Kavalleriegeneral,
"der jene Entschlossenheit besaß, welche die Gunst des Augenblicks
sicher zu ergreifen verstand." War dieser Tag von Zorndorf
ein Sieg, den von Hochkirch sechs Wochen später wurde zur schweren
Niederlage. Der König wußte wohl, daß er bei Hochkirch
dem Feinde gegenüber ein nicht genügend gesichertes Lager innehabe,
aber er traute seinen alten Gegner Daun keine Entschlußkraft zu.
Warnend sagte
der Feldmarschall Keith zum Könige: "Lassen die Feinde uns hier
in Ruhe, verdienen sie gehängt zu werden." "So wollen
wir hoffen," meinte Friedrich trocken, "daß sie sich mehr
vor uns, als vor den Galgen fürchten." Aber Graf Daun
fand seine Stunde in der Nacht zum 14. Oktober und veranstaltete mit gutem
Geschick einen Überfall auf das preußische Lager. Es kam zu
einem Verworrenen, blutigen Nachtgefecht, zu dem elf Dörfer als Leuchtfackeln
loderten. Der König warf den Angreifern seine Kernbataillone entgegen:
Forcade, Itzenplitz, Prinz von Preußen. Feldmarschall Keith sank
von einer Stückkugel zerrissen. Die Österreicher fanden ihn
später völlig nackt auf der Wahlstatt. Prinz Franz von Braunschweig,
der Königin jüngster Bruder, fiel zu Tode getroffen. Moritz
von Dessau wurde der Unterleib zerrissen, er kam in österreichische
Gefangenschaft. Die Verluste für Friedrich waren bitter. Aber
dann raffte er sich auf und zeigte seinen Truppen die größte
Ruhe. "Kanoniere, wo habt Ihr Eure Kanonen gelassen?"
"Der Teufel hat sie bei Nacht geholt, Majestät!"
"So wollen wir sie bei Tage ihm wieder abnehmen."
Wenige Tage
nach dieser furchtbaren Niederlage kommt die Nachricht vom Tode der geliebten
Schwester Wilhelmine zu Bayreuth. In dumpfen Schmerz entgegnet Friedrich:
"Ich habe keine Zeit, den Tod meiner Schwester zu beweinen. Die Menge
meines Unglücks stumpft schließlich die Empfindung ab und ich
glaube, es könnte der Himmel die Erde erdrücken und der Boden
unter meine Füßen einsinken, ohne daß ich es achten würde."
Und dennoch
denkt der König nicht an Frieden. Sein Stolz läßt es nicht
zu, als ein Bittender zu erscheinen. "Ich bin stumm wie ein Karpfen;
wenn die Franzosen oder Österreicher oder Russen mir etwas zu sagen
haben, so haben sie nur zu sprechen. Ich für mein Teil beschränke
mich darauf, sie zu schlagen und zu schweigen."
Der
Tag von Kunersdorf (2. August 1759) brachte die schwerste Niederlage des
Königs im siebenjährigen Kriege. Friedrich griff die durch ein
Österreichisches Heer von 20 000 Mann unter dem tüchtigen General
Laudon verstärkten Russen an. Der Anfang der Schlacht war glänzend.
Schon sandte der König Kuriere mit der Siegesnachricht nach Berlin,
aber das Ende des Tages war fürchterlich. Als man den König
beschwor, sich nicht so sehr den Kugeln auszusetzen, sagte er kurz: "Wir
müssen hier alles versuchen, um die Bataille zu gewinnen, und ich
muß hier wie jeder Andere meine Schuldigkeit tun." Der
Ausgang dieser Schlacht hatte das Gemüt des Königs schwer verdüstert.
Er glaubte den Untergang seines Vaterlandes vor sich zu sehen und war
entschlossen, diesen Tag nicht zu überleben.
Man sah Friedrich
in der Nacht in einer Bauernhütte auf einem Bund Stroh tief schlafend,
vor der Tür eine Schildwache. Aber kaum 24 Stunden dauerte die seelische
Stimmung des Königs, dann schnellte sein hoher Geist wieder mit der
gewohnten Spannkraft empor. Ein Wunder erschien es ihm, daß die
Russen trotz ihres Sieges nichts unternehmen; aber deren Feldherr, der
Fürst Ssaltykow, tat einen merkwürdigen Ausspruch. "Noch
eine solche Schlacht," klagte er, "und ich könnte mit einem
Stocke in der Hand nach St. Petersburg wandern."
So wogte das
Glück der Schlachten hin und her. Schon glaubten um die Mitte des
August 1760 die Österreicher, als sie das Marschlager des Königs
bei Liegnitz von drei Seiten eingeschlossen hatten, ihrer 90 000 gegen
30 000 Preußen, den König im Sack zu haben. "Der Sack
sei aufgemacht, man brauche ihn nur zuzuschnüren, um den König
mit seiner Armee zu fangen," so scherzte man im österreichischen
Lager. "Sie haben so unrecht nicht," sagte Friedrich lächelnd,
als er dies hörte, "aber ich denke ihnen ein Loch in den Sack
zu machen."
Und so schlug
Friedrich in der Nacht zum 14. August die glänzende Schlacht von
Liegnitz. Hier zahlte er dem General Laudon die Schuld von Kunersdorf
heim, den Laudon hatte den Sieg von Kunersdorf entschieden. Das Regiment
Anhalt hatte sich hier bei Liegnitz besonders ausgezeichnet. Es erhielt
seine Huttressen und Seitengewehre wieder, die es im letzten Feldzuge
durch einen Befehl des Königs eingebüßt hatte. "Wohl,
Kinder," rief der König den Grenadieren zu, die ihn darum baten,
"Ihr sollt sie wieder haben und alles soll vergessen sein! Ihr habt
brav gefochten, Burschen!" Worauf ein alter, lang gedienter
Grenadier treuherzig erwiderte: "Wie sollten wir nicht? Wir kämpfen
ja für den König und für das Vaterland!" Niemals konnte
Friedrich diese Episode erzählen, ohne das die Rührung über
ihn kam.
Mit
hoher Bewunderung muß uns Nachgeborene die gewaltige Entschlußkraft,
die in diesem großen Könige wohnte, stets erfüllen. Wohl
hatte Friedrich, wie nach Kunersdorf und bei vielen anderen Mißerfolgen
und Schlägen des siebenjährigen Krieges, seine gebeugten Stimmungen,
wie sie jeder Mensch hat; aber das eben ist das Bewundernswerte an diesem
Könige, daß er sich aus allen Tiefen aufraffte und mit stählerner
Spannkraft zu neuen Taten schritt. Es sind eherne Worte, die Friedrich
in jenen Tagen an seinen Freund, den gelehrten d'Argens, nach Berlin schrieb:
"Niemals werde ich den Augenblick erleben, der mich zwingen soll,
einen unehrenhaften frieden zu schließen; keine Überredung,
keine Beredsamkeit können mich dahin bringen, meine Schande zu unterzeichnen.
Entweder werde ich mich begraben lassen unter den Trümmern meines
Vaterlandes, oder, wenn dem Unglück, das mich verfolgt, diese Tröstung
noch zu süß erscheint, so werde ich selber meinen Leiden ein
Ziel setzen, wenn es nicht mehr möglich sein wird, sie zu ertragen.
Ich habe gehandelt und werde zu handeln fortfahren nach dieser inneren
Stimme und dem Ehrgefühl, die alle meine Schritte lenken; mein Verhalten
wird zu jeder Zeit mit diesen Grundsätzen übereinstimmen. Nachdem
ich meine Jugend meinem Vater, mein reiferes Alter meinem Vaterlande geopfert
habe, glaube ich das Recht erworben zu haben, über mein Alter frei
zu bestimmen. Ich habe es Ihnen gesagt und wiederhole es: nie wird meine
Hand eine demütigenden Frieden unterzeichnen. Und so will ich die
beenden: entschlossen, alles zu wagen und die verzweifeltsten Dinge zu
versuchen, um zu siegen oder ein Ende mit Ruhm zu finden."
Wenige
Tage nach diesem Briefe kam es zu der Schlacht von Torgau, da sich der
General Graf Daun mit 62 000 Mann hier aufgestellt hatte, zur Schlacht
bereit. Friedrich konnte nur zwei Drittel dieser Macht den Feinden entgegenführen.
Es war eine furchtbare Schlacht, und der Kanonendonner so stark, das selbst
König Friedrich einem General zurief: "Haben Sie je eine gleiche
Kanonade gehört?" Die ersten Angriffe werden von den
Österreichern glatt abgeschlagen. Der König setzt seine Person
aus, wie er es stets zu tun pflegt. Da trifft ein Kartätschensplitter
seine Brust, er sink betäubt zusammen. Die Adjutanten reißen
seine Kleider auf, aber zum Glück haben Mantel und Rockfutter die
Wirkung des Geschosses geschwächt. "Es ist nichts," sagt
der König und befiehlt, was zu befehlen ist. Endlich greift Zieten
von Süden her an und nun belebt sich die Wucht des Angriffes auf
der Seite des Königs von neuem. Der Sieg neigt sich auf die Seite
der Preußen, und in später Abendstunde des November darf Friedrich
auf die Altarstufen einer Dorfkirche die Siegesnachricht auf ein Blatt
Papier schreiben. Auf einem Bund Stroh, das man ihm geschüttet hat,
bringt der König die Nacht zu.
So
raffte sich der König stets wieder zu glänzenden Siegen auf,
aber dennoch glaubte er, daß er schließlich der Übermacht
seiner Feinde erliegen müsse. Allerdings trat bei diesen allmählich
eine Kriegsmüdigkeit ein. Die Franzosen ließen durch ihren
Gesandten erklären, daß ihr König den Krieg nicht fortsetzen
würde. "Wir haben kein Geld, keine Hilfsmittel, keine Marine,
keine Soldaten, keine Generale, keine Minister." Aber Maria
Theresia war noch immer hartnäckig. Zu groß war die Trauer
um das verlorene Schlesien, zu lebhaft ihr Wunsch, es zurückzugewinnen.
Unter den
ständigen Strapazen des Krieges war König Friedrich früh
gealtert. "Dies ganze Treiben," schreibt er an die Gräfin
Camas, eine mütterliche Freundin aus seinen Jugendtagen, "dieser
unaufhörliche Wirrwarr haben mich alt gemacht, daß Sie Mühe
haben würden, mich wiederzuerkennen. An der rechten Seite ist mein
Haar ganz grau, meine Zähne brechen ab und fallen aus, mein Gesicht
hat Runzeln gleich den Falten eines Weiberrocks, Mein Rücken ist
gekrümmt, wie ein Bogen und mein Sinn traurig und niedergeschlagen,
wie ein Trappistenmöch. Ich bereite Sie auf alles das vor, damit
Sie nicht, falls wir uns je in Fleisch und Blut wiedersehen sollten, über
meinen Anblick zu erschrocken sind."
Allmählich
war der Krieg zu einem schwelenden Feuer geworden. Der König hatte
kaum noch 60 000 Feldtruppen unter den Waffen und war von allen Seiten
bedroht. Er verglich sich geistreich einem geschickten Musiker, den man
fragt, ob er auf einer Geige mit nur drei Saiten spielen könne. "Er
spielte so gut es ging. Dann zerriß man ihm eine Saite, dann eine
zweite. Er spielte, aber er spielte natürlich weniger gut. Endlich
zerriß man ihm auch die letzte Saite und verlangte, daß er
trotzdem seinem Instrument Töne entlocken sollte."
Da
trat der Tod als Bundesgenosse des Königs auf . Seine bittere Feindin
Kaiserin Elisabeth von Rußland starb, und ihr Nachfolger, Zar Peter
III., ein glühender Verehrer Friedrichs, beeilte sich nicht nur,
Frieden zu schließen, sondern bot dem Könige auch ein Bündnis
an. Allerdings dauerte das nicht lange, denn Zar Peter wurde nach kurzer
Zeit ermordet, und seine Gemahlin Katharina bestieg den Thron. Sie erhielt
das Bündnis zwar nicht aufrecht, aber beim Frieden blieb es, weil
sie mit ihrem großen Russenreich genug zu tun hatte.
Den letzten
Sieg in dem Kriege gewann des Königs Bruder Prinz Heinrich in der
Schlacht von Freiberg (29. Oktober 1762). Der König war hocherfreut
über den Erfolg seines Bruders. "Die Ankunft Ihres Briefes,
mein lieber Bruder, hat mich zwanzig Jahre jünger gemacht. Gestern
war ich sechszig, heute kaum achtzehn; der Dienst, den Sie dem Staate
geleistet haben, ist so wichtig, das ich meine Dankbarkeit nicht hinlänglich
auszudrücken vermag und warten will, bis ich es in Person tun kann."
Endlich dann
nach sieben blutigen Jahren wurde am 15. Februar 1763 der friede zu Hubertusburg
geschlossen. Von vornherein hatte Friedrich der Große den gegnerischen
Unterhändlern erklärt: "Rechnet ja nicht darauf, ein Dorf
oder einen Groschen von mir zu bekommen."
So
war das Ringen zu Ende, und König Friedrich, und König Friedrich
unbestrittener Sieger in diesem furchtbaren Zweikampf. "Es ist doch
ein gutes Ding um den Frieden, den wir abgeschlossen haben," sagte
er erleichtert zu seinem Gesandten Herzberg, "aber man muß
sich das nicht merken lassen."
König
Friedrich hatte die Fünfzig überschritten, als er aus dem Feldzuge
kam. Wohl hätte er sich gern der Ruhe hingegeben, aber seiner warteten
zertretene, ausgeplünderte, durch Mordbrennerei und alle Schrecken
des Krieges verheerte Provinzen. Mit der Stunde des Friedensschlusses
fing eine neue, nie versiegende Arbeit an, und dieser König hat zu
keiner Stunde versagt: "Der Mensch muß arbeiten, wie der Ochs
pflügen muß!"
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Auf hoher Stirn des Genius Zeichen
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Die Lippe schmal, das Aug' ein Blitz,
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Im Kampf mit vier gewalt'gen Reichen
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Stand, ohne einen Schritt zu weichen,
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Die Hand am Schwert, der alte Fritz.
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Das war ein Krieg von sieben Jahren,
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Fortuna ging von Hand zu Hand,
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Und doch, als sie zu Ende waren,
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Erzwangen seiner Feinde Scharen
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Nicht ein Büchse märk'schen Sand
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Man weiß
in Friedrichs Geschichte nicht, wann man mehr bewundern soll. Dreiundzwanzig
Jahre währte die erste Periode seiner Regierung, von 1740 bis 1763.
Sie war erfüllt mit dem ersten und zweiten schlesischen Krieg, mit
den Jahren von Sanssouci, mit dem siebenjährigen Ringen um den Besitz
Schlesiens und um mehr, um den Bestand der Monarchie. Diese Periode war
ein großes Auf und Ab, ein Wagen, Emporschnellen und Wiederwagen,
ein Schulen und Spannen der Kräfte des Staates, ein Bessern dessen,
was nicht gut schien, ein unendliches Mühen dieser großen Seele,
die Krone, welche die Geburt ihr aufs Haupt gedrückt hatte, königlich
zu tragen. Diesem Hochgeborenen war die Königschaft mehr als eine
Würde, sie war ihm eine Pflicht, eine unabweisliche, strenge, mit
jedem Tag von neuem an ihn herantretende Pflicht.
Aber
diese erste Periode hatte ihre Höhen. Mochte der König noch
so gleichgültig vom Ruhm denken gelernt haben, dennoch wob sich der
Lorbeer um seine Schläfen und ein Europa bewunderte ihn. Die zweite
Periode, die zweiten 23 Jahre, hatte solche Höhen nicht mehr. Aus
dem König Friedrich, den die Welt "der Großen" nannte,
war der "alte Fritz" geworden, und seine Tage kannten nur die
Pflicht, die nüchtern jeden Tag vor ihn trat und nüchtern mit
gefüllter Tasche ging. Es gab keinen Wechsel der Dinge mehr, kein
Auf und Ab; das Schwert, von Lorbeer umsäumt, ruhte, die Flinten
schwiegen, die Kanonen wurden nur an Festtagen gelöst.
Und so begann
mit dem Tage der Ankunft in Berlin diese zweite Hälfte des großen
Königslebens und lief dahin, ein Tag dem andern folgend, ein Mond
dem andern, ein Jahr dem andern, und sammelte im Schoß dieser dreiundzwanzig
Jahre ein so gerütteltes Maß von Arbeit, daß die Bewunderung
in tiefer Bewegung steht. Als einstigen träume eines von künstlerischem
Geiste und heiterer Lebenskunst getragenen Lebens sind längst erloschen.
Die dreimal heilige Arbeit ist das Los dieses Königs, die heischende
Pflicht seiner Tage Gefährtin."An der Stelle, wo ich stehe,
muß man handeln, als sollte man niemals sterben." Dank? Er
will ihn nicht, und wenn sich Hände dankend heben, so gibt es für
ihn nur das eine Wort: "Dafür bin ich da."
Ohne eine
Stunde zu verlieren, gleich am Tage seiner Ankunft in Berlin begann König
Friedrich mit der Wiederherstellung des Staates. "Fürsten,"
sagte er, "müssen der Lanze des Achilleus gleichen, welche die
beigebrachten Wunden auch wieder heilt." Große Summen
flossen auf des Königs Geheiß an Städte und Landratsämter.
Vor allen Dingen handelte es sich darum, dem Volke Mut zu machen, die
zerstörten Hütten wieder aufzubauen, die zerstampften Felder
wieder zu bestellen, und dann mochte der eigene Fleiß des Einzelnen
das Übrige tun. In Schlesien, in Pommern, in der Neumark wurden an
15 000 Häuser und Gehöfte neu gebaut. Stets war Friedrich willig
zu geben. Im ganzen hat der König seit dem Friedensschluß über
40 Millionen Taler aufgewandt, um der allgemeinen Not zu steuern. Er pflegte
zu sagen: "Ob ich nun eine oder anderthalb Millionen mehr im Staatsschatz
lasse oder nicht, das ist gleichviel, und besser ist es, wenn ich noch
in meinem Leben Gutes damit stifte!"
Nicht nur
um die blühende Provinz Schlesien hat König Friedrich seine
Staaten vermehrt. Er griff auch mit fester Hand dann zu, als von Rußland
und Österreich die Aufteilungen des Königreichs Polen beschlossen
wurde. Zwar wurde dadurch einer Nation ihre Selbständigkeit genommen,
aber diese Nation hatte sich nicht lebensfähig erwiesen, ihre Selbständigkeit
zu erhalten. Die ganze Aufteilung ging ohne Schwertstreich ab. "Wenn
man seine getrennten Staaten," schrieb Friedrich einmal, "zu
einem Ganzen verbinden kann, so möchte schwerlich ein Sterblicher
zu finden sein, welcher das nicht mit Vergnügen unternehmen sollte.
Es ist dabei wohl zu bemerken, daß alles noch dazu ohne Blutvergießen
abgegangen ist. Ein wenig Tinte und eine Feder haben alles abgetan und
Europa wird nun von den schlimmsten Unruhen befreit sein."
König Friedrich hat nie das Empfinden gehabt, daß den Polen
ein Unrecht geschähe.
"Wegen
dieser polnischen Angelegenheit," meinte Friedrich, "könnte
ich mich vor allen Richterstühlen der Welt verteidigen."
In der Tat hat der große König und mit ihm der preußische
Staat im Laufe der Zeit eine gewaltige Kulturarbeit an den polnischen
Gebietsteilen, welche dem Königreich Preußen als Westpreußen
einverleibt wurden, vollbracht. "Das sicherste Mittel," schrieb
der König an den Oberpräsidenten der Provinz, "diesen slavischen
Leuten bessere Begriffe und Sitten beizubringen, wird immer sein, solche
mit der Zeit mit Deutschen zu vermischen." Bald entschloß
sich der König, ganze Dörfer mit Deutschen zu besiedeln. Aus
allen deutschen Landen rief er sie herbei, und deutsche Gesittung, deutscher
Fleiß, deutsche Wirtschaftlichkeit sollten den Polen die Kultur
bringen. "Was gemacht wird, ist nicht auf kurze Zeit, sondern auf
die Jahrhunderte gemacht."
Noch einmal
reckte am Ausgange des vierten Jahrzehnts seiner Regierung der große
König das Schwert empor. Nach dem Tode des bayerischen Kurfürsten
erlosch der Mannesstamm der kurbayerischen Linie, und es wurde nun ein
Vertrag kund, nach welchem das Haus Habsburg sich zum Erben der bayerischen
Lande aufgeworfen hatte. Sobald der Kurfürst die Augen zugemacht
hatte, marschierten 10 000 Österreicher in die abgetretenen bayerischen
Gebiete ein (Mitte Januar 1778). Aber Friedrich trat für den rechtmäßigen
Erben der Wittelsbacher Lande ein. Er war der Einzige im Reich, der für
den Herzog Karl von Pfalz Zweibrücken das Schwert zog. Anfang Juli
1778 überschritt Friedrich an der Spitze der ersten Sektion seiner
Avantgarde von neuem die böhmische Grenze. Fast vierzig Jahre war
es her, seit er sie als junger König überschritten hatte.
Jetzt war
es die Pflicht, die ihn zwang, und er säumte nicht, sie zu tun, und
selten in der Geschichte ist eine so ehrliche Politik zum Schutze der
deutschen Reichsfürsten getrieben, wie Friedrich sie hier trieb.
"Bis dahin," schrieb die sächsische Kurfürstin, eine
Tochter des Hauses Wittelsbach, "hatte Friedrich vornehmlich für
die Seinen gekämpft; jetzt kämpfte er für die anderen,
er wurde der uneigennützigste Schiedsrichter in den Händeln
der Herrscher, das Werkzeug der obersten Gerechtigkeit, welche die Nation
richtete." Das Stoßgebet in Bayern hieß damals,
wie der Volkswitz meinte, nicht: "Jesus, Maria und Josef," sondern
" Jesus, Maria und Friedrich," und es gab fast kein Haus in
München, in welchem man nicht das in Kupfer gestochene Porträt
des Königs Friedrich von Preußen fand. Die Drohgebärde
Friedrichs genügte. Das Haus Habsburg war gezwungen, Wasser in seinen
Wein zu gießen, und der junge Kaiser Josef mußte die Lande,
die er so schleunig besetzt hatte, wieder herausgeben.
In Friedrich
tauchte damals der Gedanke auf, die deutschen Stämme und Lande zu
bereinigen und einen Fürstenbund zu gründen, um jeden Angriff
und jeder Vergewaltigung gegenüber Schulter an Schulter zu stehen.
Ein solcher Fürstenbund kam auch am 23. Juni 1785 zu Berlin zustande.
Preußen, Sachsen, Hannover und einige andere deutsche Reichsfürsten
vereinigten sich. Es waren, wenn man so will, die Anfänge eines deutschen
Bundes, eines deutschen Reichs, und Friedrich war nach Goethes Worten
"der Polarstern, um den sich Deutschland, Europa, ja die Welt zu
drehen schien."
So war König
Friedrich, nimmermüde im Dienst seines Staates, ein Siebziger geworden.
Ein Tag ging ihm hin wie der andere. Er zwang die Tage, ihm zu dienen.
Er stand sehr früh auf, spätestens um 4 Uhr im Sommer, im Winter
eine Stunde später. Wurde er nicht rechtzeitig geweckt, so zürnte
er. Er zog sich gewöhnlich, auf den Bett sitzend, die Strümpfe
und die schwarzen Samtbeinkleider an, die er stets trug. Dann folgten
die Stiefel, die niemals neu waren, auch nie frisch gewichst sein durften
und daher oft rötlich aussahen. Vor dem Kamin stehend, vollendete
er seinen Anzug, und ließ sich das Haar pudern. Da er indes für
dies Geschäft wenig Zeit hatte, so wurde er stets nur flüchtig
gemacht. Nach beendeter Toilette brachte der Adjutant den Rapport des
Tages, und der König konferierte alsdann mit seinen Generaladjutanten
über Militär Angelegenheiten.
Dann trank
Friedrich seinen Kaffee, zwei bis drei Tassen. Nach dem Kaffee pflegte
er auf der Flöte zu phantasieren, wobei er im Zimmer auf und ab ging,
und nach seiner eigenen Aussage sind ihm dabei die glücklichsten
Gedanken über wichtige Geschäfte gekommen. Um 9 Uhr erledigte
Friedrich die Berichte seiner Kabinettsräte und versah die vielen
Eingaben und Gesuche mit Bleistiftnotizen, den berühmten Randbemerkungen,
die immer den Nagel auf den Kopf trafen. Was auch vor sein Auge kommen
mochte, alles wurde von diesem König scharf und wohlwollend überlegt.
Um 10 Uhr erhielt der Kommandant die Parole, der König erteilte einige
Audienzen, las laut deklamierend aus französischen Klassikern, stieg
dann zu Pferde und ritt zur Parade oder ritt spazieren. Die Mittagstafel,
welche um 12 Uhr stattfand, brachte Gäste und geistreiche Unterhaltung
über Politik, Religion, Geschichte, Kriegsangelegenheiten und was
sonst an der Tagesordnung war.
Der
Umgang an der Tafel, wie auch sonst in des Königs Umgebung, war ungezwungen;
er ließ seine Gegenwart niemals lästig empfinden. Allerdings
verlangte er die gebührende Achtung inmitten der ungebundensten Unterhaltung.
Auch nach Tisch blies der König wieder eine halbe Stunde Flöte,
dann ging es an die Lesung und Unterschrift der Briefe und Befehle. Friedrich
las alles sehr gewissenhaft und fügte oft eigenhändige Bemerkungen
hinzu. Es war Grundsatz bei ihm, alle Eingaben möglichst am selben
Tage zu beantworten. Der Abend brachte etwas Musik und Unterhaltung. Um
10 Uhr pflegte der König sein Schlafzimmer aufzusuchen. Sechs Stunden
Schlaf genügten ihm, in späten Jahren allerdings wurden es sieben
und acht Stunden.
Solche Tagesordnung
wurde, wenn es Revuen und Reisen und Besichtigungen, sei es in Berlin,
sei es in den Provinzen, gab, natürlich unterbrochen. Der König
schenkte sich nichts, und mochten ihm die Ärzte noch so abraten,
die Reisen, die er geplant hatte, unternahm er dennoch. "Meine Methode,
mich einzurichten, bleibt immer dieselbe. Je mehr man sich verwöhnt,
desto schwächer und empfindlicher wird der Körper. Mein Metier
verlangt Arbeit und Tätigkeit. Mein Körper und Geist müssen
sich ihrer Pflicht anbequemen. Es ist nicht nötig, daß ich
lebe, aber wohl, das ich handle, dabei habe ich mich immer sehr wohl befunden."
Und als den Siebzigjährigen der Arzt durchaus von einer Reise
nach Westpreußen zurückhalten will, meint Friedrich kopfschüttelnd:
"Doktor, Er treibt sein Geschäft und ich das meinige. Ich will
bis zum letzten Moment meine Pflicht als König tun!"
Auf einer
solchen Reise sah ihn als Kind der spätere General von Marwitz. Er
erzählte: "Wir warteten und eine Menge Volks mit uns. Die Vorspannpferde
standen geordnet, Bauernpferde, ganz kleine Katzen, aber die besten ausgesucht,
die Bauern, die reiten sollten, geputzt, und zehn Stück Pferde zu
des Königs Wagen, hinten vier, die der Kutscher vom Bock fuhr, dann
zweimal zwei, auf jedem Paar ein Bauernknecht, und auf den vordersten
zwei der Königs Vorreiter. Nun kam der Feldjäger auf einem Bauernpferde
mit der großen Hetzpeitsche, ein Bauer als Begleiter mit ihm. Der
Feldjäger, glühend von der Hitze, stieg ab, sagte: der König
werde in fünf Minuten hier sein, sah das Relais nach und die Kerle
mit den Wassereimern, die die Rädern begießen sollten, stürzte
ein ganzes Quart Bier hinunter und da unterdessen sein Sattel auf ein
anderes kleines Bauerpferdchen gelegt war, hinauf und im Galopp weiter.
Bald
kam der Page, ebenso beritten, ein Jüngling von siebzehn bis achtzehn
Jahren, ganz erschöpft, mußte vom Pferde heruntergehoben und
nachher wieder auf das frische hinaufgeholfen werden, weil er seiner kaum
mehr mächtig war und dicht hinter ihm kam der König.
Er saß allein in einer altmodischen Fensterkutsche. Der Wagen hielt,
und der König sagte zu seinem Kutscher Pfund: "Ist das Dolgelin?"
"Ja, Ihro Majestät!" "Hier will ich bleiben."
"Nein," sprach Pfund, "die Sonne ist noch nicht unter.
Wir kommen noch recht gut nach Münchenberg, und dann sind wir morgen
früher in Potsdam." "Na! wenn es sein muß."
Und damit
wurde umgespannt. Die Bauern,welchem von weitem ganz still mit ehrerbietig
gezogen Hüten standen, kamen sachte näher und schauten den König
begierig an. Eine alte Semmelfrau aus Libbenichen nahm mich auf den Arm
und hob mich gerade an dem Wagenfenster in die Höhe. Ich war nun
höchstens eine Elle weit vom König entfernt, und es war mir,
als ob ich den lieben Gott ansähe. Er sah ganz gerade vor sich hin,
durch das Vorderfenster. Er hatte einen ganz alten dreieckigen Montierungshut
auf, dessen hintere Krempe hatte er nach vorn gesetzt und die Schnüre
losgemacht, so das diese Krempe vorn herunterhing und ihn vor der Sonne
schützte. Die Hutkordons waren losgerissen und tanzten auf dieser
heruntergelassenen Krempe umher; die weiße Generalsfeder im Hut
war zerrissen und schmutzig; die einfache blaue Montierung mit roten Aufschlägen,
Kragen und goldenem Achselband alt und bestaubt, die gelbe Weste voll
Tabak; dazu hatte er schwarze Samthosen an.
Ich dachte
immer, er würde mich anreden. Ich fürchtete mich gar nicht,
hatte aber ein unbeschreibliches Gefühl von Ehrfurcht. Er tat es
aber nicht, sondern sah immer gerade aus. Die alte Frau konnte mich nicht
lange hochhalten und setzte mich wieder herunter. Da sah der König
den Prediger, winkte ihn heran und fragte, wessen das Kind sei. "Des
Herrn v. Marwitz in Friedersdorf." "Ist das der General?"
"Nein der Kammerherr." Der König schwieg, denn er konnte
die Kammerherren nicht leiden, die er wie Müßiggänger
betrachtete. Die Umspannung war geschehen, fort ging es. Die Bauern sprachen
den ganzen Tag vom König, wie er dies und jenes in Ordnung bringen
und allen denen den Kopf waschen würde, die ihnen unangenehm waren."
Im Dienst
des Staates holte sich König Friedrich seine Todeskrankheit. Der
Gicht und der Schwäche nicht achtend, reiste der König im August
1785 zu den Truppenübungen nach Schlesien und saß während
des Haupttages der Revue (24. August) sechs Stunden lang, nur bekleidet
mit dem schlichten blauen Uniformrock, zu Pferde, während es wie
aus Eimern goß. Bis auf die Haut durchnäßt, kehrte er
in das Quartier zurück. Wenige Wochen später erlitt er in Potsdam
einen Stickfluß, eine Art Schlaganfall, der sich nur langsam besserte.
Und immer mehr traten die Erscheinungen der Wassersucht während des
Winters zutage. Sobald der Frühling nahte, hielt Friedrich es im
Potsdamer Stadtschloß nicht mehr aus. Er ließ sich am 17.
April nach einer langen Spazierfahrt durch die Dörfer nach seinem
lieben Sanssouci fahren. Und doch ist es, als ob dieser König
noch den letzten Atemzug zurate halten will. Er durchwacht die Nächte
in seinem Lehnstuhl, weil die Luft nicht durch will, und dann, um 4 Uhr
früh, empfängt er seine Sekretäre. "Meine Herren,
mein Zustand zwingt mich, Ihnen diese Mühe zu machen, die für
Sie nicht lange dauern wird. Mein Leben ist auf der Neige, die Zeit, die
ich noch habe, muß ich benutzen, sie gehört nicht mir, sondern
dem Staat." Noch einmal mochte der König zu Pferde steigen.
Am 4. Juli ließ er den Schimmel Condé vor sich bringen, sein
altes, liebes Tier, und saß im Sattel und ritt dreiviertel Stunden
durch den Garten von Sanssouci.
In
der Nacht zum 17. August 1786 hört der König die Glocke elf
schlagen: "Was ist die Glocke? Um vier Uhr will ich aufstehen."
Sein Auge fällt auf ein fröstelndes Windspiel, und er befiehlt,
man möge das Tier mit einem Kissen zudecken. Von seinem Kammerhusaren
Strützky gestützt der treue Mensch hatte sich auf das
Knie niedergelassen und harrte so drei Stunden aus atmet Friedrich
unablässig schwer und schwerer und sein Leben keucht dem Tode entgegen.
Ein heftiger Hustenanfall, der etwas Schleim löst. "La montagne
est passée, nous irons mieux." "Wir sind über den
Berg, jetzt wird's besser gehen!" Der Zeiger der Uhr zeigte zwanzig
Minuten nach zwei in der Frühe des 17. August. als die königliche
Brust den letzten Atemzug tat.
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Was Menschenkraft vermag, er hat es
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In nimmermüden Tun gelehrt;
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Ein mann der Tat, der Pflicht, des Rates,
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"Der erste Diener seines Staates",
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O stolzes Wort von ew' gem Wert.
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Wir aber nah'n uns Deinen Nauen,
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Du Held, der einer Welt gewehrt;
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Dein Preußen schritt auf Siegesbahne,
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All Deutschland folgte seinen Fahnen:
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Dein Erbe, Herr, ist unversehrt!
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Quelle: König Friedrich der Große, Ein Gedenkbuch
zu seinem 200jährigen Geburtstage 24-Januar-1912, Theodor Rehtwisch,
Verlag Georg Wigand, Leipzig, von rado jadu 2001
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