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Das Berliner Museum für Völkerkunde

von

Friedrich v. Hellwand

Bilder aus dem Museum

Seitdem Berlin zur Metropole des Deutschen Reiches emporgestiegen, ist es nicht bloß Weltstadt, sondern auch ein Zentrum der Wissenschaftspflege geworden. Zahlreiche neue Institute geben beredt davon Kunde. Erst kürzlich, am 18. Dezember vorigen Jahres, gesellte sich zu den schon bestehenden ein neues, das feierlich eröffnete Museum für Völkerkunde. Damit hat Berlin einen erheblichen Schritt vorwärtsgetan, einen Schritt wie ihn unseres Wissens noch keine europäische Hauptstadt zu verzeichnen hat. Berlin zuerst hat der der Völkerkunde eine eigene, für sich abgeschlossene Stätte bereitet und damit zugleich die Anerkennung der hohen Wichtigkeit ausgesprochen, welche diesem lange dem Dilettantismus überlassenen Wissenszweige gebührt.

Mit stolz blickt der Ethnologe auf die in Berlin nunmehr zugänglich gemachten Schätze, und dahin wird in Zukunft sich wenden müssen, wer auf ethnographischem Gebiete fruchtbare Studien machen will. Hat doch ein in Fachkreisen sattsam bekannter österreichischer Forscher, Dr. Felix Ritter von Luschan, diesen Sachverhalt unverhohlen dadurch zum Ausdrucke gebracht, daß er als Direktorialassistent an dem neuen Berliner Museum tätig ist. Berlin trug auch seit lange schon alle Vorbedingungen für ein solches Unternehmen in sich. Kein Volk zählt eine größere Menge wissenschaftlicher Reisenden, Forscher und Sammler, als das deutsche, und sie alle legten ihre Schätze in der deutschen Hauptstadt nieder. Sachkundigen war es längst kein Geheimnis, daß im Laufe der Jahre die ethnologische Sammlung Berlins sich zu einer der reichsten aller Länder entwickelt hatte; es gab aber für dieselbe keinen Vereinigungspunkt, man mußte die einzelnen Bestandteile in den verschiedensten Lokalen aufsuchen, wo man dann freilich überrascht war von den Gebotenen. Freudig durfte man es demnach begrüßen, als 1880 mit dem Baue des jetzigen Museums begonnen wurde, welches das gesamte weitschichtige Material, dem sich noch die wertvollen Schenkungen Dr. Heinrich Schliemanns anreihten, aufzunehmen und den neu eröffneten Forschungsrichtungen zu genügen vermöchte.

Das neue Museum für Völkerkunde erhebt sich als ein massiger, drei Stockwerke hoher Bau an der Ecke der Königgrätzerstraße, dort wo ein Durchbruch der Zimmerstraße erwartet wird und auch schon in der gleichen Flucht das Kunstgewerbemuseum aufgeführt worden ist. Das äußere des Gebäudes, streng im Stil der italienischen Frührenaissance gehalten, macht einen ungemein nüchternen Eindruck und achtlos würde man vielleicht daran vorüberschreiten, wäre nicht der wuchtige, von Säulen gestützten Rundvorsprung an der Straßenecke, auf dessen oberstem Friese in steifer, gewaltiger Lapidarschrift die Worte: "Museum für Völkerkunde" glänzen. Weiter ist dem Auge keinerlei Konzession gemacht, weder im Äußeren noch im Inneren. Dem ellipsenförmigen Kuppelraume in dem erwähnten Rundbau läßt sich indes ein imponierender Eindruck nicht absprechen. Majestätisch öffnen sich auch die beiden Treppen, welche nach dem ersten Stockwerke in den langen Seitenflügeln hinaufführen. Zwischen beiden liegt ein fächerförmiger, glasüberdeckter Lichthof, in welchem sich monumentale Stücke ost- und südasiatischer Kultur neben umfangreicheren Gegenständen aus den Sammlungen der Naturstämme vereinigt finden. Von diesem Lichthofe ausgehend schließen sich die Ausstellungsräume zu einem unregelmäßigen Viereck zusammen, dessen einzelne Seiten je einen mächtigen Saal bilden.

Diese Anordnung wiederholt sich in allen drei Stockwerken. Links vom Eingange sind in diesem Erdgeschosse die vorgeschichtlichen Altertümer aus der Mark Brandenburg, dann die gleichfalls vorgeschichtlichen Gold- und Silberfunde aus verschiedenen Ländern in zwei Sälen untergebracht, rechts dagegen die Schenkung des Dr. Heinrich Schliemann, der "Schatz des Priamos", die trojanischen und mykenischen Fundstücke. Auch eine provisorische Ausstellung aus der chinesischen Sammlung ist hier im Erdgeschoß zu sehen, welches sonst noch Dienstwohnungen, Werkstätten und Lagerräume birgt, wie ein so großartig angelegtes Museum deren erfordert.

Berufene Kritiker haben an der dekorativen Ausschmückung dieser Räume, besonders der Rotunde, die Eiseskälte strenger Wissenschaftlichkeit zu rügen befunden, welche dem Eintretenden hier entgegenweht. Soweit Schreiber dieses aus einem dem damals noch unfertigen, wenn auch der Vollendung nahen Gebäude gewidmeten eingehenden Besuche urteilen darf, glaubt er sich dem Ausspruche anschließen zu müssen, daß bei aller Großartigkeit der Räumlichkeiten dieselben doch kühl, kühl bis ins Herz hinein wirken. Was den Beschauer frappiert, ja frappieren muß, das ist das ungemein Praktische der ganzen Anlage. Aber das ist alles.

Das Museum ist ausschließlich in Hinblick auf den erstrebten Zweck gebaut und dieser wird, glauben wir, auch vollständig erreicht. Damit hat es aber auch sein Bewenden. Der kalte, berechnende Geist des deutschen Nordens spiegelt sich in diesem Baue, wie vielleicht in keinem zweiten. Welcher Gegensatz zu dem neuen naturwissenschaftlichen Hofmuseum in Wien, welches auch die ethnologischen Sammlungen beherbergen wird! Wie bleibt dort das Auge gefesselt von der geradezu blühenden Architektur der Fassaden, der geschwungenen Linien der Kuppeln, dem reichen Schmuck der Standbilder, wie anmutig lacht das Innere uns an mit seinen Gängen und freundlich ausgestatteten Sälen! Wie herrlich wird das Bild erst sein, wenn dieses Museum vollendet und im Glanze einer koketten Toilette sich den Besuchern zeigen wird. Aber dieses Wiener Museum ist eben noch nicht vollendet und wir wissen nicht einmal, wann es wird eröffnet werden können.

Auch verfügt dasselbe über keinen Hörsaal für wissenschaftliche Vorlesungen, welchen der Berliner Baukünstler in der Gestalt einer Aula mit amphitheatralisch ansteigenden Sitzplätzen schlau über der Rotunde eingenistet hat, während ringsherum Arbeitszimmer für die Assistenten und die Bibliothek sich gruppieren. Tritt man ein die Säle des oberen Stockwerkes, so wird man ebensosehr überrascht durch die Fülle von Licht, welche aus den zwei mächtigen Fensterreihen jedes Saales einströmt, als unangenehm gestört durch die häßlichen nackten Wellblechdecken, welche im Interesse der Feuersicherheit den oberen Abschluß der Säle bilden und somit auch jede dekorative Deckenausschmückung unmöglich machen.

Immer im Hinblick auf Feuersicherheit sind auch die Schränke für die Ausstellungsgegenstände nicht aus Holz, sondern aus glatten, völlig zierratlosen Eisenstäben hergestellt, zwischen welchen die Glasscheiben eingelassen sind, einer wie der andere große viereckige, formlose Kasten, die fast durchaus aus Glas zu sein scheinen und in denen man, was die Hauptsache, das Ausgestellte erstaunlich gut sieht. Praktisch, praktisch vor allen Dingen, dies die Devise auch der inneren Einrichtung. Schönheit ist Nebensache. Nirgends auch nur der leiseste Versuch, etwa das eine mit dem anderen zu verbinden.

Freilich werden diese Mängel, wenn es solche sind, überreich aufgewogen durch die Fülle des Gebotenen. Vorläufig ist erst das erste Stockwerk fertig eingerichtet, welches in acht Sälen die ethnologischen Sammlungen aus Afrika, Ozeanien, Amerika und Sibirien enthält. Im zweiten Stockwerk ist man mit Ordnung und Aufstellung der indischen, chinesischen und japanischen Dinge beschäftigt, und das dritte ist für die Aufnahme der anthropologischen Sammlungen bestimmt. Eine flüchtige Durchwanderung dieser Säle genügt, um einen Begriff von der Reichhaltigkeit des gesammelten Materials zu geben. In Afrika sind es zunächst die Negerländer, welche unsere Aufmerksamkeit fesseln. Große Sammlungen aus diesen Gebieten verdankt das Museum den reisen Robert Flegels (1880 -1885), der inmitten seiner Tätigkeit derselben leider entrissen worden ist.

Sehr reichlich ist die Sklavenküste in Oberguinea vertreten, meistens Geschenke der Herrn Lüderitz. Ungemein interessant ist die hauptsächlich Gewänder umfassende Hinterlassenschaft aus des leider gleichfalls dahingeschiedenen Dr. Gustav Nachtigal Reisen in den Sudan. Die schwerfällige Tracht jener Tropengegend veranschaulichen unser Bild einer Sudanischen Negerin. Emin Bey, Giegler Pascha, Dr. Wilhelm Junker, Georg Schweinfurth u.a. haben wertvolle Beiträge zur Ethnographie des östlichen Sudans, der Niamniam, Monbuttu und der Akkazwerge beigesteuert. Auch von den Bari, Nuer, Schilluk, Dinka und den übrigen schwarzen Bewohnern des des oberen Nilgebietes sind insbesondere Waffen und Schmuckgegenstände vorhanden. Aus Abessinien finden wir gleichfalls Waffen, insbesondere Lanzen, dann die Geschenke Dr. Gerhard Rohlfs' aus seinen Reisen in jenem Alpenlande. Andere wurden durch Lieutnant Stumm übergebracht, der den englischen Feldzug zur Eroberung Magdalas begleitete.

Mancherlei Dinge, die von dem gefallenen König Theodoros herrühren, sind hier untergebracht. Sehr wenig finden wir noch vom Lande der Somal, einem ungemütlichen Volke, dem indes Deutschland jüngst durch die Erwerbung des ermordeten Dr. Karl Jühlke näher getreten ist. Südafrika liefert vielerlei, besonders aus dem Lande der Kaffern (Kaffir = Ungläubiger), darunter ein eigentümliches Musikinstrument — ein Holzbrett mit federnden Eisenstäbchen und einem Kürbis als Resonanzboden — dann Waffen und Geräte der Buschmänner, Köcher aus Leder, vergiftete Pfeile u. dgl., während unter den Geräten der Namahottentotten die Schürzen, Hals- und Armbänder am bemerkenswertesten sind. Weiter nach Norden an der afrikanischen Westküste fortschreitend, stoßen wir abermals auf Gegenstände aus dem Nachlasse Dr. Nachtigals, von dessen letzter Reise stammend, aus Kamerun, Lagos und dem Gabungebiete.

Die Sammlungen von Paul Reichard aus dem Gebiete der Warua und Wamarungu westlich vom Tanganyikasee führen uns allgemach wieder nach dem östlichen Afrika hinüber, wo die Reisen Dr. Fischers aus dem äquatorialen Region östlich vom Ukerewesee namentlich die bis unlängst fast unbekannten, wilden Massai einigermaßen erschlossen haben. Aus der großen Insel Madagaskar hat hauptsächlich F. M. Hildebrandt zahlreiche Gegenstände sowohl der Hova als der Sakalaven zusammengebracht: Gefäße aus schwarzem Ton, Töpfe, viereckige Teller, aus Holz geschnitzte Löffel, wovon wir einige Abbilden. Nicht minder reichhaltig sind die Sammlungen aus dem Kongogebiete, die voraussichtlich in nächster Zukunft noch ansehnliche Bereicherung erfahren dürften, aus Senegambien, der Kruküste, den Bissagosinseln und endlich von den Ländern des Nordrandes von Afrika.

Geradezu überraschend durch ihre Fülle an Details sind die Sammlungen aus Ozeanien, welche in den Sälen III und IV ausgestellt sind. Es ist ganz unmöglich, sich bei jeder dieser Einzelheiten aufzuhalten; aus der ungeheuren Menge des hier Vorhandenen seien bloß die sehr eigenartigen hölzernen und geschnitzten Häuptlingsstäbe und die Nephritgeräte der Maori Neuseelands, die Keulen und Speere der Vitiinsulaner, die seltsamen Federgewandstücke, geschnitzten Keulen und Geflechte aus Kokosfasern der Kanaken auf Hawaii und die Objekte aus Neuguinea hervorgehoben, welche das Museum besonders der Sammeltätigkeit des Dr. Otto Finsch verdankt und die geradezu einzig dastehen. Dr. Finsch hat eben das Glück gehabt, in einem Teile Neuguineas forschen zu können, den vor ihm noch keines Weißen Fuß betreten hatte.

Im fünften Saale gelangen wir nach Amerika, wo sich zunächst die Sammlungen von den Indianerstämmen der Andes vereinigt finden. Darunter fallen wohl am meisten die aus Rohr geflochtenen, mit Baststoff überzogenen und bemalten Masken auf, welche die Tecunainindianer im Amazonasgebiete bei zeremoniellen Tänzen tragen; ferner die selbstgefertigten Sättel mit Zaumzeug, "Bolas", "Lassos" u. dgl. die Tehueltschen in Patagonien, die Steinäxte der Südamerikaner.

Im sechsten Saale ist für die amerikanischen Altertümer, zunächst für die aus Mexiko herstammenden Zeugen einer hohen, dahingeschwundenen Kultur Raum geschaffen. Wir verweilen nicht länger bei dieser höchst merkwürdigen Sammlung von Steinskulpturen, Tongefäßen, Gegenständen aus Holz, Knochen, Muschelschalen u. dgl., Geweben, welche der Direktor des Museums, der hochverdiente Gelehrte Professor Dr. Adolf Bastian, mit sichtlicher Vorliebe aufgestellt hat. Wer immer sich mit der rätselhaften Vergangenheit der Azteken, Mixteken und Zapoteken und insbesondere der Maya vertraut machen will, findet fürderhin im Berliner Museum das reichste Material für seine Studien. Hier sieht er vor Augen die Altertümer aus Yucatan, aus allen Teilen Mittelamerikas, von den Antillen und schreitet dann hinüber nach Südamerika, wo die Altertümer der Chibcha in Kolumbien, der Cora von Ekuador, endlich jene der Peruaner ihm neue Rätsel aufgeben.

Auch der siebte Saal ist noch Amerika gewidmet, führt uns aber in die nördliche Abteilung der Neuen Welt, vorerst zu den Pimas und Papagosindianern in Arizona, dann zu den Rothäuten der Vereinigten Staaten. Da sind Messer, Tabakspfeifen und Tabaksbeutel der Dakota (Sioux), Tomahawks oder Streitäxte, Mokassins der Assiniboin usw. Den Indianern reihen sich die Eskimos oder Inuit des hohen Nordens, sowohl in den Hudsonsländern als in Grönland, an. Bei ihnen bewundern wir vor allem ihre sinnreiche Pelzkleidung, während ihre übrigen Geräte sich hauptsächlich auf Waffen und Fangwerkzeuge für die Jagd der großen Seetiere beschränken. Das Museum besitzt eine große Anzahl von Seehundsspeeren mit langer Eisenspitze, Walroßlanzen, Harpunen, Wurfbrettern u.dgl.

Der achte Saal endlich ist gefüllt mit den Sammlungen aus Sibirien, welche von den Giljaken, Tungusen und Golde, Tschuktschen, Jakuten, Ostjaken und Kirgisen, Samojeden, Burjaten und Kalmücken herrühren.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß, so großartig es in seinem heutigen Zustande auch schon ist, das Berliner Museum doch immer noch erst einen Anfang darstellt und daß dasselbe sich dieses Umstandes vollauf bewußt und demselben Rechnung tragend für die Zukunft nach immer größerer Vollständigkeit streben wird. Man darf wohl sagen, daß dann, in den bisherigen Bahnen fortschreitend, es ohne Rivalen bestehen werde. Sind doch schon jetzt die dort aufgespeicherten Schätze vielfach einzig in ihrer Art! Gegen die Art und Weise, wie dieselben dem Auge des Beschauers dargeboten werden, haben sich freilich manche Bedenken erhoben, insofern als die Ausstellung allerdings für den Fachmann, weniger für den Laien berechnet ist. Dieser, und dazu gehört auch der gebildete Durchschnittsmensch, dürfte vielfach nur eine Anhäufung wesentlich gleichartiger Objekte erblicken, wo der Gelehrte alsbald die Unterschiede wahrnimmt.

Mit einem Worte: Die Ausstellung ist eine streng wissenschaftliche, welche durchaus darauf verzichtet, beim Nichtfachmann sich einzuschmeicheln. Dieser sucht vergeblich nach einen Ruhepunkt für sein Anschauungsvermögen, welches erlahmt in dem bedrückenden Gewirre von Urnen, Tonfiguren, Lanzenspitzen, Holz- und Steinschnitzereien. Den Sachverständigen stört selbstverständlich diese Anordnung keineswegs, vielmehr rühmt er deren Übersichtlichkeit. Unschwer erkennt der Eingeweihte in diesem System das Walten des nämlichen Geistes, welcher auch die Schriften des hochberühmten Museumsdirektors durchweht und der darauf hinausläuft, dem Neulinge die gewonnenen Forschungsergebnisse nicht etwa mundgerecht zu machen, sondern ihn vielmehr zu veranlassen, auf den mühevollen Pfade eigener Untersuchung und Sichtung des Materials diese Ergebnisse selbst zu erwerben. Man kann nun über die Methode wohl anderer Meinung sein, nicht aber darüber, daß trotz derselben im Berliner Museum für Völkerkunde Großes geschaffen worden ist.

Quelle: Vom Fels zum Meer, Spemanns, Stuttgart, 1887, von rado jadu 2001

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