Das Wahrzeichen unserer Welt!
Von Aage von Kohl
Dort wo
ich wohne, kann ich durch die Fenster meines Zimmers das neue Wahrzeichen
von Berlin, den schlanken Funkturm sehen.
Am Tage, während ich sitze und schreibe, geschieht es hin und wieder,
daß ich den Kopf erhebe und mit Gefallen meine Blicke bei dem steilen,
eleganten Gitterwerk verweilen lasse, das seine schwarze und feine Silhouette
so hoch emporrichtet, bald gegen einen besonnten Himmel, bald gegen
das Grau der langsam ziehenden Wolken.
Am Abend
aber, wenn meine Arbeit getan, wenn ich es mir in einer Sofaecke bequem
gemacht und den Hörer über den Scheitel gespannt habe, schaue ich durch
eine andre Fensterscheibe der Stube auf den Turm - und dann steht er
draußen im Dunkel und strahlt, mit funkelnden Lampenreihen von
Fuß bis zum Gipfel, als sei er ein riesengroßer beständig brennender
Weihnachtsbaum. Zu oberst kreist, die ganze Nacht hindurch, das Licht
des Scheinwerfers für die Flieger und blinkt wie ein leibhaftiges Sternlein,
das sich an der Spitze aufgespießt hat. Und irgendwo dort oben wirkt,
vermittels des Äthers, das seltsamste, technische Wunder unserer
Zeit. Denn von der Krone dieses Märchenweihnachtsbaumes werden
Musik und Gesang auf elektrischen Wellen hinausgesandt, Sprechen, Lachen
und Weinen gelangen an unser Ohr - und wir sind Millionen, die Abend
für Abend der tausendtönigen Stimme lauschen.
Ja,
gewiß:
Der Funkturm und seine vielen Brüder, über die Erde verteilt, sind zum
mirakulösen Weihnachtsbaum für unsere Generation geworden - gemeinsam
für eine ganze Welt, und mit Geschenken, täglich neuen, für uns alle,
für Erwachsene und Kinder!
II.
Viele Tage
und viele Abende habe ich hinausgestarrt zu dem Funkturm, der da steht,
wohl ein paar Kilometer von in einem Fenster entfernt - kaum halb so
hoch, aber doppelt so graziös wie Kittels berühmter 300-Meter-Koloß
von Anno 1889 auf dem Champ de Mars an der Seine.
Und endlich, eines schönen Vormittags bei Sonne und klingendem Frost,
spaziere ich nach Witzleben, dem Sport- und Ausstellungsquartier Berlins,
am Kaiserdamm.
Über
einen kleinen, hübschen, offenen Platz hinweg erreiche ich den kühn
gereckten Turm, der, von Professor Heinrich Straumer entworfen und am
3. September 1926 eingeweiht, lotrecht gegen den Zenit emporstrebt,
auf seinen vier schwarzen, eisernen Beinen ruhend, deren Füße, dicht
aneinander, ihre Zehenspitzen gegen massive Fundamentblöcke von Beton
aufstützten.
Ich bezahle meine halbe Mark und fahre mit dem Elevator hinauf, in der
luftigen Mitte der Konstruktion. In fünfzig Meter Höhe gleiten wir am
Restaurant vorüber. Etwa zwanzig Sekunden später halten wir oben. Die
Tür wird aufgerissen, und ich trete hinaus auf die Plattform, ungefähr
138 Meter hoch über dem umgebenden Gelände.
Die Sonne
glitzert, der Frostwind pfeift.
Weit,
weit weg, beinah dreißig Kilometer nach allen Seiten, schließt sich
der Ring des Horizontes, in bläulichen Dunst gehüllt. Unendlich
hoch über meinem Kopf wölbt sich das blaßblaue Firmament. Und
tief zu meinen Füßen habe ich Berlin.
Es ist, als sei ich an Bord eines Flugzeuges, das plötzlich gestoppt
hat und auf seinen Schwingen schwebt.
Beißend kalt ist's hier oben, wo die Winde frei vorüber fliegen.
Kälteschauernd schlage ich den Mantelklagen auf, verstecke meine
frierenden Hände in den Taschen und beginne an dem Geländer herumzuwandern,
um einen Überblick über dieses immense Areal zu gewinnen,
über diese zweitausend Quadratkilometer Erdoberfläche, die da unter
mir wie eine gigantische, kolorierte Wandkarte liegt, mit Stadt und
Land, mit dem Häuserozean der Weltstadt, mit blinkenden, vereisten
Seen und Flüssen, mit blauschwarzen, nackten Wäldern, gelblich
schimmernden Feldern und Wiesen.
Gen Süden,
direkt unter meinem Stand, habe ich die Avus, die umsäumte schnurgerade
Automobilchaussee, die sonnbeschienen auf das ferne, schleierverwobene
Potsdam zeigt. Westlich sehe ich zuerst Sportplätze und Schlittschuhbahnen,
dann die kompakten Häuserwürfel Westends, die blanke Krümmung der Havel,
Pichelsdorf, zuletzt das schmale, endlose, weiße Band der Heerstraße
an dem Vorort Staaken vorbei. Gegen Norden, hinter den Ausstellungshallen,
die gewaltige Uhrscheibe der Siemensstadt-Fabriken und nachher lauter
blauende Dachrücken, die die Sonne beleuchtet. Ostwärts aber, wo die
Puppeneisbahn vom Lietzensee sich zeichnet mit einem kribbelnden Wirrwarr
von Ameisen, dort erstreckt sich wogend bis zum Gesichtskreise hin,
von Rauchfahnen überweht, das unermeßliche Meer von Dächern der
Großstadt!
Herrgott,
wie schwindet das eigene Ich, wird zu Nichts, hier droben auf dem Wahrzeichen
unsrer Welt.
III.
Ich werde
mir allmählich bewußt, daß meine Gedanken einige Zeit weit herumgeschwärmt
haben. Und als sie nun wieder zu mir zurückkehren, wo ich zwischen Himmel
und Erde stehe, die Schulter an die Balustrade der Plattform gelehnt
- nun konstatiere ich zu meinem Erstaunen, daß ich weder die Kälte
noch den Wind mehr spüre. Im Gegenteil. Es steigt wie eine feine und
lichterfüllte Wärme aus meinem Blut.
Vorerst verstehe ich gar nicht, was mich so unversehens freudig gestimmt
haben kann, hier droben.
Aber gleich nachher erinnert sich mein Gehirn, in präzisen Zusammenhängen,
was da soeben tief in meinem Gemüt vor sich gegangen ist.
Es hatte
damit angefangen, daß ich mich selber fragte, welch dunkler Trieb es
wohl sein könnte, der nicht nur mich, sondern auch Jene dritteinhalbhunderttausend
Besucher, die schon den Turm bestiegen hatten, dazu brachte - uns hier
hinauf zu bemühen? Etwa die Sehnsucht nach einem Ausblick und Weitblick,
nach einer gefahrlosen Vogelschau? Möglich; aber woher stammt denn eigentlich
die? Was sind es überhaupt für absonderliche, leise Empfindungen in
uns, die bewirken, daß wir immer gelockt werden, uns immer imponieren
lassen von einem Hause, einem Schlosse, einer Kirche, von irgend einem
Gebäude, das bloß ein Dutzend Meter höher hinaufklettert als die meisten?
Woher entspringt zu guter Letzt dies wunderliche Gemisch von erwartungsgespannter
Neugier und von dankbarer Bewunderung, dieser leichte Schauder von Ehrfurcht,
der uns streift - wenn wir einem Werk aus Menschenhänden gegenübergestellt
werden, das kecker und stolzer in das Blau hineinragt, als wir es gewohnt
sind?!
Ist es einfach
die Unerschrockenheit des Erbauers, die wir anerkennen, in ähnlicher
Weise wie wenn wir dem Nordpolfahrer, dem Seiltänzer oder dem Flieger
huldigen? Oder ist es nicht nur der Mut, sondern auch das Wissen und
Wollen, das ganze, gesammelte Können - vor dem wir uns willig beugen
bei den Großen des Denkens, Fühlens, Handelns oder der Wissenschaft?
Aber keiner dieser Versuche zu einer Erklärung hatte mich befriedigt.
Ich merkte deutlich an dem Mißmut, der mich beschlich, daß ich
nicht wirklich dorthin gelangte, wo die Lösung des Rätsels, wo die Befreiung
zu holen war.
Ich kämpfte
erbittert gegen meine eigene Ohnmacht an, um zur Klarheit zu kommen
- und plötzlich, wie durch einen Blitz erleuchtet, bildete ich mir ein,
bis auf den Grund geschaut zu haben.
Ja!
Ich sah, daß es jedesmal
geschieht, wenn wir Menschen davon Zeuge sind, wie das Urgesetz des
Raumes: die Schwere und das Urgesetz der Zeit: die Vergänglichkeit hin
und wieder doch von uns überwunden werden, daß wir wissen, nicht durch
einen unsicheren, mühevollen, philosophischen Umweg, und nicht
durch eine zerbrechlich zusammengeflickte, dogmatische Strickleiter,
sondern unmittelbar, mit eigenen Sinnen, mit unserem Fleisch und Blut,
unerschütterlich wissen: daß auch unsere Seele nicht für immer gebunden
und gefesselt ist von Zeit und von Raum. Denn wir sehen es ja selbst,
mit wachen Augen, daß es möglich ist, sich über Staub und Gestank der
Erde zu erheben, sich aufwärts zu schwingen ins Freie, der Sonne entgegen!
Ich verstand,
daß alle Tempel und Türme, alle hohen Werke in unserer Welt schließlich
nur Ausdruck für ein und dasselbe sind, unserer Rasse gemeinsam, für
unseren sehnenden Traum das zu erschaffen, das allen Geschlechtern in
bleibendem Symbol kund gibt, daß wir in Wahrheit hier droben hineingeboren!
. . .
Und dann erlebe ich, in einem strahlenden Schein von Licht und von Wärme
um mein Herz:
So wie die kleine,
grüne Tanne, die wir in Winters Mitte in unserer Stube anzünden, uns
in der Hoffnung stärken soll, eines Tages zu einem lieblichen Lenz
zu erwachen - so beweist jener Märchen-Weihnachtsbaum, das Welt-Wahrzeichen,
uns allen miteinander, tiefer als unsere Gedanken greifen, tiefer
als unser Schicksal schneidet, beweist in einem seligen Ahnen: daß
jeder von uns aus Ewigkeit kommt und zu Ewigkeit jeder auf seinem
Wege h e i m w ä r t s geht!
Quelle:
Oestergaards Monatshefte von Juli bis Dezember 1928; © by Peter
J. Oestergaard-Verlag, Berlin-Schöneberg, 1928; Jadu 2000