Berliner Wildhandel
Hierzu 8 Spezialaufnahmen für
die "Woche".
Der
Wildhandel hat in den letzen Jahren in Berlin eine sehr große Ausdehnung
erreicht, teils weil die Reichshauptstadt eine Zentralstelle bildet, an
der das Wild aus den meisten deutschen Provinzen und aus dem Ausland zugeführt
wird, um von hier aus wieder den Weg zu den Kosumenten und Händlern
in die Provinzen einzuschlagen, teils aber, weil Berlin selbst mit seinen
zwei Millionen Bewohnern und den stark bevölkerten Vororten als bedeutender
Konsument auftritt, dazu kommt noch der strake Fremdenverkehr. Man muß
einen Blick in die Kühlräume der Wildhändler tun, um dies
bestätigt zu finden, oder aber um die Weihnachtszeit die Wildversteigerungen
in der Zentralmarkthalle besuchen. Zu Hunderten hängen hier die Hirsche,
Rehe und Dammwild, dazwischen lagern borstige Keiler und Frischlinge,
Tausende von Hasen und Kaninchen, Fasanen und anderes Federwild.
Die
Zufuhr erreicht den Höhepunkt nach der Eröffnung der großen
Treib- und Hofjagden. Bei dem Transport sind gewisse Vorsichtsmaßregeln
zu gebrauchen, um das Verderben des Wildes zu verhindern. Die Stücke
sind dabei meist so aufgehängt, daß sie einander nicht berühren,
und daß von allen seiten Luftzutritt möglich ist. Jäher
Witterungswechsel übt einen schädlichen Einfluß auf alles
Wild, Frost dagegen ist ihm günstig, es präsentiert sich bei
Kälte viel vorteilhafter, namentlich wenn bei der Toilette etwas
nachgeholfen wird. Da die Zufuhr sehr wechselt, einmal mehr als reichlich,
das andere Mal wieder recht knapp ist, so ist ein Aufbewahren in Kühlräumen
erforderlich, die teils in Kellern, in den Stadtbahnbögen, bei den
Eiswerken in Rummelburg oder in den Gefrierräumen der Markt- und
Kühlhallengesellschaft jedermann zu rVerfügung stehen und für
beliebige Zeit mietweise zu haben sind.
In
den Kühlräumen wird erforderliche Temperatur durch Eismaschinen
unter dem Gefrierpunkt erhalten, in den Vorräumen ist sie etwas höher;
letztere werden trotzdem entsprechend ausgenutzt, entweder leitet man
kalte Luft durch Röhren in die Räume oder benutzt Kunsteis für
Kühlzwecke. Hier halten sich Fleischwaren Jahre hindurch. Manche
Wild- und Geflügelsorten, namentlich aus Rußland, Schweden
und Norwegen, Galizien, werden in gefrorenem Zustand nach Berlin versandt,
wie Renntier, Schneehühner sowie Hühner und Gänse, und
dann in Kühlräumen aufbewahrt, bis Bedarf eintritt.
Hirsche,
Rehe und Wildschweine sind nach dem Abschuß sofort auszuweiden und
werden nach besonderen Vorschriften transportiert, Wildschweine werden
auf Trichinen untersucht. Damhirschkälber, bis etwa 40 Pfund schwer,
werden, wenn anderes Wild knapp ist, oft ziemlisch so hoch wie Rehe bezahlt,
sind sie aber schwerer als 80 Pfund, niedriger. Rothirschkälber von
etwa 50 bis 60 Pfund sind beliebter als schwere Ware. Bei Wildschweinen
rechnet man Stücke bis 60 Pfund als Frischlinge, Überläufer
bis etwa 90 Pfund. Keiler nach der rauschzeit, abgebrunstet, sind billiger.
Rehe werden in Berlin im Einzelverkauf weniger nach dem Gewicht, als nach
Teilstücken bezahlt, während ganze Stücke im Fell nach
dem Gewicht berechnet werden. Gewöhnlich wird für Reh folgender
Preis erzielt: Rücken etwa 11 Mark, zwei Keulen 15 Mark, zwei Blätter
3 Mark. Reh ist in Berlin am meisten begehrt.
Ausgeschlachtetes
Wild, Wildbret, ist wenig willkommen, weil der Erlös für die
gesamten Teile oft nicht annähernd den eines ganzen Stückes
erreicht.
Renntiere
kommen auch seit eingen Jahren in Fell an den Berliner Markt, doch ist
es richtiger, nur Keulen und Stücke hierher zu senden. Die günstigste
Zeit für den Verkauf von Renntieren ist anfangs Februar, weil da
die Zufuhr von Hochwild nachläßt. Soll für Renntier ein
annehmbarer Preis erzielt werden, so muß es fest gefroren ankommen;
in diesem Fall ist es am besten in Kisten zu verpacken, die mit Filz ausgeschlagen
sind. Hirsche und Rehe bedürfen eines Wildscheins, auf dem der Kreis,
der Gutsbezirk oder die Gemeinde, der Jagdbezirk, die Wildgattung, das
Geschlecht, der Tag der erlegung und der Name des Jagdberechtigten angegeben
sein muß. Der Schein muß außerdem durch die zuständige
Behörde beglaubigt sein. Wildgeflügel bedarf keines Wildscheins.
Schneehühner dürfen in Berlin immer verkauft werden. Die beste
Zeit dafür ist Januar bis März, sie erzielen den besten Preis,
wenn sie gut gefroren und nicht blutig hier ankommen, weshalb sich ihre
Verpackung in Papier emfiehlt. - Schnepfen und Wildenten dürfen nicht
ausgenommen oder ausgezogen werden und sind beim Versand mit besondere
Sorgfalt zu behandeln, weil sie dem Verhitzen leicht ausgesetzt sind,
ebenso ist es mit Krammetsvögeln, die nur vom 21. September bis Ende
Dezember gefangen werden. In Zukunft wird der Fang glücklicherweise
gesetzlich mehr eingeschränkt werden. Schwarzdrosseln, die leider
auch an den Markt kommen, stehen billiger im Preis. Das bekannte und äußerst
beliebte Rebhuhn muß sobald als möglich nach dem Schuß
ausgezogen werden; die einzelnen Stücke sind zur Abkühlung aufzuhängen
oder derart nebeneinander zu legen, daß sie sich nicht berühren;
am besten werden sie der Zugluft ausgesetzt, weil ihnen da die Fliegen
nicht schaden können. Es ist gut, sie in Papier einzuwickeln, um
die Übertragung von Maden zu verhindern. Fasanen werden bei großen
Sendungen paarweise zusammegebunden und zu je 10 Stück auf Stangen
gezogen.
Es
ist ein Genuß, zur Winterszeit, wo fast alles Wild geschossen werden
darf, durch die Hauptgeschäftsstraßen Berlins zu wandern, um
sich die Schaufenster unserer Delikatessenhandlungen anzusehen. Jedermann
wir zugeben, daß an den Hutgeschäften der größte
Andrang von jungen und älteren Damen beobachtet wird, während
sich die ältere Herrenwelt an den Schaufenstern der vornehmen Delikatessenhandlungen
staut. Die Inhaber der letzteren aber haben längst erkannt, daß
auch etwas für das Auge geboten werden muß, und deshalb besondere
Dekorateure engagiert, die mit großem Raffinement sogenannte Stilleben
schaffen, die den Passanten zwingen, eine Zeit zu verweilen. Meist tritt
dann die erforderliche Wirkung ein, daß
in dem Beschauer der Entschluß reift, sich dies oder jenes von den
Herrlichkeiten anzuschaffen. Unsere Bilder zeigen einige solcher Arrangements.
Wer wird zum Beispiel nicht ergriffen beim Anblick eines Korbes mit Wildkonserven,
der von stattlichen Fasanen gekrönt ist, oder von einer Alliance
zwischen einem Fasanenpaar neben einen äußerst appetitlichen
frischling? Ein großer Vorzug für die Hausfrauen ist der Umstand,
daß man in Berlin fertig vorbereitete, fein gespickte Hasen, Rehkeulen
und -rücken, Federwild und dergleichen in bester Beschaffenheit kaufen
kann. Man braucht daher diese Sachen nur in die Pfanne zu legen undmit
einer beliebigen Sauce zu versehen.
Seltenes Wild
sind in Berlin Bären und Gemsen, erstere kommen meist aus Rußland,
letztere aus dem bayrischen Hochgebirge, von wo sie eine bayrische Firma
nach hier importiert.
Es
sei hier noch bemerkt, daß die besten Rebhühner nach paris
und Brüssel gehen und dort beinah doppelt so hoch bezahlt werden
wie in Berlin. Außerdem importiert das wildarme Frankreich auch
sehr viel deutsche Hasen, die aber nicht als solche, sondern als österreichische
und belgische gelten müssen. Das verlangt der Patriotismus.
Zum Schluß
ist noch zu sagen, daß eine genaue Übersicht, des in Berlin
gehandelten Wildes nicht leicht zu beschaffen ist, weil viele Wildhäuser
direkte Abschüsse machen, wie dies auch bei großen Restaurants,
Hotels usw. der Fall ist, dazu lommen noch Hasen, Rehe, Hirsche, Rebhühner,
Fasanen und dergleichen, die von Berliner Jagdfreunden selbst erlegt und
dirkt der Küche zugeführt oder verschenkt werden.
Emil May
Quelle: Die Woche von
1904; © Jadu 2001
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