
Die Dronte
Gedicht
von Michael Krüger
| Über dieses Buch " Michael Krügers Emblem ist die Dronte, ein ausgestorbener Vogel der Insel Mauritius. Dieser Vogel hält die Erinnerung wach, er sieht, was wir kaum noch sehen, eingehüllt in eine Erwartung, die sich nur einmal erfüllt." |
Die Dronte
| 1 |
| Weder Eier, noch Bälge. |
| Nur ein Kopf existiert und zwei Füße, |
| vierzehige Scharrfüße, |
| die Tuffe, basaltische Laven |
| und Aschen berührten |
| und einem Körper trugen, |
| der für immer verloren scheint. |
| 2 |
| Dodo, Dudu, Didus ineptus, |
| die Dronte hat Zuflucht gefunden |
| unter einem Glassturz |
| im Senckenberg - Museum. |
| Was wir sehen, |
| kann die Wahrheit sein: |
| ein grauer staubiger Flaum, |
| der bei jedem Herzschlag zittert. |
| 3 |
| Wenn wir weit zurückgehen, |
| wird die Grenze löchrig: |
| Vogelrufe von hier nach dort, |
| und nach dem Feuer |
| eine leise menschlische Stimme, |
| so wie der Wind es wollte: |
| du mußt dich entscheiden. |
| 4 |
| Die nächsten Jahrhunderte |
| gehörten uns: geduldig saßen wir |
| unter dem staubigen Glassturz, |
| nackte Präparate, Kopf und Fuß, |
| Richtung und Lenkung. |
| Was wir entdeckten, verschwand |
| wie die Pläne des Ganzen. |
| Und wir entdeckten viel. |
| 5 |
| Wie eine Schrift, |
| die sich selber löscht; |
| wie eine dunkle Bewegung |
| unter einem nächtlichen Himmel, |
| wie der letzte Tag über Wasser. |
| Seit 1620 hat diesen Vogel |
| niemand mehr gesehn. |
| 6 |
| Sonnenstaat und dreißig Jahre Krieg, |
| Vom dreifachen Leben der Menschen, |
| Ernährungsprobleme. |
| Die Dronte wird von der Geschichte |
| zum Schweigen gebracht, sie konnte |
| nicht fliegen. Nur ihr Name |
| wurde gerettet von Zeit und Tod, |
| ihren zukünftigen Feinden; |
| und ein Kopf und zwei Füße. |
| 7 |
| ( In Berlin soll ein Bild |
| des Vogels hängen, |
| an das sich keiner erinnert; |
| ein paar alte Beschreibungen |
| erwähnen sein bitteres Fleisch. |
| 8 |
| Vermessen das Meer, |
| der Raum erschöpft, |
| die Sehnsucht zerschlissen |
| von rücksichtsloser Erkenntnis. |
| Nun wurden die Götter sichtbar |
| und zogen sich zurück |
| für immer. |
| 9 |
| Die Dronte ist der Vogel der Liebe, |
| sie träumt sich einen Körper |
| und mächtige Schwingen, |
| schon sitzt sie auf meiner Schulter |
| und spricht. |
| 10 |
| Wir wissen nicht, |
| was uns wirklich gehört. |
| Ein Flügelschlag, eine Abbildung |
| nach der Natur in einem alten Buch. |
| Ein Wort, |
| verschlossen in Stein, |
| und der Stein in der roten Tonschicht |
| unter dem Staub. |
| 11 |
| Dieser Vogel hält die Erinnerung |
| wach, er sieht, |
| was wir kaum noch sehen, |
| eingehüllt in eine Erwartung, |
| die sich nur einmal erfüllt. |
| 12 |
| Der ganze Raum |
| spricht von Ihr, |
| das ist das ganze Geheimnis. |
| Quelle: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, 1988 Lizenzausgabe des Carl Hanser Verlags, München Wien 1985 |

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