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Die Baumläufer sind eine so besondere Singvogelgruppe, daß man sie
in eine eigene Familie, die der Baumläufer (Certidae) gestellt hat.
Sie gehören zur Unterordnung der Singvögel und zur Ordnung der Sperlingsvögel.
Die Baumläufer zeichnen sich vor allen heimischen Sperlingsvögeln dadurch
aus, daß sie einen Stützschwanz wie die Spechte haben; sie klettern
auch auf ähnliche Art. Der Stützschwanz ist für sie wie für die Spechte
lebenswichtig, und bei beiden ist die Mauser des Schwanzes so eingerichtet,
daß er niemals funktionsunfähig wird.
Die beiden mittleren Schwanzfedern, die sonst bei allen Singvögeln während
der Mauser zuerst ausfallen (und dann der Reihe nach paarweise die übrigen),
bleiben bei den Baumläufern und den Spechten so lange stehen, bis die
übrigen vermausert und stützbereit sind.
Die Krallen der Baumläufer sind sehr fein und spitzig, so daß sie selbst
an ziemlich glattem Holz einkrallen können. Sie rutschen futtersuchend,
unten am Baum beginnend, ruckweise in Spiralen um den Stamm in die Höhe.
Oben angelangt, werfen sie sich in die Luft und lassen sich zum Fuße
des nächsten Baumes herunterfallen, den sie nun hinaufkletternd nach
Insekten, Eiern und Larven absuchen. Sie können nicht kopfunters nach
unten klettern, sondern niegen hinab. Baumläufer legen ihre Nester am
liebsten in Rindenspalten an, in den Hohlräumen zwischen abstehender
alter Borke und dem Stamm; sie lieben es, eine Seite als Eingang und
die andere als Ausgang benutzen zu können.
In
Deutschland gibt es zwei Baumläuferarten, den Garten- und den Waldbaumläufer,
die sich fast zum Verwechseln ähnlich sehen. Ihr Kleid ist dicht und
wollig; beide haben einen feinen gebogenen Schnabel, eigentümlich schiefgestellte
Augen und einen langen Hinterzehennagel. Man kann sie noch am ehesten
nach ihrer Kopfzeichnung unterscheiden: beim Gartenbaumläufer ist sie
verwaschen, beim Waldbaumläufer scharf hell gestrichelt. Nächst dem
Goldhähnchen sind sie unsere kleinsten Vögel. Sie wiegen nur 8 bis 9
g wie auch der Zaunkönig.
Der Gartenbaumläufer (Certhia brachydactyla) ist in und um Berlin der
häufigere. In unseren Parkanlagen und Gärten können wir ihn überall
beobachten, wo recht alte Bäume mit rissiger Borke stehen. Er lebt auch
in lichten Auwäldern und an Rändern von Misch- und Kiefernwäldern, meidet
aber geschlossene Waldbestände. Seine Lockrufe, ein feines „Sit" und
Reihen von „ti ti ti" sind unauffällig, aber sein Gesang ist eine
niedliche Strophe, die etwa wie „die-dirididi-roitit" klingt und im
Merkverschen von Dr. O. Heinroth mit „Bin ich nicht das kleine Mäuschen"
wiedergegeben wurde.
Das Weibchen baut in Baumspalten oder Rindenritzen, hinter abstehender
Borke, in Holzstößen, zuweilen auch in Löchern unter Dächern ein Nest
aus Halmen, Blättern und Bastfasern, die mit Spinnweben verfilzt werden.
Die Mulde wird mit Fasern, Pflanzenwolle und Federn ausgelegt. Nach
Mitte April, oft erst im Mai oder Juni, legt das Weibchen 6 bis 7 Eier,
die auf weißem Grund eine grobe rotbraune Fleckung zeigen.
Wahrscheinlich brütet das Weibchen allein in 15 Tagen die Eier aus.
Die Jungen sind zunächst ganz kahl, nur auf dem Kopfe tragen sie eine
gewaltige Tolle aus langen braungrauen Daunen; ihr Sperrachen ist dunkelgelb
mit hellgelbem Saum. Sie werden von beiden Eltern gefüttert, verlassen
das Nest mit 16 Tagen und zeigen dann ihren Standort durch langgezogene
„Sih" an. Im Herbst bleiben die Gartenbaumläufer hier, streichen
weit umher und schlafen, oft zu einem Dutzend zusammengedrängt, in Baumritzen.
Die zweite Art, den Waldbaumläufer (Certhia familiaris), muß man schon
weiter draußen, außerhalb der Stadt suchen. Er liebt geschlossene große
Forsten. Seine Stimme ist völlig anders als die des Gartenbaumläufers.
Sein Lockruf ist ein leises „Srih srih", sein Angstlaut ein „Tete!"
und sein lauter Gesang eine zuerst abfallende, dann wieder ansteigende
Strophe aus Trillerchen, Gezwitscher und Pfeiftönen, etwa wie „sirr
uiziri uiziri uit tirrrr uit".
Quelle: Der neue Sammelband der Berliner Morgenpost, mit freundlicher
Genehmigung der Berliner Morgenpost.
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