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Das Bläßhuhn (Fulica atra) gehört zur Gattung der Bläßhühner (Fulica)
und zur Ordnung der Rallen (Ralli).
Es trägt seinen Namen wegen der Stirnblesse, eines lackweißen Hornschildes,
das den Vogel weithin kenntlich macht. Auch Wasserhuhn wird es oft genannt,
und hier in Berlin trägt es außerdem die Bezeichnung Lietze. Außer der
Blesse gehören eigentümliche Lappen an den Zehen zu den besonderen Kennzeichen
dieses Vogels. Er wiegt etwa 600 g, also etwas weniger als eine Stockente.
Wenn wir mit dem Dampfer, dem Motorboot oder dem Boot unsere schilfumstandenen
Havelseen befahren, begegnen wir dem Bläßhuhn als dem häufigsten Wasservogel.
Er zeigt sich offen auf der Wasserfläche, während die Enten (für die
die Bläßhühner meistens gehalten werden) viel scheuer sich im Schilf
verbergen.
Meist sieht man mehrere mit Kopfnicken auf dem Wasser schwimmen. Plötzlich
taucht das eine und das andere mit einem kleinen Sprung unter und kommt
sehr bald wieder nach oben. Auch eine andere Bewegung, das Wassernattern,
ist für Bläßhühner auf große Weite hin kennzeichnend: sie rennen, besonders
in Eile, mit den Füßen und Flügelspitzen schlagend, auf der Wasseroberfläche
dahin.
Diese Ralle ist auch auf größeren Teichen mitten in der Großstadt zu
finden. Im Sommer leben sie paarig in ihren gegen Nachbarpaare abgegrenzten
Revieren, denen sie zur Brutzeit jahrelang treu bleiben, und die eifrig
verteidigt werden. Die Rallen kämpfen, mit Schnabel und Krallen kratzend,
und versuchen, sich gegenseitig unter Wasser zu drücken.
Zur
Balzzeit, schon Ende März, segelt das Männchen mit vorgestrecktem Hals
und erhobenen Flügeln auf dem Wasser dahin. Beide Partner bauen im Sumpf
und Schilf, oft auch auf trockenem Ufer im Gebüsch und Gestrüpp, das
Nest aus Schilf- und Rohrstengelstücken oder Blattstücken von Sumpfpflanzen,
die sie einzeln eintragen. Darüber wird oft eine Haube aus Riedgras,
Binsen oder Schilf geflochten.
Meist baut das Weibchen eifriger als das Männchen. Mitte April können
schon die ersten Eier im Nest liegen. Das volle Gelege hat 6 bis 9 Eier,
zuweilen noch mehr. Sie sind starkschalig und auf gelblich-weißem Grunde
purpurschwarz gepunktet. Die Eltern widmen sich abwechselnd dem Brüten,
in 21 bis 24 Tagen schlüpfen die Jungen. Sie sehen eigenartig bunt aus
in ihrem schwarzen Daunenkleid mit dem roten Kopf, dem roten Schnabel
mit weißer Spitze; einige gelbrote Daunenreihen stehen am Hals, dem
Vorderrücken und auf den winzigen Flügelchen.
Sie sind Nestflüchter, die gleich nach dem Trockenwerdcn dem Vater aufs
Wasser folgen. Sind sie alle geschlüpft, führen beide Eltern gemeinsam
und halten den Kindern Futterbrocken vor. Erst nach einigen Wochen teilt
sich die Familie, jeder übernimmt einige Junge. Abends kehren alle zum
gemeinsamen Übernachten ins Nest zurück.
In der Regel gibt es nur eine Brut; es kommen aber auch zwei Brüten
vor, und dann helfen die Jungen beim Füttern der jüngeren Geschwister,
wie wir dies schon bei einer anderen Ralle, dem Teichhuhn, sahen. Wie
alle Rallen werden die Bläßhühner erst sehr spät, mit 8 bis 9 Wochen,
flugfähig. Zu gleicher Zeit geben sie ihr bettelndes Piepen und Jaulen
auf und gehen zu dem Lockton der Alten, einem „Köw", über. Nun
gehen sie zusammen mit den Jungen der Nachbarn auf Nahrungssuche, kehren
aber immer wieder ins Brutrevier der Eltern, in deren Schlafnester,
zurück. In der Mauser werden Bläßhühner durch gleichzeitigen Abwurf
aller Schwingen vorübergehend flugunfähig. Bläßhühner nähren sich recht
anspruchslos von Wasserpflanzenteilen, die sie tauchend abpflücken;
auch Grasspitzen und -blüten, Getreide und Beeren nehmen sie neben
Insekten, Schnecken, Muscheln, Würmern, Fischlaich, zuweilen auch kleinen
Fischen und Vogeleiern.
Im Winter bleiben viele Bläßhühner bei uns. Sie rotten sich in großen
Trupps auf offenem Wasser zusammen. Ein Teil, wohl vorwiegend Weibchen,
zieht — wie auch weiter nördlich brütende Bläßhühner — zu tiefen, nicht
zufrierenden Alpseen oder nach Italien, Spanien und Griechenland. Zu
uns kehren sie schon Anfang März, in nördlichere Gegenden später, zurück.
Quelle: Der neue Sammelband der Berliner Morgenpost, mit freundlicher
Genehmigung der Berliner Morgenpost.
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