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Im Winter ist die Dohle (Coleus monedula), die wie die Krähen zur Familie
der Rabenvögel (somit zur Unterordnung der Singvögel, Ordnung der Sperlingsvögel)
gehört, gar nicht selten in Großstädten und ihrer nächsten Umgebung
anzutreffen, da auch sie sich von Abfällen ernährt, die hier reichlich
anfallen. Dohlen leben gesellig in kleinen Scharen; und man wird, schon
ehe man die glänzend schwarzen Gesellen mit den grauen Halsseiten bei
ihrem taubenähnlichen Fluge sieht, durch die vielen „Kjack-kjack"- Rufe
aufmerksam, mit denen sich die Schar stimmlich zusammenhält.
Auch das Brutgeschäft besorgen sie am liebsten gesellig zu mehreren
Paaren in einer Kolonie. Die dazu gehörenden Tiere fühlen sich als eine
Gemeinschaft". Wenn einem Gefahr droht, stimmen die anderen einen eigentümlichen
Schnarrlaut an, der alle warnt und kleinere Feinde unter den Tieren
in die Flucht treibt.
Da die Dohlen Höhlenbrüter sind, nisten sie gern dort, wo mehrere Höhlen
beieinanderliegen; das können Nischen und Mauerlöcher an Dächern und
Kaminen, in Ruinen, an Burgen, auf Türmen oder Felsen sein; auch alte
Schwarzspecht-Höhlen und Astlöcher in Wäldern werden bezogen. Stellenweise
treten Dohlen in Deutschland sehr häufig auf, in manchen Gegenden jedoch
gehören sie ohne ersichtlichen Grund zu den Seltenheiten.
Mit zwei Jahren werden die Dohlen geschlechtsreif; sie „verloben" sich
aber schon im ersten Lebensjahr und halten jahrelang treue Gemeinschaft.
Schon von Februar/März an begeben sie sich in die Brutkolonie, wo Männchen
und Weibchen eifrig, stets nur mit einem einzelnen Zweiglein im Schnabel,
in der auserwählten Höhle ein Nest bauen, dessen Mulde sie mit Haaren,
Federn und Halmen auspolstern. Im Abstand von einem Tag legt die Dohlin
5 Eier, die hellblaugrün, mit graublauen Flecken verziert und etwa so
groß wie Taubeneier sind; sie wiegen 12 g.
Die
Hauptarbeit des Brütens leistet das Weibchen, das, leise vor sich hinschwatzend,
auf den Eiern sitzt. Nach 17 bis 18 Tagen schlüpfen die hellrosafarbenen
Kleinen, fast nackt, mit spärlichen Daunen auf der Rückenmitte und den
Oberarmen; der Kopf ist völlig kahl. Der Sperrachen („Abzeichen" der
Singvögel) ist blutrot und von breiten knallgelben Schnabelwülsten umrandet,
die den Elternvögeln im Dämmerlicht der Höhle den Schnabeleingang der
quäkenden Kinder zeigen. In 5 Wochen sind aus den 7,5 g wiegenden Schlüpflingen
flugfähige Jungvögel geworden, die wie ihre Eltern aussehen; nur entbehrt
ihr Gefieder vorläufig noch des schönen Glanzes. Die Eltern fütterten
sehr feuchte Nahrung aus ihrem Kehlsack, in den sie fein zerzupfte Insekten,
Würmer, Schnecken, Mäuse, Eier, tote Jungvögel, tierische Abfälle, aber
auch pflanzliche Nahrung wie Körner, zarte Blattsprossen, Obst und Nüsse
sammelten.
Die Dohlen machen wegen ihrer hellgelblichen Augeniris auf uns einen
verschmitzten, listigen Eindruck; sie sind aber sicher weniger klug
als die anderen Rabenvögel. Wie alle haben sie den angeborenen Trieb,
Nahrung zu verstecken oder zu vergraben. Sie tun dies aber auch offen
vor ihren Genossen, die das Versteckte sogleich herausholen und sich
aneignen. Raben, Krähen, Elstern und Eichelhäher dagegen suchen ihre
Verstecke heimlich und allein auf.
Dohlen werden zu zutraulichen und reizenden Stubenvögeln, falls der
Mensch sie sehr jung zu sich nimmt und aufzieht. Dazu muß man aber die
Erlaubnis der örtlichen Naturschutzbehörde einholen, denn Dohlen stehen
unter Naturschutz. Sie werden wie alle Rabenvögel mehrere Jahrzehnte
alt, so daß man lange Zeit seine Freude an diesen Zöglingen hat.
Ein Teil der in und um Berlin brütenden Dohlen bleibt im Winter bei
uns. Man vermutet, daß dies die älteren eingesessenen Paare sind. Ein
anderer Teil wandert nach Westen in mildere Gegenden. Die Zahl der Dohlen
wird bei uns im Winter aber kaum geringer, weil von Osten und Nordosten
andere Dohlen kommen, um hier zu überwintern. Manche von ihnen gehören
einer östlichen etwas anders gezeichneten Rasse an, die in dem Grau
der beiden Halsseiten einen sehr hellgrauen oder weißlichen, halbmondförmigen
Fleck zeigt.
Quelle: Der neue Sammelband der Berliner Morgenpost, mit freundlicher
Genehmigung der Berliner Morgenpost.
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