Fauna

 

DER EICHELHÄHER

 

Der Eichelhäher (Garrulus glandarius) gehört zur Familie der Rabenvögel (Corvidae); somit zur Unterordnung der Singvögel und zur Ordnung der Sperlingsvögel.
Er ist unser kleinster Rabenvogel; sein Gewicht beträgt nur 170 g, also weniger als das der Elster. Er ist in größeren Parkanlagen und in den Stadtforsten in und um Berlin sehr häufig. Wohl jeder von uns hat schon einmal seine hübschen, auffällig schwarz-weiß- hellblaugebänderten Flügeldeckfedern gesehen.
Tastet man vorsichtig über die Bänderung, so fühlt sie sich eigentümlich stufig an. Die blauen Stellen sind nämlich dicker als die schwarzen und die weißen. Blau ist bei der Vogelfeder kein Farbstoff, sondern eine Strukturfarbe, ähnlich wie das Blau des Himmels; es entsteht dadurch, daß auf schwarzem Grunde farblose sogenannte Schirmzellen stehen, die wir als Verdickungen ertasten und die eine blauwirkende Lichtbrechung hervorrufen. Wegen dieser so bezeichnenden Federn und wegen seiner gestreiften auffallenden Haube ist der Eichelhäher nicht zu verkennen. Ebenso bezeichnend ist sein Geschrei, ein kreischendes „Rätsch", mit dem er jedes fremde Wesen begrüßt und begleitet. Damit warnt er das Wild, das gelernt hat, auf das Geschrei des Eichelhähers aufzumerken, und das dann flüchtet ; sehr zum Verdruß des Jägers und des Naturfreundes.
Der Eichelhäher ist kein guter Streckenflieger, wohl aber fliegt er äußerst wendig und geschickt zwischen den Bäumen hindurch. Männchen und Weibchen sind fast gleichgefärbt. Beide errichten von Mitte April an ein aus Reisern gut geflochtenes Nest, auf dem. Sie eine Mulde aus feinen Stengeln, Halmen und Wurzelfasern bauen. Es steht in hohen Baumwipfeln, kann aber auch unten in einem Dorn- oder Wacholderbusche angelegt sein, so daß man bequem mit der Hand hineinlangen kann.
In Nestnähe verhält sich der Vogel meist recht still, auch wenn er auf Nahrungssuche für die Brut ausfliegt. Neben dem papageiartigen Gekrächz hat das Männchen noch einen schönen, abwechslungsreichen, plaudernd flötenden Gesang, in den es auch Nachahmungen anderer Vogelstimmen einflicht. Das Weibchen legt im Mai 5 bis 6 Eier, die auf graugrünem Grunde graubraune Punkte und Flecken, zuweilen auch noch schwarze Strichel und Schnörkel zeigen. Beide Eltern brüten 16 bis 17 Tage abwechselnd. Die Jungen kommen nackt, rosahäutig und blind auf die Welt. Nach 4 Tagen erhält die Haut einen grünlichen Bronzeschimmer, und am 5. Tag öffnen sich die Augen ein wenig. Die Sperrachen sind ziegelrot mit sehr schmalen rosafarbenen Schnabelwulstsäumen. Beide Eltern füttern die Kleinen, zunächst mit Insekten und Würmern und tragen die Kotballen fort. Mit 19 bis 20 Tagen verlassen die Jungen, noch flugunfähig, das Nest und krallen sich fest auf den Zweigen der Wipfel an. Jetzt bringen die Alten etwa 14 Tage lang größere Beute wie Mäuse, Schlangen und viele Jungvögel und Eier, womit sie den Zorn der Förster und Parkbesitzer auf sich ziehen.
Zu anderen Jahreszeiten herrscht in ihrer Speisekarte pflanzliche Nahrung vor — wie Eicheln, Bucheckern und Haselnüsse, die sie auch als Vorrat vergraben und damit zur Verbreitung dieser Pflanzen beitragen. Auch Früchte und allerlei Wildbeeren, Knospen und Getreide dienen zur Nahrung. Sie können größere Bissen unter die Füße nehmen und mit dem Schnabel zerkleinern, was außer den Rabenvögeln unter den Singvögeln nur noch die Meisen können.
Der Eichelhäher macht nur eine Brut im Jahre. Er ist bei Störungen sehr empfindlich und verläßt leicht sein Gelege; dann gibt es ein Nachgelege.
Bei uns ist der Eichelhäher ein Strichvogel, der auf Nahrungssuche im Herbst und Winter bis in die Anlagen der Städte hineinkommt. Die nördlichen und östlichen Eichelhäher wandern weit nach Südwesten und überqueren dabei oft in großen Massen unsere Stadt.
Der Eichelhäher ist einer der wenigen Vögel, die nicht unter das Naturschutzgesetz fallen, also vogelfrei sind. Als Stubenvögel sind sie, nestjung aufgezogen, zutraulich und anhänglich.

Quelle: Der neue Sammelband der Berliner Morgenpost, mit freundlicher Genehmigung der Berliner Morgenpost.


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