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DER GELBSPÖTTER

 

Der Gelbspötter (Hippolais icterina) ist ein ganz naher Verwandter der Rohrsänger; er gehört wie sie zur Unterfamilie der Grasmückenartigen (Sylviinae) und zur großen Familie der Fliegenschnäpper (Unterordnung der Singvögel, Ordnung der Sperlingsvögel).
Wie die Röhrsänger baut er ein recht verfilztes, mit der Unterlage verwobenes Nest, und seine kleinen Jungen haben genau wie sie einen gelben Sperrachen mit zwei lackschwarzen Zungenpunkten. Kein Volkslied berichtet von ihm, er ist heute nicht mehr volkstümlich. Früher, im Altertum und im Mittelalter, war es anders; da glaubte man in der damaligen primitiven Auffassung von Krankheiten und Heilmitteln, daß der Anblick seiner blaß schwefelgelben Unterseite die Gelbsucht heilen könnte.
Der Gelbspötter gehört zu den späten Frühlingsvögeln. Er singt erst von Mitte Mai an, dann aber viel und sehr lange bis in den Juli hinein. Überall, wo nur ein paar mittelhohe Bäume oder Büsche stehen, in unseren Parkanlagen, in Gärten nahe bei menschlichen Behausungen, in Feldgehölzen und lichten Wäldern ist er zahlreich zu finden. Er ist einer der Vögel, die der Städter und der Dorfbewohner am häufigsten hört, aber trotzdem am wenigsten kennt. Er lebt im dichten Blattgewirr, und nur wenn man sehr geduldig ist, bekommt man den Gelbspötter zu Gesicht.
Seine Brunst und der Höhepunkt seines Gesanges fallen in den Juni. Unermüdlich singt er mit seinem flachen, breitbasigen und weit aufgerissenen Schnabel das vielstrophige und abwechslungsreiche Lied mit mehreren Wiederholungen. Er sträubt dabei meist die Kopffedern zu einer Haube. Manche scharfen Töne erinnern an die Stimmen der Rohrsänger; er hat aber gleichzeitig sanfte, fast leierige Stellen. An Eindringlichkeit wird sein Gesang von keinem Vogel übertroffen; und die Übersetzung einer bezeichnenden Liedstelle in Worte, die einige Wiener Vogelliebhaber geprägt haben, spricht davon: „Schmidt, Schmidt, Schmidt, hatte sieben Töchter, hatte sieben Töchter, Töchter sieben, Töchter sieben, beinah heiratsreif, beinah heiratsreif, Schmidt, Schmidt, Schmidt." Das „Töchter sieben" ist so eindringlich und bezeichnend, daß man ihn an dieser Stelle mit Sicherheit erkennen kann. Der Gelbspötter besitzt auch großes Geschick im Spotten; so ahmt er den Pirolruf, die Rauchschwalbe und Dorngrasmücke, Amsel und Gartenrotschwanz täuschend nach. Sein Lockton und Erregungslaut, ein hübsches „Dideroid", ist auch besonders charakteristisch.
An dem kunstvollen, fest mit den Zweigen verschlungenen Nest arbeiten wahrscheinlich beide Partner. Zum Schluß bringt das Weibchen ganze Bündel feiner Halme auf einmal im Schnabel, um das Nest auszupolstern. Erst Ende Mai und im Juni werden die 5 hübschen Eier gelegt: sie sind rosa, mit tiefschwarzen Punkten und Haarstrichen verziert. Beide Eltern sitzen brütend abwechselnd auf den Eiern, das Männchen meist über Mittag.
Nach 13 Tagen schlüpfen die völlig daunenlosen nackten Jungen aus. Beide Eltern sammeln eifrig von den Blättern allerhand Kerbtiere ab oder fangen sie im Fluge; damit füttern sie die Kleinen auf, die nach 13 Tagen aus dem Nest gehen und noch ein paar Tage in den Laubkronen quäkend umhersitzen und weitergefüttert werden.
Die Gelbspötter-Eltern scheinen ihre Eier äußerst genau zu kennen und ein Kuckucksei nicht zu dulden; sie entfernen es fast immer, wie der Vogelforscher 0. Heinroth durch Versuche bestätigte.
Im Sommer nährt sich der Gelbspötter ausschließlich von Insekten, im Spätsommer nimmt er auch Beeren und weiches Obst als Zukost. Er ist ein ausgesprochener Zugvogel; schon im August zieht er, zusammen mit den noch das Jugendkleid tragenden Jungen, aus dem Brutgebiet nach Afrika, wo er in tropischen Gegenden südlich des Äquators den Winter verbringt. Dort erst mausert er in einer sogenannten Wintervollmauser alle seine Federn. Das ist auch der Grund, weshalb es nicht leicht ist. Gelbspötter in Gefangenschaft durch den Winter zu bringen; sie überstehen, ebenso wie die gestreiften Rohrsänger, unter derartigen Bedingungen kaum die Wintervollmauser.

Quelle: Der neue Sammelband der Berliner Morgenpost, mit freundlicher Genehmigung der Berliner Morgenpost.


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