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Der Girlitz (Serinus canaria) gehört zur Familie der Finkenvögel; damit
zur Unterordnung der Singvögel und zur Ordnung der Sperlingsvögel.
Das zierliche und bewegliche Vögelchen ist erst im vorigen Jahrhundert
von Südwesten her über Lothringen, das Rheintal und Hessen in Deutschland
eingewandert; Berlin hat es erst um 1880 erreicht.
Unser Girlitz ist eine geographische Rasse des auf den Kanarischen Inseln
lebenden wilden Kanarienvogels. Er wiegt nur 11 bis 13 g und ist unser
kleinster Körnerfresser neben dem Zeisig. Wie das Bild zeigt, sind die
Geschlechter verschieden gefärbt. Im Freien wird man den Girlitz an seinem
zierlichen Bau, an dem betont gelben Bürzel und an dem winzigen Schnäbelchen
von anderen ähnlich gefärbten Singvögeln unterscheiden können, besonders
aber an seiner Stimme.
Sein Lockruf ist ein schnelles klirrendes „Girlitt", wovon sein Name entlehnt
ist. Außerdem singt das Männchen anhaltend ein schwirrend sirrendes Lied,
das aus R-, S-, L- und I-Lauten besteht und manchmal noch eine perlende
Tonreihe enthält. Nach diesem Gesang hat man den Girlitz auch Hirngrill
genannt, und böse Zungen sagen, daß das Lied sich wie ein quietschender
Kinderwagen anhöre. Es wird mit viel Ausdauer unter stetem Hin- und Herwenden
des Kopfes im flatternden Balzflug sowohl als auch zur Revierverteidigung
vorgetragen.
Jedes Girlitzpaar bewohnt ein gesondertes Gebiet, das vom Männchen ausgesucht
und gegen andere Körnerfresser eifrig verteidigt wird. Girlitze lieben
Parklandschaften und Gärten, also Kulturgelände. Man
findet sie nicht in geschlossenen Wäldern. Hier in Berlin sind sie sehr
häufig auf Friedhöfen, wo ihnen höhere Laubbäume, Lebensbäume und kleinere
Fichtenbüsche besonders zusagen.
Etwa in Kopfhöhe bis zu einigen Metern Höhe steht das Nest in guter Deckung.
Es wird allein vom Weibchen gebaut und ist ein fest verfilzter Napf aus
Wurzeln, Stengeln, Fasern und Flechten, hübsch weich ausgepolstert mit
Hälmchen, Fasern und Pflanzenwolle. Es ist das kleinste Nest in der mitteleuropäischen
Vogelwelt.
Das Weibchen legt meist 3 bis 4 weißliche oder blaßbläuliche, mit rostroten
Punkten und Kritzeln gezierte Eier, die es allein in 13 Tagen ausbrütet.
Das Männchen kommt oft ans Nest, füttert das brütende Weibchen und singt
dann in der Nähe weiter. In der Berliner Gegend kann man damit rechnen,
daß die Girlitze gegen Mitte Mai in der ersten Brut Junge haben. Diese
zeigen beim Schlüpfen lange grauweiße Daunenbüschel auf der Oberseite
und sperren mit dunkelroten, gelb geränderten Sperrachen. Sie werden nur
mit Pflanzenkost großgezogen, weshalb ihr Kot breiig-schmierig und nicht
umhäutet ballenförmig ist; er kann von den Eltern nicht entfernt werden.
Die Kinder rutschen mit dem Hinterteil auf den Nestrand, setzen den Kot
dort ab und gehen wieder in den Napf zurück. Alles bleibt liegen, vertrocknet
und trägt so zur Verfestigung des Nestrandes bei, das Nestinnere bleibt
sauber.
Beide Eltern füttern die Kleinen, die mit 14 Tagen das Nest verlassen.
Sie tragen ein Jugendkleid ohne alles Gelb, oben tief braun mit breiten,
rostbraunen Federkanten, unten beigefarben mit dunklen Längsstreifen,
die Körpermitte ist ungestreift. Bis zum Herbst mausern sie das Kleingefieder
und legen damit das Kleid der Alten an. Im Juni/Juli sorgen die Eltern
für eine zweite Brut.
Girlitze gehören zu den wenigen Körnerfressern, die sich und ihre Jungen
ausschließlich vegetarisch ernähren. Sie nehmen allerlei feine Sämereien,
zarte Pflanzenspitzen und junge Triebe. Sie sind Zugvögel, die in Südeuropa,
also in Italien, Südfrankreich und Spanien überwintern. Zuweilen bleiben
einzelne bei uns und erscheinen dann an unseren winterlichen Futterplätzen.
Die Girlitze gehören zu den beliebtesten und ausdauerndsten Stubenvögeln.
Mit feinen Sämereien sind sie leicht zu ernähren, in größeren Käfigen
auch zu züchten. Da sie sehr nahe verwandt mit dem Kanarienvogel sind,
lassen sie sich, besonders die Weibchen, leicht mit ihm verpaaren. Die
Bastarde zwischen beiden Vögeln erweisen sich als unbegrenzt fruchtbar
miteinander.
Quelle: Der neue Sammelband der Berliner Morgenpost, mit freundlicher
Genehmigung der Berliner Morgenpost.
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