Fauna

 

DIE GOLDHÄHNCHEN

 

Die Vogelkundigen stellen die Goldhähnchen (Regulus} jetzt zur Familie der Meisen (Paridae), obgleich sich die Goldhähnchen in manchem von den Meisen unterscheiden; z.B. haben ihre Schlüpflinge Daunen auf der ganzen Körperoberseite, bei Meisen nur auf dem Kopf. Auch der Nestbau ist ganz anders als bei den höhlenbrütenden Meisen. Früher zählte man die Goldhähnchen zu den Laubsängern. Jedenfalls gehören sie zur Unterordnung der Singvögel und zur Ordnung der Sperlingsvögel.
In Deutschland gibt es zwei Arten von Goldhähnchen, die beide mit etwa 5 g Gewicht unsere kleinsten Vögel sind:
Das Wintergoldhähnchen ( Regulus regulus) ist das häufigere in und um Berlin. Sein Name meint, daß es auch im Winter bei uns ist und sogar viel auffälliger wirkt als im Sommer. Im Winter nämlich erhalten wir massenhaft Zuzug dieses Goldhähnchens aus nordöstlichen Gebieten. Oft sind dann Gärten, Büsche und Laubwälder voll von ihnen. Überall hört man die spitzen feinen Locktöne „sit". Männchen und Weibchen sind gut zu unterscheiden : Der Scheitel des Männchens hat einen orangefarbenen Mittelstreif, das Weibchen hat einen einfarbig gelben Scheitelfleck, wie unser Bild zeigt.
Im Sommer ist es nicht einfach, ein Brutpaar aufzufinden, obgleich sie in ganz Deutschland und auch im weiteren Umkreis um Berlin brüten. Sie sind zur Brutzeit unbedingt an höhere Tannen und Fichten gebunden. Ein kleinerer Bestand dieser Bäume zwischen Kiefern gibt ihnen schon Quartier zur Brut. Meist verrät der Gesang des Männchens das Brutpaar. Sein Liedchen, von dem Heinrich Seidel sagt, es sei so fein wie gesponnenes Glas, pendelt eilig dahinwispernd in Hebungen und Senkungen um einen Ton und endet in einem kräftigen Schlußton, etwa „di die di die di die dit".
Schon im März und April ertönt die Strophe; und das Männchen balzt, indem es sich mit gesträubtem Gefieder vor dem Weibchen hin und her wendet und dreht. Das Nest ist recht schwer zu entdecken. Es steht oft hoch in den Nadelbäumen; zwischen übereinanderhängenden Zweigen hängt es an dem oberen. Es ist eine kleine Kugel mit einer Einschlupföffnung, recht dickwandig und aus Moos, Flechten und Fasern mit Gespinstfäden zusammengefilzt. Das Nest wird von Männchen und Weibchen gebaut.
Die erste Brut gibt es im April/Mai, eine zweite im Juni/Juli. Das Weibchen legt meist 10 Eier; jeden Tag eines. Sie sehen aus wie Kirschkerne, mit dunklen Wolken und Tupfen versehen. Das Gelege macht mehr als das Gewicht des Weibchens aus. Das bedeutet eine beachtliche Leistung des winzigen Vögelchens. Es brütet allein; 12 bis 17 Tage währt die Brutzeit. Die Jungen, die einen gelben Sperrachen mit dunkelgelber Zungenumrandung und blaßgelber Schnabelwulstumrandung haben, werden von beiden Eltern mit weichen, winzigen Insekten, wie Blattläusen und Insekteneiern, und später nebenbei mit feinen Sämereien aufgefüttert. In 15 bis 16 Tagen fliegen sie aus. Ihr Jugendkleid ist olivgrünlich, ohne schwarz-gelbe Kopfzeichnung, die erst zum Herbst erscheint.
Die zweite in Deutschland lebende Goldhähnchenart ist das Sommergoldhähnchen (Regulus ignicapillus), das wegen eines dunklen Zügelstreifs durch das Auge auch Augenstreif-Goldhähnchen genannt wird. Wir werden es hier um Berlin kaum zu Gesicht bekommen; es brütet selten bei uns. Im Westen Deutschlands ist es häufiger. Sein Lied ist dem des Wintergoldhähnchens ähnlich, aber einförmiger, mit einem Anschwellen in der Stärke bis zum Endschlag a, etwa „si si si si si a".
Sein Nest und sein Brutverhalten ist dem des Wintergoldhähnchens sehr ähnlich. Die Zahl der Eier beträgt 7 bis 11. Manches ist bei ihm noch nicht beobachtet worden, z. B. wer das Nest baut, und wer brütet. Auch die Sperrachen der Jungen sind noch nicht beschrieben worden. Das Sommergoldhähnchen ist ein Zugvogel, der nicht gesellig sondern allein oder paarweise auf die Wanderschaft geht. Anfang Oktober ziehen die deutschen Brutvögel nach Südfrankreich, nach Spanien oder Nordafrika und kehren im April zurück in ihre Brutgebiete.

Quelle: Der neue Sammelband der Berliner Morgenpost, mit freundlicher Genehmigung der Berliner Morgenpost.


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