|
Grasmücken (Sylvia) gehören zur Unterordnung der Singvögel und zur
Ordnung der Sperlingsvögel. Sie unterscheiden sich von Rohrsängern oder
von Laubsängern durch ihre Nistweise (alle brüten etwa l m hoch, meist
in Dornbüschen) und durch ein eigentümliches Verhalten ihrer nackten
Nestjungen: Diese zittern beim Sperren mit Kopf und Hals, gerade als
wollten sie ihre Eltern auf ihre Sperrachen und auf ihren Hunger besonders
aufmerksam machen. Trotz der Zitterei treffen die Grasmückeneltern beim
Füttern in den Schnabel der Kleinen, denn sie haben eine äußerst rasche
Reaktionsfähigkeit. Bei unseren fünf heimischen Grasmückenarten, Klapper-,
Mönch-, Garten-, Dorn- und Sperbergrasmücke, zeigen die Sperrachen der
Jungen alle Übergänge von Gelb zu Blutrot mit gelben Schnabelsäumen
ohne Zungenpunkte. Bei allen Arten bauen, brüten und füttern beide Elternteile.
Das Wort Grasmücke kommt vom althochdeutschen Gra-smucka = Grau-Schlüpfer.
Die Grasmücken sind mehr oder weniger graubraun und schlüpfen geschickt
durch niedrige Dickichte.
Die zierlichste und in unseren Gärten und Anlagen häufigste Grasmücke
ist die 12 bis 13 g wiegende Klappergrasmücke (Sylvia curruca), die
man an ihrem dunklen Zügelstrich durch die Augengegend und an ihrer
reinweißen Kehle erkennen kann. Männchen und Weibchen sind gleich gefärbt.
Das Lied des Männchens ist ein feines hohes wisperndes Zirpen, beinahe
wie Mäusezirpen, an das sich als Schlußstrophe ein klappernder Triller
„lüp lüp lüp lüp" anschließt.
Das
Nest bauen Männchen und Weibchen gemeinsam locker aus Wurzelfasern,
Halmen und Stengelteilen, alles mit Spinnweben verfilzt, wenn das Männchen
den Ort für das Nest in etwa l m Höhe in Dornbüschen, wie Schlehen,
Brombeeren, Stachelbeerbüschen, oder auch in Buchsbäumen oder Taxus
ausgesucht hat. Sie haben nur eine Jahresbrut mit 5 bis 6 Eiern; sie
beginnt Ende Mai oder im Juni.
Die zunächst völlig kahlen Jungen werden mit zarten Insekten, wie Blattläusen
und ähnlichem, aufgezogen. Später dienen ihnen, wie allen ihren Verwandten,
auch viele Wildbeerenarten zur Nahrung. Im September ziehen sie bis
nach Afrika zwischen Tschadsee und Abessinien.
Der beste Sänger unter den Grasmücken ist die Mönchgrasmücke (Sylvia
atricapilla), bei der die Geschlechter gut unterscheidbar sind: Das
Männchen trägt eine schwarze Kopfplatte, beim Weibchen ist sie rostrot.
Das Lied beginnt mit zwitscherndem leiserem Vorgesang und endet in einen
klangvollen schmetternden „Überschlag"; der Volksmund übersetzte
es mit: „Hast du denn noch nicht gefrühstückt?" Bei dieser Art
gibt es regelmäßig zwei Gelege, im Mai und Juni; die Jungen haben hell-gelbrote
Sperrachen. Im September wandern sie nach Südeuropa und Afrika und kehren
im April zurück.
Die Gartengrasmücke (Sylvia borin) brütet am liebsten in zusammenhängenden
Gebüschen größerer Parkanlagen, in Laub- und Mischwäldern und Gehölzen.
Das Nest, dünnwandig und locker aus Halmen, Stengeln und Gespinsten
gebaut, steht niedrig im Gerank oder Gestrüpp von Dornbüschen. Beide
Geschlechter gleichen sich in ihrem eintönig bräunlichen Kleid vollständig.
Der Gesang ist ein langes fortlaufendes, flötendes und zwitscherndes
Schwätzen. Die Jungen mit den blutroten und gelbgeränderten Sperrachen
werden mit kleinen weichen Insekten, insbesondere mit glatten Räupchen,
aufgefüttert. Die Gartengrasmücken überwintern im tropischen Afrika,
südwärts bis Damaraland und Natal.
Die vierte der Grasmücken ist die weiter draußen, außerhalb der Stadt
an bebuschten Feldrändern und in Feldgehölzen lebende Dorngrasmücke
(Sylvia communis). Sie hat eine eilige kürzere Strophe mit rauhen Tönen.
Das Männchen ist von dem einfarbig braunen Weibchen an dem grauen Oberkopf
und rostroten Kröpf gut zu unterscheiden. Die Winterherberge ist im
tropischen Afrika südlich der Sahara. Die größte, die Sperbergrasmücke
(Sylvia nisoria), wiegt 30 g. Ihr Lied, das dem der Gartengrasmücke
ähnelt, wird mit „Errr" eingeleitet. Sie lebt im Unterholz von
größeren Wäldern, ähnlich wie auch der Neuntöter.
Quelle: Der neue Sammelband der Berliner Morgenpost, mit freundlicher
Genehmigung der Berliner Morgenpost.
|