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DER GRÜNLING ODER GRÜNFINK

 

Der Grünling (Chloris chloris) gehört zur Familie der Finkenvögel (Fringillidae); somit zur Unterordnung der Singvögel und zur Ordnung der Sperlingsvögel.
Grünlinge sind hier in Berlin sowohl im Winter als auch im Sommer eine alltägliche Erscheinung. Sie machen sich wie die ebenso großen Spatzen an unserem Futterbrett breit, und zum Ärger sind sie dort unverträgliche Herrscher, die oft kleinere Vögel in die Flucht jagen. Wie der Name schon sagt, ist ihr Kleid vorwiegend grün, und zwar olivgrün. Flügel und Schwanz zeigen große leuchtendgelbe Flecke. Das Weibchen ist im ganzen trüber grünlich gefärbt, oben mehr braun, unten mehr grau; und wenn man nicht genau hinsieht, könnte man „sie" für einen Spatzen halten. Aber „sie" trägt am Schwanz schöne gelbe Flecke, wenn auch viel kleinere als das Männchen. Beide Eltern haben kräftige breite, horngelbe Schnäbel, mit denen sie Hanf und andere behülste Körner unter seitlichen Bewegungen des Unterschnabels enthülsen.
Grünlinge sind im ganzen gemäßigten Europa bis nach Westasien hinein verbreitet. In Deutschland sind sie überall in Gärten, Parkanlagen, auf Friedhöfen, in Feldgehölzen und lichten Mischwäldern zu sehen und zu hören. Ein trillerndes ,,Gü, gü,gü" ist ihr Lockton. Der Gesang, ein Gezwitscher mit dem bezeichnenden Klingeln, etwa „tschoi, tschoi, tschoi, girrr, kling, kling, kling" und dem auffallenden kreischenden „Schwoinsch" gehört mit zu den ersten Vorfrühlingsgesängen.
Schon Ende März, wenn die Laubbäume noch kahl sind, sucht sich das Grünlingspärchen im Schutz einer Eibe, eines immergrünen Buchsbäumchens, einer Efeuwand oder Fichtenhecke einen Nistplatz, meist ziemlich dicht am Stamm; dort errichtet das Weibchen aus Reisern, Halmen, Moos und Flechten ein dickwandiges Nest, das mit Pferdehaaren, Wolle und Moos ausgepolstert wird. Mitte April legt sie 5 - 6 Eier. Sie sind etwa 2 g schwer und auf gelblichweißem Grunde mit rotbraunen Schalenflecken und dunklen Punkten versehen. Das Weibchen brütet allein, das Männchen füttert es in diesen 13 - 14 Tagen.
Die oberseits stark bedaunten blinden Jungen haben einen recht bunten Sperrachen; er ist blutrot, hat oben und unten einen rosa Zipfel; seitlich bildet die Schnabelwulstumrandung einen gelben Rand. In den ersten Tagen bleibt das Weibchen noch auf den Kleinen, später niegen beide Eltern auf Futtersuche aus. Der Kot wird nicht fortgetragen, er ist nicht umhäutet und wird von den Jungen auf dem Nestrand abgesetzt.
Mit 14 Tagen verlassen die Grünlingskinder, noch flugunfähig, das Nest, hocken im Gezweig und am Boden umher und zeigen den Eltern ihren Standort mit andauernden ,,Tschulip"-Rufen an. Nach einigen Tagen sind sie selbständig. Das Jugendkleid dieser Sprößlinge ist grünlich, oberseits und am Bauch mit langen dunklen Strichflecken versehen. Im Alter von 6 Wochen beginnen sie langsam ins Alterskleid zu mausern.
Die Eltern schreiten sogleich wieder zu einer neuen Brut; das Weibchen baut in den inzwischen belaubten Bäumen oder Büschen ein neues Nest. Im Mai/Juni, und oft noch ein drittes Mal im August, werden wieder 5 - 6 Junge großgezogen. Die Vermehrung ist mit einer Zahl von 12 bis 18 Kindern im Jahr recht stark. Wahrscheinlich ist sie notwendig, um die hohen Winterverluste der Art auszugleichen, denn fast alle Grünlinge sind Standvögel. Nur selten streichen sie in mildere Gegenden; sie verlassen sich bei uns im Winter auf die Hilfe des Menschen. Nur in nördlicheren Breiten sind sie Zugvögel. Zum Teil kommen sie in unsere Gegenden zu Gast, manche fliegen in die Schweiz, nach Südfrankreich oder Spanien.
Oft werden eben ausgeflogene Grünlinge, als vermeintlich aus dem Nest gefallen, von Spaziergängern aufgenommen. Das soll man nicht tun; es gelingt kaum, sie am Leben zu erhalten, da sie in ihrer Angst den Schnabel krampfhaft schließen und nicht aufziehbar sind. Dazu muß man sie eine Woche früher an sich nehmen, wenn sie noch sperren. Sie lassen sich dann sehr leicht mit Brei füttern, denn Grünlinge sind, auch bei der Jungenaufzucht, Vegetarier, die sich von allerlei Sämereien, Getreide, Beeren und Knospen ernähren.

Quelle: Der neue Sammelband der Berliner Morgenpost, mit freundlicher Genehmigung der Berliner Morgenpost.


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