|
Der Hänfling (Carduelis canabina) gehört zur Familie der Finkenvögel
(Fringillidae); damit zur Unterordnung der Singvögel und zur Ordnung der
Sperlingsvögel.
Er ist ein Steppenvogel, der geschlossenen Wäldern fernbleibt. Mit raschem
Flug zieht er oft paarweise in die Felder hinaus, um Unkrautsämereien
zu suchen. Zur Brut liebt er dickes Gebüsch und Hecken. Daher ist er vor
allem ein Bewohner von Feldgehölzen, von Gärten am Stadtrande und von
Friedhöfen in der Nähe von Feldern. Auf Friedhöfen ziehen den Frühbrüter
immergrüne Taxus- und Lebensbäume oder Efeuwände an, solange andere Büsche
noch unbelaubt sind.
Die Geschlechter sind, wie unser Bild zeigt, recht verschieden gefärbt:
dem Weibchen fehlt das schöne Rot an Kopf und Brust ganz oder das Rot
ist trüb. Der bezeichnende Flugton „gack gack" oder „geckgeckgeck"
verät unserem Ohr die Gegenwart des Hänflings. Das Männchen singt,
gern auf Zweigspitzen oder Telegraphendrähten sitzend, sein hübsches,
plauderndes, zart nötendes Liedchen mit eingestreutem niedlichem Krähen.
Im März schon suchen die Hänflinge ihr Brutgebiet auf. Das Weibchen baut
meist in erreichbarer Höhe ein gut in Gebüsch und Hecken verstecktes Nest
aus allerlei Halmen, Wurzeln, Heidekraut und Moos, das dicht gefügt und
verflochten ist. Das Männchen baut nicht mit, begleitet aber sein Weibchen
auf ihren Flügen. Die Nestmulde wird mit Tierhaaren, Federn und Pflanzenwolle
schön geglättet und gepolstert.
Schon Ende
März bis Anfang April, legt das Weibchen 5 Eier, die einen weißen, bläulich
schimmernden Grundton haben und mehr oder weniger mit rostroten oder blauroten
Punkten und Stricheln verziert sind; zuweilen ist auch ein ungeflecktes
Ei im Gelege. Das Weibchen brütet die Eier in 12 bis 14 Tagen fast allein
aus. Nur gelegentlich setzt sich das Männchen gegen Abend darauf. Sonst
aber bringt es dem brütenden Weibchen im Kröpf Körner und füttert es.
Die Schlüpflinge sind auf ihrer Oberseite mit langen hellgrauen Daunen
bedeckt, und ihr Sperrachen ist karminrot, oben schmal hellblau und seitlich
hellgelb eingesäumt. Beide Eltern füttern die Jungen in den ersten Tagen
voller Eifer vorwiegend mit im Kröpf gequollenen Sämereien und nur sehr
wenig Insekten als Beifutter. In 12 bis 14 Tagen fliegen die Jungen aus;
ihr Kinderkleid zeigt noch kein Rot; es ist dem des Weibchens ähnlich.
Bis Oktober legen die Jungen durch eine Kleingefiedermauser das Alterskleid
an. Die Alten mausern bis Oktober alle Federn. Im frisch vermauserten
Kleid hat jede Kleingefiederfeder einen weißlichen Saum, der beim Männchen
an Kopf und Brust das schöne Rot zudeckt. Er wird im Laufe des Winters
abgerieben, und dann kommt das Rot zum Vorschein. Das schöne Brutkleid
ist hier, wie bei manchen anderen Finkenvögeln und beim Star, das abgetragene
alte Kleid. Nach der ersten Brut beginnen die Elternvögel im Mai/Juni
eine zweite; zuweilen scheint es noch eine dritte Brut zu geben.
Die Nahrung der Hänflinge besteht aus allerlei ölhaltigen Sämereien wie
Mohn, Hanf, Rübsen, Senfsamen sowie auch Kohl-, Salat-, Lein-, Distel-
und Unkrautsamen. Der Hänfling wird wegen seines Gesanges, den man für
einen der besten unter den Körnerfressern hält, sehr oft und gern als
Stubenvogel gehalten; er ist auch fast immer in größeren Vogelhandlungen
zu haben. Allerdings ist er als alter Wildfang oft nicht leicht einzugewöhnen,
da er - der Steppenvogel - sein Heil in der Flucht über weite Strecken
sucht und immer wieder gegen das Käfiggitter flattert, statt hinter den
Gitterstäben Schutz zu suchen, wie es z. B. eine Grasmücke tun würde.
Noch einen Nachteil hat der Hänfling als Stubenvogel: Leider bleibt bei
der nächsten Mauser in Gefangenschaft das schöne Rot aus. Es scheint,
daß dafür ein Mangel an gewissen Vitaminen und vielleicht auch ein Mangel
an Geschlechtshormonen ausschlaggebend ist. Sicher ist, daß Mangel an
Sonnenstrahlen, an frischer Luft oder das Abschirmen von Regen und Wind
nicht die Ursachen sein können, denn auch im Freien gehaltene Volièrenvögel
verlieren ihr Rot.
Quelle: Der neue Sammelband der Berliner Morgenpost, mit freundlicher
Genehmigung der Berliner Morgenpost.
|