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Der Kuckuck (Cuculus canorus) hat eine eigene Familie: die der Kuckucke
(Cuculidae). Er gehört mit allen seinen Verwandten zur gesonderten Ordnung
der Kuckucksartigen (Cuculi), die alle beim Sitzen zwei Zehen nach vorn
und zwei nach hinten richten; bei den Eulen trafen wir auch diese eigenartige
Anordnung der Zehen an.
Vom Kuckuck weiß jeder, daß er seine Brut nicht selbst aufzieht, sondern
seine Eier in die Nester kleinerer Singvögel legt. Im Frühjahr, wenn
wir das „Kuckuck" in größeren Parkanlagen, in Wäldern oder in der Nähe
der Schilfgürtel unserer Seen erschallen hören, finden sich Männchen
und Weibchen zusammen; es ist der Balzruf des Kuckuckmännchens. Wenn
es sehr erregt ist, wandelt es seinen Ruf in „Kuckuckuck".
Die Kuckuckin sucht in Begleitung des Männchens Singvogelnester, zum
Beispiel von Bachstelzen, und beobachtet das Pärchen beim Nestbau. Wenn
das Gelege angefangen ist, nimmt sie ein Bachstelzenei mit dem Schnabel,
entfernt es und legt dafür ihr eigenes Ei hinein. Beobachter berichten,
daß das Männchen durch auffälliges Benehmen und Herumflattern die Aufmerksamkeit
der Stelzeneltern auf sich lenkt, während die Kuckuckin ihre Eiablage
erledigt. Sie wählen im allgemeinen wohl die Singvogelart, bei der sie
selbst großgezogen wurden. Es gibt aber auch sogenannte vagabundierende
Weibchen, die nicht bei einer Art bleiben. Sicher ist es für die Kuckuckin
nicht ganz einfach, innerhalb der Frühlingszeit etwa 18 Eier in Singvogelnestern
unterzubringen. Stets belegt sie jedes Nest nur mit einem einzigen Ei.
Kuckuckseier sind im Verhältnis zu dem 100-g-Vogel sehr klein, sie wiegen
nur 3 g und sind damit der Eigröße der viel kleineren Singvögel angepaßt;
andere 100-g-Vögel, z.B. die Amseln, haben ein Ei von 8 g. Außerdem
ist die Brutdauer des Kuckuckseies sehr kurz, nur 12 1/4 Tage; kürzer
als die der meisten Singvögel, die etwa 13 bis 14 Tage bebrütet werden
müssen.
Daher wird der junge Kuckuck vor oder mit seinen Stiefgeschwistern schlüpfen.
Er besitzt für die nächsten 4 Tage eine erstaunliche Triebhandlung.
Er buckelt sich alles auf, was im Nest liegt, und schiebt es über den
Rand aus dem Nest, also alle noch vorhandenen Eier und schlüpfenden
Jungen; schließlich ist .er nur noch allein im Nest. Es ist also nicht
so, daß der wachsende Kuckuck infolge seiner Größe die Stiefgeschwister
aus dem Nest drängt - eine Anschauung, die heute noch oft geäußert wird.
Der Schlüpfling ist blind, kahl und rosahäutig. Obgleich er kein Singvogel
ist, hat die Natur ihn mit einem orangeroten Sperrachen mit weißen blanken
Punkten an der hinten vierzipfligen Zunge ausgestattet, der den Füttertrieb
der Stiefeltern höchst anregt, und in den sie mit großem Eifer allerhand
Kerbtiere hineinstopfen. Nach einigen Tagen wird die Haut violett, und
schließlich wachsen die Federn, die lange in ihren Hüllen bleiben und
ihm ein stacheliges, igelartiges Aussehen verleihen. Das Kuckuckskind
sitzt auffallend ruhig, sonst würde das nicht zu seiner Größe passende
Nest auseinanderfallen. Zunächst bettelt es mit ,,sisisi"; nach
21 Tagen hüpft es heraus und sitzt futterheischend mit zwitschernden
„Zri-sir-zri"-Rufen in der Nähe; seine gegen ihn winzigen Stiefeltern
müssen ihm auf den Kopf fliegen oder vor seinem Schnabel rüttelnd fliegen,
um ihm die Nahrung einzustopfen.
Wenn er selbständig ist, nimmt er große Raupen, oft auch behaarte Arten,
die von anderen Tieren verschmäht werden. Die Brennhaare bleiben in
seiner Magenschleimhaut ohne Schaden stecken; sie wird ab und zu erneuert.
Auch große Käfer, Libellen und Heuschrecken fängt er. Noch in seinem
braungrauen Jugendkleid fliegt der Kuckuck, allein und nur nachts wandernd,
schon im August seiner Winterherberge zu, die sich vom äquatorialen
Afrika bis zum Kapland erstreckt.
Dort mausert er in sein Alterskleid: Die Männchen werden oben schiefergrau,
unten hell und schmaldunkel gebändert, die Weibchen oben rostrot; es
gibt aber auch solche, die fast männchenfarbig sind; auch oben rostfarbene
Männchen kommen zuweilen vor. Im April/Mai sind sie wieder bei uns.
Quelle: Der neue Sammelband der Berliner Morgenpost, mit freundlicher
Genehmigung der Berliner Morgenpost.
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