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DER MAUERSEGLER

 

Der Mauersegler (Micropus apus) gehört zur Familie der Segler (Micropodidae) und zur Ordnung der Seglerartigen (Macrochires). Er ist also kein Singvogel wie unsere Schwalben und hat verwandtschaftlich gar nichts mit Sing- und Sperlingsvögeln zu tun.
Nur die äußere Ähnlichkeit verführt immer wieder dazu, die truppweise oder einzeln wild über unsere Häuser in rasendem Fluge dahinschießenden und gellend „sri sri sri"-schreienden Vögel für Schwalben zu halten. Unsere Schwalben haben alle einen weißen Bauch, die Mauersegler sind ganz rußschwarz bis auf einen weißen Kehlfleck, der so klein ist, daß man ihn auf die weite Entfernung nicht wahrnimmt. Ihre Jungen haben keine bunten Sperrachen und keine gelben Randwülste wie die Schwalbenkinder; sie sperren den Schnabel nicht futterheischend auf, und sie haben beim Schlüpfen auch keine Daunen; das alles ist bei den Seglern anders als bei den Schwalben.
Die Mauersegler haben winzig kurze Beine - ihr lateinischer Name bedeutet auch „Kleinfuß" -, auf denen sie sich nicht aufrichten und nicht einmal sitzen können. Sie schieben sich auf dem Boden kriechend dahin; sie können nur liegen oder fliegen. Ihre Zehen gehen wie Finger unabhängig voneinander strahlenförmig ab und sind mit nadelspitzen Krällchen versehen; damit können sie kräftig grabsen und sie zu einem Fäustchen schließen. Sie dienen ihnen zum Anklammern.
Manches Märchen geht über den Mauersegler um: Sie könnten, heißt es, nicht vom Boden auffliegen, wenn sie einmal dahin geraten. Ein gesunder Mauersegler bringt das aber gut fertig; er hebt den Schwanz, schiebt sich vorwärts, tut ein paar Flügelschläge auf dem Boden und erhebt sich in die Luft.
Ganz pünktlich um den 1. Mai herum treffen die Mauersegler aus ihrer Winterherberge in Mittel- und Südafrika oder Madagaskar bei uns ein. Da kann man hören und lesen: „Die Schwalben sind wieder da!" Die alten Brutpaare sind sehr ortstreu und stellen sich Jahre hindurch an ihrem bekannten Brutplatz ein. Wie sich die Jungen erstmalig als Paar zusammenfinden und einen Nistort wählen, weiß man nicht.
In den letzten Jahrzehnten sind sie echte Großstadtvögel geworden. Sie nisten an Gebäuden unter Dachrinnen, in Mauerlöchern, Nischen und in künstlichen Nistkästen, jedenfalls immer im Dunklen; außerhalb der Städte und Siedlungen in Baumhöhlen und Felsnischen. Finden sie bei der Rückkehr Eindringlinge in ihrer Höhle vor, so werfen sie sie mit Hilfe ihrer spitzen Krallen hinaus; auch Stare, die fast doppelt soviel wiegen wie unser 40 - g - Vogel, werden überwältigt und ziehen den kürzeren. Fremde Eier oder Junge werden vom Mauersegler einfach mit Halmen, Blättern, Fasern und mit einem Sekret aus den Speicheldrüsen, die zur Brutzeit besonders gut entwickelt sind, überkleistert. Mit dem Speichel kleben sie auch Haare und Federn im Innern ihrer Bruthöhlen fest.
Ende Mai liegen 2 bis 3 reinweiße, etwas längliche Eier in der Nisthöhle, die von beiden Eltern abwechselnd bebrütet werden; nachts halten sich beide in der Höhle auf. In 18 bis 20 Tagen schlüpfen die blinden und völlig kahlen, bläulichrosafarbenen Jungen aus, die volle 7 Wochen bis zum Flüggewerden brauchen, also eine sehr lange Nestlingszeit haben. Sie sperren nicht, sondern packen auf Berührung den elterlichen Schnabel und lassen sich das Futter, das von den Alten zu Klumpen im Kehlsack angesammelt wird, einwürgen. Die Eltern fangen kleine Insekten wie Fliegen, Mücken, Käfer, Kleinschmetterlinge, auf die sie sich reißenden Fluges stürzen, indem sie den Rachen weit als Fangklappe öffnen.
Kaum ist die Brut gegen Anfang August flügge, begeben sich die Alten auf die Reise nach dem Süden; die Jungen folgen etwas später.
Zuweilen, wenn Schlechtwetterzeiten den Flug der Nahrungsinsekten verhindern, leiden die Jungen Hunger und stürzen aus den Nisthöhlen. Wenn man sie dann findet, sollte man sie mit Ameisenpuppen, Fleischstückchen, Mehlwürmern und ähnlicher Ersatznahrung füttern und möglichst bald fliegen lassen, ehe ihre Flugmuskeln schwinden.

Quelle: Der neue Sammelband der Berliner Morgenpost, mit freundlicher Genehmigung der Berliner Morgenpost.


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