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DIE NEBELKRÄHE

 

Die Nebelkrähe (Corvus corone cornix) gehört zur großen und weitverbreiteten Ordnung der Sperlingsvögel (Passeres).
Man nennt sie Sperlingsvögel, weil ihre Jungen den Schnabel aufsperren, sobald einer der Eltern sich mit Nahrung auf dem Nestrand niedersetzt. Die heim „Sperren" sichtbar werdenden Rachen der Kleinen sind je nach den Arten verschieden gefärbt. Nebelkrähenkinder recken ihren Eltern ziegelrote Bachen mit schmalem gelbem Rand entgegen (Rohrsängerkinder haben gelbe Sperrachen). Diese farbigen Signale feuern die Vogeleltern zu immer neuer Futtersuche an. Die Nahrung wird den Kleinen bis hinter den Zungengrund gestopft.
Gewiß ist es für viele Leser auch überraschend zu hören, daß Nebelkrähen, und mit ihnen die ganze Familie der Rabenvögel (Corviden), zur Unterordnung der Singvögel (Oscines) zählen. Häufig nämlich begegnet man der falschen Vorstellung, daß Singvögel immer klein seien wie Fink oder Nachtigall. Unsere Nebelkrähe wiegt ein halbes Kilo; das heißt: soviel. wie eine Ringeltaube, ein Waldkauz oder ein mittleres Zwerghuhn. Und wir alle wissen, daß Krähen ein recht rauhes Gequarre und Gekrächz von sich geben, im Fluge ,,krah" und bei Ärger „garr".
Zoologisch aber kommt es nicht auf die Schönheit des Gesanges, sondern auf den Bau des unteren Kehlkopfes an. Und der ist bei den Nebelkrähen ebensogut mit Singmuskeln versehen wie bei den besten Sängern unter den Vögeln. Die Nebelkrähen scheinen aber ihre Zugehörigkeit zu den Singvögeln auch äußerlich noch rechtfertigen zu wollen, denn die Weibchen schwatzen beim Brüten leise „singend" vor sich hin, und die Männchen haben ein bauchrednerisch klingendes tiefes Gekrächz, aus dem wir Silben wie „kolk talk dualk" heraushören. Auch eine gewisse Fähigkeit zum Nachsprechen menschlicher Laute hat die Natur - ähnlich wie manchen Papageien — den Rabenvögeln verliehen.
Die Nebelkrähe, gekennzeichnet durch ihre westenartige Graufärbung, kommt in Deutschland überall östlich der Elbe als Brulvogel vor; westlich der Elbe brütet ihre Schwester, die vollständig schwarze Rabenkrähe ( Corvus corone coronej. Beide Formen aber gelten als gleiche Art. Sie haben die gleichen Balz- und Lebensgewohnheiten und kreuzen sich an ihrer Gebietsgrenze, der Elbelinie. Die Entstehung der beiden Unterarten führt man auf die Eiszeit zurück, deren vom Norden vorrückende Gletscher einst die Art in eine östliche und eine westliche Krähenbevölkerung trennten. Es entstanden Unterschiede in der Gefiederfärbung; die Verhaltensweisen aber blieben gleich. Nach dem Abschmelzen des Eises trafen sich die Krähen, von Westen und Osten vorrückend, wieder an der Elbelinie, wo sie seit dieser Zeit Mischlinge bilden.
Das Nebelkrähenpaar hält sich über viele Jahre die Treue. Es liebt als Brutplatz höhere Bäume in Feldgehölzen, in Parks oder Gärten, zuweilen auch niedrigere Dornbüsche. Aus dürren Ästen fertigen Männchen und Weibchen einen Unterbau, festigen ihn mit Lehm und Grasbüscheln und bauen darauf aus feineren Zweigen eine mit Moos und Haaren ausgepolsterte Mulde für die Eier.
Die Eier, 17 g schwer und von dunkelgrüner Grundfarbe mit schwarzen Flecken, findet man im April und Mai meist zu fünfen im Nest. Das Weibchen brütet allein; das Männchen bringt Nahrung herbei, vor allem tierische Kost wie Mäuse, Kleinvögel, kranke oder gestorbene Jungtiere von Hasen, Würmer, Schnecken, aber auch Körner, Obst und ähnliches. Nach 17 bis 18 Tagen schlüpfen die blinden, dunkelrosahäutigen Kleinen, die mit 32 Tagen erwachsen sind. Zu ihrer Fütterung nehmen die Eltern auch Hühner- und Entenküken und Jungvöge], wodurch sie sich den Zorn von Gartenbesitzern und Genügelzüchtern zuziehen. Im Winter bleiben die Krähen, zu größeren Scharen vereinigt, gern am Rande größerer Städte, wo es Abfälle genug für sie gibt, und wo sie allabendlich die gleichen Schlafbäume aufsuchen. Von Mitte September an überfliegen nordische Nebelkrähen in lockeren Scharen unser Gebiet; manche gesellen sich zu unseren Standvögeln, andere ziehen bis nach Spanien.

Quelle: Der neue Sammelband der Berliner Morgenpost, mit freundlicher Genehmigung der Berliner Morgenpost.


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