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DER NEUNTÖTER

 

Der Neuntöter (Lanius collurio) gehört zur Familie der Würgerartigen (Laniidae), zur Unterordnung der Singvögel und damit zur Ordnung der Sperlingsvögel.
Die Würger, eine fast erdweit verbreitete Gattung, sind in Deutschland in vier Arten vertreten, von denen zwei hier in und um Berlin vorkommen. Der bei uns häufigste, der Neuntöter oder Rotrückige Würger, ist ein spatzengroßer Vogel von 30 g. Neuntöter bedeutet Vieltöter und bezieht sich auf seine Gewohnheit, Beute, vor allem Insekten wie Heuschrecken, Käfer, Schmetterlinge, aber auch Frösche, kleine Eidechsen und gelegentlich auch Jungvögel als Vorrat an einen Dorn zu spießen, um sie später in Stücken abzupflücken. Das beruht auf einem angeborenen Trieb, der schon bei den noch nicht ganz selbständigen Jungen auftritt, indem sie mit einem Futterbrocken im Schnabel an Zweigen und Ästen entlangzuwischen beginnen. Allmählich lernen sie aus Erfahrung, daß zum Aufspießen ein Dorn oder anderer spitzer Gegenstand gehört. Zuerst ist also der Trieb da, der später erst durch Erfahrung zu einer zweckmäßigen Triebhandlung führt, ähnlich wie es bei der Singdrossel mit der Drosselschmiede geht.
Der Neuntöter lebt gern dort, wo in lichter Umgebung ein paar dichte Hecken und Dornbüsche stehen, wie Weißdorn, Brombeeren, Schlehen. Auf der Spitze der Büsche oder auf Umzäunungen und Drähten pflegt er wie auf einer Warte zu sitzen, sein angenehmes Gezwitscher mit vielen nachgeahmten Lauten aus der Umgebung hören zu lassen und nach Beute auszuschauen. Er ist nicht scheu und bleibt in Gärten und Parkanlagen selbst unmittelbar neben begangenen Wegen sitzen.
Männchen und Weibchen tragen unterschiedliche Kleider (siehe Abbildung). Erst gegen Mitte Mai kommt der Würger aus der Winterherberge zurück. Er ist sehr ortstreu; jahrelang wurde derselbe Vogel in seinem Brutrevier festgestellt. Das Männchen kommt stets einige Tage früher als das Weibchen und beginnt allein mit dem Nestbau in Dornhecken oder dichtem Fichtengebüsch. „Er" fügt Stengel, Halme, Fasern und Wurzeln zu einem festen Bau zusammen. Das Weibchen empfängt „er" mit einer eigentümlichen Schaubalz: in abwechselndem Verbeugen und Aufrichten präsentiert er ihr seine schönsten Gefiederstellen.
Dann baut „sie" mit ,,ihm" das Nest vollends fertig, legt um Ende Mai meist 6 Eier und brütet sie in 14 bis 15 Tagen aus. Das Männchen hält sich gewöhnlich in der Nähe auf. Nur ganz gelegentlich geht es einmal für zwei Stunden auf die Eier. Die Schlüpflinge sind völlig nackt und Strecken ihren Eltern dunkelgelbe Sperrachen entgegen. Unter Gezirp lassen sie sich von beiden Eltern füttern und verlassen das Nest, noch völlig flugunfähig und mit kurzem Schwänzchen, schon mit 12 bis 15 Tagen.
Mit viel Gekreisch betteln sie in den Dornhecken die Eltern um Futter, so daß man auf sie aufmerksam wird. Neuntöter machen nur eine einzige Brut im Jahre und bleiben noch 3 bis 4 Wochen mit den Kindern zusammen. Das Nestkleid mit vielen Wellenlinien ist dem Elternkleid ganz unähnlich; und auch nach der ersten Mauser, in den nächsten Wochen, sehen sie im zweiten Jugendkleid nur entfernt dem Weibchen ähnlich. Erst in der Winterherberge des tropischen und südlichen Afrika, die sie schon Ende August aufsuchen, mausern sie erneut, nun ins Alterskleid.
Neuntöter sind als Stubenvögel reizende und anhängliche Pfleglinge, wenn man sie nestjung aufzieht. Dazu braucht man allerdings eine Genehmigung der zuständigen Naturschutzbehörde. Da sie Insektenfresser sind, sind sie nicht ganz leicht zu beköstigen, und man sollte sich erst an ihre Pflege wagen, wenn man mit der Beköstigung von Weichfressern schon Erfahrungen gesammelt hat. Als Volierenvögel sind sie nicht winterhart; man muß sie in geheizten Räumen überwintern.
Weiter außerhalb der Stadt in offenem Gelände mit Büschen und Bäumen, an Waldrändern und auf Lichtungen lebt der größere Raubwürger (Lanius excubitor). Sein Kleid ist hellgrau, weiß und schwarz. Er spießt seine Beute nicht auf, sondern klemmt sie in Astgabeln ein.

Quelle: Der neue Sammelband der Berliner Morgenpost, mit freundlicher Genehmigung der Berliner Morgenpost.


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