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Der Pirol (Oriolus oriolus) ist der einzige europäische Vertreter der
sonst vorwiegend tropischen Familie der Pirole (Oriolidae), die zur
Unterordnung der Singvögel und zur Ordnung der Sperlingsvögel gehören.
Der Pirol lebt ähnlich wie der Kuckuck versteckt in den Baumwipfeln.
Man bekommt ihn selten zu sehen, aber sein lautflötender, melodischer
Ruf „düdliobülo" erschallt von Mitte Mai an in unseren Parkanlagen,
in größeren Obstgärten und -pflanzungen, in Auwäldern und Laubgehölzen.
Seltener vernimmt man seinen leisen, zwitschernden, grasmückenartigen
zweiten Gesang; ängstlich stößt er ein „Kwirr" hervor, auch über einen
krächzenden „Chrä chrä" -Laut verfügt er bei Angriffslust.
Das Männchen ist herrlich-leuchtend gelb gefärbt mit schwarzen Flügeln
und viel Schwarz an dem Schwanz; wirklich ein auffallender Vogel. Das
Weibchen ist unscheinbarer, oberseits grün gefärbt und unten hellgrau
mit braunen Längsstrichen; ein Gelbgrün an den Seiten und am Unterschwanz
erinnert an das Gelb der Männchen.
Im Mai bauen Männchen und Weibchen gemeinsam ein kunstvolles Nest. In
den Wipfeln der Laubbäume, meist am Ende der Zweige zwischen einer Zweiggabel,
flechten sie eine Art Hängematte aus Halmen und Fasern, die sie sich
von Schnabel zu Schnabel reichen und dabei um die Zweiggabel wickeln.
Dieses Geflecht wird dann mit klebrigem Speichel verfestigt; das Weibchen
polstert es mit Moos, Gras, Federn, Pflanzen- und Tierwolle aus.
Ende Mai bis Mitte Juni legt es 3 bis 5 Eier,
die auf einem weiß rosafarbenen Untergrund wenige tief rotbraune oder
schwarze Flecken haben. Beide Eltern widmen sich dem Brutgeschäft. Das
Männchen pflegt oft über Mittag abzulösen; und nach 14 bis 15 Tagen
schlüpfen die rosahäutigen, oben mit hellgelben Daunenbüscheln
versehenen, blinden Jungen aus. Sie haben einen rosafarbenen Sperrachen,
der von den Schnabelrandwülsten schmal hellgelb eingesäumt wird. Fest
in den Nestboden eingekrallt, sitzen sie in ihrer Hängematte, die oft
beängstigend im Winde schaukelt, da sie ziemlich weit außen in den Zweigen
hängt.
Die Eltern füttern hauptsächlich mit Raupen, Schmetterlingen und anderen
Insekten. Die Kinder machen beim Sperren eine eigentümliche Bettelbewegung:
sie wenden den aufgesperrten Schnabel hin und her; es sieht aus, als
wollten sie ihre Eltern auf ihren Sperrachen besonders hinweisen. Natürlich
sind dies angeborene triebhafte Bewegungen.
Die Jungen betragen sich im Nest ziemlich laut; sie jaulen dauernd in
„Tjui" -Tönen, ab und zu gackern sie ähnlich wie Falken. Sie haben anscheinend
da draußen im losen Gezweig wenig Nestfeinde und können sich daher wohl
solchen Lärm leisten. Mit 14 bis 15 Tagen haben sie das Endgewicht der
Alten von einigen 70 g erreicht, und ihr auffallend wolliges erstes
Jugendkleid ist fertig. Es ist oben grünlich, unten weiß, mit wenigen
kleinen Tupfen an den Körperseiten. In diesem Kleid verlassen sie das
Nest, zeigen fortwährend ihren Standort mit einem einsilbigen „Gä"
an und rufen beim Füttern „trahit". Schon jetzt beginnt eine allmähliche
Mauser des Kleingefieders, und nach 2 1/2 Monaten haben sie ihr zweites
Jugendkleid angelegt, das dem der erwachsenen Weibchen ähnelt. Während
des Winters, den sie nicht bei uns verbringen, mausern sie ins erste
Erwachsenenkleid, das aber beim Männchen glicht immer schon die schöne
gelbe Farbe bringt; oft ist es noch weibchenähnlich.
Wenn während der Brutzeit durch ein Unglück die Eier verlorengehen,
gibt es ein Nachgelege; zu einem späteren Zeitpunkt aber nicht mehr.
Die Familie streicht noch längere Zeit im Trupp umher, nährt sich von
Insekten und auch von nun reifenden Früchten, Beeren und anderem weichen
Obst.
Die Pirole sind ausgesprochene Zugvögel, die nur den Sommer über bei
uns sind. Im August und September ziehen sie nachts nach Afrika, wo
sich ihre Winterherbergen von tropischen Gegenden bis zum Kap erstrecken.
Im zweiten Maidrittel kehren sie zurück. Die besondere Badeweise der
Pirole: sie streifen in schnellem Fluge die Wasseroberfläche.
Quelle: Der neue Sammelband der Berliner Morgenpost, mit freundlicher
Genehmigung der Berliner Morgenpost.
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