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DER SEIDENSCHWANZ

 

Der Seidenschwanz (Bombycilla garrulus) gehört zur kleinen gesonderten Familie der Seidenschwänze (Bombycillidae), die eine gewisse Verwandtschaft zu den Fliegenschnäppern zeigt; wie diese gehören sie zur Unterordnung der Singvögel und zur Ordnung der Sperlingsvögel.
Der Seidenschwanz ist ein Wintervogel, der uns namentlich in strengen Wintern regelmäßig besucht; weiter westlich und südlich zieht er unregelmäßig und in abnehmender Zahl. Früher galt sein Auftreten in Süddeutschland, in Italien oder Frankreich als böses Vorzeichen für kommende Kriege oder Seuchen; und so erhielt dieses schöne Tier den Beinamen Pestvogel.
Er ist recht auffallend mit seiner großen Haube, die er meist nur am Hinterkopfe, etwas angehoben, trägt; dazu kommt, daß er wenig Scheu vor dem Menschen zeigt und sich in Gärten und Parkanlagen offen hinsetzt. Zuzeiten erleben wir eine wahre Seidenschwanz-„Invasion". Meist hält man ihn für einen aus dem Zoo entwichenen exotischen Vogel. Er ist starengroß und wiegt 55 g. Bezeichnend sind die weißen, gelben und roten Flecken an den Flügeln; auch das gelbe Schwanzende ist ein Erkennungsmerkmal.
Die Geschlechter sind in der Färbung einander ähnlich. Das Weibchen hat weniger leuchtende Farben, besonders das Gelb an der Schwanzspitze ist trüber. Die weißen Haken an den Schwingenspitzen sind verwaschener und reichen nicht wie beim Männchen auf die Innenseite der Hand- schwingenspitzen hinüber. Die merkwürdigen roten „Siegellackplättchen", die an den Armschwingen hängen und eine sehr seltene Zierde in der Vogelwelt sind, sind schmäler und weniger zahlreich als beim Männchen. Diese Plättchen sind ungegliedert gebliebene Stückchen der Federfahne, also Hornplättchen, in die ein roter Farbstoff eingelagert ist.
Die Seidenschwänze zeigen sich dem Kenner auch durch ihre Töne an. Sie haben einen Lockton, ähnlich wie der Gimpel, ein flötendes „Du", und einen feinen trillernden Zirplaut.
Die Seidenschwänze kommen, von Kälte und Hunger getrieben, aus ihrer nordischen Heimat: den ausgedehnten Fichten- oder mit Birken gemischten Laub- und Lärchenwäldern, wo sie recht spät im Jahre, z.B. in Lappland erst im Juni, zur Brut schreiten können. In der Balz springt das Männchen mit einer Beere im Schnabel um das Weibchen herum und überreicht sie ihm schließlich.
Das Nest wird in mittlerer Höhe auf Bäumen gebaut. Es hat eine Unterlage aus dürren Tannenreisern und Moos, darauf liegt eine Mulde aus Moos und Bartflechten, die mit Haaren ausgelegt ist. Meist legt das Weibchen 5 bis 6 Eier, die auf grünlichem Grund bläuliche verwaschene Flecke und bräunliche bis schwarze runde Brandflecke zeigen. Von der feineren Brutbiologie weiß man noch nichts, da die Vögel hier in Gefangenschaft in Flugkäfigen sich zwar gut halten, aber bisher noch nie gebrütet haben. In den nordischen Wäldern haben sie noch keine genauen Beobachter gefunden.
Zur Brutzeit nährt sich der Seidenschwanz von Insekten, namentlich wohl von Mücken, die er nach Fliegenschnäpperart von einer Warte aus erspäht und mit kleinem Rundflug erschnappt. Im Herbst geht er zur Beerennahrung über. Vor allem sind die Ebereschenbeeren seine Hauptspeise, aber auch Wacholder-, Mistel-, Schneeball-, Liguster- und Weißdornbeeren dienen ihm zur Nahrung.
Die Seidenschwänze verlassen ihre Brutgebiete vom September an und wandern nur kurze Strecken südwärts, etwa bis Nordostdeutschland. In manchen Jahren aber „überschwemmen" sie ganz Mitteldeutschland. Einmal zogen sie bis Algerien. Wir können Seidenschwänze vom Oktober / November an erwarten. Im März / April bis zum Mai kehren sie wieder in ihre Brutheimat zurück.
Die Seidenschwänze kommen stets im Erwachsenenkleid zu uns; die Jungen haben bis zum Herbst das Kleingefieder gewechselt. Im Jugendkleid waren Kinn und Kehle weißlich, blaugrau gestrichelt und der Bauch trübweiß. Allerdings haben die vermauserten Jungen noch kleinere Plättchen und auch weniger Plättchen als alte Vögel, und es fehlen ihnen noch die weißen Flecke an den Schwingen.

Quelle: Der neue Sammelband der Berliner Morgenpost, mit freundlicher Genehmigung der Berliner Morgenpost.


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