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Der Stieglitz (Carduelis carduelis) gehört zur Familie der Finkenvögel;
damit zur Unterordnung der Singvögel und zur Ordnung der Sperlingsvögel.
Der Stieglitz, halb so groß wie ein Spatz, wiegt etwa 16 bis 18 g. Das
Weibchen ist etwas kleiner und trägt ein ebenso prächtiges Kleid wie das
Männchen. Der Stieglitz ist im Volke recht beliebt. Vor allem ist es wohl
das bunte Kleid, das ihn so volkstümlich macht. Von ihm geht die Sage,
daß der Herrgott beim Bemalen der Vögel den Stieglitz vergessen hatte
und am Schluß alle Pinsel an seinem Gefieder auswischte.
Zu seiner Beliebtheit hat sicher auch beigetragen, daß er sich im Käfig
leicht halten und sogar auch züchten läßt, und daß er ein ausdauernder
Pflegling und leicht zu beköstigen ist. Seinem Pfleger macht er durch
seine Bewegungen als gewandter Kletterer besondere Freude; die schönen
Gefiederfarben leiden durch die Gefangenschaft nicht; hingegen verwandelt
sich z.B. beim Kreuzschnabel das schöne Rot bei der nächsten Mauser in
ein Gelb.
Auch im Freien ist der Stieglitz ein auffallender Vogel. Er ist, wenn
auch nicht allzu häufig, in der Nähe von Ortschaften und an Stadträndern
anzutreffen: in Gärten, Obstanlagen, lichten Mischwäldern und bei unkrautbestandenen
Schutthaufen, wo es Wildsämereien und vor allem Distelsamen, seine Leibspeise,
gibt, nach der er auch den volkstümlichen Namen Distelfink bekam.
Er lebt gar nicht versteckt, sondern streicht auch gern über freie Flächen.
Fliegen
die Stieglitze erschreckt auf, so leuchten die hellgelben Flügelspiegel,
und zu dem hüpfenden Fluge paßt der ebenso hüpfend klingende Lockruf „stieglitt",
der ihm seinen Namen eintrug; manchmal ist der Lockruf auch dreisilbig
„stieglittitt" und klingt dann wie „wie bitte?". Der Gesang ist ein
munteres Gezwitscher und besteht aus aneinandergereihten und abgewandelten
Lockrufen, in die ab und zu ein „Mei" eingestreut ist. Lockruf wie
Gesang sind sonderbarerweise nicht angeboren; die Jungen müssen sie von
den Artgenossen lernen.
In Büschen und Bäumen baut das Weibchen, ganz außen in dem dünnen Geäst
auf einer Zweiggabel ein dickwandiges, kunstvoll aus Halmen, Wurzeln und
Moos zusammen mit Gespinstfäden verwobenes Nest, ähnlich wie die nahe
verwandten Zeisige und Hänflinge bauen. Innen ist das Nest weich mit Hälmchen,
Tierhaaren und Pflanzenwolle, oft Distelwolle, ausgepolstert. Im April
bis Mai legt das Weibchen 4 bis 5 weißliche Eier, deren blaßrötliche bis
braune Flecken am stumpfen Pol gehäuft stehen. Eine zweite Brut wird im
Juni bis Juli angeschlossen.
Auch das Brutgeschäft besorgt das Weibchen allein, wird aber in diesen
13 bis 14 Tagen vom Männchen gefüttert. Um die Schlüpflinge kümmern sich
beide Eltern und bringen zunächst zarte Insekten wie Blattläuse herzu,
später füttern sie die Kinder mit im Kröpf erweichten feineren Sämereien,
wobei Kletten- und Distelsamen eine große Rolle spielen; auch Knospen
und Blattspitzen werden als Beikost genommen.
Nach 14 bis 15 Tagen fliegen die Jungen aus. Ihr Kleid sieht völlig anders
aus als das der Eltern. Die bunten Farben fehlen; sie sind bräunlich weiß
mit großen dunklen Tupfen und auf dem Rücken dunkler bräunlich; nur die
gelben Flügelspiegel, die weißen Flecken auf den Schwingen und auf dem
sonst schwarzen Schwanz sind schon wie bei den Eltern ausgebildet; und
diese bleiben auch stehen, wenn in den nächsten Monaten die Jungen das
Kleingefieder mausern, das nun in den Farben der Alten nachwächst. Im
Winter streichen sie in Scharen bei uns umher, auch in Gegenden, wo sie
nicht brüten.
Von Mitte September an trifft ein hochnordischer Fink, der Bergfink (Fringilla
montifringilla), als regelmäßiger Durchzügler und Wintergast bei uns ein.
Sein Herbstkleid (s. Abbildung) wird durch Abreiben der hellen Federsäume
bis zum Frühjahr zum Hochzeitskleid; Kopf und Rücken erscheinen dann rein
schwarz. Er besucht zuweilen unsere Futterhäuschen, besonders am Stadtrande.
Er ist ein beliebter Käfigvogel, der in Vogelbandlungen oft feilgeboten
wird.
Quelle: Der neue Sammelband der Berliner Morgenpost, mit freundlicher
Genehmigung der Berliner Morgenpost.
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