Fauna

 

DER ZAUNKÖNIG

 

Der Zaunkönig ( Troglodytes troglodytes) gehört zur Unterordnung der Singvögel und zur Ordnung der Sperlingsvögel.
Vielleicht kennen Sie die schon von den Griechen berichtete Sage: Der Zaunkönig verbarg sich bei einem Wetthochfliegen der Vögel im Gefieder eines Adlers, ließ sich mit hochtragen und, als die Kräfte des Adlers nachließen, flog er noch höher und wurde König der Vögel. Er ist, wie schon beim Goldhähnchen erwähnt, mit seinen 8 bis 9 g Gewicht zwar nicht unser kleinster Vogel, aber er gehört in die Reihe der zweitkleinsten. Die Geschlechter sind gleichgefärbt. Das Jugendkleid ist ähnlich dem der Eltern, nur etwas dunkler; vor allem aber fehlen den Jungen die drei reizenden weißen Punkte auf den Deckfedern der Flügel.
Zaunkönige sind geborene Eckenkriecher und schlüpfen wie Mäuschen in Bodennähe herum. Sie lieben feuchte Stellen in Mischwäldern, Auwäldern und Hecken. Man trifft sie am Ufergelände von Seen, Bächen und Gräben, aber auch mitten in den Anlagen und Gärten der Städte. Im Berliner Zoologischen Garten lebt seit Jahren ein Pärchen in der Nähe des dichtverwachsenen, künstlich angelegten Sumpfes am Schweinehaus.
Sie durchschlüpfen Dickichte, Gerank, Holzstöße und Reisighaufen auf der Suche nach Kerbtieren und deren Larven und Puppen; auch nach Spinnen. Gelegentlich nehmen sie auch Wildbeeren. Sie fliegen mit schnurrendem Flug über offene Stellen und zeigen sich nicht gern ohne Deckung. Dann stelzen sie ängstlich das kurze Schwänzchen, und uns erscheint das als Ausdruck besonderer Keckheit; aber gerade das Gegenteil ist der Fall: der gestelzte Schwanz bedeutet beim Zaunkönig größte Erregung, und wir hören dabei immer den Angstlaut „zerrr".
Fühlt sich der Zaunkönig sicher und unbeobachtet, dann huscht er mit schnalzenden „Zack"- und „Zick"-Lauten durchs Gestrüpp. Verblüffend wirkt der laute Gesang, den man einem so kleinen Vogel gar nicht zutraut. Er schmettert eine wohlklingende Strophe, die gegen ihr Ende einen rollenden Triller hat. Das schönste daran ist, daß der Gesang zeitlich nicht so sehr an die Frühlingszeit gebunden ist wie bei vielen anderen Singvögeln; auch im Winter, inmitten der Schneelandschaft, ist er oft zu hören.
Im Frühling wählt das Männchen ein Brutrevier und legt mehrere Nester im Rohbau aus Moos, Farnkraut, Blättern und Fasern an. Zaunkönignester sind stets überwölbte Kugelnester mit einem seitlichen Eingang; gut getarnt in Efeu, Gestrüpp oder unter Baumwurzeln angelegt. Das Männchen singt dann, bis sich ein Weibchen einstellt, das eines der Nester zum Brutnest wählt, es fertig ausbaut und mit Federn auspolstert. Die ändern Nester dienen dem Männchen und später den Jungen als Schlafnester; denn diese kleinen Schlüpfer wollen gern warm und geschützt schlafen. Das Weibchen übernachtet stets auf den Eiern oder auf den Jungen.
Gegen Ende April und in der zweiten Brut im Juni / Juli legt es meist 6 Eier, die weißen Grund und ziegelrote Flecken zeigen. Das 14 bis 16 Tage währende Brüten besorgt das Weibchen ganz allein. Die Schlüpflinge haben bräunliche lange Daunenbüschel auf Kopf und Vorderrücken und sperren mit dunkelgelben Sperrachen. Es scheint, daß das Weibchen die Kleinen bis zum Ausfliegen allein versorgt. Ganz genau weiß man dies noch nicht, denn bei der Gleichheit der „Eheleute" kann man sich irren. Nach dem Ausfliegen beteiligt sich auch das Männchen am Weiterfüttern; die Jungen zeigen ihren jeweiligen Standort im Dickicht mit „Zip"-Lauten an. Später werden sie unverträglich und verlassen die Eltern.
Bei uns bleiben die Zaunkönige im Winter als Standvögel und streifen in der näheren Umgebung des Brutgebietes an Lauben, Scheunen und Häusern umher. Zuweilen jedoch macht sich der eine oder andre auf die Wanderschaft. So wurde ein Zaunkönig, den man in Berlin bei seiner Brut beringt hatte, im Dezember in Perigeux / Frankreich aufgefunden. Die nördlicher wohnenden Zaunkönige ziehen auch durch unser Gebiet, wenn sie im Oktober nach Südfrankreich und Oberitalien gehen und Ende März wieder in ihre Brutgebiete zurückwandern.

Quelle: Der neue Sammelband der Berliner Morgenpost, mit freundlicher Genehmigung der Berliner Morgenpost.


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