Waldemar Bonsels
Himmelsvolk
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Die Ankunft der Elfen
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Quelle: Waldemar Bonsels, 1915 Schuster & Löffler, von rado Jadu 2000 |

Die Ankunft der Elfen
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Es mochte nach der Zeitrechnung der Menschen zwischen Pfingsten und Ostern sein, als im Frühling dieses gesegneten Jahres ein niegesehenes Ereignis die Bewohner der Waldwiese in Erregung und Entzücken versetzte. Es war an einem unbeschreiblichen hellen Sonnenmorgen, das Land duftete vom Regen der Nacht, und die Frische war so beseligend im Licht, daß die Freude aller Lebendigen wie ein einziger Jubel durch den Wald hallte. Über den Primeln in der Lichtung und über den blauen Sternen der Leberblumen sang eine Grasmücke, sie war ganz in ihr Lied versunken, ihr Kopf war voll Hingabe in das blaue Glänzen des Himmels erhoben, und es sah aus, als wäre sie ganz verzückt von Daseinslust. Ihr Lied klang unter den hellen Schleiern des jungen Buchengrüns dahin, das von der Sponne wie Gold leuchtete, und zwischen den Stämmen der Tannen ließ die Ruhe der Waldeinsamkeit die Töne in ihre dunklen Tore einziehen. Nah und fern, überall, wo es grün und hell war, zwitscherte und jubilierte es, kein Wesen war in der Lage, traurigen Gedanken nachzuhängen. Und über dem Frühlingsglück der Ihren zog die strahlende Sonne hoch im Blauen ihre Gnadenbahn. Es war ein
Tag, ach, wer vermag soviel Überschwang zu fassen? Überall
blühte es, tief unten im Tau trieb das Moos am Boden seine smaragdgrünen,
dichten Wäldchen, und in den Baumwipfeln öffnete sich Blüte
neben Blüte in der Sonnenfreiheit. Als die Grasmücke, nachdem
sie ihre Lieder beendet hatte, sich in den Waldgrund niederließ,
um nach einem Morgentrunk Umschau zu halten, traf sie den Maulwurf an
einer Baumwurzel im Eingang zu seinem unterirdischen Höhlenbau. "O pfui Teufel", sagte die Grasmücke und lachte. "Aber so sind Sie, genau wie ein Maulwurf. Wenn ich Sie nicht schon länger kennte, würde ich überhaupt nicht mit Ihnen reden, an Sie muß man sich erst gewöhnen, verstehen Sie? Ach, wenn Sie Einsehen hätten, aber Sie sind verbohrt, das kommt von Ihrer langweiligen Beschäftigung, sonst würde ich Ihnen erklären, wie man lebt, um glücklich zu sein. Vor allen Dingen muß ein Haus gegen den Himmel geöffnet sein, das ist die erste Vorbedingung für ein heiteres Herz. Glauben Sie, wir Vögel würden so viel singen, wenn wir nicht Wohnungen hätten, die weit gegen den Himmel offen sind?" Der Maulwurf
blinzelte, und sein breiter Grabfuß, der innen rosa gefärbt
war, scharrte die Erde ein wenig beiseite. "O
du lieber Gott, Sie Maulwurf", sagte die Grasmücke, ganz betroffen
von so viel Einseitigkeit der Betrachtung. "Aber wer wird sich
die Mühe machen, einen solchen halbblinden Popanz zu überzeugen,
der überall nach Schmutz und Schlamm sucht, nur um seine Nase hineinbohren
zu können. Was tun Sie denn eigentlich sonst? Sie suchen nach schwarzem
Unrat, und dann immer hinein, immer hinein! Wenn Sie möglichst
fest drin sitzen, so sagten Sie, Sie lebten nach dem Herzen Gottes!" Es zog ein Duft vom Abhang, irgendwo mußte ein Waldstrauch aufgeblüht sein. Ein paar Tiere hatten sich um die Streitenden versammelt, Li, das Eichhorn, Josa, die Ringelnatter, und von der Dolde einer eben erblühten Schafgarbe schauten ein paar Käfer hinüber und amüsierten sich über den Streit, der andauerte und ebenso erregt wie heiter wurde, aber plötzlich verstummten die lachenden und eifrigen Stimmen eine nach der anderen, obgleich zu Anfang noch niemand recht wußte, was eigentlich geschehen war. Hinter einem großen alten Baumstumpf hervor fiel aus dem Waldschatten ein Lichtschein, der nicht von der Sonne kam, aber trotz ihres Lichts hell schimmerte. Dieser Glanz war es, der die plötzliche Stille mit sich brachte, dies Schweigen eines tiefen Erstaunes, in das alle versammelten Tiere fielen. Sie wandten ihre Augen in großer Verwunderung eins nach dem anderen diesem Leuchten zu, und ihnen ward so seltsam zumut, daß manchem das Herz laut und hörbar in der Brust klopfte. Da erkannten sie einen kleinen, kleinen Menschen, der blaß und still mitten in diesem Leuchten stand und seine Arme emporhob, als ob er ihnen mit Angst und einer Bitte nahte. Er war kaum so groß wie die Feldblume am Wiesenrand. Sie erkannten, daß zwei helle Flügel seine Schultern überragten, so weiß wie Schnee und von großer Zartheit, so daß sie in dem sanften Windzug erzitterten, der über die winzigen braunen Wäldchen der Moosblumen zog. Der ganze Körper dieses wunderbaren Wesens war durchschimmert von Licht und schien viel eher zu schweben, als zu schreiten, aber es war kein Zweifel, ein lebendiges Wesen kam auf sie zu, mit großen Augen, wie zwei Sterne. Das Erstaunen und das Entzücken der Waldwiesenleute läßt sich nicht schildern und, o Wunder, nicht nur die großen und kleinen Tiere, nein, auch die Sträucher und blumen, ja die kleinsten Pflanzen erschauerten bis tief in ihre Seelen vor dieser reinen Lichtgestalt, die wie einkleiner Engel unter sie trat. Nun wußte
wohl manche der erfahrenen Geschöpfe, daß dies nur ein Blumenelf
sein konnte, aber ihre Verwunderung wurde darüber nicht geringer,
denn die Blumenelfen leben nur des Nachts, für wenig Stunden, in
denen der Mond sie weckt, und wer wüßte nicht, daß
sie mit der heraufsteigenden Sonne sterben müssen und im Morgentau
zerfließen, damit die Blumen sie wieder in ihre Kelche nehmen
können? Es war nie gehört worden, soweit die ältesten
Tiere zurückdenken konnten, daß am Tage, im Sonnenlicht,
ein Blumenelf erblickt worden wäre, und selbst die Linde, die schon
viele hundert Jahre lang die Erde kannte, rauschte geheimnisvoll auf,
und es erklang über alle die betroffenen Seelchen hin ais ihrer
Höhe: Die Geschöpfe
des Waldes standen ratlos da, ohne daß eines on ihnen gewagt hätte
ein Wort zu sagen. Andere kamen aus ihren Schlupfwinkeln hervor und
starrten fassungslos hinüber, alle furcht voreinander vergessend,
es dachte aber auch wirklich jetzt niemand daran, einem anderen ein
Leid zuzufügen. Die Bewegung
unter den Waldwiesenleuten war unbeschreiblich. Sie hatten alles eher
erwartet, als diese einfache und bescheidene Bitte, und waren ratlos
vor lauter Verlagen, dem Elfen ihr Entgegenkommen und ihr Wohlwollen
zu zeigen. Da ließ sich aus einem Lindenast, dicht am Stamm im
Schatten. die Stimme der alten Eule Uku vernehmen, die durch dieses
Ereignis trotz der Tageshelle aus ihrer Baumhöhle getreten war. Die alte Uku galt als sehr weise und genoß hohes Ansehen auf der Waldwiese. Aber es hätte ihrer fürsprache kaum bedurft, denn alle Tiere waren sich darüber einig, daß dem lieblichen Lichtwesen, das unter sie getreten war, ein herzlicher Empfang bereitet werden müßte. Nach Ukus Worten war die Befangenheit der Überraschung ein wenig gewichen, sie drängten sich herzu, jeder mit einem Vorschlag oder mit einem Angebot, und die Wiesenblumen begannen ihr feines Läuten im Windhauch, kurz, es war niemand da, der nicht in freudiger Erregung in Ukus Meinung einstimmte. Die Elf nahm diese freundlichkeiten mit einem Dankeslächeln auf, das alle aufs tiefste rührte, denn sie wußten, daß ein Elf nicht zu bitten braucht, wer kannte nicht die Macht der Blumenelfen?! Wohl erschien es ihnen, als habe er das Reich seiner Macht, die ungewisse Nacht, aufgegeben, aber wer konnte wissen, welches Vorhaben ihn bewogen hatte, den hellen Tag und das Bereich der Sonne aufzusuchen? Jedoch ihre Neugierde und ihre Zweifel sollten bald gestillt werden, und sie erhielten Gewißheit über die Fragen, die sie beschäftigten, denn der Elf erzählte ihnen seine Geschichte, nachdem er ihnen von Herzen Dank gesagt hatte. "Ich
muß auf der Erde verharren," begann er mit heller trauriger
Stimme, "ich kann nicht in das freie Reich der Elfen zurückkehren
wie meine Gefährten, denn ich habe das Licht der Sonne erblickt,
die kein Elf sehen darf. Als ich in einer klaren Nacht der Lilie entstieg,
die mich geboren hat, wuchsen mir meine Flügel, die wir Elfen erhalten,
sobald wir den Willen haben, unsere blume zu verlassen, um einem anderen
Wesen Glück zu bringen. Aber wir können dann nicht in die
Blume zurückkehren, sondern im Morgengrauen verwandelt das erste
Licht uns in Tau, und die Pflanzen nehmen uns auf, und unsere Seele
kehrt ins Elfenreich zurück. Aber das werdet ihr wissen, ihr Lieben. Da erkannte
ich ein gewaltiges rotes Feuer am Horizont, das überall tausendfältig
widerstrahlte, die ganze Natur umher brach in einen befreiten Jubel
aus, ich hörte fremde Stimmen, die mich erschreckten und doch zugleich
in die Seligkeit ihres Freudenrausches fortrissen, und da wußte
ich, daß die Sonne aufgegangen war, daß ich die Sonne gesehen
hatee und nicht mehr in meine Elfenheimat zurückkonnte!" Als der
Elf bei diesen Worten eine Pause machte, konnte ein Waldvogel, der ihm
von einem Lindenzweig aus in atemloser Spannung gelauscht hatte, nicht
länger an sich halten, und nun rief er laut: "Hast
du Heimweh nadch deinem verlorenen Reich?" fragte sie herzlich. Da schwieg
Uku und sah sinnend in die helle Weltweite. |
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