Waldemar Bonsels
Himmelsvolk
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Assap und Jen
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Quelle: Waldemar Bonsels, 1915 Schuster & Löffler, von rado Jadu 2000 |

Assap und Jen
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Da nun von Assap, dem Frosch, die Rede gewesen ist, den der Elf besuchte, will ich seine und die Geschichte seines Bruders erzählen, es ist immer gut, man weiß etwas Näheres über die Leute, mit denen man in Berührung kommt. Assap war durchaus nicht etwa auf der Waldwiese geboren, sondern viel weiter abwärts im Bach, dicht vor seiner Einmündung in den Eulensee, der ganz zwischen uralten Weiden lag und seinen Namen von den Eulen bekommen hatte, die ringsumher in den hohlem Weidenstämmen hausten. So hatte er und sein Bruder Jen in frühesten Tagen zur Nacht den Eulenruf gehört, und da sich nach Meinung der Frösche nun einmal Unheil damit verbindet, so hatte er nie so recht an eine aussichtsreiche. Zukunft geglaubt. Sie waren damals noch sehr jung, hatten gerade ihre Beinchen bekommen, besaßen aber noch ihre Schwimmschwänze, mit denen die jungen Frösche sich anfänglich im Wasser fortbewegen. Das war ein Zustand, der ihnen nicht besonders behagte, sie wußten nicht recht, ob sie sich noch zu den Kaulquappen rechnen mußten, oder ob sie schon zu den Fröschen gehörten. Immerhin, der Morgen war strahlen schön, und sie hockten vergnügt am Rand eines Huflattichblatts im sanft fließenden Wasser und betrachteten den Morgenhimmel, der langsam blau wurde. Jen summte leise seinen Grühgesang vor sich hin, leider dachte er sich nicht viel dabei, was er eigentlich hätte tun müssen.
Assap
nickte behaglich vor sich hin und dachte an die Zeit, in der der Fliegenfang
für sie beginnen sollte. Oh, es mußte eine große
Zeit sein! Da schrie plötzlich sein Bruder Jen entsetzt auf und
starrte, halb umgewandt, mit einem Azsdruck von großer Bestürzung
ins Wasser. "Das
geht auf keinen Fall" , rief Jen außer sich. "Ich
muß ihn wiederhaben, er gehört mir!" Und er machte
Miene, sich ins Wasser zu stürzen, um seinem Besitztum nachzuschwimmen;
aber Assap, der überhaupt der Besonnenere von den beiden war.
hielt ihn zurück und sagte rasch: Der
kleine Jen sah durch seine Tränen in die Flut nieder und versuchte
sich im Wasserspiegel an der Stelle zu erkennen, wo sein Schwanz nicht
mehr war. In der Tat, er sah ungemein erwachsen aus, abgerundet und
fertig. Ach, es ist schade, daß ich hier vom alten Burr erzählen kann, es würde zu weit führen, aber es ist einer der erfahrensten Frösche des ganzen Bachs, ja, man kann sogar ruhig auch des Sees sagen; leider ist er in seinen Gewohnheiten etwas heruntergekommen, aber ungemein witzig und gescheit. Vielleicht, daß ich in einem anderem Buch sein Leben erzählen kann, es ist außerordntlich abwechslungsreich, und er gehört zu den ganz seltenen Fröschen, die einmal in der Gewalt des Storchs gewesen und wieder entronnen sind. Es kam, weil der Storch lachen mußte, man weiß nicht worüber jedenfalls glaubt Burr noch heute, daß jener es nicht gewagt hätte, einen Mann von seiner Erfahrung als Nahrungsmittel zu verwenden. Von ihm stammt auch das Volkslied, das noch viel im Trauelenbach und im Eulenteich von den Fröschen gesungen wird:
Auch
Assap und Jen kannten dieses Lied bereits, wenn sie auch noch keine
Erlaubnis gehabt hatten, es öffentlich mitsingen zu dürfen.
Aber in diesem Augenblick dachten sie an alles andere eher, besonders
Assap wurde immer nachdenklicher, je mehr er sich mit seinem Bruder
verglich, der nun ein fertiger Frosch geworden war. Und so plötzlich!
Niemand hatte vorher irgend etwas Bestimmtes vermutet. Jen
sah es ein. "Wir wollen es versuchen", sagte er etwas unsicher.
Eigentlich wünschte er sich heimlich, es möchte nicht gelingen,
denn er wäre gar zu gern eine Weile allein schon ein fertiger
Frosch gewesen und hätte seinem Bruder davon erzählt, wie
es ist, schon erwachsen zu sein. "Vielleicht
treibt das Holz eines Tages ans Ufer, er steigt aus und gründet
eine neue Heimat", meinte Jen nachenklich; "so was soll
vorkommen." Leider wurde den beiden jungen Fröschen keine Gelegenheit zur Ausführung ihrer gemeinsamen Lebensfahrt gegeben, denn der kleine Jen geriet unvermutet in die Gefangenschaft eines Knaben. Er tat alles, was ein vernüftiger Frosch zu tun pflegt, wenn sich ein Storch, ein Mensch oder sonst ein gefährliches Wesen dem Bach nähert: er sprang ins Wasser, tauchte unter und wühlte nach Möglichkeit den boden des Bachs auf, damit er in der getrübten Flut nicht mehr gefunden werden konnte. Aber diesmal nützte es ihm nichts, denn der Knabe hatte ein Netz bei sich, das an einer Stange befestigt war und vermutlich in der regel dem Fang von Schmetterlingen diente. Jen wurde emporgezogen, und als das Wasser im Netz sich sich verlaufen hatte, zappelt er zwischen einigen Schilfhalmen auf dem Grund und war fassungslos, weil er in keiner Weise an die Möglichkeit einer solchen Einrichtung gedacht hatte. Der Knabe sah erwartungsvoll in das Netz, und Jen entsetzte sich über die Maßen über die großen blauen Augen des Menschen, die unter gelben Haaren, die im Sonnenschein funkelten, auf ihn niedersahen. Er hörte eine fürchterlich laute Stimme dicht über sich und sah durch die Maschen des Netzes einen zweiten Menschen über die Wiese kommen, der sich nun auch über das Netz beugte, ebensolche Augen hatte, aber bei weitem längeres Haar und eine feinere Stimme. Es wurde mancherlei über ihn gesprochen, die Laute kamen aus den roten Mündern hervor, und man sah weiße Zähne dahinter blitzen. Jen dachte, während er verzweifelt an der Wand des Netzes emporzukommen suchte, es müßte doch hundertmal besser sein, in die Gewalt des Storches zu geraten, als dem Menschen in die Hände zu fallen. Was er rief und bat, wurde nicht verstanden, so viel ließ sich bald erkennen. auch er verstand die Laute nicht, in denen die beiden Menschen sich unterhielten "Ach
Gott," sagte der Knabe zu dem kleinen Mädchen, das mit ihm
auf die Sommerwiesen gelaufen war, "es ist wieder nur ein ganz
gewöhnlicher brauner, ich hätte so gern einmal einen echten
grünen Laubfrosch gefangen." Bald merkte
er, daß er sich in einem Gefängnis befand, aber zu seinem
Entsetzen wurde er gleich darauf gewahr, daß er nicht allein
war. Es brummte, surrte und krabbelte rings um ihn her, in einem ganz
unbeschreiblichen Durcheinander von Beinen, Flügeln, feuchten
und trockenen Leibern. Dabei herrscht ein unerträglich scharfer
Geruch von allerhand Kräutern und Blumen, mit denen die Büchse
fast bis an den Rand gefüllt war. Das Entsetzen des kleinen Jen
war um so nachhaltiger, als beim besten Wille nicht das geringste
deutlich zu erkennen war, und wenn man schon einmal von Angst gequält
wird, so wird sie durch die Ungewißheit, die die Dunkelheit
herbeiführt, meist noch um vieles größer. Einmal
kam Jen neben eine Blindleiche zu in der äußersten Ecke
des Gefängnises. Der Knabe hatte die Büchse abgehängt
und ins Gras gelegt, so daß es einen Augenblick still geworden
war. Nach
einer Weile begann das unangenehme Rütteln von neuem, diesmal
in gleichmäßigen, derben Stößen, denn der Knabe
hatte sich verspätet und mußte nun laufen, um womöglich
noch rechtzeitig zu Hause anzukommen. Dort flog endlich das Gefängnis
mit einem donnersrtigen Krachen auf den Tisch, und dann wurde es für
lange still und blieb unheimlich dunkel, und jedes der gefangenen
Tiere versuchte sich darüber klar zu werden, wieviel von seinem
Leben noch übrig war. "Ich
kenne Sie überhaupt nicht," sagte der Grashüpfer, "reden
Sie nicht mit mir, wenn Sie nicht vorgestellt sind." Die
Eidechse seufzte. Es war besser, nicht auch noch Streit anzufangen,
sie meinte deshalb nachsichtig: Dies
geschah kurz darauf. Der Knabe hatte die ganze Familie um den Tisch
versammelt, auf den er seine Botanisiertrommel gelegt hazze, und war
willens, alle seine Lieben an der freude teilnehmen zu lassen, die
seine Beute ihm bereitete. Die Zeit verging langsam, und es wurde dämmerig, der Abend sank nieder. Der kleine Jen hatte bald herausgebracht, daß er sich nicht in der Freiheit, sondern in einem engen, runden Käfig befand, dessen Wände durchsichtig wie Wasser waren, aber so hart wie Stein. Er hatte seine Bemühungen aufgegeben, dieser Gefangenschaft zu entrinnen, saß still und traurig an der glatten Wand und sah in die Abenddämmerung, in den Garten hinaus. Einmal war der Deckel seines Käfigs geöffnet worden, und jemand hatte einen Grashüpfer zu ihm ins Wasser geworfen, der nun ruhig, alle Beine weit vom Körper abgespreizt, auf der Oberfläche schwamm. Er war tot. Jen glaubte in ihm seinen Gefährten aus dem ersten Gefängnis wiederzuerkennen, aber er war dessen nicht sicher. Glaubt
man etwa, ich fräße den? dachte er. Hungrig genug warer,
aber kein gesitteter Frosch frißt einen toten Grashüpfer.
Ein Grashüpfer, der verschlungen werden soll, muß springlebendig
sein, munter und jung. Man muß ihn noch eine ganze Weile im
Magen rumoren fühlen, ganz von dem angenehmen Kribbeln zu zu
schweigen, das er verursacht, wenn er den Hals hinuntergleitet. Kurze Zeit darauf mußte der kleine Jen doch aus Erschöpfung eingenickt sein und lange geschlafen haben, denn als er erwachte, war es heller Tag, und draußen funkelte der Sonnenschein im Grünen. Der Knabe, der ihn gefangen hatte, kam nach einer Weile und schaute neugierig durch das Glas, wobei er seine Nase so dicht an die Wand des Kerkers drückte, daß sie an der Spitze platt und rund wurde. Er öffnete den Deckel und nahm Jen heraus, legte ihn auf ein weißes Tuch, das er über ihm zusammenschlug, und dann rieb er ihn von allen Seiten, um ihn abzutrocknen. Jen ging der Atem aus, er glaubte jeden Augenblick zu ersticken. Hierauf wurde das Tuch wieder geöffnet, und der Knabe rührte mit der einen Hand Farbe in einem kleinen Topf an, mit der anderen hielt er Jen fest und begann dann ihn grün anzustreichen, denn er wollte einen Laubfrosch aus ihm machen, der das Wetter ansagen sollte. Jen
kamen Tränen in die Augen, es war ihm unbegreiflich, weshalb
dies geschah, und zu seinem Schrecken sah er zuerst seinen schönen
hellen Bauch und dann auch den braunen Rücken und sein Gesicht
über und über grün werden. Man kann sich nichts Peinlicheres
denken. Alle Anzeichen, die Jen gab, um kundzutun, daß er dagegen
war, wurden mißverstanden, der Knabe pinselte eifrig weiter
und lachte vor Vergnügen, als Jen bald darauf als ein grüner
Frosch auf dem Tisch umhersprang und überall Flecken zurückließ,
wo er gesesen hatte. Trauriger
kann das Leben nicht mehr werden, dachte er und wünschte sich,
sterben zu dürfen. In diesem Aufzug konnte er sich ohnehin nicht
mehr bei seinen Verwandten sehen lassen, und was würde Assap
sagen. Das
Schicksal des kleinen Jen geht nun unendlich traurig zu Ende, den
er ist von den menschen vergessen worden und hat vor Hunger sterben
müssen. Es kam daher, daß der Knabe, der ihn gefangen hatte,
mit seinem Schwesterchen in die Ferien reiste, und da gab es so vielerlei
zu sehen und zu erleben, daß beide nicht mehr an Jen dachten,
der in seinem Glaskäfig auf der Fensterbank der Veranda stand.
Sie hatten nicht einmal gewußt, wie er hieß.
Jen starb, nachdem er drei Tage und Nächte vergeblich auf Hilfe gewartet hatte. Es war eine sehr schwere Zeit für Assaps kleinen Bruder, und es ist nur gut, daß man im Traulenbach nichts von seinem Geschick erfahren hat. Nun ist ein Jahr darüber vergangen. In seinen letzten Lebensstunden mußte Jen oft an das klare Wasser des Bachs seiner Heimat denken und an die wilden Rosen, die über der Flut hingen. Mit solchen Gedanken schlief er eines Abends vor Schwäche ein und erwachte nichtmehr. Es war am vierzehnten August. |
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