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Eine Lerche
verflog sich auf die Waldwiese, es war noch sehr früh, aber Onna,
die Bachstelze, war schon auf uns sah die Lerche fallen.
"Wie ist es?" sagte sie zu ihr, "wollen Sie hier bleiben,
ich meine, wollen Sie immer hier bleiben, wollen Sie sich hier auf unserer
Wiese niederlassen, oder wie ist es?"
"Guten Morgen", sagte die Lerche
Onna erwiderte den Gruß und nickte auf ihre wirklich entzückende
Art, wie nur Bachstelzen es können. Ihre Bewegungen waren viel
anmutiger als ihre Worte. dann meinte sie, um nichts freundlicher:
"Es ist hier wenig Aussicht zu gedeihlicher Ansiedlung, man findet
wohl, was man braucht, aber nicht viel mehr. Im trockenen Schilf wohnt
Josa, die Ringelnatter, von der Eule in der Linde schweige ich, Sonne
kommt auch nicht eben viel her; also nun sagen Sie, was sie wollen:"
"Ich will wieder fort", sagte die Lerche. "Entschuldigen
Sie, daß ich gestört habe, aber ich war sehr hoch am Himmel,
und das Licht der Sonne hat meine Augen geblendet. Ich war so entzückt
vom Glanz und der Kühle, daßich nicht mehr recht wußte,
wo ich mich niederließ, es war wie ein heller, seliger Taumel,
wissen Sie."
"Taumel....?"
wiederholte die Bachstelze und wippte, "und was reden Sie da nur
sonst noch, die Sonne ist ja noch garnicht aufgegangen?"
"Doch," sagte die Lerche, "hoch oben schien sie schon."
"Aber Liebe! Wozu diese Übertreibung? Wir sind hier unten
einfache und ehrliche Leute und haben nicht viel für Fremde übrig,
die aufschneiden. Schauen Sie doch hinauf in den Wipfel unserer Linde,
Sie werden sich rasch davon überzeugt haben, daß die Sonne
noch nicht aufgegangen ist, Schön sind Sie übrigens auch nicht
gerade."
"Nein," sagte die Lerche, "ich bin nicht schön."
"Nun,
wenigstens darin sind Sie ehrlich, aber das mit der Sonne hat mir nicht
gefallen. Ich habe einmal ein Falkenpaar belauscht, das in der Linde
Rast hielt, und da hörte ich, daß die Falken höher fliegen,
als die Kugel des Jägers reicht,ja, daß sie sich so hoch
emporschwingen können, daß sie, die doch große Vögel
sind, wie kleine Punkte am Himmel erscheinen."
Die Lerche nickte. "O ja," sagte sie nachdenklich, "die
Falken fliegen sehr hoch."
"Ja, nun, und ? Wollen Sie etwa sagen, daß
Sie höher fliegen können als die Falken?"
Die Lerche schwieg, aber die Bachstelze gab sich nicht zufrieden, denn
man mußte nach ihrer Meinung sehen, daß man überall
Recht behielt, wo es sich irgend einrichten ließ.
"Wie
ist es denn mit dem Singen, meine Gute?" sagte sie, "haben
Sie es jemals zu einer rechten Melodie gebracht?"
Die Lerche schüttelte den Kopf. "Ich muß immer jubeln",
sagte sie.
"Jubeln? Nun ja... Haben Sie mal unser Rotkehlchen singen hören?"
"Doch," antwortete die Lerche, "es hat mich sehr glücklich
gemacht."
"Nicht wahr? Sehen Sie, so was finden Sie bei uns auf der Waldwiese.
Und nun wollen Sie sich also hier ansiedeln?"
"Nein, ich fliege in die Saat zurück, aber vielleicht erlauben
Sie, daß ich etwas Tau nehme?"
"Gut," sagte Onna, "nehmen Sie also." Und sie schaute
zu, wie die Lerche trank, und es bereitete ihr freude, sich so gut und
gastfreundlich gegen einen fremden Vogel zu benehmen, der weder ehrlich
zu sein schien, noch schön war, noch etwas Rechtes im Singen zuwege
brachte.
Als die
Lerche sich anschickte, davonzufliegen, kam durch die Blumen der elf.
Sein lichter Schein begleitete ihn; wo er dahinschritt, blinkte der
Tau der Gräser in der Morgenkühle auf, und die erwachenden
Blumen grüßten ihn mit feinem Läuten und frischem Duft.
"Ach," rief die Lerche entzückt und voll höchsten
Erstaunens, "haben Sie hier einen Blumenelfen?"
"Das will ich meinen", sagte die Bachstelze und trat etwas
zurück, damit die Fremde den Elfen besser sehen konnte.
Aber da gewahrte auch der Elf die Lerche im Gras, und plötzlich
breitete er seine Arme aus, und mit erhobenen Flügeln eilte er
auf sie zu:
"O du! o du!" rief er, und sein Gesicht leuchtete vor Glück.
"Ist es denn wahr, eine Lerche ist zu uns gekommen? O sei gesegnet,
du Himmliche im Blauen, du liebliche Verkünderin der Morgenfreude,
o du, die Sorgen und alle Traurigkeit der Nacht aus der strahlenden
Höhe her verscheucht, wie glücklich bin ich, daß ich
dich sehe."
Und er legte
seine schimmernden Arme um den Hals des Vogels und barg sein goldhaariges
Haupt an der Brust der Lerche. Dabei brach er in ein so leidenschaftliches
Schluchzen der freude aus, als sei ihm das größte Glück
widerfahren, das nur immer einem Elfen auf der erde begegnen kann.
"Ja, Herrgott," sagte die Bachstelze leise und kraute sich
betroffen im Nacken, "das muß mir passieren, also gerade
mir..." Aber sie sollte noch ganz andere Dinge erfahren.
"Ich
liebe dich, du schöner Vogel", sagte der Elf zur Lerche, und
sein Lächeln, das durch die Tränen brach, war voll heißen
Danks. "Du bist es gewesen, die mich getröstet hat, als ich
im Morgenrot den Weg in meine Heimat nicht mehr fand, durch dein Lied
ist der Glaube in mein Herz zurückgekehrt, daß ich ihn einst
wiederfinden würde. Ich sah den Menschen, der sein Tagewerk auf
dem acker begann, wie er seine Augen gläubig zu dir emporhob, dein
Jubel segnete seine Arbeit und begleitete sein Gebet in die Regionen
der Herrlichkeit Gottes empor. So fällt dein Gesang mit dem Tau
durch die Frische zu uns Irdischen nieder, von deiner Freude klingt
die morgenluft, die das Gemüt von den Schatten der nacht erlöst.
Ich segne dich, du Verkündigerin des Lichts, ich danke dir aus
Herzensgrund."
"Aber bitte," sagte die Lerche, beschämt vom Glück
des Elfen, "Sie sind wirklich sehr freundlich zu mir. Ich tue ja
nur, was ich muß, ich kann nicht anders."
"Ich weiß es," antwortete der Elf, "aber mein Herz
muß lieben, alles was berufen ist, die Schönheit der welt
in ihrem Sinn zu offenbaren, ich lobe den Schöpfer, wenn ich dich
lobe, du kleiner Vogel."
Jetzt war
Onna, die Bachstelze, doch gerührt; sie trat ein wenig vor und
meinte:
"Man hätte das garnicht gedacht, daß die Lerche soviel
bedeutet, wenigstens ich nicht. Wie sie da so saß, im Gras...
unerfahrene Leute hätten sie für einen Spatzen gehalten. Aber,
es ist ja wahr, sie jubelt morgens."
Der Elf lächelte auf so holdselige Art, wie nur er lächeln
konnte, und Onna sagte sich darauf innerlich: Mein Irrtum kann so schlimm
nicht gewesen sein, sonst würde der Elf nicht lächeln. Da
sagte er zu ihr:
"Eine Lerche kann sich im Gras nicht bewähren, so wenig wie
ein Falke im Käfig, oder wie eine Blume im Schatten. Wenn du die
Wesen der schöpfung, wie auch den Menschen, erkennen willst, so
mußt du sie in ihrer Freiheit aufsuchen. Die Lerche fliegt höher
als alle anderen Vögel, nur die Adler schwingen sich so weit empor
wie sie, und nur im Fliegen vermag sie zu singen. So ist sie uns von
Gott zur frohen Botschaft der Hoffnung gesetzt, die, früher als
die Sonne, die Seligkeit am neuen Tag verkündet."
"Alle Achtung," meinte Onna,
"ich brächte das nicht fertig, aber ich habe es nicht schlimm
gemeint vorhin. Wer glaubt aber auch ohne weiteres, daß ein so
kleiner Vogel höher fliegen kann als die Falken? Sie soll sich
denn also ruhig hier ansiedeln, die Lerche."
"Das tut sie nicht, sie wohnt im Korn", meinte der Elf, und
die Lerche nickte und breitete ihre Flügel aus. Aber sie konnte
sich noch nicht vom Elfen trennen, immer mußte sie ihn ansehen,
als würde alles in der welt reich und gut durch seine Nähe.
"Wenn du einst heimfliegst, will ich singen", sagte sie endlich,
und sie nahmen voneinander Abschied; auch Onna wippte höflich und
winkte der Lerche nach, die mit einem hellen Triller der aufgegangenen
Sonne entgegenflog.
Da der Elf
den Bach hinaufschritt, um Assap, den Frosch, zu besuchen, der schwer
mit dem Leben zu kämpfen hatte, blieb Onna zurück, um nachzudenken.
So rasch wird man innerlich nicht mit einem Ereignis fertig, das das
Herz bewegt hat, man beschäftigt sich am besten noch eine Weile
damit, dann wird das Gemüt ruhiger.
Aber als die Bachstelze gefrühstückt und ihr Bad im Bach genommen
hatte, vergaß sie darüber nachzudenken, auch trug sie kein
Verlangen mehr nach anderen Dingen, als im Glanz der warmen Sonne am
Wasser zu sitzen und überall umher zuzuschauen, wie schön
das Leben war.
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