Waldemar Bonsels
Himmelsvolk
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Das sterbende Kind
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Quelle: Waldemar Bonsels, 1915 Schuster & Löffler, von rado Jadu 2001 |

Das sterbende Kind
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Zwischen hohen Ahornbäumen, nicht allzuweit von der Waldwiese entfernt, lag ein altes Bauernhaus mit niedrigem großen Dach und kleinen Fenstern. Dort schimmerte um Mitternacht ein roter Lampenschein aus einem der Fenster, und Uku, die Eule, die das winzige rote Lichtlein in der Ferne sah, machte sich auf und flog über die Felder dorthin. Das Licht zog sie an und erfüllte sie zugleich mit Ingrimm. Es war nun einmal ihre Meinung, daß es in der Stadt dunkel zu sein hätte, nur der Schein des Mondes oder der Sterne war ihr lieb. Daß aber in den Behausungen der Menschen bisweilen diese stillen roten Feuer aufglommen, die ihr Licht auf die Blätter der Bäume warfen oder weit in das Land hinein, wie rötliche Wege, die durch die Luft führten, machte Ukus Blut vor Erbitterung pochen. Aber doch vermochte sie sich nicht abzuwenden, und besonders wenn die Nacht weiter und weiter dahinzog, und solch ein Lichtlein wollte nicht erlöschen, nahm ihre Unruhe und Begierde überhand, und sie mußte herzufliegen, fast gegen ihren Willen, um das Licht zu sehen. So langte sie auch in dieser Nacht in den Ahornbäumen dicht vor dem erleuchteten Fenster an und schrie laut und klagend auf, und noch einmal und wieder, so daß alle Tiere, die des Nachts leben, erschrocken aufhorchten und mit dunklen Augen in die Nacht lauschten. Denn der Schrei der Eule in der Finsternis der schlafenden Bäume hat etwas unbeschreiblich Trauriges, und zugleich klingt er grimmig und erbost. Er scheucht die Gedanken der Wesen auf und jagt sie durch die Nacht, die traurigen zuerst, und läßt ein verzagtes Sinnen in den Gemütern zurück. Aber Uku wußte hiervon nichts, sie erzürnte sich im Grunde nur über das Licht und versuchte wieder und wieder durch ihre kurzen, klagenden Rufe kundzutun, daß der Frieden der Nacht und ihre eigene Ruhe durch den roten Schimmer gestört wurden; sie sah auch nicht in die Stube des Hauses hinein und wußte nicht, was drinnen vor sich ging, und weshalb immer noch die Kerze brannte, obgleich Mitternacht schon vorüber war. Im Zimmer lag auf seinem Bett ein Kind und starb. Es war ein kleiner Knabe mit dunklem Haar und einem nicht eben schönen Gesicht, seine Haare waren rauh und vom Fieber feucht, und die Züge seines Gesichtes bleich, wie auch seine Hände, die merkwürdig ruhlos über die Decke tasteten, als ob sie mit einem unsichtbaren Spielzeug umgingen. Der Knabe erfreute sich bei seinen Spielkameraden keiner Beliebtheit, weil er sich ihnen nicht anpassen konnte und verschlossen und schweigsam war. Seine Mutter saß am Bett und schaute ihn unverwandt an. Eine Mutter will nicht wissen, ob ihr Kind schön oder unschön ist, sie liebt es so, wie es ihr gegeben worden ist, und fragt nur danach, ob es froh oder traurig ist, ob es ihm wohlergeht oder ob es leidet, nicht aber nach seinem Wert; denn alles, was eine Mutter liebt, ist in ihren Augen so viel wert wie ihre Liebe, und es gibt nichts in der Welt, was wertvoller wäre als die Liebe einer Mutter. Und so bewegte das Gemüt der Frau, die am Bett ihres Sohnes saß, in dieser Nacht allein die Sorge, ob ihr Kind genesen würde oder ob es sterben müßte. Da hörte sie die Eule in den Bäumen vor ihrem Fenster rufen, und ein furchtbarer Schreck durchfuhr sie, so daß sie, am ganzen Körper zitternd, aufsprang und ihre Hände auf ihr gequältes Herz preßte, das ohnehin vor Angst nicht mehr ein noch aus wußte. Die arme Frau ahnte nicht, daß draußen Uku nur das Kerzenlicht anschrie, sondern sie glaubte, was die Leute ihr erzählt hatten, daß ein kranker Mensch sterben müßte, wenn die Eule nachts vor seinem Fenster riefe. Das ist eine alte Sage, an die viele Menschen glauben. Sie ist dadurch entstanden, daß bei Kranken des Nachts Licht zu brennen pflegt, das die Nachtvögel anlockt. Aber die Eulen haben nichts mit der Verkündigung des Todes zu tun. Wenn die bedrängte Mutter in ihrer Not gewußt hätte, weshalb Uku in den Ahornbäumen schrie, so würde ihre Angst geringer gewesen sein; nun aber zitterte sie vor Schmerz und Entsetzen, denn sie glaubte, die Eule kündete ihr den Tod ihres Kindes an. Nach einer Weile hatte sich Uku mehr und mehr an den Lichtschein gewöhnt, er blendete sie nicht mehr, und sie beruhigte sich etwas. Da die Fenster geöffnet waren, erkannte sie nun die Mutter am Bett ihres sterbenden Kindes, allein in der Nacht und in dem großen, dunklen Haus. Uku wurde deutlich, daß der Tod dort Einzug hielt, sie schwieg betroffen und schaute angstvoll hinab. Sie sah, daß das Kind sich im Fieber hin und her warf, und als es ärger und ärger wurde, klagte die hilflose Mutter laut auf und schrie zu Gott empor um Barmherzigkeit; denn sie hatte nur diesen einen Sohn und sonst auf der Welt nichts. Da warf
sich Uku in ihre lautlosen Flügel und flog auf die Waldwiese und
weckte den Elfen. Da war es, als sein Schluchzen erklang, als lauschte die Mutter auf. Ein krampfhaftes Beben durchschüttelte ihren ganzen Körper, und während sie mit starren Augen auf dies leise Schluchzen lauschte, das von weit her zu kommen schien, brach es wie mit einer alten Erinnerung aus ihren heißen Augen hervor, glitzerte auf wie Nachttau und tropfte nieder, und eine unfaßbar wohltuende Erleichterung löste den brennenden Druck in ihrer Brust. Ihre Klage und ihr Geschrei verstummten, sie sank still in sich zusammen und weite. Es war, als hätte eine alte Erdengnade Einzug in ihr Gemüt gehalten. Der Elf wunderte sich und sann und sann. So hatte Uku recht behalten, aber er ahnte nicht, welche Wohltat er gebracht hatte; ihm war nur, als sei durch ein Wunder den Schmerzen der Mutter ein Ausweg erschaffen worden, die Bahn zum Himmel zu finden. "Ich kann nicht helfen," dachte er traurig, denn weil er ein Blumenelf war und kein sterblicher Mensch, so wußte er nicht, daß er den einzigen Trost gebracht hatte, den die Menschen in ihren größten Schmerzen annehmen können.
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