Waldemar Bonsels
Himmelsvolk
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Ukus Nacht mit dem Elfen
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Quelle: Waldemar Bonsels, 1915 Schuster & Löffler, von rado Jadu 2000 |

Ukus Nacht mit dem Elfen
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In der Nacht, die den letzten Ereignissen auf der Waldwiese folgte, fand der Blumenelf auf seinem Mooslager keinen Schlaf: er sah hinaus in den Mondschein, der dicht vor dem Ausgang seiner kleinen Höhle glitzerte, und ihn verlangte danach, in die freiheit hinauszukommen und in das Land zu schauen. So flog er empor bis auf einen Ast der Linde, und sein Leuchten begleitete ihn. Die Welt war verklärt vom Licht des Mondes, der voll und rund hoch am Himmel über dem Schlafenden Erdreich stand, inmitten unzähliger Sterne. Da der dürre Ast des Baumes vorragte, saß der elf in der kühlen, hellen Luft zwischen Himmel und Erde, allein, wie er war, unter den vielen schlafenden Geschöpfen, unter denen er verweilen mußte, bis eine große Liebe ihn zu seiner himmlichen Freiheit erlößte. Sein Goldhaar
blinkte im Momd, wie einst, als er die Lilie verließ, um das Glück
eines irdischen Wesens zu werden. Er dachte an die kleine Biene Maja,
mit der er zu den Menschen geflogen war, und die nun in hohem Ansehen
bei Ihren daheim in der Bienenstadt des Schloßparks weilte. Um
die himmlische Ungeduld, der irdische Teil aller wesen, die das Gute
von ganzem Herzen wollen, strahlte aus seinen Augen in ihrer Traurigkeit. Er erschrak
ein wenig, als ihn plötzlich jemand sanft, aber recht vernehmbar,
von der Seite anstieß. Es war Uku, die Nachteule, die groß
und dunkel dicht neben ihm auf dem Lindeast saß und ihn mit ihrem
Flügel angestoßen hatte. Uku nickte.
Ihr großes Gesicht mit den schwarzen runden Augen sah merkwürdig
aus, der kleine gebogene Schnabel hockte darin wie eine Nase, und sie
hatte eine seltsam melancholische Art, ihre Augenlider ganz langsam
zu öffnen und zu schließen. Man unterschied in ihrem weichen
Gefieder kaum eine Färbung, es schimmerte grau und leblos, wie
die Schatten der Bäume am Stamm. Wäre die vertrauensvolle
Art des Elfen nicht frei von Furcht gewesen, so hätte ihn sicher
ein heimliches Grauen vor seiner lautlosen Nachbarin befallen. "Ein
stilles Lans", sagte sie endlich und seufzte aus tiefster Brust
auf. Uku schwieg
und sah nun mit weitgeöffneten Augen in die Weite. Es war so totenstill
im Baum und umher im Umkreis, als seien die Zweige und Blätter
nicht aus zartem, beweglichem Lebensstoff, sondern erstarrt. Nicht die
Spitze eines Blättleins rührte sich. Und über der leblosen
dunklen Welt mit ihren schlafenden Geschöpfen lag das weiße,
tote Himmelslicht und die feuchte Kühle der Sommernacht. "Siehst
du", sagte die Eule, aber es klang unbeschreiblich liebevoll. Sie
war in der Tat ein weiser und erfahrener Vogel. Und sie schwieg, denn
sie wußte, daß Schweigen oft mehr Linderung bringt als die
besten Worte. Verstehst
du nun, warum mein Herz zerteilt werden muß? Bei meinem Wunsch,
nichts zu tun, als andere zu beseligen, empfinde ich nun auch das Verlangen
nach eigener Seligkeit, ich wollte Leiden lindern und sehe mich nun
in eigenes Leid verstrickt, ich wollte durch Freude Erlösung bringen,
und nun harre ich selbst der Erlösung vom irdischen Bann. Daraus
entsteht meine Traurigkeit." Uku hatte
sich in die Dunkelheit abgewandt und schwieg. Es belegte ihr Herz, was
der Elf sagte. Nach einer Weile fragte sie: Wieder war
es eine Weile still in der feierlichen Nacht zwischen diesen beiden
Geschöpfen, der großen dunklen Eule, die wie eine unförmige
Figur auf dem Ast hockte, und dem Elfen, der licht und zart wie ein
kleiner Engel neben ihn saß. "Nein",
sagte der Elf mit seiner kindlichen Stimme, "es ist umgekehrt,
nur wer wahrhaft glücklich ist, kann weise sein." Der Elf
saß ruhig mit gefalteten Händen da und schaute ins Land,
er wehrte der Eule nicht, noch gab er ihr recht, man hätte wirklich
nicht mit Sicherheit sagen können, ob er ihr zugehört hatte.
er erhob plötzlich seine helle Stimme und sang in die Nacht hinaus:
Ein
Wind erhob sich mit leisem Erbrausen der Blätter und mit feuchter
Wiesenkühle und trug das Lied über das schlafende Land dem
Morgen entgegen. Die Eule aber warf sich plötzlich in ihre weichen,
lautlosen Flügel, totenstill, wie ein Schatten, flog sie davon,
über die Kornfelder, dem sinkenden Mond entgegen, der sich rötlich
färbte. Eine seltsame Traurigkeit begleitete sie und doch zugleich
eine tiefe Beseligung. Sie sah das Land, das sie überflog, die
Äcker, die Wälder und Wiesen mit ihren Weiden und die Häuser
der Menschen, die dunkel und lichtlos zwischen Bäumen lagen,
in der verschleierten Ebene. Alles erschien feierlich und zu Großem
bestimmt, wie auch uns Menschen bisweilen die Dinge erscheinen können,
wenn Musik erklingt.
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© Copyright 2000 by JADU