Waldemar Bonsels
Himmelsvolk
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Von den Engeln
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Quelle: Waldemar Bonsels, 1915 Schuster & Löffler, von rado Jadu 2000 |

Von den Engeln
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Eines Morgens in der Dämmerung, als von der Sonne noch wenig zu spüren war, kam Hassan, der Igel, durch den Tau. Er sah sich auf der Waldwiese um, etwas mürrisch, wie es nun einmal seine Art war, aber im Grunde recht gut gelaunt, obgleich er sich sehr verspätet hatte. Er hielt nach einem Ort Ausschau, an dem er schlafen könnte, denn er wäre um alles gern in einem Schlupfwinkel gewesen, bevor die Sonne emporstieg. Die Igel haben nicht viel für den Sonnenschein übrig. Da die Vögel und Blumen und alle kleinen Tiere der Waldwiese noch schliefen, entdecke niemand den Igel, es wäre zweifellos ein großer Jammer unter ihnen ausgebrocjhen, denn hassan war nicht beliebt, weil er von kleineren Tieren so viel fraß, als er irgend finden konnte. Wo immer es draußen im Wald in der Gemeinschaft einer Tiergesellschaft sein mag, fürchtete man den Igel, nirgends sieht man ihn gern. Es kommt sicher hierbei noch hinzu, daß er für gewöhnlich in der Abenddämmerung aufbricht. Das hat schon an sich etwas Unheimliches, auch ist er schwer von einem rundlichen dunklen Erdhaufen zu unterscheiden, wenn er still im Gras sitzt und auf Mäuse wartet. Was aber am peinlichsten ist, ist die Tatsache, daß er viel rascher laufen kann, als man denkt. Viele Tiere bekommen allein schon darüber einen solchen Schreck, daß sie sich in ihrer Verwirrung von ihm greifen lassen. Hassan kam etwas träge heran, ging das Bachufer nieder, trank ein wenig und sah nach dem Himmel. Es würde ein warmer Tag werden. Unter der großen Linde gefiel es ihm, er dachte sich, zwischen diesen dicken Wurzeln finde ich irgendeine Höhle, die mir den gewünschten Schlupfwinkel für den sonnigen Tag bietet, vielleicht,daß ich dort auch ein Mäusenest entdecke und für den abend auf eine gefundene Mahlzeit rechnen kann. Nun muß man wissen, daß Hassan in Zwistigkeit mit seiner Familie geraten war, um zu verstehen, daß er kein eigenes Heim hatte.. Sein Vater hatte ihm eines Abends ohne viel Umstände erklärt, er solle sich ein eigenes Jagdgebiet suchen, denn die Umgebung ihrer gemeinsamen Bahausung ernähre nicht mehr Vater, Mutter und die kleineren Geschwister, am allermeisten deshalb, weil es fast unglaublich sei, wieviel er, Hassan, an einem Tage verschlänge. Das läge an den Jahren; aber nun sollte er gehen. So rasch findet nun aber ein Igel kein neues Heim, auch dachte Hassan daran, sich zu verheiraten, und so war er genötigt, sich in der Fremde umzudehen. Und wie es oft ist, wenn man keinen anregenden Umgang mit seinesgleichen hat, so kommt man leicht ans Herumtreiben, und so war es geschehen, daß sich Hassan einmal wieder gründlich verspätet hatte. Als er nun langsam durch Blumen und Gräser auf die Linde zuschritt, dachte er: Hier sieht es nach guter Beute aus. Er gähnte und kroch unter die Wurzeln. Da sah er im Moos einen hellen Schimmer und Erschrak, denn es war schwer zu begreifen, wie hier in die Schattendämmerung des Moosgrundes ein Lichtschein kommen sollte. Glühkäferchen kamen im Morgengrauen nicht vor, so konnte es nur noch ein Stückchen faulendes Holz sein, das oft einen weißlichen Glanz ausstrahlte, wie er im Sumpf erfahren hatte. Er bog um die letzte Wurzel, die wie ein dicker Schlangenleib aus den Farnkräutern kroch, und spähte vorsichtig in den Grund der kleinen Höhle, aus welcher das Licht kam. Da sah er einen unendlich kleinen Menschen mit hellgoldenen Haar im Moos liegen, auf einem weißen Kissen von Blumenblättern und in einem schimmernden Kleid, seiner gewoben und erglänzend als Spinnweben im Sonnenschein der Waldtiefe, und so leicht wie kühler Wind, der kaum das Zittergras bewegt. es war durchaus nicht zu erkennen, woher das Licht kam, bis Hassan zu seiner unbeschreiblichen Verwunderung gewahr wurde, daß die Stirn, das angesicht und die Hände des kleinen Menschenwesens aus eigenen Lichtgründen leuchteten. Was aber sein Gemüt am meisten bewegte, war der Ausdruck von Traurigkeit in dem schlafenden Angesicht des fremden Wunderkindes. Hassan mußte, er wußte selbst nicht wie es kam, an die ungetrübten Glücksstunden seiner Kindheit im Moorland denken, unter den Birken und im Ginster. Lieber Gott, dachte er, was geschieht mir nur, daß ich etwas so Liebliches finden soll? Und dann kam ihm in den Sinn: Ich muß irgend etwas für dieses Geschöpf tun. Vielleicht findet sich eine Beere oder ein ganz zarter Regenwurm, wenn es nur irgend etwas ist, wodurch ich es erfreuen kann, oder was es etwa beim Erwachen essen möchte. Über das Essen hinaus gibt es höchstens noch das Schlafen, und das tut dieses helle Himmelskind ohnehin. Wenn mir nur etwas Rechtes einfiele. Als er
noch darüber nachdachte und dabei die Stirn runzelte, wie es
seine Art war, und den dunklen Kopf mit der spitzen Schnauze und den
wirklich sehr schönen und klugen Augen hin und her bewegte, erwachte
der Elf und sah den großen Hassan dicht vor sich stehen, so
daß die kleine Höhle geradezu verdunkelt worden wäre,
wenn das Elfenkleid nicht geglänzt hätte. Sie gingen
nebeneinander ans Wasser, und der Elf flog auf einen niedrigen Zweig
des Berberitzenstrauchs, der ihn sabft schaukelte. "Flügel
hätte ich wohl auch gern," seufzte er nach einer Weile,
"aber wo sollte man sie anbringen?" Er schaute bewundernd
und glücklich zum Elfen empor, der mit dem Finger an die Tauperlen
stieß und zusah, wie sie funkelnd ins Gras niederbrachen. Der Elf
nickte. "Wo ich Liebe finde, da kann ich mich verständigen",
sagte er. "Wäre mehr Liebe in der Welt, so würden sich
alle verstehen." "Ich
glaube jetzt schon wieder daran," sagte Hassan rasch, "was
du sagst, ist schön, und weshalb sollte das Schöne nicht
eher wahr sein als das Arge?" |
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