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Vom Stamm zum Staat

Die geistigen und materiellen Dinge, die das kulturelle Besitztum der Naturvölker ausmachen, sind, wenn wir ihre Lebensbedingungen berücksichtigen, reich und mannigfaltig. Ihre Hütten und Wohnungen haben durchaus den Anstrich der Gemütlichkeit; ihre handwerklichen und künstlerischen Fertigkeiten sind zum Teil bedeutend; sie reisen und treiben Handel, kennen wohlausgebildete Nachrichtensysteme, erziehen ihre Kinder und erfreuen sich in ihren Feierstunden zahlreicher Spiele und Zerstreuungen.

Ihre Sitten und Gebräuche zeigen deutlich, daß traditionelle und allgemein anerkannte Anstandsregeln ihr Verhalten regulieren. Aber, könnten wir uns fragen, kennen sie Recht und Gesetz in unserem Sinne? Da sie Menschen sind und keine Engel, kommen auch bei ihnen Übergriffe und Verbrechen vor. Wie werden diese geahndet? Sie haben keine Polizei — wer also sorgt für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung? Gibt es bei ihnen eine Autorität, die im Interesse der Gesamtheit für die Einhaltung der gegebenen Verhaltungsmaßregeln verantwortlich ist?

Die allgemeine Verwirrung hinsichtlich der Beantwortung dieser Fragen war groß, und erst seit kurzem ist es uns möglich, Klarheit in die Probleme der politischen und der Rechtsinstitutionen der Naturvölker zu bringen. Besonders ihre Rechtsverhältnisse sind von den Ethnologen in phantastischer Weise mißverstanden worden. Ebenso falsch wurden ihre ethnologischen Gebundenheiten von gewissen Rechtsgelehrten interpretiert; Mangel an- einschlägigem Fachwissen und Unkenntnis der wahren Tatsachen führten zu unverantwortlichen Verallgemeinerungen und zu einer wohl ungewollten, aber deshalb nicht weniger ungerechten Verzerrung der wirklichen Verhältnisse.

Während langer Jahrhunderte, vom klassischen Altertum bis zur Zeit der großen Entdeckungen und oft bis in die Gegenwart hinein, sind die „Primitiven" als eine Art Fabelwesen geschildert worden, die entweder als „Engel" in einem sentimentalisierten Paradiese lebten oder aber als halbtierische Kreaturen den Abscheu der Zivilisation erweckten. Den meisten zivilisierten Beobachtern ist es kaum zum Bewußtsein gekommen, daß auch jene Menschen sind und daß auch sie wie wir alle nach einer Verwirklichung der gleichen Ziele strebten, nämlich nach der Möglichkeit, ihr Leben in Freiheit und unter so glücklichen Umständen wie nur möglich zu fristen — welcher Art auch immer ihre Vorstellung eines „glücklichen Lebens" sein möge.

Die gesellschaftlichen Organisationen der Primitiven — und sie sind zahlreich, wie wir sehen werden — haben dasselbe Ziel wie die unseren: Sicherheit und Frieden der Familie, der Gemeinschaft der Lokalgruppe, des Stammes und des ganzen Volkes zu gewährleisten. Rechtlich sowohl wie sozial besteht die Aufgabe der mit der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung betrauten Organe genau wie bei uns in dem Bestreben, das Leben innerhalb und außerhalb der Gemeinschaft zu regulieren, die Gruppe zusammenzuhalten, ihren Lebensunterhalt sicherzustellen und den inneren und äußeren Frieden zu erhalten.

Bei den ältesten Stämmen, wie den Australiern, Tasmaniern, den Buschmännern, Weddas, Botokuden und Feuerländern, ist nicht eine Einzelfamilie oder eine Einzelperson diese Rechtseinheit, sondern die Lokalgruppe als Ganzes. Das Gebiet einer solchen Lokalgruppe kann etwa bei den Australiern vier- bis zehntausend Quadratmeilen umfassen, die nur von zwanzig bis hundert Individuen bewohnt werden. Die Grenzen des von dieser Gruppe als „ihr" Land beanspruchten Gebiets sind nicht nur dieser, sondern auch ihren Nachbarn genau bekannt. Wenn die Grund- und Bodenrechte dieses Gebietes durch Eindringlinge verletzt werden, erfolgt eine sofortige Reaktion der gesamten Gruppe, nicht etwa einer Einzelperson oder Einzelfamilie.

Bei den Tasmaniern war eine Grenzverletzung gleichbedeutend mit einer Kriegserklärung. Dasselbe trifft auf die australischen Sammler und Jäger zu, bei denen jede Grenzverletzung unweigerlich zum Kriege führt. Abgesehen von Grenzverletzungen jedoch schreitet die Lokalgruppe sonst nur bei Mordfällen oder im Falle der Entführung einer Frau zum Kriege. Doch ist es stets die Aufgabe der Gruppe, bei Rechtsverletzungen von der schuldigen Gruppe Rechenschaft zu fordern. Dies ist also nicht die Aufgabe eines Individuums oder einer Einzelfamilie.

Die Weisheit der Wildnis jedoch und die bei den Naturvölkern stark ausgebildete Hochachtung für den Wert des Menschenlebens kennen selbst im Falle der Grenzverletzung keine Kriege, deren Zweck es etwa wäre, die feindliche Gruppe bis zum letzten Mann zu vernichten. Man einigt sich vielmehr mit der Gegenseite über die Anzahl der Kämpfer, die die beiden feindlichen Parteien vertreten sollen. In den meisten Fällen wird der Streit durch ein Duell zwischen zwei Männern entschieden, von denen jeder im Auftrag seiner Gruppe um deren Recht kämpft. Und selbst dann endet das Duell durchaus nicht etwa mit dem Tode eines der Kämpfenden, sondern es genügt zur Entscheidung, wenn einer der beiden kampfunfähig am Boden liegt. So lassen etwa die Botokuden bei derartigen Zweikämpfen ihre Pfeile und Bogen zu Haus und bewaffnen sich nur mit Stöcken. Zuweilen endet ein solches Duell aber auch in einer allgemeinen Schlägerei, an der sogar die Frauen teilnehmen, die sich gegenseitig die Haare raufen.

Zuweilen sieht sich eine Lokalgruppe durch das Anwachsen ihrer Mitgliederzahl und die daraus resultierende Unmöglichkeit, genügend Nahrung zu finden, gezwungen, einen regelrechten Eroberungszug in das Stammesgebiet einer Nachbargruppe zu unternehmen. Ein solcher Fall ist von Frazer bei einer Lokalgruppe der australischen Walarai beobachtet worden:

Sie schickten ihren offiziellen Boten zu einem der angrenzenden Unterstämme und ließen diese um ein Stück Land bitten. Da dieses Ansuchen gegen die Stammesregeln verstieß, wurde es abgelehnt. Außerdem war der betreffende taurai zu klein, um eine derartige Bitte gewähren zu können. Daraufhin ließ der abgewiesene Unterstamm sie wissen, daß sie selber kommen würden, um das ihnen Verweigerte zu erobern. Sie erhielten die Antwort, daß die Angegriffenen in diesem Falle im Namen der Gerechtigkeit die Hilfe ihrer Nachbarn in Anspruch nehmen würden. Beide Seiten trafen nun die Vorbereitungen zum Kriege. Aber vorher fand ein gemeinsames Zusammentreffen statt, bei dem wie üblich lange und zornige Reden gehalten wurden. Am Schlüsse aber einigte man sich dahin, daß eine gleiche Anzahl Kämpfer von jeder Seite am kommenden Tage die Streitfrage entscheiden sollte. Als dieser Tag jedoch gekommen war, fand nur ein Zweikampf statt, und die Angelegenheit wurde dem Ausgang gemäß beigelegt. Dies ist die bei Stammesstreitigkeiten übliche Art der Beilegung."

Auch in der kapitalistischen Gesellschaftsform unserer Tage spricht man von Streitfragen, die das Volksganze betreffen, die modernen Eroberer aber verschwenden keine Zeit an Unterhandlungen, und daher ist die Regelung internationaler Zwistigkeiten bei uns bedeutend schrecklicher als etwa in Australien. Denn bei den Naturvölkern kämpfen wenige für viele — in der Klassengesellschaft aber kämpfen oft viele für die Interessen weniger.

Obwohl im allgemeinen die Todesstrafe auf Grenzverletzung steht, ist es doch einer Gruppe bevorrechtigter Personen, nämlich „diplomatischen", durch ein Autoritätsabzeichen kenntlich gemachten Boten, gestattet, das Gebiet eines Nachbarstammes zu Kauf-, Tausch- oder Verhandlungszwecken zu betreten. Dies ist besonders in Gebieten üblich, wo eine von allen anderen Stämmen begehrte Ware, wie etwa die zu Äxten verarbeiteten Steine, Ockerfarben oder die sehr begehrte narkotische Pituripflanze, in großen Mengen vorhanden ist. Wenn derartige Waren zu Tauschzwecken von der Gruppe, der das Gebiet gehört, verlangt werden, muß diese Gruppe vorher offiziell von dem Vorhaben benachrichtigt werden, denn ein unerlaubtes Eindringen in fremdes Stammesgebiet wird ja mit dem Tode bestraft. Es ist in der Literatur jedoch ein Fall bekannt, in dem die Todesstrafe von dem illegalen Eindringling durch die außergewöhnliche diplomatische Fähigkeit von australischen Stammesältesten abgewendet werden konnte.

Howitt berichtet, daß ein aus Südostaustralien stammender Wudthaurung-Mann heimlich in das Stammesgebiet der Wurunjerri eingedrungen war und ohne die Erlaubnis der Besitzer dort Steine gebrochen hatte. Daraufhin trafen sich die beiden Stämme an der Grenze ihrer Jagdgründe, um den Fall zu entscheiden.

Bei dieser Verhandlung saß der Wudthaurung auf der einen Seite, der Wurunjerri auf der anderen, beide jedoch nahe genug voneinander, um ihre Worte verstehen zu können. Die alten Männer jeder der beiden Parteien saßen zusammen, die jüngeren standen hinter ihnen. So stand Bungerim hinter Billi-Billeri, der ihm das Wort erteilte. Bungerim erhob sich und fragte: ,Habt Ihr diesen jungen Mann ausgesandt, um Tomahawkstein zu brechen?' Der Anführer der Wudthaurung erwiderte: ,Nein, wir haben niemanden damit beauftragt.' Da wandte sich Billi-Billeri um und sagte zu Bungerim: ,Sage den alten Männern, daß sie dem jungen Mann verbieten sollen, derartiges wieder zu tun. Wenn Ihr Stein brechen wollt, so müssen die alten Männer uns vorher davon benachrichtigen.' Bungerim wiederholte diese Worte mit lauter Stimme, und die alten Männer des Wudthaurung-Stammes antworteten: ,Dies ist recht, und wir werden dies in Zukunft tun.' Nachdem sie dem jungen Mann, der den Stein gestohlen hatte, sehr ernsthaft ins Gewissen geredet hatten, waren beide Parteien wieder Freunde."

Dieser Fall zeigt deutlich die typische Reaktion einer Lokalgruppe in Streitfragen, die durch Grenzverletzung entstehen. Die Solidarität der Gemeinschaft in allen Fällen, die derartige Verwicklungen betreffen, ist unerschütterlich — dies aber trägt zur Einigkeit der Lokalgruppe bei und legt jedem einzelnen Mitglied eine hohe ethische Verpflichtung auf. Diese Einstellung ist nur logisch, wenn wir bedenken, daß kein Stammesmitglied die Stammesgrenzen überschreiten kann, ohne mit dem Tode bedroht zu sein. Sie gewährleistet den äußeren sowohl wie den inneren Frieden, denn auch innerhalb der Gemeinschaft ist das ganze Leben auf gegenseitige Hilfe vor allem zum Zwecke der Nahrungsbeschaffung eingestellt.

Die Nahrungsfürsorge ist, wie wir heute sagen würden, durch eine gegenseitige Versicherung bestimmt und durch die öffentliche Meinung sanktioniert und garantiert. Jedes Individuum kennt die für die Rechtsgemeinschaft gültigen Normen. Die Verteilung der Beute ist genau geregelt, und zwar bedeutet der an einen weniger glücklichen Jäger abgegebene Teil des Jagdtieres durchaus kein Geschenk, sondern nur die Erfüllung einer rechtlichen Verpflichtung. Wenn etwa ein Jäger ein Känguruh erbeutet hat, so gehört, wie Palmer berichtet, ein Hinterbein dem Vater des Jägers, das andere seinem Onkel väterlicherseits, der Schwanz seiner Schwester, die Schulter seinem Bruder und die Leber ihm selbst. Bei den Ngarigo gehört nur der Kopf des erlegten Wombats dem Jäger, alle anderen Teile werden innerhalb- und außerhalb der engeren Familie verteilt. Die gleiche Tatsache der geregelten Verteilung wird von einer großen Anzahl anderer australischer Sammler- und Jägerstämme berichtet. Die Nahrungsfürsorge macht nicht an den Grenzen der Familie halt, sondern erst an den Grenzen der Horde. Das gilt auch für andere Sammler- und Jägervölker wie Buschmänner, Botokuden und Wedda, von denen die Vettern Sarasin berichten, daß bei ihnen die aufgefundenen Waben der Felsenbienen unter alle Familien gleichmäßig verteilt werden.

Sind also so Grund und Boden und die Regelung der Nahrungsfürsorge Sache der Horde, der Gemeinschaft als Ganzes, so ist schließlich die Frage berechtigt: Gibt es überhaupt persönliches Eigentum in unserem Sinne, und wie ist es geregelt? Die Beantwortung dieser Frage ist nicht leicht. Aber so viel kann man wohl sagen, daß in unserem modernen Sinne des Eigentumsbegriffes, der „absoluten Herrschaft einer Person über eine Sache , kein privates Eigentum vorhanden ist.

Wenn uns die Quellen von Privateigentum, etwa an selbst angefertigten Waffen, Werkzeugen, Schmuck und Kleidung, ja zuweilen an Stein- oder Ockerbrüchen berichten, so ist dieses Eigentum mit so vielen Rechten Dritter belastet, daß man also nur von eigentumsähnlichem Recht, also etwa Repräsentativrecht, sprechen kann, Auftrag oder Nießbrauch, aber nicht dominium. Auf jeden Fall aber können nie Mobilien, die für die Horde wertvoll und notwendig sind, persönliches Eigentum sein. So schreiben etwa Fison und Howitt: „Der Begriff des Individuums ist unbekannt. Es besitzt keine unabhängigen Rechte." Es fehlt überhaupt das Bewußtsein des persönlichen Eigentums in unserem Sinne, wie denn auch zum Beispiel Geschenke von Weißen, an einzelne Personen gegeben, in kurzer Zeit bei anderen Stammesmitgliedern auftauchen, die sie dem „Eigentümer" weggenommen oder von ihm erhalten haben.

So liegt das gesamte tägliche Leben des Individuums eingebettet in die soziale und rechtliche Fürsorge der Gruppe, deren stärkste Waffe zur Erzwingung des inneren Friedens die öffentliche Meinung ist. Sie wirkt sowohl präventiv und zwingt durch ihr einfaches Vorhandensein das Individuum zur Innehaltung der Rechtsnormen, als auch aktiv bei der Sühnung eines Rechtsbruches. Einer ungünstigen öffentlichen Meinung kann das Individuum nicht entgehen, denn es kann nicht die Horde verlassen und die Grenze eines anderen Hordenlandes überschreiten: das wäre der sichere Tod. Schon aus diesem Grunde ist die öffentliche Meinung praktisch das stärkste Regulativ bei den Sammlern und Jägern. Die Ausführungsorgane brauchen bei der geschilderten rechtlichen und wirtschaftlichen Lage nur wenig durchgebildet zu sein und sind auch nur in Ansätzen vorhanden.

Der Grundsatz, daß der Friede innerhalb der Gemeinschaft gewährleistet werden muß, läßt ein Recht der gleichen Wiedervergeltung, eine lex talionis, nicht aufkommen, selbst oft nicht bei dem schwersten aller Verbrechen, dem Mord innerhalb der Gruppe. Für die meisten Vergehen gegen die Rechtsordnung sind ganz bestimmte Strafen festgesetzt. So wurde etwa bei den Tasmaniern der Ehebruch mit Schlägen und Durchbohrung des Beines mit der Lanze bestraft. Bei den Botokuden wird die ehebrecherische Frau von ihrem betrogenen Ehemann geschlagen oder gebrannt. In Australien wird dasselbe Verbrechen durch einen Zweikampf der Beteiligten gesühnt, der jedoch nie mit dem Tode endet. Die Ausführungsorgane der öffentlichen Meinung sind in der Regel die alten Männer, die, erfahren im Leben und in den Stammesgesetzen, nicht nur den Jüngeren über die Grenzen des Gebiets der Lokalgruppe Aufschluß geben, sondern sie auch über die geltenden Heiratsgesetze, die Initiationsriten, die Nahrungsverteilung und andere seit undenklichen Zeiten bestehende Normen unterrichten, um aus ihnen brauchbare Stammesmitglieder zu machen. In den Händen der Alten liegt auch, wenn man so sagen will, diejenige Rechtsprechung, die die Gemeinschaft betrifft oder zwischen den Parteien nicht geregelt wird. Abgesehen von Grenzverletzungen haben sie über Mord, der von einem Täter außerhalb der Lokalgruppe an einem Hordenmitglied begangen wurde, zu urteilen, was, wie wir bereits sahen, stets zur Kriegserklärung führt. Innerhalb der Horde sind es vor allem Fälle von Mord, Zauberei, Vergehen gegen die Heiratsordnung oder Verrat der geheimen Zeremonien bei der Jünglingsweihe, die vor den Rat der Alten gebracht werden. Die Strafe besteht meistens im „Speeren" des Übeltäters, ohne ihn jedoch zu töten.

Ein Häuptlingstum ist wenig oder überhaupt nicht ausgebildet. Wohl kann der vielleicht körperlich oder geistig Gewandtere auf die Horde einen größeren Einfluß ausüben, aber auch er ist schließlich wieder von der öffentlichen Meinung abhängig. Wo auf dieser Kulturstufe Häuptlinge und ihre Funktionen geschildert werden, sind sie meist von den Weißen künstlich dazu gemacht worden, um leichter mit den Horden verhandeln zu können. Ein sehr aufschlußreiches Beispiel hierfür erwähnt Dawson in dem faksimilierten Vertrag, den einige der ersten weißen Ansiedler in Australien mit einigen sogenannten Häuptlingen über die Abtretung von hunderttausend „acres" Land abschlossen.

Das sind in breiten Strichen die Regelungen des rechtlichen Lebens der Sammler und Jäger. Die Tatsachen zeigen, daß es durchaus irrig ist, den Rechtszustand dieser Völker etwa als „anarchisch" zu bezeichnen, wie es Große, Knabenhans und andere getan haben. Im Gegenteil, die Rechtssatzungen und Rechtsnormen, ihre Struktur und ihre Anwendungen sind überraschend klar durch die Tatsachen belegt. Bezeichnend ist für diese Sammler- und Jägerkulturen die scharfe Herausbildung des Territorialprinzips. Verbunden mit diesem Territorialprinzip geht sowohl in tatsächlicher wie in begrifflicher Hinsicht die Komplexqualität der Rechtsnormen einher. Bezeichnend ist weiterhin die Solidarhaftung der Horde nach außen im Falle der Grenzüberschreitung und des Krieges, — nach innen hinsichtlich der Nahrungsfürsorge. Für die Entwicklung, ja für die Ansätze eines persönlichen Eigentums bleibt dabei kaum eine Möglichkeit, wenn auch zuweilen einzelne eigentumsähnliche Individualrechte bestehen mögen, jedoch nie an Grund und Boden und an für die Horde als Ganzes wertvollen oder zum Lebensunterhalt notwendigen Dingen. Der Druck von außen, der in rechtlicher Beziehung hohe Wall an der Grenze des Hordenlandes, ist eine der stärksten Stützen der öffentlichen Meinung und ihrer Ausführungsorgane zur Erzwingung der Rechtsnormen innerhalb der Horde.

Wenn wir uns nun den Erntevölkern, jener anderen großen Gruppe von Stämmen mit aneignender Wirtschaftsform, zuwenden, so finden wir, daß ihre besondere wirtschaftliche Beschaffenheit zur Heranbildung ganz besonderer Rechts- und Regierungsformen geführt hat, die von denen der Sammler und Jäger sehr verschieden sind. Obwohl auch bei ihnen die Lokalgruppe sich als Besitzer eines bestimmt begrenzten Gebiets fühlt, werden diese Grund- und Bodenrechte zuweilen überschritten. Wir. würden heute unter Anwendung moderner Analogien sagen: der absolute Wert von Grund und Boden verschiebt sich zugunsten eines Teil es des Gruppengebiets, eben desjenigen Teiles, der zur Ernährung der Lokalgruppe wesentlich ist: des Erntefeldes. Hier soll nochmals betont werden, daß es sich bei den „Erntefeldern" dieser Wirtschaftsgruppe nicht um ein von Menschenhand, sondern um ein von der Natur angelegtes „Feld" handelt. Ein Teil des Gruppengebietes, das Erntefeld, ist in seinem Wert intensiviert. Es steht als Hauptunterhaltsquelle der Lokalgruppe nunmehr im Mittelpunkt der wirtschaftlichen und rechtlichen Situation der Lokalgruppe.

Die Größe des Erntefeldes ist zuweilen von ungeheuren Ausmaßen. Ein Bunya-bunya-Gebiet kann sich über siebzig Meilen erstrecken, ähnlich verhält es sich mit den Dimensionen des Lilienwurzelgebiets am Roperfluß und den Nardufeldern der Arunta. Das Erntefeld ist gewöhnlich der Ort, wo die Ansiedlung der Lokalgruppe erfolgt, denn die Art der Wirtschaftsform verlangt, wie wir an anderer Stelle sahen, eine gewisse Seßhaftigkeit, vor allem aber feste Speicher. Damit wird das Erntefeld zum Hauptfaktor der Menschenanhäufung, und die Zahl der Mitglieder einer Lokalgruppe ist bei diesen Stämmen weit größer als bei den Sammlern und Jägern.

Das führt wieder zu einer veränderten Reaktion der Lokalgruppe nach außen hin und zu den speziell von diesen Völkern herausgebildeten Rechtsanschauungen ihres Verhaltens zu den Nachbargruppen. Sahen wir bei den Sammlern und Jägern, daß ein übertreten der Grenze den sicheren Tod bedeutete, so ist das bei den Erntevölkern nicht mehr der Fall. Auf Grenzübertretung steht keine Strafe. Ja, die Lockerung der Grenzverhältnisse kann so weit gehen, daß die Grenze gewissermaßen aufgehoben wird. So berichtet Curr, daß die australischen Bangerang und verwandte Stämme Zuflucht auf dem gegenseitigen Gebiet nehmen können und daß zuweilen sogar zwei verschiedene Gruppen ein gemeinsames Erntefeld besitzen. Zur Zeit der Reife der Erntefrucht werden die umliegenden Stämme und Lokalgruppen eingeladen, an dem Überfluß teilzunehmen. Dies ist nicht nur in Australien, sondern auch in Nordamerika der Fall, wie ich bei den Ojibwaindianern beobachtet habe.

Diese Zusammenkünfte haben nun kulturell und, wenn man so sagen kann, auch außenpolitisch mannigfache Konsequenzen und sind die Quelle für manche neue Rechtsinstitutionen sowohl auf dem Gebiet des primitiven internationalen Rechts, des Handelsrechts wie des Urheberrechts gewesen. Wichtig ist bei diesen Zusammenkünften vor allem auch der Handel, der gegenseitige Austausch der Erzeugnisse einer Lokalgruppe gegen die der anderen. Weiterhin dienen diese Treffen der Abhaltung gemeinsamer Initiationszeremonien, die zumeist aufgespart werden, bis eine Initiation verschiedener Stämme anläßlich einer Erntefeier stattfinden kann.

Für die Verbreitung von Kulturelementen sind diese Zusammenkünfte außerordentlich bedeutungsvoll. Gemeinsame Corroborees und Spiele werden abgehalten, wie etwa Curr von den Kabi berichtet:

Der Autor machte die Nachbarstämme mit seinem Stück bekannt, die ihrerseits ihre Freunde als Zuschauer einluden und sogar selbst darin mitwirkten. Auf diese Weise verbreitete sich ein bestimmter Corroboree über weite, Gebiete und wurde selbst dort mit Begeisterung aufgeführt und gesungen, wo nicht ein einziges Wort des Lokaldialektes, in dem er geschrieben war, verstanden werden konnte. Die dramatische Wirkung derartiger Aufführungen war zuweilen außerordentlich."

In dem Kapitel von der Entstehung des Theaters sahen wir bereits, daß das „Copyright" diesen Erntevölkern durchaus bekannt ist und daß sie seinen Schutz genau einhalten.

Verschiedene Forscher, die sich mit der Kultur (der von ihnen meist nicht klar herausgearbeiteten) Erntevölker befassen, erwähnen zuweilen dort angeblich existierende „neutrale Gebiete". Diese sind nicht zu verwechseln mit den bei Sammlern und Jägern gelegentlich vorkommenden Grenzgebieten, die aus Furcht vor der feindlichen Nachbarhorde verlassen worden sind. Sie werden im Gegenteil durch, wie wir heute sagen würden, internationale Verträge benachbarter Stämme festgelegt. Wir können also gewissermaßen bei den Erntevölkern die Herausbildung einer Rechtsinstitution des Internationalen Rechts feststellen. Curr berichtet von den Stämmen an den Ufern des Gregory-Flusses, daß sie durch gegenseitige Übereinkunft ein neutrales Gebiet von der Größe von fünfzigmal hundert Meilen geschaffen hätten, um dort ihre Zusammenkünfte abzuhalten. Der Grund zur Schaffung dieser Gebiete ist sowohl wirtschaftlich wie rechtlich bedingt. Wirtschaftlich insofern, als durch die gegenseitige vertragliche Nichtbenutzung sowohl Pflanzen- wie Tierbestand geschont werden und dann später die Nahrungsgrundlage für die Zusammenkünfte der Stämme bilden können —, rechtlich weist diese Institution darauf hin, daß nur bei Lokalgruppen, deren wirtschaftliche Grundlage innerhalb ihres Gebietes durch das Erntefeld gesichert ist, eine Schaffung neutraler Gebiete überhaupt erst ermöglicht wurde.

Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß bei den australischen Erntevölkern das Erntefeld sowohl wie das Stammesgebiet überhaupt Eigentum der Lokalgruppe sind. Zur Zeit der Ernte kann es einzelnen Familien gestattet werden, ein bestimmtes Stück des Erntefeldes abzuernten, aber das Land als solches gehört der Gemeinschaft. Ebenso verhält es sich bei den Chaco-Stämmen und den Stämmen, die wie etwa die Hyanyam des Matto Grosso die wilde Kartoffel ernten. Stets ist es die Lokalgruppe als Ganzes, die als Eigentümer des Erntefeldes fungiert. Hinsichtlich der nordamerikanischen Ojibwa, Menomini und Winnebago betonen bereits die alten Autoren Catlin und Schoolcraft, daß das Erntefeld der ganzen Lokalgruppe gehörte, die das Feld jedoch jedesmal neu an einzelne Familien kurz vor der Reife verteilte. Während meines Aufenthaltes bei der Reisernte der Bois-Fort-Band der Ojibwa in Nett Lake (Minnesota) fand ich im Jahre 1947 die uralten Gesetze noch voll in Kraft, und alle die Erntefrucht und das Erntefeld betreffenden Fragen wurden in geradezu „totalitärer" Weise durch das von der Lokalgruppe erwählte „Reiskomitee" geregelt, dessen Beschlüssen sich jeder einzelne Indianer zu unterwerfen hat — von der Festsetzung des Datums des ersten Erntetages bis zur Zahl der an der Ernte teilnehmenden Kanus und der genauen Tageszeit, wann die Ernter den See zu verlassen haben. Übertritte gegen diese Gesetze (die äußerst selten sind) werden mit der Konfiskation des Kanus und des darin befindlichen geernteten Reises bestraft.

Die neben dem Ernteprodukt gesammelten Pflanzen und erjagten Tiere sind wie bei den Sammlern und Jägern nicht immer das ausschließliche Eigentum dessen, der sie erbeutete, sondern werden, besonders wenn es sich um einen reichen Ertrag handelt, unter der Gemeinschaft aufgeteilt. So haben auch die australischen Erntevölker, wie etwa Aranda und Loritja, wie Strehlow in detaillierten Ausführungen mitteilt, ganz genaue Verteilungs- und sogar Rechtsvorschriften für die Beute. Ja, zuweilen hat der Jäger überhaupt kein Recht an seiner Beute, sondern andere verfügen darüber. Verfügungsberechtigt ist allerdings hier nicht die gesamte Lokalgruppe, sondern eine kleinere Einheit, die Totemgruppe, die zumeist als Wirtschaftseinheit fungiert.

Diese Wirtschaftseinheit ist aber auch in Fällen der Not für den einzelnen hinsichtlich der Nahrungsfürsorge verantwortlich. So schreibt Jenks von den nordamerikanischen Reiserntern: „Wenn eine ehrbare Familie in Not gerät, so stehen die Vorräte der ganzen Gruppe zu ihrer Verfügung", und der Häuptling Pokagon sagt über die Potawatomi: „Wenn die Not vor der Tür steht, so verteilt unser Volk alles Vorhandene unter alle."

Ist die Totemgruppe auch die Wirtschaftseinheit hinsichtlich der Nahrungsfürsorge, so tritt jedoch die Lokalgruppe als gesellschaftliche Einheit sofort an ihre Stelle, falls es sich um die Beschaffung nicht unbedingt zum Lebensunterhalt notwendiger Dinge, sondern um etwa durch Handelsexpeditionen zu erlangende Güter handelt. Es bilden sich nun auch detailliertere Rechtssatzungen des persönlichen Eigentums heraus. Dieses persönliche Eigentum wird durch die Horde geschützt, und der Normenbrecher wird bestraft; allerdings kommt es nur sehen dazu, daß eine Eigentumsverletzung überhaupt stattfindet.

So besteht zum Beispiel ein persönliches Eigentum an Fruchtbäumen, das durchaus respektiert wird. Bei den Aranda wird das Eigentum an einem solchen Baum dadurch gekennzeichnet, daß ein Grasbüschel in die Zweige gelegt wird. Oder wenn ein Mann ein Bienennest findet, bezeichnet er den Baum, indem er Gras um die Wurzeln herum ausreißt und Stöcke dagegenlehnt. Wenn jemand diese Zeichen mißachtet und sich dennoch der Früchte oder des Honigs bemächtigt, hat der Bestohlene das Recht, „den Dieb zu Tode zu speeren". Dieselbe Strafe trifft denjenigen, der sich ein getötetes Tier ohne Erlaubnis des Jägers aneignet. Ebenso verhält es sich mit dem Übeltäter, der ein von einem anderen verwundetes Tier dem Besitzer wegstiehlt. Fragt jedoch der Neuhinzukommende den Besitzer um Erlaubnis, so hat er das Recht, einen Teil der Beute für sich zu verlangen. Nicht so schlimm ergeht es dem Diebe, der seinem Nachbar Dinge stiehlt, die nicht zum Lebensunterhalt notwendig sind. Bringt er nämlich die Sachen wieder zurück, so ist die Angelegenheit erledigt. Verweigert er jedoch die Herausgabe, so hat der Bestohlene das Recht, den Täter ins Bein zu speeren oder (in Australien) mit einem Bumerang nach ihm zu werfen.

Das persönliche Eigentum geht in der Regel bei dem Tode des Eigentümers auf dessen ältesten Sohn über, sind Söhne nicht vorhanden, auf die nächsten Verwandten.

Der Ehebrecher wird zuweilen mit der zeitlichen Ausstoßung aus der Lokalgruppe bestraft, was etwa zwei bis drei Monate dauert. Diese zeitliche Ausstoßung ist besonders dann interessant, wenn wir diese Art der Strafe mit den Verhältnissen bei den Sammlern und Jägern vergleichen, wo ein solches Urteil den Tod bedeuten würde. Hier ist es eine sehr milde Strafe, und die zeitweise Begrenzung wird überhaupt erst bei einem Erntevolk verständlich.

Die Organisation der öffentlichen Gewalt und der Ausführungsorgane gibt bei diesen Stämmen ein ziemlich klares Bild: ein ausgeprägtes Häuptlingstum besteht auch hier nicht, wenn auch die Ansätze in weit stärkerem Maße, sogar hinsichtlich eines erblichen Häuptlingstums, vorhanden sind als bei den Sammlern und Jägern. Dabei stehen zwei Wege zum Häuptlingstum offen, über die Totemgruppe insofern, als zuweilen, jedoch nicht als Regel, der Obere eines zahlreichen und mächtigen Totems Häuptling der Lokalgruppe werden kann. Der andere Weg ist der Aufstieg eines durch bemerkenswerte persönliche Eigenschaften hervorragenden Individuums. Die ausschlaggebende Gewalt liegt jedoch immer bei der öffentlichen Meinung der Mitglieder der Lokalgruppe, das heißt, bei den Mitgliedern der Lokalgruppe, vertreten durch einen Rat der Alten oder einen Häuptlingsrat der einzelnen Clans. Es ist öfter betont worden, daß gerade bei diesen totemistischen Völkern die Rechtssatzungen stark religiös bedingt und in den Totemmythen verankert seien. Ich habe keine Stütze für diese Auffassung gefunden, im Gegenteil. So gehen, wie Strehlow ausdrücklich betont, die Rechtsgrundsätze bei den Aranda nicht auf den Stammvater Mangarkunjerkuaja zurück, sondern haben sich augenscheinlich im Rat der alten Männer entwickelt, die sie bei den Einweihungsfeiern der Jugend weitervermitteln.

Eine andere Rechtsinstitution, die uns bei diesen Erntevölkern begegnet und besonders im weiteren Verlauf der Menschheitsgeschichte vom juristischen Standpunkt aus interessant ist, ist das Asylrecht und das eng damit zusammenhängende Taburecht. Das Erntefeld ist bis zur Reife tabu", und dieses Tabu kann nur durch den Häuptling und den Rat der Alten an einem bestimmten Tage aufgehoben werden, womit das Erntefeld zur Ernte frei wird. In ihrer Wirkung, nicht jedoch in ihrer Ursache ähnliche Tabus sind mit bestimmten Orten, die als Sitz der Totemgeister oder als geheimes Versteck der heiligen Totemgeräte des Stammes gelten, verbunden. So berichten Spencer und Gillen von der Institution des Ertnalulunga" bei den Aranda, das sich deutlich als ein ausgesprochenes Asyl sowohl für Stammesmitglieder wie für Fremde herausstellt. Der Verbrecher sowohl wie der Fremde sind unbedingt sicher und können nicht ergriffen werden, wenn sie zu diesem tabuierten Orte flüchten. Aber nicht nur der Mensch, auch die Tiere und Pflanzen sind an diesem Orte tabu. In dieser Einrichtung des Asylrechts, das wohl ursprünglich religiös bedingt war, dann aber vornehmlich wirtschaftliche Wirkungen zeitigte, haben wir ein Beispiel für die Richtungsänderung der Zwecke im primitiven Recht.

Im Gegensatz zu den Rechtsinstitutionen der Sammler und Jäger sind also die Rechtsnormen der Erntevölker dem Prinzip des Stammeslandes untergeordnet; das überschreiten der Stammes- oder Hordengrenzen wird nicht mehr bestraft, und nur bestimmte Teile des Stammesgebiets, vor allem das Erntefeld und die als Asyle angesehenen Orte, sind durch Tabus geschützt. Jedoch ist auch hier die Lokalgruppe die gesellschaftliche Einheit, während die wirtschaftliche Einheit enger begrenzt ist.

Die andere Wirtschaftsform und die damit zusammenhängende Auflockerung der Abschließung nach außen hat zwei sichtbare Wirkungen: die Ansammlung größerer Menschenmassen, und zwar nicht nur der eigenen Horde, sondern von Gruppen verschiedener Lokalhorden. Die rechtliche Folge ist nach außen die Anbahnung „internationaler" Beziehungen (neutrale Gebiete, gemeinsame Feiern), nach innen der Zwang zu stärkerer Differenzierung des Rechts und seiner Normen. Wie stark sich das außenpolitische Bild verschoben hat, geht etwa daraus hervor, daß in den Reisfeldern Dörfer vorhanden sind, in denen Angehörige von vier verschiedenen Stämmen friedlich miteinander wohnen. Innenpolitisch ist die Organisation straffer als bei den Sammlern und Jägern, vor allem aber hat sich, vielleicht als eine Reaktion hierauf, eine stärkere Betonung des Individualrechts an solchen Dingen, die mit der Sicherung der Nahrungsfürsorge der Gemeinschaft nichts zu tun haben, herausgebildet. Dies betrifft vor allem die Entwicklung des Urheberrechts. Das Bewußtsein eines individuellen Eigentums an Grund und Boden ist auch diesen Völkern fremd.

Untersuchen wir bei einer anderen Gruppe von Völkern der aneignenden Wirtschaftsform, den arktischen Jägern und den von ihnen beeinflußten Kulturen, die verschiedenen Einrichtungen, die dazu dienen, die Gemeinschaft zusammenzuhalten, ihre Ernährung sicherzustellen und den Frieden nach innen und außen zu gewährleisten, so erhalten wir ein etwas geändertes Bild.

Das Territorialprinzip zunächst ähnelt in manchen Zügen dem der Erntevölker. Die Grenzen der Lokalgruppe sind fluktuierend, und das übertreten der Jagdgrenzen wird weder innerhalb der Gruppe noch bei einem fremden Stamme mit dem Tode bestraft, ja, überhaupt nicht geahndet. So berichtet etwa Schrenck von den Tungusen am unteren Amur, daß sie sich in der Regel nicht an Stammesgrenzen hielten und auf fremdem Gebiet, besonders dem der Giljaken, jagten, ohne daß Streitigkeiten entstanden. Das Jagdgebiet, wohl ursprünglich der Lokalgruppe gehörend, kann in einzelne Familien-Untergruppen aufgeteilt sein, braucht es aber nicht. Beide Prinzipien können nebeneinander hergehen oder sogar zeitweise miteinander wechseln.

Die wirtschaftliche Einheit ist zumeist kleiner als die der Lokalgruppe. So ist bei den Meer-Tschuktschen die Fangeinheit das „attwatyirin , die Bootsgemeinschaft, deren Anführer auch die Verteilung der Beute vornimmt. Diese Wirtschaftseinheit, sei es die Besatzung eines Fangbootes eine jagende Familie oder eine Gruppe von Familien, benutzt bei den asiatischen Arktikern und den Alaska-Eskimos in ausgedehntem Maße Eigentumszeichen zur Sicherung der von ihnen erlegten Tiere. Nichts aber deutet auf eine Anwendung von individuellen Eigentumsmarken hin, sondern die Eigentumsmarken haben stets Bezug auf eine Mehrheit von Personen, eben die Wirtschaftseinheit.

Die Sicherung der Nahrungsfürsorge ist zunächst Sache der jeweiligen Wirtschaftseinheit, darüber hinaus aber der politischen Gemeinschaft. Die wirtschaftliche Sicherstellung eines jeden Mitgliedes der Gemeinschaft steht so im Zentralpunkt der Rechtsanschauungen der arktischen Völker, daß ein jedes Individualrecht dahinter zurücktreten muß, aber auch nur dann, wenn das Leben eines Mitgliedes durch Mangel an Nahrung gefährdet ist.

So kann etwa bei den renntierzüchtenden europäischen Lappen, bei denen eine ausgedehnte Verwendung von individuellen Eigentumszeichen vorkommt und die Hinneigung zu scharfer individueller Ausprägung der Eigentumsrechte an Mobilien augenscheinlich ist, dieses Individualrecht unter gewissen Umständen jederzeit durchbrochen werden. Das geht so weit, daß sogar der Diebstahl von Renntieren legal sein kann, wenn der Dieb das Tier für seinen unmittelbaren Lebensunterhalt brauchte, um etwa Kochfleisch zu bekommen. Nach der Auffassung der Lappen ist das eben kein Diebstahl, obwohl das scharf ausgeprägte persönliche Eigentumsrecht verletzt wurde. Dieser Teil des Rechtes der Lappen ist Jägerrecht und nicht etwa Viehzüchterrecht.

Ein anderes von mir bei den Montagnais-Naskapi von Labrador beobachtetes Beispiel liegt auf derselben rechtlichen Ebene. Das Jagdrecht am eigenen Jagdgrund kann jederzeit von jedem durchbrochen werden, der sich in Nahrungsnot befindet. Der Fremdling darf jagen und Fallen stellen, aber nur für seine unmittelbare Nahrung, das heißt, um seinen Hunger zu stillen und sein Leben zu fristen. Ja, er darf sogar den durch ein Eigentumszeichen kenntlich gemachten Biberbau ausräumen, wenn er sich in Not befindet — aber auch nur dann. Die Hilfeleistung bezieht sich eben nur auf die Sicherung des Lebens, geht aber durchaus nicht weiter. So besonders nicht im Schuldrecht, wo weder der Vater für den Sohn, noch die Witwe für den verstorbenen Gatten die Verpflichtungen einlöst. Eine Solidarhaftung der Familienmitglieder besteht keinesfalls. Diese gegenseitige Hilfeleistung ist durchaus nicht durch den Druck von außen bedingt wie etwa bei den Sammler- und Jägervölkern, sondern wird durch die öffentliche Meinung erzwungen, die in der Urgesellschaft sich viel unbedingter auswirkt als etwa in der kapitalistischen.

Diese öffentliche Meinung wirkt etwa bei den Nordostalgonkin nicht nur innerhalb der Lokalgruppe, sondern darüber hinaus und kann zum Beispiel verhindern, daß ein übelberüchtigtes Mitglied einer Lokalgruppe bei einer anderen Unterschlupf finden kann. Das bedeutet in vielen Fällen den Tod in den Wäldern. Die Autorität liegt nicht beim Häuptling — wenn ein solcher überhaupt vorhanden ist —, sie liegt aber auch zuweilen nur den Alten. Letztlich liegt sie in der öffentlichen Meinung der Lokalgruppe als Ganzem.

Die Machtlosigkeit des Häuptlings bei den Zentraleskimo schildert Boas mit den Worten: „Seine Autorität ist eigentlich nur darauf beschränkt, den Zeitpunkt zu bestimmen, wann die Hütten von einem Ort zum anderen verlegt werden sollen — aber die Familien sind durchaus nicht gezwungen, seinen Anordnungen zu folgen. Er mag einige Männer zur Hirsch-, andere zur Seehundjagd auffordern, es besteht aber keinerlei Verpflichtung, diesem Ansuchen nachzukommen."

Dieselbe Machtlosigkeit des Häuptlings, wenn überhaupt einer vorhanden, schildert Bogoras von den Tschuktschen, und aus eigener Erfahrung kann ich dasselbe von den Naskapi berichten, bei denen die Mistassini-Band seit Jahren überhaupt keinen Häuptling mehr hat und trotz der Aufforderung des Indian Agent bisher keinen wählte.

Eine Ausnahme bilden manche Eskimostämme Alaskas, die, vielleicht beeinflußt von der sozialen Gliederung der Nordwestamerikaner, neben Stammesorganisation mit Häuptlingstum schon eine vertikale Schichtung der Gesellschaft einschließlich des Sklavenstandes kannten. Ansätze zur Sklaverei finden sich ferner bei den Bewohnern der Aleuten und auch bei den Tschuktschen (hier wahrscheinlich beeinflußt von den im Süden vordringenden Viehzüchtervölkern), die in ihren Kämpfen mit den westlichen Eskimo im Kriege die Gefangenen zu Sklaven machten. Die Gesellschaftsschichtung als Ganzes jedoch wurde dadurch kaum berührt.

Die alten Fänger und Jäger genießen je nach ihrer Persönlichkeit besonderes Ansehen und haben deshalb bei Schlichtung von Streitigkeiten innerhalb der Gemeinschaft oft Vermittler- und Schlichterrollen, aber auch sie haben keine unbedingte Autorität. Wenn ein Streitfall nicht geschlichtet werden kann oder eine Partei nicht zuhören will, sind auch die Alten machtlos. Friedehalten solange es irgend möglich ist und solange die Gemeinschaft als Ganzes nicht gestört wird, das ist stets das die Grundhaltung dieser Stämme bildende Motiv. In dieser Hinsicht hat die öffentliche Meinung eine zweifache Aufgabe: einmal durch passive Mittel, durch ihr einfaches Vorhandensein, präventiv zu wirken, so daß allein die Furcht vor ihrer Verletzung ein positives, den Normen gemäßes Verhalten des Einzelnen erzwingt — zum anderen bei einer Verletzung der Rechtsnormen aktiv einzugreifen. Allerdings bedarf es hier ebenfalls eines Anstoßes durch eine interessierte Gruppe und des Vorhandenseins eines Falles, in dem wirklich der Friede der Allgemeinheit bedroht ist. So wird nicht schon etwa der gelegentliche Fallendieb, Unruhstifter oder Raufbold von der Gemeinschaft zur Rechenschaft gezogen, sondern man überläßt die Regelung dem Verletzten oder der interessierten Gruppe. Die Gemeinschaft kann, etwa wie bei dem Singstreit und dem Zweikampf der Eskimo, dabei mehr oder minder als unbeteiligter Zuschauer mitwirken, ja selbst im Falle eines Mordes überläßt sie die Blutrache den beteiligten Parteien. Sie greift aber immer ein, wenn die wirtschaftliche Sicherheit der Gemeinschaft durch das Verhalten eines Mitgliedes irgendwie bedroht ist. Das ist der Fall bei einem unverbesserlichen Dieb, einem dauernd auf fremdem Boden Jagenden, einem konstanten Raufbold und Messerstecher, kurz, wie wir heute sagen würden, bei einem Gewohnheitsverbrecher. Die Strafe kann sein: Anbinden an einen Baum, wie bei den Montagnais-Naskapi; Schläge, wie etwa bei den Eskimo der Beringstraße; Ausstoßung oder Tod durch Erschießen, Erstechen, Ertränken oder Harpunieren.

Das Verfahren und die Ausführungsorgane dieser öffentlichen Meinung sind nicht einheitlich. Bei den Montagnais-Naskapi ist es der Häuptling gemeinsam mit dem Rat der Alten, die den Übeltäter heranbringen lassen ihn im Zeugenverfahren, jedoch ohne Zeugeneid, überführen und dann bestrafen. Bei den Tschuktschen handelt eine von der Gemeinschaft dazu bestimmte Gruppe von besonders angesehenen Männern, oder es konnte schließlich auch ohne Verfahren ein einzelner den Auftrag oder die stillschweigende Zustimmung der Gemeinschaft bekommen, den Übeltäter zum Tode zu befördern. Als Beweismittel wird oft der Parteieid, nie der Zeugeneid, zur Überführung des Täters benutzt. So rief etwa der beklagte Tschuktsche die Sonne als Eideshelfer an oder schwor auf den Bären.

Diese drei großen verschiedenen Völkergruppen, deren Recht in diesem Kapitel bisher besprochen worden ist, sind kulturell die ältesten Gesellschaftsformen der Menschheit. Sie entsprechen den Stämmen und Völkern des Paläolithikums und haben viele Kulturkomplexe aus den ältesten Zeiten beibehalten. Oft ist diesen Stämmen der Besitz irgendwelcher Rechtsinstitutionen abgesprochen worden — dieser Ansicht aber stehen die Tatsachen vollkommen entgegen. Das Recht dieser Völker der aneignenden Wirtschaftsform ist selbstverständlich kein vom Richter bestimmtes wie etwa das „judge-made law" der modernen anglo-amerikanischen Rechtsprechung. Es ist ein vom Volke begründetes, für das Volk vom Volke durchgeführtes Recht.

Der in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung oft fühlbare Unterschied zwischen dem rechtlichen Volksempfinden der Bürger und den von den Gerichtshöfen gefällten Urteilen — die Diskrepanz zwischen Recht und Gerechtigkeit — kann bei diesen uralten Rechtsformen nicht bestehen. Wie auch auf anderen Gebieten ist auch auf dem des Rechts bei diesen ältesten Völkern das Individuum nur ein Teil der Gemeinschaft, innerhalb deren es lebt, und die Handlungen von Einzelpersonen wirken sich in der gesamten Gemeinschaft aus. Individuum und Gemeinschaft kennen die geltenden Rechtsnormen sehr genau, und zu ihrem Verständnis bedarf es keiner Interpretation gelehrter Juristen. Ein „theoretisches" Recht besteht nicht, denn das Recht ist eben ein praktisches, zur Sicherheit des Lebens aller begründetes Recht. Seine Auslegungen werden durch seinen Zweck bedingt, genau wie die jeweiligen Urteile.

Ebenso unmöglich sind in dieser Gesellschaftsform gesetzgeberische oder durch höhere Instanzen bewirkte Änderungen von Urteilen, denn dieses Recht ist autoritativ und unabänderlich. Die Differenzen in der Auslegung von Rechtsfällen sind zuweilen beträchtlich. Dies bedeutet jedoch nicht, daß die Funktionen der Rechtsmaschine etwa chaotisch oder nicht vorhanden wären. Im Gegenteil, es ist erstaunlich, wie außerordentlich stark der rechtliche Gesichtspunkt in diesen Kulturen entwickelt ist und wie deutlich sich die Ausübung des Rechts zu gewissen festen Regeln kristallisiert hat, die durch die Tradition geheiligt und durch die öffentliche Meinung erzwungen werden, die in diesen klassenlosen Gesellschaften stets ungeteilt ist.

Mit der Entwicklung von Bodenbau und Viehzucht nun hat sich nicht nur die Struktur der Gesellschaftsform, sondern auch die des Rechts geändert. Diese Umwandlung ist jedoch nicht plötzlich geschehen. So finden wir besonders noch in den Rechtsnormen der ältesten Bodenbauvölker gewisse charakteristische Züge der aneignenden Wirtschaftsform, besonders hinsichtlich der wirtschaftlichen Sicherheit des Individuums und der damit verknüpften Grund- und Bodenrechte.

Im Mittelpunkt des Territorialprinzips der primitivsten Bodenbauvölker vor allem Ostmelanesiens, Zentral-Südamerikas und des östlichen Nordamerika steht die Dorfschaft, das heißt, die begrenzte Erde des Dorfes, in dessen Mittelpunkt sich entweder die zahlreichen Hütten der Einzelfamilien, der Großfamilien oder schließlich das Sippenhaus befinden. Die Stämme scheinen überall in solche selbständige Dorfschaften aufgeteilt zu sein, an deren Spitze ein Häuptling steht, der sich zuweilen in einem losen Abhängigkeitsverhältnis zu einem Oberhäuptling befindet. Jedoch ist seine Bedeutung äußerst gering. Keysser etwa berichtet von den Kai in Neuguinea, daß die Rolle des Häuptlings sich nur darin auswirkte, daß er wohl das größte Pflanzungsfeld besaß, daß dieser große Reichtum aber dazu benutzt werden mußte, die eigene Dorfschaft und fremde Gäste zu bewirten. Seine Autorität war äußerst gering und erschöpfte sich in bloßer Repräsentation. Er hatte keineswegs ein Recht über Leben und Tod, es sei denn in wenigen Ausnahmefällen während des Krieges, so wie es in Südamerika der Fall ist.

Maßgebend ist der Rat der Alten. Ursprünglich war wohl bei den Bodenbauvölkern in der Deszendenz wie im Erbrecht das sogenannte Mutterrecht vorherrschend, wenn auch mannigfaltige Mischungskomponenten ein klares Bild in dieser Hinsicht nicht mehr überall ergeben. So ist wohl heute etwa bei den Waldlandstämmen Kameruns die Familie vaterrechtlich organisiert, aber diese Ordnung erweist sich deutlich als jüngeres Kulturgut, denn selbst Frauen können Häuptling sein. Bei den Großflußstämmen, den Bakwiri, den Duala und bei den Batangastämmen sind diese ursprünglichen mutterrechtlichen Ordnungen noch heute deutlich zu erkennen.

Grund und Boden waren ursprünglich Gemeineigentum, und es ist sogar fraglich, ob eine Bebauung Eigentum in unserem Sinne und nicht etwa nur einen usus fructus schuf. Ein Kriterium für die Beurteilung sind etwa die Beschränkungen in der Veräußerung des Landes. „So wenig wie Wasser und Feuer", pflegten die Irokesen zu sagen, „vermag der Boden gekauft oder verkauft zu werden." Auch in Melanesien und in Westafrika besteht die Ansicht, daß der Grund und Boden kein Handelsobjekt sei. Nur bei bebautem Land finden sich die Anfänge von Sippen-, Familien- oder Individualeigentum.

Im Gegensatz zu Westafrika, Melanesien und Südamerika, von wo übereinstimmend berichtet wird, daß die Masse der Frauen keine öffentlichen Rechte hatte oder diese nur als Mitglieder einer Geheimgesellschaft genoß, daß also von einer Vorherrschaft der Frau keine Rede sein konnte, hat sich in Nordamerika, etwa bei den Irokesen, eine andere Entwicklung vollzogen. So verteilten die Frauen aller zwei Jahre die Äcker, und sie waren es auch, die die Häuptlinge erwählten. Aber ihre Macht erstreckte sich noch weiter: sie hatten das Vetorecht im Rate der Männer, selbst wenn es sich um eine Entscheidung über Krieg oder Frieden handelte. Sie hatten ferner das Recht, Fremdlinge durch Adoption in den Stamm aufzunehmen, und konnten über das Los der Kriegsgefangenen entscheiden.

Schon die gegenseitige Hilfeleistung bei der Rodung eines Feldes, wie sie häufig in Melanesien und Südamerika, seltener in Afrika vorkommt, zeigt an, daß auch die Nahrungsfürsorge keine individuelle war, sondern daß die Gemeinschaft letztlich die Verantwortung dafür trug. Allerdings trat das nur zu Zeiten der Not ein und verhinderte eine zu scharfe Entwicklung der Ungleichheit des Besitzes.

An beweglichen Dingen, nicht an Grund und Boden, besteht allgemein ein persönliches Eigentum, dessen schärfere Ausbildung in Westafrika augenscheinlich ist. Das tritt deutlich etwa bei der Erhebung von Eintrittsgeldern zur Mitgliederschaft in den Geheimbünden in Erscheinung. Denn wichtiger als Häuptling und Ältestenrat ist für die Jurisdiktion besonders in Melanesien und Afrika das wohl aus den Altersklassen entstandene Geheimbundwesen. Im ehemaligen Bismarckarchipel und auf der Gazellehalbinsel sind es der Dukduk- und Ingiet-Bund, in Südamerika der Juripari-Bund, in Kamerun, besonders im Nordwesten bei den Ekoi, der Ewi-ngbe-(„Ewi" = „Gesetz", „ngbe" = „Leopardengesellschaft") Geheimbund, im Süden bei den Pangwe der Bokung-Elong, bei den Bakosi und Basa der Losango-Geheimbund, die im Rechts- und sozialen Leben dieser Stämme eine beherrschende Rolle spielen. Bei den Ekoi etwa liegen die Legislative und Exekutive bei dem Ewi-ngbe-Geheimbund, der sogar über Annahme oder Ablehnung öffentlich-rechtlicher Gesetze bestimmen kann. Er ist ferner die oberste Berufungsinstanz bei allen Prozessen. Die Zulassung zu dem Geheimbund und der Aufstieg in höhere Grade ist zumeist von der Zahlung eines Geldbetrages abhängig. Der Austritt aus dem Bund steht jedem frei, jedoch sind die Vorteile der Mitgliedschaft so groß, daß selten oder nie ein Austritt erfolgt. Der demokratischen, nach innen gerichteten, dabei kleinen Rechtsgemeinschaft geben gerade diese Bünde oftmals eine autoritative Rechtsprechung, die erst in jüngeren Komplexen in die Hände der konstituierenden Dorfgemeinde übergeht, repräsentiert bei diesen Stämmen durch Häuptling und Palaver der Alten.

Diese Geheimbünde spielen strafrechtlich und zivilrechtlich eine große Rolle. Wie ein solcher prozessual-rechtlicher Vorgang vonstatten geht, möge das folgende Beispiel zeigen. Hat bei den Bakosi ein Gläubiger eine Ziege zu fordern, die der Schuldner nicht bezahlen will, so geht der Gläubiger zu den Mitgliedern des Losango-Bundes und bittet sie, ihm zu seiner Ziege zu verhelfen. Sie nehmen ihr Bundesabzeichen und stellen es dem Schuldner vor die Hütte. Das hilft gewöhnlich sofort. Für die Dienstleistung bekommt der Geheimbund eine Ziege. Wird die Schuld nicht sofort bezahlt, so daß das Abzeichen des Bundes bis zum nächsten Morgen vor der Hütte bleiben muß, so kostet das ein Rind, das die Mitglieder des Geheimbundes verzehren. Darum sucht jeder Schuldner Gläubiger und Geheimbund möglichst rasch zu befriedigen. Ebenso legt sich der Geheimbund ins Mittel, wenn einer des anderen Frau verführt hat und nichts bezahlen will. Bei den Basa sind es der Mungi- und der Um-Geheimbund, die in geheimen nächtlichen Zusammenkünften Befehle, Urteile und Strafe beschließen und sie ebenfalls geheim — es handelt sich dabei fast immer um die Todesstrafe — ausführen lassen. „Der Mungi hat uns gerichtet", heißt es dann. Auch Nichtmitglieder des Geheimbundes haben das Recht, Rechtshilfe bei dem Bund zu suchen, wie es auch bei dem Egbo-Bund der Küstenstämme der Fall ist.

Über das Dorf hinausgehende Zusammenschlüsse sind bei diesen Völkern der Alten Welt in der Regel unbekannt; als „internationales" Instrument fungiert der Geheimbund, der jedoch nicht auf das Dorf, auch nicht auf den Stamm beschränkt ist, sondern sich besonders in Westafrika und Melanesien über weite Gebiete erstreckt, ohne jedoch — und das ist bezeichnend — staatsbildend zum Zusammenschluß größerer politischer Einheiten zu führen. Das Fehlen des politischen Zusammenschlusses zu größeren Verbänden ist jedoch nur typisch für die Alte Welt, in Amerika ist bei den entsprechenden Völkern gerade das Gegenteil der Fall. Das beste Beispiel hierfür bieten die Bünde der Irokesen. Der New Yorker Bund umfaßte fünf Stämme, die durch einen Zentralrat, der Beschlüsse nur einstimmig und nicht nach dem Mehrheitsprinzip fassen konnte, repräsentiert waren. Diese geschlossene Zentralgewalt war trotz der Erblichkeit der Führerschaft ziemlich lose. So konnte jeder Stamm selbständig Krieg führen oder Frieden schließen, sofern die Interessen des Völkerbundes dadurch nicht geschädigt wurden. Ungleich den Eroberervölkern der Alten Welt, insbesondere Afrikas und Asiens, ist in Amerika selbst bei den Stämmen vorstaatlichen Gepräges, ja gerade bei ihnen, der Zug zum „internationalen" Zusammenschluß sehr stark gewesen. Zum Teil mögen die Geschehnisse mit dem Druck der Weißen und ihrem Einfluß zusammenhängen, wie denn etwa die Tscheroki sich selbst ein Regierungssystem nach dem Vorbild der USA schufen. Nicht die Eroberung eines Stammes durch einen anderen und eine dadurch hervorgerufene Ständegliederung, wie sie in der Alten Welt, besonders in Afrika, vorgekommen ist, bildete das Kennzeichen der amerikanischen staatsähnlichen Gebilde auf dem heutigen Gebiet der Vereinigten Staaten. Eine Ausnahme mag in gewissem Sinne das Reich der Powhatans gebildet haben, das sich zur Zeit seiner größten Ausdehnung über achttausend Quadratmeilen erstreckte und mehr als einhundertfünfzig Städte umschloß und das in der Tat zumeist auf Eroberung beruhte.

Ein weiterer Unterschied zwischen den vergleichbaren nordamerikanischen und westafrikanischen Komplexen besteht hauptsächlich im Verfahren. Bei den westafrikanischen Waldstämmen kennt man neben dem Selbsthilferecht und dem Appell an den Geheimbund ein wohlausgeprägtes Verfahren vor dem Palavergericht, das aus dem Häuptling und den Ältesten zusammengesetzt ist. Die Ladung geschieht auf verschiedene Weise, sei es durch die Parteien unmittelbar oder durch den Häuptling. An angewandten Beweismitteln sind bekannt: Folter, Eid, Trank- oder Giftordal, Zeugenbeweis, Augenschein und Urkundenbeweis. Der Urteilsverkündung geht eine geheime Beratung des Gerichts voran, wobei Stimmenmehrheit entscheidet. Das Kompositionssystem beherrscht das Verfahren, Rache und Strafe werden in der Regel durch Zahlung eines Bußgeldes abgewandt. Dieses scharfgeregelte Prozeßverfahren fehlt bei den amerikanischen Stämmen. Außer einem ordalähnlichen Beweis und gewissen Beteuerungsformeln der Parteien sind andere Beweismittel, besonders die vielen Formen des reinen Ordals, unbekannt.

Die Wirtschaftsgrundlage der Viehzüchtervölker, der nächsten großen Kulturgruppe, hat in Amerika keine Parallelen. (In Peru handelt es sich nur um eine Viehhaltung der Lamas und Alpakas.) Sie ist meist mit Erntewirtschaft oder Bodenbau gemischt oder von den Hochkulturen stark beeinflußt worden, so daß reine Viehzüchtervölker heute wohl nicht mehr vorkommen. Immerhin bietet diese Wirtschaftsform die Hauptgrundlage der Ernährung einer Reihe von Völkern, die sich in der Alten Welt in einem Streifen von Nordostsibirien über Zentralasien, Arabien, Nord- und Ostafrika bis zur Südspitze Afrikas und dem Buschmannsgebiet erstrecken. Sibirische und europäische Stämme, wie Lappen, Samojeden, Tschuktschen, Tungusen und Jakuten, züchten das Ren; die Innerasiaten, Mongolen und Türkvölker das Rind, Schaf, Pferd und Kamel; die afrikanischen, besonders die ost- und südafrikanischen Hirtenvölker vornehmlich das Rind.

Die Weidegebiete sind immer das Eigentum des ganzen Stammes, sind jedoch ebenfalls wie bei den Erntevölkern nicht scharf abgegrenzt, und unbefugtes Weiden auf fremdem Gebiet hat keine Bestrafung zur Folge. Der Stamm als solcher tritt rechtlich kaum in Erscheinung, sondern die vaterrechtliche Großfamilie ist vorherrschend. Die soziale Einheit ist also die patriarchalische Großfamilie (Brüder, Neffen, Söhne, Enkel sind eingeschlossen), sie beansprucht auch politische Selbständigkeit. An der Spitze eines Stammes steht der Häuptling, der erwählt worden oder dessen Würde erblich ist. Sein Einfluß ist aber zumeist von seiner Persönlichkeit und von seiner Freigebigkeit abhängig, also schließlich auch wieder von der öffentlichen Meinung seiner Stammesgenossen. Dem Häuptling zugesellt ist der Rat der Alten (bei den Kirgisen sind das die sogenannten Weißbärte, bei den Herero die „umakarére"), ohne dessen Zustimmung, besonders auf dem Gebiet des Bodenrechts, der Häuptling nichts unternehmen kann.

Diese Nichtverfügungsberechtigung des Häuptlings hat die damalige deutsche Regierung anläßlich des Hererokrieges demonstriert bekommen. Sie hatte wohl Landabtretungsverträge mit den Häuptlingen geschlossen, diese waren aber nicht verfügungsberechtigt, und aus dieser Verkennung der rechtlichen Grundlage entstand der Krieg. Größere politische Verbände über den Stamm hinaus sind bei der individualisierten Struktur der Viehzüchtervölker, vor allem der Kamel- und Pferdezüchter, nicht vorhanden. Die Jurisdiktion, besonders die Institution der Blutrache, ist Sache der Parteien. Eine Komposition und Zahlung eines Wergeldes sind ursprünglich nicht üblich, sondern auf Beeinflussungen sekundärer Art zurückzuführen. Typisch ist bei den Viehzüchtern vor allem die Herausbildung von persönlichem Eigentum und eine Vermögensanhäufung in Gestalt der gezüchteten Tiere. Damit ist aber zugleich die Herausbildung von Standesunterschieden und einer vertikalen Gliederung gegeben, aber erst durch das Zusammentreffen mit den Bodenbauvölkern hat die in Ansätzen vorhandene Hierarchie der Viehzüchter ihre volle Ausbildung gefunden. Das Erbrecht ist bei den meisten Stämmen durch die Primogenitur (das ausschließliche Erben des Erstgeborenen) gekennzeichnet, nur unter mohammedanischem Einfluß tritt ein gewisses Gleichrecht im Erbrecht ein.

Die Hirtenvölker haben in der Alten Welt in Asien sowohl wie in Afrika durch Schaffung großer Staaten in politischer Hinsicht so umgestaltend gewirkt, und ihre im Gegensatz zur zentripetalen demokratischen Haltung der alten Bodenbauvölker stehende zentrifugale, kriegerische Einstellung hat so stark besonders die moderne Soziologie beschäftigt, daß ein paar Beispiele für diese Akkulturation in rechtlicher Hinsicht gerechtfertigt erscheinen.

In historischer Zeit, noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, konnten wir eine solche Eroberung des Gebiets seßhafter Bodenbauvölker durch Viehzüchtervölker in allen Phasen beobachten: die Züge der Fulbe zur Unterwerfung Adamauas. Der Grund für diese Fulbewanderungen war wirtschaftlicher Natur. Sie suchten neue Weiden für ihre Buckelrinder, lebten zuerst nur geduldet unter den Negerstämmen, ja, wurden von diesen oft selbst bedrückt. Lange noch wurde sogar den Häuptlingen der sogenannten Heidenstämme, die seßhafte Bodenbauer waren, das jus primae noctis („Recht der ersten Nacht") von den Fulbe eingeräumt. Diese vorerst friedliche Durchdringung wurde zu einem kriegerischen Eroberungsfeldzug zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts durch den Aufruf des Scheu-Usmanu zum Heiligen Krieg gegen die Heiden. Die Folge war die Gründung des großen Sokoto-Reiches zwischen Niger und Schari, dem der Feldherr Modibo Adama das nach ihm benannte Adamaua eroberte. Im Verlaufe seiner zweiundvierzigjährigen Regierungszeit, zumeist in Yola, hatte er die Heidenstämme unterworfen oder sie in die Gebirge zurückgedrängt. Nach seinem im Jahre 1847 erfolgten Tode wurden die Eroberungszüge nach Süden vor allem durch seinen Sohn Laual weiter ausgedehnt und Tikar, Wüte und Baja unterjocht und tributpflichtig gemacht. Diese Eroberungszüge waren nur aus einer taktischen Tatsache heraus möglich, die in der Panzerreiterei der Fulbe bestand, das heißt, nicht die Rindviehzüchter, sondern die Reittierzüchter (Kamele und Pferde) waren nicht nur in Asien, sondern auch in Afrika die Eroberervölker.

Die Fulbe hatten die Heidenstämme unterworfen, tributpflichtig und hörig gemacht und ganz Adamaua in eine Reihe von despotisch regierten Staaten aufgeteilt. Das Volk zerfällt in Sklaven (Kriegsgefangene und in der Sklaverei Geborene), Hörige (die unterworfenen Stämme), Freie (Angehörige des eigenen Volkes) und den Adel, der sich aus dem aus Sklaven bestehenden Beamtenadel und der Klasse der Lamidos zusammensetzt. Neben diese gesellschaftliche Gliederung tritt die gewerbliche der Berufsstände. An der Spitze des Staates steht der Emir oder Sultan, unterstützt von einer zahlreichen Beamtenhierarchie, die sich zumeist aus seinen Sklaven rekrutiert. Der Erste Minister heißt in Adamaua Kaigamma, der oberste Heerführer ist der Ssárrikin lefidda, der Zeremonienmeister der Ssalámma. Daneben gibt es zahlreiche Beamte von untergeordneter Bedeutung. Der ganze Aufbau eines Fulbestaates hat viel Ähnlichkeit mit den Feudalstaaten des deutschen Mittelalters, Das Land ist in eine Anzahl Provinzen und Distrikte aufgeteilt, die von einem Vasallen, einem L a m i d o des Sultans, verwaltet werden, der im Kriegsfalle Heeresfolge leisten muß und zur jährlichen Tributzahlung verpflichtet ist. Die Vertreter der „Minderheiten" und der Fremdlinge am Hofe waren die Galamida, die als Mittelspersonen und Konsuln zwischen ihren Landsleuten und dem Sultan fungierten. Der Grund und Boden gehörte ursprünglich dem König, der durch Verkauf der Ländereien seine Einnahmen vermehren konnte, die zumeist verschiedene Arten von Steuern umfaßten, von denen der von dem S s a r i k a n kásua (Marktvogt) erhobene Marktzoll sehr einträglich war. Recht wurde von dem Alkali, dem vom König ernannten Berufsrichter, gesprochen, wobei der Koran bei den mohammedanischen Fulbe zumeist als Rechtsquelle galt. Verstümmelungen, Ehren- und Freiheitsstrafen spielten im Strafrecht eine große Rolle. Mord, Sklaven- und Pferdediebstahl im Rückfall wurden mit dem Tode, einfacher Diebstahl mit dem Abhauen der rechten Hand bestraft. Im Schuldrecht ist die Ausbildung der Schuldsklaverei bemerkenswert. An Stelle der Blutrache tritt die Buße, von der ein Teil an den König oder den Staat fällt.

Dieses Bild der Fulbeverwaltung gibt ein ziemlich typisches Beispiel für die Völker des Sudan, von den Ewe im Westen bis zu den Kaffitscho im Osten, ja, darüber hinaus für die Staatsbildungen der Mongolen und Hunnen in geschichtlicher Zeit. Was den Sudan anlangt, so läßt sich ein Ansteigen zentralistischer Hochkulturordnungen von Westen nach Osten feststellen, der etwa bei den von den Habeschi im Jahre 1897 eroberten Kaffitscho altägyptische Züge trug. Der Kaiser-Gott, der dem Volk immer unsichtbar blieb, war der Eigentümer des Landes, die Quelle des Rechts (für Recht und König gab es dasselbe Wort: táto), der oberste Kriegsherr, der Staat selbst, der Herr über Leben und Tod der Kaffitscho. In Wirklichkeit aber war der Herrscher abhängig von den sieben mikiréco, den Mitgliedern des Reichsrates, die selbst den Kaiser absetzen konnten.

In anderen Gebieten Äthiopiens und Nordafrikas kann dieser Reichsrat sogar das Todesurteil über den Kaiser nach einer gewissen Anzahl von Regierungsjahren oder aus bestimmten Anlässen fällen. Das Land war in Kronland und Erblehen eingeteilt, wobei diese Lehen nur freien Kaffitschos verliehen wurden. Verbrechen, die von Amts wegen geahndet wurden, waren nicht der Mord, der durch die Sippe in Form von Blutrache gesühnt wurde, sondern Aufruhr, Verrat, Zauberei, Raub, Feigheit in der Schlacht, Notzucht und Körperverletzung. Im Beweisverfahren waren Kinder, Frauen, Lügner, Diebe, Räuber und Fremde nicht zugelassen. Die Strafen wurden sofort nach dem Urteilsspruch vollzogen und bestanden in Geldbußen, Geißelung, Friedloserklärung, Verstümmelung, Erhängen, Enthauptung, Herabstürzen von einem Felsen, Verhungernlassen und Aussetzung.

Es ist interessant, zu den mehr fortgeschrittenen afrikanischen Regelungen, wie sie durch das Zusammentreffen von Viehzüchtervölkern mit Bodenbauvölkern entstanden, ein amerikanisches Vergleichsbeispiel zu geben. Auf dem Gebiet der Vereinigten Staaten bieten die ausgestorbenen Natchez eine solche Vergleichsmöglichkeit. Die Verfassung der Natchez war eine Theokratie, das heißt, der König, die „Große Sonne" (Great Sun) war zugleich der Hohepriester. Das vertikale Organisationsprinzip baute sich auf einem streng gegliederten Ständewesen mit Sklaven als unterster Schicht auf, dann kam das gemeine Volk, „Stinkards" genannt. über diese herrschte der Adel, der seinerseits wieder in die folgenden drei Rangstufen zerfiel: die Sonnen, die Adligen und die Geehrten Männer. Die Heiratsvorschriften gestatteten nur eine Heirat nicht innerhalb! der Rangklasse, sondern von einer in die andere. So durften zum Beispiel die „Sonnen", also selbst der König und seine Schwester, nur in die Klasse des Volkes heiraten. Im allgemeinen folgten bei den Natchez die Kinder der Klasse der Mutter, jedoch gehörten die Kinder aus der Ehe eines Adligen mit einer Frau aus dem Volke zur Adelsklasse. Ein Emporsteigen in eine höhere Gesellschaftsklasse war ebenfalls möglich, sei es durch Tapferkeit im Kriege, sei es durch besonders vorgeschriebene, oft grausame religiöse Dienste für den König oder, sagen wir, den Staat, denn diese beiden waren dort in der Tat identisch. So konnten die „Stinkards" in die Klasse der „Geehrten Männer" und diese wieder in die der Adligen aufsteigen. Die Rolle des Kriegshäuptlings jedoch blieb den Adligen und den „Sonnen" vorbehalten. Aber auch hier scheint die Abneigung gegen den in einer Person — der des Königs — verkörperten Absolutismus, die bei allen Indianerstämmen vorherrscht, die Einrichtung geschaffen zu haben, daß in den wichtigsten Dingen wie Krieg und Außenpolitik ein Rat alter Häuptlinge und Krieger gehört wurde, der darüber zu befinden hatte — aber nicht der König. Die Stände waren dem König, der Macht über Leben und Tod hatte, tributpflichtig. Das Territorialprinzip war, allerdings abgeschwächt, im König verkörpert.

Die zuletzt berührten Beispiele führen bereits zur Entwicklung der wohlbekannten konstitutionellen und rechtlichen Struktur der Hochkulturen hin, bei denen das gesamte Rechtsverfahren — Fälle, Regeln, Normen usw. — schriftlich verzeichnet ist und damit der gegenwärtigen Bevölkerung und den kommenden Generationen zur Richtschnur dienen kann. Jedoch sind es nicht die Völker mit geschriebener Geschichte, die Ursprung und Entwicklung der Rechtsinstitutionen der Menschheit am deutlichsten zeigen, sondern diese Tatsachen enthüllen sich uns am besten, wenn wir das Gewohnheitsrecht der kulturell ältesten und daher primitivsten Völker betrachten.

Sind wir nun berechtigt, selbst bei diesen alten Stämmen der Naturvölker von dem Bestehen eines Rechts und von Rechtsnormen zu sprechen?

Wir sind es in der Tat, denn selbst bei ihnen herrscht kein Chaos, sondern das Leben der Gemeinschaft ist durch klar definierbare Rechtsregeln geordnet. Die Rechtsnormen durchdringen das gesamte Leben der jeweiligen Völkergruppen. Dabei fungieren der Druck von außen und die öffentliche Meinung von innen als die mächtigsten Faktoren, die das Verhalten des einzelnen und der Gemeinschaft regulieren. Das Eigentum an Grund und Boden ist ursprünglich Kollektiveigentum der Lokalgruppe, nur seine Nutznießung steht mitunter einer Gruppe von Familien oder einer Einzelfamilie zu. Auch die Bebauung selbst schafft an und für sich noch kein Eigentum. Selbst in Fällen, wo wie bei den Staaten des Sudans und Äthiopiens das Land dem König gehörte, war dieses nicht ein Privateigentum im Sinne des modernen Rechts, denn der König-Priester war ein Halbgott, war eine Idee und wurde als Individuum getötet, sobald das Wohl des Volkes dies verlangte. Das Land gehörte ihm nur als Verkörperung des Staates.

Die Nahrungsmittel waren ursprünglich ebenfalls Kollektiveigentum. Damit steht im Zusammenhang auch die kollektive Verantwortlichkeit der Nahrungsgemeinschaft für eine ausreichende Ernährung des einzelnen.

Die Entwicklung des persönlichen Eigentums zeigt deutliche Ansätze bei den Erntevölkern, denen auch eine schärfere Herausbildung des Urheberrechts und des „internationalen" Rechts eigentümlich ist. Das Asylrecht treffen wir an bei Erntevölkern, Viehzüchtern und bei den Polynesien, und seine Weiterbildung ist schließlich bis zu den griechischen und mexikanischen Tempeln zu verfolgen.

Die Ständegliederung hat bei den Viehzüchtervölkern und bei den Polynesien schärfere Ausbildung erfahren.

Im internationalen staatlichen Verhalten, etwa bei den verschiedenen Zusammenschlüssen der Irokesen, der Algonkin und der Huronen, wurden Gebilde geschaffen, die nicht mit ähnlichen der Alten Welt zu vergleichen sind, sondern höchstens mit der ganz modernen Einrichtung des Völkerbundes und der „United Nations" -sie stellen einen Gegensatz zu den despotischen Staatsgebilden Afrikas dar.

Soviel aber dürfte klar geworden sein, daß nämlich bei den Naturvölkern sehr enge Beziehungen zwischen Regierungsformen, Besitz an Grund und Boden und Wirtschaftsform bestehen; daß die Erde der Horde, dem Stamm oder Volk gehört, nicht aber dem Individuum, und daß auch in der Nahrungsfürsorge die Gemeinschaft im Mittelpunkt steht.

Volk und Land und Recht sind ewig für die Naturvölker — nicht aber das Individuum.

Quelle: VVV Volk und Buch Verlag Leipzig 1951, Vom Ursprung der Dinge; © by sykr jadu 2003


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