Algier
|
Selbst dem, der die Pracht der Küstenlandschaft am Mittelmeer mit ihren reizvollen Bergkonturen und Farbengemisch kennt, ist Algier, die Terrassenstadt, ein überraschendes köstliches Bild, wie sie da am Nordabhange des nordalgerischen Randgebirges im wuchtigen Aufbau lagert, überragt von den Wällen der Kasba. Von blühenden Ortschaften, schönen Villen mit üppig gründenden Gärten umgeben, bildet die Stadt ein riesiges Dreick, das in dem am meere gelegenen europäischen Viertel seine breiteste Basis hat, dann immer schmäler werdend, zu der maurischen Stadt in engen gewundenen Gassen an dem Hügel hinaufsteigt und oben an der alten Burg der Deis (jetzt eine Kaserne) seine Spitze erreicht. Es ist in diesem Stadtbilde und Stadttreiben ein wundersames Gemisch vin französischer Eleganz und maurischen Stolz in Schmutz, von Hyperkultur und Afrikanertum. Schon die Außenseite, die das glorreiche Überwiegen der französischen civilisation über das in die engen dunklen Gassen gebannte Moslimwesen erweist, zeigt, daß die grande nation hier ganze Arbeit getan und Algier zur französischen Großstadt umgewandelt hat. Der Glanzpunkt Algiers ist der Boulevard de la Republique. Früher, in der Zeit der "Barbaresken"-Herrschaft, zog hier ein felsiger Abhang vom Hafen herauf. Es werden ihn wohl viele christliche "Sklaven" passiert haben, die von den fanatischen Moslim auf ihren Seeräuberfahrten gefangen genommen waren. Es war vielleicht romantisch, aber nicht angenehm, wie die ganze Dei-Wirtschaft. Den alten Hafen hatte Haireddin Barbarossa, einer der meistgenannten Herrscher Algeriens, angelegt, indem er die vorliegenden Inseln durch einen Steindamm verband, es war wenigstens ein Schutz gegen den gefährlichen Nordwind. Heute ist durch zwei große Molen eine Wasserfläche von 90 Hektar vor dem Wellenschlage ganz geschützt und ein ganz exzellenter, ein "erstklassiger" Hafen gewonnen beinahe wird er für den steigenden Verkehr schon zu klein. Gewaltige Gewölbe ziehen sich die Küste entlang und sind ein Bindemittel zwischen Hafen und Stadt. Oben auf der durch die Gewölbe gebildeten Terrasse, wo einst die alte Deiburg stand, dehnt sich der Boulevard de la Republique, von dessen Balustrade man einen wunderbaren Ausblick über den Hafen und aufs Meer hinaus hat. Nicht nur Europäer erfreuen sich daran, auch die eingeborenen Araber versammeln sich hier mit Vorliebe und starren von hier in das blaue Element hinaus, vielleicht der Zeiten gedenkend, in denen sie hier die Herren waren und die "Giaurs", die ungläubigen Hunde, ihre Sklaven. Führung durch Algier Es erübrigt nur noch, die einzelnen Sehenswürdigkeiten, sowohl diejenigen aus der Barbareskenzeit als die modernen durchzunehmen, und beide Arten sind wirklich interessant. Gerade die Berührung des maurischen mit dem hyperkultivierten Charakter gibt dem Ganzen eine eigentümliche Note. Um diesen Unterschied so recht auf sich wirken zu lassen, steige man vom Hafen aus in die maurische Stadt hinauf, in den engen winkeligen Stadtteil, in dem Mauren, Araber und Juden ihre Quartiere haben und der immer rege Verkehr charakteristische orientalische Erscheinung zeigt. Die bemerkenswertesten Viertel der maurischen Stadt sind das Sidi-abd-Allah, Sidi Ramdan und Mohammed Scherif, die noch fast unverändert ihr altes Aussehen bewahrt haben. Die labyrinthischen Gassen, in denen ein Zurechtfinden sehr schwer ist, sind oft so eng, daß die Häuser einander beinahe berühren oder durch Altane miteinander verbunden sind. Die Häuser zeigen zumeist in ihrer Außenfront fensterlose einförmige Fassaden. Die oberen Stockwerke ragen über die unteren hervor, erkerartig mit schiefen Holzstützen. Es gibt unter ganz einfachen maurischen "Mietskasernen" auch große palastähnliche, mit Portiken und stattlichen Vestibülen, die zu offenen Höfen mit Marmorpflaster führen, von Hallen umgeben. Mann kann nur von außen hineinblicken, Erlaubnis zur Besichtigung wird bei der Abgeschlossenheit der Moslimbehausung den Giaurs nicht erteilt. Ein solches Haus eines maurischen Großen enthält im unteren Stockwerk ein Badesaal, Küche und Zisterne , über den Säulenhallen ein zweites Hallengeschoß, zu oberst die Platte und einen geschlossenen Arbeitspavillon. Inmitten dieses recht orientalischen Viertels liegen drei für die Moslims Algiers bedeutungsvolle Moscheen: die Lapua des Mohamed-ech-Scherif (gest. 1741) in der Rue de Palmier, die Dschama Safir in der Rue Kleber, die Dschama Sidi Ramdan in derselben Straße. Andere bemerkenswerte Moscheen, allerdings jetzt von den Straßen des Europaviertels umgeben, sind: die älteste große Moschee Dschama el Kebir, im Jahre 1018 erbaut, mit 14 prächtigen maurischen Arkaden auf weißen Marmorsäulen, ein Zierstück maurischer Baukunst, in der Mitte der Halle ein Weihbrunnen, unten am Minarett eine römische Inschrift (aus den Ruinen von Icosium) im Innern sind nach islamitischer Art die Lampen der einzige Schmuck des kahlen Raumes die Dschama Abder Rahmann-el Tzalbi, nach dem auch als geistlichen Schriftsteller hochgeschätzten Heiligen (Marabut) genannt, die originellste und reichste Moschee Algiers, die die bunt und pomphaft geschmückten Gräber berühmter Paschas enthält, und auf den Place du Gouvernement die im Jahre 1600 erbaute Dschama-el-Dschedid, an die sich die Legende knüpft, daß ihr Erbauer, ein genuesischer Christensklave, der die Kühnheit hatte, ein mohammedanisches Gotteshaus in Kreuzform zu bauen, dieses Unterfangen mit dem Feuertode büßen mußte. Das klingt ganz "barbaresk". Schon an dieser Moschee und ihrer Umgebung wird uns die Neugestaltung Algiers, das Übergewicht der fränkischen Kultur über den Islam, so recht vor Augen geführt, denn gerade hier auf der mit Marmor geplasterten und mit schönen Plantanen verzierten Place du Gouvernement konzentriert sich das ganze Vergnügungsleben Algiers, bei den Klängen der Militärmusik flanieren hier die Gigerl und die schönen der Stadt (aber nur die "fränkischen" und jüdischen, maurische sind nicht darunter), tout comme chez nous (wie bei uns zuhause). Auf diesem Platz erhebt sich das Reiterstandbild des Herzogs von Orleans, der in den Jahren 1835-1840 an den Kämpfen in Algerien hervorragenden Anteil hatte. Das Denkmal wurde aus den bei der Eroberung Algiers erbeuteten Kanonen gegossen. Andere erwähnenswerte öffentliche Plätze sind ferner: die Place de la Republique, ein stattlicher Platz, an den sich ein schöner Park von Palmen und Eukalypten anschließt, die Place de Chartres (ein sehr reger Markt für Blumen, Früchte und Gemüse, die von Spaniern, Arabern und einheimischen Juden feilgeboten werden), die Place Malakoff, an deren Westseite die auf der Stelle der prächtigen Hassan Moschee errichtete Kathedrale steht, ein origineller Bau aus maurischen und christlichen Architekturenelementen gemischt, und der Jardin Marengo, am Abhange des mohammedanischen Friedhofes terrassenförmig angelegt, mit üppiger südlicher Vegetation, Palmen und Bambus und köstlicher Aussicht. Eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges ist die historisch hochinteressante Kasba, die alte Zitadelle, die früher der stark befestigte Sitz des Deis war. An dieser Zitadelle ist der geschichtliche Vorgang geknüpft, der den Krieg Frankreichs gegen Algier einleitete und dem Dei Hussein seine Herrschaft kostete. Wiederholte Verletzung der französischen Regierung hatten eine feindselige Stimmung der Franzosen gegen Algier erzeugt, so daß die französische Regierung sich nicht sonderlich beeilte, Reklamation des Deis wegen einer Schuld Frankreichs an algerischen Juden (sie stammte aus dem Jahre 1789) zu berücksichtigen. Als nun am Beiramfest 1827 der Dei die fremdländischen Konsule empfing, fragte er den französischen Konsul Deval nach der Ursache der Verzögerung. Dieser antwortete in beleidigender Form. Hierüber wütend, schlug der Dei den Konsul mit einem Fliegenwedel ins Gesicht und erging sich in Schmähungen gegen den König von Frankreich. Dies ward die Ursache des Krieges Frankreiches gegen Algier, der mit der bedingungslosen Unterwerfung des Deis und der Einverleibung Algeriens als französische Provinz endete. Nur wenige Reste des alten Haus sind jetzt noch erhalten. Ein Glanzpunkt in der näheren Umgebung ist die elegante Villenvorstadt Mustapha Superieur. Die Rue Mustapha, einer der beliebtesten Spazierwege für Fußgänger, Reiter und Equipagen, führt zu ihr hinauf, zwischen schönen Villen mit köstlichem Ausblick auf das Meer und die üppig grünen Küstenhügel. In Mustapha Superieur befinden sich die distinguierten Fremdenhotels und -Pensionen und auch das neuerrichtete Museum, das hauptsächlich Altertümer aus der Provinz Algerien und die auf der Stätte des alten Karthago aufgefundenen enthält. Die Umgegend Algiers bietet mannigfache Gelegenheit zu lohnenden Ausflügen. Da sind als interessante Ausflugsziele zu nennen: Notre Dame d'Afrique auf dem Berge Bou-Zarea, Pointe de Pescade, einem ins Meer vorspringenden Felsenriff (mit Caferestaurant), Guzotville, ein hübsches stattliches Dorf mit einer prähistorischen Grotte, le Bou-Zarca, einem mit Recht gerühmten Aussichtspunkt usw. Selbst bei kürzerem Aufenthalt ist aber unbedingt der in der Stadt am Meere gelegene umfangreiche Jardin d'Essai, ein botanischer Garten, der zugleich Volkspark ist, sehenswert. Am Sonntag Nachmittag konzertiert hier eine Militärkapelle. Auch Strauße, Kasuare, Lamas, Gazellen, Zebras beleben den "Hamma", wie der Garten von Hause aus hieß. Hamma bedeutet Sumpf, und auf Morastboden, der die tropische Pflanzenüppigkeit förderte, ist der Jardin D'Essai errichtet worden. Der größere Teil ist ausgetrocknet worden, aber dort, wo die Feuchtigkeit noch fortwirkt, gedeiht eine große Zahl tropische Pflanzen unter freiem Himmel. Exotische Pflanzen werden hier zur Einfassung der 400 m langen Alleen verwendet; diese einzigartigen Hecken bestehen hauptsächlich aus Palmen, Drachenbäumen, Feigen, Bambus usw. Dieser botanischzoologische Garten umfaßt eine Fläche von 80 ha. In der nächsten Nachbarschaft des Gartens sind moderne Cafes pariserischen Stils, wie das Cafe des Plantanes. Quelle: Reise um die Erde, Internationaler Weltverlag 1905, von rado jadu 2000 |
