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Ägypten

Von Prof. Dr. Karl Dyroff

1. Das Ägypten der Pharaonen

C. Das Alte Reich (etwa 3300 - 2400 v. Chr.).

b) Die Memphiten und der Ausgang des Alten Reiches (3. -8. Dynastie; etwa 2900 - 2300 v. Chr.).

 

So unverächtlich die Kultur und die politische Machtentfaltung der Thinitenzeit erscheinen muß, es sind doch nur Anfänge gegenüber dem mächtigen Aufschwung, den Ägypten von nun an erlebte. Der Schwerpunkt des Reiches gelangte wieder dahin, wo die ersten großen Fortschritte gelungen waren, nach Unterägypten. Auf die starken, aber etwas rohen Kraftanstrengungen der oberägyptischen Vorblüte und auf die Übergangszeit der 3. Dynastie folgte die Blüte des "Alten Reiches", die 4. und 5. Dynastie, eine glückliche Jugendepoche, da das begabte Volk, von äußeren Feinden wenig behelligt und mit berechtigtem Stolz sich allen Nachbarn überlegen fühlend, im eigenen Land eine Fülle von Kulturwerten erzeugte, von denen die ganze Folgezeit zehren sollte. Der Glanz des Alten Reiches ist vom Neuen äußerlich verfeinert und übertroffen, aber an innerer Energie nicht mehr erreicht worden, und nicht umsonst haben sich die späten Nachkommen, in der 26. Dynastie, gerade an den Einrichtungen der Pyramidenzeit neu aufzurichten versucht.

Der unter dem Vornamen Khasekhemui bekannte König wird eben durch diesen Namen mit der 2. Dynastie verknüpft; sein eigentlicher Name ist Netscheruiwonefhotep (?) und wohl identisch mit Necherophes, wie der erste König der dritten Dynastie bei Manetho heißt. Statt "Hor" schreibt Khasekhemui "Hor und Seteh" vor seinen Vornamen. Seine Geburt erwähnt der Palermostein. Zu Abod hat er sich, etwas abseits von dem anderen Königsgräbern, ein Grab gebaut, dessen mittlere Kammer aus Stein, nicht mehr aus Ziegeln aufgeführt ist. Seine Gemahlin Nemaathape war allen Anschein nach die Mutter seines Nachfolgers, des Königs Tsoser. Mit Tsoser (griech. Tosortos) statuiert der Turiner Papyrus zum erstenmal durch Rotschrift einen Abschnitt in der Königsreihe; er kennt also Manethos Dynastieeinteilung nicht und hat an Stelle von Manethos neun Namen überhaupt nur vier, auf die im Papyrus 55 Regierungsjahre entfallen (Manetho: 214). Die Zeit ist für uns, wie alle Übergangszeiten in Ägypten, von äußerster Dunkelheit. Die Gleichsetzung der ägyptischen und griechischen Königsnamen gelingt schlecht; Manetho nennt die Könige "Memphiten", und wir glauben das, aber unter welchen Verhältnissen die Verlegung des Mittelpunktes des Reiches aus der Gegend von Abod nach Norden stattgefunden hat, steht dahin. Vielleicht muß man auch hier an die Bedeutung des Tempels von On erinnern. Tsoser liegt nicht mehr in Abod begraben: ihm gehört, etwas weiter nordwestlich, näher bei Girge, das große Königsgrab von Bet Khallaf (-lâ-), in einer Gegend, wo sich mehrere Friedhöfe der 3. Dynastie befinden, dann aber wohl auch ein zweites Grab bei Menfe: die berühmte Stufenpyramide von Sakkara (s. Abbildung), das weithin sichtbare Wahrzeichen dieser wichtigen Nekropole. Es ist ein stolzer Steinbau, 58 m hoch, von einer Form, wie wenn sechs Mastaba, die obere immer von kleinerem Maß als die untere, übereinandergesetzt wären. In der Tat lebte unter Tsoser, der wohl selbst ein mächtiger Herrscher war, ein großer Baumeister Imhotep (griech. Imuthes), der in späteren Zeiten halbgöttlicher Ehren gewürdigt wurde, so daß ihn Manetho und andere Spätere mit Asklepios gleichsetzen; ein Teil des wissenschaftlichen Ruhmes des Alten Reiches knüpft sich an seinen Namen.

In Wadi Maghara auf der Sinaihalbinsel hat Tsoser ein Siegesdenkmal aufgestellt, und eine Inschrift aus der Ptolemaierzeit, die "Stele von der Hungersnot" genannt, weil darin ein vorkommendes Erzählungsmotiv an die biblische Geschichte von Joseph anklingt, weiß von einer Schenkung des Königs zu berichten: König Tsoser sei in großer Sorge gewesen, weil der Nil sieben Jahre nicht gekommen war. Da fragte er den weisen Imhotep um Rat, wo sich die Geburtsstätte des Nil befinde und wer der Gott eigentlich sei, mit dem er es zu tun habe. Der Weise gab ihm ausführliche Belehrung über die Nilquellen, die bei Jep (Elephantine) gedacht werden, und Tsoser brachte den Göttern von Jeb ein Opfer. Da erschien ihm Gott Khnum von Jeb im Traum und versprach ihm, daß er den Nil von nun an wieder zu seiner Zeit kommen lasse. Tsoser schenkte darauf dem Gotte das Zwölfmeilenland (griech. Dodekaschoinos), das Gebiet von Assuan bis Takompso. Also eine Schenkung an die Priester des Khnum von Jeb von zweifelhaftester Echtheit. Natürlich aber sind alte Nachrichten bei der Abfassung des Schriftstückes benutzt worden.

Von den Nachfolgern des Tsoser (regierte 19 Jahre) bis zum Ende der Dynastie wissen wir nichts Rechtes. Aber auch von den großen Pyramidenerbauern der vierten Dynastie (etwa von 2840 v. Chr. an) haben wir nur spärliche Kunde. Denn in den Pyramiden dieser Zeit finden sich fast gar keine Inschriften, und im übrigen liefern die Quellen meist nur kulturgeschichtliche Ausbeute. Vom Ende der 3. Dynastie heißt es in einem Weisheitsbuche ("Papyrus Prisse") in einer literarischen Notiz: "Dann ging die Majestät des Königs Hu zur Ruhe; da wurde aufgestellt die Majestät des Königs Snofru als vortrefflicher König in ganzen Lande." Snofru, der erste König der 4. Dynastie (griech. Sôris; regierte 24 Jahre), hat nach dem Palermostein gegen Nubien gekämpft und Zedernholz vom Libanon holen lassen; in Wadi Maghara steht ein Siegesdenkmal von ihm. Wir kennen von ihm zwei Gräber: das eine ist die Stufenpyramide von Medum (Medûm), gegenüber von Atfih (s. Karte, in der Breite des Faijum), eine anderes, eine Pyramide der gewöhnlichen Form, in Daschur (û), südlich von Sakkara. Sein Nachfolger, der Erbauer der größten Pyramide, Khufu (griech. bei Herodotos Cheops, bei Manetho Sûfis; regierte 23 Jahre), ist wohl sein Sohn. Eine Elfenbeinstatuette von Abod hat uns seine Züge bewahrt. Von dessen Nachfolger und vielleicht Sohn Tsedefre (regierte 8 Jahre) stammt die unvollendete Pyramide bei Abu Roasch (Roâsch), nordwestlich von Gise. Nach ihm regierte Khefre (griech. Chefren), vielleicht gleichfalls ein Sohn des Khufru, und Menkaure (griech. Mykerînos und Mencheres), dessen Regierungszeit im Turiner Papyrus nicht erhalten, bei Manetho unglaublich hoch ist.

So wissen wir von den drei Königen Khufru, Khefre und Menkaure, die sich die seit dem Altertum weltberühmten Pyramidengräber bei Gise gebaut haben, fast gar nichts. Von ihrer Macht zeugen einzig die ungeheuren Steinhaufen, die für sie, nicht ohne Kunst, aufgehäuft worden sind, so ins Maßlose gesteigerte Bauwerke, daß deren Errichter schon früh als Bedrücker ihres Volkes aufgefaßt worden sind. Die Zeit, die diese Denkmäler hat entstehen sehen, hat nicht so gedacht. Es war geheiligte Sitte, daß der König sogleich mit dem Regierungsantritt seinen Grabbau in Angriff nahm, der dann je nach Umständen schnell vollendet oder nach erweiterten Plan fortgeführt und vielleicht erst nach langen Jahren abgeschlossen wurde. Man war wohl zeitweise mit wahrer Begeisterung bei solcher Arbeit, ähnlich wie das Mittelalter seine Dome gebaut hat. Die Weltgeschichte kennt Begeisterungsräusche für noch viel seltsamere Ideale.

Das Dorf Gise liegt am Nil gegenüber von Alt-Kairo, die danach benannten Pyramiden noch 7 km weiter westlich, um Rande der Wüste. Khufu hat seine Pyramide (jetzt ist sie 127 m hoch) an den steilen Nordostrand eines Felsenplateaus gestellt; die des Khefre (jetzt 136 m hoch) liegt weiter südwestlich, um 10 m höher, und erscheint so größer; die dritte Pyramide, die des Menkaure (62 m hoch) liegt zur zweiten wie die zweite zur ersten. Weithin sichtbare Wahrzeichen der Gegend, nun bereits im 5. Jahrtausend stehend, erwecken diese Überreste der 4. Dynastie auch heute noch ein Gefühl der Ehrfurcht. Trotzdem muß man wohl sagen, daß sie eigentlich, klotzig, wie sie heute daliegen, etwas Barbarisches an sich haben; gigantische Massen primitivster Form. Auch die sentimentale Schwärmerei, mit der die Europäer ihren Anblick beim Mondschein bewundern, hat mehr als in den Pyramiden selbst ihren Grund in der Schönheit der nächtlichen Wüste und in der Stimmung, die die riesige Silhouette des Baues, im Mondlicht träumend, hervorruft. Wie die alten Baumeister zu dieser Form kamen, ist nicht festgestellt. Uns scheint es schwierig, zu denken, daß die Stufenpyramide von Sakkara ein Zwischenglied sein soll zwischen der alten Mastabaform der Königsgräber und der Pyramide. Dieses wie der oberste Teil eines Obelisken ansteigende Gebilde ist doch etwas ganz Neues. Sie wird sich, wie die Mastaba, aber unabhängig von ihr, als eine stilisierte Form des Grabhügels entwickelt haben.

Wir tun aber unrecht, wenn wir die Pyramiden nach ihren heutigen Anblick beurteilen. Seit den Ausgrabungen der Deutschen Orientgesellschaft zu Abusir und denen der Expedition Ernst von Sieglin (1909 und 1910) haben wir viel lebendigere Vorstellungen von den Pyramiden bekommen, als wir sie früher haben konnten. Es sind nicht isolierte Bauwerke gewesen, die in der weiten Wüste einsam ragten, sondern jede Pyramide gehörte zu einem großen Komplex von Bauten, die sich um den Totentempel des Königs gruppierten. Die beigeheftete Tafel bietet die nach den Ausgrabungen der Expedition Sieglin rekonstruierte Pyramide des Khefre (s. Abbildung links), wie sich mit der des Khufru (rechts), ihrer riesigen Schwester, am Rande der Wüste im 3. Jahrtausend v. Chr. dem Beschauer darbot: von dem "Torbau im Tale", der selbst ein Tempel ist, zieht sich ein langer gedeckter Aufgang (495 m lang) hinauf zu dem eigentlichen Totentempel, der östlich vor der Pyramide liegt; diese aber steigt oben auf der Höhe, von einer Mauer umschlossen, wie der Kirchturm neben der Kirche, aber freilich in viel mächtigen Verhältnissen und als überherrschende Hauptsache, über der unzugänglichen Grabkammer des Königs zum Himmel auf. Ringsum liegen auf dem Totenfelde die Gräber der Großen des Hofes, die Mastaba (Mástaba), die "Bänke", wie sie die Araber nach ihrer Gestalt nannten. Und nicht nur müssen während des langen Baues allerlei Handwerker, Beamte, Kaufleute in der Nähe der Pyramide angesiedelt gewesen sein, sondern auch der König selbst wird da eine Residenz gehabt haben, die er von Zeit zu Zeit bewohnte: zur Pyramide gehörte eine Pyramidenstadt. Bei der Wichtigkeit, die der Ägypter seinem Grabe, dem "Hause der Ewigkeit", beilegte, mag man sich denken, wie König und Volk den wachsenden Bau mit lebhaften Interesse verfolgten. Auch die Mastaba der Großen mit ihren reliefgeschmückten Räumen werden das Ziel neugieriger Scharen an manchen Festtag gewesen sein. Im Sommer, wenn das ganze Kulturland überschwemmt war, reichte der Nil bis nahe an die Pyramidenstadt und den Torbau heran; von jenseits des Nil, von den Brüchen bei Reau (griech. Troia), kamen die Schiffe mit den Steinblöcken. In den Arbeiterkasernen bei der Pyramide des Khefre lagen, schätzt man, mindestens 5500 Mann. Unter Umständen entwickelte sich aus einer solchen Pyramidenstadt, wo der nachdauernde Kult des Königs im Totentempel seinen Mittelpunkt hatte, eine bleibende Niederlassung. Wir kennen einen Erlaß des Königs Pjope I., der den beiden Pyramidenstädten des Snofru zugunsten des Kultus von Snofru Freiheiten von allerlei Lasten gewährt.

Der "Torbau im Tale", der zum Totentempel des Khufru gehört, ist der bisher unter dem Namen "Sphinxtempel" bekannte, in stattlichen Resten vorhandene Bau. Er war in äußerst einfachen Formen gehalten - glatte polierte Wände, vierkantige Pfeiler aus rotem Granit und Alabasterfußboden -, muß aber eben in seiner Einfachheit von großartiger Wirkung gewesen sein. Neben ihm liegt der große Sphinx (57 m lang, 20 m hoch), gewachsener Fels, dem man die Sphinxgestalt gegeben hat. Da er neben dem Torbau liegt, so mag man den Felsen eben bei der Aufführung des Torbaues so bearbeitet haben, um den mächtigen Stein dem künstlichen Ganzen einzufügen. Auch sonst, und gerade auch bei diesem Torbau, markieren Spinxe den Eingang. Der Spinx ist in Ägypten gewöhnlich das Bild des Königs und trägt dessen Züge. Ist also der große Sphinx nichts anderes als das Riesenbild des Königs Khefre? Im Neuen Reich, das wissen wir sicher, galt er vielmehr für das Bild eines Gottes, des "Hor im Horizont". Die Stätte von Gise aber liegt ungefähr gleichweit von Menfe wie von On, und wir haben Anzeichen dafür, daß kultische Beziehungen zwischen On und der Stätte des großen Spinx bestanden. Ob nicht doch die Leute des Neuen Reiches recht haben, im großen Sphinx des Sonnengott Hor, den Freund des Sonnengottes von On, zu sehen?

Außer den drei bekannten Pyramiden lag bei Gise wohl auch die des Schepseskaf, der vielleicht der Sohn und Nachfolger des Menkaure war. Manetho gibt nach Mencheres noch vier Namen - Ratoises, Bicheris, Sebercheres und Thamphthis -, von denen wir wiederum, ähnlich wie beim Ausgang der 3. Dynastie, nichts wissen, falls nicht etwa einer davon mit Schepseskaf identisch ist. Auf der Rückseite des Steines von Palermo befindet sich kurz vor dem ersten Jahr des Schepseskaf ein von Schrift freier Raum, den man als Stelle eines illegitimen Königs deuten will.

In der Tat fällt auf den Übergang von der 4. zur fünften Dynastie ein Streiflicht, das auf Thronwirren hinweist. Es ist zwar nur ein Märchen, das uns von dem Aufkommen des neuen Herrschergeschlechts erzählt, aber wir sind ihm um so dankbarer, als wir bisher noch bei keiner Dynastie einer Überlieferung über ihre Anfänge begegneten.

Der berühmte "Papyrus von Westar" des Berliner Museums, niedergeschrieben um 1650 v. Chr. berichtet: Die Prinzen unterhielten einst den König Khufu damit, daß sie ihm Geschichten von "obersten Vorlesepriestern" vortrugen, die zur Zeit seiner königlichen Vorfahren gelebt und sich in Zauberei betätigt hatten. Da sagte Prinz Hardedef, er kenne einen Zauberer, der jetzt noch lebe. Er heiße Dede, sei 110 Jahre alt, esse 500 Brote und eine Rinderkeule und trinke 100 Krug Bier bis auf diesen Tag. Er könne abgeschnittene Köpfe wieder ansetzen, könne machen, daß ihm ein Löwe wie ein Hund nachfolge, und dann wisse er noch ein ganz besonderes Geheimnis. Der Zauberer wurde herbeigebracht und machte seine beiden ersten Kunststücke, aber vom dritten wußte er nichts Rechtes: der geheimnisvolle Gegenstand, sagt er, liegt in einem Kasten zu On, und den Kasten wird dem König nur das älteste der drei Kinder der Reddedet bringen. Die Reddedet ist die Frau des Rawoser, eines Priesters des Re von Sakhebu, und Re hat ihr versprochen, daß die Kinder Könige im Lande würden, und der älteste werde Hohepriester von On sein. Da wurde das Herz seiner Majestät sehr traurig, aber der Zauberer tröstete ihn: "Herr König, warum bist du so traurig? Ist es wegen der drei Kinder, so will ich dir sagen: erst dein Sohn, dann sein Sohn, dann einer von ihnen." Also erst nach zwei Sprossen der Familie des Khufu werde das neue Geschlecht an die Reihe kommen. Und dann werden wirklich unter dem Beistand des Re und der bei der Geburt helfenden Götter die drei Kinder der Reddedet geboren. Der Schluß des Papyrus fehlt uns, doch hören wir noch, wie eine Magd dem Khufu verraten will, daß die Reddedet drei Könige geboren hat. Die Kinder tragen aber die Namen der drei ersten Könige der 5.Dynastie, nämlich Weserkaf, Sahure und Kekoë. Ihr Vater Rawoser ist der Ratoises des Manetho; auch Bicheris kommt wohl, als Prinz Biufre, im Märchen vor.

An der hübschen Geschichte hat besonders ein Zug historische Bedeutung, der nicht wohl nachträglich erfunden sein kann: daß die neue Herrscherfamilie mit dem Gotte Re von On in Verbindung gebracht wird (auch der Ort Sakhebu wird in dieser Gegend angesetzt werden dürfen). Denn in der Tat hat unter der 5. Dynastie der Kult des Re einen neuen Schwung erhalten. Wir treffen hier - zum erstenmal, wenn nicht die Thiniten in ähnlicher Weise den Usire auf die Bahn brachten - die in der Religionsgeschichte wohlbekannte Erscheinung, daß politische Tatsachen einem Gotte zugute kommen. Ganz dasselbe ist es, wenn mit den thebanischen Königen des Mittleren Reiches ihr Stadtgott Amon im Götterstaat zur ersten Würde aufsteigt.

Die Könige der 5. Dynastie nennen sich zum erstenmal "Sohn des Re" in ihrem offiziellen Titel, d.h. sie verwerten die von Hofdichtern längst ausgebildete Geschichte, daß der Pharao von Re abstamme, in amtlichen Schriftstücken. Aber sie bauen dem Re auch ganz besondere Tempel, wie sie frühere Könige gebaut hatten. In der 5. Dynastie werden zwar nach wie vor Pyramiden errichtet, und es werden noch recht stattliche Steinmassen gehäuft; man schätzt z.B., daß eine der kleineren, die des Neweserre, die etwa 1/25 der großen Pyramide von Gise darstellt, noch 107 000 cbm Inhalt hat, während die beiden Kammern darin nur 200 cbm freien Raum enthalten. Aber außer ihrer Pyramide haben sechs Könige der Dynastie noch ein "Re-Heiligtum" gebaut; es war also gewiß nicht Sparsamkeit, es war nicht ein Rückschlag gegenüber dem unvernüftigen Aufwand bei den Pyramiden des Khufu und Khefre, der es verhindert hat, daß so große Pyramiden nicht mehr auswuchsen. Wie ein solches Re-Heiligtum aussah, wissen wir seit den deutschen Ausgrabungen bei Abusir in der Nähe von Sakkara (1898-1901), bei denen das Re-Heiligtum des Neweserre untersucht wurde (s. Abbildung). Den Hauptteil dieser Anlage, zu der wiederum eine "Stadt" gehörte, bildete ein Obelisk; er stand auf einem mastabaähnlichen Unterbau, die Umgebung mächtig überragend, in einem viereckigen, ummauerten Hofe. Vor dem Obelisken lag ein großer Altar aus Alabasterblöcken. Vom Hof aus konnte man durch einen allmählich aufsteigenden Gang innerhalb des Unterbaus auf die Plattform am Fuß des eigentlichen Obelisken hinaufgelangen. Die Wände des Ganges zeigten sich mit herrlichen Reliefdarstellungen geschmückt. Zwei große "Sonnenschiffe" lagen in einiger Entfernung von Heiligtum auf einem 30 m langen Unterbau aus Ziegeln. Das Kultsymbol des Obelisken ist aber aus On entlehnt, wo vielleicht die ganze Form des Re-Heiligtums schon vorgebildet war. Auf Grund dieser eigenartigen Verehrung des Re dürfen nun auch wir, ähnlich, wie es das Märchen tut, annehmen, daß Re, d.h. die Priesterschaft von On, bei dem Aufkommen der 5. Dynastie ihre Hand im Spiele hatte; zum erstenmal beobachten wir, wie einer der großen Tempel des Landes die Vergebung der Königskrone beeinflußt. Darin äußert sich aber eine Machtstellung der Priester, die gewiß schon seit langem vorbereitet war. Und wir verfolgen ja das Eindringen des
Re-Namens in den Königsnamen schon viel früher, besonders aber dann in der 4. Dynastie, und haben vorn die Verschiebung der Residenz nach Unterägypten mit On in Zusammenhang gebracht.

Die 5. Dynastie hat von 2680 v. Chr. an etwa 149 Jahre regiert. Auf jene drei ersten Könige folgten Schepseskere, Khaneferre, Neweserre Jene, der, wie Sahure und Kekoë (= Neferjerkere), bei Abusir begraben liegt, Menkauhor, Asose und Wenis (griech. Omnos); der letzte hat seine Pyramide bei Sakkara, in der Nähe der 6. Dynastie.

Die Totentempel der Pyramiden der Sahure, Kekoë und Neweserre haben die deutschen Ausgrabungen von 1901-1908 kennen gelernt. Ihre prächtige Ausschmückung zeigt, ebenso wie das Re-Heiligtum des Neweserre und wie die Mastabagräber der Zeit, das Alte Reich auf der Höhe der Kunst. Eine Reihe von Darstellungstypen, die wir ehedem erst aus späterer Zeit nachweisen konnten, haben sich hier gefunden. Die Bilder reden uns auch von den auswärtigen Unternehmungen der Könige, von den Kämpfen mit den Libyern, dem Fahrten nach dem Libanon, ja sogar nach dem fernen Pownet (ägypt. Pwnt, griech. Opone) an der Küste des Weihrauchlandes (Somaliküste). Auch die Sinaihalbinsel bewahrt Denkmäler der Dynastie.

Die Stellung des Königstums hat in der Zeit der Memphiten an äußeren und wohl auch innerem Glanz nur noch zugenommen. Der König wird "Gott" genannt, und ein höfisches Zeremoniell hebt seine geheiligte Person aus der übrigen Menschheit heraus. Aber, von den Formen abgesehen, geht es nach den Erzählungen auch bei Hofe einfach und menschlich zu. Des Königs Hand fließt über von Gnaden, sein "Lob" und seine "Liebe" sind das erstrebenswerteste Gut. Er beschenkt seine Diener mit allerlei Gaben, er stattet sie mit aus mit Land und Leuten. Starke Persönlichkeiten unter den Königen werden so gut wie absolut regiert haben, wenn sie auch, wie es üblich war, bei manchen Gelegenheiten die hohen Hofstellen, die "Räte", versammelt und befragt haben werden.

Die Söhne der Großen wurden vielfach bei Hofe erzogen, in welchem Geiste, das ersehen wir aus einem schätzenswerten Denkmal altägyptischer Moral, der "Lehre des Ptahhotep", der Wesir unter Asose gewesen war. Der "Papyrus Prisse", in welchem die Schrift erhalten ist, wurde zwar erst im Mittleren Reich geschrieben, aber die Gedanken der Lehre sind gewiß die des Alten Reiches. Der Weise predigt maßvolles Verhalten, Höflichkeit und in manchen Fällen die Klugheit, für die der Spruch bezeichnend ist: "Beuge deinen Rücken vor deinen Vorgesetzten." Doch läßt er auch der Lebenslust ihr Recht und preist mit warmen Worten das Glück, das eine gute Ehefrau dem Manne bereitet. Mit besonderem Nachdruck prägt er Gehorsam gegenüber dem Erzieher ein: einem Sohn, der "hört", wird es gut gehen, er wird alt werden, wie er selbst, Ptahhotep, 110 Jahre alt geworden, sei, vom Könige gelobt, weil er "dem König des Rechte tat".

Eine wohlorganisierte Beamtenschaft, die "Schreiber", an der Spitze der Wesir, besorgte die Verwaltung des Staates. Üppiges Titelwesen erfüllte die Grabaufschriften dieser Leute des dritten Jahrtausends. Die administrative Einteilung des Landes in "Gaue", deren später gewöhnlich 42 gezählt werden, war aus älteren Zeiten überkommen, und es ist unklar, ob sie etwa aus früheren Stammesbezirken oder Kultgemeinschaften erwachsen war; sie dauerte in allerlei Umgestaltungen aus bis in die arabische Zeit. Die Schreiber sind die Gebildeten, sie üben die Macht über die rohe Masse. Zu ihnen gehört auch der höfische Adel.

Das Leben der Großen, wie überhaupt das Leben der memphitischen Zeit, wird für uns anschaulich in den zahlreichen und lebensvollen Reliefs der Mastabagräber. Namentlich der große Friedhof von Sakkara ist reich an solchen Denkmälern, in deren Kammern die Großen des Hofes sich selbst, ihre Familien, ihr Gesinde, die Bauern, wie sie den Zins bringen, die Dorfversteher, die zur Abrechnung geführt werden, den Ackerbau, die Viehzucht, die Jagd, die Spiele und vieles andere darstellen lassen. Wir nennen als Beispiele aus der 3. Dynastie das altertümliche Grab des Metschen, aus Sakkara, jetzt in Berlin, das uns wichtige Aufschlüsse über die Staatsverwaltung der Zeit böte, wenn nur die vielen Titel mehr Leben für uns hätten; aus der 4. Dynastie das Grab des Rahotep bei Medum mit seinen hübschen Tierdarstellungen; aus der 5. Dynastie die Mastaba des Ptahschepses bei Sakkara, der am Hofe erzogen wurde und die älteste Tochter des Königs zur Frau gewann; der König ehrte ihn sehr: "er ließ ihn seinen Fuß küssen, er ließ ihn nicht die Erde küssen". Bei Sakkara liegen auch die berühmten, von den Reisenden vielbesuchten Mastaba des Ptahhotep und des Ti der 5. Dynastie mit ihrer Fülle von Bildern.

Viele Einzelheiten des wirtschaftlichen Betriebes der Zeit treten uns hier greifbar entgegen. Es herrschte Naturalwirtschaft, wenn auch kupferne und goldene Gewichte bekannt waren und auch Metall als Geldwert gegeben wurde. Ferner lernen wir viel über das Leben der Bauern und Handwerker und beobachten eine große Anzahl von Werkzeugen bei ihrer Anwendung - eine größere ist in der Hieroglyphenschrift verewigt. Dagegen erfahren wir fast nichts von dem Treiben des niederen Volkes in den Städten. Und doch müssen wir diese durch Wall und Mauer gesicherten Siedelungen, die, in mäßigen Entfernungen auf die beiden Seiten des Stromes verteilt, seit uralten Zeiten den Verkehr durch das endlos lange Land hin aufrechthielten, als ebenso wichtige Faktoren des Fortschritts betrachten wie das wechselnde Hoflager des Königs. Um den Tempel ihres Stadtgottes ansässig, geleitet von den königlichen Beamten oder der Priesterschaft, die wohl auch zugleich die größten Grundbesitzer der Gegend waren, haben sich die "kleinen Leute" in ihrer Art durch Handwerk, Kunst oder Handel betätigt; zu ihnen gehört z.B. der Zauberer Dede des Märchens.

Vom geistigen Leben der Memphitenzeit wird uns nur spärliche oder einseitige Kunde. Die Gedanken des Beamtenadels sprechen sich, wie wir sahen, in dem Weisheitsbuch des Ptahhotep aus. Eine Art Wissenschaft haben die Priester getrieben; das Ritual machte allerlei Schriftstücke nötig, die freilich vielfach nach älteren Mustern gearbeitet wurden, die Bedürfnisse des Kultus müssen, wie vorher so auch jetzt noch, zu Erfindungen chemischer und technischer Natur geführt haben. Die Priester pflegten ferner die Sternkunde und übten gewiß auch ärztliche Kunst. An die Annalen des Steines von Palermo sei hier gleichfalls erinnert. Ein ansehnlicher Schatz von technischen Kenntnissen, vieles davon aus viel älteren Zeiten, lebte in den Kreisen der Handwerker, die zugleich die Künstler waren. Die Kunst hatte als Baukunst und Reliefbildnerei damals bereits erstaunliche Höhen erreicht. Welch eine reiche künstlerische Welt umschließt z.B., um nur eins hervorzuheben, den Begriff der ägyptischen Säule! Die oben besprochenen Monumente von Gise, Abusir und Sakkara zeugen laut von der schöpferischen Arbeit bedeutender Künstler, die am Königshof Brot und Ehre fanden. Auch an statuarischen Kunstwerken hat uns die Zeit der Memphiten herrliche Beispiele hinterlassen. Die obenstehende Abbildung gibt das bekannte, charaktervolle Porträt des "Schreibers".

Eine Seite der literarischen Tätigkeit tritt gegen Ende der 5. Dynastie in eine helle Beleuchtung: die priesterliche Dichtkunst, die in der Komposition von Hymnen und Gebeten äußert. Die berühmten "Pyramidentexte" gehören für uns zu den kostbarsten Denkmälern dieser Zeit. Unter König Wenis kommt nämlich eine neue Mode in der Ausschmückung der Pyramidenkammern auf: unter der mit Sternen bemalten Decke sind die Wände über und über mit prächtigen Hieroglyphen bedeckt (s. Tafel). Auch die vier ersten Könige der 6. Dynastie haben das so machen lassen. Wie die neue Weise entstand, wissen wir nicht, doch läßt sich vermuten, daß ein Aufschwung der religiösen Dichtung die Veranlassung gab. Die Pyramidentexte zeigen die literarische Form des "Kapitels" (ägypt. hat = "Tempel, großes Haus"), von denen rund 450 erhalten sind. Ihren Inhalt bilden Sprüche, die das glückliche Los des toten Königs im Jenseits preisen; dadurch, daß man sie an die Wände des Grabes schreibt, will man dies Los dem Toten verschaffen. Doch finden sich auch rituelle Stücke und Teile anderer priesterlicher Bücher vor. Die Kritik der Texte ist noch nicht weit gefördert, und so läßt sich über das Alter der einzelnen Teile nur unsicher urteilen. Auf alle Fälle sind zahlreiche alte Texte darunter; Sprache und Orthographie stehen auf viel älteren Stufe, als es der 5. Dynastie entspräche, und sie zeugen daher für die literarische Tätigkeit einer früheren Epoche. Für uns sind diese Sprüche vor allem die erste ergiebigere Quelle für die Kenntnis der ägyptischen Religion.

Auf diesem Gebiet, wo sich das Alte zäh erhält, können sie der Natur der Sache nach nur verhältnismäßig wenig neuere Elemente enthalten, aber sie lassen eine wichtigen Fortschritt im religiösen Denken gewissermaßen vor unseren Augen entstehen.

Vielleicht für keine Sache hat sich der ägyptische Geist so viel bemüht wie für die religiöse. In der Zeit des Wenis (um 2550 v. Chr.), aber auch schon in der des Mene, waren bereits lange und inhaltvolle Stadien einer innerägyptischen Entwicklung durchmessen, von denen wir kaum etwas wissen; wie viel weniger von den Grundlagen, die etwa von außen her gekommen sind. Längst war die große Hypothese angenommen, daß menschenähnliche Göttern die Menschenwelt regieren. Auch ein zweiter Gedanke, daß die Götter Sterne sind, der in den Pyramidentexten keine kleine Rolle spielt, war längst reich ausgebildet - man denkt hier unwillkürlich wieder an die Beziehungen zur babylonischen Kultur. Wie verhalten sich die beiden Gedanken? Ist der zweite wirklich der zweite, und haben die menschengestaltigen Götter deswegen den Himmel als Wohnsitz bekommen? Die Dicher der Pyramidentexte kennen vom Himmel eine Unzahl von Stätten, und sie kennen auch die Unterwelt ganz genau. Priester, Opfer und Zeremonien waren in Fülle vorhanden. Eine - uns schlecht bekannte - religiöse Erzählungsliteratur hatte eine Summe von heiligen Sagen geboren, die, ebenso wie die Vorstellungen von den Göttern, an den einzelnen Heiligtümern eine Sonderentwicklung durchmachten. Die Götter hatten heilige Tiere zugesprochen erhalten, wie etwa der Himmelsgott und Sonnengott Hor (griech. Hôros) den scharfblickenden Falken, und von denen einige, wie der Stier Hape (griech. Âpis), eine absonderliche Verehrung genossen. Die Schrifterfinder benutzten manche dieser Tiergestalten, um die Götternamen zu schreiben, und die früheste Kunst, im Tierbild besonders geschickt, freute sich an der Zusammenfügung von Menschenleib und Tierleib, in der sie sich in der Tat sehr hervorgetan hat. Unter den heiligen Sagen war nun eine, von dem Gott Usire (griech. Osîris) erzählte, daß er von seinem Bruder Seteh (griech. Seth) umgebracht und zerstückelt worden sei (der Dichter benutzt die Kenntnis der alten Bestattungsart). Sein Sohn Hor zog aus, um den Vater zu rächen, aber des Usire Frau und Schwester, Ese (griech. Îsis), suchte die Knochen des Toten, und er wurde durch Zauber wieder belebt. Dann legten die Götter den Streit zwischen Hor und Seteh in der Gerichtshalle zu On bei. Usire regiert von nun an als Totengott in der Unterwelt, im "schönen Westen", während sein Sohn Hor den Thron der Lebenden besteigt. Der Name Usire bedeutet wahrscheinlich "der Starke", und Usire ist wirklich ursprünglich ein Totengott. In welchem Sinne jene Geschichte über ihn zuerst erzählt wurde, ist nicht bekannt; etwa in dem von uns angenommenen: Aufhebung der Blutrache durch Einführung der Mordsühne. Die religiöse Dichtung hatte zur Zeit des Wenis die Geschichte längst in zahlreichen Sprüchen verwertet, die bei der Bestattung und im Kult des toten Königs, vielleicht auch schon bei anderen Sterblichen, rezitiert wurden, in dem Sinne, daß der Tote wie Usire wieder aufstehen solle. Da wird nun in den Pyramidentexten des Wenis - für uns hier zuerst - ein kleiner Schritt vorwärts getan. In der sogenannten "Opertafel", einer Liste von Speisen und anderen Dingen, die man dem Toten eben durch Mitgabe dieser Liste verschaffen will, wird bei gewissen Anspielungen auf die Usiresage zum Namen Usire der Name Wenis hinzugesetzt. So wird also der tote König, der ja schon im Leben ein Gott war, im Tode mit Usire identifiziert. Wenn das ja eigentlich überhaupt schon in der Anwendung der Formel auf den König beschlossen lag, so ist doch die prägnante Fassung "Usire Wenis", die immer weitere Kreise zieht, bis im Neuen Reich von jedem Toten als dem Usire N. N. gesprochen wird, ein wichtiger Punkt dieser ganzen Entwicklung geworden, die alle in diesen Texten ursprünglich dem toten König zugedachten Vorteile jenseitigen Lebens auch den gewöhnlichen Sterblichen zugänglich machte. Man näherte sich so gewissermaßen der Formulierung eines Dogmas.

Die Pyramidentexte sind erfüllt von einer fast durchaus heiteren Auffassung des Jenseits. Es gibt ja dort eine Unmasse von bösen Dämonen, aber der Tote hat wirksame Formeln gegen ihre Macht. Er ist sich der Himmels durchaus sicher. Auf tausend Weisen kann er hingelangen: er fliegt als Vogel hinauf, er steigt auf einer Leiter empor, er schwimmt durch den See zu der jenseitigen Insel, er kommt dahin als irgendein Gott, der dort zu tun hat. Dort aber tut er alles, was ihm diesseits Freude macht, nach Herzenslust. Die nachweislich damals schon geprägte Vorstellung, daß man im Jenseits einem Richerspruch unterstehe und für gutes irdisches Verhalten belohnt werde, tritt hier ganz in den Hintergrund. In ihrer Art ist diese umfängliche, mit kühnen Phantasien spielende Dichtung der Totentexte ein ebenso imposantes Denkmal des maßlosen Kultes des toten Königs, wie es die Pyramiden sind.

Die Vorstellungskreise, die sich an den Gott Usire knüpfen, sind, aller Wahrscheinlichkeit nach in On, mit denen vereinigt worden, die den Gott Re (ägyptisch r' = "Tag, Sonne") umgeben. Re steht in der Memphitenzeit an der Spitze des ägyptischen Pantheons. In On heißt er auch Atum (= "der Fertigmacher, Schließer", nämlich des Tages), ein Name, der vielleicht aus der Kultsage von Kheriaha (Alt-Kairo) nach On übertragen wurde, und als Atum ist er der Führer einer den Kult mit ihm teilenden Gesellschaft von acht "uranfänglichen" Göttern, die durch eine solitären Geschlechtsakt von ihm ausgegangen sind: das Zwillingspaar Schu und Tefene, der Erdgott Geb, die Himmelsgöttin Nut, ferner Usire, Ese, Seteh, Nebthat. Zu On hatte von alters her der Obelisk seine Stelle, vielleicht ursprünglich ein im Kult bedeutungsvoller Pfahl; seine Spitze (ägypt. benbent) hatte ein alter Dichter durch eines der in der religiösen Poesie beliebten Wortspiele mit uben = "aufgehen" (von der Sonne) in Verbindung gebracht. Es ist nicht unmöglich, daß dieses Spiel eines altheiligen Textes die Hauptgrundlage der Verehrung dieses Pfahles im Kult des ägyptischen Sonnengottes wurde. Wie oft hat sich die Mythenbildung um falsche Etymologien gerankt! Die Mythe vom Vogel Phönix (ägypt. benu) hat wesentlich den gleichen Ursprung. Ferner: "lebendiger als ein Käfer (ägypt. khprr)" sagten alte Dichter. Der langlebige Käfer und die ganze ägyptische Mythologie vom Sonnenkäfer, samt den Siegelsteinen (Skarabäen) von Käfergestalt, gehen auf die Wortweisheit zurück, daß Khprr, "Käfer", von khpr, "werden, leben", herkomme. Freilich muß es einen farbenprächtigen Vogel benu gegeben haben, und wer Skarabäen, etwa am Lido von Venedig, sich hat bewegen sehen, weiß, daß sie sehr lebendig sind.

Die Fahrt des Re über den Himmel muß viel besungen worden sein. Er ruht dabei am Abend auf einer im westlichen Ozean schwimmenden Sonneninsel (ägypt. Jekhwet) aus und fährt von da nachts zur östlichen Insel; oder, nach anderer Darstellung: Harakhte, der "Hor der Sonneninsel", ist es, der als goldener Falke zum Himmel auffliegt und in Gestalt einer geflügelten Sonnenscheibe in Kultus und Kunst gefeiert wird. Namentlich aus dem Kult von Edfu (Apollinopolis Magna) ist uns dies schöne Symbol näher bekannt. Hat Edfu den Kult des alten Nekhen übernommen? Ein anderer, schon in sehr früher Zeit viel behandelter Mythos ist der vom "Auge des Re", das sich einmal vom Gott hinweg in die Fremde entfernt hat und dann, als es zurückgebracht war, von dem Gott in Gestalt einer Uräusschlange, der Schlange der Königskrone, an seine Stirn gesetzt worden ist; daher brauchen die Dichter das Wort "Auge" für "Krone".

Wie die Sonne, so hat der Mond seinen Vertreter: in Thoute (griech. Thôth); als Erfinder der Schrift, des "Wortes des Gottes", und erster "Schreiber" steht dieser Gott vor dem Pharao Re wie ein Beamter vor dem irdischen Pharao. Es ist nicht glaublich , daß die Funktion als Mondgott, obwohl alt, das Ursprüngliche ist; sowenig wie Usire ursprünglich der Stern Sah (=Orion) oder Ese der Stern Sopdet (=Sirius) war, obwohl schon die Pyramidentexte davon wissen. Die Sterne sind auf ägyptischen Boden vielmehr in ähnlicher Weise zu Namen von Göttern gekommen wie in Griechenland und Rom: Merkur und Venus waren Götter, bevor sie Sterne wurden. Umgekehrt könnte es sein, daß sich an Re, der "Sonne" heißt und als Sonne fungiert, Vorstellungskomplexe angeschlossen haben, die weitab von einem Sonnengott liegen. Die älteste Geschichte der Götter ist noch ebenso dunkel wie die Urgeschichte der Menschen. Es hat keinen Wert zu dekretieren: Atum ist der eigentliche Gott von On, Usire gehört ursprünglich nach Per-Usire, wenn man das nicht beweisen kann.
Wenn es in den Pyramidentexten heißt: "Er umwandelt (ägypt. khenes) den Himmel wie Thoute", und wir finden später in Theben als Sohn des Amon einen Mondgott Khonsu (Khons), so scheint der Schluß wohl berechtigt, daß hier, etwa aus einem lokalen Kultnamen des Thoute, eine neue Gestalt erwachsen sei. Das wird im wesentlichen wohl richtig sein. Wie es dazu kam, darüber läßt sich von vornherein nichts sagen, und vielleicht ist die Sache recht kompliziert vor sich gegangen. In den Pyramidentexten erscheint bereits ein Stern Khonsu, dessen Beiname auf Thoute zu deuten scheint.

Zahlreich sind in den Pyramidentexten die Personifikationen. So wird z.B. das im Kult verwendete reinigende Natron (ägypt. hosmen) ein Gott Hesmenu. Natürlich können auch solche Götter irgendwo und irgendwie einen Kult bekommen. Die berühmteste Gestalt dieser Art ist die Göttin Maat (= "Recht, Wahrheit") geworden, die später ebenso neben Re steht, wie in Babylon Mescharu neben Samas oder in Griechenland Dike neben Helios. Dämonen aber gibt es zum Grausen viele, und man sieht bei ihnen noch häufig, wie sie einem augenblicklichen Einfall eines Dichters ihren Namen verdanken.

Will man die in den Texten häufiger genannten oder zu bedeutsam hervortretenden Götter die "großen Götter" nennen, so wären etwa als solche zu bezeichnen: der gattinlose Re, Atum, Usire und seine Gattin Ese, Seteh mit Frau Nebthat (griech. Nephthys), Hor, sowohl der Sonnengott als auch der Sohn der Ese, der den Nachstellungen Setehs entging, den Vater rächte und König wurde; dann die übrigen Götter der "großen Neunheit" (in On dazu noch das Urwasser Nu und die zum Usirekreis sich gesellenden Totengötter Anupe (griech. Anûbis, als Hund dargestellt) und Wepuawet (als Wolf dargestellt). Aus örtlichen Kulten dürften noch einige in den Texten mehr zurücktretende Gestalten dazugestellt werden. So der Gott Min von Gebtoë (griech. Koptos, jetzt Kuft), den die Griechen mit Pan Euodos übersetzten: Pan wegen eines ähnlichen Mythos, wie er von Atum erzählt wurde, Euodos, weil er sie Wüstenwege von Gebto durch das Wadi Hamamat (-mât) nach dem Roten Meer hinüber beschützte. Dann Ptah, der mit der Stadt Menfe großgewordene Gott der Künstler und Handwerker, der krokodilgestaltige Gott Sobk des Faijum, die Göttin Neït von Sawe (griech. Saïs), die Göttin Hathor, das "Auge des Re"; der Nilgott Heape aber gehört nicht in diese Reihe, so wichtig er dem Lande war. Man gewinnt so ein Pantheon, das sich ganz wohl dem babylonischen und griechischen an die Seite stellen kann. Natürlich ist der Stil, in dem alle diese Götter gedacht sind, echt ägyptisch und himmelweit von griechischer Schönheit entfernt, aber es liegt doch eine gewaltige und an eigener Schönheit nicht arme Leistung des arbeitenden, leidenden, nach Höherem sich sehnenden, die Welt sich ausdeutenden Menschengeistes in dieser Götterwelt, und anderseits zeigt sich im ganzen so viel Ähnlichkeit mit dem Pantheon der anderen Völker, die große mythologische Systeme besitzen, daß man sich sehr wohl wenigstens denken kann, daß sich die Ssteme durch historischen Prozeß aus gemeinsamen Elementen entwickelt haben. Es wird so sein wie bei der Sprache und der Schrift.

Wenn wir von "Dichtern" der Pyramidentexte geredet haben, so läßt sich die Bezeichnung "Dichter" auch dadurch rechtfertigen, daß die Verfasser eine besondere Art Vers anwenden: den aus der semitischen Poesie wohlbekannten "Parallelismus der Halbverse". Da man bei der Ausgestaltung der Mythologie und kultischen Literatur der priesterlichen Tätigkeit wohl die erste Rolle zuweisen muß, so müssen die Priester in Ägypten frühzeitig auf dem Wege gewesen sein, einen eigenen Stand zu bilden. Dem widerspricht es keineswegs, wenn an der Spitze der großen Heiligtümer häufig Prinzen oder andere Große stehen, oder wenn an den kleineren Provinztempeln Laien im Nebenamt als Priester fungieren.

Der Kult mit seinen blutigen und unblutigen Opfern, mit Weihrauch, Spruch und Gebet, ist in dieser Zeit reich entwickelt. Eigentlich wäre es der König, der das Opfer darzubringen hätte, doch hat sich die Priesterschaft natürlich längst Formen für seine Vertretung geschaffen. Die Toten, wenigstens der höheren Klassen, werden mumifiziert und unter Beteiligung von Priestern beigesetzt und ihre Gräber, wie wir sahen, aufs herrlichste sowohl baulich wie auch mit Hausrat ausgestattet. Zur Unterhaltung des Totenkults beim Grabe werden Stiftungen errichtet. Aber die Hockergräber sind in manchen Gegenden immer noch nicht ganz verschwunden. Für den Privatkult des einzelnen kommt vor allem "sein Gott" oder sein "Stadtgott" in Betracht, in dessen besonderem Schutz seine Person steht. Ist es wirklich immer der Hauptgott seines Heimatortes, oder kann man ihn frei wählen? Ob die Sitte der Beschneidung oder die Geschwisterehe - beide in Ägypten seit alter Zeit heimisch - eine besondere religiöse Bedeutung hatte, ist noch nicht aufgezeigt worden.

Der äußere Glanz des Königtums hat auch unter der sechsten Dynastie noch angedauert. Sie regierte etwa von 2540 v. Chr. an 150 Jahre lang. Über ihr Verhältnis zur 5. Dynastie ist nichts bekannt, die aus den Denkmälern zu entnehmenden Indizien sprechen nicht gegen eine stetige, ohne Erschütterung verlaufende Folge. Die Weise, die Kammern der Pyramide mit Inschriften zu schmücken, die Wenis zuerst anwandte, wurde von seinem Nachfolger, König Attoë (= Atote), und dessen Nachfolgern, Pjope I., Merenre Mehtemsauf, Neferkere Pjope II. *1), nachgeahmt, die alle, nicht weit von des Wenis Grab, bei Sakkara bestattet liegen; wir haben den unschätzbaren Wert dieser Inschriften für die ägyptischen Altertumskunde bereits gebührend hervorgehoben. Seit König Menkauhor kennen wir keine "Re-Heiligtümer" mehr. Zwischen Attoë und Pjope I. regierte Userkere, von dem wir nur dürftige Spuren kennen.

Der Turiner Papyrus gibt für Pjope I. 20 Regierungsjahre (vielleicht zu wenig), für Merenre, wie es scheint 4, für Pjope II. über 90; ähnlich sagt Manetho von Pjope II., daß er mit 6 Jahren zur Regierung gekommen und 100 Jahre alt geworden sei. Da Merenre und Pjope II. Söhne von Pjope I. waren und Merenre nach Befund seiner Mumie als junger Mann gestorben ist, so hat Manethos Angabe nichts Unglaubhaftes an sich. Neben der Mumie des Merenre, die in seinem Grabe gefunden wurde, besitzen wir von ihm und seinem Vater Pjope noch vortreffliche und lebensvolle Porträte in zwei Kupferstatuen von Nekhen, die als bedeutsame Denkmäler der alten Metalltechnik einzig dastehen. Die Technik ist die, daß dünne gehämmerte Kupferplatten um einen hölzernen Kern gelegt und mit Nägeln verbunden sind. Wir geben hier das frische Porträt des jungen Merenre (s. Abbildung).

Von den äußeren Kämpfen der Zeit redet eine lange biographische Grabinschrift aus Abod. Der "Fürst und wahrhafte Vorsteher des Südens" Wene (Una), der sich unter König Merenre den Stein hat setzen lassen, erzählt darin, daß er unter Attoë "den Gürtel umgeknüpft" habe; das ist die Zeremonie, wodurch in Ägypten der Knabe in die Reihe der Männer eintrat, Wene war also damals 12 oder 14 Jahre alt. Er berichtet sodann über seine zivilamtliche Laufbahn unter Attoë und Pjope I., und wie sehr ihn König Pjope geschätzt habe. Zu besonderen Gunstbeweis ließ ihm Pjope einen Sarg und die übrige dazugehörige Grabausstattung aus den Sandsteinbrüchen von Reau, gegenüber von Menfe, besorgen. Wene wurde ferner unter Zuziehung nur noch eines Richters, mit der Führung eines heiklen Haremsprozesses gegen die Königin Werjamates betraut. Dann aber begannen seine kriegerischen Ehren. "Seine Majestät rüstete zum Kriege gegen die asiatischen Beduinen ('die auf dem Sande'); er versammelte ein Heer von vielen Zehntausenden, aus dem ganzen Süden und dem Nordlande, aus den Negerländern Jertschet, Metsa, Jam, Wawat und Kaau und aus Libyen. Seine Majestät entsandte mich an der Spitze des Heeres. Da waren die Fürsten, die Oberschatzmeister, die 'einzigen Freunde des Palastes', die Gauobersten und Burgvögte des Südens und des Nordens, die Freunde, die Karawanenvorsteher, die Vorsteher der Propheten des Südens und des Nordens, die Vorsteher der Domänen, jeder an der Spitze einer Truppe des Südens und des Nordens, der Burgen und Städte, die sie beherrschten, und der Neger jener Fremdländer, ich aber kommandierte sie alle." Wene errang denn auch Vorteile in diesem Kampfe, der sich, wie es scheint, im nordöstlichen Delta abspielte; die Rückkehr des siegreichen Heeres feiert er mit den Worten eines alten Siegesliedes. Aber die Erfolge waren nicht dauerhaft: noch fünfmal mußte er gegen die aufständischen Beduinen ziehen, und schließlich droht eine neue Empörungsgefahr, die er dadurch beantwortet, daß er zu Schiff nach Südpalästina übersetzt und von den Bergen her, die im "Norden des Landes der Beduinen" lagen, gegen den Feind operiert. Die Voraussetzung dafür ist denn doch wohl, daß Ägypten mit den Fürsten in Südpalästina gute Freundschaft hielt.

Das ist also ein erster tastender Griff nach Kanaan hinüber. Die Kupfergruben des Sinaï wurden während der 6. Dynastie ebenso ausgebeutet wie früher. Über die Beziehungen zu den Häuptlingen der Neger an der Südgrenze haben wir ziemlich reichliche Nachrichten von Merenre an. Aber auch unter Pjope I. bestand schon eine rege Verbindung, wie aus dem "Königserlaß von Daschur" von 21. Jahr des Königs ersichtlich wird. Bildliche Darstellungen mit Inschriften aus der Gegend des ersten Katarakts zeigen uns Merenre, wie er die Huldigung der Häuptlinge von Metsa, Jertschet und Wawat entgegennimmt. Wene, unter Merenre Gouverneur des Südens geworden, grub bei Assuan fünf Kanäle, als er von den Steinbrüchen Nubiens Granit für den Pyramidenbau des Königs holte, und die Häuptlinge jener Stämme fällten Holz für die Schiffe, die er für sich baute. Von besonderen Interesse aber ist die Inschrift, die Harkhuf, Gouverneur des Südens unter Merenre und Pjope II., in sein Grab bei Jeb hat schreiben lassen. In seiner Eigenschaft als Karawanenführer zog er, von Merenre beauftragt, dreimal in das Land Jam. Beim dritten Male traf er den Häuptling von Jam, wie er gegen die "Libyer" ziehen wollte, "um sie zu schlagen bis zur westlichen Ecke des Himmels". Er "stieg hinauf hinter ihm ins Land der Libyer und besänftigte ihn". Die Libyer werden als von dem Ägypter geschützt, aber wo wohnten diese Libyer? Unter König Pjope II. zog Harkhuf wiederum nach Jam. Unter den Gaben, die er von da für den König mitbrachte, war auch ein "Zwerg der Tänze des Gottes" (vgl. die Zwergvölker, "Pygmäen" der Alten), wie schon einmal einer unter König Asose aus Pownet gekommen war. Harkhuf meldete sich schriftlich bei Hofe an, um die Geschenke zu überbringen; eine Abschrift der Antwort des Königs hat er in seinem Grabe anbringen lassen. Pjope schreibt ihm: "Meine Majestät will lieber diesen Zwerg sehen als die Geschenke von Bia (wohl ein afrikanisches Gebiet) und Pownet", und heißt alle mögliche Sorgfalt aufbieten, daß er ja heil zu Hofe gelange. Man hat gemeint, in derartigen Wandungen des Briefes spreche deutlich die kindliche Neugierde des jungen Königs; aber ein Brief des Asose an seinen Wesir Raschepses zeigt, daß hier nur höfische Phrasen vorliegen. — Auch in zwei anderen Gräbern der Vornehmen zu Jeb aus dieser Zeit wird von merkwürdigen Unternehmungen ins Ausland berichtet; in beiden Fällen handelt es sich darum, die Leiche eine Ägypters, der im Ausland umgekommen war, in die Heimat zu bringen. Man sieht, weite Reisen und auswärtige Beziehungen lagen dem Ägypter der 6. Dynastie nicht fern. Aber an dauernde Besetzungen fremder Gegenden denkt der Staat, vom Sinaï abgesehen, noch nicht.

Von den inneren Verhältnissen erfahren wir wenig. Der Erlaß von Daschur beleuchtet nur die Zustände einer Pyramidenstadt. Ein Erlaß von Pjope II. gewährt sehr lehrreiche Einblicke in die Verhältnisse der Priesterschaft am Tempel des Min von Gebtoë. Es wird richtig sein, daß in der Verwaltung des Reiches gegenüber der 4. und 5. Dynastie eine Dezentralisation eingetreten ist: die lokalen Gewalten wurden jetzt mit größeren Rechten ausgestattet. Aber was wissen wir viel von diesen Dingen? Die Titel wechseln, aber braucht sich deswegen der Inhalt der Ämter wesentlich geändert zu haben? Wene liegt in Abod begraben, nicht mehr an der Seite seines Königs zu Sakkara, die vornehmen Karawanenführer von Jeb liegen zu Jeb. Wir kennen Gräber von Gauherren aus Der el-Gebrawi (nördlich von Siut) und aus einigen anderen Orten. König Pjope I. hat zwei Töchter eines Fürsten zu Abod, namens Khui, geheiratet,. von denen die eine den Merenre, die andere Pjope II. gebar. Ist ähnliches vor der 6. Dynastie nicht vorgekommen? Jedenfalls läßt sich der Vorgang der Dezentralisation ebensogut aus einer Verbreiterung der höfischen Kultur, aus einem Aufschwung der Landschaft erklären; man braucht hierin kein Symptom des Verfalls erblicken.

So bricht der Verfall der Reichsgewalt mit dem Tode von Pjope II. unvermittelt herein. Gewiß wird er sich während der langen Regierung dieses Königs vorbereitet haben, aber wir wissen nichts davon. Die Inschriften aus der Zeit Pjopes II. fließen über von Loyalität, nicht weniger als die früheren. Aber auch die späteren Inschriften der Gauherren reden nicht anders. Wenn kein nennenswerter König da ist, nennen sie keinen, wie etwa die Inschrift des Henku aus der Zeit des Verfalls. Das Königtum ist nicht verfallen, weil die Gauherren zu mächtig wurden, sondern die Gauherren nahmen notgedrungen die Gewalt an sich, weil das Königtum darniederlag. Im Grunde ist auch das ein Symptom für das Emporblühen der Landschaft gegenüber dem Hofe. Mancher tatkräftige Mann, wie Henku, der für die Leute sorgte, wird da zum Herrn in seiner Heimat emporgewachsen sein. Aber die Mastabagräber um die Pyramiden verschwanden, weil keine Pyramide mehr gebaut wurde.

Die Nachrichten der Denkmäler versagen nach Pjope II. auf eine Zeitlang so gut wie ganz. Nach ihm regierte zunächst ein Merenre II. (griech. Methusuphis - Mehtemsauf) etwas über ein Jahr, sodann folgte nachdem Turiner Papyrus ein König Nitokret; das ist die sagenberühmte Nitokris des Herodotos und Manetho, die schöne Schwester des Königs, die nach der Ermordung des Bruders Königin wurde, die Mörder zu einem Gastmahl lud und den Nil in den Saal leitete, der sie alle ersäufte. Man hält den Namen Nitokret - eigentlich ein Frauenname, so hieß z.B. eine Tochter Psammetiks I. - für entstanden aus dem Vornamen Netscherkere, eines Königs, der in der Tafel von Abod auf Merenre II. folgt. Die Geschichte der Nitokret ist gewiß eines der "Märchen", und der Nitokret des Papyrus von Turin mag bereits ein Anzeichen dafür sein, daß sich das Märchen zu bilden begonnen hatte. Es hat eigentümliche Schicksale erlebt: die Nitokret ist als Nitokris bei Josephos zur Nikaulis und von da aus zur Bilkis, der Königin von Saba der Mohammedaner, geworden.

Mit Nitokris schließt bei Manetho die 6. Dynastie. Die siebente Dynastie, sagt er, seien 70 Könige aus Memphis gewesen, die 70 Tage regierten: das ist im besten Falle gleichfalls ein Märchen. Sodann seien als achte Dynastie 18 Memphiten mit 146 Jahren gefolgt. Diesen entsprechen vermutlich irgendwie die 16 Königsnamen, die auf der Tafel von Abod hinter Netscherkere und vor der 11. Dynastie stehen; der Papyrus von Turin hatte davon nur sechs (zu seinem zeitlichen Ansatz vgl. nächste Seite). Die Bildungsweise der Namen zeigt, daß sich die Traditionen der 6. Dynastie fortspinnen, aber von den Taten dieser Könige berichtet kaum ein Stein: der Glanz des Alten Reiches taucht plötzlich in Dunkel unter. In den Aufschriften aus den Granitbrüchen von Hammamat, an dem Wege von Gebtoë nach dem Roten Meer, liest man zwei Königsnamen, Atoë und Imhotep, die wohl in diese Zeit eingereiht werden dürfen. Und von König Neferkauhor, dem fünfzehnten jener sechzehn der Tafel von Abod, und einen weiteren König, Hor Demetsjebtaui, sind uns Dekrete aus Gebtoë durch die französischen Ausgrabungen 1910-11 bekannt geworden.

Fortsetzung: D. Die Übergangszeit und das Mittlere Reich (2300-1788 v. Chr.)


*1) Attoë auch Teti, Pjope auch Pepi transkribiert; Merenre nennen wir gewöhnlich mit diesen seinen "Vornamen").

 

Quelle: Weltgeschichte, Bibliographisches Institut, Leipzig, 1914, von rado by jadu