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Das Gestohlene Gesetz

In der alten äthiopischen Kapitale Axum steht die Kirche, " Zellate-Mussie ": " Die Tafeln Mosis ". In diesem Gotteshaus ist das höchste Heiligtum der abessinisch-koptischen Religion verwahrt: die Tafeln Mosis mit den Zehn Geboten. Dieses Geschenk Jehovahs an den Begründer des Judaismus hat Menelik I., der Sohn der Königin von Saba und des weisen Salomo, der am Hofe seines Vaters zu Jerusalem erzogen wurde, mit der Bundeslade aus dem Salomonischen Tempel geraubt und nach Abessinien gebracht. Die Tafeln wurden zuerst in Yeha nordwestlich von Adua verwahrt, an einem Ort, wo im 6. Jahrhundert ein Kloster errichtet wurde und der dem umwohnenden Volke seit altersher als heilig galt.

Dies wird in den alten äthiopischen Chroniken berichtet, vor allem im Kebra Negest, dem " Ruhm der Könige ", dessen Verfasser mit einer Phantasie begabt war, mit der jeder Kriminalromancier von heute Ehre einlegen könnte. Denn Salomons Sohn Menelik war zur Zeit des Todes seines Vaters fünf Jahre alt, und es ist kaum wahrscheinlich daß seine Erziehung in diesem Zeitpunkt schon so fortgeschritten war, daß er sich des Wertes der Bundeslade als moralisches Zentrum einer religiöser Bewegung bewußt gewesen wäre.

Nichtsdestoweniger beginnt das Serata Menghest, die alte Verfassung des Äthiopischen Reiches mit den Sätzen: "Wir beschreiben die Gesetze und Einrichtungen des Königreichs, dessen Ursprung in Jerusalem liegt. Sie sind uns gebracht worden von Ebne Hakim, Salomos Sohn, der den Namen Menelik führt. Mit ihm kamen zwölf Schriftgelehrte. Sie stammten in gerader Linie aus dem Priestergeschlecht des Levi. Während der Regierung des Königs Amda.Zion wurden sie zu Richtern bestellt."

Der König Amda-Zion regierte dreißig Jahre lang. Im Jahre 1312 hatte er den Thron bestiegen und die friedliche erste Zeit seiner Regierung dazu benützt, verwaltungstechnische Maßnahmen zu treffen, die ihn als großen Geist kennzeichnen. Auf seine Veranlassung wurde im Serata Menghest eine Art Hierarchie der staatlichen Mächte festgelegt, Amda-Zion bestellte Schreiber und Siegelbewahrer, und an seinem Hofe wurde auch, angeblich nach koptischen Quellen, die Chronik " Ruhm der Könige von Äthiopiens Zion " geschrieben. Der Verfasser hieß Isaak der Arme. Seine Mitarbeiter waren Imaherana-ab, Chesba- Christos, Andreas, Philippos und Mahari-ab. In diesem Pergament vom Ruhm der Könige, das der Lazaristenmissionar Coulbeaux, einer der besten Kenner der Geschichte Abessiniens, mit Recht einen Roman nennt, wird auch erzählt, daß Menelik nach dem Diebstahl des Gesetzes vom Oberpriester Asarias nach Äthiopien geleitet worden sei. Die Ernennung der " Leviten " von Axum zu Richtern scheint in diesem Zusammenhang vom König psychologisch wohl durchdacht gewesen zu sein.

Aber dieser nach außenhin so gewissenhafte Regent führte ein Leben, das erfüllt war von den Leidenschaften des Fleisches. Daß der König eines Harems genoß, war nicht auffallend, wenn es auch verdammenswert war. Schon seit altersher hatten die Herren Äthiopiens in ihren Palästen Kebsweiber und Kurtisanen gehalten. Amda-Zion aber ging so weit, mit seinen beiden Schwestern und mit den Beischläferinnen seines Vaters Unzucht zu treiben. Der Abuna Honorios mußte, da der König von seinem Tun nicht ablassen wollte, zur Verhängung des Großen Kirchenbannes schreiten. Der König schien nachzugeben, aber er rächte sich. Abuna Honoris wollte die Heiligung des Sabbats abschaffen, der im Volke heute noch als Ruhetag gilt. Der einflußreiche Mönch Estatios widersetzte sich diesen Reformbestrebungen, und der König gab ihm recht. Der Abuna Honorios wurde zur Auspeitschung verurteilt. Nackt lag er auf dem Platze vor dem königlischen Palast und die Henker begannen, seinen Rücken mit Schlägen zu bearbeiten. Das Blut spritzte, und die Chronik berichtet, es habe sich im gleichen Augenblick jeder Tropfen in einen Funken verwandelt: eine Feuerbrunst legte Palast und Nebengebäude in Trümmer. Gott selbst hatte ein Urteil gesprochen.

Die Einäscherung des Palastes blieb nicht ohne Eindruck auf Amda-Zion, der jedem weiterem Konflikt mit den Mönchen und Priestern auswich. Er beschenkte sie so reich, daß während seiner Regierungszeit ein Kloster nach dem anderen gegründet werden konnte. Am eigenen Hofe bevorzugte er die Mönche so sehr, daß seine Herrschaft der Literatur zu einer Blütezeit verhalf. Und die Mönche zögerten nicht, zu des Königs und ihrem eigenen Wohle im Volke zu verbreiten, daß der Herrscher von Gott auserwählt sei, da in seinem Lande Gottes Gesetz in Hut war. Die Leviten von Axum, die sich rühmen, seit 2900 Jahren im Lande zu sein, werden bis zum heutigen Tage zu Richtern und Stadtobersten von Axum ernannt. Sie sind die weltlichen Hüter des Tabot, der Bundeslade und der Gesetztafeln Mosis. Und das Volk glaubt bis heute, daß in Axum die echte Bundeslade und die echten Zehn Gebote verwahrt werden. Erst im Jahre 1868, nach dem Tode Theodoros' II., zur Regierungszeit des Negus Johannes, des Vorgängers Meneliks II., sollte die zivilisierte Welt die Wahrheit erfahren.

Im April 1867 machte sich der armenische Erzbischof Isaak von Charper und der Pater Dimotheos von Jerusalem auf, um als Bote der Königin Viktoria von Großbritannien vom Negus Theodoros die Freilassung der eingekerkerten Engländer zu fordern. Im Juli in Abessinien angelangt, mußten sie die Regenzeit auf Amba Essar bei Tschelga verbringen. Der Bitte um eine Audienz wurde vom Negus stattgegeben, die Audienz selbst aber so viele Monate verschoben, bis die Geduld der Briten riß und Lord Napier seinen Feldzug gegen Äthiopien begann. Theodoros eilte nach Magdala, und von einem Empfang der beiden Priester konnte keine Rede mehr sein. Erzbischof Isaak und Pater Dimotheos wurden unter die Aufsicht des Wag-Schum Gobasie, des Statthalters von Amhara und Lasta, gestellt, der nach Theodoros' Selbstmord den Titel eines Königs und den Namen Thekle Gheorgis annahm. Er entsandte Boten zum koptischen Patriarchen von Kairo, die die Ernennung des armenischen Erzbischofs zum Abuna von Äthiopien fordern sollten. Aber der Dedschas Kassa von Tigre hielt die Boten zurück, der gleiche Kassa, der sich selbst zum Negus Johannes IV. machte, nachdem er Thekle Gheorgis besiegt und geblendet hatte.

Nach dem Sieg Lord Napiers und der Befreiung der englischen Gefangenen war die Mission der beiden Armenier erledigt. Sie wollten sich auf die Heimreise machen, doch wurden ihnen die Bewillingung von Thekle Gheorgis nicht erteilt. Sie mußten sich schließlich an den englischen Konsul in Massaua mit der Bitte um Intervention wenden. Ein Brief dieses Diplomaten bewirkte die Freilassung der im übringen mit allen Ehren behandelten Priester. Auf der Durchreise durch Axum baten sie, die Tafeln mit Jehovas Geboten sehen zu dürfen Sie erfuhren, daß die Tafeln in einer kostbaren Truhe verwahrt seien, daß sie aber niemand gezeigt werden dürften, weil jeder, der sie sähe oder gar berührte, sofort vom Tode ereilt würde. Schließlich griff Dedschas Kassa ein und erteilte die Erlaubnis zur Besichtigung durch die Armenier.

Am nächsten Tage ließen sich dreißig der höchsten, in Axum anwesenden abessinischen Kleriker bei Erzbischof Isaak melden, um ihn und seinen Begleiter zu bitten, von ihrem Vorhaben Abstand zu nehmen. als der Erzbischof ablehnte, sagte der Sprecher der Kleriker: " Wir können diese Bewilligung nicht geben, ohne sie vom Metropoliten erhalten zu haben. " Der neue Metropolit war auf der Reise nach Äthiopien. Schließlich erklärte Erzbischof Isaak, des Feilschens müde geworden: " Dieser Stein ist also verehrungswürdiger als das Evangelium und das wahre Kreuz unseres Herrn Jesu Christi? " Einen Span dieses Kreuzes trug der Erzbischof nämlich an seiner Kette um den Hals. Die abessinischen Kleriker wandten sich in ihrer Verlegenheit nochmals an Dedschas Kassa, der seinen Auftrag, die Besichtigung zu gestatten, wiederholte. Aber die Würdenträger aus Jerusalem weigerten sich nun mit den Worten: " Das wahre Gesetz Gottes ist in unsere Herzen geprägt; wir brauchen die Tafeln nicht zu sehen, in die Gottes Hand sie geprägt hat. "

Dies wurde wieder dem Dedschas gemeldet, der persönlich eingriff und selbst den Erzbischof bat, sich in die Kirche zu begeben.

In großer Prozession wurde der Weg zur Kirche angetreten, wo man die Armenier in eine Sakristei führte, in deren Innern eine Art Dachraum mittels einer kleinen Leiter erstiegen wurde. Ein Priester entfernte zwei Bretter aus der Decke, zwei andere Kleriker folgten ihm. Ein Diakon beweihräucherte die Truhe, aus der hierauf eine steinerne Tafel hervorgezogen wurde,ein viereckiges Stück roten Marmors von vierundzwanzig Zentimeter Dicke. In der Mitte ist der Stein durch ein zweites Viereck geteilt, dessen Ränder in Form einer dünnen Kette eingezeichnet sind. Der Raum zwischen dem Rand des Steines und dem eingravierten Viereck enthält, zu je fünf auf jeder Seite, die Zehn Gebote. Sie sind in schrägen Buchstaben geschrieben. Die steinerne Tafel trägt überdies unten die drei Buchstaben: I.H.S. - Jesus Hominum Salvator. Pater Dimotheos, der diesen Besuch in einem Buch beschrieben hat, das 1871 in Jerusalem erschienen ist, vertritt die Ansicht, der Stein, der keine Spur eine Beschädigung oder antiken Charakters aufweist, könne nicht weiter als ins 13. oder 14. Jahrhundert zurückdatiert werden. 

Als Dedschas Kassa die beiden Gäste nach ihrem Eindruck fragte, unterließen sie es mit feinem Takt, eine Erklärung abzugeben. Sie hätte wie Coulbeaux meint, nicht anders lauten können, als wie daß es sich um einen groben Betrug handle. Denn Jehova hat das Gesetz, wie aus dem Altem Testament hervorgeht, auf zwei und nicht auf eine Tafel geschrieben; diese Tafeln sind veloren gegangen. Die Zehn Gebote waren in Hebräischer und nicht in Gees-Schrift geschrieben. Keineswegs aber konnten auf den Tafeln die Buchstaben I.H.S. enthalten sein.

Das Ergebnis dieses Besuches geistlicher Würdenträger wurde dem abessinischen Volke auch nach der Veröffentlichung von Pater Dimotheos' Buch nicht bekanntgegeben, wohl aber ließ sie Menelik II. durch einen Delegierten bitten, im Lande zu bleiben und in seinem Königreich Schoa die oberste kirchliche Behörde zu werden. Erzbischof Isaak erwiderte, daß Menelik sich zu diesem Behufe an den armenischen Patriarchen von Jerusalem wenden und dessen geistliche Oberhoheit anerkennen müßte.

Ehe die beiden Priester das Land verließen, weissagten sie dem Dedschas Kassa, daß er bald Negus von Äthiopien werden würde. Der Fürst erwiderte, daß er die Krone nur aus ihren Händen empfangen werde, gab ihnen noch ein Geschenk von 1000 Talern und zwei Maultieren und geleitete sie ein Stück ihres Weges.

In Asmara begegnen sie auf der Heimreise dem neu ernannten Abuna, der gerade von Kairo gekommen war, und konnten schließlich in Massaua die Fahrt nach Jerusalem antreten.

Pater Dimotheos schließt sein Buch mit den Worten:
"So sind wir denn diesem verfluchten Lande entflohen, das die wahre Hölle ist, und wir danken der göttlichen Vorsehung, die uns durch die Vermittlung Ihrer allergnädigsten Majestät, der Königin von Großbritannien, aus diesem Abgrund errettet hat. Die Zeichen der Trauer schwanden von unseren Gesichtern, um der Freude Raum zu geben, die uns nicht mehr verließ, seit wir unseren Fuß auf den Boden einer aufgeklärten Welt gesetzt haben. Wie ein Vogeljunges, den schwachen Händen eines Kindes entfallen, alle Kraft zusammen nimmt, um das mütterliche Nest zu erreichen, so machten wir uns daran, den Weg zu verschlingen, der teuren Heimat zueilend." 

Siebenundsechzig Jahre sind seit dem Besuch der beiden armenischen Priester in Axum vergangen. Nie wieder ist das Tabot von Zellate-Mussie einem Fremden gezeigt worden. Kein Archäolog, kein Historiker hat eine Spur gefunden, die darauf hindeuten würde, woher die Tafel mit den Zehn Geboten in die Kirche von Axum gebracht worden ist. Auch die Zeit , aus der die axumitische Tafel stammt, konnte nicht festgestellt werden, nur des Paters Dimotheos Behauptung, das sie höchstens ins 13. oder 14. Jahrhundert zurückzudatieren sei, ist bekannt geworden. Aber diese Datierung des armenischen Priesters deckt sich seltsam mit der Blütezeit der Chronistendichtung am Hofe Amda-Zions. Vielleicht hat, ohne eine Fälschungsabsicht, ein Mönch, der nicht nur die Feder, sondern auch den Meißel zu führen verstand, die rote Marmortafel mit den Zehn Geboten versehen. Veilleicht hat er sie als Schmuck für eine Kirche gedacht. Diese zufällige Arbeit ist mit dem gleichzeitig entstandenen Roman von Meneliks Diebstahl der Gesetzestafeln in Zusammenhang gebracht worden. Bewußt oder unbewußt mag die Legende als Wahrheit ins Volk getragen worden sein, das sie glaubt, weil sie schmeichelhaft, edel und verwegen ist.

(Graf Ludwig Huyn; Josef Kalmer: Abessinien Afrikas Unruhe-Herd. Verlag "Das Bergland Buch" Salzburg, Graz, Wien u.a.1935. jadu-Berlin 2000)
 


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