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Die tanzenden Priester

Wenn es richtig ist, daß diejenigen Christen die "besten" sind, welche den festesten Bibelglauben haben, dann haben die Abessinier jedenfalls Anspruch auf dieses Epitheton. Sie glauben alles, was in der Bibel steht, was in beiden Testamenten enthalten ist. Sie gehen also entschieden weiter in dieser Beziehung als Griechen, Römer und Protestanten, denn diese glauben nicht alles, was in der Bibel steht, sondern ... mit Auswahl."
Gerhard Rohlfs: Quid novi ex Africa?

Im Jahre 980 unserer Zeitrechnung sandten die Russen zehn Abgesandte in die Welt hinaus, die nach einer für das bislang heidnische Volk passenden Religion Ausschau halten sollten. 639 Jahre früher als dieses europäische Volk hatten die Abessinier das Christentum empfangen. Und sie haben es, gegen den Ansturm des Islams, der sie von allen Seiten umbrandet, länger als anderthalb Jahrtausende heroisch verteidigt. Man müßte also glauben, daß die christliche Religion im Volke tief verwurzelt sei. Dem ist nicht so. Das Christentum der Amharen ist eine Tünche, die den in Fleisch und Blut übergegangenen Aberglauben überdeckt.

Die Amharen bekennen sich, wie die ägyptischen Kopten, zum monophysitischen Christentum und sind ob der Häresie, in der Person des Heilands nur die Eine göttliche Natur zu sehen, auf dem Konzil von Chalzedon im Jahre 451 aus der römischen Kirche ausgestoßen worden. Es hätten für diese Ausschließung andere Gründe gefunden werden können. Ehe sie Christen wurden, hingen die Axumiten, wie die Abessinier zu jener Zeit genannt wurden, dem Judentum an. Heute noch heiligen sie den Sabbat, beschneiden am achten Tage nach der Geburt ihre Söhne und Töchter, beachten die mosaischen Speisegesetze und bauen ihre Kirchen nach dem Bilde des Salomonischen Tempels.

Oberhaupt der abessinischkoptischen Kirche ist der Abuna. Ein ägyptischer Kopte wird vom Patriarchen von Alexandrien zum Erzbischof und Metropoliten Äthiopiens geweiht. Die Kaiser Abessiniens, die sich vom Abuna krönen lassen müssen, um vom amharischen Volke als Herrscher von Gottes Gnaden anerkannt zu werden, müssen sich demnach von einem Ausländer krönen lassen. Schon hier, an der Spitze des Staates, ist das politische mit dem geistlichen Leben so verwachsen, daß weltliche und kirchliche Gewalt auf Gedeih und Verderb aneinandergefesselt sind. Die Patriarchen von Alexandrien lassen sich von den Negusa negesti für die Weihe der Abunas hohe Beträge (bis zu 36.000 Goldfrancs) bezahlen und sie schicken nach Äthiopien nur in vorgerücktem Alter stehende Erzbischöfe, um sich an den in Abständen von wenigen Jahren notwendigen Neuernennungen bereichern zu können. Auch die Abunas selbst, die ins Land kommen und seine Sprache gewöhnlich erst hier erlernen, haben kein anderes Interesse als das, möglichst große Einkünfte zu beziehen. Selbst die fromme Kaiserin Taitu bedauerte es, daß Äthiopier nicht Abunas werden können, als sie dem Erzbischof Matthäos nachweisen konnte, daß die Erträge der zahlreichen Sammlungen, die er für das abessinische Kloster in Jerusalem veranstaltete, zum koptischen Patriarchen nach Kairo wanderten, der den Äthiopiern in Jerusalem von dem Gelde nicht einen Piaster gab.

Der jetzige Abuna heißt Kyrillos. Er hat die Priester zu weihen, ist aber sonst, wie ein französischer Historiker feststellte, eine Person von "erlauchter Bedeutungslosigkeit". Kirchliche Vorschriften werden auf Vorschlag der Kleriker vom Negus erlassen, und der Abuna ist verpflichtet, den Landesherrn auf Reisen und Heerfahrten zu begleiten. Als Haile Selassie im Mai 1935 die Truppenlager von Harrar und Dschigdschiga inspizierte, war Abuna Kyrillos in seinem Gefolge. Es hat Abunas gegeben, die sich gegen diese Behandlung wehrten; sie sind von den Negusa abgesetzt, aus dem Lande gejagt oder eingekerkert worden. Durch viele Jahrhunderte hat der Klerus nach der Christianisierung Äthiopiens im Staate eine höchst politische Rolle gespielt, und diese Infiltration in das Staatsleben hat ihre schlechten und ihre guten Früchte getragen. Die guten lagen in den Geschenken, die die Kaiser dem Klerus machten. Ein Drittel des Landes wurde der Kirche und den Klöstern zu Lehen gegeben (und der Kirche nimmt man nichts wieder weg); die Erziehung des Volkes wurde Priestern und Mönchen anvertraut; der Alltag ist von religiösen Gesetzen erfüllt. An 200 Tagen im Jahre sind Fasten vorgeschrieben, ist Arbeit verboten. An 200 Tagen im Jahre darf der Amhare weder Fleisch, noch Eier, Butter oder sonst ein tierisches Produkt genießen. An strengen Fasttagen darf er gar nur eine Mahlzeit einnehmen. Es genügt den Priestern, wenn das Volk sich vor den Kirchen versammelt, die Mauern küßt und Spenden bringt. Dieses Christentum, das weder rituelle Taufe noch letzte Ölung kennt, ist entartet und zur Äußerlichkeit geworden. Nur jeder Hundertste im Lande kann ein Vaterunser beten, den anderen ist die Kirche ein Schauspiel, dessen Gepränge Auge und Ohr erfreut, an dem die Seele aber unbeteiligt bleibt.

Die größte Bedeutung unter allen Feiertagen hat das Maskalfest, das zur Erinnerung an die Auffindung des Kreuzes durch die Kaiserin Helena, die Mutter des großen Konstantin von Byzanz, begangen wird. Die ganze Bevölkerung Addis Abebas rückt zu diesem Fest auf den Platz vor der Gheorgiskathedrale. Was Beine zum Gehen und Tiere zum Reiten hat, findet sich ein, um den Kaiser und seinen Hof, den tanzenden Priestern zuschauen zu sehen. Die Kreuzesfeier hat wohl die Bedeutung einer Frühlingshuldigung, denn sie fällt auf den 26. September, und das ist das Ende der Regenzeit, nach der alles neu zu blühen beginnt.

Auf dem Platz werden Lanzenschäfte oder Latten zum sogenannten Maskalbaum zusammengestellt, der das Kreuz symbolisiert. Um Mittag erscheinen die bunt gekleideten Priester, voran in reich mit Gold gestickter Stola der Abuna, den ein von Diakonen getragener Sonnenschirm überschattet. Die Weltpriester tragen den weißen Turban, die zelebrierenden Kleriker goldene Diademe oder Kronen.

Kurz nach dem Klerus erscheint der Hof. Der Kaiser steigt von seinem Schimmel und begibt sich zum Maskalbaum, der von Priestern und Soldaten umringt wird. Aus Kirchenbüchern werden in der altäthiopischen Gees-Sprache einige Gebete verlesen, dann beginnen die Priester mit der Absingung von Psalmen und mit den heiligen Tänzen. Es sollen dieselben Tänze sein, die David vor der Bundeslade tanzte. Sie bestehen in rhythmischen Bewegungen des Oberkörpers und der Hände, begleitet von lebhaftem Mienenspiel. Der Gesang ist ein wenig tönereiches Psalmodieren. Bei den Tänzen stehen die Priester in Gruppen zu je sechs einander gegenüber. In der linken Hand eines jeden leuchtet das vergoldete Sistrum, ein Klapperinstrument, das die Göttin Isis , erfunden haben soll. Auf der rechten Schulter trägt jeder seine Gebetkrücke (auf die sich die Priester bei den stundenlangen Messen zu stützen pflegen). Langsam setzen die Gruppen die Fußspitzen auf den Boden und gehen, das Knie leicht beugend, vorwärts. Sechs Schritte, dann wieder die gleiche Anzahl zurück, in kaum wahrnehmbarem Wiegen, das der kirchlichen Würde keinen Abbruch tut. Dazu dröhnen die Nagarit-Pauken. Immer schwächer werden die Töne. Plötzlich hören sie auf und die tiefe Stille, die über den ganzen Platz schwingt, zeigt! das Ende der kirchlichen Feier an.

Und nun umschreitet Seine Majestät, der der Priester mit dem Tabot, dem Allerheiligsten, vorangeht, den Maskalbaum. Dem Kaiser folgen Priesterschaft, Würdenträger, Soldaten, das Volk. Jeder trägt einen blumengeschmückten Stock, den er auf die Lanzenpyramide wirft. Wessen Stock dabei in der Erde aufrecht stecken bleibt, der hat ein besonders glückliches Jahr zu erwarten. Früher wurden bei dieser Prozession auch die Gewehre abgeschossen, Menelik hat das verboten, weil die Freudensalven immer ein paar Tote zur Folge hatten. Am Abend wird der Maskalbaum angezündet.

Feiertage, wenn sie nicht zu öffentlichen Festen werden wie das Maskat- oder das Timkatfest, sind, im Hinblick auf ihren geistlichen Teil, eine Angelegenheit der Männer, denn nur sie besuchen die nächtlichen Gottesdienste in den Kirchen.

Das im Volke beliebteste Fest ist .Fassika' (aus dem lateinischen ,pasca'), das Osterfest. 55 Tage haben die Fasten gedauert, am Karfreitag und Karsamstag hat kein gläubiger Amhare eine Mahlzeit zu sich genommen. In der Nacht vor dem Ostersonntag wird das Ende der Fastenzeit durch zwölf Kanonenschüsse angezeigt. Es beginnt nun ein Fressen und Schlemmen, von dem sich niemand eine Vorstellung machen kann, der nicht dabei gewesen ist. Das größte Gheber des Jahres gibt an diesem Tage der Kaiser im Ghebbi. Die Leute essen und trinken, was sie können. Es ist kein Gastmahl, es ist eine Schling-und Schluckorgie. Mancher, der sich zur Feier hingesetzt hat und die acht Wochen Fastenzeit in einer einzigen Mahlzeit wettmachen wollte, ist tot von der Walstatt getragen worden, hat sich im wörtlichsten : Sinne des Wortes überfressen. Seine Nachbarn haben sich dadurch nicht im mindesten stören lassen, sondern fröhlich weitergetafelt. Das Ableben des Freundes gab die Hoffnung auf ein neues Fest. Das ,Tas-kar', die Seelenmesse mit nachfolgendem Totenschmaus, eröffnete die Aussicht auf neues Schlemmen.

Wirkliche Volksfeste sind das Weihnachtsfest und das Fest der Taufe Christi geblieben. Weihnachten — Jakristos Litat Baal' — wird im Familienkreis, aber im Freien gefeiert. So wie bei uns auf dem Lande Liedersänger durch die Dörfer ziehen und ihre Weihnachtsweisen ertönen lassen, wandern auch in Abessinien Jünglinge und Mädchen mit brennenden Fackeln von Gehöft zu Gehöft, tanzen und 1 lassen sich reichlich bewirten. Weihnachtsgeschenke sind allerdings ! unbekannt und die Religion spielt nur insofern eine Rolle, als die Männer am Mitternachtsgottesdienst teilnehmen.

 

Beim Timkatfest (Epiphaniae) aber versammeln sich Männlein und Weiblein am Ufer des nächsten Baches oder Flusses, in den am Vorabend des Feiertages zur Erinnerung an die Taufe Christi ein Kreuz gelegt worden ist. Das dadurch geheiligte Wasser wird am nächsten Morgen zum Baden benützt und soll heilkräftige Wirkung haben.

Die Neigung, in heiligen und darob heilkräftigen Wassern zu baden, ist allen Amharen gemeinsam. Darauf sind auch die zahlreichen Wallfahrten zum heiligen Berge Sukwala zurückzuführen, der sich j südlich von Addis Abeba zu einer Höhe von 2946 Meter erhebt. Der Krater dieses erloschenen Vulkans ist von einem etwa 600 Meter langen und 400 Meter breiten See erfüllt, dessen Wasser schwefelhaltig ist und Fluoreszenzen enthält, die den See bei Nacht in schwachem Schimmer leuchten lassen. Dadurch entstand im Volke der Glaube, daß der See heilig sei. Vor tausend Jahren soll hier ein Mönch namens Abo gelebt haben, den die Löwen, deren es damals in diesem Landstrich noch eine Menge gab, auf ihren Rücken reiten ließen. Der Teufel, der auf dem Grunde des Sees haust, ist von Abo mit Steinen verjagt worden. Ertrinkt nun einer der Pilger, die alljährlich in großer i Zahl zum Sukwala pilgern, um sich von ihren Sünden reinzuwaschen, im See, so hat ihn eben der Teufel hinabgezogen.

Von der Kirche aus, die neben dem Kraterrand steht, in dessen Höhlen einige Mönche ein Anachoretendasein führen, geht alljährlich einmal eine Prozession mit dem Allerheiligsten rund um den See, was zu einer großen Feier Anlaß gibt. Ist das Tabot wieder in die Kirche zurückgebracht worden, dann ist die Feier zu Ende und die Pilger ziehen heimwärts.

Ähnliche Pilgerfahrten werden zum Kloster Debra Libanos im Lande Salale unternommen. Dieser bedeutendste Mönchssitz Abessiniens ist einem Abt unterstellt, der den Titel Etschege führt und gleichzeitig oberster Vorsteher sämtlicher Klöster Abessiniens ist. Die Stellung des Etschege kommt der des Abuna fast gleich, übertrifft sie sogar in manchem, denn diesem Großprior sind nicht nur die Mönchs- und Nonnensitze, sondern auch alle Kirchen verwaltungstechnisch unterstellt. Etschege wird immer ein Amhare, dazu ist eine Bewilligung des Patriarchen von Alexandrien nicht erforderlich. Der Abt von Debra Libanos ist gleichzeitig ,Vater der Seele' des Kaisers, an dessen Hof er sich fast ständig aufhält.

Das Kloster von Debra Libanos besteht aus einer alten Kirche, um ' die sich die Tukuls der Mönche gruppieren. Gemeinsames Wohnen, wie es die römisch-katholische Kirche vorschreibt, ist den Mönchen hier unbekannt. Jeder ist auch sein eigener Koch, und die Mahlzeiten werden nicht gemeinsam eingenommen. Nur zu den Gottesdiensten versammeln sich die Mönche, die zum Unterschied von den Priestern, die vor der Ordinierung heiraten dürfen, im Zölibat leben müssen.

Der Beruf des Priesters ist in Abessinien sehr gesucht. Wo immer im Gefolge des Kaisers der Abuna im Lande erscheint, präsentieren sich halbwüchsige Jungen, um sich, nach Darbringung eines Opfertalers, zu Diakonen weihen zu lassen. Ein Priester unterzieht den Kandidaten einer Prüfung im Lesen. Ist diese bestanden, so werden die Jungen, von denen keiner älter ist als fünfzehn Jahre, vor den Erzbischof geführt, der ein Gebet spricht und jedem mit einer kleinen Schere ein Haarbüschel abschneidet. Durch Handauflegen wird die Weihe zum Diakon vollzogen, wozu die schlichten Worte .Seid Diakone!' genügen. Ebenso formlos wird die Priesterweihe vollzogen.

Diese Diakone leben nun bei den Priestern (nur in Gondar gibt es geistliche Seminare), lernen das Gees, das Alte und das Neue Testament und das Zelebrieren der kirchlichen Zeremonien. Haben sie nach einigen Jahren alles erlernt, was ihnen zur Ausübung des Berufes eines Wanderpriesters notwendig zu sein scheint, so machen sie sich auf und ziehen im Lande umher. Von Tukul zu Tukul wandernd, verkaufen sie, mit dem Kreuze in der Hand, Ablässe, assistieren bei Taufen, Beschneidungen, Hochzeiten und Begräbnissen, ohne dabei irgend eine rituelle Handlung vorzunehmen, durch ihr bloßes Erscheinen als Gäste Weihe verleihend.

Die gesuchteste Stellung für einen Priester ist die eines .Vaters der Seele'. Jeder vornehme Abessinier hat einen solchen Hausgeistlichen, der sich um das seelische Heil seines Schützlings zu kümmern hat. Dafür übernimmt der Beschützte die Verpflichtung, für das leibliche Wohl seines Beichtvaters zu sorgen.

Daß neben diesen Priestern das Volk alle möglichen Geisterbeschwörer, Vogelflugleser und sonstigen Propheten bis zum Regenmacher hinunter verehrt, zeigt, wie äußerlich das Christentum der Amharen ist. Eine Blütenlese abergläubischer Handlungen beweist, daß die christlichen Abessinier weit davon entfernt sind, sich auf ein einziges höchstes Wesen zu verlassen. Die jahrhundertelange Absperrung Abessiniens von der übrigen Welt trägt nicht zum geringsten Schuld daran.



Quelle: Graf Ludwig Huyn - Josef Kalmer, Abessinien, Afrikas Unruge-Herd, Verlag Das Bergland Buch, 1935 copyright von rado jadu 2001


Bilder aus Abessinien

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