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Äthiopien

Das Zukunftsreich Afrikas

Betrachtung über Abessinien

von Paul Gisbert

Es war im Hotel du Nord in Berlin Unter den Linden vor vielen Jahren. Stanley war ruhm- und erfolggekrönt aus Afrika zurückgekehrt. Der Mann, der freimütig von sich selber erzählte, daß er vom den Antritt seiner Afrikareise im Dienste des New York Herald keine Ahnung von Livingstone und dessen Aufgaben im schwarzen Erdteil gehabt, hatte sich in Afrika selber zum Afrikakenner ersten Ranges, zum Bahnbrecher auf diesem neuen Gebiet emporgeschwungen. Schnell und bestimmt, wie es amerikanische Art ist. So war er ein selfmade man der Wissenschaft, von des Gedankens Blässe nicht angekränkelt, klar und durchsichtig, wie ein frostklingender Wintertag. Und auch so frostig. Ich hatte von einem gemeinsamen Bekannten, einem spanischen Marineoffizier, der als Afrikaforscher sich in Fachkreisen bemerkbar gemacht, warme Empfehlungen an den neuesten star der Afrikakunde, der mir dann auch etwas "aufgekratzter" gegenübertrat, als es sonst seine Art war.

Bei Whiskey und Soda sprachen wir über Gott und die Welt und vor allem den schwarzen Erdteil, für den Stanley eine wahre Erfinderbegeisterung empfand, als habe er ihn erst entdeckt. Das war ihm so eigen, nachdem er aus Afrika zurückgekehrt war. Afrika erschien ihm als der Zukunftserdteil par excellence, und als das Zukunftsland in diesem Weltteil bezeichnet er — das Bergland, Habesch, Abessinien.

Damals wußte man in Europa gemeinhin wenig mehr von Abessinien, als daß seine Bewohner, wie man glaubte, eine Abart des Christentums pflegten, sonst aber noch halbwilde Leute seien, in kultureller Beziehung den islamitischen Bewohnern Afrikas gegenüber minderwertig. So glaubte man eben zu einer Zeit, als man Abessinien noch unterschätzte und einige abendländische Moslimfreunde die Meinung kolportierte, nur der Islam sei für die Kulturentwickelung Afrikas geeignet, obwohl sie sich sagen mußten, daß in den meisten Ländern, in denen der Islam sich festgesetzt, er wie der Wüstensand alle Kultur verschüttete.

Das Seherwort Stanleys ist Wahrheit geworden. — Abessinien, das seit Jahrhunderten dem Andrängen des Islam widerstand, ist in unseren Tagen so sehr zum Machtfaktor in Afrika herangewachsen, daß ohne seinen Willen in Zentralafrika nichts politisch Bedeutungsvolles mehr gesehen kann, und die europäischen Großmächte mit dem neueren Abessinien rechnen müssen. Italien, dessen afrikanische Kolonie Eritrea an Abessinien grenzt, hat es gar bitter erfahren müssen, daß der Löwe von Habesch nicht als qualité negligeable anzusehen ist. Nur der weisen Mäßigung des jetzt regierenden "Kaisers von Äthiopien", des Negus Negesti Menilek, war es zu danken, daß Italien in Afrika nicht gänzlich aufgerieben wurden.

Menilek ist nämlich in der Tat, selbst mit europäischem Maßstab gemessen, ein Starker, zielbewußter und kluger Herrscher. Von seinem europäischen Premierminister Ilg, einem geborenen Schweizer, trefflich beraten und über die Verhältnisse des Abendlandes gut informiert, will er die Segnungen der Kultur zuführen, soweit sie für abessinische Verhältnisse geeignet sind. Zumal den modernen Verkehrsmitteln wendet er rege Aufmerksamkeit zu, wohl wissend, daß diese in erster Reihe dazu berufen sind, die Naturschätze des Landes zu heben. So protegiert er in neuester Zeit eine von deutschen Afrikafreunden ( an ihrer Spitze steht ein bekannter Publizist, Baron v. Falkenegg) ausgehendes Bahnprojekt der Verbindung zwischen Ost- und Westafrika, anschließend an den Schienenweg Djibuti - Harrar. Diese afrikanische Zentralbahn würde einen großen Teil Abessiniens erschließen. — Und dieses Land ist es wahrlich wert, daß es unserem Gesichtskreise näher gerückt werde. Gehen wir es uns daraufhin an.

Abessinien wird von den Eingeborenen verschiedenartig benannt. Mangessa, Itjopja (nämlich Äthiopien) oder Geoz auch Agazi oder Agazjan, Medea — Agasgan, das "Land der Freien." Die bei uns gebräuchlich Bezeichnung gerade "Abessinien", die aus dem arabischen "Heduscha" stammt und aus der der Name Habesch und Habscha (Beled el Habesch — Beled el Habscha) entstanden, wird von ihnen nicht anerkannt und nicht acceptiert.

Die Bewohner Abessiniens, deren zahl etwa 4½ Millionen beträgt, stellen eine Völkerschaft von buntem Gemisch dar. Der Engländer Pearce sagt von diesem Völkergemisch: Habesch wird von Stämmen der verschiedenartigsten Religionen und Farben bewohnt. Man findet hier schwarze, dunkelbraune, kupferfarbige und oft, z. B. in Tigré, ganz hellfarbige, fast weiße Eingeborene und kann hierbei die interessante Beobachtung machen, daß die Bewohner der Hochebenen durchweg hellfarbig, die des Tieflandes durchweg dunkelfarbig sind. Das ist daraus zu erklären, daß die Bewohner des Tieflandes die Ureinwohner repräsentieren, während die der Hochebenen die Nachkommen der eingewanderten Stämme sind.

Wenn wir die Verschiedenartigkeit im Aussehen, zumal in der Hautfärbung der Bewohner Abessiniens mit einem geologischen Bilde bezeichnen wollen, so wäre es dies: die erste Schicht der Ablagerung, die Urschicht war hamitischen Ursprungs und zwar hamitischkuschitisch, dann folgte eine zweite hamitischsemitische Art, dann eine dritte rein hamitischer und eine vierte arischer Mischung.

Die Ureinwohner Abessiniens waren zweifellos Hamiten, im Sinne der Bibel und der ältesten ethnologischen Unterscheidung, die die reinen Neger noch nicht kannte, sondern die Bewohner des bekannten Afrikas, so auch die Ägypter, "Hamiten" nannte. Abessinien war das "Kusch" der Bibel, das Land des "Chus" oder das Äthiopien der Alten. Darauf weist auch die vorerwähnte Bezeichnung "Itjopja" hin, die die Abessinier für ihr Land gebrauchen.

Die Äthiopier wohnten nach der Vorstellung der Alten (und so waren sie auch auf den ältesten Welttafeln eingezeichnet) am Rande der südlichen Halbscheide von Osten nach Westen, nach späteren Angaben von Südost nach Südwest. In der alten Bedeutung stehen sie als Ostvölker mit Indien gesellt, worunter auch die Araber verstanden wurden. In dieser hamitischkuschitischen Urbevölkerung, die, wie erwähnt, mit den Negerrassen nicht das Geringste gemein hat, trat dann von Ägypten her, dem "Mizraim" der Bibel, eine Einwanderung rein hamitischer Art. Dieser Zuzug, der in der Regierungszeit Psametichs, also viele Jahrhunderte v. Chr., vor sich ging und an 300 000 Krieger (Angehörige der Kriegerkaste) in die Berge Abessiniens führte, bildet einen der wichtigsten, vielleicht den wichtigsten Wendepunkt in der Geschichte Abessiniens.

Mit diesen Ägyptern kamen sicher schon viele Juden ins Land, teils als Zugehörige der Kriegerkaste (denn daß die Nachkommen Jakobs, die sich in Ägypten angesiedelt hatten, nicht nur Hirten und Handwerker waren, sieht man an dem Beispiele Josuas, des Sohnes von Nun, der im ägyptischen Heere einen hervorragenden Führerposten inne hatte), teils als Bestandteile des Troßgefolges, da man wohl annehmen kann, daß außer den wirklichen Kriegern auch noch allerlei Volk aus Ägypten mit nach Süden gezogen war. Auf den letzteren Umstand, nämlich darauf, daß die Juden, die in Abessinien ansässig sind, aus Ägypten stammen, deutet auch der Umstand, daß die abessinischen Juden selber sich Fallasjan nennen, zweifellos ein sprachlicher Anklang an das ägyptische "Fellah".

Auch daß die abessinischen Juden sich hauptsächlich mit Häuserbauen und Dachdecken beschäftigten und auch Eisen bearbeiten (als solche von den anderen Landesbewohnern mit einer gewissen abergläubischen Scheu betrachtet), bestärkt die Annahme, daß es sich um die Nachkommen des Erzvaters Jakob handelt. Waren doch in der Tat zu jener Zeit die Kinder Israels durch den Zwang die geschicktesten Bauarbeiter in Ägypten geworden, die die berühmten Städte Pithon, Ramses (die Kultstätte der Pharaone) gebaut und an der Errichtung der Pyramiden den größten Anteil hatten. Auch waren sie die gesuchtesten Kräfte für die Zubereitung des Erzes, mit allen Eisenhüttenarbeiten wohl vertraut.

Diese Fertigkeiten im Häuserbau und in der Eisenbearbeitung brachten sie in ihr neues Vaterland Abessinien und pflegten sie heute noch, wie unter den Pharaonen.

Aus dieser ihrer Herkunft aus Ägypten und aus der vormosaischen Zeit ist es auch ohne Schwierigkeit zu erklären, daß die "Fallasjan" nicht ganz dieselben jüdischen Gebräuche haben, nicht dieselben Feste und Gottesdienstzeremonien halten, wie die anderen Juden, die aus Palästina her unter die anderen Völker zerstreut wurden. Ihr Judentum ist gewissermaßen das "jakobitische" im Gegensatz zu dem "mosaischen". "Die "Fallasjan" glauben an den Gott Abraham, Isaaks und Jakobs (die Verehrung der drei Erzväter haben sie mit den andern Juden gemeinsam), aber ihre Gottesverehrung ist stark mit heidnischen Elementen durchsetzt.

Neben diesen semitischen Elementen der "Fallasjan", der Nachkommen der Kinder Israels, sind — um weiter bei dem geologischen Bilde der Aufschichtung der Rassen zu bleiben — noch andere rein semitische aus Arabien in das Land gekommen, die sich mit den Eingeborenen vermischten. Und zuletzt fehlte es auch an arischen Volksbestandteilen nicht, als die Perser unter Kambyses Ägypten eroberten und auch nach Äthiopien vordrangen. Die Zahl der in Äthiopien zurückgebliebenen Perser mag nicht unbeträchtlich gewesen sein, wie man mit Recht vermuten darf. Kurz, aus all diesen Völkerschichtungen setzte sich die Eigenart der abessinischen Eingeborenen zusammen, unabhängig von den Mischungen, die bei jedem mit andern Völkern in Berührung kommenden Volke zu beobachten sind, und so ist es auch verständlich, daß die Hautfärbung vom tiefdunkelen Braun bis zum ganz hellen Inkarnat reicht. Aber charakteristisch und sehr bezeichnend ist es hierbei, daß selbst die ganz dunkelfarbigen, beinahe schwarzer Abessinier nie eine Ähnlichkeit mit den Negern zeigen, ein Beweis, daß sie in dem Gefühl eines höher stehenden Kulturvolkes die Vermischung mit Negerstämmen prinzipiell verschmähen. Wenn man das Signalement des Durchschnittsabessiniers geben wollte, dann müßte er folgendermaßen lauten: Statur: schlank (die Männer in Mittel 1,65 m, die Frauen in Mittel 1,50 m groß), Augen: schön, lebhaft, Nase: regelmäßig, Zähne: weiß, Haare: schwarz, lang und schlicht, nicht kraus wie bei den Negern. Der körperliche Eindruck ist entschieden gewinnend, und Afrikareisende, die ihr Weg auch nach Abessinien geführt, wissen von den aparten Reizen mancher Abessinierinnen nicht genug zu erzählen. Auch der bekannte Emin Pascha, der sonst die Wissenschaft mehr beschäftigte als die Rücksicht auf Frauen (wie man aus seiner Lebensgeschichte weiß), ließ sich von einer schönen Abessinierin in Fesseln schlagen und lebte mit ihr in glücklicher Ehe.

Die Abessinier sind im allgemeinen von nicht geringer Intelligenz, sehr gelehrig und anstellig und darum besonders früher, als die Sklaverei im Orient eine allgemeine geltende Einrichtung war, als Sklave sehr geschätzt gewesen. Mancher Abessinier ist als Sklave in Arabien, in Persien und der Türkei zu hohen würden emporgestiegen. Neben ihrer Anstelligkeit sind sie tapfer und mutig — allerdings auch verschlagen. Die ewigen Fehden, Bedrückung und Verfolgungen haben sie hinterlistig gemacht, sie gelten als Meister der Verstellung.

Die Bevölkerung Abessiniens treibt Ackerbau, Viehzucht, etwas Hausindustrie (zum Teil primitive, zum Teil schon von kunstgewerblichen Intentionen geleiteter Art) und einigen wenn auch geringfügigen Handel.

Der Ackerbau wird mit höchst einfachen Hilfsmitteln betrieben; gebaut werden zumeist Cerealien, Hülsen- und Ölfrüchte. — Die Hausindustrie umfaßte Leder- und Pergamentarbeiten, die Fertigung von Baumwollwaren und Teppichen aus Wolle und Ziegenhaaren. Man findet hierunter Arbeiten, die beinahe schon künstlerischen Wert beanspruchen dürfen.

Der Handel ist bis jetzt noch nicht bedeutend, die Natur des Abessiniers neigt im allgemeinen nicht zum Handel — die, wenn man so sagen darf, "männlichen" Beschäftigungsarten liegen ihm näher. Die Abessinier sind ein "Herrenvolk", das zeigt sich auch in ihren Beziehungen zum andern Geschlecht; sie sind ein Herrenvolk ähnlich wie die Montenegriner, Albaneses, Korsen usw., die den größten Teil der Hausarbeit dem weiblichen Geschlecht aufhalsen.

Aber unter Umständen kann eine kluge Frau unter den Abessiniern sich eine hervorragende Position verschaffen — nichts steht ihr hierbei im Wege. Sie kann ihre Fähigkeiten voll entfalten. Die abessinische Geschichte ist an Beispielen hierfür nicht arm. Das glänzendste bietet die Neuzeit in der Bedeutung, die die Gattin des Negus Menilek, die Kaiserin Taitu, für ihr Land gewonnen. Diese merkwürdige Frau ist nicht nur die kluge Beraterin ihres Gatten in Staatsangelegenheiten, sondern auch eine erfahrene, in Waffenkünsten geübte Kriegerin. Sie kommandiert die Kavallerie bei den großen Truppenansammlungen, die der Negus von Zeit zu Zeit veranstaltete, um Musterung über seine wohldisziplinierte Heeresmacht zu halten. Seeth, der berühmter Dompteur, der lange Zeit in Adis Abeba, der abessinischen Hauptstadt zubrachte, ist voll des Rühmens dieser eigenartigen Frau und des willensstarken Herrscherpaares überhaupt. Er erzählte mir mancherlei Interessantes aus jenem kräftig emporstrebenden Lande, daß unter der energischen Regierung Menileks mählich zum wichtigsten Faktor Zentralafrikas wird.

Auf seinen Kreuz- und Querwanderungen durch das äthiopische Reich hatte er Gelegenheit, den Charakter des Volkes kennen zu lernen und berichtet nur Anerkennendes davon. Vor allem ist ihm, wie jedem, der offenen Auges durch das Land Menileks reiste, die Gastfreundschaft und die ehrliche Art der eingeborenen gegenüber den Fremden aufgefallen. In welcher Lage der fremde sich auch befinden mag, der eingeborene Abessinier wird ihn nicht um eines Pfennigs Wert übervorteilen. Des jetzt regierenden Negus' Einfluß ist es auch zu danken, daß die Gerechtigkeitspflege in Abessinien auf einem achtungswerten Standpunkt steht. Der "Löwe von Juda", der dunkelfarbige Negus, der in wichtigen Dingen selber zu Gericht sitzt, fällt oft Urteilssprüche, die denen seines mit Recht oder Unrecht in Anspruch genommenen Urahns Salomo würdig sind. Mit starker Hand führt er die Zügel der Regierung, mit dem festen Willen, sein Land, das jeden Augenblick eine wohldisziplinierte Kriegerschar von 200 000 Mann auf die Beine stellen kann, zur ausschlaggebenden Macht Innerafrikas zu gestalten.

Was Abessinien schon in älteren Zeiten eine große Bedeutung für das Leben der ostafrikanischen Völkerstämme gab, das war der Umstand, daß in ihm ein kräftiger Volksstamm durch die Religion geeint und (nur in den Zeiten unseliger Kämpfe anders gestaltet) unter dem Szepter eines gemeinsamen Herrschers den benachbarten, meist ein Nomadenleben führenden Völker gegenüberstand, die teils fanatisch dem Islam anhingen, teils aber nur äußerlich sich zur Religion Mohammeds bekannten, teils endlich noch Heiden waren. — Die Jahrhunderte traten als Zeugen dafür auf, daß das äthiopische Volk allen seinen Nachbarn, solange es dort keine größeren und einheitlichen Staatenbildungen gab, bei weiten überlegen war.

Wenn wir an ein zielbewußtes Walten in der Weltgeschichte glauben, dann müssen wir der Vorsehung wahrlich dank dafür wissen, daß dieses afrikanische Gebirgsland unter den schwierigsten Umständen ein Bollwerk gegen den Islam geblieben. Die Früchte werden wir hoffentlich bald gewinnen.

"In handelspolitischer Beziehung", so sagt der Abessinienkenner Münzenberger ferner, "würde die Erschließung Abessiniens für Europa von der größten Wichtigkeit werden. Zunächst würde dadurch ein großes Land, das seiner vorwiegenden Beschaffenheit nach uns unvergleichlich näher steht, als alle übrigen Teile des afrikanischen Kontinents, mit Europa in ernste Beziehung gebracht. Gewiß nicht mit Unrecht legt man großen Wert darauf, mit den noch ganz wilden Ländern des inneren Afrikas in Beziehung zu treten, von wo es außer Elfenbein, das allem Anschein nach in einigen Jahrzehnten auch dort zu den Seltenheiten gehören wird, Palmöl und anderen Erträgnissen der großen Waldungen nicht viel zu exportieren gibt und wohin der Import, solange die dortige Bevölkerung nicht gänzlich umgewandelt sein wird, sich vielfach meistens auf den so gefährlichen von Waffen und Branntwein beschränkt. Man rechnet eben auf kommende Zeiten, in denen ganz neue Verhältnisse auch jene entfernten Länder für Europa weit wichtiger machen werden. In Abessinien aber haben wir ein großes Land vor uns, in dem alle Vorbedingungen zu einer reichen Kultur gegeben sind und das, wenn ihm von Europa die rechte Hilfe zuteil wird, sich gewiß in bisher ungeahnter Weise nach den verschiedensten Richtungen hin entwickeln wird."

Gerhard Rohlfs geht in Bezug auf das Näherrücken Abessiniens an europäische Kulturinteressen noch weiter.
Rohlfs sagt: "denke ich an den Tanasee mit seinen tiefblauen Fluten und ewig grünen Ufern zurück, dann muß ich sagen: von den Äquatorialseen wird er zwar bedeutend an Größe, aber gewiß nicht an Schönheit und Üppigkeit der ihn umgebenden Natur übertroffen. Und was die Reinheit der Luft anbetrifft, so sind die an und für sich hohe Lage des Sees und die stellenweise ans Ufer stoßend, nicht niedrigen Berge, z. B. der Tekla Haimanot mit 2100 m, der Goraf mit 2200 m Höhe, die beste Bürgschaft für gesunden Aufenthalt. Wann aber werden die Zeiten kommen, daß man nach Abessinien, um seine Gesundheit wiederzuerlangen, reist, wie jetzt nach Ägypten? Hoffentlich bald." —

Nun, unsere Zeit marschiert schnell, was früher in Jahrhunderten sich entwickelte, kommt jetzt in Jahrzehnten schon zustande. Und so dürfte auch der Zeitpunkt nicht mehr fern sein, in dem (den mit den Verhältnissen Unbekannten dünkt es wie eine Utopie) Abessinien auch in touristischer und gesundheitlicher Beziehung Europa näher gebracht und den Kranken eine Gesundheitsstation wird, wie jetzt die Riviera und Ägypten.

Von Genua dauert die Reise nur einige Tage, und die Abessinier, die nicht dümmer sind, wie andere Völker auch, die zu Wirten des Touristenschwarms geworden sind, werden ihren Vorteil schon erkennen, wenn die "afrikanische Schweiz" mit der europäischen erst in Wettbewerb treten wird. Hat ja diese Schweiz mit ihrer europäischen Schwester auch das politische Schicksal gemeinsam, daß sie oft und erfolgreich ihre Unabhängigkeit verteidigen und sich der Bedränger erwehren mußte. —

Quelle: Reise um die Erde, Karl Tanera und Paul Gisbert, Internationaler Welt Verlag, 1905, von rado jadu 2001


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