Die Eroberung des Sudan/Elfenbeinhändler und Sklavenjäger
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"Mitten durch das Rote Meer, durch ein Blutmeer, geht die ewige Leidens- und Triumphzug der Menschheit.Vorwärts!" Johannes Scherr |
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Wo Nubien endet, beginnt
der Sudan, das "Negerland", das "Land der Schwarzen",
ein reiches, landschaftlich wechselvolles, aber auch blutgetränktes
Gebiet wie wenige andere auf der Erde. Hier war es, wo vor vier Jahrzehnten
der nubische Derwisch Mohammed Achmed, der "Mahdi" oder "falsche
Prophet", sein Glaubensreich errichtete und mit der Fackel des
Fanatismus einen Aufstand ins Leben rief, der beispiellos für Afrika
war und sich zu einem Drama auswuchs, wie die Geschichte nur wenige
kennt. Hier war es, wo die Elfenbeinhändler und Sklavenjäger
ihr Unwesen trieben, wo "Feuer und Schwert" die Herrschaft
führten, so weit unsere Kenntnis vom Sudan zurückreicht. Die
Hand des Schicksals lag schwer auf dem Lande. Erst um die Wende zu unserm
Jahrhundert brach nach der Vernichtung des Mahdireiches die friedliche
Zeit für den Sudan an. Die frühesten Vorstöße der
Ägypter nach Süden hin liegen weit zurück. Begeistert
schildert schon Herodot den Reichtum an Gold und Elfenbein, den die
siegreichen Heere der Pharaonen auf ihren Zügen erbeuteten, und
zahlreich sind die späteren Kriege, deren Schauplatz bisjetzt als
"ägyptisches Sudan" zusammengefaßten Länder
waren. Inzwischen
hatte sich in Ägypten nach Ausgang der kurzen "Franzosenzeit",
das heißt nach dem Feldzuge Bonapartes zur Unterdrückung
des englischen Handels und zur Erlangung der Vorherrschaft im Niltal
und an der Suez-Landenge, eine bedeutsame Wendung vollzogen. Mehemet
Ali, in seiner Art ein zweiter Napoleon Bonaparte, war Statthalter Unterägyptens
geworden (1805), hatte sich mit hilfe der Mamelucken -einstmals arme
türkische Sklaven, später die herrschende Kaste Ägyptens
- die Engländer, die ihn bedrohten, geschlagen, sich dann seiner
tapferen Helfer entledigt, indem er die Mamelucken Beys, vierhundertachtzig
an der Zahl, zum Fest auf die Zitadelle entbot und in echt orientalischer
Weise durch Meuschelmörder beseitigen ließ, und ging nach
alledem daran, seine Herrschaft nach Süden auszudehnen. Den Vorwand
zum Einmarsch in Nubien gaben die wenigen Mamelucken, im besten Falle
nach Hunderten zählend (die übrigen waren als vogelfrei, wo
man sie antraf, ermordet worden), die sich mit ihren Weibern und Sklaven
nach Dongola zurückgezogen und auf ihrem Zuge am Nil entlang die
Dörfer gehörig gebrandschatzt hatten. Wenn man erst einmal
in Nubien war, so ließen sich hundert Vorwände finden, um
weiter nach Süden vorzurücken. Ein großes, buntgewürfeltes Heer, zum Teil aus ägyptischen Fellachensöldnern, zum Teil aus Albanern, Beduinen, nordafrikanischen Mohammedanern aus Algier, Tunis und Tripolis, sowie aus vereinzelten Türken bestehend, wurde geschwind auf die Beine gebracht, und Ismael Pascha, des Statthalters Sohn, brach mit diesem wohlgerüsteten Heere zu einem Eroberunszuge auf. Ein Teil der Armee wurde angezweigt, um unter Ismael Paschas Schwager, dem übelberüchtigten Desterdar, die Sudanländer zu unterwerfen. Die Mamelucken in Dongola warteten Ismaels Ankunft nicht ab. Sie zogen weiter den Nil hinauf und zerstreuten sich, da man sie nirgends wollte, nach Osten und Westen über den Sudan. Dagegen machten die Scheilieh, ein wildes, kriegerisches Volk, das von Süden her Nubien überschwemmt und sich dort eingerichtet hatte, Ismael Pascha das Leben schwer. Sie stellten zehntausend Mann ins Feld, darunter zweitausend tüchtige Reiter, und lehnten den bestimmten Befehl, dem "Wali", dem Statthalter Mehemet Ali, Gehorsam zu leisten und Waffen und Pferde an die Regierung auszuliefern, ebenso kategorisch ab. Sie seien bereit, Tribut zu zahlen, wollten aber ihr Land behalten. Es kam in der Nähe von Dongola zu einer überaus blutigen Schlacht, die nicht durch ruhmvolle Tapferkeit, sondern allein durch die Übermacht der besseren Waffen entschieden wurde. Mit Lanzen, Schwertern und Schilden gerüstet, traten die mutigen Scheikieh den Feuergewehren und Kanonen der türkisch-ägyptischen Truppen entgegen. Auch Frauen standen mit in den Reihen, um ihre Männer durch gellenden Schlachtruf und ihre emporgehobenen Kinder zum todesmutigen Kampf zu entflammen. Allein die Waffen waren zu ungleich. Zu Tausenden färbten die Nubier mit ihrem Blute den gelben Sand, und unter dem schrillen Wehegeschrei ihrer Weiber ergriffen sie schließlich die Flucht. Jene aber, so wird berichtet, erfaßte die wildeste Verzweiflung. Ruhmvollen Tod der Knechtschaft vorziehend, drückten sie ihre Kinder ans Herz und stürzten sich zu Hunderten mit ihren Lieblingen in den strom. Den Fliehenden machte die Wüste unmöglich, Zufluchtstätten zu gewinnen. Sie mußten sich in ihr Schicksal ergeben und ihren bis dahin so stolzen Nacken ins Joch der Überwinder beugen. Ismael Pascha zog weiter nach Süden, quer durch die große Bajuasteppe nach Berber und Schendi, wo Melik el Nimr, der "Pardelkönig", einer der zahlreichen nubischen Scheichs, sich kampflos dem Wali unterwarf. Zum Dank dafür legte ihm Ismael Pascha unerschwinglische Steuern auf, die in Lebensmitteln und Sklaven bestanden und innerhalb kurzbemessener Frist gegen Strafandrohung bezahlt werden sollten. Dann ging es weiter durch ein Gebiet, das seit dem Altertum berühmt und ringsrum von Flüssen eingerahmt ist: im Westen vom Nil und zum kleinen Teile vom Bahr el Asrak, dem Blauen Strom, im Süden von dessen Zufluß, dem Rahat, und östlich vom mächtigen Atbara; es trägt die Bezeichnung "Insel" und ist das alte Meroë der alexandrinischen geographen, der Sitz der "Königin von Saba." Von dieser Insel, die vor unserer Zeitrechnung zu Äthiopien gehörte, erzählte man sich seit dem Altertume die allersonderbarsten Märchen. Dort sollten die größten Männer leben, die ein geheimnisvoller Brunnen bei ewiger Jugend und Schönheit erhalte, und eine Wise nahe der Hauptstadt sollte ein Stück Schlaraffenland sein, wo jeder nach Herzenslust schlemmen könne. Das Gold sei in Meroë derartig häufig, daß man die allergewöhnlichsten Dinge aus diesem edlen Metall erzeuge, um nicht im Reichtum zu ersticken: sogar die Gefangenen und die Sklaven würden mit goldenen Ketten gefesselt. Laut Herodot sollbereits Kambyses bald nach der eroberung Ägyptens nach diesem Goldlande aufgebrochen, während des Marsches quer durch die Wüste jedoch durch den mangel am Lebensmitteln zur Rückkehr gezwungen worden sein. Nun wurde das Märchenland Meroë eine leichte Beute Ismael Paschas, und wenn er dort auch statt Zauberbrunnen und goldener Berge nur Steppen vorfand, die höchstens als Viehweiden nutzbringend waren, so hatte er durch die eroberung doch den Schlüssel zum fruchtbaren Sennar gewonnen, das gleichfalls als Goldland gepriesen ward, und zum Ufergebiet des Weißen Nils. Nach heftigen Kämpfen mit den Fundsch, einem zähen und tüchtigen Negerstamme, bezwang er das reiche und stolze Land, entthronte den Sultan und stellte Sennar unter ägyptische Oberhoheit. Er sollte sich aber nur kurze Zeit seiner ungeahnten Erfolge freuen; auf seinem Rückwege nach Ägypten ereilte ihn ein furchtbarer Tod. In Schendi, Melik el Nimrs Haupstadt. Der nubische Scheisch, der Pardelkönig, vermochte die ihm von Ismael Pascha aufgezwungenen harten Steuern beim besten Willen nicht einzureiben, dachte auch gar nicht daran, es zu tun, wie schwer auch die angedrohte Strafe auf seinen Volke lastete. Dem größenwahnsinnigen Statthaltersohne mit waffengewalt entgegenzutreten, war gleichbedeutend mit einem Blutbad, wie kürzlich die Scheikieh eines erlebt; man stritt nicht mit Lanzen gegen Geschütze, solange man bei Besinnung war. Und dennoch dürstete er nach Rache für die ihm angetane Schmach und nach Befreiung von seinem Bedrücker. Nur List konnte helfen, grausame List. wie Mehemet Ali sie angewandt hatte, als er dieMamelucken Beys in Kairo niedermezeln ließ. Während er Unterwürfigkeit heuchelte, schürte der scheich bei dem Nubiervolke den glimmenden Funken der Empörung zu einer lodernden Flamme an. Alle vorhandene Boote benutzend, kommt Ismael Pascha den Nil herab, von seinem glänzenden Stabe begleitet; hinter ihm folgen die siegreichen Truppen. Melik el Nimr erweißt ihm die Ehre, die ihm als Vertreter des Wali gebühren, feiert ihn wie ein Triumphator und lockt den ruhmestrunkenen Helden durch allerlei schlaue Vorspiegelung aus seinem sicheren Boote an Land. Ein Fest, wie Ismael nie geschaut, will Melik el Nimr dem Sieger geben, und um es noch glänzender zu gestalten, erwirkt er von Ismael die Erlaubnis, auch sämtliche Führer des tapferen Heeres beim prunktvollen Gastmahl bewirten zu dürfen. Die Königsbehausung ist festlich geschmückt, ein riesiger, nach der Landessitte aus Stroh errichteter runder Palast, den rings ein dorniger Hag umschließt. Innerhalb dieser Dornenumfriedung sind mächtige Heuhaufen aufgeschichtet - das außer den sonstigen Kontributionen geforderte Futter für die Kamele. Heerführer, Stab und Offiziere vereinigt das üppig bereitete Mahl; für die Soldaten, die abseits lagern, sind Krüge mit Merisa bereit. Außerhalb der Dornenumzäunung, aber vom Innern der Festhalle sichtbar, übt sich beim Klange der Tarabuka, der wie zum Kampfe so auch zum Reigen anfeurnden Trommel des Nubierlandes, das junge Volk im fröhlichen Tanz. Geschleuderte Lanzen durchschwirren die Luft und werden bewunderungswürdig sicher von dem gegenüber zanzenden Jüngling mit seinem Schilde aufgefangen. Schwertklingen blitzen im Sonnenschein, von zwei im Kriegstanz sich drehenden Kämpen gewandt nach dem Haupte des Gegners geschwungen, aber nicht minder gewandt und sicher mit Schild und Klinge abgewehrt. Ismael ergözt sich ersichtlich beim Anblick der braunen Jünglingsgestalten, der Anmut ihrer geschmeidigen Glieder, der Kühnheit des Angriffs, der sicheren Abwehr. Allmählich wird das Gewimmel dichter. Mehr und mehr Schwerttänzer treten auf, und ungestümer wird ihre Bewegung; der Takt der Trommeln beschleunigt sich. Und plötzlich nimmt gar die Tarabuka eine ganz andere Weise an. Hundertfach hallt der Trommelschlag wider, an allen Ecken und Enden von Schendi, nicht minder auch in den Nachtbardörfern hüben wie drüben am Ufer des Nils. Gellende Schreie durchzittern die Luft, aus hundert weiblichen Kehlen kommend, und ebenso viele braune Weiber - bis auf die Lenden unbekleidet, Staub und Asche in den Haaren, die nach dem Landesbrauch fettgesalbt sind - stürzen mit Feuerbränden herbei und schleudern sie gegen die Königshalle und die sie umlagernden Haufen Heu. Eine ungeheure Feuergarbe lodert sofort zum Himmel auf, und in die Flammen, aus denen Angstrufe, Flüche und Klanglaute erschallen, fliegen die unbarmherzigen Lanzen der tausend und aber tausend Tänzer. Diesmal hemmen den Flug keine Schilde. Weder der Pascha noch irgendeiner seiner verblüfften Festgenossen entgehen dem qualvollen Feuertode. Gleichzeitig mehrt sich die Menge der streiter. Es ist, als wüchsen sie aus dem Boden, um ihr geknechtetes Volk zu retten. Wer irgenwie Waffen tragen kann, wendet sich gegen die grausamen Feinde. Weiber mischen sich unter die Krieger, und Greise und Knaben stregnten sich an, um den Männern an Ausdauer gleichzukommen. Bevor noch der Morgen zu grauen anfängt, sind Schendi und seine Nachbarorte von den ägyptischen Truppen befreit. Nur die fernab vom Kamplatze lagen, entgingen der Bartholomäusnacht und brachten dem zweiten ägyptischen Heerführer, Desterdar, der in Kordofan weilte und dort seinen Feldzug beendet hatte, die unerwartete grausige mär. Dieser - noch heute in Nubien "el Djelad", der Henker, zubenannt - erschien mit allen verfügbaren Truppen, errang mit Hilfe der feuerwaffen nach kurzem Kampf einen vollen Sieg und opferte seiner grimmen Rache mehr als die Hälfte des armen Volkes. Zu Hunderttausende sollen die Nubier seiner Vergeltung erlegen sein. Der Pardelkönig, der gegenwärtig schon durch die Sage verherrlicht wird, entfloh nach Abessinien und entging so der Rache des Desterdars. Alle diese Eroberungszüge, die unablässig fortgesetzt wurden und nach und nach den ganzen Sudan unter ägyptischer Hoheit brachten, waren von Europäern begleitet und dienten so wenigstens nicht auschließlich der unersättlichen Ländrgier. Die unterworfenen Provinzen verloren zwar ihre Selbständigkeit, wurden aber zugleich eröffnet. Die Reisen, bislang sehr gewagt und gefahrvoll, wurden zusehends sicherer, und die Karte der Länder am oberen Nil konnte weiter und weiter vervollständigt werden. Was durch das Schwert errungen worden, war auch allein durch das Schwert zu halten. Ägyptische Truppen und Beamte kamen nicht mehr aus dem Sudan heraus, zumal die unterjochten Provinzen dem Wali steuerpflichtig waren, sich aber selten aus freien Stücken zur Pflichterfüllung veranlaßt fühlten. Die neuerrichteten Statthaltereien erhielten besondere Befehlshaber und die benötigte Garnison, und der Gemeinsame Mittelpunkt für die gesamte Verwaltung des Landes wurde ein in strategischer Hinsicht vorzüglich gelegenes Fischerdorf imnördlichen Zipfel der Halbinsel Sennar, dort, wo sich Asrak und Abiad, der Blaue und Weiße Nil, zum Mutterstrome vereinigen. Der Zipfel zwischen den beiden Flüssen hieß seiner Form wegen Ras el Chartum, Ende des Elefantenrüssels, und danach bekam der neue Ort, der an Stelle des Fischerdörfschens entstand, seinen heute noch gültigen Namen Chartum. Anfangs (1823) wurde die Truppenabteilung in landesüblichen runden Strohhütten+, später, nachdem diese Niederlassung mehrfach durch Feuer zerstört worden war, in festen Lehmhäusern untergebracht, die neben der Wohnung des Kommandanten, den Offiziers- und Beamtenhäusern, Magazinen und Fischerhütten die ganze Ortschaft bildeten. Wenige Jahre genügten indessen, um aus dem Lager- und Fischerdorf ein lebhaftes Handelsstädtchen zu machen, ein paar Jahrzehnte, um dieses Städtchen in den bedeutensten Handeslsplatz ganz Nordafrikas zu verwandeln.
Äußerlich, aus der Ferne gesehen, schien die Verwaltung der neuen Länder in leidlich geordneten Bahnen zu laufen, in Wirklichkeit war sie erbärmlich schlecht. Das Wohlergehen der Eingeborenen kümmerte die Beamten nicht. Ihr ganzes Bestreben ging dahin, aus der armen Negerbevölkerung so viel wie möglich herauszupressen, um ihre eigenen Taschen zu füllen und sich in Kairo Freunde zu werben, die, wenn Beschwerden über sie eintrafen, ihre Verteidiger spielen konnten. Je mehr die Bedrückung der Eingeborenen zunahm, desto meht Militär war im Sudan nötig, um die empörte Bevölkerung, die alle Schaffensfreude verlor und von Jahr zu Jahr widersetzlicher wurde, notdürftig bei der Stange zu halten. Und die verstärkten Garnisonen, die selbstverständlich auch ihrerseits von der arbeit der Eingeborenen leben wollten, bedingten dann wieder ein neues Anziehen der verhaßten Steuerschraube. So wurde die Mißwirtschaft immer ärger, und die Beschwerden häuften sich so, daß Mehemet Ali trotz seines Alters - er war damals nahezu siebzig alt - persönlich nach dem Sudan ging, um mit den schuldigen abzurechnen. Er hielt in der tat ein strenges Gericht. sein ganzer Zorn traf die übeltäter, die schonungslos ihrer Ämter enthoben und je nach dem Maße ihrer Sünden mit schweren Strafen büßen mußten. Ordnung und Recht wurden hergestellt, und wie ein allgemeines Aufatmen ging es durch alle Provinzen des Sudan, durch Dongola wie durch Berber und Chartum, durch Sennar und Kordofan. Kaum saß er aber wieder in Kairo, da fing auch von neuem die Mißwirtschaft an und griff nun zügelloser und toller um sich, als jemals der Fall gewesen. Es war ein Ding der Unmöglichkeit, die Beamten der ausgedehnten Gebiete in ihrem Verhalten zu überwachen, und nahezu ebenso schwierig war es, für die besonders wichtigen Posten zuverlässige Männer zu finden. Leute, die lange in Kairo gedient und sich in ihren Amtsgeschäften als unbestechlich erwiesen hatten, wurden, von dort nach dem Sudan versetzt und ohne Aufficht sich selbst überlassen, bald ebenso habgierig und brutal, ungerecht und gewissenlos wie ihre abgesetzten Kollegen. Dennoch hatte die Reise des Statthalters (1838 und 1839), so wenig sie der Bevölkerung nützte, als Nebenfrucht etwas Gutes gezeitigt, Der Anblick des Bahr el Abiad regte im greisen Mehemet Ali die Frage des "Caput Nili" an, die Frage nach den Quellen des Nils, die seit den Tagen des Altertums die Menschheit lebhaft beschäftigt hatte, weniger aus geographischen Gründen als der Vermeintlichen Goldlager wegen, die nach der Sage die Wiege des Flusses von allen Seiten umgeben sollten. Raschen Entschlusses, wie er war, setzte er mit reichen Mitteln eine Expedition ins Werk, um das Jahrtausende alte Rätsel des heiligen Stromes aufzuklären und dessen goldenen Schatz zu heben. Am 16. November 1839 ging die erste Nilexpedition unter dem Fregattenkapitän Selim, einem in England gebildeten Türken, und unter der wissenschaftlichen Leitung des seit langem im Sudan lebenden französischen Vizekonsuls Thibaut mit vierhundert Mann, zwölf größeren Kanonenbooten und fünfzehn Lebensmittelbarken von Chartum ab. Die Stromfahrt, die bis zum 26. Januar 1840 dauerte, erreichte im Lande der Abiadneger unter 6° 35' n. Br. ihren südlichsten Punkt. Die Ausbeute war aber so gering, das Mehemet Ali im folgenden Jahre bereits eine zweite Reise befahl, wieder unter demselben Führer, dem aber diesmal außer Thibaut dessen Landsleute Sabatier und d'Arnaud, beides tüchtige Ingenieure, sowie der Deutsche Ferdinand Werne, der Militärarzt in Chartum war, als Wissenschaftler zugeteilt wurden. Die Flotille gelangte fast bis nach Uganda, bis nach dem Orte Gondokoro, und schnitt auch in wissenschaftlicher hinsicht bedeutend vorteilhafter ab. Zwei weitere Erkundungsfahrten, die Mehemet Ali nach Süden schickte, verliefen dagegen ergebnislos. Die Goldminen wurden nicht entdeckt und ebensowenig die Quellen des Nils; als Glied in der Kette der Aufklärungsreisen in den bis dahin außer durch Fabeln noch unbekannten Sudanländern waren die Expeditionen des Wali indessen trotzdem bedeutungsvoll. Der Sobat, der Astosobas der Alten, der aus dem abessinischen Hochland die blauen Gewässer zum Weißen Nil schickt, erstand aus tausendjährigem Schlaf, und unzweideutig erkannte man endlich, das letztere, also der Weiße Nil, der Quellfluß des heiligen Stromes war. Im Mittelalter galt der Atbara, später der Asrak, der Blaue Fluß. als eigentlicher, wahrer Nil. Man hatte zwar allerlei läuten hören von dem bedeutsamen Weißen Nil, war aber über die Sudangewässer und über die Richtung, in der sie flossen, nur auf Vermutungen angewiesen. Die Expeditionen Mehemet Alis lockten zu neuen Entdeckungsfahrten. Das Auftauchen großer fremder Gebiete mit üppiger, tropischer Vegetation und einer überaus reichen Tierwelt, vor allem auch des gewaltigen Stroms, dessen Ursprung immer noch dunkel blieb, wirkte als wundersam spornende Kraft. Die Segelfahrten den Nil hinauf begannen häufiger zu werden, und namentlich waren es Handelsleute, Türken sowohl wie Europäer, die auf die Kunde vom Elfenbeinreichtum der neuentdeckten Gegenden den Blick nach dem südlichen Sudan wandten. * Ein düsteres, trauriges Kapitel im Buche der Nilländer hebt nunmehr an, das Kapitel vom weißen Elfenbein und vom lebenden "schwarzen Ebenholz", vom Sklavenhandel und Sklavenraub. Wohl sind, wie schon der Afrikareisende Schweinfurth sehr richtig hervorhob, der jahrelang im Sudan weilte, die Sklaverei und der Menschenhandel beinahe so alt wie die Menschheit selbst, und die Geschichte lehrt klar genug, daß religiöse Glaubenssätze die Nächstenliebe und Menschlichkeit, den Edelsinn und die Herzensbildung, kurz jene Summe von Eigenschaften, die wir als Humanität bezeichnen, nicht oder wenig gefördert haben. "Das Licht, das in Galiläa aufging, bedurfte achtzehn Jahrhunderte, um auf seinem Wege die Welt zu durchdringen und in seiner ganzer Reinheit zu scheinen." Sklavenbesitz und Sklavenhandel gab es zu Zeiten der Kirchenväter, ohne das sie beanstandet wurden, gab es bei allen völkern der Erde und unter allen Himmelsstrichen. Nirgends war aber die "schwarze Schmach" so eingebürgert und ausgedehnt, und nirgends hat sie so giftige Früchte, so scheußliche greuel hervorgerufen wie in dem finsteren Afrika und vor allem im oberen Nilgebiet. Mehemet Ali, der Reformator, ja mehr noch: der Schöpfer des neuen Ägypten, hat selber, ohne es freilich zu wollen, die üble Teufelssaat ausgestreut, indem er nach Kordofans Niederwerfung den Menschenraub für erlaubt erklärte. Er ließ durch seine Stellvertreter aus Sklaven die Regimenter bilden, mit denen er den Sudan beherrschte, ja er bezahlte auch seine Beamten und Offiziere mit solchem Raub. Er lehrte gleichsam die Untertanen, was sie im letzten Jahrzehnt seines Lebens (er starb im Jahre 1848) und mehr noch unter den folgenden Herrschern mit schaudererregender Schändlichkeit übten. Es war ein anderes, wenn die Neger auf ihren Kriegszügen Sklavenraub trieben oder die alten Pharaonen die Scharen ihrer Kriegsgefangenen schlechtweg zu leibeigenen machten, die teils den Göttern geopfert wurden, teils als Geschenke Verwendung fanden und teils im Frontdienst ihr Leben verbrachten; hier gab der Reformator Ägyptens, ein mit der Kulturwelt verbundener Herrscher, das böse Beispiel zur bösen tat,unbekümmert um ihren Fluch. Hier fing der Schacher mit Menschen an. Die türkische Regierung in Chartum wollte die reichen Handelsquellen, die sie durch die Kenntnis der Völkerschaften am oberen Weißen Nil erschlossen, gewissermaßen verstaatlichen. Sie stellte Unternehmern anheim, den Strom mit ihren Handelsbarken ganz nach Belieben zu befahren, machte jedoch die Beaufsichtigung des Unternehmens zur Grundbedingung. Mit anderen Worten, sie forderte, daß die Geschäfte gemeinsame Sache der Händler und der regierung würden. Auch so war die Sache verlockend genug, denn die Beamten und Soldaten, bei denen die Oberaufsicht lag, bildeten, da sie bestechlich waren, kein Hindernis für Unternehmungsgewinn. Anfangs beschränkte sich der Handel nahezu ganz auf den Elfenbeineinkauf. Man sandte die reich mit Tauschartikeln versehenen Barken den Nil hinauf und handelte bei den Uferbewohnern die hochgeschätzte Ware ein. Elfenbein gab es in Massen im Sudan, denn alle Sümpfe und Urwaldgebiete am Nil und seinen Nebenflüssen wimmelten förmlich von Elefanten. Der Reisende und Naturforscher Heuglin sah Anfang der sechziger Jahre nicht selten Herden von fünfhundert Stück, und da das schmackhafte Fleisch der tiere die Hauptnummer auf der Speisekarte der Eingeborenenbevölkerung bildete, so stand die Jagd auf die riesigen Dickhäuter dementsprechend in hoher Blüte. Auf den zur Tränke führenden Wechseln legten die Eingeborenen Fallfruben an, die sich nach unten hin verengten, von starken, spitzen Pfählen starrten und oben sorgfältig überdeckt und mit frischer Losung beworfen waren, damit das schlaue, bedachtsame Wild sie nicht schon vor der Zeit bemerkte. Ebenso oft ging man den Kolossen mit scharfgeschliffenen Lanzen zu Leibe, die aus dem Gezweige eines Baumes zwischen die Schultern geschleudert wurden. Den kurzen und starken Schaft der Waffe beschwerte man durch eine Masse von Ton, um der Spitze das Eindringen zu erleichtern. Die Erde fiel ab, der starke Schaft, der hier und da an die Baumzweige stieß, geriet in schwingende Bewegung und wühlte so tiefe Wunden aus, die innerhalb einer kurzen Frist das Verenden der Elefanten bewirkten. Verfolgt wurden die Getroffenen nicht; man gab nur auf die Geier acht, die allzu bald das Wundbett verrieten. Die Sultane einzelner Negerstämme betrieben den Fang gleich in großem Maßstabe, indem sie die Tiere mit Feuerbränden durch eigens angelegte Verhaue in Gruben und Klüfte hineinhetzen ließen, und wieder andere Sudanstämme jagten, mit scharfen Lanzen bewaffnet, die stolzen Rüsselträger zu Pferd. Diese wie jene verfolgten die Dickhäuter lediglich ihres Fleisches wegen und ließen die Stoßzähne in der Regel als nutzlos an Ort und Stelle liegen. Nur selten wurde das Elfenbein zu Armringe, kleinen Keulen und Stoßwaffen oder zu anderen Zwecke verwendet; auf seinen Besitz legte niemand Wert. Das wurde mit einem Schlage anders, seitdem die türkischen Spekulanten mit Milschglasperlen und Kupferplatten, mit Armspangen, Baumwollenzeugen, Kattunen, kleinen Spiegeln und Pfeifenköpfen, türkischen Schuhen und türkischen Fezen, kurzum mit hundert verlockenden Dingen den Nil heraufgefahren kamen und dafür nichts als Elfenbein, "wertloses" Elfenbein begehrten. die Eingeborenen sammelten nunmehr die Zähne, anstatt sie wie früher verderben zu lassen, und dränten mit diesem Zahlungsmittel den Anlegestellen der Nilbarken zu. Für fünf oder zehn große Milchglasperlen, sogenannte "Taubeneier", erstanden die Händler Elefenbeinzähne in einem Gewicht bis zu achtzig Pfund, luden ihre Fahrzeuge voll und verkauften die billig ergauberte Ware in Chartum zu fabelhaftem Preis. Kein Wunder, daß der Handel blühte und alle Flußläufe binnen kurzem von Barken geradezu wimmelten; ebensowenig aber ein Wunder, daß bei den Elfenbeinlieferanten die Perlen sehr rasch im Werte fielen, die eingeführten Tauschgegenstände im Lande allmählich Mode wurden und daß man von den Handelsleuten immer feinere Glasperlensorten und schließlich andere Dinge verlangte. Der Reiz der Neuheit hörte auf, die Elfenbeinvorräte schrumpften zusammen, und die Gesellschaft der Barkenbesitzer mußte sich anderswie schadlos halten. So kaufte man hier und da Sklaven auf, Gefangene aus benachbarten Stämmen, machte sich auch kein Gewissen daraus, bei Gelegenheit ein paar Schwarze zu rauben, und tauschte nebenbei Nilpferdzähne, Rhinozeroshorn und Straußenfedern, Häute, Wachs und Honig ein. Bei den Bari am oberen Weißen Nil, besonders geschickten Eisenarbeitern, kaufte man Lanzenspitzen und Spaten, die weiter nördlich im Volke der Schilluk sowie am Sobat abgesetzt wurden - amliebsten gegen Elfenbein, andernfalls gegen Sklaven und Schlachtvieh -, und wo es anging, bestahl man die Eingeborenen mit ebenso großer Unverschämtheit wie spitzbubenhafter Hinterlist. Schauplatz der Raubzüge waren vor allem die ufergebiete des Weißen Nils bis gegen den vierten Grad nördlicher Breite und die Distrikte am unteren Sobat. So harmlos im ganzen die Eingeborenen in den oberen Nilländern waren und so geduldig sie lange Zeit trotz der sich mehrenden Übergriffe die Dörfer dem Handel offenhielten, schließlich riß doch der Geduldsfaden ab. Die Unverfrorenheit der Händler und ihrer aus arbeitscheuen Gesindel zusammengelesenen Schiffsbesatzung, die sich den "minderwertigen" Negern "sittlich" überlegen fühlte, und ganz besonders der überhandnehmende viehisch rohe Menschenraub veranlaßte mehrfach Zusammenstöße, die Blutvergießen zur Folge hatten. Die heimgesuchten Dorfbewohner verbaten sich jede fernere Landung und hielten, wenn es nicht anders ging, die Barken gewaltsam vom Ufer fern. gelang es trotzdem der mannschaft des Schiffes, zur Nachtzeit einen Einfall zu machen, so suchten die Schwarzen am nächstbesten Fahrzeug, das in den Bereich ihrer Siedlung kam, dafür die gebührende Rache zu nehmen. einzelne Plünderer, die sie erwischten, wurden schonungslos niedergemacht. Das war eine neue Wendung der Dinge, die Gegenmaßnahmen erforderte. die Händler gingen dazu über, der eigentlichen schiffsbesatzung bewaffnete Leute beizugesellen - Asaker, Soldaten, nannten sie sie - und möglichst gleichzeitig mehrere Barken auf die Bevölkerung loszulassen, so daß die vereinigte Schutzmannschaft sich auf vierzig bis hundert Köpfe belief. gegenüber den bloß mit Pfeilen und Lanzen ausgerüsteten Eingeborenen war das bereits eine stattliche Streitmach, nur wuchsen durch sie auch die Reisespesen in ungebührlicher Weise an. Der bloße Handel deckte sie nicht. Je mehr die Elfenbeinvorräte schrumpften, weil die verfolgten Rüsseltiere sich dieser ins Innere retteten und die gefahrvollen Gegenden mieden, um so wertvoller mußten die Tauschwaren sein, wenn man Erfolge erzielen wollte. Kupferne Armringe wurden verlangt, Branntwein war ein gesuchter Artikel, und lebhafte Nachfrage herrschte nach Kühen, auf deren Besitz die Dorfbewohner geradezu versessen waren. Sie galten als Inbegriff allen Reichtums. Es war eine aüßerst fatale Sache, daß die Begehrlichkeit der Kaufleute auch bei den Eingeborenen Begehrlichkeit weckte, die eigentlich doch zufrieden sein mußten, daß man ihr Land der "Kultur" erschloß. Kupfer und edlen Branntwein gab es in chartum in schwerer Menge, doch standen sie dermaßen hoch im Preise, daß der Profit aus dem Elfenbeinhandel schon durch den Einkauf fast aufgezehrt wurde, und kühe auf Barken zu verfrachten, war vollends ein Ding der Unmöglichkeit. Sie fraßen in Chartum bares Geld und während der reise obendrein Futter, gar nicht zu reden von den Beschwerden, die ihre Beförderung nach sich zog. Pfiffige Gauner unter den Händlern halfen sich über die Schwierigkeit weg, indem sie beim einen Stamm Kühe zum zweiten Male stahlen; allein dieser Kniff hatte kurze Beine, und sein Erträgnis langte nicht hin, um erstens die Kosten des Fahrunternehmens zu bestreiten, zweitens die Summen aufzubringen, die gleichsam als heimliche Findigkeitsprämien in die Taschen der schiffsleute schlüpften, und drittens der unersättlichen Habgier des Chartumer Kaufherrn Genüge zu tun. Man mußte das ganze Unternehmen auf eine breitere Grundlage stellen, wenn alle Beteiligten - außer den Eingeborenen! - auf ihre Rechnung kommen sollten. Goldhunger macht erfinderich, und die Findigkeit stellt sich am leichtesten ein, wo keinerlei Gewissensschranken, keinerlei sittliche Hemmungen vorhanden sind. Das Vorbild der Chartumer hatte die Eingeborenen, wenigstens einzelne ihrer Stämme, schon so zu Galgenvögeln erzogen, daß diese durchaus das Vertrauen verdienten, als "Teilhaber" aufgenommen zu werden. Gemeinsame Sache mit ihnen machen, das war der Schlüssel zum Erfolg! Und damit setzte im vollen Umfang der schmackvolle Menschenhandel ein, ein Räuber-und Banditenwesen, das bis zur Mitte der achtziger Jahre die oberen Nilländer schändete. Theodor von Heuglin und Georg Schweinfurth haben auf ihren Afrikareisen die Zustände aus der Nähe gesehen und sehr ausführlich darüber berichtet - leider nicht im Zusammenhang. Entsprechend dem chronologischen Aufbau der umfangreichen Reisewerke sind die den Sklaven- und Elfenbeinhandel betreffenden Nachrichten hier und da in die Schilderungen eingestreut, so daß selbst der Kundige Mühe hat, ein rundes Gesamtbild aus ihnen zu formen. Und doch verdient dieses dunkle Kapitel aus der Geschichte Afrikas der Nachwelt aufbewahrt zu werden, als Brandmal für die Beteiligten und als Warnungstafel für alle jene, die zwishen der sogenannten Kulturwelt und den von "Europens Höflichkeit" noch nicht übertünchten Völkerschaften die Kluft nicht breit genug machen können. "Gemeinsame Sache" hieß also die Losung, nachdem der Tauschhandel auf den Flüssen die Einträglichkeit verloren hatte. Man biederte sich einem Stamme an, überfiel unter seiner Führung die Nachbarn und suchte bei solchen Gelegenheiten vor allem Gefangene zu machen, um sie als Sklaven wegzuführen. In zweiter Linie raubte man Vieh, so viel wie man irgend bekommen konnte, bezahlte mit einem Teil der beute die Eingeborenen für ihre Führerdienste und tauschte dem immer noch stattlichen Rest gegen absatzfähige Waren ein. Die Streifzüge führten oft tief landeinwärts, wohin noch kein Fremder gekommen war. Und hier, weitab von den Handelsstraßen, entdeckte man wiederum, was man suchte: Elefanten und Elfenbein. Die findigen Unternehmerköpfe begriffen sofort, was zu machen war. Sie gründeten in den Negerdistrikten, mit denen sie dank dem gemeinsamen Viehraub in freundschaftlichem Verhältnis standen - meist friedlichen, ackerbautreibenden Stämmen -eigene feste Niederlassungen, sogenannte "Seriben", und schufen sich so einen Ausgangspunkt für Beutezüge in die Umgebung. Seriba heißt in den Sudanländer jede Doenhecke, jeder Verhau; jetzt wurde der Name gang und gäbe für die von Palissaden umschlossenen ausgedehnten Stapelplätze, die sich allmählich zu ganzen Dörfern mit zahlreichen Hütten entwickelten. Herr dieser Siedlung war ein "Wekil", auf deutsch Geschäftsführer oder Verwalter, ein Mann mit der nötigen Brutalität und dem entsprechenden Gummigewissen. Man muß es den Wekils im Sudan lassen: sie waren Kerle in ihrer Art. Mit einer kleinen "Garnison" aus angeworbenen Nubiern kamen sie in das fremde Gebiet und brachten innerhalb kurzer Zeit das schier unglaubliche Kunststück zuwege, Hütten und Magazine zu bauen, durch Sklaven und Sklavinnen Haus- und Wehrstand der Niederlassung zu vergrößern und die umwohnenden Eingeborenen unter das Hörigkeitsjocj zu zwingen. Der Wekil bürgt für ihren Schutz, sowohl gegen andere Handelsleute wie gegen feindliche Nachbarstämme, verlangte jedoch von den "Untertanen", daß sie bei Raubzügen Führer und Träger, sowie nach Erfordernis Arbeiter stellten, und das sie während des ganzen Jahres die Seriba mit Getreide, Milch und der nötigen Menge Brennholz versorgten. Zuweilen unterhielten die Wekils auch zahlreiche Elefantenjäger, oder sie taten sich mit den Eingeborenen zur Massenvertilgung der Tiere zusammen. Wie Pilze schossen die Stapelplätze des Chartumer Elfenbeinhandels auf, und was besonders beschämend ist: nicht Araber, nicht Bekenner des Islam waren die Gründer der Unternehmen, sondern zum größten Teil Europäer! Den Anfang machte ein Ehrenmann, der die ganze Bosheit und Niedertracht, die ganze verlogene Heuchelei seines dünkelhaften Volkes bezeugte, die Menschenbestie alfons de Malzac, ehemals würdiger Attaché derfranzösischen Gesandtschaft in Athen, späterhin Elefantenjäger und Inhaber einer Seriba am rechten Ufer des Weißen Nils. Heuglin hat ihm in seinem Reisewerk vor sechzig Jahren ein Schandmal gesetzt, das dauernder ist als ein Denkmal von Stein. "Dieser Franzose Alfons de Malzac", so schrieb der gelehrte Reisende, "hat in den Jahren 1857-59 mehrere hundert Berberiner als Sklaven- und Rinderjäger gehalten, diese nur mit Sklaven bezahlt, alles im Umkreis seiner Siedlung geraubt, gesengt und niedergebrannt, was sich zur Wehr setzte niedergeschossen, und Greul aller Art verübt. Unteranderem wird von ihm berichtet, er habe einen seiner Diener, der zu der Lieblingssklavin hielt, im Hofe an einem Baum gebunden, den zahlreiche Eingeborenenschädel schmückten, und als Revolverscheibe benutzt." Den Berberiner Muhammed Cher, an den der gesandte der grande nation seine schwarze Ware zu liefern pflegte, werden wir später kennen lernen. So trieben es glücklicherweise nicht alle. Übel genug aber ging es zu auf den Sklaven-und Elfenbeinstapelplätzen, die im Gebiet des Weißen Nils und seiner beiden Quellzuflüsse, des Bahr el Ghasal und Bahr el Gebel (Gazellen und Giraffenfluß), sowie an dem oberen Soabt lagen. Größtenteils war es ja doch Gesindel, was als Besatzung der Seriba im Sudan zusammengelesen worden. Der Bedarf an Sklaven auf solch einer Siedlung, meint Schweinfurth, war an und für sich schon so groß, daß er allein einen schwunghaften Handel mit Menschenfleisch hervorrufen mußte. Im Durchschnitt konnte man, alles in allem, auf jeden Mann in den Seriben drei Sklaven oder Sklavinnen rechnen, und da die Zahl der Mohammedaner meist einen sehr bedeutenden Bruchteil der Sudaneingeborenen ausmachte, so durfte man die zum Privatgebrauch im Lande dienende Sklavenmasse auf sechzigtausend Köpfe schätzen. Diese privat gehaltenen Sklaven (im Gegensatz zu den "auf Lager" befindlichen, nur als Ware behandelten Eingeborenen) teilt Schweinfurth in vier verschiedene Klassen. Die erste Klasse bildeten Knaben vom siebten bis zehnten Lebensjahre, die als Gewehr- und Patronenträger den Söldnern des Wekil zugeteilt wurden, die zweite "Basinger" oder "Faruch", im Bannkreis der seriba Aufgewachsene, die mit Gewehren bewaffnet wurden und eine Art Schutztruppe darstellten. Bei allen Raub- und Handelszügen fiel ihnen die schwierigste Aufgabe zu. Sie waren es, die bei Getreideknappheit die Negerdörfer nach Korn durchsuchten, alle Träger zusammentrommeln und weggelaufene Sklaven und Sklavinnen in den Wildnissen aufsuchen mußten. Und wenn ein Vorstoß in die Nachbargebiete zum Sklavenraub unternommen ward, so ruhte auf ihnen der Hauptteil des Kampfes mit ihren "wilden" Brudervölkern, und die Beschaffung der Menschenbeute. Sie hatten ihr eigenes Stückchen Land, das sie, soweit ihnen Zeit dazu blieb, mit Weib und Kindern bebauten. Die dritte Klasse der Privatsklaven waren die Sklavinnen in den Häusern, denen die Arbeit der Mehlbereitung, des Backens und Bratens oblag. Es war ein bejammernswürdiges Los, das diese Armen gezogen hatten. Lasttiere waren sie, menschliches Vieh, häufig genug nur lebendige Mühlen, die Tag für Tag von morgens bis abends in knieder oder kauernder stellung, die schwere Sklavengabel am Halse, das Korn mit Steinen zerreiben mußten, den ganzen Mehlbedarf für die Truppen! Eine "viehische Degradation des Weibes" nennt Schweinfurth mit Recht diese Schinderei, die abscheulichste, härteste aller arbeiten. Früh verbraucht und abgerackert, rücken diese diese lebendigen Mühlen meist bald in die vierte und letzte Klasse der altersschwachen ein, die nur noch im Feldbau Verwendung fanden, bis sie der Tod aus der Seriba abrief. Zu dieser verruchten Seribawirtschaft, zum Teil erst durch sie auf den Plan gerufen, gesellten sich nun in den oberen Nilländer viele Tausende Dschellabas, ein Heuschreckenschwarm von haussierenden Händlern der allerverworfensten Menschenart. sie führten alles mögliche mit sich, was Absatz unter den Eingeborenen versprach, hauptsächlich Ballen von Baumwollstoffen, aber auch billige Gewehre, schlechte belgische Doppelflinten, und den dazu nötigen Schießbedarf. Diese hausierenden Dschellabas - ich folge hier wieder Schweinfurths Bericht - bedienten sich zu ihren Reisen des Esels, auf dessen Rücken sie überhaupt den gröten Teil ihres Lebens verbrachten. Er war ihnen ebenso unentbehrlich wie einem Samojeden sein Renntier. Das Eselein trug seine zehn Ballen Zeug, den ganzen Kramladen seines Herrn und dieser selber noch obendrauf. Erlag das Grauchen nicht den Strapazen und trug es den Reiter mit heiler Haut ins Gebiet der Seriben hinein, so wurde es dort gegen Sklaven vertauscht; der Esel allein galt mindestens zwei, die Zeuge mindestens noch einen dritten. Im günstigsten Fall zog der blutarme Krämer, der alles in allem mit Warenwerten in Höhe von fünfundzwanzig Talern und einem Langohr angereist kam, mit vier guten Sklaven wieder ab, für die er in Chartum mit wenig Mühe zweihundertfünfzig Taler löste. Die Rückreise ging dann zu Fuß vonstatten; die Sklaven trugen den Reisebedarf. Neben diesen kleinen Leuten, die aus einem angeborenen Trieb zum Handel mit Menschenfleisch wanderten, gab es nun größere Unternehmer, die nicht nach alttestamentlicher Weise auf Eselsrücken gezogen kamen, sondern mit einer ganzen Anzahl schwerbeladener Ochsenkarren. Sie führten sogar bewaffnete Sklaven zum Schutze der Karawane mit, besaßen in größeren Seriben ihre Agenten und Spießgesellen und setzten dank ihrer großzügigkeit alljährlich ein paar hundert Sklaven um. Die edlen Agenten verhalfen dem Wekil zum flotten Absatz seiner Ware und sahen sich deshalb nicht bloß geduldet, sondern als gern gesehene Glieder im Gaunerbetrieb einer Seriba. Meist stammten sie aus der Zubft der "Fakis", wie man im Sudan die Priester nannte - wobei man natürlich den deutschen Begriff des Wortes vollkommen ausschalten muß. Die Nebenbeschäftigung der Fakis schloß immer auch Sklavenhandel ein; kaum einer, der saubere Hände besaß. "In den größeren Städten, am besten Chartum, findet man leicht Gelegenheit, ihr Tun und Treiben zu beobachten. Da sieht man denn in der regel Dinge, die allerdings unglaublich erscheinen. Die ärmeren Fakis sind Zwischenhändler, Kleinkrämer und Amulettenschreiber, Schulmeister undWunderdoktoren, alles zusammen in einer Person. Die reichen, welterfahrenen Fakis dagegen haben eigene Gehilfen und üben Schul- und Schankwirtschaft in großen und größten Maßsttabe aus. Trotz ihres üblen Lebenswandel stehen diese Leute zuweilen beim Volke in hohem Ansehen. Man begräbt sie auf öffentlichen Gebetplätzen, schmückt ihre Grabstatt mit weißen Fähnchen und trauert ihrer Frömmigkeit nach." Nicht immer war der im kleinen betriebene Menschenhandel tatsächlich lohnend. Die Dschellabas waren auf ihren Reisen, wie man sich denken kann, vielfach gefährdet und mancherlei Zufällen ausgesetzt. Häufig verendeten Reit- und Zugtiere, und der hausierende Händlerbandit mußte die mitgeführten Waren zu jedem Preis an die Eingeborenen veräußern, ohne ans Ziel seiner Reise zu kommen. Kornmangel auf den Wanderstraßen, die er oft tage- und wocjhenlang auf seinen Esel durchziehen mußte, zwang ihn zur Abgabe wertvoller Dinge, und ganz besonders schädigte ihn das häufige Desertieren von Sklaven, bevor er die Beute in Sicherheit hatte. Andrerseits wurde der Menschenschacher den kleinen Dschellabas dadurch erleichtert, daß im Gebiete der Seriben die denkbar größte Gastfreundschaft herrschte. Außer den Söldnern, Wekils, Agenten, Schreibern und Magazinverwaltern fanden sie massenhaft Landsleute vor, faule Drohnen und Tagediebe, die vom Schweiße der Eingeborenen zehrten und sich's in der Seriba wohlsein ließen. Das Reisen kostete nichts oder wenig. Das Räubergesindel der Dschellabas konnte überall, wo es ihm behagte, kostenlos Obdach und Unterhalt finden. Vor Eintritt der Regenzeit stellten sich alle auf einem Sammelplatz ein und führten in langer Karawane die unglückselige Menschenware ihrem Bestimmungsort zu. Alle im Sudan reisenden Forscher sind solchen Sklavenzügen begegnet, und allen, auch den gelassensten, trieb der verruchte Gewerbebetrieb, so oft sie ihn trafen, das blut zu Kopf. Schweinfurth besuchte auf zwei großen Reisen (1863-66 und 1868-71) nahezu sämtliche Länder am Nil und lernte die großen Sklavenmärkte von Kairo, Assuan, Dschidda, Suakin, Metamma in Gallabat, Chartum und Berber, sowie die eigentlichen Quellen südlich von Kordofan und Darfor wie keiner vor ihm und nach ihm kennen. Und immer trug er sich mit Gedanken, wie dieser Schändung des Namens Mensch ein endliches Ziel zu setzen sei. "Man befindet sich da in einem Zustande anhaltender Erregung. Auf den Landstraßen begegnet man den Zügen der Sklaven, auf dem meere und an den Küsten den mit Sklaven vollgepfropften arabischen Barken. In den Jahren 1864 und 1865 habe ich acht Monate auf dem Roten Meere verbracht, indem ich die Küsten Nubiens und Ägyptens auf einer Barke befuhr. Aber meine Erzählungen von dem, was ich erlebt und gesehen hatte, verhallte ebenso unbeachtet wie die klagen meiner Vorgänger. Die Konsuln in Dschidda und anderen Plätzen am Roten Meer durften der europäischen Politik keine Schwierigkeiten bereiten. Was bei Portugiesen und Spaniern als Seeraub betrachtet wurde, war den Arabern erlaubt. Kein Kriegsschiff kreuzte im Roten Meer, und doch hätte ein einziges Kanonenboot genügt, um den Verkehr zwischen beiden Küsten zu überwachen und hier den Sklaven handel unmöglich zu machen. Oft habe ich mich von der Aufregung hinreißen lassen, allein, ein ohnmächtiges Werkzeug der Humanität, Hand anzulegen zur befreiung von Sklaven. ich zerschnitt einst zwischen Chartum und Berber die Lederriemen, die Sklaven auf den Wege von Kordofan zum Roten Meer an ihre Scheba befestigten - es gab einen bösen Streit. Auch habe ich auf Sklavenhändler eingehauen, wenn ich Zeuge grausamer Züchtigung sein mußte. Man kann sich daher vorstellen, auf welche Gedanken der reisende verfällt, wenn alles in seinem Innern vor Wut und Galle kocht. Oft hat man zur Entschuldigung der Sklaverei im Orient die milde Behandlung hervorgehoben, die der dort Untergebrachte genießt, und es ist wahr: im Gegensatz zu der Sklavenarbeit bei den Europäern, die den Afrikaner in der Weise eines nützlichen Haustieres verwerten, ist der Sklave im Orient fast ausschließlich Luxussache. Dennoch ist die wohlgenährte, schöngekleidete Sklaverei des Morgenlandes weder der Güter höchstes noch das einzige, was diese Geschöpfe von ihrem Los zu erwarten haben; denn bis zu diesem Ziele führte ein weiter Weg durch Wüsten. Hunger, Strapazen und Seuchen aller Art, denen das frische Blut der Naturvölker am schwersten widersteht, lichten zuvor ihre Reihen. Das Schlimmste aber ist die Entvölkerung Afrikas." Schweinfurth sah auf dem Gazellenflusse Barken von höchstens fünfzig Tonnen, die zweihundert Sklaven mit sich führten, und Heuglin berichtet von den Transportschiffen eines syrischen Menschenhändlers, die siebenhundert Afrikaner im Lagerraum bargen. "Mann hatte sie dort zusammengepackt wie Heringe in einer Heringstonne, so daß sie sich nicht zu rühren vermochten, weshalb denn auch viele der Unglücksgeschöpfe völlig gelähmt und verwachsen waren." Das waren Transporte der großen Händler, die ganz Ägypten und Arabien, die asiatische Türkei und Persien mit Sklaven versorgten und deren jährlicher Menschenumsatz sich auf Zehntausende belief. Zu diesen gehörte der schon genannte Berberiner Muhamed Cher, mit dem der französische Sklavenschinder de Malzac in dauernder Fühlung stand. Als mittelloser Dschellaba, der mit einem Esel über Land zog, fing Muhamed Cher sein Gewerbe an, und als der Fürst aller Sklavenhändler, als Räuberhauptmann größten Formats beherrschte er lange Jahre hindurch die Wasserstraßen des oberen Nils und unabsehbare Ländergebiete; bis er zu Anfangder sechziger Jahre "unbekannt wo" von der Bildfläche schwand. Vermutlich hat ihm die Rache der Eingeborenen ein seiner würdiges Ende beschert. In Helt Kaka (nördlich von Kodok, dem ehemaligen Faschoda, das kurz vor der Jahrhundwertwende ein Streitobjekt Frankreichs und Englands war) lag Muhameds Siedlung und Residenz, in der die nubisch-arabischen Händler in ganzen Scharen Einkehr hielten. Sie fanden bei ihrem großen Kollegen immer "Ebenholzware" auf Lager und trieben ihr Schandgewerbe so frech, daß "Dschellaba" unter den Eingeborenenvölker allmählich ein Schreckwort für Kinder wurde. Stärker als sie, als die Dschellaba, war aber der große Muhamed Cher, der Oberste unter den Teufeln des Sudan, der Unternehmungsgeist für zehn und Kaltherzigkeit für hundert besaß. Mit Hilfe seines ergaunerten Reichtums - an jedem Goldstück klebte Blut - baute er sich im Lande der Schilluk eine riesige Seriba auf, zog alles mögliche Lumpengesindel,Verbrecher und ähnlichen Menschenabschaum, bedenkenlos an sich heran und unternahm mit dieser Horde eine Sklavenjagd nach der andern. Je mehr das Geld im Kasten klang, desto größer wuchs seine Seriba, desto höher schraubte er seine Pläne. Der bloße Zulauf von ilfsbanditen genügte seinem Ehrgeiz nicht. Er schloß mit den kriegerischen Baggara, den schlimmsten Feinden des Schillukstammes, die nicht nur große Rinderherden, sondern auch massenhaft Pferde besaßen und zu den kühnsten und erfolgreichsten Elefantenjägern gehörten, ein festes Schutz- und Trutzbündnis ab, warb Söldner unter diesen Räubern - vor allem natürlich berittene - und machte ihren Stammeshäuptling zum Teilhaber seiner erfolgreichen Firma. Alle Raubschiffe auf dem Flusse erfreuten sich seiner Unterstützung, führten ihm neue Vorräte zu oder handelten ihm die seinigen ab; selbst zahlreiche Europäer in Chartum standen mit dem allmächtigen Manne, der wie ein unumschränkter Sultan auf seiner befestigten Zwingburg herrschte, in engster Freundschafts- und Handelsverbindung. Sobald die Zeit gekommen war, wo er die gesammelte Menschenware und das gestapelte Elfenbein den Nil hinauf befördern mußte, um Platz für neue Zufuhr zu schaffen, stellten sie ihre Schiffe und Barken mit ganzer Ausrüstung in seinen Dienst. Er war der einzige Mann im Lande, der den Befehlen des Gouverneurs in Chartum erfolgreich trotzen konnte, weil er die sämtlichen Unterbeamten mit seinem Geld zu bestechen wußte. Warum auch den himmelschreienden Zuständen in Helet Kaka ein Ende machen? Erstens waren die Türken der Ansicht, daß das, was ihre Untertanen jenseits der ägyptischen Grenze , im "Lande der schlechten Sklaven", trieben, nicht vor ihren Richterstuhl gehöre; zweitens füllte die lebhafte Einfuhr von Afrikanern die Regierungskasse, und drittens bekam man für billige Preise Leute zur Stärkung des Militärs. So konnte Muhamed Cher schalten, wie ihm beliebte, und machte von der ihm gewährte Freiheit in immer wachsendem Maße Gebrauch. Er zog die kriegerischen Baggara mit ihren Herden zu sich heran, verdrängte mehr und mehr die Schilluk, in deren Lande er Gastrecht genoß, zwang sie allmählich zur Unterwerfung und räumte dann gänzlich mit ihnen auf. Die Friedlichen warden als Sklaven verkauft, die übrigen als Rebellen erschossen. Mit Hilfe der neuen Verbündeten war der Feldzug für ihn ja ein Kinderspiel. Er hat erschreckend lange gedauert, bis es dem Eingriff Europas gelang, den aller Beschreibung spottenden Greueln im Sudan ein Ende zu bereiten. Im Jahre 1877 kam zwischen England und Ägypten ein Antisklavereivertrag zur Unterdrückung des Handels zustande, allein es währte noch viele Jahre, bevor die Sklavenmärkte verschwanden und auch dem lezten Dschellaba sein erbärmliches Handwerk gelegt werden konnte. Die Überwachung eines Gebietes, das etwa die Größe Frankreichs besaß, bot ungeheure Schwierigkeiten; die weiten Wüsten entzogen die Schurken nur allzu leicht auch der schärfsten kontrolle. Als schließlich der Sudan ihnen gesperrt war, entstanden anderswo Stapelplätze, und wiederum mußten Jahrzehnte verstreichen, ehe die Schlupfwinkel aufgespürt und mit eisernem Besen gesäubert waren. Baumann, der Anfang der neunziger Jahre durchs Land der Massai zur Nilquelle zog, entdeckte z.B. am Tanganjika ein großes Sklavenhändlerlager, das ebenso schlimm, wenn nicht schlimmer war als die aus dem Sudan vertriebenen. Die Krokodile der großen Sees verlebten eine gesegnete Zeit; die täglich hineingeworfenen Leichen elend verhungerter Mütter und Kinder - männliche Sklaven gab es dort wenig -bereiteten ihnen ein Schlemmerdasein. Dennoch - in einem hat Schweinfurth recht: ohne die durch den Elfenbeinhandel im Sudan enstandenen Seriben und die Vergewaltigung des Landes wäre die Sippschaft der Menschenhändler nicht tief ins Innere vorgedrungen, und ohne den Wert des Elfenbeins wären schwerlich die Quellgebiete des Nils so rasch und gründlich erschlossen worden, wie es tatsächlich der Fall gewesen. Die schwarze Schmach wurde mittelbar Anlaß, das "Caput nili quaerere" von neuem wieder aufzunehmen. Anlaß zu zahlreichen Forschungsreisen. Nicht mehr von Norden her ging man indessen dem alten Geheimnis des Nilstroms zuleibe, sondern von Süden her stieß man vor. Und dieser Weg führte zum Erfolg. Quelle: Das Geheimnis des Nils, Carl w. Neumann, K. Thienemanns Verlag Stuttgart, von rado jadu 2000 |
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Kunst aus dem Sudan: Bongo
und Belanda (in englisch)
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