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Aus vergangenen Tage von Carl Volquarts |
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Erinnerung aus Westafrika "Komm, mein braver Schimmel, tue noch einmal deine
Pflicht, es ist die letzte Reise, die wir miteinander machen." "Sieh, Ajax, dort kommt die "Isla de Panay", mit ihr werden die letzten Pioniere einer großen, tapferen Nation dies Land verlassen; aber - nicht für immer, mein Ajax, wir kommen wieder, und dann.... Ein gewaltiges zittern ging durch den Körper meines
Pferdes, es schwankte und brach zusammen. Ich hatte es kommen sehen,
seit Wochen. Solange das gute Tier es vermochte, hatte es mich weitergeschleppt,
jetzt brachte keine Macht der Erde es wieder auf die Beine. Ich konnte
ihm nur den letzten Liebesdienst erweisen. Die Kugel drang in sein
Gehirn, er warf mir einen dankbaren Blick zu und schied für immer
aus diesem Jammertal. Am Horizont wurden die Umrisse eines Schiffes sichtbar, es war keine Zeit mehr zu verlieren. Ich lief den Strand hinauf, brach einige Palmwedel ab und bedeckte Ajax damit notdürftig; dann riß ich ein Stück Papier aus meinem Notizbuch und schrieb darauf: Gegen hohe Belohnung aufzubewahren, Kampobezirk, April 1916, C.V., heftete das Papier an den Sattel und machte mich nunmehr allein auf den beschwerlichen Weg. Keine Menschenseele begegnete mir, die Hitze wurde unerträglich
und das Wasser stieg höher und höher. Einen anderen Weg
als der Strand gab es vorläufig nicht, und nachdem ich mich drei
Stunden durch den tiefen Sand gearbeitet hatte, war ein weiterkommen
unmöglich. Vollständig erschöpft kroch ich die Böschung
hinauf und fiel dort halb ohnmächtig in tiefen Schlaf. In der Ferne wirbelte eine mächtige Staubwolke auf und der Boden erdröhnte unten den Hufschlägen unzähliger Rosse. Schilder klirren, Schwerter blitzen. Wie der Sturmwind kamen sie angebraust. Zwei Reiter, auf prächtigen Rappen, sprengten weit vor dem Felde. Während sie dicht an mir vorbei galoppierten, zeigte einer von ihnen nach der See und rief: "Vorwärts, Kamerad! Vor Mitternacht müssen wir zurück sein." Ich folgte mit den Blicken der angegebenen Richtung und wollte rufen, schreien, aber vermochte es nicht. Etwas schnürte mir die Kehle zu und ich fühlte, wie mir die Augen feucht wurden. Unweit der Küste glitten drei deutsche Schlachtschiffe vorüber. "Scharnhorst" -- "Gneisenau"--"Nürnberg", stand da in großen goldenen Buchstaben zu lesen. Weißgekleidete Matrosen liefen geschäftig an Deck hin und her; Geschütze wurden gerichtet und Flaggen gehißt. Die an Land jagten mit den Schiffen um die Wette, dem nahen Ziel entgegen. Immer neue Reiterscharen stürmten an mir vorbei; alle trugen dasselbe Wappen -einen Totenschädel. Mitten unter ihn ritt eine herkulisch gebaute Gestalt, eine Standarte in der Rechten haltend, über derem oberen Ende ein eiserner Adler seine Schwingen breitete. Ich wollte mich erheben, aber meine Glieder waren wie Blei und versagten den Dienst. Endlich waren alle Reiter vorüber, doch ein nicht endenwollender Troß folgte ihnen. Lange Leiterwagen mit allerlei Hausrat und sonstigen Dingen bepackt, rasselten vorbei. Männer, Weiber und Kinder saßen in großen Planwagen und nickten freundlich zu mir herüber. "Wir sind die Nürnberger," rief einer von ihnen, "wir wollen euch zeigen, wie man kolonisiert." Da -was war das? Ganz zum Schluß galoppierte ein
reiterloser Schimmel, über dessen Haupte drei Aasgeier flogen. Die Sonne warf ihre Strahlen bereits schräg über das Meer, auch die Ebbe hatte schon seit einiger Zeit eingesetzt. Rasch erhob ich mich deshalb und eilte, so schnell mich meine Füße tragen konnten, vorwärts. Während ich so, trotz des schweren Traumes, durch den Schlaf neu gestärkt meinen Ziel zustrebte, sah ich die einzelnen Bilder, die mir im Traume erschienen waren, noch einmal an meinem Geiste vorüberziehen. Wie deutlich hatte ich doch die Schiffe auf dem Meere gesehen, das von allen Kamerunern so sehnlichst erwartete Geschwader. Und die beiden Reiter auf den prächtigen Rappen, die mit ihrer Gefolgschaft aus dem Jenseits kamen, um den nach ihnen benannten Schiffen zu helfen. Wie genau hatte ich Scharnhorsts Züge erkannt, ihn, den ich doch nur einmal in meinem Leben auf einem Bilde gesehen hatte. Jetzt bedrückte mich die Wirklichkeit doppelt so schwer wie bisher - dort hinter mir lag Kamerun, würden wir unsere schöne Kolonie jemals wieder bekommen? Ich hatte den Strand mittlerweile verlassen können und marschierte auf einem schmalen Pfade durch mannshohe Elefantengrass. Hier waren kurz vor mir Tausenden gewandert, auf diesem Wege war der treue Jaunde-König Atangana und sein Volk der deutschen Schutztruppe gefolgt. Er und die Angehörigen seines Stammes zogen es vor, ihr Land und ihre Heimat zu verlassen, als sich unter fremdes Joch zu beugen. "Heil dir, Atangan!" Seitlich vor mir kreisten mehrere Aasgeier. Ich hätte wohl an diesem Tage leicht hundert jener widerwärtigen Tiere erlegen können. Als mein erster Schuß fiel, fliegen sie überall aus dem hohen Grase auf. Indessen begnügte ich mich damit, meinem toten Pferd das versprochene Geleit zu geben; riß jedem meiner Opfer eine Feder aus und verwahrte sie in meiner Brusttasche. Ein übler, stinkender Geruch lag in der Luft, die ganze Gegend war verpestet. Der Hungertyphus hatte schrecklich unter den Eingeborenen aufgeräumt. Es dämerte bereits, als ich den Otondefluß erreichte, den ich, da mein mehrmaliges Rufen nach einem Kanu nicht gehört wurde, kurz entschlossen durchschwimmen wollte. Das Gewehr und meine Kleider behinderten mich jedoch so sehr dabei, daß ich, fast in der Mitte des Flusses angelangt, wieder kehrtmachen mußte. Noch war ich etwa zehn Meter vom Ufer entfernt, als ich, völlig erschöpft, hinter mir ein plätscherndes Geräusch vernahm und in der Annahme, es sei ein Hai, nochmals kräftig ausholte. In demselben Augenblick glitt ein Kanu heran, zwei kräftige Fäuste packten mich und hoben meinen Körper in das Boot. "Herr, willst du sterben?" fragte mich mein Lebensretter (denn ich bin sicher, daß ich das Ufer nicht mehr erreicht hätte), ein Cumbe-Mann, der in besseren Tagen bei mir als Fischer angestellt gewesen war. Ich antwortete nicht auf seine Frage, sondern bot ihm fünf Schillinge, wenn er es wagen würde, mich durch die Brandung und nach dem Schiff zu bringen. Er überlegte einen Augenblick, dann sagte er: "Du bist mein Herr gewesen und hast mich immer gut behandelt; wenn der Krieg zu Ende ist, werde ich wieder in deine Dienste treten, denn die Deutschen sind wohl strenge, aber gerechte Herren. Wer von uns in Kamerun gewesen ist, hat viel gelernt, und deswegen wünschen wir alle, daß ihr bald wiederkommt. Darum will ich dir helfen." Fünfmal warf die Brandung das schlanke Fahrzeug
zurück; das sechstemal glückte es. Schweigend ruderte mich
der jedes Felsenriff kennende Fischer auf die See hinaus. Weit draußen,
auf der Reede von Bata, tanzten die Lichter der "Isla de Panay"
mit den Wogen auf und ab. Langsam wurden die Umrisse des Schiffes
sichtbar. Die weißen Anzüge der Internierten, die in Gruppen
auf dem Achterdeck standen, leuchteten weithin durch die Nacht. "Da
kommt er noch!" rief einer und deutete mit der Hand nach unserem
Kanu, das gleich darauf an der hohen Schiffswand auf und nieder glitt. Quelle:
Durch die weite Welt, Franckh'sche Verlagsbuchhandlung, 1932, von
rado jadu 2000
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