Lüderitzbucht, 27. Juli 1908
Armes
Südwest! Was hast du nicht schon für bittere Worte, für
Hohn und Spott über dich ergehen lassen müssen wegen deines
teilweise, namentlich im südlichen Teile, unscheinbaren Kleides,
weil du nicht prunkst im Schmuck grüner Wälder, durchzogen
von rauschenden Strömen und Bächen, wie die Kolonien in
den Tropen. Aber du konntest dich trösten! Die, welche solche
Reden führten, hatten dich wohl meist nur auf der Landkarte gesehen,
sie kannten den Zauber nicht, welchen das Leben auf deinen weiten
Steppen für die hat, die dich verstehen und lieben gelernt haben.
Wie mancher hat sich schon losgerissen von dir und ist in die Heimat
zurückgekehrt; aber beim einen früher, beim anderen später
begann die Sehnsucht wieder wach zu werden, die Sehnsucht nach den
den weiten, einsamen Steppen, den wilden Schluchten und Bergwildnissen,
aber auch die Sehnsucht nach dem Lande, daß noch jedem sein
Brot gegeben, der es liebgewonnen und es zu verstehen sich bemüht
hat. Kenner von Steppengebieten, wie sie seit Generationen als Hauptbeschäftigung
Viehzucht treibenden Buren, aber auch andere alte Farmer, frühere
Bewohner des übrigen Südafrikas, sie erkannten dein Wert,
und viele kamen mit Kind und Kegel, mit Wagen und Vieh, um sich auf
deinen Fluren niederzulassen und ein neues Leben zu beginnen unter
deutscher Flagge. Und viele von diesen, die bereits in den Minendistrikten
des englischen Südafrikas gelebt hatten und teilweise auch tätig
gewesen waren, die zwar keinen Anspruch auf fachmännische Schulung
machen konnten, aber doch einen praktischen Blick dafür hatten,
was für Werte das Land auch unter der Oberfläche birgt,
bezeichneten das Land schon von jeher als ein "rich country".
Vielfach
sind ja auch bereits in früherer Zeit, meist von Engländern,
Schächte abgetäuft und Erze, namentlich Kupfer, in primitiver
Weise gefördert worden. Die Transportschwierigkeiten auf dem
Wege zur Küste waren aber meist so groß, daß der
Abbau wieder aufgegeben werden mußte. Dies ist nun glücklicherweise
anders geworden, seit sich das Mutterland, wenn auch nach schweren
Kämpfen, bereit erklärt hat, die Aufschließung des
Landes gleich mit ganzer Kraft anzugreifen und als vornehmstes Förderungsmittel
dieses Zweckes Bahnen zu bauen. Zwar wird es noch einige Jahre dauern,
bis sich das Land von den Wunden des langjährigen Krieges so
weit erholt hat, das es als leistungsfähig anzusprechen sein
wird, aber die Zeit wird und muß kommen. Überall beginnt
es sich zu regen, und nicht zum wenigstens auf dem Gebiete des Bergbaues.
Schon mancher Prospektor ist unterwegs und weiß von guten Funden
zu berichten, wenn die Abbauwürdigkeit auch meist erst durch
Bohrungen festgestellt werden werden muß. Außerordentlich
erfreulich ist es aber, daß gerade die durch Wasserlosigkeit
und die erst von der Bahn siegreich überwundenen Sanddünen
berüchtigte Umgebung des Hafens Lüderitzbucht als besonders
reich an Bodenschätzen betrachtet wird. Nicht nur ein hochprozentiges
Kupfer wird seit kurzem in der unmittelbaren Nähe des Ortes von
einem Lüderitzbuchter, wenn auch vorerst noch in einfachster
Weise, abgebaut, sondern auch Funde von wertvolleren Mineralien und
Erzen sind bereits gemacht worden. So soll auch goldhaltiges Gestein
gefunden worden sein, Namentlich aber sind es jetzt die Diamanten,
die schon seit Wochen das Tagesgespräch bilden und deren Auffinden
einige Wochen später eine wilde Jagd zur Besitznahme von Schürffeldern
in dem in Betracht kommenden Gebiete zur Folge hatte.
Die
ersten Diamanten wurden von Angestellten der Lüderitzbuchteisenbahn
bei Colmanskop, Kilometer 16 der Bahn gefunden. Als dann auch die
Umgebung der Haltestelle auf Diamanten untersucht wurde, stellte sich
zur Überraschung aller heraus, daß die Steine hier nicht
wie bei Kimberley nur auf einem verhältnismäßig kleinen,
scharf umgrenzten Gebiet, in einer sog. "pipe" vorhanden,
sondern über ein weites Gebiet verteilt sind. (Inzwischen soll
man in der Elisabethbucht auch auf "pipes" gestoßen
sein.) Unmittelbar nach dem Funde waren die Gemüter der Lüderitzbuchter
noch ruhig geblieben, es wollte eben noch niemand recht daran glauben,
daß gerade die Umgebung von Lüderitzbucht so reich mit
dem edelsten aller Steine gesegnet sein sollte. Als sich aber die
Erkenntnis Bahn gebrochen hatte, daß man es hier nicht mit Blaugrund
ausgefüllten Kratern, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach mit
der sogen. brasilianischen Formation zu tun habe, bei welcher sich
die Steine nicht in Blaugrund, sondern in Granit befinden und infolge
der Verwitterung zutage treten, und als man ferner erkannt hatte,
daß das ganze Gebiet von der Elisabethbai im Süden bis
hinter den Nautilushügel, nordnordöstlich von Lüderitzbucht,
als diamanthaltiges Land anzusehen sei, und daß von den ersten
Findern schon einige tausend Steine gefunden seien, da brach es wie
ein Sturm los. Schürfscheine über Schürfscheine wurden
bei der Kolonialgesellschaft in Swakopmund, der das Land gehört,
bestellt, aber nicht etwa brieflich, alles telegraphisch. Jeder wollte
sich die wertvollsten Plätze sichern. Die hiesige Vertretung
der Kolonialgesellschaft, an welche die Nummern der Schürfscheine
von Swakopmund aus telegraphiert wurden, sogar die Post, waren an
dem betreffenden Sonntag zu gewissen Tagesstunden von Wartenden umstanden,
um den Eingang der Telegramme und damit der Nummern der Scheine abzuwarten
und sie sofort an die bei Colmanskop wartenden Schürfscheinteilhaber
weiter zu telegraphieren oder, falls die Felder abseits der Haltestelle
zu belegen gedachten, auf Pferden hinauszujagen, um nur ja die in
Aussicht genommenen Plätze, die nach Meinung der betreffenden
Gruppe natürlich stets die wertvollsten sein mußten, rechtzeitig
zu belegen können. Daß sich hierbei manche erheiternde
Szene abspielte, mancher Wettlauf und auch Wettrennen stattfand, daß
viel gedacht, aber mindestens ebensoviel geschimpft wurde, dürfte
nur zu verständlich sein, denn auch in Lüderitzbucht wohnen
keine Engel (wenigstens keine männlichen!). Aber auch die folgenden
Wochenwaren noch viele damit beschäftigt, gute Plätze aufzusuchen
und Schürftafeln zu setzen. Jetzt griff aber eine große
Geheimtuerei Platz. Nicht mehr am Tage zogen die diamantenhungrigen,
sonst so ruhigen Bewohner Lüderitzbuchts aus, schon lange vor
Tagesanbruch wurde aufgebrochen, um nur ja niemand zu verraten oder
vielmehr verraten zu lassen, wohin des Wegs und Ziels. Nebenbei wurde
dann auch von verschiedenen Gruppen angefangen zu suchen und auch
so mancher Stein gefunden.

Hierbei
gelangte man aber allmählich zu der Erkenntnis, daß das
Schürfen des Einzelnen in der heutigen Zeit des Zusammenschlusses
doch nicht das Richtige sei, um zum Ziele zu kommen. Es wurde deshalb
zum Zwecke der Gründung einer Gesellschaft eine Versammlung aller
Schürfbesitzer einberufen mit dem Erfolge, daß sämtliche
Anwesenden den Wunsch aussprachen, sich zu einer Gesellschaft zu vereinigen
und ihre Schürffelder in diese einzubringen. Da es nun aber zur
Erhaltung einer gesunden Basis nicht tunlich erschien, sämtliche
Schürffelder so ohne weiteres aufzunehmen, so galt es noch ein
schwieriges Stück Arbeit zu bewältigen, nämlich die
Prüfung der Felder auf ihre Brauchbarkeit vorzunehmen. Es wurde
zu diesem Zweck eine Kommission gewählt, diese teilte sich wieder,
und dann ritten die betreffenden Herrn je eine Hälfte der Schürffelder
ab. Das war auf der südlich der Bahn gelegene Seite keine geringe
Arbeit, denn es galt, eine Strecke von gut 70 Kilometer durch die
wasserlose Wüste an einem Tage zurückzulegen und währenddessen
die Schürffelder zu kontrollieren. Es wurde aber alles sorgfältig
geprüft, und 48 Schürffelder, d.h. ein Schürfgebiet
von ungefähr 15 000 Hektar, konnte als brauchbar in die Gesellschaft
aufgenommen werden, auf ein Schürffeld fallen zehn Abbaufelder
von je 2500 Quadratmeter Größe. Die Gesellschaft erhielt
den Namen: "Diamanten-Schürfgesellschaft Colmanskop m.b.H."
mit dem Sitz in Lüderitzbucht. Es soll jedoch nicht nur auf Diamanten,
sondern auch auf andere Mineralien geschürft werden. Eine solide
Grundlage wurde dadurch geschaffen, daß die Schürffelder
nicht mit einer hohen, sondern im Gegenteil sehr mäßigen
Wertannahme in die Gesellschaft eingebracht wurden, obwohl nach den
bisherigen Erfahrungen Diamanten in Menge vorhanden sein dürften.
Glück auf! Ich möchte noch hinzufügen, daß zwei
im Auftrage der de Beers Company hier eingetroffene Herren die Qualität
der Steine als erstklassig bezeichnet haben.
Quelle:
Köhlers Kolonial Kalender 1909, von rado jadu 2000