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Eine Reise zum Kilima-Ndscharo.

Von E. von Liebert, ehem. Gouverneur von Deutsch-Ostafrika.

Im Januar 1897 hatte ich die Geschäfte des Gouverneurs in Daressalam übernommen. Im Laufe des Jahres war es mir nur möglich gewesen, die Küstenorte zu bereisen, und auf einem Kriegszuge gegen den Sultan Mquawa von Uhehe dieses schöne Gebirgsland und die Landschaften Usaramo, Kisaki, Mahenge näher kennen zu lernen. Verschiedene Umstände drängten darauf hin, auch die Nordbezirke der Kolonie, die Gebirgslandschaften des Kilima-Ndscharo, Pare und Usambara zu studieren, und ich setzte Mitte Januar 1898 für den Beginn dieser Reise fest. Um möglichst viel von der Kolonie durch eigenen Augenschein kennen zu lernen, ward beschlossen, den Weg querfeldein durch das nördliche Usaramo, am Ungurugebirge entlang nach dem mittleren Laufe des Pangani zu wählen und erst bei Masinde in die landläufige Straße zum Kilimandscharo einzubiegen. Jede Reise seitab von der großen Karawanenstraße ist mit Mühen und Entbehrungen verknüpft; wir mußten uns alle auf derartiges vorbereiten.

Ich war in der glücklichen Lage, mir meine Reisegefährten einzeln auswählen zu können und ging sehr vorsichtig hierbei zu Werke. Als militärischen Begleiten und Führer der Eskorte von 32 Askari nahm ich den Adjutanten der Schutztruppe, Oberleutnant Kielmeyer, mit. Derselbe, ein geborener Stuttgarter, war ein intelligenter, vielseitig begabter Offizier, der sich vortrefflich in den afrikanischen Dienst gefunden und sich im Innern bereits als Bezirkschef bewährt hatte. Der dem Gouverneur als Hilfsarbeiter zugeteilte Referendar Zache, ein echter Berliner nach Schnelligkeit der Auffassung und glänzender Schlagfertigkeit, übernahm die Geschäfte des Reisemarschalls, die Aufsicht über die etwa 100 Träger und Boys und sorgte daneben in selbstloser und umsichtiger Weise für unser aller leibliches Wohl. Ihm waren Küche und Keller unterstellt, er besorgte den täglichen Einkauf der nötigen Lebensmittel und vermittelte den Verkehr mit den Jumben (Dorfschulzen). Seine meisterhafte Kenntnis der Suaheli und sein eingehendes Studium der Gebräuche und Lebensgewohnheiten der Neger machten die Eingeborenen vertraulich und beseitigten die vielen Schwierigkeiten, die so leicht zwischen unerfahrenen, ungeduldigen Europäern und der Landesbevölkerung sich ergeben. Herr Zache residiert jetzt als Bezirksamtmann im Bezirk Langenburg am Nyassasee und wird sicher im Kolonialdienst noch vortreffliches leisten.

Der vierte in unserer Reisegesellschaft war der Meteorologe Dr. Maurer, Rheinhesse von Geburt, ein feiner Kopf und mit reichem Wissen ausgestatteter Gelehrter, dazu mit der ganzen Liebenswürdigkeit des süddeutschen Wesens begabt. Er beabsichtigte, die meteorologischen Stationen im Inneren der Kolonie zu prüfen oder neu einzurichten, daneben machte er die Routenaufnahme und beschäftigte sich mit wissenschaftlichem Sammeln. Die drei Herren verstanden sich untereinander vortrefflich und hatten sich dahin verabredet, daß jeder unterwegs für geistige Anregung zu sorgen habe, damit der gefürchtete afrikanische Stumpfsinn nicht aufkomme. Wie oft habe ich sie abends, wenn ich mich in mein Zelt zurückzog, bei ihren naturwissenschaftlichen und philosophischen Gesprächen belauscht, die sich häufig bis in die Nacht fortsetzten. Selbst die Reisebibliothek war mit größter Sorgfalt ausgewählt, so daß uns nie interessanter Unterhaltungsstoff ausging.

Ich setze die Vorbereitung und Ausrüstung einer Reisekarawane als bekannt voraus, da sie schon gar zu oft geschildert worden sind. Man darf sagen, daß das Reisen mit Trägern -- abgesehen von der durch den Fußmarsch gebotenen Langsamkeit -- das denkbar angenehmste und bis zur Vollkommenheit ausgebildet ist. Der Nachmittag im Zelt mit Bett, Langstuhl, Badewanne und allen Bequemlichkeiten des Lebens, einschließlich guter Verpflegung wird stets als sybaritischer Genuß empfunden und entschädigt für jede Strapaze während des Marsches selbst. Ich habe mich stets bemüht, der Zeitersparnis wegen möglichst große Märsche zu machen und habe die Träger nie geschont. Nachdem ich genügende Erfahrung gesammelt, erließ ich eine Reiseordnung für die ganze Kolonie, die alle gangbaren Straßen in feste Marschetappen gliederte und die Zahl der nötigen Reisetage festsetzte. Damit ward dem bis dahin üblichen Verweilen der Beamten unterwegs ganz nach eigenem Ermessen und dem übermäßigen abschweifen zur Jagd und sonstige Unternehmungen im Interesse des Dienstes ein Ziel gesetzt.

Wir treten unsere Reise gerade in der heißesten Zeit an; denn Januar und Februar meinen es südlich der Äquators mit der Temperatur besonders gut. Wir maßen 66° C in der Sonne und 35° C im Schatten während der Mittagsstunden ziemlich regelmäßig Tag für Tag. Da jeder Europäer ein Maultier zur Verfügung hatte und so abwechselnd reiten und marschieren konnte, wir auch alle abgehärtete Afrikaner waren, so ertrugen wir jene Temperaturen ohne Beschwerde. Der einzige Übelstand ist in den heißen Monaten das Zurücktreten des Grundwassers und damit das Versiegen vieler Quellen und Brunnen. Es bleibt uns nicht übrig, als das nötige Wasser den Tümpeln und Lachen zu entnehmen, die nur ein braunes, lehmhaltiges, lauwarmes Naß enthalten. Der Eingeborene kann dies Wasser trinken ohne Schaden zu leiden. Der Europäer würde von dem Genuß dieser Flüssigkeit unweigerlich Dysenterie bekommen, er muß sich des Wassertrinkens ganz enthalten. Das Wasser wird durch Zusatz von Alaun geklärt, dann gekocht und nun als Tee oder Kaffee warm oder kalt genossen. Für den Marsch ist jeder mit einer Literflasche kalten Tees versorgt.

Die ersten zehn bis zwölf Marschtage boten landschaftlich wenig Erfreuliches, sie führten uns durch das Busch- und Steppengebiet im Hinterland von Bagamoyo. Alles zeigte sich in der heißen Zeit verdorrt und verbrannt. Wir überschritten den Kingani und Wami, zogen letzteren aufwärts an der französischen Missionsstation Mandera vorüber.

Dann gingen wir in nordwestlicher Richtung auf das Ungurugebirge los, das endlich mit seinen zerrissenen Gipfeln am Horizont erschien, und das wir als das Ziel unserer Sehnsucht bei der Missionsstation Mhonda erreichten.

Um ein Bild von dem eigentlichen Reiseleben zu geben, wird es angezeigt sein, den Verlauf eines Reisetages zu schildern, so daß sich jeder Leser in die Situation versetzen kann.

Um 5 Uhr morgens -- es ist noch stockdunkel -- bläst der Trompeter, alles springt aus den Betten und macht schnell Toilette. Die Boys besorgen das Packen der Koffer und das Verstauen des Bettes und des Bettzeugs. Sechs Askari stehen bereit, um das Zelt in dem Augenblick abzureißen, wo der Besitzer dasselbe verläßt. Der Frühstückstisch steht fertig gedeckt. Tee, Eier, kaltes Huhn, u. dgl. wird in Eile eingenommen. Sobald der Imbiß beendet, räumen die Boys im Fluge des Geschirr ab und verpacken es. Einige Träger lauern schon auf Tisch, Stühle und den Frühstückskorb, um alles zu verschnüren und von hinnen zu tragen. Eine große Annehmlichkeit für den Europäer ist es, daß die Neger morgens früh weder Toilette machen, noch etwas zu sich nehmen. Sobald das Signal die weckt, recken sie nur die Glieder und stehen sofort zum Dienst oder zum Abmarsch bereit. Der Neger bedarf nur einer Mahlzeit, die mit Sonnenuntergang bereitet und verzehrt wird. Diese muß aber reichlich sein, damit sie auf 24 Stunden vorhalte.

Wenn alles zum Abmarsch bereit ist, die Lasten fertig gepackt sind, ertönt gegen 3/4 6 Uhr das Signal: Marsch! und die Karawane setzt sich zu einem Hintereinander in Bewegung. Um 6 Uhr geht die Sonne auf, doch deckt sie meist in der Nähe des Horizonts noch eine mitleidige Wolke. Von 7 Uhr an bedarf der Europäer bereits des Tropenhelms, da dann die Sonnenstrahlen schon kräftig zu wirken beginnen. Meist sind gerade die Morgenstunden heiß und drückend, weil keine Luftbewegung vorhanden ist. Diese tritt gewöhnlich erst von 9 Uhr ein; über Mittag weht zumeist ein starker Wind, der die kolossale Hitze erträglich macht. Der Marsch war hier sehr eintönig durch das unaufhörliche "Pori", trockener, lichter Akazien- und sonstiger Dornbusch mit oft fingerlangen, senkrecht abstehenden harten Stacheln. Das Durchzwängen durch solchen Buschwerk ohne vorher gebahnten Weg kostet manches Loch im Rock und Beinkleid Als ich nach drei Monaten Marsch und Krieg aus Uhehe zurückkehrte, nannten mich die Träger meiner Karawane: bwana aje passua koti (der Herr mit dem zerrissenen Rocke).

Gegen 9 Uhr lasse ich das Signal zum Haltmachen und zur Marschpause geben, womöglich in der Nähe einer Ortschaft, aus der die Bewohner Wasser herbeibringen. Für die Europäer stehen sofort Tisch und Feldstühle bereit, und die Geheimnisse des Frühstückskorbes werden gelüftet. Dies ist ein hochwichtiges und äußerst praktisches Reisegerät, das vielleicht für Afrika extra erfunden wurde. In ihm befinden sich Teller, Gläser, Tassen, Messer, Gabeln, Löffel, sämtliches Geschirr von emailliertem Eisenblech, ebenso sauber wie unzerstörbar. Die weiteren Fächer enthalten kaltes Fleisch, Brot, Butter, Wurst, Konserven und Getränke. Genug, das Tischlein deck´ dich ist im Augenblick hergerichtet; es wird schnell gefrühstückt, dann verschwinden das Geschirr und die Reste im Umsehen wieder im Korbe.

Weiter geht der Marsch bei immer steigender Hitze. Der kalte Tee in der Feldflasche verschwindet allmählich. Je nach dem Wasservorrat der Gegend ist das Ende des Tagesmarsches zu bemessen. Fünf Stunden sind ein kleiner Marsch, über sieben Stunden, d. h. Ankunft nachmittags im Lager, ist für die Träger sehr anstrengend

Ist der Lagerplatz erreicht, so sammelt sich die Karawane, die meist sehr lang geworden und auseinander gekommen ist, langsam nach vorn, die Lasten kommen einzeln an Ort und Stelle. Im Nu sind die Zelte aufgeschlagen, die Koffer ausgepackt, Wasser wird herangebracht, man kann sich sofort umziehen und waschen. Der erst Genußmoment am Tage! Das Waschen ist unbedenklich, da die Temperatur des Wassers etwa 20° C erreicht. Inzwischen hat der Koch schon seine Feldküche eingerichtet, ein Topf mit Wasser brodelt auf drei Steinen, eine Konservenbüchse wird geöffnet, und bald sitzt die Reisegesellschaft um den sauber gedeckten Tisch an einer Stelle, die irgendwie Schatten bietet, und verzehrt, von den Boys bedient, die im allgemeinen einfache Mittagsmahlzeit: ein warmes Gericht, Früchte oder Käse, Tee mit Kakes.

Dann je nach dem Temperament und der Ermüdung der Reisenden lange oder kurze Siesta. Ich setze mich in den bequemen Klappstuhl, ein offizielles Reisemöbel für jeden Europäer, und nicke einen Augenblick beim Lesen ein. Der Nachmittag dient zum Schreiben oder Lesen, Besichtigen der Gegend, Empfang der Jumben, die mit Geschenken an Lebensmitteln kommen und gleichwertige Gaben oder Gold dafür zu erhalten. Um 5 Uhr ist Badestunde, jeder zieht sich in sein Zelt zurück und plätschert lustig in seiner Gummiwanne. Wie neugeboren tritt man unter die Menschen zurück.

Nach Sonnenuntergang, um 1/2 7 oder 7 Uhr, ist der Abendtisch gedeckt und durch Reiselampen erleuchtet. Die Hauptmahlzeit besteht aus Suppe und zwei warmen Gerichten. Etwas leichter Wein, nach Tisch Tee und Zigarren würzen die Unterhaltung, die in unserer Reisegesellschaft meist seht anregend und interessant sich gestaltet. Später verschwindet jeder in seinem Zelt, und tiefe Ruhe herrscht im Lager.

Zweimal während der Reise wurde ich nachts plötzlich durch einen der unangenehmsten tropischen Störenfriede aufgeschreckt, durch einen Zug der Wanderameise, der quer durch mein Zelt und über mein Feldbett seinen Weg genommen hatte. Man erwacht durch ein unerhörtes Jucken und Beißen am ganzen Körper, stürzt aus dem Zelt, ruft die Boys: Ali! Abdallah! Siafu! (Siafu = Ameise). Während man die größte Mühe hat, die fürchterlichen Quälgeister vom Körper loszuwerden, in den sie sich festbeißen, muß das ganze Zelt und sein Inhalt ausgeräumt und gereinigt werden. Mit Feuerbränden und glühender Asche wird das ekelhafte Knäuel von eilig durcheinander kriechenden Tieren verscheucht oder vernichtet. Eine halbe Nacht vergeht, bis diese greuliche Störung beseitigt ist.

Am 29. Januar erreichten wir die Vorberge des schönen, grünen, hochaufragenden Ungurugebirges. Wir zogen in einem herrlichen schattigen, wasserreichen Tale aufwärts und lagerten bei der katholischen Missionsstation Mhonda. Ein würdiger Priester, Pater Machon, der diese Anstalt vor 32 Jahren selbst gegründet, empfing uns freundlich. Welche Entsagung gehört dazu, in dieser -- wenn auch landschaftlich schönen -- Bergeinsamkeit sein ganzes Leben zu verbringen und nur Negerkinder zu seinem Umgange zu haben! Mhonda ist ein Glied in der Kette von Stationen, die die schwarzen Väter von Bagamoyo aus querlandein bis Mpapua vorgeschoben haben. Sie wirken alle segensreich, aber ihr Einfluß ist örtlich begrenzt, eine Ausbreitung des Christentums über einen größeren Bezirk, etwa einen ganzen Volksstamm, ist bei der religiösen Gleichgültigkeit des Negers schwer denkbar.

Wie merkwürdig fiel uns der landschaftliche Gegensatz auf, der uns hier entgegentrat. Zu unseren Füßen breitete sich die sonnenverbrannte, dürre, braune Steppe aus, die wir durchzogen hatten, ohne Wasser und ohne Menschen. Vor uns aber erhob sich der wasserreiche, mit hochstämmigem Walde bestandene und dazwischen mit Feldern voll Bananen, Mtama und anderen Früchten bedeckte Gebirgsstock, grün und saftig, alles aus den Vollen darbietend. Und um den Gegensatz noch zu verschärfen, setzte gerade die Regenzeit ein, die unten in der Steppe schon solange herbeigesehnt worden war. Es regnete nunmehr jeden Nachmittag, zumeist unter kräftiger Gewitterbildung. Da der Regen sehr regelmäßig seine Stunde erhielt, so konnten wir es so einrichten, daß wir unsere Zelte bereits aufgeschlagen hatten, wenn es zu gießen und zu donnern begann.

Wir benutzen einen Ruhetag, um eine Berg- und Kletterpartie durch ein Hochtal des Ngurugebirges zu machen, um dessen Formation und vor allem seine Vegetation näher kennen zu lernen. Trotzdem wir um 6 Uhr früh aufbrachen und viel Schatten fanden, war das Steigen durch weglose Wildnis, durch mannshohes Schilfgras, das Springen über die Felsblöcke der Waldbäche doch sehr anstrengend und bei der schwülen und schweren Treibhausluft recht ermattend. Wir hatten einen schönen Einblick in die kraftstrotzende, jungfräuliche Natur und genossen den vollen Eindruck tropischen Urwaldes, der leider im Ostafrika nur auf einzelne Gebirgsstöcke beschränkt vorkommt. Mhonda liegt auf 600 m Meereshöhe, das Gebirge aber ragt bis zu 2000 m ( Watzmannhöhe ) in seinen Gipfeln auf. Die vom Ozean aufsteigenden Wolkengebilde schlagen hier ihre Feuchtigkeit nieder und speisen die sich in den Schluchten bildenden Quellen.

In Mhonda meldete sich bei mir als Führer für die nächsten Märsche eine interessante Persönlichkeit, der Jumbe Hilarion, ein Zögling der französischen Mission in Bagamoyo, der nicht nur elegant französisch sprach, sonder auch in seinem Wesen und Auftreten außerordentlich viel von seinen Erziehern angenommen hatte. Er war christlich getauft, jedoch später von der Kirche ausgestoßen, weil er sich mehrere Weiber genommen hat. Seine große Gewandtheit im Umgange mit Europäern, seine Kenntnis des Lesens und Schreibens und sein großer Einfluß auf die Eingeborenen machten ihn dem Bezirksamt sehr wertvoll als örtlichen Beamten. Wir passierten sein Dorf, fanden sein Haus reinlich und praktisch eingerichtet, und zu unserm größten Staunen eine Schreibstube mit Schreibtisch uns Stuhl! Das habe ich bei keinem Eingeborenen vorgefunden, soweit ich auch im Lande herumgekommen bin. In der ganzen Kolonie sind mir überhaupt einschließlich dieses Hilarion nur drei Neger entgegengetreten, die sich über das allgemeine Niveau ihrer Rasse erhoben hatten, ein Händler, ein Agent am Kilima-Ndscharo und ein Großgrundbesitzer in der Nähe von Kilwa, der sich vom Sklaven zu einer einflußreichen und geachteten Stellung emporgearbeitet hat. Diese verschwindende Zahl gibt doch zu denken und veranlaßt mich zu der Schlußfolgerung, daß die afrikanische Rasse nicht bestimmt ist, maßgebend oder herrschend aufzutreten, sondern zum Gehorchen und zum Dienen. Selbst die großen und mächtigen Häuptlinge und Sultane machen hierin keine Ausnahme, sie übertragen in ihren Lebensgewohnheiten und ihrem Denken die Stammesgenossen nur um ein geringes. Der brave Hilarion machte eine wirklich rühmliche Ausnahme. Sein Verstand war geweckt, er hatte etwas von der Welt gesehen und fremde Dinge auf sich wirken lassen. Es war ein Vergnügen, während des Marsches sich mit ihm zu unterhalten und Land und Leute von ihm schildern zu lassen. Auf jede Frage erhielt ich zunächst immer wie von einem echten Pariser ein "Parfaitement, Monsieur" als Antwort, worauf dann ganz nach Gallierart ein ergiebiger Redeschwall folgte. Hilarion hat mich später in Daressalam besucht und benahm sich auch da durchaus korrekt und persönlich anspruchslos. Wie schade, daß die Intelligenz der schwarzen Rasse so spärlich zugeteilt ist, und daß man derartig geweckte Leute so selten antrifft!

Der Marsch entlang des Ostfußes der Unguruberge an der Grenze von Usegua sollte leider durch eine schmerzliche Katastrophe unterbrochen werden. Von verschiedenen Dorfschaften kam an mich die Klage, daß die Einwohner eines bestimmten Dorfes wie eine Räuberbande aufträten, der ganzen Umgegend Krieg machten und besonders Menschen raubten. Diese früher leider so häufige Erscheinung war längst eine Seltenheit geworden. Um so mehr aber forderte jeder einzelne Fall strenges Einschreiten. Ich gab dem bei den Askari befindlichen Effendi (schwarzer Offizier) den Auftrag, mit 25 Askari nach dem genannten Dorfe zu marschieren, den Jumben sowie die Rädelsführer aufzuheben und zum Gericht mir vorzuführen. Als alles zum Abmarsch bereit war, bat mich Oberleutnant Kielmeyer dringend, ihm den Befehl über jene Expedition zu übertragen, da er sich für die Askari und deren Verhalten verantwortlich fühle. Mit Widerstreben gab ich der Bitte nach. Ich wünschte die Sache nicht unnütz aufzubauschen; Kielmeyer mußte mir versprechen, sie unblutig zu erledigen.

Es sollte anders kommen. Am zweiten Tage brachten die Askari die Leiche des Offiziers ins Lager zurück! Er hatte das Dorf nachts umstellt, um den Räuberhauptmann in aller Stille aufzuheben. Dieser aber, rechtzeitig gewarnt, ergriff sein Gewehr und tötete den auf das Haus zueilenden Kielmeyer durch einen Schuß aus nächster Nähe. Es gelang nicht, die Übeltäter zu verhaften, erst später hat sie die gerechte Strafe ereilt. Wir begruben unsern lieben Kameraden auf einem offenen Platze nahe der Hauptstraße und schmückten das Grab durch ein Holzkreuz. Später wurde es neu hergerichtet und durch einen Stein mit seinem Namen geziert. In dieser Trauer um den uns so plötzlich Entrissenen setzte unsere kleine Reisegesellschaft den Marsch auf den Panganifluß zu fort.

Um das Tal des Pangani zu erreichen, mußten wir die gänzlich wasserlose Useguasteppe durchschreiten und dazu "Terekesa machen", d.h. einen Doppelmarsch von früh morgens bis in die sinkende Nacht, ohne unterwegs Wasser zu finden, ausführen. Es war ein schlimmer Tag bei der sengenden Hitze, zumal für unsere armen Träger. Um so erquickender war die Ruhe nach dem endlosen Marschtage in den Bananen- und Maisfeldern am Pangani. Hier erwartete uns der Bezirkschef von West-Usambara, Oberleutnant von Stuemer, der nun die Führung bis in die Nähe des Kilimandscharoübernahm. Zuerst gelangten wir in seine "Hauptstadt" Masinde, am Südhange des West-Usambaragebirgsstocks gelegen, eine Station, die in der Buschirizeit eine Rolle gespielt, aber wegen der Nähe bedeutender Sumpfstrecken manchem Europäer das Leben gekostet hat. Das heutige Bezirksamt ist deshalb in die Berge nach Wilhelmstal verlegt. Das schönste an dem dortigen kurzen Aufenthalt war ein vom Stationschef angelegtes Felsenbad. Er hatte einen Bergquell in einer natürlichen Felshöhlung aufgefangen und erquickte sich selbst sowie jeden Durchreisenden durch den Hochgenuß des Plätscherns in diesem kühlen Bergwasser.

Weiter ging nun der Marsch wieder durch Steppenland, vorüber an den drei vereinzelt aufragenden Gebirgsklötzen von Süd-, Mittel- und Nordpare, vorbei an den allen Jägern wohlbekannten Jipesee mit seinen Schilfufern und dem schönen Ausblick zum Bergkegel des Kilimandscharo Die meisten Reisenden werden den wunderbaren Anblick des Schneegipfels mitten aus der Tropennatur heraus vom Jipesee zuerst genossen haben. Allerdings spielt die Tageszeit hierbei eine Rolle, da das Schneehaupt des Kibo nur morgens bis gegen neun und abends etwa von fünf Uhr bis zur vollen Dunkelheit sichtbar ist. Über Tag ist die Ausdünstung der Schnee- und Eisflächen zu stark, ein dichter Wolkenschleier umhüllt dann die Bergkuppe.

Wir verweilten etwa 14 Tage in der Station Moschi, dem Sitze des langjährigen Kilima-Ndscharobeherrschers, Hauptmann Johannes. Der berühmte und so vielfach beschriebene Berg hat die Form eines gewaltigen Kegels, dessen Grundfläche der des Harzes gleichkommt. Er trägt zwei Spitzen, den rund 6000 m hohen, eisbedeckten Kibo und den weniger hohen, scharf gezackten, meist schneefreien Kimawensi. Der Kegelmantel wird durch die Gletscherströme zernagt und gleich einem Lampenschirm in Falten und Risse geteilt, die sich von oben bergabwärts erstrecken. Jeder dieser Buckel oder Falten wird von einem Wadschaggastamm bewohnt, der seinen Nachbarn durch diese Wasserrisse und Felsenschluchten getrennt ist. Steigt man den Berg hinan, so tritt man aus der Steppenregion, an deren oberem Rande (1100m Höhe) die Station Moschi liegt, in die Bananenzone, die die Wadschagga rund um den Berg herum bewohnen. Auf diese folgt die Wald-, Feld- und Heidekrautzone, bis endlich das ewige Eis beginnt. Die Ostseite des Berges ist reich bewachsen und bewohn, weil sie vom Ozean starke Niederschläge empfängt. Die Westseite ist trocken und fast kahl. Von Moschi führt um den größten Teil des Berges auf der Horizontale eine gut gehaltene Straße, die wir zu Ausflügen nach beiden Seiten benutzten.

Zuerst führte uns Hauptmann Johannes nach der zweiten Militärstation am Berge Marangu, wo Dr. Carl Peters dereinst regierte. Hier ist das Reich des Sultans Mareale, der bis jetzt dauernd zu den Deutschen gehalten hat. Er veranstaltete zu Ehren des Besuchs eine Ngoma (Festspiel mit Tanz und Kampfszenen), wie ich sie so großartig, originell und malerisch noch nirgends bei anderen Stämmen gesehen habe. Auf drei verschiedenen Festplätzen, einer immer landschaftlich schöner als der andere, wurden Waffentänze abgehalten. Der erste war von einem runden Steinwall eingerahmt, auf dem die Zuschauer, zumeist Frauen in hochroter Gewandung, saßen. Es machte fast den Eindruck eines Amphitheaters im alten Rom. Die beiden anderen Plätze waren offen, frische grüne Wiesen mit schönen schattigen Bäumen, eingefaßt von flachen, grünen Hügeln, ein entzückendes Panorama.

Zu den Waffentänzen erschienen etwa 600 Wadschaggakrieger mit einem Kopfputz von drei bis fünf weißen Straußenfedern, einem breiten Halskragen von dichtgereihten Geier- und Hahnenfedern, bekleidet mit roten Gewändern, bewaffnet mit mächtigen, mannshohen Speeren und buntbemalten Schilden. Da letztere die drei Farben schwarz, weiß, rot zeigen, so verbanden sich hier rot, weiß und das Grün der Wiesen zu einem schönen Gesamteindruck. Das Ganze bewegte sich in vollem Kreise, als massierter Haufe oder in einzelnen Gruppen, im Laufschritt und gemessenem Takt, in Angriff und Abwehr, beständig wechselnd und nie ermüdend, mit Gesang oder wenigstens rhythmischen Klängen. Wir Europäer saßen zwei volle Stunden in der Mitte, Pombe (Hirsebier) trinkend und wirklich angeregt durch das eigenartige Schauspiel. Dazu ward mir das Glück beschert, daß der Sultan mir seine 13 Frauen verstellte, und ich mit diesen zum Teil ganz hübschen, zum Teil unangenehm fetten, braunen Damen ein Prosit nach dem anderen in Pombe trinken mußte. Die Kinder des Sultans spielten zu meinen Füßen und wurden mit blanken Rupiestücken beglückt. Das einzige, was in ästhetischer Hinsicht bei diesem Volksfeste sich unangenehm geltend machte, war die den Wadschagga wie manch anderem Negerstamme eigene Gewohnheit, sich die Haut mit Rindertalg einzureiben. Dieser Geruch kann gelegentlich etwas zu kräftig werden und benimmt einen auf gewisse Zeit den Appetit auf Brühsuppe. Im übrigen hatte sich Mareale wohlverdient um uns gemacht, wir hatten einen ausgezeichneten Einblick in das Leben und Gehaben diese kräftigen Bergvolkes getan.

Nach tiefer Tour um die Ostseite des Berges traten wir einen Marsch in entgegengesetzter Richtung an, um den Süden und einen Teil des Westhanges kennen zu lernen. Es handelte sich hier um den Besuch der schönsten und fruchtbarsten Landschaften Kiboscho und Madschame. Durch die prachtvoll wilde Garangaschlucht, dem Bodetale vergleichbar, gelangten wir nach Kiboscho. Am Eingange jeder Landschaft wurde ich feierlich durch den Häuptling mit Gefolge empfangen, vor allem mit Pombe begrüßt. Dies Getränk der Eingeborenen, jungem Bier ähnlich, aber ungeklärt und mit dickem Satz, der mitgenossen wird, schmeckt hier, im Gletscherbach gekühlt, nicht übel; man gewöhnt sich daran. Die Sultane, die es sich leisten können, trinken es den ganzen Tag und lassen sich den dicken Tonkrug überallhin nachtragen. Da es sehr nahrhaft ist, so genießen sie nichts anderes und sagen: "Das ist unser Essen."

Kiboscho ist durch seinen prachtvollen Boden ausgezeichnet. Die Bananen wachsen hier baumartig hoch. Man läßt die großen Bäume stehen und pflanzt die Bananen unter ihrem Schattendach. Dadurch macht das ganze Land einen waldartigen Eindruck. Auch hier empfing uns große Ngoma in und vor dem in europäischer Bauart aufgeführten Palast des Sultans Mleali, des Sohnes des großen Sina, den Wissmann einst besiegt hatte.

Unser Meteorologe, Dr. Maurer, trennte sich in Kiboscho von uns auf einige Tage, um einen Aufstieg zum Kibo zu versuchen.

Dies hatte seine großen Schwierigkeiten, weil man einerseits mit voller alpiner Ausrüstung versehen sein muß, und weil die Neger höchstens bis zu 3000 m den Bergsteiger begleiten aus begründeter Furcht, weiter oben zu erfrieren. Man ist also ganz allein auf sich angewiesen, und das ist ohne ganz systematische Vorbereitung und Ausrüstung nicht durchzuführen. Herr Dr. Maurer hat es bis auf 4700 m Höhe gebracht und immerhin eine Reihe interessanter Beobachtungen gemacht.

Wir anderen stiegen unter Führung des Hauptmanns Johannes von Kiboscho -- die Landschaft Madschame passierend -- in die große Steppe hinab, die sich zwischen Meru und Kilima-Ndscharo und südlich beider Bergriesen in fast ebener Fläche ausdehnt, und eine Anzahl der von den Bergwassern gespeisten Flüßchen durchströmen. Es galt den Besuch der von Herrn Bronsart v. Schellendorff angelegten Straußenzucht und Tierstation Mbuguni.

Ehe wir diese erreichten, lagerten wir eine Nacht in der offenen Steppe, die sich nach zwei Seiten unermeßlich ausdehnt, während sie nach der Nord- und Nordwestseite von den beiden Bergkolossen, dem Kibo (6000 m) und dem Meru (4500 m) eingerahmt wird. Beide hoben sich von unserm niedrigen Standpunkt in der gewaltigen ebenen Fläche erst recht riesenhaft ab. Wir erlebten einen Sonnenuntergang, wie man ihn kaum je wieder sehen kann. Die glühendrote Scheibe der Tropensonne verschwand hinter dem Meru, der etwa die Form des Vesuvs hat, aber dreimal so hoch aufragt, als jener. Sie färbte den Berg in wunderbarem Wechsel violett, blau, blauschwarz, schwarz. Der Kilima-Ndscharo tauchte gleichzeitig langsam von unten nach oben in Schatten. Zuletzt blieb nur die mächtige Schneehaube des Kibo beleuchtet und zeigte ein intensives und langanhaltendes Alpenglühen. Und dies Schauspiel unter drei Grad südlicher Breite, so nahe dem Äquator!

Wir fanden in Mbuguni Herrn von Bronsart nicht vor, da er auf Urlaub nach Deutschland gegangen war, um neue Geldmittel flüssig zu machen. An seiner Stelle verwaltete die Station ein gelernter Straußenzüchter englischer Abkunft aus Südafrika, der uns viel von der künstlichen Straußenzucht mittels Inkubatoren (Brutmaschinen) Erzählte, aber weder Strauße noch Straußeneier aufzuweisen hatte. Dagegen befand sich in dem großen Kral in der Nähe der Station 13 eingefangene, allerdings sehr scheue und ungezähmte Zebras.

Dem Gouverneur zu Ehren wurde auf den 4. März ein großes Wildtreiben angesetzt, um in dem Kral Wild einzufangen und neue Zähmungsversuche anzustellen. Unsere Reisegesellschaft begab sich in der Frühe auf eine Erhebung in der Steppe, den "Jagdhügel". Wieder genossen wir den Anblick der unabsehbaren Steppe und der beiden Bergmassive im Hintergrunde. Diesmal aber sollte sich die Steppe vor unsern Augen beleben. Mehrere hundert Wandorobbo-Massai waren aufgeboten, um das Wild aufzuscheuchen und auf den trichterförmig sich weit gegen die Steppe öffnenden Kral zuzutreiben. Wir sahen große Herden Zebras, Gnus, Antilopen, Strauße usw. in weiter Ferne friedlich äßen. Dann tauchten die Wandorobbo auf, das Wild wurde unruhig, es kam Bewegung in das Bild, ganze Rudel setzten sich in der Richtung auf uns zu in Trab. Zunächst näherten sich uns an die 80 Zebras in langer Kolonne zu einem, hierauf folgten 10 Strauße, sodann mit einigem Abstand ungezählte Antilopen verschiedener Größe und Arten. Endlich galoppierten wie ein rangiertes zweites Treffen wohl noch 100 Zebras in einer langen Front an uns vorüber. Als diese Masse von schönen Tieren (in voller Freiheit -- welch herrlicher Anblick!) an unserem Hügel vorbei waren, folgten wir ihnen und den Treibern auf unseren Maultieren in der Richtung auf die Öffnung des Kral. Alles ließ sich gut an, ein bedeutender Fang schien gesichert -- da machten plötzlich die Strauße, die in mächtigem Lauf die Spitze des ganzen gewonnen hatten, kehrt und brachen trotz heftigen Schießens unserer Askari durch die Treiberlinie. Und der übrige buntgemengte Haufe von Tieren schwenkte vor dem Kral links ab und brach durch Gebüsch und Dornen aus. Das Gebild von Menschenhand, der im übrigen sehr geschickt angelegte Kral, hatte die an ungebändigte Freiheit gewöhnten Tiere instinktiv erschreckt, sie waren nicht in die Falle gegangen. Wir hatten ein unvergeßliches Schauspiel genossen, aber gefangen war nichts! Ein feister Antilopenbock, der einer Büchsenkugel zum Opfer gefallen war, bildete die einzige Jagdtrophäe des Tages und bot uns einen guten Braten. Neuerdings hat sich die Kilima-Ndscharo-Straußenzucht-Gesellschaft neu konstituiert und soll durch Tierfang günstige Geschäfte erzielen. Der gewünschte Ankauf jener Jagdhütte ist ihr vom Gouvernement zugestanden.

Was dem Reisenden ein Tag an allerlei kleinem Ungemach bringen kann, erlebte ich hier noch im Lager bei Mbuguni. Nachmittags wurden in meinem Zelt sechs Skorpione gefangen, deren Biß so böse Anschwellungen zur Folge hat. Am Abend trat ich mir durch das Oberleder des Stiefels einen 1 cm langen Dorn in den Fuß, eine Verletzung, die mich acht Tage ärztliche Behandlung kostete. Und um 1 Uhr nachts ward ich durch den Ruf: Moto! (Feuer) aus dem Schlafe geweckt, ich sprang aus dem Zelt und stand wie Samiel in der Wolfsschlucht mitten in roter Glut. Des vielen Ungeziefers wegen hatten die Boys Gras, Laub und Strauchwerk ringsum abgebrannt, einzelne Funken hatten wohl weiter geschwelt. Jetzt stand der Busch neben mir und der Baum über meinem Zelt in vollen Flammen. Doch konnte noch rechtzeitig dem Brande Einhalt getan werden.

Nach Moschi zurückgekehrt, fand ich Briefe und Berichte vor, die meine Gegenwart an der Küste wünschenswert machten. Der Abschied von dem schönen Berge ward uns recht schwer, und die ersten Märsche durch die heißen Steppe wurden nur verschönt durch den hin und wieder abendlich uns nochmals vergönnten Ausblick auf den Schneegipfel des Kibo. Der Reisebericht würde aber nicht vollständig sein, wenn nicht noch insgesamt eines wichtigen Kulturfaktors Erwähnung geschähe, der bis jetzt übergangen wurde, um ihn in eins zusammenzufassen, der Missionsstationen. An den Hängen des Kilima-Ndscharo haben sich die schwarzen Väter von Bagamoyo mit drei, die evangelische Leipziger Mission ebenfalls mit drei Stationen niedergelassen. Soweit ich feststellen konnte, sind beide Gesellschaften mit ihren Erfolgen zufrieden, da das intelligente Bergvolk der Wadschagga für die Heilslehren empfänglicher ist als die Stämme an der Küste. Wie überall machen die katholischen Stationen ein großartiges und wirtschaftlich ergiebigeres Ansehen, die evangelischen ein bescheideneres und einfaches. Die Patres sind durchweg praktische Männer, gute Landwirte, sie pflanzen treffliche Gärten und ernähren sich zum großen Teil vom Lande. Da sie sich mit der Missionslehre nur an die Kinder wenden, so haben sie leicht Arbeit und schnellen Erfolg, sie leiten ihre Schüler auch streng zu Arbeit in Feld und Garten an. Die evangelische Million will, von dem "Bete und arbeite" wenig wissen, sie beschäftigt sich nur mit der Lehre und macht bei den erwachsenen Negern leider nicht so schnelle Fortschritte, wie es wünschenswert wäre. Zu loben ist jedenfalls der beiderseitige Eifer und die Friedfertigkeit, die hier zwischen beiden Konfessionen herrscht. Die Aufnahme in jeder Station war ein höchst liebenswürdige und gastfreie.

Endlich muß ich noch die Frage beantworten: Wie steht es mit der Besiedlung des schönen Bergkegels durch Deutsche? Wie schon gesagt, kommt nur der fruchtbare Bananengürtel in Frage, wenn nicht die Steppe später als ein Platz für Viehzucht im großen noch ausgenutzt werden kann. Die Bananenzone aber ist von rund 120 000 Wadschaggas nach afrikanischen Begriffen dicht besetzt. Dies Bergvolk kann aus klimatischen Gründen nirgends anders leben, als in der Höhenzone von 1000 bis 1800 m. Es müßte ausgerottet werden, um europäische Ansiedlern platz zu machen. Da hieran niemand denkt, so ist eine deutsche Besiedlung des Kilma-Ndscharo ausgeschlossen, auch ein Eisenbahnbau dorthin gegenstandslos.*)

Während wir Europäer mit schmerzlichen Gefühlen den Abstieg vom schönen, kühlen Moschi zur Ebene ausführten, jubelten unsere Träger, weil es zur Mrima (Küste) zurückging, und weil sie nun keine Berge mehr zu steigen hatten. In letzterem Punkt hatten sie sich allerdings stark verrechnet; denn sie mußten mit mir noch den Südpare- und den Westusambara-Gebirgsstock ersteigen und hatten noch recht bedeutende Strapazen zu überstehen, ehe sie die geliebte Küste wiedersahen. Es lag daran, jene beiden Gebirge auf ihren wirtschaftlichen Wert zu prüfen. Ich fand in Südpare gute Hochweiden und kräftigen Urwald, so daß wohl Viehzucht, wie Plantagenbau -- wenn auch auf begrenzter Fläche -- hier lohnen. Leider ist der Ort Gondja am Fuße des Gebirges von der Tsetsefliege heimgesucht. In Westusambara besuchte ich die Missionsstationen und Kaffeepflanzungen, unter denen namentlich Sakarre unter Herrn Illichs Leitung damals sehr vorteilhaft hervortrat. Nachdem ich noch die aufstrebende landwirtschaftliche Versuchsstation der Regierung Kwai (1600 m Höhe) mit Hafer- und Gerstefeldern, mit Obstzucht und Weinbau gesehen, weihte ich den Sitz des neuen Bezirksamtes ein, den Herr von Stuemer ausgewählt und angelegt hatte. Bei der Namensgebung für den Platz kam es zu einer drolligen Szene. Herr von Stuemer schlug aus Liebe zu seiner Heimat Thüringen "Wilhelmsroda" vor, ich stimmte für "Wilhelmtal", da mir ersterer Name für Negerzungen zu schwierig erschien. Ich ließ eine Anzahl Eingeborene antreten und hieß sie den Namen nachsprechen. Da kam fast durchweg ein Klang wie Whiskey-Soda zurück, so daß selbst der Erfinder des Namens seinen Antrag zurückzog und "Wilhelmstal" als angemessener gelten ließ. Seit jener Zeit hat sich Usambara erfreulich entwickelt. Die Kaffeepflanzungen haben sich verdoppelt, Trappisten und westliche Ansiedler legen sich auf Viehzucht, Kartoffel- und Kornbau, der Vermehrung des Waldbestandes ist große Sorgfalt gewidmet, eine fahrbare Straße von Kwai bis Mombo (von 1600 bis 5000 m) angelegt. Es fehlt nur die Vollendung der Tangaeisenbahn bis Mombo*), um hier die begonnenen Unternehmungen zu gewinnbringenden zu machen.

Endlich wurde der letzte Abstieg zum Luengeretal, das die beiden Gebirgsstöcke von West- und Ost-Usambara trennt, bewerkstelligt, und der Marsch zur Küste in der Richtung auf Pangani angetreten. Wo heute der Bahnhof Korogwe liegt, und eine eiserne Brücke den Luengere überspannt, wateten wir damals durch tiefen Sumpf und überschritten eine Holzbrücke. Aber noch einmal mußte der Drang der Träger nach der Küste dem Wissensdurst der Europäer sich fügen. Ich konnte es nicht über mich gewinnen, an dem landschaftlichen Hauptwunder der Kolonie, an den herrlichen Panganifällen vorbeizugehen, ohne von neuem ihre Pracht bewundert zu haben. Mit einem kleinen Seitenabstecher erreichten wir die Stelle, wo der durch die Gletscher des Kibo gespeiste, daher das ganze Jahr wasserreiche Panganifluß mitten im Urwalde sein Bett verläßt und in plötzlicher Wendung eine senkrechte Felswand hinabstürzt oder vielmehr hinabströmt. Durch Felsen und Baumwerk wird der Strom geteilt und bildet so etwa sechs oder sieben Fälle nebeneinander, einer immer malerischer als der andere in der gigantischen Ungebundenheit und Wildheit der tropischen Natur. Auf der anderen Seite des Flußbettes befindet sich auf halber Höhe eine breite, mit Gras und Blumen bedeckte Terrasse, wo man sein Zelt aufschlagen und sich Tag und Nacht dem ungeheuren, überwältigenden Naturschauspiel hingeben kann. Dreimal habe ich die Panganifälle besucht, drei Nächte bei Vollmondschein den donnernden Wassermassen zugeschaut und ihrer Sprache gelauscht, ihren sprühenden Gischt eingeatmet. In tiefer, schweigender Verehrung konnte ich nur dem Schöpfer aller Dinge danken, daß er mir vergönnte, so Großes zu schauen.

"Die unbegreiflich hohen Werke sind herrlich wie am ersten Tag"

Nach diesem letzten unauslöschlichen Eindruck ging es im Eilmarsch hinab zu der Stelle, wo der Pangani schiffbar wird. Von dort führte uns eine herrliche Bootsfahrt von sechs Stunden zur Stadt Pangani, wo der Dampfer wartete, der uns nach Daressalam zurückbrachte.

Quelle: Rund um die Erde 1906; © Verlag von W. Herlet GmbH; Th. Trommer jadu 2002