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von
Otto von Gottberg
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Erster Abschnitt
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Auch die
Niederlage kann Lorbeer, ja Gewinn bringen und Stolz wecken. Aus dem
düsteren Schatten ihres Ungemachs tritt Heldenstrecken strahlender
als aus dem lichten Glanz des Sieges heraus. Darum hat sie der Sage
wie Geschichte uns liebe Gestalten geschenkt.- "Wir hatten gebauet ein stattliches Haus", aber Feindeshand schlug es in Trümmer. Tsingtau fiel. Seine Helden kosteten, wie bitter die Niederlage schmeckt, und brachen das harte Brot der Gefangenschaft. Aber noch Kinder und Kindeskinder werden mit frohem Stolz erzählen, wie die viertausend Tapferen auf verlorenen Posten gegen ein Heer und eine Flotte, gegen eine Nation stritten. Sie mehrten unserer Waffen Ruhm, lehrten den Fremde, dass ein Deutscher gegen zehn Feinde kämpfen und stehen kann, und entschleierten ihr den Geist Altdeutschlands: den furchtlos festen Glauben an unser Recht und unsern Sieg, ohne den wir vor dem Drohen einer Welt die waffen strecken mußten. Das kleine Deutschland über see bot im Weltenwettern nicht nur dem Asiaten ein getreues Bild des großen in Europa.. Von Feindeshand ungestört, trug auch China der elektrische Funke die Kunde vom unverzagten deutschen Kampfeswillen über Amerika in die Welt und sang ihr des Krieges erstes wahres Lied von deutschem Heldentum. Sie las, wie auf des Kaisers Ruf zu den Fahnen die Deutschen Asiens aus den fernsten Winkeln des Kontinents, aus China, Japans, Indien und Korea, jauchzend auf den verlorenen Posten in Tsingtau und zu den Waffen eilten. Dort wehte die Flagge mit dem Adler, der aus der Sonne nicht weicht. Um ihn wollten -gerufen oder nicht - alle Deutsche Asiens sich scharen. Wohl kamen Jünglinge, von des Krieges freuden wie ihre gleichaltrigen Brüder in der Heimat gelockt, und wir lasen mit brennenden Augen von draußen Geborenen, die nie das Vaterland gesehen hatten und doch ihm ihr Leben boten. Aber meist schwellten Bejahrte, in Wohlstand lebend, klug und erfahren in Handel und Geschäften der großen Welt, den strom von Männern, der dünn und leise, aber stetig und schnell durch den wachsamen Feind in die Werke unserer asiatischen Festung rann. Grauhaarig und reif, wußten sie, dass die Flagge nicht lange wehen konnte und der Ansturm eines ganzen kriegerischen Volkes gar bald die der Heimat fernen, auf sich allein gestellten Verteidiger überrennen würde. Sie fuhren nicht zum frohen Fest eines auch nur möglichen Sieges, sondern zum trüben Tag gewisser Niederlage und warscheinlichen Todes. Doch ging's um Deutschlands Ehre, um Deutschlands Ansehen in der fremden Welt! Darum betraten sie eine Festung in Tagen, da sonst sogar die Angesessenen den Werken und Soldaten mit sorgevollem Gegenswunsch den Rücken kehrten. Über den Wällen von Tsingtau war unser Fähnlein an die Stange gebunden. Nur in Ehren sollte es niedergehen. Dafür zu sorgen und zu streiten ward aller Deutschen heilige Pflicht. Darum traten sie in Reih und Glied der Besatzung. Die Welt sah zu und glaubte, bald werde die kleine Schar nach kurzem, die Waffenehre wahrendem Widerstand der zehnfachen Übermacht die Tore öffnen. Doch vom Gouverneur des Schutzgebietes gerufen, stand auf Asiens Erde der Geist des alten Courbiere, der Soldatenstolz Gneisenaus, die Bürgertreue Nettelbecks, die Erinnerung an Kolberg und Graudenz auf und hielt die Wälle, bis die letzte Patrone verschossen war. Einen Gewinn buchten Kaiser und Reich, als der in die nun wehrlose Feste eindringende Feind die Verteidiger zählte. Mit den Siegern staunten die Völker Asiens: jeder Deutsche der Viertausend von Tsingtau hatte gegen mehr als zehn Feinde gestritten und gestanden! Ein lächeln unsagbarer Geringschätzung glitt über des Orients Rätselgesicht. Um viertausend Deutsche zu bezwingen, hatte Britannien Japans Hilfe erbettelt und mit Demütigung bezahlt! Der Verlust an englischem Ansehen auf asiatischer Erde machte den Fall von Tsingtau fast zum deutschem Sieg.- Chinas Kehrichtwinkel, dem das Land der Mitte naserümpfend den Rücken kehrte, schien das elende Fischerdorf undsauberer Lehmhütten am südlichen Gestade der Halbinsel Schantung, als wir vor siebzehn Jahren Tsingtau erwarben. Unter der Leitung der Marine schuf die ordnende, bauende Hand deutscher Beamten und der Fleiß deutscher Bürger auf dem Schutt von tausend Jahren eine schmucke Stadt mit vielbesuchtem Badestrand, einen Stapelplatz des Welthandels und einen Terminus neuer Schienenstränge, die des Orients waren bis in die Güterbahnhöfe von Berlin und Hamburg trugen. Baumbepflanzte breite Straßen, Türme und rotbedachte Giebel über hellen Häusern mit blanken Fensteraugen, die der Heimat weiße Gardine schloß, boten den Unseren das Bild des Vaterlandes. Sie pflegten seine Bräuche, ohne sie rechthaberich dem Chinesen aufzudrängen. Weil er sich in der jungen Kolonie auf seine Art des Lebens freuen durfte, schätzte er die Stätte sicheren Verdienstes und gesetzlicher Ordnung. Wenn Revolutionen mit den Säulen seines Reiches die Fremden in ihren Niederlassungen zittern ließen, störte nichts die Ruhe behaglichen Friedens im deutschen Pachtgebiet. Namentlich begüterte Zopfträger siedelten sich darum unter den vierzigtausend Bewohnern von Tsingtaus Chinesenstadt an. Hinter dem weißsandigen flachen Strand im Osten der Stadt aber wuchsen aus dem Grün wohlgehegter deutscher Gärten von Jahr zu Jahr mehr Fremden ein Sommerheim. Mit Vorliebe von den Engländern und Amerikanern, aber auch von Franzosen Chinas besucht, wurde Tsingtau Asiens Norderney. Wenn über südlicheren Küsten tropische Hitze lag, ging an dem von nordisch kühlem Seewind gefächelten Strande jene Gesellschaft, die der Deutsche bis zum Weltkrieg als "internationale" anbetend bewunderte, ihrem Vergnügen bei Konzerten, Wasserfesten, Wettrennen und bei Ausflügen in die von deutschen Forstbeamten mit heimischen Bäumen bepflanzten Berge nach. Doch das
wahre Tsingtau war die Stätte deutscher Arbeit im Norden und Süden
der Chinesenstadt. Nördlich von Tsingtau stand am neuen großen
Hafen das Kontor unseres Kaufmanns und südlich das Tsingtau, von
dem nach dem Fall der festung einer der heute Heimatlosen an seine Lieben
schrieb: "Die
Faust des krieges schlug vernichtend darein. Wie der Gewittersturm den
blühenden Garten, hat sie verwüstet und geknickt, was uns
lieb und teuer war. Ohne Heimat sind wir, denn Tsingtau konnte die Heimat
ersetzen. Ein echtes Stück Heimat hatten die Bewohner an die Küste
von Schantung getragen. Deutsch bis zum innersten Wesenskern, waren
sie deutsch in Wort und Lied, in Tracht und Empfinden. In Tsingtau zeigte
der Deutsche, dass er in der Fremde deutsche Art und Sitte wahren
kann. Da schlug die derbe Faust auf das Holz des Stammtisches, um den
Männern zum Skat oder politischer Erörterung saßen.
Da jagten sich die Vereinstagungen. Hin und her flogen die Einladungen
zum guten deutschen Abendessen, aber nicht "Dinner", wie es
sonst in Asien heißt. Der behäbige deutsche Mittelstand war
in Tsingtau heimisch. Es gab wenig Kolonisten, die nicht ihr Haus mit
Garten hatten. Drinnen walteten ordnend und wehrend die züchtige
Hausfrau als Mutter einer fröhlichen Kinderschar. Sie griff beim
Kochen, Waschen und Scheuern, beim Nähen oder Schneidern zu und
ließ die rührigen Hände erst sinken, wenn am Sonnabend
das Heim gesäubert war. "Ja,
Tsingtau! Allen, die dich kannten, warst du ans Herz gewachsen. Mit
dir haben wir das uns Teuerste auf fremder Erde verloren. Du warst ein
nie versiegender Brunnen deutscher Kraft, unser Hort und Halt in dem
großen Kampf, den wir mit der Arbeit deutscher Hände, mit
den Waffen deutschen Geistes gewinnen wollten. Das Schicksal hat es
nicht gewollt. Du liegst in Trümmern. Doch nur deine Schale, nicht
den Kern konnte der Feind zerschmettern. Der goldene Kern war deutscher
Art, die auch auf Asiens Erde wieder triuphieren soll und wird! Quelle: Verlag Ullstein und Co., 1915, Verlag Karl Kurtius, Berlin, Jadu 2000. |

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Kap 1
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