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von
Otto von Gottberg
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Dritter Abschnitt
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Die Reserven aus Japan fanden einen Weg nach Tsingtau. Von den am 8. August Eintreffenden ahnte niemand, das Japan zum Krieg entschlossen sei. Doch schon am 10. August ging das Gerücht von einem Ultimatum an Deutschland durch die Straßen der Stadt. Der Platz war jetzt für einen Angriff bereit, die Land- und Seefront besetzt. Der Tagesbefehl requirierte die Ponies von Privatbesitzern. Nachmittags gingen Soldaten von Haus zu Haus, um die Reittiere abzuführen. In jedem Stall griffen getreue chinesische Mafus kampflustig zu Besen und Wassereimer. Ihr gellendes Geschrei rief den Hausherrn zu Hilfe. Sie lächelten mitleidig ob des weißen Mannes Torheit, als er seine Tiere nicht mit ärgerlichem Protest, sondern guter Laune der bewaffneten Macht lieh. Dem Gouverneur mußte mehr als ein Gerücht von Japans Plänen zu Ohren gekommen sein. Ein Aufruf an die Männer Tsingtaus heischte unter gleichem Datum die Bildung einer Bürgerwehr. Eine Truppe von Bejahrten jedes Standes, sollte sie Polizeidienst tun und etwaige Ausbrüche von Unruhen unter den Chinesen bei einer Beschießung ersticken. Als später der Feind vor den Werken erschien, trug sie Uniform und Namen des Landsturms. Ein Aufruf an die Frauen Tsingtaus forderte Pflegerinnen für Verwundete wie Kranke und Betätigung in allerlei Arbeit, die weibliche Hände am geschicktesten tun. Verwöhnte Damen wie einfache Frauen verließen ihr Haus, um sich zum Dienst zu melden. Beschäftigung fanden nur die als Mütter mehrerer Kinder Abgewiesenen nicht. Die Ärzte und Krankenschwestern am Platz konnten fünfundachtzig Frauen noch vor Beginn der Kämpfe in den Pflichten von Pflegerinnen unterweisen. In Nähstuben schneiderten andere Frauen zunächst Verbandzeug, später Wäsche für die Truppen in der Kampfstellung. Wohl die schwerste, aber dem Gemeinwohl nützlichste Arbeit fanden Damen in den Küchen. Schon auf das Gerücht vom Krieg mit Japan begann die Flucht der Chinesen. Mit den Tapautau den Rücken kehrenden verkrümelten sich bald die in deutschen Häusern Dienenden. Dienstmädchen kennt der ferne Osten nicht. Jede Hausfrau mußte die eigenen Hände rühren. Ihren Mann versorgte die Truppe, wenn er als Soldat im Vorgelände stand. Aber ein "Tischlein-deck-dich" wollte mit dem Landsturmmann der in der Stadt im Lazarett beschäftigte Arzt und der noch im Post - oder Verwaltungsdienst tätige Beamte finden. Ihnen half die Arbeit der Frauen. Einige riefen Messen ins Leben und kochten während dienstfreier Stunden für ihre Gatten und der Ehre würdige Junggesellen. Gemeinhin fanden die Männer ihren Tisch in den Gasthäusern, die ein Gouvernementsbefehl zu Lazaretten machte. Damen, an Bedienung durch die vielen Kulihände des fernöstlichen Haushalts gewöhnt, scheuertenden großen Theatersaal des Hotel Prinz Heinrich und richteten ihn mit einem anderen Raum zur Pflege von neunzig Verwundeten oder Kranken ein. Vier Damen der Gesellschaft schalteten in der Küche, besorgten die Einkäufe, trugen sie ins Haus und kochten für zweihundert Menschen. Der Morgenkaffee mußte um sechs Uhr dampfen. Von fünf Uhr früh auf den Beinen, kochten die vier in der Gluthitze des August, in der feuchten Schwüle des September und durch den Oktober bis in den November täglich drei Mahlzeiten, die neben Verwundeten, Kranken und Pflegerinnen achtzig Männer gegen Bezahlung nahmen. Ihre Versicherung, dass sie nach des Tages letztem Geschirrwaschen erschöpft ins Bett fielen, klingt glaubwürdig. Der Wunsch, auch Mütter für Arbeit im Dienst der Verteidigung freizumachen, schuf das Kinderheim Eine kinderlose junge Frau leitete es als dankbar gerühmte Oberin. Helferinnen waren die Erzieherinnen oder Kindermädchen begüterter Häuser. Im Freien überwachten sie während der Belagerung das Spiel der Kleinen, bis an der Stange auf dem Signalberg ein Zeichen vor Bombenwürfen heranschwirrender feindlicher Flieger warnte und die ahnungslos lachende Schar in den bombensicheren hohen Keller trieb. Dort mußte das Völkchen die schweren Tage der Beschießung verleben. Noch viel ließe sich von dem ernsten Wirken, dem freudigen Willen und tapferen Herzen der Tsingtauer Frauen erzählen. Jeder Bezopfte, der bei Nacht und Nebel aus der Chinesenstadt Tapautau im Kahn über die Bucht floh, hinterließ ihnen neue Arbeit. Wenn der Wäscher verschwand, mußten sie in knappen Mußestunden zu Wasser und Seife greifen. Wenn der Flickschneider sich aus dem Staube machte, konnte nur eine Frau Risse im Rock des Soldaten heilen. Sie tat es heiter lachend, froh im Bewußtsein, auch sie diene Kaiser und Reich. Der15. August begann als der Tag der Freude und brachte die Nachricht von einem Seetreffen bei Hongkong mit dem Telegramm: "Scharnhorst" und "Gneisenau" jagten zwei britische Kreuzer mit vier Schornsteinen nach schwerer Beschädigung durch Geschützfeuer in die Flucht. Noch ungläubig, hörten die Tsingtauer nachmittags, dem kaiserlichen Botschafter in Tokio habe ein Beamter des japanischen Auswärtigen Amtes ein Ultimatum überreicht. Bald blieb kein Zweifel an der wahrheit der Kunde, und zwei Tage später mahnte der Gouverneur die Frauen, mit ihren Kinder abzureisen. Gleichzeitig forderte er den Landsturm zur Eintragung in die Listen auf. - Kapitän Meyer-Waldeck wußte, dass vormittags dem Staatssekretär unseres Auswärtiges Amtes der japanische Botschafter in Berlin die dreiste Forderung überreicht hatte: Tsingtau solle bis zum 15. September geräumt und jedes unserer Kriegsschiffe in asiatische Gewässer entwaffnet werden. Der gouverneur
hat über dem aus dem Großen Hauptquartier übermittetelten
Ultimatum nicht lange gegrübelt. Der deutsche Offizier und Beamte
wußte beim ersten Blick in die Depeche, welche Antwort allein
sein kaiserlicher Herr für Japan haben könne, tauchte die
Feder in Tinte und schrieb auf ein Quartblatt das Telegramm: "Einstehe
für Plichterfüllung biszum Äußerste." Wer seinen Wirken als Befehlshaber während der Belagerung nachzugehen versucht, wird aus Schriftstücken oder von Menschenlippen wenig hören. Fast scheint es, als hätten ihn in den schweren Tagen die bürger kaum und die Soldaten nur selten und flüchtig gesehen, wenn er einmal im Automobil die Stellungen abfuhr. Wahernehmbar aber ist zu spüren, dass sein strenger Wille allgegenwärtig war und jede Phase des Ringens meisterte. So straff hielt er die Fäden der Leitung, dass noch in der Stunde des Unterliegens sein und nicht des Siegers Wille dem Kampf ein Ende machte, ehe er zu der von England geplanten Hinschlachtung der deutschen Kaufmannschaft Ostasiens führte. Ein wohl schweigsamer Herr, verlebte Kapitän Meyer-Waldeck seine Kriegsmonate unweit der Telephonzentrale hinter dem Kartentisch in der Bismarck Kasern, die täglich Zielscheibe japanischer Batterien war. So weckt sein Handeln als Befehlshaber Erinnern an die Worte, die Graf Schlieffen von seinem Vorbild eines Führers schrieb: "Den Degen hat er nie gezogen. Er war ein Mann der Karte, des Zirkels und der Feder." Die Bevölkerung von Tsingtau las das japanische Ultimatum neben den Stellungsbefehl für den Landsturm am Mittag des 19. August an den Anschlagstafeln. Seit Stunden in erregter Ungeduld auf Neues wartend, standen unsere Landsleute in des trüben Tages grauem Nebel zunächst starr und stumm. Wohl Entsetzen lähmte sie im Verstehen, dass ihrer neuen Heimat unabwendbare Vernichtung drohe. Dann aber ballte sich im kleinen Deutschland drüben wie zu gleicher Stunde im großen drüben jede Faust, und von den Lippen brach der Waffenschwur:"Es braust ein Ruf wie Donnerhall- wir alle wollen Hüter sein." Über die Tsingtauer war der Geist des großen Krieges, der Deutschenheißer, heiliger Zorn gekommen. Nicht langen zogen sie, Arm in Arm, des Vaterlands Lieder singend, durch die Straßen. Alle eines Sinnes und entschlossen, Hüter deutscher Ehre auch auf fremder Erde zu sein, stürmten sie vor der Zeit zum Stellungsplatz des Landsturms. Mit Alten kamen Junge. Die Knaben wollten nicht zurückbleiben. in eine Jugendwehr eingereiht, durften sie , nun es mit dem letzten Mann und letzten Mitteln die Festung gegen ungeheure Übermacht zu halten galt, bald Draht von Gartenzäunen reißen, Säcke zum Füllen mit Sand und Eisenstangen als Stützen für die Unterstände sammeln. Sie schleppten mit leuchtenden Augen und glühenden Wangen, wie sie später brav beim Transport Verwundeter halfen. Abends hang an den anschlagstafeln das erste vieler Telegramme von Landsleuten in Asien: "Gott mit Euch tapferen streitern in schwerer Zeit. Die Deutschen von Batavia." - Wer draußen unsere Zunge redete, wußte, dass Japans Forderung die Männer von Tsingtau zu Streitern, und weil sie Deutsche waren, zu tapferen Streitern machte. Vier- bis fünfhundert Frauen und Kinder folgten der Aufforderung des Gouverneurs und dem Drängen ihrer Familienväter zur Abreise. Die einen fuhren mit der Bahn nach Tientsien. Die andere Hälfte bestieg am nachmittag des 21. August den vom gouverneur gescharterten Dampfer "Plakat". Bald nach dem Auslaufen brachten englische Zerstörer das Schiff auf und nach Weiheiwai. Trunkene englische Soldaten und Matrosen, geführt von Offizieren, höhnten uns stießen die armen Wehrlosen. Zur Weiterfahrt stellten die britischen Behörden den Dampfer "Chenking". Von echt englischer Unsauberkeit, war das Fahrzeug für zweihundertfünfzig Menschen zu klein. Unglückliche müttern lagen bei Regen und schwerer See mit ihren Kindern auf nacktem deck zwischen dem farbigen Gesindel, das Britanniens Handelsflagge dient. Wasser wurde aus schmierigen Petroleumkannen, an Nahrung nur hartes, trockenes Brot gereicht. Krand, elend und bestohlen kamen sie nach Tientsin und Peking in die Pflege hilsbereiter deutscher Kaufleute. Anders hatten die Tsingtauer deutscher Nation Würde und Ehre gewahrt, als sie nach Ergehen der englischen Kriegserklärung britische Männer, Frauen und Kinder aus den Hotels am Badestrand unbelästigt abreisen lassen. Zwei Wochen sollten dann vergehen, bis sie am Nachmittag des 22. August von ihrer Küste wieder einen Briten, den Zerstörer "Kennet", sahen. Um Minen zu streuen, dampfte er außer Schußweite der Fortgeschütze östlich der Hafeneinfahrt. Ein glücklicher Zufall hatte mit gleicher Aufgabe "S 90" aus dem Hafen geführt. Der Kommandant, Kapitänleutnant Brunner, der das kleine Fahrzeug zu einer der Säulen der Verteidigung des Platzes machte, sichtete den Gegner. besucher des Strandhotels sahen ihn in hoher Fahrt auf den Zerstörer zuhalten. Ohne Besinnen bot er dem geschwinderen und größeren Engländer Kampf an. Mit Treffern, die des Feindes Backbordwand zertrümmerten und neben dem Kommandanten mehrere Mann verwundeten, jagte er ihn ins Gelbe Meer hinaus. Vierundzwanzig Stunden später lief die Frist des Ultimatums ab. Auf die Kunde, Japan habe dem Reich den Krieg erklärt, wurde den Chinesen der Fahrkartenschalter auf dem Bahnhof von Tsingtau zum Mittelpunkt des Weltalls und zur Pforte des Paradieses, das die Flüchtenden in Tsingtau suchten. Selten begegnete fortan der Deutsche einem Bezopften in den Straßen. Quelle: Verlag Ullstein und Co., 1915, Verlag Karl Kurtius, Berlin, Jadu 2000. |


Kapitän zur See von Meyer-Waldeck
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Kap 3
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