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von
Otto von Gottberg
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Vietter Abschnitt
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Unsere längst im
Vorgelände beim Schanzen tätigen truppen haatten nach Bekanntgabe
des japanischen Ultimatums ihre Arbeit nur unterbrochen, um den Kaiser
mit brausenden Hurras ein versprechen zu leisten. Heute, am Tag der
Kriegserklärung, wiederholten sie den Ruf. Der gouverneur gab im
Festungsbefehl Nr. 13. die Parole aus: "Drauf wie Siebzig!" Der Heldengeist
von Courbiere und Gneisenau war in die Werke gerufen und stritt mit
der kleinen Schar, die wenig Köpfe zählte. Der Gouverneur
befehligte:
Etwa 4000 Mann der Truppen
konnten als Kombattanten gelten. Landsturm und Kriegsfreiwillige reiferen
Alters versahen Wacht- und Polizeidienst in der Stadt. Wer in seine geöffnete rechte Hand sieht und den runden Handteller als China gelten läßt, darf im abgespreitzten Daumen die Halbinsel Schantung glaunen. Dort, wo der Knöchel den Finger krümmt, liegt in Form eines nach Süden geöffneten Hufeisens doe Kiautschou Bucht. Der spitz und schmal gegen die Einfahrt verlaufende rechte oder östliche Bügel des Hufeisens trägt Tsingtau in Gestalt eines Dreiecks. Die lange Seite liegt am Ostufer der flachen und sandigen Bucht. In den beiden kurzen Seiten oder Katheten sehen wir die See - und Landfront des beginnenden Kampfes. Die eine fällt im Süden der Stadt mit der oft steilen und steinigen Küste des Gelben Meeres zusammen. Längs der anderen ragt noch aus dem Weichbild der Stadt im Osten eine Kette von Hügeln auf. Dort steht im Norden der 80 m hohe Moltke Berg, in der Mitte der Bismarck Berg in höhe von 130 m und als höchste Spitze von 160 m der Iltis Berg im Süden. Bis zur Mobilmachung
mit jungen Bäumen des deutschen Waldes bestanden, sind die Hügel
die erste von drei Kulissen oder Vorhängen im Osten der Stadt.
Der von ihnen gegen Sonnenaufgang Schauende hat zu Füßen
ein gleichlaufendes Tal. Von Buckeln und Senkungen gerunzelt, trägt
der magere Boden des Chinesen Dörfer und winzige Felder. Auch spalten
ihn noch die Ravinen, die vor der Beforstung das Land bis zur Liautschou
Bucht furchten. während der feuchten Jahreszeit oft in Schwaden
fallendes Wasser reißt im Lauf die lockere Erde mit und spült
tiefe, oft wunderlich gekrümmte Gräben mit steilen Ufern aus.
Bei Regenfall sind die Ravinen Bäche, Flüsse, ja Ströme,
die in kurzen Stunden wieder versiegen. Die fünf
modernen Infanteriewerke, dei Tsingtau nur gegen einen Ansturm von Chinesen
sichern sollten, mußten der Stadt nahe sein, weil die Besatzung
der Festung eine kleine war. Von Süden nach Norden numeriert, waren
sie zwischen der ersten und zweiten Kulisse hinter dem haipo aufgeworfen.
Schon hinter dem mittleren Vorhang konnte also ein Gegener seinen angriff
verschleiern undvon dort mit den Werken zugleich die Stadt Tsingtau
unter Artilleriefeuer nehmen.
Bootskanonen mußten die Infanteriewerke verstärken. Mit dem Feuer anderer Schiffsgeschütze konnten nur "Jaguar", "S 90" und "Kaiserin Elisabeth" die Wirkung der schwachen Artillerie mehren. Zur Verteidigung des Landsturms auf dem Paradeplatz marschierten am 26. August Schulter an Schulter Beamte, Ingenieure, Schiffsjungen, Kaufleute, Handwerker und Schüler durch die Straßen. die Männer trugen wohl Waffen, aber ihre Uniform war noch nicht fertig. Beufall zuschauenden Frauen und Kinder begleitete die Kolonne. Es ward Zeitvertreib der Jugend, Vater auf Posten vor dem Elektrizitätswerk oder dem Artilleriedepot zu besuchen. Beim Mittagessen erzählte der Geheimrat den Seinen, wie vormittags die Instuktionen des Unteroffiziers ihn lehre, die Brände der erwarteten Beschießung zu löschen. Es schien Zeit, dass
der Landsturm dem Wachtdienst in der Stadt übernahm. Eine feindliche
Flotte war im Anmarsch gemeldet und der letzte Streitbare im Vorgelände
nötig. Aus der fernen Heimat rief der Allerhöchste Kriegsherr
seinen Tsingtauern zu: Nachmittags klangen von der See Kanonenschläge. Der japanische Admiral Kato erklärte die Küste des Pachtgebiets mit zwei großen und zwei kleinen kreuzern, mit fünf Zerstören, mit dem englischen Linienschiff "Triumph" und kleineren britischen Fahrzeugen blockiert und tat die Absicht, einen Parlamentär nach Tsingtau zu schicken, kund. Kapitän Meyer-Waldeck lächelte und dankte für das Kommen des Besuchers. Der japanische Befehlshaber würde erfahren, dass die Kommandanten deutscher Werke mit ihrem Gegener nur eine Sprache, die aus Kanonenmund, reden, bis die letzte Granate berschossenist. Admiral Kato mußte durch Funkspruch den Gouverneur aufforden, Frauen und Kinder innerhalb vierundzwanzig Stunden aus dem Platz zu schicken. Abends fielen die ertsen Schüsses aus deutschen Geschützen. Die Kanonen von Fort Huitschuen Huk nahmen zwei japanische Zerstörer unter Feuer. Die Tsingtauer wanderten auf den Iltis Berg und sahen von der Kuppe das Bild der Blockade, das sich ihnen während der langen Belagerung fortan bei Ausflügen bot. In weiter grauer Ferne lagen schwache Schatten auf dem Wasser. Unserem Feuer blieben die Schiffe meist unerreichbar. Allenfalls nachts näherten sich Zerstörer der Küste. "Shirotage" strandete vor Anbruch des 31. August bei solcher Erkundungsfahrt auf den Klippen um die Insel Tschu Scha Tau. Nach Sonnenaufgang kletterten die Tsingtauer auf Hausdächer. Ihre Herzen schlugen in Sorge, als unser kleiner "Jaguar" in Sicht der großen Japaner hinausfuhr und mit Schüssen dem von der Besatzung verlassenen Zerstörer den Garaus machte. Schon nach der Gouvernementssitzung, vor der das japanische Ultimatum lag, hatte der Kommandeur der Landfront, Oberleutnant von Kessinger (Marine-Infanterie) die berittene Kompagnie (Major Kleemann) des dritten seebataillons ins Vorgelände geschickt. Sie sperrte die Grenze des Schutzgebiets, trieb Patrouillen in die neutrale Zone vor und beobachtete die Küste, um feindliche Landungsversuche festzustellen. Hinter der kleinen Reiterschar sicherten einzelne Kompagnien die auf Tsingtau führenden Landstraßen, denn der Gouverneur war entschlossen, mit seiner geringen Streitmacht den Feind nicht hinter den Werken zu erwarten, sondern ihm schon das Vorgelände Schritt für Schritt streitig zu machen. Den Kampf, der sich dort entspinnen sollte, führten deutsche Patrouillen gegen japanische Bataillone. Eine Front von dreißig Kilometer Breite, deren Verteidigung sonst zwei Armeekorps heischt, hielten noch nicht zwei Bataillone unserer Tapferen für fasr zwei Wochen. Das die schwache Festungsbesatzung feindliche Landungen nicht verhindern konnte, lag auf der Hand. Um ihnen aber entgegenzutreten und sie möglichst lange aufzuhalten, wurde die erste Kompagnie (Hauptmann Graf v. Herzberg) des Ostasiatischen Marinedetachements (Oberleutnant Kuhlo) nach Tschai Ko und Scha Tzy Kou, einem schon in Friedenszeit ausgebauten Stützpunkt mit kleinem Kasernement, die zweite Kompagnie (Hauptmann Schaumburg) und die dritte Kompagnie (Hauptmann v. Stranz) nach Litsun geschickt. Dort bezog am 22. August der Stab des Detachements Quartier. Die offiziere wohnten in der Polizeistation. Ihr "Kasino" blieb auch während der Kampftage eine Laube am Litsunfluß. Je sechs Seesoldaten schliefen in einer Zelle für sechs Gefangene. Speisekammer war das grüne Land, auf dem Rinder grasten und Schweine wühlten. Die Kompagnie Perschmann rückte nach Fou Schan Hou. Mühselige Arbeit der Kompagnie hob in heißer Sommerhitze ausgedehnte starke Stellungen nach allen Seiten aus. Hauptmann Schaumburg brauchte eine Stunde, um seine Gräben auf den Höhen bei Tsang Kou von der Kiautschou Bucht bis zur Straße bei Schy Hou abzugehen. Für eine Kompagnie natürlich zu lang, besetzte der Führer sie weniger mit Soldaten als Scheinschützen. Vier Simulackerbatterien standen darin. Aus dem Vorgelände auf weitere Entfernung gesehen, schienen sie mit allem artilleristischen Bedarf biszum Scherenfernrohr ausgestattet. Bei den geschützen - Handwagen, die Ofenröhren als Kanonenrohre trugen - standen Strohpuppen als Kanoniere. In den geschickt im Gelände verborgenen wirklichen Stellungen war der Schütze gegen die Wirkung von Feldartillerie gesichert, denn im großen Jolzlager von Tsang Kon lag genug Material für den Bau von Unterständen. Den Zugang erschwerten Tretminen und Drahthindernisse. Die erwartete und leicht ausfühhrbare Landung in unmittelbarer Nähe der Stadt wagten die Japaner zunächst nicht. Überhaupt taten sie der kleinen Schar von Verteidigern durch umständlich vorsichtiges herantasten viel Ehre an. Ihr Kampf gegen eine Festung, deren Werke die Eroberer von Lüttich und Nomo-Georgiewski mit stürmender Hand im ersten Anlauf genommen hätten, war die Durchführung einer planmäßigen Belagerung von zweimonatiger Dauer. Ihre nach nationaler Gewohnheit ungemein gründlich Vorbereitungsarbeit baute Meilen von neuen Straßen und sogar Feldbahnen. Weit von Tsingtau, an der Nordküste von Schantung, schiffte der Gegener am 2. September unter dem Schutz von sechs kriegsschiffen und fünf Torpedobooten mit zwei Kohlenschiffen die auf zehn Transportern herangeführten ersten Truppen bei Longkou aus. Unter Verletzung der chinesischen Neutralität betraten dort etwa zehntausend Mann das Land. Mit dieser Streitmacht unter Hilfe der Blockadeflotte scheint General Kamio, der Befehlshaber der japanischen Expedition, sich zunächst nur die Möglichkeit, stärkere Truppen näher bei Tsingtau an der Südküste der Halbinsel Schantung zu landen, erkämpfen zu wollen. Das Ausschiffen der ersten Truppen erschwerten Stürme und Regengüsse, unter denen auch unsere Truppen seit Ende August litten. Das von den Unseren bald festgestellte Drohen eines Angriffs von Norden zwang zu noch oft wiederholter Verschiebung der Stellung und neuer Arbeit. Der Mann in Reih und Glied ersehnte den Tag, an dem er den Spaten aus der Hand legen und zum Gewehr greifen würde. Angesichts der Überzahl der Angreifer äußerte er Bedauern nur, weil er nicht aus den Gräben vorbrechen und den Feind auf seine Schiffe zurückjagen durfte. In Erwartung baldiger Zusammenstöße wurden den Truppen im Vorgelände die Feldbatterie Stecher, die Reserve Feldbatterie gränzer und zwei Maschinengewehrzüge unter Oberleutnant von Schlick und Leutnant d. R. Merck zugeteilt. Bis zum 5. September goß es fast ohne Pause vom Himmel. Die Tsingtauer wateten auf dem Pflaster ihrer Straßen bis zu den Knöcheln im Wasser. Die Pumpen im Wasserwerk verschlammten. Die Wasserleitung versiegte für Zeit. Draußen stürzten Eisenbahnbrücken in die an ihren Pfeilern rüttelnde gelbe Flut. Der Wolkenbruch vom 4. September schwellte den Litsun zum reißenden Strom und überschwemmte mit dem gleichnamigen Dorf die Quartiere unserer Leute. Bis an die Hüften im Wasser, mußten sie auf die Höhen flüchten. Drei Seesoldaten ertranken beim Durchfurten des Tsang Tsun. Wie die Straßen zerstörte die Überschwemmung unsere Feldwerke. Die für Heranschaffen von neuem Befestigungsmaterial, von Munition und Lebensmitteln unentbehrliche Automobilverbindung mit Tsingtau blieb für Tage, die Telephonverbindung für Stunden unterbrochen. Aber weder gute Laune noch Gesundheit der Unseren litten unter der Katastrophe, die den Anmarsch des Feindes verzögerte. In der Nacht zum 5. September klarte das Wetter auf. Statt Wasser fiel Gefährlicheres auf Tsingtau. Um neun Uhr früh kreiste der erste japanische Flieger über der Stadt. Neugier lockte Erwachsenen und Kinder in die Straßen. Bombenwürfe schickten die Staunenden bald wieder in die Häuser. Gegen Abend setzte neuer mehrtägiger Regen ein und speiste die Flußläufe der Halbinsel Schantung. Im Marsch zur Grenze des Pachtgebiets verloren die Japaner Geschütze und Leute in reißenden Fluten. erst am 12. September stießen die ersten Reiter ihrer Vorhut in der neutralen Zone auf unsere Außenposten. Eine weit nördlich des Schutzgebiets, jenseits von Tsimo, auf ihren Ponies feindwärts trabende Patrouille der berittenen Kompagnie sah die ersten kleinen Khakibraunen auf "zweistöckigen" Pferden, wechselte mit ihnen Schüsse und zog sich vor anmarschierender japanischer Infanterie auf die Stadt zurück. Am nächsten Tag mußte die Handvoll deutscher Reiter Tsimo räumen. Am 14. September besetzten die Japaner auch Kiautschou am Westrand der gleichnamigen Bucht. Am 15. September versuchten feindliche Reiter in chinesischen Kleidern den losen Schleier unserer Vorpostenkavallerie zu durchbrechen und fielen als erste Tote des Kampfes. In kleinen Scharmützeln den gegener aufhaltend, zogen unsere Reiter sich auf die Grenze des Pachtgebietes als Linie des ersten Widerstandes zurück. Über sie hinaus führte ein Erkundungsritt mit zwanzig Reitern und zwölf Radfahrern am 16. September den Major Kleemann in die neutrale Zone. In der stürmischen Nacht vorher trabte die kleine Schar bis vor Liutsing, fand das Dorf vom Gegner besetzt und lagerte im Regen hart unter seinen Gewehren. Bei Tagesanbruch brach sie feuernd und hurrahrufend mit herzhaftem Anlauf in den Ort. Des Gegners Reiter flohen. Nachstoßend sahen die Unseren vom jenseitigen Dorfrand zwei geschlossene Schwadronen den Ausreißern zu hilfe reiten. Major Kleemann konnte sie unter überraschendes Feuer nehmen. Ihr Führer fiel. Leute stürzten. Die Schwadronen gerieten in grundlosen Morast und mußten sich aus dem Staube machen. Beherzte Radfahrer wollten Gefangene greifen und rannten feindwärts. Doch packten die Japaner ihre Verwundeten in Hast auf Pferde. Einen wohl schwer verletzten Kameraden, den sie nicht bergen konnten, töteten sie vor den Augen der Unserern, nicht etwa mit einem Gnadenschuß, sondern mit Säbelhieben. Auch später bekundeten sie stets den Wunsch, keine Gefangenen in deutschen Händen zu lassen. Vor unseren Stellungen, den Ihren unerreichbar verwundete Offiziere starben ohne Ausnahme von eigener Hand durch Revolverschüsse. Unbegreiflich ist es nicht. Die führer einer Armee, die lernend zu Füßen der unseren saß und von ihr das geistige Rüstzeug für den Kampf um Japans Machtstellung in Asien empfing, scheuten sich wohl, als Gefangene in doppelter Scham vor deutschen Offiziere die Augen niederzuschlagen. Als bald dem Major eine feindliche Infanteriekolonne in Stärke von zwei Bataillonen im Marsch auf Liutsing gemeldet wurde, nahm er seinen kleinen Trupp hinter den Paischaho zurück. Einen schwer und einen leicht Verwundeten trug die tapfere Schar ins Stabsquartier mit.Druck erzeugt Gegendruck. Gegen Abend
war zu spüren, daß der Feind den bei Kutapu an der Straße
von Liutsing hinter der Grenze und dem trockenen Lauf des Paischaho
wachenden kleinen Posten überfallen wollte. Oberleutnant v. Kessinger
schickte die Kompagnie Schaumburg von Tsangkou zur Unterstützung.
Nach beschwerlichen Eilmarsch traf sie in strömenden Regen vor
Mitternacht ein. Der Feind regte sich nicht. Die Kompagnie hatte morgens
wieder den Rückmarsch in ihre Quartiere angetreten, als der in
Ravinen und Bodenfalten geranschleichende Gegner den Posten von drei
Seiten anfiel. Nach hartnäckigen Widerstand gelang es den Unseren,
mit ihren beiden schwer Verwundeten und allen Pferden aus dem Tempel
von Kutapu zu entkommen. Ein Vorstoß der Kompagnie Schaumburg
nahm sie auf und führte sie wieder auf ihren Posten. Der Feind
verschwand, wie er gekommen, in Ravinen, in Bodenfalten und dem hohen
Kiauliang. Quelle: Verlag Ullstein und Co., 1915, Verlag Karl Kurtius, Berlin, Jadu 2000. |

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Kap 4
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