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von
Otto von Gottberg

Siebenter Abschnitt

Reich an Erfolg war eine am 9. Oktober von dem allen Tsingtauern wohlbekannten früheren aktiven Feldwebel Bunge ausgeführte Erkundung. Einst Seesoldat im dritten Bataillon, hatte er sich schon in den Kämpfen des Boxeraustandes hervorgetan und war nach dem Ausscheiden aus der Truppe in Ostasien hängen geblieben. Mit einer Patrouille gelang es ihm, den starken japanischen Posten auf der Höhe 209,5 zu vertreiben und dann weit ins Land über die rückwärtigen Stellungen der Japaner zu sehen. Östlich des Dorfes Hoyei stellte er vierundzwanzig Geschützstände, links daneben sechzehn Geschütze und bei Hokung zwei arbeitende Bataillone fest. Kapitänleutnant Wittmann befahl für 5.30 Uhr nachmittags einen Feuerüberfall mit Sprenggranaten und Schrapnells gegen die drei Ziele. Die Wirkung wurde als treffliche beobachtet. Der Gegner quittierte für unseren Erfolg am nächsten Tag mit heftiger Beschießung der Iltisbergbatterien.

Am Sonntag den 11. Oktober gab die Nachricht vom Fall Antwerpens Anlaß zu einem stillen Freudenfest. Lauter Jubel hat sich in Tsingtau selten geäußert, aber immer erhellte die entschlossenen Mienen von Soldaten und Bürgern der Ausdruck zuversichtlicher Erwartung des endlichen Sieges deutscher Waffen. Vielleicht teilten die Japaner unsere Anschauung und empfanden darum dem Wunsch, die Besatzung nicht zu erbittern. Am nächsten Tag zeigten Vizeadmiral Kato, Chef der Blockadeflotte, und Generalleutnant Kamio, Führer der Belagerungsarmee, dem Kapitän z. S. Meyer Waldeck an, der Kaiser von Japan gebe den Nichtkombattanten eine letzte Gelegenheit, den Platz zu verlassen. Das Anheften der Mitteilung an die Anschlagstafel blieb ohne Erfolg. Auf Zureden packten nur zwei Frauen ihre Koffer. Mit ihnen wollte der amerikanische Konsul abreisen. Auch eine Waffenruhe zur Bestattung der Toten im Vorgelände erbat der die Kundgebung des Mikado bringende japanische Parlamentär. Nachdem sie für den Nachmittag von 12.40 bis 4.20 Uhr bewilligt war, bestatteten die Japaner allein vor dem Schuang Schan an tausend gefallene Kameraden.

Am 13. Oktober vereinbarte Major von Kaiser als deutscher Parlamentär auf der Landstraße bei Tung Wu Tschia mit japanischen Offizieren, daß die beiden Frauen und der Konsul von einem deutschen Offizier zu den japanischen Vorposten geleitet und dort einem Offizier der feindlichen Armee übergeben werden sollten. Während der Verhandlung gab der japanische Hauptmann Yamada dem Major seine Karte mit einem herzlichen Gruß an Hauptmann Stecher, den Führer unserer Feldbatterie, und versicherte, daß er täglich für Leben und Gesundheit des ihm befreundeten Herrn bete.

Überhaupt bekundeten die Japaner während des Kampfes weit mehr soldatischen Anstand als andere unserer Gegner. Die Armee, die Schülerin der unseren war, hat wohl wie von ihrem Wissen auch von ihrem Rittersinn geerbt. Wo japanische Offiziere befehligten, hat die Besatzung von Tsingtau über die feindliche Kriegsführung nicht zu klagen gehabt. Soldatisch vornehm war auch die Art, wie japanische Offiziere gefangenen Deutschen gegenübertraten. Härten waren erst zu spüren, als der Einfluß des englischen Gesandten in Tokio sich geltend machte.

Als sei die Aufforderung zur Abreise der Nichtkombattanten eine Warnung gewesen , daß nun des Kampfes wahrer Ernst beginne, beschossen die japanischen Linienschiffe und der Engländer "Triumph" am nächsten Tag das Küstenfort Huitschuenyuk. Mit etwa siebzig 30,5 Zentimetergranaten empfing es seine Feuertaufe, unter der weder Besatzung nach Geschütze Schaden litten. Das Fort allein hat während der Kämpfe als eigentliches Seefrontenwerk gewirkt, weil die feindliche Flotte gemeinhin außer Schußweite von der Küste blieb. Gelegentlich konnte es gegen Torpedoboote feuern, und wenige Tage zuvor hatte Plüschow gemeldet, ein beschädigtes feindliches Boot sei in der Bucht von Chat zy kou auf Strand gesetzt. Während heute, am 14. Oktober, Herren im Küstenkommandeurstand äußerten, das unter Staub, Rauch und Flammen verschwundene Fort werde keine halbe Stunde mehr zu leben haben, gelangt es Oberleutnant z. s. Haßhagen mit einem seiner Vierundzwanzigzentimeter Geschütze dem "Triumph" einen Volltreffer beizubringen. Mit Schlagseite verließ der Brite die Bombardementsstellung und fuhr zu zehntägiger Reparatur nach Nagasaki. — Kapitänleutnant Hersing machte des Schiffes Dasein ein Ende, als er nach Vollbringen einer der rühmlichsten Leistungen des Seekrieges mit seinem U Boot vor den Dardanellen eintraf und die herrliche Fahrt durch das Schießen einer Doublette krönte. — Nicht erst aus unseren Gebeinen werden die Rächer erstehen!

Aber auch das kleine Geschwader von Tsingtau war entschlossen, an der übermächtigen Blockadeflotte Vergeltung zu üben. Um ihr das Leben sauer zu machen, lief in der Nacht zum 18. Oktober Oberleutnant mit "S 90" aus dem Hafen. Draußen stand vor des Feindes Linienschiffen und Kreuzern eine Kette seiner Zerstörer. Dreien mußte das Torpedoboot ausweichen. In hoher Fahrt dampfte es durch die Gefahrzone und kreuzte auf der Suche nach des Gegners großen Schiffen. Gegen ein Uhr früh ward eins in langsamer Fahrt auf Tsalienkau gesichtet. Der Kommandant drehte auf parallelen Kurs und beschloß den Angriff. Da der Himmel bewölkt und die Sichtigkeit kaum zwei Seemeilen war, konnte er unbemerkt dem Gegner mit großer Fahrt aufdampfen und sich vor ihm auf Steuerbordseite legen. Als er mit der Batteriepfeife das Signal "Rohre Steuerbord" gab, war das feindliche Schiff — ein Kreuzer von etwa hundert Meter Länge, mit einem Schornstein und zwei Masten — so deutlich zu sehen, daß er auf das Anstellen des Scheinwerfers verzichtete.

Auf achthundert bis tausend Meter vom Gegner stellte der Kommandant den Maschinentelegraphen auf "äußerste Kraft voraus". Die Nerven gespannt und die Augen geweitet, standen die drei Rohrmeister bei den Torpedorohren. Auf fünfhundert Meter vom Feind drehte der Kommandant mit Hardbackbordruder zum Schuß ab und gaben Erlaubnis zum Feuern.

Das vordere Rohr wurde sofort, das mittlere fünfzehn und das achtere zwanzig Sekunden später losgemacht, während das Boot im Abdrehen dem Gegner sich auf dreihundert Meter näherte. So wurde der Feind übberascht. Erst beim Aufblitzen des Schusses aus dem vorderen Rohr gaben seine Hörner, zu spät, ein alarmsignal. Alle drei unserer Torpedos hatten getroffen. Nach dem Aufschlagen des letzten Torpedos ging vom Kreuzer eine Flammenlohe auf. Ein Donnerkrachen erschütterte die Luft. Sprengstücke von geborstenen Granaten fielen so dicht um "S 90", daß die Männer an Bord glaubten, der Feind haben sie mit allen Geschützen zugleich unter Feuer genommen. In Wirklichkeit hatte der Treffer die Munition an Bord des Kreuzers entzündet. Das feindliche Schiff sank schnell. Die Besatzung war verloren. Aber das Donnerkrachen der Explosion und das Auflodern der Flammensäule hatten den Angreifer und sein Glück den feindlichen Zerstörern wie großen Schiffen in der Arkonasee und Chat zy koubucht verraten. Bald meldete der F.L. Gast von starkem gegnerischen Funkenverkehr. Das Knattern erzählte, der Rückweg nach Tsingtau sei dem Torpedoboot abgeschnitten. Der Kommandant entschloß sich zur Fahrt auf die hohe See, mit Kurs nach Süden. Der Gegner folgte. Noch unsichtbar, rief er durch Funkspruch neue Streitkräfte heran, und um zwei Uhr dreißig Minuten schon kam vom Süden der erste feindliche Kreuzer "S 90" entgegen. Unser Schiffchen war umstellt. Brunner muß zur Küste fahren, dort seine Leute landen und das Boot durch Sprengung vernichten. Zum Marsch nach Schanghai aufbrechend, schickt er Meldung von seinem Handeln durch Funkentelegraphen an das Gouvernement.

Tsingtau ruft Hurra, als die Kunde von der Torpedierung des feindlichen Kreuzers kommt, aber die Leitung beklagt den Verlust eines Fahrzeuges und des umsichtigen, tapferen Kommandanten, der ein unermüdlicher Helfer der Verteidigung war. Noch am Nachmittag wollen die Japaner die Versenkung der "Takatschio" rächen. Ihre Linienschiffsdivision belegt die obere Iltisbatterie mit Granaten, die anfänglich so kurz einschlagen, daß auf dem Meer vor der Küste ein Wäldchen von Wassersäulen steht. Tausende von toten Fischen werden auf den Ufersand gespült. Im Versuch, dem Ziel näherzukommen, gerät der Panzerkreuzer "Ikoma" auf eine Mine. Die anderen Fahrzeuge schicken Hilfe, und die Beschießung findet ein Ende. Brunner aber hat zum letztenmal bei der Blockadeflotte seine Karte abgegeben, den kurz vor dem Auslaufen war es ihm noch geglückt, in dem von den Japanern schon sorgfältig abgesuchten Fahrwasser neue Minen zu streuen. Den Namen des Kapitänleutnants darf die Geschichte der Belagerung von Tsingtau als den eines der Bravsten vieler Braven nennen.

Noch liegt die Stille vor dem Sturm über Tsingtau. Der Herbst bringt viel Regen und bannt die Bürger in ihre Häuser. Manche beziehen schon den Keller, weil verirrte Granaten in die Straßen schlagen. Bei Tag wie Nacht trägt der Kampf sein Echo in die Stadt. Namentlich aus den Infanteriewerken knattert ohne Unterlaß das Lärmen von Gewehrfeuer, weil die Besatzungen die Pionierarbeiten der Japaner stören. Das der Feind sich auf fünfhundert Meter an die Stellung in Sappen (Laufgraben im Stellungskrieg) heranbohrte, hören die bürger, wenn Verwundete von der Kampffront kommen. Den Wagen, der die Schwerverletzten trägt, umringen die Leichtverwundeten. Arm in der Binde oder einen Verband am Kopf marschierten sie doch fröhlich singend in die Lazarette. Ärzte und Pflegerinnen staunen über der Leute gute Laune und Kampfeslust. "Wir müssen die Kugel herausschneiden, und das tut weh, mein Sohn," sagt der Doktor. "Schneiden Herr Stabsarzt man zu, aber in einer Woche muß ich wieder bei den Kameraden in der Front sein." Ein anderer lacht: "Verbinden dürfen Sie mich, Schwester, aber nur, wenn Sie mich gleich wieder laufen lassen." Der Donner der Geschütze grollt noch, wenn abends die Polizei zum Schießen und Abblenden der Fenster mahnt, und der Regen plätschert noch, wenn morgens die Hausfrau zum Einkauf geht. Ärgerlich feilscht neben ihr der unter Mantel und Hut von Schilfrohr vermummte Chinese. Er zetert, weil der Deutsche ihn Kartoffeln zu essen lehrte und jetzt sogar von den füßen des Landes nur noch wenig um viel Geld zu haben sind. Doch gibt es Reis genug, und auch junges Gemüse ist da. Freilich steigt der Preis, und auf manchen Genuß, auf manche Gewohnheit müssen Deutsche wie Eingeborenen verzichten.

Die Unseren tun es freudig im festen Glauben, daß dem Vaterland wieder schöne Tage kommen werden. Doch beginnen sie allmählich zu ahnen, daß Tsingtau eine Beute des Feindes werden muß. Sie Wähnen zu spüren, wie des Gegners Eisenring enger und enger die Werke umschließt. Darum ist es fast ärgerlich, daß sie von den Kämpfen nichts sehen können. Nur japanische Flieger bieten ihnen täglich das gleiche Bild des Krieges. Wenn sie, den Kopf im Nacken, zum Himmel starren, gleitet plötzlich ein lichter Silberfaden aus der Höhe herab. Ein Schweigen gespannter und wohl auch ängstlicher Erwartung fällt auf die neugierige Schar. Dann hallt irgendwo dumpf ein Donnerkrach, und bald kommt ein Junge gelaufen: "Beim Elektizitätswerk hat's eingeschlagen!" Wenn von Land oder See her Geschütze donnern, geht der Bürger auf sein Hausdach.

Er hat gelernt, die hohen Fontänen von gelbem Sand oder weißem Wasserstaub mit mehr neigier als Furcht zu bewundern. Namentlich die von den Japanern endlich hinter dem Kuschan postierte Batterie bietet den Tsingtauern Unterhaltung. Um "Jaguar" und "Kaiserin Elisabeth" zu treffen, richtet sie ihr Feuer gern auf die Bucht. Immer in Bewegung, weichen die Schiffe den Fontänen aus. Oft scheinen sie durch ein Wäldchen weißer Baumstämme zu fahren. Von ihren Breitseiten blitzten Flammen auf und graue Rauchflammen kriechen träge über das Wasser der Bucht, denn sie wollen die Antwort nicht schuldig bleiben. Abends beim Spaziergang freuen sich namentlich die Kinder des Feuerwerks und klatschen in die Hände, wenn vorn an der Landfront und zur Rechten auf dem Meere Blitzte das Dunkel erhellen. Doch bilder der Zerstörung wecken auch Wehmut. Die Beschießung der Batterien auf dem Bismarckberg hat die Grabhügel im Kirschhof umgepflügt. Der Krieg will sein Lärmen sogar unter die Erde, in die Grüfte der Toten tragen, und an den Himmel hat er sein Wahrzeichen, den Kometen, gestellt.

Offiziere kommen nur noch selten in die Stadt, denn Meldung ging ein, daß der Feind seine Belagerungsgeschütze in Stellung brachte. Aber wenn einer zu Fuß oder im Automobil durch die Straßen zu hastet, bietet er lachenden Auges den Begegnenden einen frohen Gruß. Auch der stille Gouverneur ruft ein freundliches, tapferes Wort, wenn er die Hand zur mütze hebt. Draußen heischen die das Vordringen des Gegners beobachtenden nächtlichen Patrouillengänge mehr Opfer als früher, aber bei Tage scheint unser stets frölicher Mann in Reih und Glied beim Warten auf den Sturm zum Dichter zu werden:

"Ach die Löhnung, ach die Löhnung,
Wenn noch nur die Löhnung käm' "

seufzt einer in vier Strophen.
Unter der Überschrift "Hallo, Posten, hab acht!" fing ein anderer:

"Der Regen prasselt, der Windstoß gellt,
Die Japse schleichen wie Katzen im Feld.
Sie kauern, sie gleiten wieder voran,
Ein Sprung noch, und wir sind Mann an Mann.
Hallo, Posten, hab acht!"


Das Lied einer Kompagnie besingt den Kommandeur der Landfront:

"Der Kessinger sprach bei Tschau schan da rechts:
Wen stell' ich dahin für den Fall des Gefechts?"


Natürlich ist's die eigene brave Kompagnie, die der Oberstleutnant in die Lücke stellt.
Während des 26. und 27. Oktober richteten die japanischen Blockadefahrzeuge und Landbatterien das erste allgemeine Feuer gegen unsere Werke und Batterien. Für eine Stunde des zweiten Tages lag namentlich der Iltisberg unter einer Decke von Rauch und Feuer, doch nur ein Volltreffer beschädigte leicht die Betondecke.
Gegen Abend hörte die Besatzung brennenden Auges den Allerhöchsten Dank für ihr tapferes Ausharren. Aus dem Großen Hauptquartier drahtete unser Kaiser:

"Mit mir blickt das ganze deutsche Vaterland voll Stolz auf die Helden von Tsingtau, die getreu dem Wort des Gouverneurs ihre Pflicht erfüllen. SeienSie alle meines Dankes gewiß.
Wilhelm, I.R."

 

"Ein Gefühl tiefer dankbarer Rührung überkam uns," schreibt einer der Belagerten, "als wir erfuhren, daß unser Kaiser, der an so Vieles und Wichtiges zu denken hatte, doch an sein fernes kleines Tsingtau noch dachte." Weit in die Stellungen des Feindes hinein klang aus den Werken das "Hurrah" der Truppe. Es rief jubelnd den Dank belohnter Soldatentreue, aber gab entschlossen auch das Versprechen neuer Pflichterfüllung bis zur letzten Patrone! Gehobenen Mutes hielt die Besatzung durch zwei neue Tage einer noch heftigeren Beschießung von der See- und Landseite stand. Bisher war der Kampf von Soldaten gegen Soldaten, von Werken gegen Werke und von Batterien gegen Batterien geführt. Nur verwirrte Granaten fielen in die Stadt. Jetzt wurde auch sie ein Ziel des Feindlichen Feuers. Auf das Elekrizitätswerk, das Artilleriedepot, auf fiskalische Bauten und auf Häuser, die der Gegner von Truppen belegt glaubte, richtete er seine Geschütze. Der Eisenhagel ging auch auf die Wohnungen von Bürgern nieder. Sie kauerten in den Kellern, und es war so leer wie still in den Straßen von Tsingtau, als heute ein japanischer Flieger Pakete abwarf. Die ersten Neugierigen fanden Zettel in den Papierhüllen. Ein Proklamation des japanischen Befehlshabers wollte zur Festungsbesatzung sprechen:

"An verehrten Herrn Offizieren und Mannschaften in Festung:
Es dürfte dem Gotteswille wie der Menschlichkeit entgegenwirkend sein, wenn man die noch nicht ausgenützten Waffen, Kriegsschiffen und sonstigen Baulichkeiten ohne taktischen Anspruch zu haben, zu Grunde richten würde, und zwar bloß aus der eifersüchtigen Absicht darauf, daß in die Hände der Gegner fallen werden. Obwohl wir bei Herren die Ritterehre schätzenden Offiziere und Mannschaften es gewiß glauben können, so eine Gedankenlosigkeit keineswegs zu verwirklichen, erlauben wir uns jedoch die oben Erwähnten als unsere Meinung zum Ausdruck zu bringen.
Belagerungsarmee und Kommandant."

Unsere Truppen verlebten beim Lesen des bald in die Werke getragenen Schriftstücks einen Abend unendlich viel vergnügter, als sie ihn nach der schweren Beschießung erwartet hatten. Die Mienen der Führer aber härteten sich nach flüchtiger Heiterkeit. Des Gegners Proklamation sagte ihnen, daß er die Festung sturmreif glaube. Noch einmal ließ er den Hammer seines Artilleriefeuers für achtundvierzig Stunden auf die geprüfte Festung fallen. Japanische Landbatterien beschossen das desarmierte und unbemannte Kanonenboot "Tiger" , das in die Bucht geschleppt war, um das feindliche Feuer von "Kaiserin Elisabeth" und "Jaguar" abzulenken. Geschosse schwersten Kalibers zerstörten in der Werft den Kran und das Schwimmdock. Ein Volltreffer fieol gegen Abend in die Batterie 15 und verwundete mit dem tapferen Kommandanten, Fregattenleutnant Beyerl, sechs Mann an Geschützen der "Kaiserin Elisabeth". Gegen halb acht Uhr in der Stadt. Im Dunkel ihrer Keller erwarteten die Tsingtauer den Sturmangriff des Feindes noch während der Nacht. Um acht Uhr versagte die Wasserleitung, weil das Werk getroffen war.

Der Stab des Gouvernements sitzt im Keller unter der Bismarckkaserne versammelt. Auch hier wird die Stunde der Entscheidung nahe geglaubt. Aber die Herren von der Artillerie heben zuversichtlich blickende Augen von dem Blatt Papie, auf das sie Ziffern schrieben. Noch ist an Munition genug vorhanden, um einen Sturmangriff zu bekämpfen und hoffentlich abzuschlagen. Das Telephon klingelt. Oberleutnant Brinkmann schreibt die eingehenden Meldungen nieder und berichten dem Gouverneur. Die Infanteriewerke, die unter früherer Beschießung wenig litten, müssen danach als nahezu zerstört gelten. Neues Anklingeln bringt die nachricht, daß die Petroleumtanks brennen. Ein Herr tritt ans Fenster. Wie ein breiter Turm von Licht und Feuer ragt eine riesenhohe Flammensäule zum Himmel. Bis in den nächsten Tag steht in klarer stiller Luft der schwelende Rauch wie ein ungeheurer Pilz über der Stadt.

Unterdessen klingelt die Bismarckbatterie an. Eine Achtundzwanzigzentimeter Haubitze ist durch die beschießung außer Gefecht gesetzt. Während der Lärm der Kanonade ins Zimmer hallt, sitzt der Stab zu einem späten Abendessen nieder. Ein Donnerkrachen läßt Teller und Gläser auf dem Tischtuch tanzen. Die Kaserne scheint in Trümmer zu fallen. Bald meldet eine Ordonanz, die oberen Stockwerke seien von der Granate durchschlagen. Doch der Flur im Erdgeschoß zu Häupten der Herren ist mit Sandsäcken und Eisenplatten belegt. Unter ähnlichen Schutz verbringen die Verwundeten in den Lazaretten und die Bürger in ihren Wohnungen den Abend. Bis tief in die Nacht hört der Gouverneur von den Truppen, die Gewehr im Arm alarmbereit liegen. Infanteriewerk 3 meldet, daß die Japaner fünfzig Meter vor dem Hindernis sind. Alle Werke werden dauernd mit Schrapnellkugeln bestreut. Doch um Mitternacht schallt noch einmal dröhnendes Lachen um den Tisch des Gouverneurs. Kapitänleutnant von Bechtolshein bringt von der front eine den Unseren zugeworfene Ansichtspostkarte mit. Hauptmann Yamada hat wieder an Freund Stecher gedacht und schreibt: "Herzlichsten Gruß im Kriege, den wir nie geträumt haben. Gott bewahre meinen Freund. Hauptmann Yamada."

Der Glaube der Tsingtauer, daß die Japaner die Werke sturmreif wähnten, war kein irriger. Doch sollte der Belagerer die Widerstandskraft der Verteidigung unterschätzt haben. Am trüben grauen Sonntagsvormittag des 1. November gönnte er den Unseren leidliche Ruhe. Trotzdem fehlte in der Tsingtauer Kirche zum erstenmal das Militär. Pfarrer Winter predigte nur Bürgern. Als sie aus dem Gotteshaus traten, schwoll die Kanonade zu lauterem Lärmen an. Aus allen Feuerschlunden schien der Gegner die notdürftig ausgebesserten Infanteriewerke zu bewerfen. Nicht ohne Erfolg versuchte er namentlich die Feuerlinien und die Haupthindernisse zu zerstören. Nachmittags bestreute er die Signalstation und die Hänge ihres Hügels. Granaten durchschlugen den Turm. Eine riß die Reichskriegsflagge bis auf einen Zipfel mit. Matrosen stritten um die Ehre, wer unter Feuer eine neue hissen solle. Ein Wagehals kletterte hinauf und bald war unser Fähnlein von neuem an die Stange gebunden. Das wehende Tuch grüßte der hell und froh ins Granatenkrachen hallende Gesang:
"Stolz weht die Flagge schwarzweißrot."
In Erwartung des Sturms sank die Nacht. Aber erst gegen zehn Uhr löste ein Fernspruch vom Infanteriewerk 4: "Der Feind greift an" die lähmende Spannung im Geschäftszimmer des Gouvernements.

Das Detachement Sachse — Matrosen der versenkten Schiffe — rückt im Laufschritt als Reserve hinter das Werk. Ehe es eingriefen kann, meldet der Werkkommandant, der Angriff sei abgeschlagen. Um Mitternacht bricht ein zweiter unter dem feuer seiner Gewehre zusammen. Mit ihrem Geknatter verklingt draußen der Donner der Kanonen. Des Morgens kleinzifferige Stunden bringen Ruhe. Der Zweite November tagt klar. Die Japaner haben sich über nacht auf der ganzen front dem Hindernis nähergegraben und unsere Geschütze aus guten Gründen geschwiegen. Erst nach Sonneaufgang versucht ihr Feuer, den Gegner in seinen neuen Stellungen zu erschüttern. Oberleutnant Maurer, der aus der Iltisbatterie die Front der feindlichen Infanterie überblickt und ihre Bewegungen darum täglich für das Gouvernement in eine Karte zeichnet, muß heute den langen roten Strich überall fünfzig bis hundertfünfzig Meter vor dem blauen ziehen. Also nur wenig gelände bleibt dem Gegner noch zu überwinden. Wann es gelingen wird, ist ledigliche Frage der Zeit. Wohl hat unser Artillerie mit der Munition sparsam gewirtschaften, aber vormittags geht ihr karger Vorrat mehr und mehr auf die Neige. Der Platz wird bald wehrlos unter den zweihundertfünfzig schweren Geschützen des Gegners liegen. Darum müssen "die verehrlichen Herren Offiziere aus eifersüchtiger Absicht" an die Vernichtung von kaiserlichem Besitz und Material denken. Die Werkstätten der Werft gehen in Flammen auf. Schwimmdock und "Kaiserin Elisabeth" finden ein Wellengrab. Der große Hundertfünfzigtonnenkran, ein Wahrzeichen von Tsingtau, bricht im Rauch einer Dynamitexplosion zusammen.

Unterdessen hämmern die japanischen Geschütze von Land und See her so heftig an unsere Werke, daß die unter schwerem Feuer der Blockadeflotte stehenden Geschütze von Fort Huitschuenhuk doch der See den Rücken kehren und den Kameraden in der Landfront Hilfe bringen müssen. In den vierundzwanzig Stunden bis zum nächsten Mittag schlagen zweiundneunzig schwere Treffer in das Fort. Davon liegen einundfünfzig hart bei den Geschützen und Kommandoständen. Ein Blindänger kracht durch die Decke von Turm 5. Das Krepieren der Granate hätte kein Mann der Besatzung überlebt. Den Erdboden umpflügend, zerstören feindliche Geschosse die zwei Meter tief liegende Telephon- und Wasserleitung. Das Werk ist ein Trümmerhaufen, als der Befehl kommt, den letzten entbehrlichen Mann zur Abwehr des erwarteten Sturms in die Landfront zu schicken. Befehl ist Befehl. Achselzuckend schickt der Kommandant die Hälfte seiner Leute mit einem Abschiedswort an den linken Flügel unserer Stellung hinter dem Moltkeplatz. Für die Zurückgebliebenen beginnen Stunden schier über Menschenkräfte gehender Arbeit. In der Nacht haben sie nicht geschlafen, aber müssen ohne Ablösung wie ohne Unterlaß feuern. Det gegen die Rohre wehende Sturm drückt nach jedem Schuß den Rauch in Türme wie Batterien und beizt die geröteten Augen im schweißetriefenden Gesicht des Kanoniers bis zum Tränen.

Beim Öffnen des Verschlusses der alten Bier- und Zwanzigzentimeter Kanonen aus den Taku Forts schlagen sengendheiße Stichflammen von zwei meter Länge nach hinten. Aber wie Mauern stehen die Leute durch den langen schweren Tag in der Hölle. Rauchbinden um den Mund und nasse Lappen um den Kopf arbeiten sie halbnackt bis zum Umfallen. Wenn Kameraden einen Ohnmächtigen wecken, taucht er den Kopf ins kalte Wasser eines Eimers, trinkt einen Schluck Kaffee und tritt wieder zum Geschütz. Der Stolz auf solche Leute läßt des Führers Augen brennen. Wie aus einem Guß scheint seine Batterie — von Stahl Kanonier und Kanone! — Als er mit anerkennendem Wort eine kurze Feuerpause befiehlt, reißen die Leute die Binden vom Wund und fingen ein Lied vom Vaterland. Unter Eisenhagel verlebt so die Batterie den Tag und ohne Schlaf die zweite der Nächte, die gleiches Feuer, gleiche Arbeit bringen.

Die Beschießung dauert fort. Auch in der Nacht zum 3. November treiben die Japaner Gräben wie Stollen vor und gelangten jenseits des Haipo unter die Mauern des neulich umstrittenen Wasserwerks. In das Blockhaus 5 beim Werk 5 dringen sie schon ein. Die Besatzung kann das Gebäude noch sprengen und ins Werk kriechen.

Weniger erfolgreich ist die Arbeit der Japaner in der Nacht zum 4. November. Aus den Werken jetzt auch in der Dunkelheit sichtbar, sind sie ständig unter Gewehrfeuer zu halten. Sparsam, aber wirksam verbraucht unsere Artillerie ein gut Teil vom Rest ihrer Munition gegen das Gelände vor dem Haupthindernis namentlich der werke 3 und 4, weil dort der gegner den Durchbruch zu planen scheint. Gegen die Erwartung der Unseren setzt er ihn noch nicht an, aber mit unverminderter Heftigkeit fällt sein Feuer während des ganzen 4. November und der nächsten Nacht. Am Morgen des 5. weckt der Telephonoffizier den Gouverneur mit der Meldung, der Feind sei in das Wasserwerk am Ufer des Haipo gedrungen. Dann bittet Werk I um Artillerieunterstützung, die nicht mehr gewährt werden kann, und ein Fernspruch aus Werk 2 berichtet: "Der Gegner hämmert mich mit Achtundzwanzigzentimeter Mörsern ab."
Es geht zu Ende. —

 

Bildershow über den Krieg

Japan

Kap 7

 

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