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von
Otto von Gottberg
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Achter Abschnitt
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Die Japaner liegen überall vor dem Hindernis. Ihre Pioniere haben den Stacheldraht durchschnitten. Von Land wie See her brüllen ihre Geschütze, und, ohne zu antworten, können auch unsere Seefrontbatterien wieder nur das Gelände von den werken 3 und 4 belegen. Noch immer geht dort der feindliche Eisenhagel am dichtesten auf unsere Stellung nieder. Um 2.30 Uhr nachmittags meldet Oberleutnant Kamin: "Das Werk (3) ist zu trümmern zerschossen, ein Werkhindernis gibt es nicht mehr, die Feuerlinie ist zerstört, Kaserne hält noch, alles andere, auch Dynamitkammer, habe ich mit Inhalt vernichtet. Ich halte das Werk." Er hält
es mit den zweihundert Mann, die jedes Werk als Besatzung hat, und jetzt,
da wir ihn unter dem Eisenhagel geduckt hinter einer Mauer kauern glauben,
greift er zur Tinte und Feder. Der Kriegsfreiwillige Boskamp ist eben
gefallen. Dem Vater, der als Missionssuperintendent in der Stadt wohnt,
schreibt der Werkkommandant im Krachen der auf und neben der Kasematte
berstenden Granaten einen Brief: Die Mannschaft ist der Führer wert. Das Ende des fast schon zwecklosen Kampfes und wahrscheinlich des eigenen Lebens vor Augen, bleibt unerschüttert ihre harte Entschlossenheit, Graben oder Werk bis zur letzten Patrone zu halten, und ihre freudige Hingabe an den Dienst. Mehr als eine Telephonleitung ist von Geschossen zertrümmert, aber ohne Unterlaß laufen wie sonst beim Gouvernement Meldungen vom Stand des Gefechts ein. Den Offizieren des Stabes scheint es ein Rätsel, wie die Träger von Meldekarten ihren Weg durch den Regen von Blei und Eisen finden. Keuchend , aber lachend, kommen sie mit vom Laufen geröteten Wangen. Schmunzelnd machen sie sich über den teller, der ihnen reichlich gefüllt wird, und gehen vergnügt zurück in die Gefahr. Um 8.15 Uhr abends hallt von Werk 4 ungewöhnlich lautes Knattern von Infanteriefeuer und Maschinengewehren. Es wäre nicht unmöglich, daß der Feind das Werk überrumpelt und abgeschnitten hat. Korvettenkapitän Sachsse muß die Marinekompagnie vorführen und kommt zur Zeit, um das Gelingen eines Vorstoßes auf unseren Schützengraben zwischen Werk 5 und dem Watt zu verhindern. Dann lodern schwelende Flämmchen längs der ganzen Front des Gegners auf. Die Männer auf dem Iltisberg glauben Leuchtkäfer gegen unsere Linien schwirren zu sehen. Fackelträger laufen des Gegners Pioniere voran. Im Rötlichen Flackerlicht von brennendem Pech glitzern dahinter die blinkenden Bajonette von Schwärmen und Kolonnen. Rollend, zu einer einzigen gewaltigen Salve anschwellend, prasselt das Feuer unserer Schützen hinein. Seit einer Woche ohne Schlaf, schießen sie aus glühheißem Gewehr, bis finger und hand erlahmen. Der feindliche Angriff bricht zusammen. Dunkel liegt wieder das Gelände vor dem Hindernis und unsere Granaten sausen hin. Auch Fort Huitschuenhuk läßt nochmals die Geschütze spielen, aber um Mitternacht weicht das Glück aus seinen Mauern. Ein Volltreffer schlägt in einen der feuernden Vierundzwanzigzentimeter Türme. Die Besatzung fällt. Die Kameraden haben keine Zeit, Tote zu beklagen. "Kann dir die Hand nicht geben," denken wohl die aus dem anderen Turm zum Klarmachen des Geschützes unter die Gefallenen gerufenen Leute. Während japanische Eisen von Land und See her am Fort rüttelt, können sie doch das Geschütz wiedr schußfertig machen. Um vier Uhr früh erlaubt eine Feuerpause, die Gebliebenen zu bestatten. Mit dem rechten Wort findet ein Kanonier den rechten Platz für die Braven: "Begraben wir sie dicht bei ihrem Geschütz." Es geschieht in Hast. Die Überlebenden sprechen ein kurzes Gebet und singen leise ins kühle Morgendämmern: "Ich hatt' einen Kameraden." Ihre Augen schimmern noch feucht, aber grimmig hart sind die Mienen, als sie den letzten Rest an Geschossen für die Rache und den Kehraus stapeln. Zum Kehraus steigt um sechs Uhr morgens mit einem letzten Auftrag des Gouverneurs auch Oberleutnant z. S. Plüschow auf. Im ersten Lichtdes jungen Morgens kreist er noch einmal über dem Feind und dem Land, das mit Meer und Bucht, Berg und Tal das Fliegen schwer und gefahrvoll, aber auch schön machte. Viele Augen blicken nach, als er im Flug nach Süden und Schanghai verschwindet. Mit seinem Auftrag trägt er den Befehl, der Festung fernzubleiben. Der Gouverneur weiß sie verloren. Er kämpft nicht mehr, um Werke zu halten. Er kämpft für deutsche Waffenehre. Ein Feuerüberfall der feindlichen Artillerie zwingt um neun Uhr früh zur Räumung des Schützengrabens zwischen Werk 3 und 4. Sie schenkt dem Gegner neue Hoffnung. Zwanzig Minuten später brechen Sturmkolonnen mit Gerät gegen Werk 3 vor. Noch einmal zerschellt der Angriff am zähen Widerstandswillen der Verteidiger. Wieder hat der Feind geirrt, als er seine Stunde gekommen glaubte. Es ist, als ob er ein letztes Mal Atem hole, aber auch, als ob jetzt rote Wut ihn packte. Mit einem Feuer, wie Tsingtau es noch nicht hörte, hämmert er durch den langen Tag unsere Stellungen mit schwerstem Artilleriefeuer ab. Die Parole, die um Mittag dieses 6. November der Fernsprecher zu den kampfmüden Truppen trägt, lautet: "Für Kaiser und Reich!" Es ist die letzte in Tsingtau gewesen und bleibt Parole, wenn Deutsche von der Festung sprechen. Als gegen Abend der Gouverneur eine Parole für den kommenden Tag geben soll, schüttelt er den Kopf. Die letzte Losung soll die alle Tage sein: "Für Kaiser und Reich!" Der Gegner hat Vorsicht gelernt. List soll ihm den Erfolg bringen, den Tapferkeit nicht erstritt. Seit Einbruch der Dunkelheit hallt es wieder das Knattern seines Gewehrfeuers in die Bismarck-Kaserne. Gegen zehn Uhr abends läuft eine Meldung von Werk 3 ein. Die Japaner sind bei Blockhaus 6 und 7 ins Hindernis geschlichen. Der Kommandeur der Landfront hört davon beim Gouverneur. Gegenwehr muß zwecklos scheinen. Aber Dienstgewohnheit läßt ihn an den Fernsprecher treten. Ein feindlicher Angriff ist zurückzuweisen - in letzter wie in erster Stunde. Der Oberleutnant ruft Major Kleemann an: "Werfen sie die Japaner aus dem Hindernis vor Werk 3 heraus." Der Major hat alle Reserven eingesetzt, rafft einen Rest der Pionierkompagnie unter Oberleutnant Charrier zusammen und führt ihn auf Werk 3. Fünf unterirdische Stollen hatten die Japaner dort bis zu einer bei Blockhaus 5 auf der Südseite des Werkes in die Mauer geschossenen Bresche vorgetrieben. Die Besatzung, längst ohne Leuchtkugeln im schwarzen Dunkel der Nacht unter Feuer liegend, sah plötzlich auf der weißen Mauer unter ihren Augen fremde Gestalten. Schon hämmerten auch Fäuste an die Tür des Bereitschaftsraumes. In gebrochenen Deutsch rief eine laute Stimme nach dem Werkkommandanten. Der Oberleutnant trat an die geschlossene Tür. Draußen forderte ein japanischer Offizier, er solle die Batterie Bye auf der Punktkuppe veranlassen, das Feuer einzustellen, sonst werde er mit seiner Besatzung erschossen. Der Oberleutnant will sehen, was er an Gegnern vor sich hat, läßt Seitengewehr aufpflanzen, die schußbereiten Gewehr fällen und die Tür öffnen. Da sehen die Unseren die Werksausgänge vom Feind besetzt und sich von etwa Bataillonen umstellt. Von rückwärts führt Oberleutnant Charriere seine Pioniere heran. Aus dem Werk empfängt er japanisches Feuer und sinkt verwundet. Seine Leute müssen weichen. Das Werk ist in des Gegners Hand. Die Batterie Bye feuert auf Verstärkungen, die sie hinter den eingedrungenen Japanern mehr ahnt als sieht. Außer ihr haben haben einen Rest an Munition noch die Batterie Böse, die Iltis-Batterie und Fort Huitschuenhuk. Darum wird es den Japanern nicht schwer, um 1.30 Uhr früh auch Werk 4 zu stürmen. Mit Koben und Bajonett werden die Unseren die Khakibraunen noch einmal heraus, aber wie Wiesel oder Ratten überrennen sie schon in Scharen den Schützengraben zwischen Werk 3 und 4. Als sie aus Rücken und Flanke mit erdrückender Übermacht abermals anstürmen, kann die erschöpfte Besatzung nur schwachen Widerstand leisten und wird kämpfend überwältigt. Der Lärm des Gefechts zieht unsere letzten Granaten an. Oberleutnant Böse, der mit seinen Haubitzen in letzter Stellung im Forstgarten steht, belegt das Gelände vor Werk 4, sprengt, als er sich verschossen hat, die Geschütze und meldet sich um 2.25 Uhr im Gouvernement. Zu gleicher Stunde pfeift dem durch Feuer von der Bucht her noch tapfer noch tapfer mittuenden kleinen "Jaguar" seine letzte Granate das Sterbelied. Mit geöffneten Ventilen läßt Kapitänleutnant Matthias das Kanonenboot als letztes unserer Kriegsschiff versenken. Kaum später kommt in der Bismarck-Kaserne Meldung von Werk 2: "Der Feind versucht aus der Front und Flanke einzudringen." Um drei Uhr berichtet der Werkkommandant, daß er bereits Feuer aus dem vom Gegner besetzten Werk 3 erhält. Eine halbe Stunde überrennt der Feind den Graben zwischen Werk 4 und 5. Einzelne Leute und hinter ihnen Abteilungen des Gegners stoßen durch und weiter gegen die Hügelkette vor der Stadt. Den Batterien auf dem Bismarck-Berg erzählen Kommandorufe, daß unten ein japanischer Führer seine Truppe sammelt. Oben hat Oberleutnant Bye eben seine vier Achtundzwanzig Zentimenter-Haubitzen verschossen. Zu dem mit kleinen 4,6 Zentimeter-Bootskanonen nach feuernden Vizefeldwebel d. M. A. Rodatz tretend, sieht er die Japaner hügelan stürmen. In elfter Stunde kann er die schweren Geschütze und das Meßgerät sprengen lassen. Dann schallt deutsches Hurra dem Banzai des Feindes entgegen. In Verteidigung der kleinen Kanonen fallen unter Kolben Bajonett und Kreuzhacke Bye, Rodatz und die neunzehn Überlebenden der Batterie bis zum letzten Mann. "Fremdling, kommst du nach Sparta..." Mit der Meldung, daß er seine Geschütze mit der letzten Sprenggranate vernichtet habe, tritt auch der Kommandant von Fort Huitschuenhuk ins Gouvernement. Am längsten, aber auch nur noch für Minuten, hält sich die frei und offen auf dem Iltis-Berg gelegene Batterie. Persönliche Meldung vom Sprengen der Geschütze kann der das Feuer leitenden Kapitänleutnant Wittmann aus der Zentrale nicht machen. Sein Fernspruch erzählt: "Die Japaner versuchen die Tür einzuschlagen." Mit ungebrochenem Humor fügt er hinzu: "Vorläufig hält sie noch." Als um 5.30 die Japaner auch in Werk 2 eindringen und heftiges Feuer von verzweifeltem Widerstand der Unseren erzählt, befiehlt im Auftrag des Gouverneurs der Kommandeur der Landfront den Werkkommandanten durch Fernspruch, unnötiges Blutvergießen zu vermeiden. Um 5.45 fällt Werk 1. Längst feuert feindliche Infanterie auch in den Hof der umstellten Bismarck-Kaserne. Die Japaner sind auf dem Bismarck- und Iltis-Berg. Tsingtau liegt wehrlos unter ihnen. Auch die Stadt hat unter dem neuntägigen Bombardement gelitten. Die Bürger ahnten, daß der Platz fallen müsse, als die Post am 5. November auf Befehl des Gouvernements die Briefkästen zum letztenmal leeren und mit Draht umwickeln ließ. Während Beamte die Posthausflagge, Stempel und Wertzeichen verbrannten, schlug eine Granate ins Gebäude. In den Kellern hörten die Bewohner jeder Straße das zischende Heulen des Granatensflugs. Das dumpfe Krachen beim Aufschlagen klang ihnen, als fielen Erdschollen auf dem Sarg ihrer zweiten Heimat. Die Sturmnacht verlebten sie hinter Kellerfenstern, über das vom Eisenhagel zerwühlte Pflaster blickend. Keiner dachte an Entkleiden oder Niederlegen. Ehe der Tag graute, rief Sorge sie ins Freie. Mütter hasteten in das Kinderheim. Freuen suchten ihre als Landsturm auf Posten stehenden Männer. Hier und da trabte im Laufschritt ein Trüppchen von Matrosen durch das Dämmern. Als letztes Aufgebot ging die Bedienungsmannschaft eines gesprengten Geschützes an den Feind. Automobile und Wagen unter weißer Flagge mit rotem Kreuz trugen mehr Verwundete als sonst in die Lazarette. Näher, immer näher klang von den Hügeln Gewehrfeuer, und vielleicht klopfte endlich Furcht an das Herz unserer Frauen. An die Frauen und Wehrlosen hinter der Front denkt jetzt der Gouverneur in der umstellten Bismarck-Kaserne. Auch die noch nicht gestürmten Flügelwerke unserer durchbrochenen Stellung weiß er umschlossen und verloren. Von seinen Truppen getrennt, hat er nichts mehr zu verteidigen, nichts mehr zu befehligen. Die Festung ist überrannt und genommen. Kein Hindernis liegt zwischen dem Feind und deutschen Frauen und Kindern wie den Kaufleuten und Technikern, die der englische Konkurrent ermordet wissen möchte. Für ihr Leben weiß der Befehlshaber sich seinem kaiserlichen Herrn verantwortlich und muß die bitterste Pflicht seines Dienstlebens üben. Mit kurzem Wort befiehlt er, auf dem Signalberg die weiße Flagge zu hissen. Da senken mit ihm die Herren des Stabes die Köpfe und blicken zu Boden. Aber alle verstehen. Ihr Führer übergibt keine Festung. Er tut nicht, was deutsche Kommandanten nie tun werden. Nach dem Fall des mit stürmender Hand genommenen Platzes rettet er Menschenleben. Der Gouverneur spricht mit Major von Kaiser, der zu Pferde steigt. Als Parlamentär macht auch er sich auf dem schwersten Ritt eines Soldatenlebens und trabt in die feuernden japanischen Linien. Die Sonne
geht auf, aber nicht gleich sehen Freund und Feind die weiße Flagge.
Es war Zeit, sie wehen zu lassen. Gruppen einzelner Japaner bahnten
sich den weg in die Stadt. Im Laufschritt folgen Züge und Kompagnien.
Noch lärmt draußen das Feuer, weil Versprengte der Unseren
sich dem Feind entgegenwerfen. Darum halten des Gegners Patrouillen
wie Abteilungen an der Ecke jeder Straße und spähen die nächste
entlang. Sie scheinen überrascht, weil sie den Ort unverteidigt
finden. Ein Stabsoffizier mit Adjutant trabt durch die Stadt. Er scheint
hier bekannt, denn sein Befehl ruft Posten vor die fiskalischen Banken.
Darüber stirbt zwischen sechs und sieben Uhr morgens des 7. November
der Kampf. Japanische Offiziere beginnen in den Straßen Ordnung zu schaffen. Ihre Leute waren in die Post, ins Kasino, in Privathäuser gedrungen. Marineoberpfarrer Winter hastete in die Kirche, die ein Unteroffizier mit zwölf Mann betreten hatte. Zorn schien den von Natur schmächtigen Herrn wachsen zu lassen. Vor seinen Scheltworten, von bleichen Lippen in todernstem Gesicht gesprochen, mußten die Sieger ihres Weges gehen. Vor dem Lazarett im Seemannshaus hielt Frau Günther, Gattin des Geheimrats, die Tür. Während der Belagerungszeit war die Tapfere eine Mutter aller Beladenen gewesen. Männer wie Frauen kamen um Rat und Hilfe ui ihr. Noch immer weiß sie in der von den Japanern besetzten Stadt ihren Forderungen Achtung zu ertrotzen und in Konflikten zugunsten unserer Landsleute zu vermitteln. Auch Pfarrer Winter blieb auf Posten und ein Helfer von Bedrängten. Als erste geschlossene feindliche Truppe betraten Tsingtau im Lauf des Tages .... die Briten!!! Zuschauend und abwartend hatten sie auf dem kleinen Kriegsschauplatz die gleiche Rolle wie die Italiener auf dem großen gespielt. Nicht als Kämpfer waren sie gekommen, sondern als Hyänen des Schlachtfeldes, um hinter der front erschöpfter Streiter mit diebischen Fingern Raub aufzulesen. Darum schienen die Japaner zu fürchten, daß sie an unseren Landsleuten Gewalttaten verüben könnten. Sie wiesen den Engländern Quartier im Artilleriedepot an und befahlen der Truppe, vor dem Gebäude die Gewehre zusammenzusetzen. Japanische Posten bewachten die Waffen, denen die Briten nicht nahekommen durften. Nie haben Soldaten, seit der Janustempel zum erstenmal offen stand, schmählichere, aber auch ihrer würdigere Behandlung durch einen Verbündeten erfahren. Britannien ist ein Kuli Japans geworden. Die Geringschätzung
der Japaner mußten die Engländer auch bei der Kapitulationsverhandlungen
spüren. Am 9. November kam Generalleutnant Kamio mit Kapitän
z. S. Meyer-Waldeck zusammen. Beide Führer saßen mit Herren
ihrer Stäbe nieder. Vom japanischem Befehlshaber zum Platznehmen
nicht eingeladen, blieb der englische General abseits stehen. Nach kurzer
Unterhaltung begann Kamio die Erörterung der Paragraphen der Kapitulation
mit der Mitteilung, daß sein Kaiser unseren Offizieren in Anerkennung
der heldischen Verteidigung des Platzes die Waffen lasse. Der Japaner
fährt auf: "Festung nach Erschöpfung der Verteidigungsmittel
durch Sturm und Durchbrechung in der Mitte gefallen. Befestigungen und
Stadt vorher durch ununterbrochenes neuntägiges Bombardement von
Land mit schwerstem Geschütz bis achtundzwanzig Zentimeter Steilfeuer,
verbunden mit starker Beschießung von See schwer erschüttert.
Artilleristische Feuerkraft zum Schluß völlig gebrochen.
Verlust nicht genau übersehbar, aber trotz schwerstem anhaltendem
Feuer wie durch Wunder viel geringer als zu erwarten.
Aus dem Großen Hauptquartier kam als Antwort ein kaiserlicher Dank für den Tsingtauer Heldentreue im Telegramm: "An den Kaiserlichen Botschafter, Washington. Übermitteln
Sie nach Peking, daß Ich in wärmster Anerkennung für
die glänzende Verteidigung von Tsingtau dem Kapitän Meyer
- Waldeck das Eiserne Kreuz erster Klasse verleihe und Mir vorbehalte,
in weitgehendem Maße die Offiziere und Besatzung der Festung
die Tapferen von der "Kaiserin Elisabeth" eingeschlossen
zu belohnen. Den schönsten Lohn werden alle im Bewußtsein
treu erfüllter Pflicht finden und in der ungeteilten Bewunderung,
welche ihnen weit über die Grenzen des Vaterlandes hinaus gezollt
wird. Eine große Freude ist es Mir, daß die Verluste verhältnismäßig
gering sind. Die Namen der Gefallenen und Verwundeten sollen möglichst
bald telegraphiert werden. Vorschlägen für Verleihung des
Eisernen Kreuzes sehe Ich entgegen.
Den
vorläufig letzten Dienst deutscher Soldaten in Tsingtau taten Offiziere
in Kommisionen, die den Japanern unsern Besitz übergaben. Der Seeoffizier,
der die Kriegsschiffe ausliefern sollte, wies über den leeren Hafen:
"Wie haben Unterseefahrzeuge daraus gemacht!" Gleich enttäuscht
standen die Japaner überall, wo sie Beute zu finden erwarteten.
Auch Trophäen hatten sie mit einer Verlustziffer von fünftausend
Mann nicht erkauft. Verblüffung sprach aus ihren Mienen, als sie
die am 10. November nach Taitungtschen geführten Gefangenen gezählt
hatten. Sie verhehlten nicht, daß sie gegen eine Besatzung von
mindestens dreifacher Zahl zu kämpfen glaubten. Als Siegeslohn
gönnten sie Zwei Tage früher verließ der Gouverneur mit Stab Tsingtau zur Fahrt nach Japan. Am späten Nachmittag ging der Anker auf. Die zweite Heimat lag in seltener Schöne. Auf den Zacken des Lauschan glänzte Abendglühen rot wie König des Laurins Rosengarten über den Höhen, die der Welsche rauben zu können glaubt, obwohl sie noch die Treue Hofers tragen. Über Tsingtau sank die Sonne. Der Tag der Deutschen schien zu Ende. Aber solange die Erde steht, wird nicht aufhören Samen und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Also muß die Sonne wieder aufgehen und ein neuer Tag der Deutschen kommen! |