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von
Otto von Gottberg
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Geschichte des Schutzgebiets Während der Jahrzehnte unseres wirtschaftlichen Aufstiegs nach der Einigung des Reiches eroberte deutscher Kaufmannsfleiß namentlich auch in Ostasien neue Märkte und Absatzgebiete. Nirgends aber versuchte die fremde Konkurrenz eifriger und gehässiger deutscher Arbeit den Weg zu verlegen. Wenn der deutsche Handel nicht an die Wand gedrückt werden und namentlich unter einem Konflikt zwischen europäischen Großmächten leiden sollte, mußte ihm ein territorialer Stützpunkt geschaffen werden. Seinen Hütern, den deutschen Kriegsschiffen, galt es am Gelben Meer einen sicheren Hafen mit Docks und Kohlenlagern zu finden. Früh richteten sich darum die Augen von See- und Landerkundigen namentlich von Tirpitz und Richthofen auf die Bucht von Kiautschou am südlichen Gestade der Halbinsel Schantung. Sie war das Meerestor zum nordöstlichen China und durch sie leicht Anschluß an den werdenden Schienenstrang zwischen Asien und Europa zu finden. Am Anfang des Jahres 1897 schickte das Reich einen Marinehafendirektor nach dem Fernost mit dem Auftrag, durch technisches Urteil und Gutachten festzustellen, welcher Hafen Chinas für den Erwerb am geeignetsten sei. Doch am 1. November des gleichen Jahres ließen in Schantung zwei deutsche Missionare als Opfer eingeborener Fanatiker ihr Leben. Der Chef des Kreuzergeschwader erhielt Befehl, die Kiautschoubucht als Faustpfand für Sühneforderungen zu besetzen. Der deutsche Admiral erklärte in einer Proklamation den Chinesen, er lande nicht in kriegerischer Absicht, sondern um Handel und Geschäft friedfertiger Bürger zu schützen und dauernd für ihre Ruhe und Sicherheit zu bürgen. Dann heißte er die Reichskriegsflagge. Schon im Januar 1898 bezog Marineinfanterie die von den Chinesen geräumten Lager, die bis zum Bau von Kasernen das Heim unserer Leute blieben. Mit dem Befehl über die Truppe übernahm ein Korvettenkapitän die Leitung der ersten Verwaltungsgeschäfte. Unterdessen hatte die Diplomatie gearbeitet. Am 6. März schloß der Gesandte in Peking, Freiherr von Heyking, mit der chinesischen Regierung den Vertrag, durch den das Reich das Gebiet am Eingang der Kiautschoubucht mit den vorgelagerten und innerhalb des Hafens gelegenen Inseln sowie die Wasserfläche der Bucht unter Übertragung der Hoheitsrechte pachtweise auf vorläufig neunundneunzig Jahre erwarb. Als einen neutralen Sicherheitsgürtel schuf die Konvention um die Grenze unseres neuen Besitzes eine Fünfzigkilometerzone, in der die chinesische Regierung deutsches Wirken, wie etwa das Regulieren von Wasserläufen, geschehen lassen mußte. Auch das Recht zur wirtschaftlichen Erschließung des Hinterlandes durch deutschchinesische Eisenbahn- und Bergwerksgesellschaften räumte das Abkommen uns ein. Daneben gönnte es Deutschland Kapital, Industrie und Handel Vorrechte in der Provinz Schantung. Das Pachtgebiet sollte nichts als ein Sprungbrett für unseren Handel, eine Brücke für friedlichen Verkehr ins Reich der Miite sein. Deutsches Geld sollte die ärmste Provinz Chinas mit zwei Schienensträngen durchqueren und aus dem Land fünfzehn Kilometer rechts und links beider Stahlstraßen in gemeinsamer Arbeit mit den Chinesen die Schätze der Erde heben. Nach Verlauf von drei Menschenaltern glaubte das Reich den Lohn der wirtschaftlichen Erschließung und die Amortisation der Anlagekosten gefunden zu haben. Dann hatte der deutsche Handel in China wahrscheinlich für alle Zeit festen Fuß gefaßt. Eine kaiserliche Verfügung vom 27. April 1898 erklärte das uns von China überlassene Land zum Schutzgebiet des Reichs und unterstellt damit die Bewohner wie deutscher Verwaltung auch deutschem Gesetz. Kein vorläufig wertvoller Besitz, sondern noch ärmliches Neuland von fünfhundert Quadratkilometer Bodenfläche fiel in unsere Hand. Die beiden ursprünglich von dem Landungskorps besetzten Kreisstädte Kiautschou und Tsimolagen jenseits der Grenze der Pachtung, denn dem Reich lag nichts am Erwerb schwer zu verwaltender größerer Ortschaften mit einheimischer Bevölkerung. Es beschied sich mit einer geringe Verwaltungskosten heischenden 179 Station zum Schutz unseres Handels. Nach einem dem Festland vorgelagerte Eiland Tsingtau, zu deutsch "grüne Insel", nannten die Unseren den gegenüberliegenden Ankerplatz Tsingtaukou oder Tsingtauhafen. Die hier auf gelben Sand wachsende Stadt der Deutschen trug darum bald den Namen Tsingtau. Die im Vertrag dem Pachtgebiet geschaffene Grenze gegen Nordosten war militärisch wenig günstig. Mit Kapitänleutnant Deimling ist es dem damaligen Hauptmann, jetzigen General der Infanterie und Chef des Generalstabes des Feldherres von Falkenhayn als Mitglied der Grenzkommission zu danken, daß sie schließlich den Kamm des Lauschan erreichte, statt das überragende Gebirge hart vor den Toren des Pachtgebiets zu lassen. Am 16. April 1898 traf Kapitän z. S. Rosendahl als erster Gouverneur des Schutzgebietes und drei Wochen später als erster Besucher von Distinktion Prinz Heinrich von Preußen, Königliche Hoheit, damals Zweiter Admiral des Kreuzergeschwaders, in Tsingtau ein. Nach Veröffentlichung der Land-, Steuer-, und Hafenordnung und Erklärung des Hafens zum Freihafen konnte schon im Oktober das erste Grundstück seinen Besitzer wechseln und eine Zeit eifrigen Bauens beginnen. Trotzdem wohnte mancher deutsche Kolonist noch für Jahre im ärmlichen Chinesenhaus, durch dessen Dach während der Regenzeit im Juli Wasser tropfte. Gelegenheit zu Arbeit und hohem Verdienst brachte schnell Zuzug von Chinesen. In Mattenzelten drängten sie sich anfänglich im Stadtteil Tapautau beim Dschunkenhafen zusammen. Der Jahre Lauf gebar hier eine saubere Chinesenstadt mit dreißig- bis vierzigtausend Bewohnern. Musterniederlassungen der Eingeborenen wurden auch die Vorstädte Taitungschen und Taihsitschen. Im Norden von Tapautau baute der deutsche und bald auch fremde Handel stattliche Geschäftshäuser, während ein neuer großer Hafen mit riesigem Wellenbrecher und neuzeitlich ausgerüsteten Kaien entstand. Im Süden von Tapautau ließ sich der Kolonist zum Wohnen nieder, bis er im Osten die geräumige Villenstadt mit grünen Gärten baute. Die weite Stadtanlage wuchs über Erwarten schnell. Eine ständig gemehrte Zahl von Kolonisten förderte den Verdienst des rührigen Kleinhandels und brachte den Wunsch auch nach geistiger Nahrung mit. Die erste Europäerschule genügte nicht mehr. Der Tsingtauer konnte seinen Nachwuchs bald ins Gymnasium schicken. Um den Ausbau der Kolonie machte sich namentlich ihr zweiter, am 19. Februar 1899 das Amt antretender Gouverneur, Kapitän z.S. Jäschke, verdient. Das Kap zur Linken der Einfahrt in die Bucht trägt den Namen des klugen und rührigen Verwalters, der schon am 14. Juni 1899 die Gründung der Schantungeisenbahngesellschaft und am 10. Oktober der Bergbaugesellschaft in die Heimat melden konnte. Herz, Leib und Seele schenkte er so sehr der jungen Kolonie, daß die Arbeit für ihr Wachstum ihn buchstäblich verzehrte. Am 27. Januar 1901 starb er auf ihrem Boden. Die Früchte seines Fleißes erntete der Nachfolger Admiral v. Truppel in verdienstlicher zehnjähriger Amtszeit. Jäschkes kluge Besonnenheit verstand den Bau der Bahnen sogar während der Boxerunruhen zu fördern. Der Geist des Aufruhrs ging auch in der neutralen Zone um und versuchte mit dreister Agitation unter der eingeborenen Bevölkerung die Grenze des Pachtgebiets zu überschreiten. Baubüros längs der werdenden Schienenstränge wurden geplündert, Arbeiter und Angestellte mußten flüchten. Als es nötig war, das Baupersonal aus dem Hinterland zurückzuziehen, wurde dafür in der Fünfzigkilometerzone unter dem Schutz der Marineinfanterie um so eifriger gearbeitet, bis ein Abkommen des Gouverneurs mit chinesischen Beamten das Fortschreiten des Werkes sicherte. Zeitweilig gingen unsere Truppen bis Kaumi vor, nahmen Ortschaften mit stürmender Hand und lieferten Empörern oder Räuberbanden Gefechte. Am 30. Mai führte Oberleutnant Graf Goden vom dritten Seebataillon fünfzig Mann der Garnison nach Peking und machte seine kleine Schar zum Rückgrat der Verteidigung der Legationen. Unter Führung des Majors Christ nahm das Tsingtauer Bataillon an den Kämpfen zur Entsetzung der Fremdenkolonie in Tientsin teil. Wie die Truppen hatten damals auch die Kriegsschiffe bis auf den kleinen Kreuzer "Irene" Tsingtau verlassen und die Bürger verlebten Tage der Sorge. Dann wurde die Stadt Stützpunkt der deutschen Streitkräfte, die unter dem Grafen Waldersee im Norden kämpften. Eine Feier des Friedens brachte der 1. Oktober 1902 mit der Einweihung des ersten Bergbauschachtes in Fungtse. Am 6. März 1904, dem Jahrestag der Unterzeichnung des Pachtvertrages, konnte die Mole I des großen Hafens dem Verkehr übergeben werden. Als dort zu gleicher Zeit das erste deutsche Kriegsschiff, ein Kanonenboot und ein Handelsdampfer anlegten, ließ ein Jubel weckender Zufall einen langen, Kohlen aus dem bereits erschlossenen Hinterland tragenden Eisenbahnzug zum Molenkopf rollen. Bis Tsinansu fuhren Züge vom 1. Juni des gleichen Jahres ab. Am 8. April 1901 war der Betrieb bis Kiautschou, am 1. Mai 1902 bis Weihsien, am 22. September 1903 bis Tschouts'un eröffnet worden. Doch wieder trug der Krieg seine Bilder in die friedliche Entwickelung der Kolonie. Nach der Schlacht von Port Arthur suchten die russischen Kriegsschiffe "Cäsarewitsch" und "Novik" mit fünf Torpedobooten im Hafen Schutz. "Novik" ging wieder in See, die anderen Fahrzeuge wurden entwaffnet. Aber japanische Kriegsschiffe kreuzten vor der Küste. Die Besatzung von Tsingtau wurde in Kriegszustand gesetzt. Als an jenem Frühlingstag des Jahres 1904 die Tsingtauer an der Mole gleichzeitig einen Dampfer und einen Eisenbahnzug sahen, war ihre junge Kolonie auf die Füße gestellt. Tsingtau war jetzt, wie der Name wollte, grün, wenn auch keine Insel. Der von Ravinen gefurchte gelbe Sandboden trug sechsjährige junge bäume des deutschen Waldes. Durch sie wanden sich Promenadenwege zum Strand, über die Hügel im Osten der Stadt und bis zu den Kühlen Höhen des Lauschan. Dort stand der stattliche Bau eines Genesungsheims; aber auch in den neuen Hotels längs des Badestrandes suchten alljährlich mehr von den an heißeren Küsten Asiens wohnenden Europäern und Amerikanern Erholung. Die deutschen Bewohner der Kolonie hatten längst Häuser unter den roten Ziegeldächern der Heimat bezogen. Reiche Firmen waren den Kolonisten über See gefolgt und wirkten inmitten der angesessen Kaufleute in Geschäftsstuben beim großen Hafen. Sogar eine Handelskammer tagte dort. Der sauberen Stadt fehlten weder Kanalisation und elektrisches Licht noch Kirche und Bibliothek. Nicht nur Handelsplatz, sondern auch Stätte des Lernens und Lehrens war Tsingtau. Aus den Provinzen des weiten Reichs der Mitte kamen Chinesen, um sich durch Hafen und Bahnhof, durch Forst und Garten, durch den Schlachthof, die Elektrizitätszentrale, durch Fabriken und Polizeistationen oder Kasernen führen zu lassen. Sie schickten Ihre Söhne zur Erlernung eines Handwerks nach Tsingtau und studierten deutsches Gesetz und deutsches Gerichtsverfahren, um dem eigenen Volk die Früchte ihrer Erkenntnis zu schenken. Das Jahr 1909 brachte als ein gemeinsames Unternehmen der deutschen und chinesischen Regierung die Deutschchinesische Hochschule. Eingeborene aus der Kolonie oder den Provinzen machten dort zunächst einen fünfjährigen Gymnasialkursus mit Deutsch und Chinesisch als Lehrsprachen durch und konnten dann Rechte und Staatswissenschaft, Medizin oder Land- und Forstwirtschaft studieren, oder Techniker werden. Am
19. August 1911 übernahm Kapitän z. S. Meyer-Waldeck als
vierter Gouverneur die Leitung der Kolonie. Sein verdienstvolles Friedenswirken
als Verwalter wird von der Geschichte zurücktreten hinter seiner
kriegerischen Betätigung. Er war seit dem Jahr 1806 mit dem Kommandanten
der Feste Boysen der erste Führer deutscher Truppen, der für
längere Zeit die Verteidigung einer vom Feind belagerten Festung
zu leiten hatte, und darf den Ruhm der heldischen Haltung der Besatzung
namentlich für sich beanspruchen; denn schon Friedrich der Große
sagte in französischen Worten, aber wie immer auch dann gut preußisch:
" En général ni les fortifications ni le nombre des
soldats défendent une ville, mais tout dépend de la tête
plus ou moins forte de celui qui y commande." |

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Kap 9
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