Quer durch Upolu
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von Ernst von Hesse-Wartegg
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Von all den Kolonien des Deutschen Reiches in den verschiedenen Erdteilen ist Samoa die entzückendste. Wenn ich im Geiste die Bilder vorüberziehen lasse, die sich mir überall dort, wo die deutschen Trikoloren flattern, eingeprägt haben, so drängt sich doch immer wieder Samoa, und von dort die Umgebung von Apia in den Vordergrund. Nirgends verweilte ich lieber, nirgends verweilen auch heute noch meine Gedanken und Erinnerungen lieber als bei dieser "Perle der Südsee", diesem Tropenparadiese, das nur leider so unendlich weit weg von der Heimat bei unsern Antipoden gelegen ist. Eine ganze Menge von Bildern und Beschreibungen haben den deutschen Leserkreis seit längerer Zeit mit Samoa einigermaßen vertraut gemacht. Man kennt die Schönheiten der Bucht von Apia, die herrlichen Palmenplantagen, die sich in der Nachbarschaft der Hauptstadt von Samoa die Küsten entlang ziehen, die idyllischen Dörfchen der Eingeborenen im Schatten dunkler Brotfruchtbäume und großblätteriger Bananen, man kennt auch das Leben und die eigenartigen Sitten des samoanischen Volkes. Indessen, was von Samoa seit der deutschen Flaggenhissung bekannt geworden ist, erstreckt sich fast ausschließlich auf die kleinere der beiden Hauptinseln, auf Upolu, und das auch nur auf die unmittelbare Umgebung von Apia und die Apia nahegelegenen Küsten. Nur wenige Reisende haben ihre Fahrten bis an das Ost- und Westende oder gar an die Südküste der Insel ausgedehnt. Es sind nun Jahrzehnte her, seit sich der erste weiße Ansiedler auf Samoa niedergelassen hat. Tausende sind seither gekommen und gegangen, Hunderte geblieben, und dennoch gibt es auf Upolu einzelne Gebiete, die noch sehr wenig, wenn überhaupt bekannt sind. Die Größe der Insel konnte es nicht sein, welche ihre genaue Durchforschung verhinderte; denn Upolu mit seinen achthunderteinundachzig Quadratkilometern ist kaum so groß wie Schwarzburg - Rudolstadt, und die Bergketten, die sie durchziehen, erreichen nicht die Höhe unseres Schwarzwaldes. Gefahren von Menschen oder wilden Tieren gibt es hier nicht; denn die letzteren sind in diesem gesegneten Lande überhaupt nicht vorhanden, und die Menschen sind so liebenswürdig und gastfrei und bringen den Weißen trotz der traurigen Erfahrungen, die sie mit ihnen gemacht haben, so viel Achtung entgegen, daß man furchtlos in jedem Dorfe, in jedem Hause einkehren kann. Wenn das Innere von Upolu so wenig bekannt geblieben ist, so kann es nur in den Beschwerden der Reise seinen Grund haben; denn der weitaus größte Teil der Insel wird von weg- und steglosen Bergketten eingenommen und ist bis auf die höchsten Spitzen mit tropischem Urwald bedeckt. Die ganze Einwohnerschaft wohnt an den Küsten; im Inneren kaum zwei bis drei Kilometer vom Meeresstrande gibt es nur sehr wenige menschliche Ansiedlungen. Die gebirgigen Teile aber sind vollständig unbewohnt. Man weiß deshalb auch nur wenig von den Gebirgen und Flußläufen, und das meiste, was bisher an Karten von Samoa veröffentlicht wurde, ist unrichtig und irreführend. Selbst die Küstenlinien sind auf den Karten nicht immer fehlerlos angegeben. Alles das bot mir Veranlassung genug, das Innere von Upolu zu besuchen und an verschiedenen Stellen Durchquerungen der Insel zu unternehmen. Der Leiter der katholischen Mission von Samoa, der ehrwürdige Bischof Broyer, ging mir bei der Ausführung dieses Vorhabens in liebenswürdigster Weise an die Hand. Bischof Broyer, war seit Jahrzehnten in der Südsee tätig, kannte Samoa und seine Einwohner wie kaum ein anderer Weißer. Der Sprache vollkommen mächtig, ein langjähriger Freund und Berater des Königs, genoß er dort hohes Ansehen und weitgehenden Einfluß, den er immer zugunsten der deutschen Verwaltung ausgeübt hat. Obschon Franzose, wie die Mehrzahl seiner Missionare, war er der erste, der sich der neu eingesetzten deutschen Regierung mit Rat und Tat zur Verfügung stellte, im Gegensatz zu den englischen und amerikanischen Missionaren, sofort in den Missionsschulen Deutsch lehren ließ und die Herbeiziehung deutscher Missionare veranlaßte. Nach dem Urteil aller unparteiischen Leute in Samoa war es größtenteils dem Einfluß von Bischof Broyer zuzuschreiben, daß die mit der Einführung der deutschen Herrschaft verbundenen Umwälzung so glatt und ohne Störung abgelaufen sind und Samoa sich seither politischer Ruhe erfreute, die es vor der deutschen Besitzergreifung so viele Jahre zu seinem Nachteil entbehren mußte. Bischof Broyer gab mir nicht nur Empfehlungen an seine in verschiedenen Teilen der Insel wirkenden Missionare, er stellte mir auch zwei seiner Missionsdiener, eingeborene Samoaner, zur Verfügung, die mich auf meinen Reisen begleiteten, flinke, junge Burschen, der englischen Sprache etwas mächtig und willig genug, mein Gepäck durch die Urwälder zu tragen. Was das heißt, sollte ich später einsehen lernen. Draußen umrauscht von der Brandung der sich an dem Klippenkranz von Apia brechenden Wellen des Stillen Ozeans, lagen die beiden Kreuzer "Kormoran" und "Seeadler" unter Dampf; denn sie sollten in den nächsten Tagen die Fahrt nach der Südsee antreten. Der wackere Kommandant des "Seeadler", auf dem ich die lange Fahrt vom Bismarckarchipel nach Samoa unternommen hatte, würde mir voraussichtlich auch die Reise nach der Südküste von Upolu gestattet haben, aber ich zog es vor, über die Berge hinüberzuwandern. Kulissenartig steigen sie von der Nordküste hinter- und übereinander empor. Unmittelbar hinter Apia erhebt sich der paradiesische Hügel von Vaia, von dessen Flanke die weißen Gebäude und Kolonnaden einer katholischen Missionsanstalt aus dem sie umgebenden Grün hervorleuchten; dahinter steigt der ewig grüne, dich bewaldete Upiaberg in kühnen Formen empor, im weitem Kranze umgeben von kleinen Trabanten, alle mit Urwald bedeckt, vom Fuße bis zum Gipfel; weiter westlich erhebt sich der erloschene Vulkankegel Lanutoo, dessen Krater einen idyllischen See bildet. Hier und dort wird das Grün von dunklen Basaltwänden unterbrochen, über welchen in hohen Bogen der weiße Gischt von Wasserfällen herabstürzt, um dann durch tiefe Schluchten und die mit Palmenplantagen bedeckten Küstenstriche dem Meere entgegenzueilen. Über all diese Höhen hinweg ragt die lange, höchste Gebirgskette, das Rückgrat der Insel, mit zwei scharf hervortretenden Gipfeln, La Puc im Osten und der Maungafiamoe im Westen, beide gegen tausend Meter hoch. In der Senkung zwischen ihnen lag mein Weg nach der anderen Seite der Insel. Munter zogen wir auf einer vortrefflichen Fahrstraße aus Apia hinaus, das Werk der fremdländischen Munizipalität, deren Obligenheit nun von der deutschen Regierung übernommen worden sind. Was in Samoa an fahrbaren Straßen vorhanden ist, findet sich ausschließlich nur in Upia und seiner unmittelbaren Umgebung, d.h. in dem früher der Munizipalität unterstehenden Gebiete. Die Samoaner, ebenso wie die Bewohner aller polynesischen Inseln kannten ja keine Pferde, Esel, Ochsen oder andere Zugtiere, infolgedessen auch keine Fuhrwerke, und brauchten keine Straßen. Und selbst seit der Einführung von Zugtieren durch die Weißen hat sich für Straßen kein Bedürfnis gezeigt, da die samoanischen Dörfer fast ausschließlich an der Meeresküste liegen und der 1 bis 2 km breite Streifen Wasser davor gegen den Ozean durch Korallenbänke abgeschlossen wird, die als natürliche Wellenbrecher dienen. Es mag also draußen auf dem offenen Meere noch so stürmen, Ruderboote werden die Küsten entlang fast immer fahren können. Wozu also Straßen? Wer es vorzieht zu Land zu reisen, geht einfach zu Fuß die Küste entlang, auf weichem, sandigem Boden, im Schatten der hohen Palmen, angesichts des Meeres, von wo gewöhnlich eine angenehme Brise weht. Die Fußspuren der Wanderer verschwinden in dem losen Sande, es gibt also nur streckenweise wirklich ausgetretene Pfade, wie wir sie haben. Das Innere der Insel wird von den Eingeborenen selten besucht, es sei denn, daß sie auf wilde Tauben oder Schweine jagen oder irgendeinen Besuch an der jenseitigen Küste unternehmen wollen; dann wandern sie in der beiläufigen, ihnen bekannten Richtung durch den Urwald über die Berge. Es gibt also mit Ausnahme des 16 qkm umfassenden Munizipaldistriktes von Upia in ganz Deutsch-Samoa keine Straßen und Wege, und selbst Fußpfade nach unseren Begriffen sind nur streckenweise vorhanden. Im Inneren der Inseln Upolu und Sawaii fehlen auch diese gänzlich, und man muß sich den Weg durch den Urwald und das traurige Steingeröll streckenweise selbst bahnen. Ja, wenn die Munizipalstraße, auf der wir einherwanderten, nach der jenseitigen Küste fortgeführt werden würde, was könnte man dann in diesem schönen Besitz des Deutschen Reiches für herrliche Ausflüge unternehmen! Ob es in absehbarer Zeit wohl dazu kommen wird? Ich bezweifle es, denn es müßte dazu ein Paß von über 700 m Höhe überschritten werden, und die Einnahmen der Regierung lassen solche ungeheure Ausgaben, wie sie die Herstellung von Straßen über vulkanisches Trümmergebiet und durch unbetretenen Urwald bis auf solche Höhen erfordert, keineswegs rechtfertigen. Auf dem bewaldeten Boden des Apiaberges, längs dessen sich die Straße emporzieht, liegen einige ganz reizende Villen europäischer Ansiedler, umgeben von üppigen Tropengärten, denen man es ansieht, welch schweren Kampf die Kultur hier gegen die überaus üppige wuchernde Natur unausgesetzt führen muß. Bleibt ein Garten nur einige Wochen sich selbst überlassen, so ist er zur Wildnis geworden. Nach etwa einstündigem Marsch auf der stetig ansteigenden Straße erreichten wir den höchsten Landsitz in der Umgebung von Upia, das durch den mehrjährigen Aufenthalts des englischen Dichters Robert Luis Stevenson berühmt gewordene Vailima. Stevenson, dem wir so viele hübsche, wenn auch mitunter absonderliche Geschichten verdanken, war schon in den achtziger Jahren brustleidend, und ich empfahl ihm schon damals einen längeren Aufenthalt in Hawaii. Von dort ging es nach Samoa, wo er sich Vailima, eines der entzückenden Plätzchen von Upolu, als Buen Retiro auswählte. Allein seine Krankheit machte immer weitere Fortschritte, und er liegt nun auf dem Gipfel des Mount Vaca begraben. Bei den Samoanern war Tusitala, d.h. der Geschichtenschreiber, sehr beliebt, und sie gaben ihrer Dankbarkeit dafür, daß er so warmes Interesse für sie bewiesen hatte, nach seinem Tode auch dadurch Ausdruck, daß sie mit ungeheurer Mühe einen Weg auf den Vacaberg herstellten, um den Sarg hinaufbefördern zu können, den einzigen Weg, den Samoaner in ihrem Inselreich jemals angelegt haben. Bei Vailima hört die Fahrstraße auf. Jenseits stellt sich mir Wald und dichtes Buschwerk entgegen, und ich war überrascht, als meine Begleiter direkt in dieses Buschwerk eindrangen. Das sei der Weg nach der Südküste. Nach wenigen Schritten befand ich mich mitten im tropischen Urwald und mußte meinen Kompaß und der Führerschaft meiner samoanischen Jungen vertrauen, die beide von der Südküste stammten und den Marsch schon einmal zuvor unternommen hatten. Bisher hatte die Tropensonne aus dem wolkenlosen Himmel auf uns herniedergebrannt und alles in ihrem hellen, blendenden Lichte gebadet; hier im Schatten der dichten Laubkronen war alles düster, kühl und feucht. Das Buschwerk, durch welches wir uns den Weg bahnen mußten, troff von Nässe, und schon nach den ersten hundert Schritten war ich bis auf die Haut durchnäßt. Meine Jungen hatten es sich nach samoanischer Art bequem gemacht. Bisher waren sie im Bereich der Zivilisation gewesen und trugen als intelligente Missionszöglinge Jacken, Beinkleider und weiße Stoffschuhe. Kaum im Waldesdickicht, hatten sie Jacke und Schuhe abgestreift, und ich wünschte nur, ich hätte es ihnen gleichtun können; denn der Boden, auf dem wir einherschritten, bestand streckenweise aus Basaltblöcken verschiedener Größe; alles waren mit Flechten und zarten Moosen überzogen, und die triefende Feuchtigkeit machte sie so schlüpfrig, daß ich mit meinen Lederstiefeln nicht festen Fuß fassen konnte und fortwährend ausglitt, zumal Gräser und kleine Sträucher sie bedeckten und ich selten sehen konnte wohin ich trat. Nachdem ich ein paarmal mit meinen Füßen in Spalten und Löcher gerutscht war, mich auch wohl festgekeilt hatte, schnitt ich mir zwei lange Stäbe von dem nächsten Baume, und mit ihrer Hilfe konnte ich leichter über diese schlüpfrigen, spitzigen Trümmer weiterkommen. Allmählich gewöhnte ich mich an die grüne Dämmerung, die unter den Laubdomen der Riesenbäume herrschte, aber zu sehen war doch nichts als ein Labyrinth von Stämmen, Lianen und Buschwerk. Zur Linken tief unter mir hörte ich den Vaifiganofluß rauschen, der, bei Apia in das Meer mündend, hier in großen Wasserfällen von den Bergen herabkommt. Stellenweise war das Buschwerk ausgerodet, und meine Führer machten mich auf mehrere verfallene Hütten und Flugdächer aufmerksam, einen der Schlupfwinkel, wohin sich während der früheren Kämpfe mit den Engländern und Amerikanern die Samoaner zurückgezogen hatten. Ihnen in diesen Urwald zu folgen, wäre Wahnsinn gewesen, und so begnügten sich die Angreifer, den Urwald von den Schiffen aus zu bombardieren, überall dort, wo sie zur Nachtzeit Lichtschein erblickten. Das fanden die Samoaner natürlich bald heraus und zündeten recht weit von ihren Lagern, mitten in der Wildnis, große Feuer an mit dem Ergebnis, daß kaum einer von ihnen durch das Bombardement verletzt wurde. Wenn man sich vor Augen hält, daß ganz Sawai und ganz Upolu 2 bis 3 km von der Küste weit solche bewaldeten Felsenlabyrinthe enthalten, welche sich viele Kilometer hinziehen, und wohin sich die gesamte Bevölkerung im Notfall flüchten kann, dann erkennt man erst, wie schwer es war, die Samoaner zu besiegen, und wie sehr es Nottat, mit ihnen Frieden zu halten. Jenseits dieser verfallenen Hütten hörte jede menschliche Spur vollständig auf, und wir marschierten stumm einher, wie in einem grünen Tunnel. Während des ganzen Aufstiegs bis auf die ganze Höhe des Passes zeigte sich mir nicht ein voller Sonnenstrahl, nicht der geringste Ausblick durch das Waldesdickicht auf irgendeine Schlucht oder die nächstliegende Höhe. Der Urwald ist hier von großer Üppigkeit, ein Beweis, welch vorzüglicher Boden verwitterter Basalt, vermengt mit Humus des Waldes, darbietet. Vom Regen abgeschwemmt, füllt dieser Boden die Zwischenräume zwischen den Millionen von Basaltblöcken aus, während diese mit ihren Spitzen und Kanten allein hervorstehen, die reinen Fußangeln für den unerfahrenen Wanderer. Die Vegetation aber faßt in den Zwischenräumen Wurzel, und diese Wurzeln winden sich durch das Labyrinth von Löchern auf der Suche nach weiterer Nahrung. Manchmal werden sie so stark, daß sie die über ihnen liegenden Blöcke emporheben und zu der Unebenheit des Bodens noch beitragen. So üppig ist hier die Natur, daß sich im Urwald von Samoa eine vierfache Vegetation, ich möchte sagen in vier verschiedenen Stockwerken, entwickelt hat. Das oberste, höchste Stockwerk bilden die Laubkronen riesiger Tropenbäume mit gerade aufstrebenden Stämmen von 30 bis 40 m Höhe, die prächtiges, zähes Bauholz abgeben würden, wenn es nur Mittel und Wege gäbe, es nach der Küste herabzubefördern. In den tiefer gelegenen Distrikten gibt es unter diesen Bäumen manche, deren Früchte von den Samoanern verwendet werden, so der Ifibaum (die Südseekastanie), der Molinu, dessen zitronenartige Frucht die Samoaner als Haarwaschmittel gebrauchen, der Futu mit Nüssen von der doppelten Größe unserer Walnüsse. Sie enthalten einen betäubenden Saft, weshalb die Samoaner sie beim fischen ins Wasser werfen, um die Fische zu betäuben. Je höher ich empor kam, desto gewaltiger und höher wurden die Baumriesen, vor allem eine Art mit hoch aus der Erde stehenden, den Stamm wandartig stützenden Wurzeln, deren Name im Samoanische Mautu ist; ein anderer ähnlicher Baum mit noch höheren Wurzelstützen heißt Mamalawa; die mächtigsten Bäume sind jedoch Ficus religiosa oder Banyanbaum, von den Samoanern Aca genannt. Den Reisenden ist dieser Baum hauptsächlich aus zwei Exemplaren bekannt, die auf dem Raffel Square in Singapore und in der Nähe des Botanischen Gartens in Colombo auf Ceylon stehen und durch ihr höchst eigenartiges Labyrinth von Stämmen auffallen. Aber so groß diese Exemplare auch sind, sie verschwinden im Vergleich zu den Riesen, die ich im Urwald von Upolu fand, die mächtigsten Baumriesen, die ich auf dem Erdball gesehen habe. Einer steht etwa eine Stunde Weges von der Paßhöhe mit einem Stammumfange von 60 m, ein zweiter anderthalb Stunden von der Südküste mit einem Stamme von kaum weniger als 100 m Umfang und 30 m Höhe bis zur Ausbildung, während die Krone noch weitere 20 m Höhe haben dürfte. Von Staunen ergriffen, machte ich bei diesem König des Tropenwaldes von Samoa halt, um ihn zu messen. Leider verhinderten die umstehenden Bäume, sowie das mangelnde Licht, den Riesen photographisch aufzunehmen. Zur Erklärung dieser fast unglaublichen Maße muß allerdings beigefügt werden, daß diese Banyanbäume, ähnlich wie die javanischen Waringienbäume, keinen festen Stamm haben wie unsere Eichen und Tannen. Der Baum wächst und entwickelt auch keine Äste ähnlich wie unsere Bäume, sobald aber seine Äste durch ihr Wachstum beginnen für den Stamm zu schwer zu werden, bildet sich an der Unterseite des Astes auf 1,2 m vom Stamm eine Art Beule, die, vertikal dem Boden zustrebt, zu einem fingerdicken, schweren Strang herauswächst und immer länger wird, bis sie endlich den Boden erreicht. Kaum ist die Spitze mit der Erde in Berührung, so erscheinen an dieser spitze der Luftwurzel kleine Wurzelfädchen, die aus dem Boden Nahrung saugen, immer stärker werdend und dem Strange Nahrung zuführen, so daß er, der bis jetzt vom Aste getragen wurde, anscheinend selbst zum Träger, zur Stütze des Astes wird und dieser nun in wagerechter Richtung weiter wachsen kann, als ob er nur auf diese Stütze gewartet hätte. Dann entsteht auf dem Aste eine zweite Luftwurzel, die allmählich ebenfalls den Boden erreicht, eine dritte, eine vierte und so fort. Das geht bei jedem einzelnen der strahlenartigen vom Stamme auslaufenden Äste vor sich, so daß nach Ablauf einer gewissen zeit der Banyanbaum nicht einen, sondern eine ganze Anzahl von Stämmen hat, die mitunter an die hundert reichen. Bei den Banyans von Colombo und Singapore stehen diese Seitenstämme soweit voneinander, daß man in ihrem Labyrinth bequem umherwandern kann, ja in Colombo haben einige Singhalesenfamilien zwischen den Stämmen ihr Lager aufgeschlagen und wohnen dort jahraus und jahrein. Bei dem Riesenbaum von Upolu aber sind im Laufe der Zeit die Stämme so dick geworden, andere haben sich ihnen so nahe gebildet, daß ich zwischen den Stämmen meinen Arm nicht durchzwängen konnte. Der Baum scheint deshalb, aus der Ferne betrachtet, nur ein Stamm mit vertikalen Rippen zu sein oder auf einem dichten Bündel aus Stämmen zu ruhen. Jedenfalls ist der Eindruck, den dieser Riese selbst auf den an die großen Urwaldbäume gewöhnten Wanderer macht überwältigend. Wer die Tropen nicht kennt, stellt sich die dortigen Wälder in der Regel als Palmenwälder vor; in Wirklichkeit sind sie Laubwälder, die sich aus der Ferne nicht anders ausnehmen wie unsere Wälder. All die Wälder von Upolu, welche mit ihren Laubkronen die oberste Etage, wenn ich so sagen darf, bilden, haben auffallend kleine Blätter, als hätte die Natur dies absichtlich so eingerichtet, um den Sonnenstrahlen Durchlaß zu gewähren um den niedrigen Pflanzen das notwendige Licht zu verschaffen. Die hohen Baumkronen bilden nämlich einen ewig grünen Dom, mit den Stämmen als Tragpfeilern, eine Art Treibhaus, in dessen, warmer, feuchter,grünen Dämmerung andere Pflanzen desto üppiger gedeihen. Die zweithöchste Etage in diesem Urwald bilden wieder Baumkronen von 4 bis 6, auch 8 m hohen Bäumen, und merkwürdigerweise haben diese Bäume zumeist palmenartige oder Lanzenförmige Blätter; unter ihnen fand ich massenhaft die schönen Baumfarne und den merkwürdigen Regenschirmbaum, dessen Krone mit ihren Ästen ganz so angeordnet ist wie die Rippen eines Regenschirms. Aber auch eine ganze Reihe anderer mir unbekannter Bäume stehen hier, von ungemein zierlichen Formen und lanzenförmigen Wedeln, die wie mit den zartesten Spitzen überzogen sind, andere wieder erschienen mir wie unser zartes Frauenhaar, nur zu großen Bäumen entwickelt. Und an diesen großen und kleinen Stämmen empor ranken unzählige Schlingpflanzen, vor allem die mächtige Mucuna gigantea, die üppigste aller Lianen; ihre Stränge hängen von den Ästen, verbinden in schönen Linien ihre Kronen, steigen zum Boden herab, und wieder zu den höchsten Spitzen empor, als hätte eine unsichtbare, gigantische Spinne hier mit ihren arm- und beindicken Fäden ihr Netz um all diese Bäume gesponnen; von den Lianen und den Baumästen hängen Orchideen, in den Astteilungen sitzen großblättrige Parasiten, wohin man blickt, nichts als Grün und wieder Grün in den seltsamsten Formen. Das nächsttiefere Stockwerk in dieser Urwaldvegetation bilden die Sträucher , Farne und Stauden verschiedenster Art, durch die wir uns den Weg bahnen mußten, alle triefend vor Nässe, alle dicht belaubt, so daß wir wohl aufwärts blickend etwas sehen konnten, aber selten etwas vor und unter uns. Und dieser Ausblick ist hier so notwendig, denn alle Augenblicke stießen wir auf den Stamm eines umgestürzten Baumriesen, über den wir mühsam hinwegklettern mußten, wenn es nicht bequemer war, unten durch das dicht wuchernde Gestrüpp zu kriechen, immer in Gefahr, kleine schwarze Blutegel auf den Leib zu bekommen. Diese sind eine wahre Plage des Urwaldes. Stellenweise sitzen sie in großer Menge auf den auf den Sträuchern, stecknadellange, nicht viel stärkere schwarze Maden, die man kaum bemerkt; denn das ewige einförmige Dämmergrün ermüdet und schwächt das Auge. Alle paar Minuten mußte ich meine Blicke von dem Boden abwenden, um zu sehen, ob sich nicht ein paar dieser unangenehmen Blutsauger an mir festgesetzt hatten, um sie sofort abzustreifen. Haben sie sich einmal festgesaugt, so dürfen sie nicht abgestreift werden, weil sie sonst zerreißen und die unter der Haut steckenbleibenden Teilchen Entzündungen hervorrufen. Unter dem Strauchwerke der dritten Etage fand ich stellenweise auch merkwürdige Bäume, die mir in dieser Art noch nirgends vorgekommen sind, Bäume mit brusthohen Stämmen und langen, sehr starken Ästen, die sich horizontal auf Brusthöhe hinzogen. Standen sie gruppenweise beisammen, so galt es, unter ihnen gebückt über das Steingeröll zu kriechen. Meine Samoaner halfen sich, indem sie, wo es anging, darüber voltigierten. Mit ihren nackten Füßen konnten sie dies leichter tun, als ich mit meinen durch die Feuchtigkeit aufgeweichten, glatten Ledersohlen. Die unterste Vegetationsstufe, das vierte Stockwerk, bilden hier die Moose und Gräser, zierliche kleine Farne und dergleichen, welche den Boden stellenweise vollständig bedecken und es dort unmöglich machen, anders als mit den Füßen fühlend, festen Halt zu fassen. Unter diesen Umständen ging es nur langsam weiter. Nach etwa drei Stunden hatten wir die 700 m hohe Paßhöhe erreicht, wo sich ein kleiner, mit klarem Wasser gefüllter Tümpel befindet, die Quelle des Vaisiganoflusses auf der Nordseite der Insel und gleichzeitig die Quelle eines anderen, ebenso wasserreichen Flusses, der an der Südküste zwischen den Dörfern Tufituala und Muliwai mündet. Er schien mir einer der größten Flüsse Uplus zu sein, und doch stand er auf keiner einzigen Karte, ja auf keiner ist überhaupt nur die Mündung verzeichnet. Wir folgten beim abstieg streckenweise seinem Laufe, ich ging auch von der direkten Richtung ab, um diesen Lauf weiter zu verfolgen, bis eine tiefe Schlucht mit seinen steilen Wänden das Weiterkommen verhinderte. Dort kam ich auch an die erste und einzige Stelle, wo ein nacktes Felsplateau der wuchernden Natur Halt gebietet, und wo ich aufatmend endlich einen weiten Ausblick auf ein herrliches Flußtal weiter unten in die Küstenlandschaft von Safata, mit dem blauen Meer im Hintergrunde, genießen konnte. Zum erstenmal sah ich auch Licht und Sonne und andere Farben, als das ewige einförmige Grün. Wer durch den Gotthardtunnel fährt oder lange in einer Höhle verweilt und dann plötzlich wieder ans Tageslicht kommt, versteht die Freude und den Genuß, den ich beim Anblick dieses herrlichen Stückes von Upolu empfand. Das Land hier oben ist großenteils Besitz des einflußreichen Oberrichters von Samoa, und streckenweise dürfte es sich auch zu Kaffee- und Kakaoplantagen eignen. Die Sonne neigte sich schon zum Horizont, als wir endlich abends fruchtbares Land erreichten und damit auch die verwahrlosten Plantagen der Samoaner. Nach weiteren 3 km Marsch hatten wir das Dorf Siumu erreicht. Seine zerstreuten Hütten liegen unter hohen Kokospalmen, etwa 100 m von der Meeresküste, die steil abfällt. Draußen auf etwa 1 km Entfernung zeigte mir der hoch aufsprühende Gischt der Brandung das Korallenriff, das in einer Länge von gegen 20 km den Küsten der Landschaft Safata vorgelagert ist. In der Mitte des reizend gelegenen Dorfes sah ich ein weißes Kirchlein schimmern und eilte, so gut ich es nach dem ermüdenden Tagesmarsch noch konnte, darauf zu. Allein es gehörte zu einer Baptistenmission mit einem samoanischen Prediger, und ich zog es deshalb vor, noch weiter zu einem meinen Leuten bekannten Hause zu wandern, das einem katholischen Samoaner gehörte. Dort fand ich die freundlichste Aufnahme. Ich hatte sie wahrhaftig nötig; denn meine Kleider und Schuhe waren zerrissen, meine Haut zerschunden und zerkratzt. Sogar mein in Kautschukstoff gehülltes Bündel, frischer Kleider war durchnäßt. Aus "Samoa, Bismarckarchipel und Neuguinea" , Th. Trommer by jadu 2002 |
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