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Zwischen
den Haupinseln der Samoagruppe, Upolu und Sawaii, liegen zwei kleine,
aber in der Geschichte sehr wichtige Inseln: Manono und Apolima. Einen
größeren Unterschied, wie zwischen diesen beiden Nachbarn,
kann man sich nicht gut denken. Die erstere Insel niedrig, überaus
fruchtbar und stark bevölkert, Apolima dagegen nur ein schroff
aus dem Meere aufspringender Vulkan, der seine Tätigkeit eingestellt
hat und von einer Handvoll Menschen bevölkert ist. Steil sind seine
Hänge, ausgewaschen von den Massen der häufig niedergehenden
Tropenregen. Kokospalmen neigen am Ufer ihre Kronen im ständig
wehenden Seewind, und nur auf dem kleinen, ebenen Platz inmitten des
Kraters, wo auch das Dorf liegt, gedeihen einige Bananen und Brotfruchtbäume,
gerade hinreichend, um der kleinen Dorfgemeinde Nahrung zu spenden.
Eine
glückliche Gelegenheit bot sich uns, beide Inseln zu besuchen.
Auf Manono waren zur Abwechslung wieder einmal Streitigkeiten ausgebrochen,
und der deutsche Oberrichter mußte hinüberfahren, um die
beiden hadernden Parteien zu versöhnen. Derartige Zwistigkeiten
untereinander gehören, oder gehörten, namentlich in früherer
Zeit zu den beliebtesten Beschäftigungen der Samoaner. Recht viel
Disputieren und so ein bißchen Krieg spielen, war etwas zu Schönes!
Meist ging es, wenigstens bei den kleineren Fehden von Dorf zu Dorf,
harmlos zu. Die Einwohner banden sich, um Irrtümern vorzubeugen,
als eine Art Uniform verschiedenfarbige Kopftücher um, verließen
mit Weib und Kind für die Kriegszeit ihr Dorf, bauten draußen
im Wald eine Art Unterstand und stellten eine Reihe Posten gegeneinander
aus, die aufpaßten, daß kein Feind sich nähere. Es
kam auch keiner; denn der wachsame Gegner hätte ja mit seiner ungeheuren
Donnerbüchse auf ihn schießen können. Vielmehr hielt
sich tagsüber alles im Versteck. War aber die Sonne gesunken, dann
ging der "Kampf" los. Die wohlbewaffneten Männer zogen
aus, jeder suchte sich eine gute Deckung, und nun wurden die ganze Nacht
hindurch die Feuerrohre in der Richtung nach dem Feind abgebrannt. Ging
die Sonne auf, so schlief der Kampf ein. Das dauerte so lange, bis die
Munition zu Ende war. Dabei soll es sogar gelegentlich vorgekommen sein,
daß eine Partei ein altes Weib - als Parlamentär - zum Gegner
schickte, um mitzuteilen: auf ihrer Seite sei die Munition verschossen.
Nun benutzte aber nicht etwa die sich im Besitz der begehrten Patronen
befindliche Partei die Gelegenheit zu einem Angriff, um den Feind endgültig
zu besiegen - das wäre nach samoanischen Begriffen unanständig
gewesen - sondern alle Munition wurde zusammengeschleppt, auf einen
Haufen geworfen, in zwei Teile geteilt, und der Parlamentär, beziehungsweise
die Alte, zog mit der Beute ab, und bei Nacht "bekämpften"
sich die Gegner wieder. War alles verknallt, so trafen sich Abgesandte
mit den Sprechern, es wurde gewaltig viel geredet, und die Feinde versöhnten
sich wieder. Feste und gegenseitiger Besuch, Tänze und Schmauserein
folgten, und alles war wieder schön und gut.
So würde wohl auch
die Streitigkeit auf Manono, die gerade vorlag, ihren Verlauf genommen
haben, aber seit Samoa unter deutscher Herrschaft war, besaß kein
Eingeborener mehr Feuerwaffen, wenigstens nicht erlaubterweise, denn
die hatten sie abliefern müssen. Nur ein paar hartgesottene Sünder
hatten sich nicht an das Gebot gekehrt und hielten ihre alten Feuerrohre
versteckt. Das war dem Gouvernement wohlbekannt, aber man kümmerte
sich nicht weiter darum, denn ehrgeizige und leicht erregbar wie die
Samoaner sind, hätten sie eine gewaltsame Beschlagnahme sehr übel
genommen. Das Klima, die ewige Feuchtigkeit sorgten schon von selbst,
daß die vergrabenen Waffen in kürzester Zeit unbrauchbar
wurden, außerdem hätte man ja bei der ersten Nachricht von
Gärung unter den Eingeborenen die Verdächtigen leicht festnehmen
können. So bestand also für die Weißen von dieser Seite
keine Gefahr, und die gute Stimmung der Eingeborenen wurde nicht getrübt.
Ich möchte aber schon an dieser Stelle darauf hinweisen, daß
die Samoaner durchaus nicht etwa ein feiges, unkriegerisches Volk sind.
Das Gegenteil ist zutreffend, wie die Geschichte der Inseln, die schweren
Kämpfe gegen die Tonganer und Fijianer, später gegen die Weißen
zeigten, die mit ungeheurer Grausamkeit geführt wurden. Auf diese
Seiten werde ich an anderer Stelle zurückkommen.
Der Nordostküste
von Upolo vorgelagert, zieht sich in einigen hundert Metern Abstand
ein langes, breites Korallenriff an der Küste entlang, eine große
Gefahr für die Schiffahrt, aber eine Wohltat für die Bootfahrten.
An dieser stahlharten Bank bricht sich die gewaltige, vom offenen Ozean
kommende Dünung, wie in einem Binnensee gleitet unser Ruderboot
dahin, entlang an der sonnenbestrahlten Küste, vorbei an den unzähligen
Pflanzungen, den weißen Häusern der Ansiedler, den schmucken
Hütten der Eingeborenen. Im Wasser tollen Kinder, oder Eingeborene
fischten mit Speer, Netz oder Pfeil. Fröhlich klingt ihr "Talofa"
zu uns herüber. Ein paar junge Mädchen kommen dem Boot nachgeschwommen,
bleiben dann zurück, rufen uns ein Scherzwort zu und tauchen weg,
wie die Fische. Hier sind sie vor den Haifischen sicher. Die wagen sich
nicht in das seichte Gewässer innerhalb des Riffes, als wüßten
sie, daß ihre hohe, aus dem Wasser ragenden Rückenflosse
sie nur zu bald verraten würde.
Eine Ortschaft reiht
sich an die andere. Das Auge hat genug zu sehen, - wenn nur die Sonne
nicht so unbarmherzig herabbrennen würde. Unermüdlich legen
sich unsere braunen Ruderer in die Riemen, eine Ermattung scheint es
für sie nicht zu geben, denn schon stundenlang geht es im gleichmäßigen
Takt weiter, und so munter wie bei der Abfahrt tönt ihr melodischer
Gesang. Plötzlich werden sie lebhafter, das Boot wendet landwärts,
ein großes, weißes Haus, umgeben von mächtigen Mangobäumen
und Palmen, tauchte auf, wir sind am Ziel unsere heutigen Fahrt: Mulifanua
ist erreicht. Gastfrei, wie überall, wo Deutsche wohnen, werden
wir von dem Verwalter der großen Pflanzung aufgenommen, unser
Gepäck wird aus dem Boot geholt, wir sollen über Nacht bleiben.
Gern nehmen wir die Einladung an, denn hier gibt es für uns viel
zu sehen. Nicht weniger als 180 000 Kokospalmen stehen in Reih und Glied
in gleichem Abstand und spenden jahraus jahrein, etwa hundert Jahre
lang reichen Fruchtsegen. Ist man mit dem Sammeln der Kokosnüsse
einmal durch, so muß wieder von vorn angefangen werden, denn inzwischen
sind wieder andere gereift. So geht es ohne Unterbrechung, denn eine
ausgesprochene Zeit der Fruchtreife, wie wir sie bei unserem Obst haben,
kennen die glücklichen Tropenmenschen ja nicht. Wie schön
wäre es doch, wenn unsere Apfelbäume auch ständig trügen!
unser Herrgott hat es leider nicht allen Menschen recht machen können!
Fährt man im bequemen Wagen durch eine solche in vollem Betrieb
befindliche Pflanzung, so denkt man: ach, wie herrlich muß es
sein, Tropenpflanzer zu sein! Er wohnt im schönen, luftigen Hause,
hat einen Haufen williger, dienstbarer Geister, und die Bäume tragen
von selbst. Aber so einfach ist die Sache doch nicht, und auf Mulifanua
konnten wir auch gleich sehen, wie eine solche Pflanzung entsteht, welche
ungeheure Mühe, zeit und Kosten notwendig sind, ehe man die Früchte
der Arbeit einheimsen kann.
Da ist erstmal der Urwald,
aus dem Kulturland gemacht werden soll. Dicht verschlungen, umrankt
und verstrickt von unzähligen Schlingpflanzen, ragen die Baumriesen
empor, liegen gestürzte Waldkönige, wuchern mit tausend Widerhaken
gespickte Dickichte. Fieberdämpfe steigen von dem im ständigen
Urwaldschatten liegenden sumpfigen Boden. Und in dieser Wildnis muß
nun erst einmal Beil und Buschmesser Luft schaffen! Unendlich langsam
dringt der Mensch vor. Monatelang hallt der Wald wider von Axthieben.
Alles muß fallen, nur hier und da läßt der Pflanzer
einen besonders schönen Baum stehen, vorausgesetzt, daß ein
Deutscher den Baumschlag leitet, der Sinn für Naturschönheit
hat. Die Franzosen und Engländer hauen alles wahllos nieder. Ist
dann der erste Teil der Arbeit getan, so bezeichnet ein ungeheures Durcheinander
von gefällten Bäumen und niedergeschlagenen Büschen die
Stelle, wo aus dem Urwald Kulturland werden soll. Nun kommt der zweite
Teil der Arbeit, das Brennen. Im Glutstrahl der Sonne verdorren bald
Blätter und grüne Zweige, traurig, ein Bild der Vernichtung,
ragt totes Geäst wie anklagend zum Himmel, ein Schlupfwinkel für
allerhand Gewürm. Bis endlich der Tag kommt, an dem die Verzehrende
Glut hier reinen Tisch macht. Wochenlang schwelen und glimmen die Massen,
sinken in sich zusammen, und endlich bezeichnen nur silbergraue Aschenhaufen,
halbverkohlte Baumstümpfe die Stelle, wo vor kurzem noch dichtester
Urwald gestanden hat. Der Seewind frischt auf, treibt in dichten Wolken
die Asche weit über das umliegende Land, und wo noch vor wenigen
Wochen Bäume und Gesträuch grünten und blühten,
liegt eine öde Fläche, bedeckt mit wildem Geröll, Lavagestein
und mächtigen Blöcken jeglicher Größe. Aber der
Pflanzer kann noch immer nicht an die Aussaat gehen, erst muß
er wieder diese Steinwüste in Ackerland verwandeln. Ist auch diese
Arbeit endlich geleistet, dann senkt er das Samenkorn, hier von recht
stattlichem Umfang: die angekeimte Kokosnuß, in die fruchtbare
Erde. Dann geht er heim und wartet, wartet, wartet, sechs bis sieben
Jahre, bis endlich die erste Nuß reift. Von nun an strömt
allerdings der Segen, schier unerschöpflich, und wenn nicht eines
Tages ein tückischer Wirbelsturm die ganze Plantage in ein Gewirr
von umgeworfenen Stämmen verwandelt, dann kann er beruhigt der
Zukunft entgegensehen. Als vorsichtiger Mann wird er aber auch die Wartezeit
ausgenutzt haben, denn auch Kakao z. B. bringt reichlichen Ertrag. So
hat jeder vernünftige Pflanzer alle möglichen Kulturen angelegt
und hält sich nebenbei noch Viehherden, um das zwischen den Baumstämmen
üppig wuchernde Gras abäsen zu lassen und niederzuhalten.
Das Land ist ungeheuer
fruchtbar, der häufige Regen treibt die Vegetation zum üppigsten
Wachstum, aber die Samoaner fühlen sich als nicht zur Arbeit geboren.
Alles wächst ihnen zu, Brotfrucht, Taro, Yamknollen, Bananen, Kokosnüsse,
Kawa, wilde Tomaten und Pfefferschoten. Der Busch gibt ihnen Wildschweine,
die so zahm sind, daß sie fast zur Haushaltung gehören, die
Hühner vermehren sich ohne Wartung, und das Meer liefert Fische
in Hülle und Fülle. Soll dieses Volk, das so mit Glücksgütern
gesegnet ist, ernstlich arbeiten, zumal da die eigenen Bedürfnisse
gering sind? Diese glücklichen Kinder der der Natur denken gar
nicht daran. Etwas Beschäftigung macht ihnen Spaß, aber wirkliche
Arbeit? - Nein, das ist nichts für den Samoaner.
Das war natürlich
für die Ansiedler schlimm, und es mußte Abhilfe geschaffen
werden. Man führte deshalb Chinesen ein, aber die fleißigen
gelben Zopfmänner gefielen den braunen, herkulischen samoanern
gar nicht, und mancher wurde im Streit erschlagen. Da versuchte man
es mit Eingeborenen aus anderen Südseeinseln. Das gelang besser,
aber diese Neuankömmlinge stammten aus Gegenden, wo man Menschenfleisch
als Nahrung noch sehr schätzte, und so geschah er gerade kurz vor
unserer Ankunft in Mulifanua, daß eines Morgens ein Arbeiter fehlte.
Der Pflanzer war sehr erstaunt, und als er fragte, wo denn der Vermißte
sei, erfolgte ein verschämtes Lächeln: "Er ist gestorben."
- "Ja, und wo ist er nun?" - "Den haben wir aufgefressen!"
meinten sie voller Seelenruhe. Eine Vorsicht wurde übrigens diesen
Wilden gegenüber gebraucht: sie durften nur mit hölzernen
Gerätschaften im Felde arbeiten, man fürchtete, daß
sie, mit Beilen ausgerüstet, vielleicht doch größeres
Unheil anrichten könnten. Daß man diese Herrschaften fortan
namentlich bei Nacht stark unter Augen hielt, war selbstverständlich.
Hier an der Bergspitze
von Upolu erinnert noch manches an die Zeit, in der die Tonganer die
samoanischen Inseln beherrschten. Gar nicht allzu weit vom Haus erhebt
sich ein mächtiger Hügel, aufgetürmt von Steingeröll,
er mag wohl zehn Meter hoch sein, offenbar ein altes Königsgrab,
wie man sie vielfach auf den benachbarten Inseln antrifft. Besonders
interessierten uns zwei unterirdische Gänge, oder wohl besser gesagt:
langgestreckte Grotten. Ob es sich um gewaltige Lavablasen oder Ausführungsgänge
einstiger Lavaströme handelt, weiß man nicht, sicher aber
haben sie in den blutigen Kämpfen um die Herrschaft eine große
Rolle gespielt, und es sollen hier einmal eine große Anzahl eingeschlossener
Feinde mit Weib und Kind durch Rauch erstickt worden sein. Sie hatten
sich in die Höhlen geflüchtet, und nun gab es kein Entrinnen,
der Feind hatte den Schlupfwinkel ausgekundschaftet, Reisig davor aufgehäuft
und angesteckt. Aber auch die Sage hat sich dieser eigentümlichen
Gänge bemächtigt, und so gelten sie als Eingang zur Unterwelt.
Würde von der langen
Wanderung und all dem Geschauten, genossen wir voller Behagen den Abend
auf der luftigen Veranda des gastlichen Hauses, als wir uns aber zu
Ruhe legten, da wurden wir böse im Schlafe gestört. Draußen
die mächtigen Mangobäume hingen voller Früchte. Aber
nicht nur wir hatten Gefallen an ihnen gefunden, sondern auch die fliegenden
Hunde, die von den Wäldern am Berghang herübergekommen waren
und sich fast die ganze Nacht hindurch mit wildem Gequieke um die goldigen
Früchte stritten.
Mit Sonnenaufgang begann
das Leben in dem Hause, früh waren auch wir auf. Bald kam das Boot
mit dem kaiserlichen Richter an, und nach dem Frühstück ruderten
wir wieder los, hinüber nach Manono, das nur ein schmaler Meeresarm
von Upolo trennt. Näher kamen wir an das sagenumwobene, bewaldete
Eiland, aus dessen Innern sich ein kleiner Bergzug erhebt. Schon von
weitem sahen wir, wie am Ufer die Jugend zusammenlief, um die fremden
Gäste zu begrüßen, und als unser Boot auf den sandigen
Strand lief, da eilten sie uns ins Wasser entgegen, "Talofa, Talofa",
rief es von allen Seiten. Würdig, von der Taupu begleitet, kam
ein Häuptling zum Strande. Nur langsam näherte er sich uns,
er war krank, die Elefantiasis, die Geisel Samoas, hatte seine Beine
zu gewaltigen, uniförmigen Säulen aufschwellen lassen. Diese
Krankheit ist auf den Sawaii ganz außerordentlich verbreitet und
befällt namentlich Männer in höherem Alter, Samoaner
sowohl, als auch Europäer, wenn sie viele Jahre auf den Inseln
leben. Demnach braucht der Krankheitserreger sehr lange, bis er seine
schädigende Wirkung ganz entwickeln kann. Die armen Opfer leiden
sehr, und nur auf operativem Wege ist ihnen zu helfen, wenigstens für
einige Zeit. Aber noch unter einer anderen Plage haben die sonst vom
Glück so gesegneten Inseln zu leiden: den Fliegen. Nirgends in
der Welt, außer im Sudan und dem an Viehherden reichen Masailande,
habe ich diese schwarzen Quälgeister in so ungeheurer Zahl getroffen
wie namentlich auf den Samoainseln. Die widerlichen Tiere sitzen den
Kindern oft wie eine schwarze Kruste um die Augen, rufen Entzündungen
hervor und übertragen die Krankheitskeime. Allmählich werden
die gequälten kleinen Würmer dagegen so abgeschrumpft, daß
sie gar keine Anstalten mehr machen, die Tiere zu verscheuchen. Vielleicht
wäre es besser, wenn es genügend Insekten fangende Vögel
gäbe, aber die fehlen leider. Könnte man sie einbürgern,
namentlich Schwalben oder die tropischen Bienenfresser, die ständig
auf Insektenjagd sind, so wäre viel gewonnen. Aber das ist natürlich
nicht leicht, denn Samoa liegt weit ab, und wie soll man die Vögel
auf der Überfahrt ernähren, zum mindesten müßte
man sehr gute Wärter mithaben, welche die Vögel füttern.
Ob die jetzigen Herren, die Neuseeländer, hierfür Interesse
haben? - Doch von unserem Empfang auf Manono wollte ich erzählen.
Im Triumph wurden wir
ins Faletele des Dorfes geleitet, lagerten uns auf sauberen Matten,
und unter den üblichen Zeremonien wurde die Kawa bereitet: Der
Häuptling warf dem Richter, als Ehrengast, ein großes Stück
dieser Pfefferwurzel zu, der Sprecher pries ihre Güte in langer,
schöner Rede, dann warf der Gast sie der Taupu zu, die sich mit
zwei Gefährtinnen in der Mitte der Hütte niedergelassen hatte,
vor sich ein flaches, zehnfüßiges Holzgefäß, die
"Tanoa". Nachdem die Dorfjungfrau der Mund ausgespült
hatte, zermahlte sie mit ihren tadellosen Zähnen ein Stück
Kawawurzel nach dem anderen, nahm es mit einem Blatt aus dem Munde und
warf es in die Schüssel. Eine Gehilfin goß aus Kokosflaschen
Wasser zu, dann wurde mit einem "Fao", einem großen
Bastbündel, alles gehörig durchgerührt, bis eine gelbliche
Flüssigkeit entstand.
Schweigend hockten wir
alle im Halbkreis herum. Jetzt klatschte die die Taupu in die Hände,
die "Kawa" war fertig. Ein Häuptlingssohn nahte ihr,
mit graziöser Bewegung hielt er ihr eine halbe Kokosnußschale
hin. Mit Hilfe des Bastbündels nahm sie die Flüssigkeit aus
der Schale und ließ sie in den Becher rinnen. Von der anderen
Seite nahm ihr ein Jüngling den Fao ab und schwenkte ihn kräftig
aus, damit die etwa noch anhaftenden Kawastückchen herausgeschleudert
wurden. Auf Befehl des Häuptlings reichte sein Sohn die Schale
dem Oberrichter, der einige Tropfen davon, als eine Art Opfer, nach
samoanischem Brauch vergoß und mit einem "Manuja, Samoa"
die Schale leerte. Der Reihe herum wurde nun jedem der Becher gereicht,
dann erst konnten die geplanten Verhandlungen beginnen.
Die streitenden Parteien
hatten sich eingefunden. Mit gewaltigen Wortschwall trugen die Sprecher
die verschiedenen Ansichten vor, bis der deutsche Richter, Dr. Schulz,
das Wort ergriff: Ringsum Schweigen. In bilderreicher Sprache, wie das
in Samoa Sitte ist, beleuchtete er den Fall, dann kam er darauf, die
Bevölkerung der Insel Manono mit der Besatzung eines Bootes zu
vergleichen: "Was geschieht mit einem Boot, dessen Steuermann nach
rechts will, während jeder Ruderer eine andere Ansicht hat, der
eine will nach links, der zweite geradeaus, wieder ein anderer nach
Hause oder ausruhen. Im Seegang geht ein solches Boot zugrunde. Genau
so wird es euch gehen. Denkt an die ruhmreiche Geschichte eurer Insel;
früher wart ihr immer einig, dann spaltete Zwietracht die einzelnen
Stämme, ihr wurdet von den Tonganern unterworfen, eure Macht ging
dahin. Nun ist Frieden ins Land gezogen, seitdem ihr unter deutschem
Schutze steht, aber nun müßt ihr auf eurer schönen,
fruchtbaren Insel auch Frieden halten, sonst schwindet euer Ansehen
bei den anderen Gemeinden, und, was kommt schließlich heraus?
Niemand achtet euch mehr, euch, die alten Heldengeschlechter von Manono."Ein
allseitiges "Malie, Malie," bewies die Zustimmung. Noch wurde
eine Zeitlang hin und her debattiert, aber das waren nur die üblichen
Rückzugsgefechte; schließlich versöhnten sich die Parteien,
die Eintracht war wieder einmal hergestellt.
Nicht mit Unrecht hatte
Dr. Schulz auf die Heldentaten der Einwohner von Manono hingewiesen,
denn einst hatte diese kleine Insel alle umliegenden beherrscht. Mit
einer großen Kanuflotte und außerordentlich starken Kriegsfahrzeugen
ausgerüstet, hatten sie sich selbst die großen Inseln Upolu
und Sawaii untertan gemacht. In der ganzen Südsee waren die kühnen
Seefahrer, die außerordentlich ausdauernden Ruderer, gefürchtet.
Mit unglaublicher Grausamkeit wurden etwa aufrührerische Stämme
niedergeworfen. Nichts wurde geschont, um die anderen Völker abzuschrecken.
So hatten einst die Bewohner des Bezirkes Aana zu dem Waffen gegriffen,
um das Joch der Knechtschaft abzuschütteln. Aber im Kampfe unterlagen
sie, und nun wurden ohne Erbarmen alle, Greise, Weiber und Kinder, bei
Fasitootai zusammengetrieben und sämtlich dem Flammentod überantwortet!
Man steht oft vor einem Rätsel, wenn man hört, daß die
liebenswürdigen Samoaner solcher Grausamkeiten fähig waren
- und noch sind, wie wir später sehen werden.
Endlich
hatten sich aber offenbar die unterdrückten Völker doch zusammengetan.
Bei Malua, an der Nordküste von Upolu, kam es zur Seeschlacht,
und hier wurde die Macht der Herren von Manono für alle Zeiten
gebrochen. Aber die Erinnerung an die Heldentaten lebt noch fort in
unzähligen Gedichten und Gesängen. Es ist sehr zu bedauern,
daß man nichts Näheres über diese Seeschlacht weiß,
obgleich zu jener Zeit schon eine ganze Anzahl weißer auf den
Inseln lebte. Jedenfalls muß es ein großartiges Schauspiel
gewesen sein, wenn die großen Kriegskanus gegeneinander anfuhren,
die Kämpfer von den hohen, auf Bug und Heck errichteten Plattformen
aus die Gegner, nur mit Speeren oder Schleudersteinen, angriffen, denn
der Pfeil als Kriegswaffe ist den Samoanern unbekannt. Sicher sind die
gegenseitigen Verluste gewaltig gewesen, und manches Fahrzeug mag in
die Tiefe gesunken sein.-
Während der Richter
noch mancherlei Amtshandlungen zu erledigen hatte, gingen wir hinaus
vor das Dorf, wo die Jugend mit Fischfang beschäftigt war. Allenthalben
kletterten die braunen Gestalten auf den Korallenriffen herum. Meist
mit Speeren bewaffnet, untersuchten sie die einzelnen Löcher zwischen
den Korallenklippen nach Moränen, Seeaalen und Tintenfischen. Der
Fang letzterer Tiere war besonders bei den jungen Mädchen beliebt.
Aufmerksam stocherten sie in den ihnen als Versteck dieser Meerscheusale
bekannten kleinen Höhlen herum, bis sie gefunden hatten, was sie
suchten. Dann tauchten sie hinunter. Wenn das Tier zu tief saß,
faßten sie herzhaft zu und zogen es aus seinem Schlupfwinkel.
Wohl wehrte sich der Octopus verzweifelt, schlang seine langen Fangarme
dem Mädchen um Hals und Gesicht, saugte sich fest, so daß
sich rote Ringe auf den gefaßten Stellen bildeten, aber die kühnen
Fischerinnen ließen sich dadurch nicht abschrecken. Mit festem
Griff befreiten sie sich, an der Oberfläche zurückgekehrt,
von den brennenden Fangarmen, und mit energischem Biß ins Genick
wurde der Unhold getötet. Hier in den Riffen konnten die Mädchen
es wagen, mit den Seeungeheuern anzubinden, weiter draußen wäre
es für sie zu gefährlich gewesen.
Die Männer bevorzugen
hierzu sie sogenannte Tintenfischangel, an der ein fischförmiger
Stein, mit roten Hibiskusblättern verziert, als Köder befestigt
ist. Der Tintenfisch kommt aus seiner Höhle und sucht die von ihm
auf-und abtanzende, vermeintliche Beute zu fassen, klammert sich daran
fest und wird schnell emporgezogen. Doch diese Art Fang ist nicht ungefährlich.
So wurde einmal ein Häuptling von einem riesigen Tintenfisch plötzlich
gepackt, aus dem Boot gezogen und von den kräftigen Fangarmen fast
erdrückt. Nur im letzten Augenblick konnten herbeieilende Männer
ihn befreien und den Halbtoten in das Boot bringen.- Aber auch die Fischerei
in den Klippen hat ihre Tücken, denn oft sitzen in den Höhlen
riesige Moränen, deren Biß für tödlich, oder wenigstens
sehr gefährlich gilt. Ferner gibt es Seeschlangen oder Heuschreckenkrebse,
die mit ihren messerscharfen Zangen mit Leichtigkeit Fingerglieder abschneiden
können. Diese Tiere zu jagen ist Männersache, und nie wird
sich ein Mädchen an eines derselben wagen.
Lange schauten wir dem
interessanten Fang zu, bewunderten die jetzt zur Ebbe trocken liegenden
Korallenbänke, schauten hinab in die Wundergärten im Meere,
die uns die hochstehende Sonne in schönsten Farben beleuchtete.
Drunten jagten sich zwischen den buntfarbigen Korallen die prächtigen
Fische, Seeanemonen öffneten und schlossen sich, träge lagen
die dunkellila gefärbten Seegurken, eine Schildkröte ruderte
vorüber, kleine Krabben und Garnelen trieben ihr Wesen, kurz, ein
Leben dort unten, wie hinter den Glasscheiben eines wundervollen Aquariums.
- In den Lüften segelten ein paar der silberweißen Tropikvögel
vorbei, purpurn leuchteten ihre langen Schwanzfedern.
Müde von allen dem
Geschauten legte ich mich in den Schatten einer Kokospalme. Die Sonne
stand im Zenit, und schon schlummerten ich ein; da weckte mich eine
Hand und wies nach oben. Gerade über mir hingen ein paar reife
Nüsse. Mit Recht warnte mich das braune Mädchen, denn eine
solche schwere, dem ahnungslosen Schläfer aus etwa zehn Meter Höhe
auf die Nase fallende Nuß mag nicht gerade die angenehmsten Empfindungen
auslösen. Und wie wenn die Natur die Gefahr bestätigen wollte,
fiel fast im selben Augenblick von der Nachbarpalme mit dumpfenden Fall
eine reife Nuß herab. Nun wurde mir erst das alte Sprichwort "Man
wandert nicht ungestraft unter Palmen" so recht verständlich.-
Bald hatte sich, vom
Fang heimkehrend, die Jugend um mich gesammelt. In fröhlich plaudernden
Zug ging es ins Dorf. Nach einer gemeinsamen Mahlzeit mit den liebenswürdigen
Insulanern wurde es Zeit weiterzufahren, wollten wir noch vor Abend
Apolima, das Ziel unserer Fahrt erreichen. Des flachen Wasserstandes
wegen lag unser Boot etwas entfernt vom Ufer. Da packten uns kräftige
Samoaner, und unter Lachen wurden wir in unser Fahrzeug getragen. Soweit
es ging, folgten uns die freundlichen Menschen im seichteren Wasser,
dann schwammen sie ein tüchtiges Stück neben dem Boot her;
andere begleiteten uns in leichten Auslegerbooten bis weit in die See
hinaus. "Tofa, tofa," schallte es herüber und hinüber:
"Lebt wohl, ihr glücklichen Wilden," dachten wir, "möge
die Kultur der Weißen euch noch recht lange verschonen."
Gleichmäßig
senkten sich die Ruder zum Gesang der Leute in die Flut. Näher
kamen wir dem Ziel unserer Wünsche. Steiler wuchs Apolima aus dem
Meere vor uns empor, und dahinter erschienen immer deutlicher die Berge
von Sawaii. Jetzt fuhren wir im Bogen um die Insel, um zu der auf der
nordöstlichen Seite gelegenen Einfahrt zu kommen. Das Meer war
inzwischen etwas unruhiger geworden, vom offenen Ozean, der jetzt zur
Rechten sich vor uns dehnte, lief höhere Dünung heran. In
mächtiger Brandung brach sie sich an den Apolima vorgelagerten
Klippen. "Da müssen wir hindurch," sagte der kaiserliche
Richter, auf den aufspritzenden Gischt deutend. "Sollte das möglich
sein?" fragten wir uns im stillen. Aber es stimmte wohl, denn gerade
Weges hielt der Steuermann auf die Brandung zu. Immer unruhiger wurde
das Meer, schon liefen die Wogen wild durcheinander, das Wasser um uns
hatte eine lichtgrüne Farbe angenommen, das Zeichen der Untiefen.
Bald waren wir ganz nahe an die tobende Brandung herangekommen. Nun
hielten auf ein Zeichen des Steuermannes die Ruderer inne, die Riemen
lagen schön ausgerichtet seitlich heraus. Da ergriff der Mann am
Steuer aufrechtstehend eine große Tritonmuschel, und laut hallte
sein Ruf über das Meer: er gab den Bewohnern von Apolima Nachricht,
das Gäste nahten. Auf den Höhen und emporragenden, die Einfahrt
flankierenden Felsen erschienen bald braune Gestalten; interessiert
folgten sie dem nun bevorstehenden Schauspiel. Ein Spielball der Wellen,
tanzte unser Boot auf den Wogen hin und her.
Aufmerksam beobachtete
der Bootsführer die herannahenden Wasserberge, gespannt hingen
die Augen aller Ruderer an seinen Lippen, die Hände krampfhaft
um die Riemengriffe gelegt, jeden Muskel gestrafft, sofort mit aller
Kraft los zurudern. Auf und nieder glitten wir. So gewaltig waren die
Wogen, daß wir aus ihren Tälern die nahe Felseninsel oft
gar nicht mehr sehen konnten. Wieder rollte von hinten ein Brecher heran,
ein zweiter, noch größerer folgte.
Da hob der Steuermann
den Arm, aller Augen blickten auf, und weithin hallte seine Stimme:
"Bavevave malosi" (rasch, rasch, alle Kraft!)
Und auf dem Rücken der gewaltigen Welle ritt unser Boot pfeilschnell
dahin, jetzt tauchte es tief hinab, schoß wieder empor, hinein
in die gewaltige Sturzsee vor uns, in die auf den Riffen zerstiebenden
Wogen! Ein eigentümliches Gefühl beschlich uns, trotz des
felsenfestes Vertrauens, das wir zu dem bewährten Bootsmann hatten.
Haushoch spritzten um uns die Wasser, brüllend zerschellten an
den Felsen die Wogen, nichts mehr war zu sehen, als eine gewaltige Wolke
von zerflatternden Gischt- und mitten hindurch jagte unser Boot, wie
getrieben von unsichtbaren Mächten.! Und plötzlich teilte
sich der Wasserstaubschleier vor uns: Felsen, Palmen, ein freier Landungsplatz,
ein Dorf, winkende Menschen. wie spielend glitt unser Fahrzeug in die
glatte Bucht von Apolima, das gewaltige Schauspiel war zu Ende. Hinter
uns lag ein Erlebnis, das nur wenige Europäer vor uns durchgemacht
haben. Glücklich war alles von statten gegangen, aber daß
solch eine Fahrt nicht immer glatt abläuft, bewiesen uns die vielen
Bootstrümmer, die am Strande verstreut umherlagen. Jetzt wurde
es uns klar, daß die Samoaner, namentlich die Bewohner von Manono,
das ihnen gehörige Apolima als uneinnehmbare Festung betrachteten,
in Kriegszeiten dorthin ihr Hab und Gut, Greise, Frauen und Kinder,
die wertvollen Matten und künstlerisch gearbeitetes Hausgerät
brachten. Diese Einfahrt kann kaum ein feindliches Boot durchqueren,
und wenn es dennoch gelingt, so ist es den am Ufer harrenden Kriegern
ein Leichtes, die eben der großen Gefahr Entronnenen niederzumachen.
Wenigstens war es so in Zeiten, als noch mit Speer und Keule, nicht
mit den ferntreffenden Feuerwaffen gekämpft wurde; das aber war
in Samoas großer Kriegszeit noch nicht der Fall.
"Malie,
malie" (gut gemacht, gut gemacht), riefen die Ansässigen von
allen Seiten dem Steuermann zu, umdrängten uns, gaben uns lachend,
plaudernd und fragend das Geleit bis zum Feletele, wo uns der Häuptling
mit der Taupu und seinen Freunden empfing. Draußen drängte
sich das staunende Volk, machte wohl seine Glossen über das Aussehen
der seltenen Gäste. Bald, nachdem der Kawatrunk vorüber war,
wurde uns auch klar, warum auf den Wink des Häuptlings hin, kurz
nach unserer Ankunft, so viele Neugierige plötzlich davongeeilt
waren. Jetzt kamen sie wieder, schwer bepackt. Der eine trug ein eben
erlegtes Schwein, andere brachten Hühner, wieder andere Körbe
voll Brotfrucht oder Kokosnüsse, Taroknollen und Bananen, Fische
und andere Seesterne. Binnen kurzer Zeit sammelte sich vor unserem neuen
Heim das halbe Dorf und brachte uns Gaben in reichster Fülle. Ein
Sprecher hatte Aufstellung genommen und rief, natürlich gewaltig
übertreibend, die Menge der Spenden aus. Selbsverständlich
nahmen wir diese nicht so einfach hin, sondern packten auch unsere mitgebrachten
Schätze aus, namentlich Messer und Beile für die Männer
und Lawalawa, die Hüfttücher, welche die jungen Mädchen
besonders schätzen. Dabei machten wir wiederum die interessante
Beobachtung, daß auch diese Insulaner ihre ausgesprochene Modefarben
haben, damals war es blau. Deshalb hatten wir auf den Rat eines erfahrenen
Ansiedlers hin außer den übrigen Geschenkten nur Kleidungsstücke
von blauer Farbe mitgenommen. Des Interesses halber hatte ich ein rotes
Tuch darunter gemischt. Aber so viele Geschenke wir auch während
des langen Aufenthaltes auf den Inseln zu machen hatten, für mein
schönes Tuch fand ich keine Abnehmerin, sie verweigerten sogar
die Annahme, ich mußte es wieder mitnehmen. Heute trägt meine
kleine Tochter ein Kleid aus diesem, einer Samoanerin zugedachten Lawalawa!
Natürlich wurde
so selten Gästen, wie wir es waren, alles Sehenswerte gezeigt,
und so auch der ganze Stolz der Insel, die Schule. Da saßen unter
Aufsicht eines alten Samoaners die kleinen Abc Schützen. Eifrig
schrieben sie auf ihre Schiefertafeln, erstaunlich sauber und gut, so
daß jeder deutsche Lehrer stolz gewesen wäre. Die Wände
des Schulzimmers schmückten Bilder aus allen möglichen illustrierten
Zeitschriften, und ganz Besonderes Interesse herrschte für die
Kriegsschiffe.
Möglichst genau sollte
ich die Gegenstände erklären, die Größe der Schiffe,
Kanonen und Geschosse, alles schien dem Lehrer verständlich zu
sein, nur in einem Punkte hegte er Zweifel und fragte mich auf Ehre
und Gewissen, ob es denn wahr sei, daß die Schiffe wirklich aus
Eisen wären. Hier haperte es mit seinem Auffassungsvermögen.
Eisen sinkt doch im Wasser unter, meinte er. Als ich ihm dann sagte,
er könne sich ja im Hafen von Apia davon überzeugen, schüttelte
er mit dem Kopfe. Früher sei er wohl ab und zu von Apolima weggekommen,
aber damals hätte es noch keine großen Schiffe dort gegeben,
jetzt sei er zu alt zu der Reise. So wird er wohl seinen Zweifel mit
ins Grab genommen haben, denn seinen Landsleuten glaubte er vielleicht
noch weniger als mir.
Während die Vorbereitungen
für den am Abend angesetzten Siwa getroffen wurden, wanderten wir
auf der Höhe des Kraterrandes rings um die kleine Insel. Von hier
aus bot sich einentzückender Blick über das Eiland, das weite
Meer und die aus ihm aufragenden größeren Inseln, Klippen
und Risse. Bei dem Rundgang kamen wir auch an ein kleines Häuschen,
von dem sich das Meer ganz besonders gut überblicken ließ,
- ein alter Wachturm. Hier befand sich in früheren kriegerischen
Zeiten ständig ein Posten und hielt scharfe Ausschau nach etwa
nahenden Feinden. Keiner konnte bei Tage nahen, ohne daß er gesehen
worden wäre. Bei Nacht aber schützte der Meergott die Insel
mit gewaltiger Brandung, durch die sich ja selbst bei Tage nur die erfahrensten
Lotsen wagen konnten. Uns interessierte es natürlich auch zu messen,
wie hoch der Gischt an der Einfahrt spritzte, denn selten hatten wir
auf unseren weiten Seereisen eine so gewaltige Brandung gesehen. Da
konnten wir denn feststellen, daß er an diesem Tage, obgleich
es gar nicht einmal stürmisch war, höher als vierzig Meter
geschleudert wurde. Was muß das erst für ein Schauspiel sein,
wenn ein Orkan das Meer gegen die Felsenriffe schleudert!
Die Sonne war gesunken,
in den Hütten flammte Licht auf, auf den Dorfplätzen brannte
ein mächtiges Feuer, hier sollte heute der Tanz stattfinden. Wir
hatten uns gelagert, und bald erschienen Tänzer und Tänzerinnen.
Erst nur ein Reigen, ein rhythmisches Reigen und Heben des Körpers
und der schöngeformten Arme in graziösen Bewegungen. Allmählich
aber kam Feuer in die Tänzer. Sie erhoben sich, glitten hin und
her, die Körper schnellten sich vom Boden ab, wilder, immer wilder
warfen sich die glänzenden Leiber, bestrahlt von den zuckenden
Flammen des Lagerfeuers. Das war nicht mehr der gesittete Siwa, wie
wir ihn in Mulinuu gesehen hatten, sondern der wilde, rasende Tanz eines
Naturvolkes. Immer stärkere Leidenschaft ergriff die Teilnehmer,
der Atem flog, gellend hallten die Rufe, und in wilder Luft sprangen
die Tänzer mit ihren Partnerinnen durch das hoch auflohende Feuer,
daß die Funken stoben. Beifall ringsum, müde, erschlafft
ließen sich die Paare zu Boden fallen. Immer neue traten an, zu
zweien und dreien. So ging es stundenlang, scheinbar unermüdlich.
Dann stimmten sie mit sehr schönen, weichen, warmen Stimmen Gesänge
an. Plaudernd saßen wir unter diesen glücklichen Menschen.
Hier war der Siwa fast noch ursprünglicher als in Sawaii.
Allmählich trat in den
Hütten Ruhe ein, die Plappermäulchen standen still, und auch
wir streckten uns auf den über die steinigen Fußböden
gebreiteten Matten aus. Aber kaum waren wir wir eingeschlummert, lagen
vielleicht noch im Halbschlaf - denn die durch die vielen wechselnden
Eindrücke des Tages aufgepeitschten Sinne fanden nicht so schnell
Ruhe -, da wurden wir hin - und hergeschüttelt. War das ein Fieber,
das uns plötzlich gepackt hatte, oder sollte Mafuie, der Erdbebengott,
grollen, daß Weiße so dreist gewesen waren, seine Insel,
seinen Mund zu betreten? Dumpf rollte es unter uns im Erdinnern, wieder
schwankte der Boden. Ich spreng auf, denn so viele Erdbeben ich schon
mitgemacht habe, immer wieder empfinde ich sie sehr unangenehm. Draußen
auf dem Dorfplatz torkelte ich wie betrunken hin und her, so gewaltig
wurde die Mutter Erde gerüttelt. Bald trat aber Ruhe ein. Die Inselbewohner
hatten sich nicht sonderlich aufgeregt, nur einige waren aus den Hütten
gekommen. Viele hatten das Beben in ihrem tiefen Schlaf vielleicht gar
nicht bemerkt. Meine Nerven waren aber, namentlich, da mich noch dazu
in der Nacht ein heftiges Fieber überkam, zu sehr in Aufruhr, ich
konnte keine Ruhe finden, ging langsam durch das Dorf, das schweigend
um mich lag. Ringsum die steil aufstrebenden Wände des Kraterrandes,
überragt von einzelnen Kokospalmen, darüber gewölbt der
lichtblaue Mondhimmel. Draußen donnerten die wütende Brandung
ihr ewiges wechselndes Lied, nagte langsam, aber unablässig an
den Felsenklippen, die ihr den Eingang in die friedliche Bucht verwehrten,
bald lauter, bald leiser. In den Lüften zogen ein paar verspätete
Regenpfeifer; wehmütig wie eine ferne Totenklage hallte ihre Stimme,
sie zogen hinüber nach Sawaii, denselben Weg, den nach dem Glauben
der Samoaner ihre Toten nehmen, ehe sie in die Unterwelt eingehen. Lange
saß ich in der lauen Nacht, in Gedanken versunken, dachte an Vergangenes,
an die Zukunft, an das, was ich auf der langen Reise geschaut. Aber
im Bann hielt mich am meisten dieses Eiland mitten im Weltmeer mit seinen
gastfreien, liebenswürdigen Einwohnern. Da berührte mich eine
braune Hand, ich fuhr empor, die Taupu war es. "Bist du krank?",
fragte sie, "oder warum schläfst du nicht?" Sie setzte
sich neben mich, und ich mußte ihr von Europa erzählen. Es
kam mir vor, als wäre ich nun erst recht im Märchenland.
Sehr traurig waren unsere
Gastgeber, als wir am nächsten Morgen schon wieder weiterreisen
wollten, und damit wir wenigstens Apolima in guter Erinnerung behalten
sollten, beschenkten uns die liebenswürdigen Menschen auch hier
mit allerhand Gegenständen.
War die Einfahrt nach
Apolima schon nicht einfach gewesen, so war die Ausfahrt eher noch schwieriger.
Denn diesmal mußte das Zurückweichen des Wassers abgewartet
werden. Außerdem war es nötig, daß wir die Zeit der
eintretenden Ebbe benutzen, und Augenblicke, in denen die unregelmäßig
heranrollende Meeresbrandung etwas nachließ. Von den rechts und
links der Einfahrt aufragenden Felsen beobachteten die Eingeborenen
unsere Abfahrt. Aufmerksam, die ganze Kraft zusammennehmend, arbeitenden,
unter den Augen so scharfer Kritiker, unsere Leute. Es war ein eigentümliches
Gefühl, diesmal den heranrollenden wasserungetümen die Stirn
zu bieten, sie um sich her an den Felsen zerschellen zu sehen und selbst
ihr Zurückweichen auszunutzen, um das offene Meer zu erreichen.
Als wir die schmale Fahrrinne durchfuhren, überschütteten
uns Unmassen Wasserstaub und schlugen zum Teil in unser Boot. Aber glücklich
glitten wir hinaus, wurden draußen noch etwas hin -und hergeworfen,
dann wendete unser Boot, und heimwärts ging es, wieder Upolu zu.
Von den Felsen winkten Menschen, die wir nie im Leben wieder sehen sollten.
Quelle:
Sturm - und Sonnentage auf Samoa, Dr. Arthur Berger, 1923 Verlag Deutsche
Buchwerkstätten, Jadu 2000
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