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Karl Peters

Von Dr. Albrecht Wirth

Dem früheren Reichskommissar für Deutsch-Ostafrika Dr. Karl Peters soll jetzt eine Jahrespension aus dem kaiserlichen Dispositionsfonds bewilligt werden; eine späte Genugtuung für den jetzt achtundfünfzigjährigen, um sein Vaterland hochverdienten Kolonialpolitiker, dem Deutschland eine seiner größten und wertvollsten Kolonien, Deutsch-Ostafrika, verdankt, und der gleichzeitig zu den meistumstrittenen Männern unserer Zeit gehört. War doch Dankbarkeit nie des deutschen Volkes Stärke.

Vom Himmel fällt aus der Götter Schoß das Glück. Es gibt Helden, die fast mühelos ihr Ziel erreichen, ja, noch jenseits all ihrer Wünsche und Erwartungen im sicheren Hafen landen. Es gibt andere, die ein ungeheures Wollen und in der Durchführung ihrer Pläne titanischen Trotz zeigen, und die dennoch scheitern; der Grund kann an ihnen, er kann aber auch an der Trägheit und dem Unverständnis der Mitwelt liegen. Dann gibt es noch eine dritte Art von kühnen Wagern, die meteorgleich aufleuchten, um dann wieder in in lange dunkle Nacht zu versinken. Zu welcher von den drei Gattungen gehörte Karl Peters? Die Frage ist gar nicht leicht zu beantworten, denn das Leben gleicht nur selten schurgerade Pappelalleen oder geometrisch zugeschnittenen Versailles Parks; es hat keine Engel und Bösewichter, wie sie in vollkommener Reinzucht auf der Bühne erscheinen; es bevorzugt vielmehr die Buntheit und Mannigfaltigkeit; es liebt , die Charaktere zu mischen, ja zu verwirren, und nicht minder die Schicksale. Peters hat einen glänzenden Aufstieg gehabt. Nach jähem Sturze war er dann eine Zeitlang verschollen, trat aber wieder in die Augen der großen Welt wie seiner Mitbürger im besonderen und war nahe daran, in den Reichstag zu kommen und neuerdings ein politischer Faktor von Bedeutung zu werden. Das mißlang; dafür glückten ihm nach langer zäher Arbeit seine Minengeschäfte, und die Heirat mit einer jungen Kölnerin, und die Reichspension warf einen versöhnenden Schimmer auf seine späteren Jahre.

Karl Peters ist 1856 in Kleefeld, das jetzt in Hannover eingemeindet ist, geboren. Seine Geschwister — ein Bruder, Apotheker, und zwei unverheiratete Schwestern — sind zwar von Angesicht dem großen Bruder ähnlich, aber sonst bemerkenswerterweise geradezu der Gegenwurf von ihm. Sie haben alle Tugenden, von denen das bürgerliche Leben geziert wird, und sind von einer rührenden Bescheidenheit, ja Weltabgewandtheit. Dabei hingen sie mit zärtlicher Liebe an Karl; die Schwestern kamen zu dem Prozesse nach München, um ihren herzlichen Anteil zu bezeugen, vermieden es jedoch, die Gerichtsräume bei der Verhandlung selbst zu betreten. Die Anfänge des ehrgeizigen Hannoveraners bewegten sich in gewohnten Bahnen.

Er studierte auf den Universitäten von Bonn und Berlin Rechte, Volkswirtschaft und Geschichte. Er war Mitglied des Vereins Deutscher Studenten, der damals erst schüchtern sein Haupt erhob, und erst später, zum Teil unter dem Einfluß Stöckers, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Auch hat Karl damals eine Reihe von Partien geschlagen. Er hatte es offenbar mit recht honorigen Gegnern zu tun gehabt, denn die Terzen und namentlich die Durchzieher auf seiner Backe waren durchaus kunstgerecht. Nunmehr ereignete sich schon eine kleine Ungewöhnlichkeit: der junge Doktor ging nach London, um dort seine nationalökonomischen und politischen Studien weiter zu betreiben. Ist ein solcher Schritt selbst heute, im Zeitalter Cecil Rhodescher Studenten, eine Ausnahme, so war er damals vollkommen eine fast unerhörte Seltenheit. Bald aber sollte es noch merkwürdiger kommen. Der Doktor wollte von Worten, Theorien und Phrasen nichts mehr wissen, er dürstete nach Taten. In dem Kreise von Friedrich Lange, der ja ebenfalls dem B.D.St. nahesteht, ward er mit verschiedenen Leuten bekannt, die von der Notwendigkeit durchdrungen waren, dem Deutschen Reiche überseeische Gebiete zu verschaffen. Seit zwei Jahren war eine greifbare Kolonialbewegung in Deutschland entstanden und war bereits zu ziemlicher Macht angeschwollen. Trotzdem war es keineswegs leicht, die erforderlichen Mittel zur entscheidenden Tat, zu einer Flaggenhissungs Expedition zu finden. Es dauerte länger als ein halbes Jahr, bis endlich die Mittel — und recht spärliche — bereit standen.

In Gemeinschaft mit Graf Pfeil und Jühlke begab sich Peters nach Sansibar. Teils um kein Aufsehen zu erregen, teils um zu sparen, fuhren die drei "Argonauten" (wie die englischen Feinde spöttisch sagten) im Zwischendeck nach Ostafrika. Sie hatten das Glück, in Sansibar einen Mann zu finden, ohne den die Ausführung der schwierigen Expedition in Frage gestellt worden wäre oder zum mindesten sich sehr schwierig gestaltet hätte: Kurt Töppen. Dieser war seit Jahren in einem deutschen Geschäft auf der Insel tätig und hatte im Auftrag seiner Firma schon mehrfach Reisen nach dem Festland unternommen, verstand Suaheli und wußte trefflich mit den Eingeborenen umzugehen. Später ist Töppen ganz Mohammedaner geworden und hat auf eigene Rechnung und Gefahr abenteuerliche Reisen am Persischen Golf und in Maskat ausgeführt.

Die von Berlin kommenden Expeditionsmitglieder verstanden begreiflicherweise kein Suaheli und waren überhaupt mehr mit Gottvertrauen als mit afrikanischen Erfahrungen ausgestattet. Genug, der große Schlag gelang: Verträge wurden mit Häuptlingen in Usagara und Usambara abgeschlossen, und die Grundlage unseres ostafrikanischen Reiches war gelegt. In der Folge veruneinigten sich sämtliche vier Teilnehmer der ruhmreichen Tat, und ein jeder einzelne sagte: "Das habe ich eigentlich gemacht". Man darf das nicht zu tragisch nehmen. Diese Veruneinigung ist ein Phänomen, das man sehr häufig bei Expeditionen beobachten kann. Als ich einmal in Wladiwostok war, hörte ich, daß eine Gesellschaft von drei Forschern, die seit zwei Jahren Nordostsibirien bereiste, gerade in der Stadt angekommen sei, und als ich mich nach ihrer Wohnung erkundigte, um das Handwerk zugrüßen, da ergab sich, daß jeder einzelne der zurückgekehrten Reisenden in einem anderen Gasthof hauste.

In jedem Fall erwies sich Peters, nachdem einmal die ostafrikanischen Erwerbunen — nicht ohne Widerstreben — von Bismarck bestätigt worden waren, als die seele der neuen Kolonie. Er allein besaß den staatmännischen Überblick und er allein die notwendige Zähigkeit und Tatkraft. Mit staunerswerter Leichtigkeit fand er sich in den neuen Beruf, der so ganz das Gegenspiel von gelehrten Stubenhocken war. Es galt da, sich als Kaufmann und börsengewandter Gründer, als Linguist und Ethnolog, als Krieger und Jäger zu betätigen. Derartiges Hineinleben in einen völlig anderen Beruf sind wir eigentlich nur von Amerika, der Heimat eines Roosvelt, gewöhnt. Gerade hierin, in der Mannigfaltigkeit des Tuns und Erlebens, durch die der heutige in eigen Rahmen eingezwängte Berufsarbeiter so recht eigentlich wieder zum Menschen wird, sind seitdem die Kolonien unsere besten Lehrmeisterinnen gewesen. Peters zeigte sich in allen Sätteln gerecht. Er gründete die Ostafrikanische Gesellschaft, er überwachte selber das Einkaufen und Verpacken der waren, er wurde einer der erfolgreichen und gefürchtesten Befehlshaber schwarzer Truppen, er führte Krieg und ging auf die Nilpferdjagd; daneben beschäftigte er sich damit, dunkle Punkte der Topograhie und Ethnographie aufzuklären.

Ein richtiger Afrikaner muß eben ein Universalmensch sein. Dreimal war dergestalt Peters im Auftrage der Ostafrikanischen Gesellschaft in dem neuen Lande, das sich inzwischen durch neue Verträge bedeutend vergrößert hatte. Den Höhepunkt seines Lebens bildete der siegreiche Zug, den er von Wituland nach Uganda unternahm. Die Schwierigkeiten und Gefahren, die er hier zu bestehen hat, waren weit größer als die fünf Jahre zuvor, die von 1884, und die Art, wie er sie bestand, war im höchsten Grade dramatisch. Eine internationale Flotte, die vom britischen Admiral Freemantle befehligt wurde, hatte die Blockade über die Küsten Ostafrikas verhängt; von dem Blockadegeschwader, und nicht zum mindesten von dem deutschen Admiral Deinhardt gehindert, vom Berliner Auswärtigen Amte nicht anerkannt oder geradezu desavouiert, hat der hartnäckige Peters dennoch felsenfest seinen Entschluß durchgeführt.

Er täuschte die Wachsamkeit der Flotte, indem er von Sansibar einen südlichen Kurs nahm, dann, auf hoher See, die Segel wandte und den Kiel nach Norden kehrte, um in Witu, nördlichvom Maonbassa, zu landen. Ein plötzlich ausbrechender Sturm erleichterte das Vorhaben; freilich waren alle an Bord seekrank, und außerdem ging, da die Fahrt tagelang, viel länger als erwartet, dauerte, das Trinkwasser aus. Der erfindungsreiche Kommandant kieß Segeltücher ausspannen, um den Regen einzufangen und damit die Mannschaft zu tränken. Als zweck dieser neuen Expedition war der Welt mitgeteilt worden: Emin Pascha zu befreien; tatsächlich aber handelte es sich um die Eroberung Ugandas. Peters dachte an die Schaffung zweier großer Transkontinentalreiche. Das eine sollte von der Santa Lucia Bai, südlich von Delagoa, über das verbündete Transvaal nach dem Hottentottenlande, bis zu den Mündungen des Oranje und des Kunene reichen; das andere sollte ebenfalls den Indischen mit dem Atlantischen Ozean verknüpfen, aber weiter im Norden, zwischen Sansibar und Kamerun. Als Knauf, als Eckstein dieses Nordreiches, das womöglich noch Abessinien zu umfassen hätte, war Uganda in Aussicht genommen. Es war daher der größte Schmerz für Peters, daß gerade dieses fruchtbare, reiche und gut bevölkerte Gebiet (3 Millionen Seelen), daß gerade Uganda wieder preisgegeben und den Engländer überlassen wurde.

Peters wurde Reichskommissar und erhielt auf sein eigenes Betreiben den Rang und die Uniform eines Oberstleutnants. Jedermann hat nun in Afrika seinen Karawanennamen. Der eine heißt Bana Mtumba (Herr Bauch), weil er, wie die Bayern sagen, recht "wampet" ist; ein anderer Bana mkoffia mbaya ( der Herr der schlechten Mütze), weil er einmal in seinem Leben mit einem üblen Hut auf die Straße ging; ein dritter wird als der Herr angesprochen, "der gern nach den jungen Mädchen sieht". Purtscheller, der Begleiter Hans Meyers, hieß Angantir (der Geier), weil er so unglaublich gern Bananen aß. Ähnlich wurde Peters, weil er mit den Uniformachselstücken etwas nervös hin und her zuckte, "der die Schultern Bewegende" genannt. Auch wurde er gelegentlich Bana mkali 8der scharfe Herr) genannt. Der berühmte Mann wurde zu Hause jetzt stark gefeiert, in Berlin namentlich auch von den Frauen. Vielleicht zu willig gab sich Peters den Vergnügungen der Großstadt hin.

Doch hinderten sie ihn nicht, neuerdings, diesmal zur Grenzregulierung am Kilimandscharo, nach Ostafrika zu gehen und im Jahre 1895 ein vortreffliches Buch über unsere große Kolonie zu schreiben. Ich war 1893 am Kilimandscharo und wurde mit Frazer bekannt, der sich zwanzig Jahre lang unter den Eingeborenen am Sambesi, unter Massai und Wadschagga, herumgetrieben und eine so gute Kenntnis der einheimischen Sprachen erworben hatte, das er als Dolmetscher von der Grenzregulierungskommission angestellt wurde. Gerade aus dem Mund dieses Engländers habe ich das höchste Lob über Peters gehört. Allerdings wurde auch die fatale Geschichte von der Jagodscha erzählt; ich hielt es aber nicht für angezeigt, die Geschichte an die große Glocke zu hängen. Einige Jahre später brach sie dem Reichskommissar den Hals, und viele Jahre später, 1907, ist noch ein Sensationsprozeß aus der Hinrichtung der Jagodscha entstanden. Der Prozeß, der dramatischste und an Begebenheiten wie an Schauplätzen (Afrika, Südamerika, der Altai wurden einbezogen) mannigfaltigste, dem ich je beigewohnt, wurde in München verhandelt und endete zugunsten von Peters, den das Münchener Sozialistenblatt "Post" einen Sadisten genannt hatte.

Wegen eines Negerweibes aus dem Reichsdienst verstoßen, begab sich Peters 1896 nach London. Er suchte sich ein neues Arbeitsfeld am unteren Sambesi, wo er die Goldminen König Salomons wiedergefunden zu haben glaubte. In der Tat spricht vieles dafür, daß die Sofala, in dem ältesten Text des Alten Testaments (der Septuaginta) Sofira genannt, mit dem salomonischen Orphir eindeutig sei; auch hat man ja sabäische Denkmäler aus uralter Zeit und hebräische Münzen in Zimbabwe, dem Hinterlande der Sofala, gefunden. Auf das Goldvorkommen deute ich übrigens einen kaum beachteten Bericht, der bei einem Byzantiner des ausgehenden 6. Jahrhunderts, bei Kosmos Indikopleustes, steht. Da ihm die deutsche Gesellschaft verschlossen war, suchte der Hannoveraner die englische auf, und siehe da, die Türen wurden ihm angelweit geöffnet. Das Volk, daß er zeit seines Lebens am heftigsten bekämpft hatte, ließ ihm Gerechtigkeit widerfahren und nahm ihn am freundlichsten auf. Eine Frucht seines langjährigen Londoner Aufenthaltes war das klassische Buch "England und die Engländer". Nicht weniger als fünfmal war Peters jetzt unten bei seinen Minen am Sambesi, aber erst 1909, als der Kolonialaufschwung unter Dernburg bei uns eine Hochkonjunktur überseeischer Werte herbeigeführt hatte, lächelte ihm das Glück, so daß er seine Ophiraktien mit Vorteil abstoßen konnte.

Mißlungen ist ihm, wie schon angedeutet, der Versuch, für den Reichstag zu kandidieren. Dagegen hat er wenigstens publizistisch in den letzten Jahren wieder recht eifrig die deutsche Politik zu beeinflussen gesucht. Er war sicher, gehört zu werden, wenn er seine Stimme erhob. Der vielseitige Mann behandelte in zahllosen Aufsätzen, die er zu einer starken Schrift über "Weltpolitik" zusammenfaßte, nicht nur afrikanische und nordamerikanische Fragen, sondern auch Probleme des nahen und fernen Orients.

Für alle Zeiten aber wird Peters als der Gründer der größten uns aussichtsreichsten deutschen Kolonie in den Tafeln der Geschichte, verzeichnet bleiben.

Quelle: Reclams Universum, Weltrundschau 1914, von rado jadu 2000

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