Der Segelflug
Von Dr.-Ing. P. Schuster
Wer kennt wohl das Lied
von dem Knaben, der im sonnigen Herbst, wenn der Stoppelwind weht, seinen
Drachen steigen läßt und nun sehnsuchtsvoll zu ihm hinaufschaut
und denkt:
|
so draußen liegen im sonnigen Strahl,
ach wer das doch könnte,
nur ein einziges, nur ein einziges Mal!
|
|
Ja, das war noch vor kurzem
ein unerfüllbares Verlangen, aber jetzt, seit wenigen Jahren erst,
da ist auch dieser Traum zur Wirklichkeit geworden. Zwar fliegen, das
können die Menschen mit ihren gewaltigen Maschinen nun schon seit
einer geraumen Zeit, und unsere kleinen Buben und Mädchen, die kennen's
gar nicht anders, und es erscheint ihnen ebenso selbstverständlich,
wie ihren Eltern in der Jugendzeit das Reisen mit der Eisenbahn und Dampfschiff.
Aber das vom knatternden Motor und sausenden Propeller vorwärts getriebene
und emporgehobene Flugzeug, das bleibt doch immer noch ein Fahrzeug, das
uns einengt, und eine Maschine, die mühsam und unter Anspannung aller
Kräfte meistern muß. Aber frei im Luftraum schweben, leicht
und sicher wie der Drachen, der sich an seiner Schnur in den Lüften
wiegt, und wie der Vogel, der Still über Feld und Wald seine Kreise
zieht, das vermochte uns auch das kunstvolle Motorflugzeug nicht zu bringen.
Dieses Sehnen konnte erst gestillt werden, als der Segelflug zur Wirklichkeit
wurde.
Wie kam das wohl, daß
es mehr als eines vollen Jahrzehnts des erfolgreichsten und gewaltigsten
Motorfluges bedurfte, ehe der erste Segelflug glückte? Hatte denn
nicht das Fliegen gerade mit motorlosen Flugzeugen begonnen, als Lilienthal
und die Brüder Wright sich zuerst auf ihren Gleitflügen der
Luft anvertrauten? Gewiß, es waren Gleitflüge auf geräuschlos
dahinschwebenden, motorlosen Flugzeugen, die zum ersten Mal den Menschen
hinausführten in den unendlichen Luftraum, von deren beseligender
Schönheit Lilienthal begeistert berichtet. Aber wenn es auch gelang,
diese Flüge über viele Hunderte von Metern auszudehnen, so blieben
es doch abwärtsgerichtete Flüge, die von einer Höhe aus
vorgenommen werden mußten und ihrer Länge und Dauer darum eng
begrenzt waren. Sich in die Luft emporzuschwingen, das konnte der Mensch
mit eigener Kraft nicht erreichen, und so nahm er den Motor zu Hilfe und
vermochte nun vermöge der ihm zu Gebote stehenden ungeheuren Maschinenkräfte
auch die schnellsten und stärksten Vögel an der Geschwindigkeit
und Flughöhe zu überbieten. Aber eines konnte er dem Vogel doch
noch nicht nachmachen, das war der Segelflug
Der
Segelflug wurde von Naturforschern und Technikern lange Zeit als ein großes
Geheimnis der Natur betrachtet. Denn das eine war durch zahlreiche Beobachtungen
unzweifelhaft festgestellt: Der Vogel konnte ohne irgend welche sichtbare
Flügelbewegung sich nicht nur schwebend erhalten, sondern auch noch
an Höhe gewinnen. Darüber wurden allerhand Theorien entwickelt,
die zum Teil mit den Gesetzen der Mechanik gar nicht in Einklang zu bringen
waren. So sollte der Vogel eine Flügelform besitzen, die im Winde
einen Vortrieb entwickelte, größer als der Luftwiderstand von
Flügeln und Rumpf. oder die Feder sollte die Fähigkeit besitzen,
ganz unbekannte Kräfte zu erzeugen. Zum mindesten sollte der Vogel,
wenn er auch scheinbar unbeweglich seine Schwingen ausgebreitet hielt,
doch aus der Ferne unsichtbare schnelle kleine Bewegungen ausführen,
die sich nur auf die Federn übertrugen, aber doch einen Leistungsaufwand
des Vogels erforderten.
Der Grund für dieses
unsichere fehlerhafte Umhertasten lag in der geringen Kenntnis von der
Entstehung der Luftkräfte an den Tragflächen und der Strömungsvorgänge
an Körpern überhaupt, sowie an den falschen Vorstellungen über
die Bewegungen im Luftmeer und die Eigenschaften des Windes. Erst sie
sorgfältigen Untersuchungen von Körpern und Flächen in
den Laboratorien, wie sie die fortschreitende Flugtechnik erforderte,
und die Beobachtungen der Meteorologen und Flieger haben diese Fragen
geklärt. Jetzt erst wissen wir, daß es möglich ist, Körperformen
zu schaffen, die trotz eines großen Inhalts und Querschnitts doch
nur einen geringen Luftwiderstand erzeugen, und daß man durch sorgfältige
Ausbildung des Flügelprofils, der Gestalt und Umrißform der
Tragfläche bei kleinem Widerstand einen ungeahnt großen Auftrieb
erzielen kann. Der Wind ist für uns jetzt auch keine gleichmäßige,
wagrechte Verschiebung der Luftmassen mehr, sondern es ist uns bekannt,
daß seine Geschwindigkeit zumeist regelmäßige Schwankungen
aufweist. Auch wissen wir, daß in der scheinbar ruhenden Luft sich
zahlreiche auf- und absteigende Strömungen ausbilden und der Einfluß
von Unebenheiten oder verschiedener Wärmeaufnahme des Erdbodens sich
bis in bedeutende Höhen erstreckt.
Nun sehen wir mit einem
Mal, daß auch beim Segelflug des Vogels alles mit rechten Dingen
zugeht, und daß er die Gesetze der Mechanik nicht über den
Haufen wirft. So muß er denn auch für den Menschen durchführbar
sein!
Wir wissen jetzt, daß
es nicht nur eine einzige Erklärung für den Segelflug gibt,
sondern daß verschiedene Möglichkeiten dafür bestehen,
im Winde ein Gleitflugzeug, wie es der segelnde Vogel oder das Bauwerk
des Menschen darstellt, schwebend zu erhalten und der bewegten Energie
zu entziehen. Der Vogel nützt offenbar alle diese Mittel gemeinsam
aus, sobald sie sich ihm anbieten. Der Mensch hat erst mit dem einfachsten
den Anfang machen können.
Diese einfachste und häufigste
Gelegenheit zur Ausführung des Segelflugs bieten die aufsteigenden
Luftströmungen. Früher hatte man diese Luftbewegungen nicht
genügende Aufmerksamkeit gewidmet und ihre Ausdehnung und Stärke
bedeutend unterschätzt. Erst die Erfahrungen der Flieger lehrten,
daß bis zu sehr großen Höhen derartige Luftströmungen
sich einstellen. Ihre Hauptursache sind Unebenheiten des Bodens, über
den der Wind dahinstreicht. So ist die Wirkung der dichten Baumreihe einer
quer zur Windrichtung verlaufenden Landstraße noch in 300 m Höhe
deutlich wahrzunehmen. Noch stärker lenken natürlich Hügelreihen
und Bergrücken den Luftstrom des Windes nach oben ab.
Welch starken Einfluß
auch schon kleine Bodenerhebungen auf die Luftbewegung ausüben, führt
uns übrigens die Natur selbst in der Dünenbildung vor Augen.
Schon manchen Besucher der Meeresküste hat es wohl Kopfzerbrechen
gemacht, daß auf dem flachen Küstengelände gerade vorn
an der Wasserkante mächtige Dünen aus losem Sande liegen, die
nur der Wind aufgeschüttet haben kann.
Wie dies möglich war, erkennt man am besten an denjenigen Stellen,
wo das Meer durch Anfressen des Landes eine, wenn auch nur niedrige, aber
steile Bruchkante erzeugt hat, wie zum Beispiel auf der Insel Sylt (s.
Abb.). Vor der Bruchkante zieht sich am Strande noch ein Streifen
sandbedeckten Strandes hin. Wenn nun der Wind vom Meer her wild über
das Land führt, wirbelt er den Sand auf und führt ihn fort.
Nur an windstillen Plätzen kann dieser Flugsand wieder abgelagert
werden; die Sandablagerungen machen also die Stellen sogenannten Windschattens
kenntlich, wo keine Luftbewegung hinreicht. Die an der Bruchkante hochaufgeschichteten
Dünen zeigen also plastisch den Verlauf der Luftströmung an
dieser Stelle und beweisen, daß der Wind hier scharf nach oben abgelenkt
wurde, so daß unmittelbar hinter der Bruchkante ein windstiller
Raum für die Sandablagerung entstand; die oberen Luftströmungen
aber müssen nun hoch über die Düne aufsteigen. Das ist
dann ein Gebiet, in dem die Vögel mühelos segeln können.
Eine andere Ursache für
aufsteigende Luftströmungen ist in der Erwärmung der Luft am
sonnenbeschienenen Erdboden zu suchen, die je nach der Beschaffenheit
des Bodens, also je nachdem feuchte Wiesen, Felder, trockener Sand oder
Wälder vorhanden sind, verschieden groß ist. Das Aufsteigen
findet nur an den Stellen der stärksten Erwärmung statt und
zum Ausgleich stellt sich über den kühleren Bezirken ein Sinken
der Luftmassen ein. Die Flieger wissen denn auch viel zu erzählen
von guttragender Luft" und von Luftlöchern".
Wer das Gelände gut kennt, weiß mit diesen, ganz regelmassig
an bestimmten Stellen auftretenden Luftströmungen genau Bescheid
und vermag sie auszunutzen, wie dies sicherlich auch der segelnde Vogel
tut.
Schließlich
ist noch eine dritte Quelle für aufsteigende Luftströmungen
vorhanden, und diese liegt im Winde selbst. Schon Lilienthal hatte sie
erkannt und in seinem Buche aus dem Jahre 1889:
Der Vogelflug
als Grundlage der Fliegekunst", auf Grund sorgfältiger Beobachtungen
ausführlich beschrieben. Er fand, daß der Wind gar nicht,
wie angenommen, eine im Mittel wagrechte Luftbewegung darstellt, sondern
daß im Winde die Luft sich durchschnittlich unter einem Winkel
von 3° bis 4° aufwärts bewegt. Trotz Lilienthals überzeugender
Darstellung wurden seine Angaben von allen Seiten bezweifelt. Denn
woher sollte wohl die immer aufs Neue vom Boden aufsteigende Luft
kommen? Doch auch neuere Forschungen haben die von Lilienthal gemachte
Entdeckung bestätigt, so daß man seine Angaben als Tatsache
hinnehmen muß. Und man kann das auch ruhig tun, ohne an einen
geheimnisvollen Verstoß gegen die vertrauten Naturgesetze zu
glauben. Denn bei näherer Überlegung muß. man erkennen,
daß der ganze Vorgang der Luftbewegung im Winde sich ohne diese
Aufwärtsbewegung in der Nähe des Erdbodens gar nicht abspielen
kann. Wenn die Luft, wie dies beim Winde doch zweifellos der Fall
ist, sich von einem Gebiet höheren Druckes nach einem entfernten
Ort niederen Druckes bewegt, so müssen doch die im Hochdruckgebiet
lagernden Luftmassen die ihnen im Wege liegende Luft vor sich herschieben.
In größeren Höhen kann diese Bewegung glatt und schnell
vonstatten gehen; am Erdboden aber finden die Luftmassen Widerstand
und stauen sich. Hier muß. sich also eine Schicht etwas verdichteter
Luft bilden, die sich nach oben ausdehnt und dabei der Windrichtung
eine schwache Steigung nach oben gibt.
Alle diese aufsteigenden
Luftströmungen kann der Flieger ausnützen, ohne etwas anderes
zu tun als seine Tragflächen für den Gleitflug einzustellen.
Er gibt ihnen zu diesem Zwecke eine leichte Neigung nach vorn abwärts.
Dann treten für das mit seinen Tragflächen gewissermaßen
auf einem Luftpolster ruhende Flugzeug dieselben Kräfteverhältnisse
auf, als ob es ohne Reibung auf einer
schiefen Ebene läge. Es gleitet also unter der Einwirkung der Schwerkraft
in Richtung seiner Unterlage ab und bewegt sich dabei mit genügender
Geschwindigkeit vorwärts, um an seinen Tragflächen die zum Schweben
erforderliche Auftriebskraft zu erzeugen. In ruhiger Luft kann man sich
diesen Vorgang ohne weiteres vorstellen. Wie aber wird es, wenn das Flugzeug
im Wind seinen Gleitflug durchführt?
Da müssen wir uns
zunächst einmal klar machen, wie eigentlich das Flugzeug einen mit
gleichmäßiger Geschwindigkeit in wagrechter Richtung wehenden
Wind empfindet. Es zeigt sich, daß das Flugzeug diesen Wind hinsichtlich
des Fliegens überhaupt nicht spürt. Es wird allerdings in der
Windrichtung abgetrieben, aber das hat mit dem Schweben und der Auftriebserzeugung
nichts zu tun, denn für diese ist nur die Bewegung des Flugzeugs
gegenüber den Luftmassen maßgebend. Wie sich im übrigen
die Luftmassen gegenüber dem Erdboden verhalten, ob sie bei Windstille
ruhig über dem Boden lagern oder sich im Winde über ihn hinbewegen,
ist für die Bewegung zwischen Flugzeug und Luft gleichgültig.
An der Tragfläche entstehen die Luftkräfte ja auch in gleichem
Masse, wenn die Tragfläche sich mit dem Flugzeug gegen die Luft oder
im Windkanal des Laboratoriums oder am Drachen die Luft sich gegen die
Fläche bewegt. Das Flugzeug bewegt sich also im Winde schwimmend
geradeso wie in ruhender Luft. Wenn es also mit einer Geschwindigkeit
von 20 m/s sich unter einer Neigung von 1 : 20 im Gleitflug vorwärtsbewegt,
so sinkt es in einer Sekunde um einen Meter; kann es bei dieser Neigung
seine Geschwindigkeit auf 10 m/s verringern, ohne seine Schwebefähigkeit
einzubüßen und durchzusacken, so sinkt es nur um einen halben
Meter.
Wenn
der Wind nicht wagrecht weht, sondern leicht nach aufwärts, so muß.
er das Flugzeug ebenso emporheben, wie er es in wagrechter Richtung abtreibt,
und dieses Emporheben fällt natürlich um so stärker aus,
je mehr die Windrichtung nach oben weist und je größer die
Windgeschwindigkeit ist. Weht der Wind beispielsweise ebenfalls unter
einer Neigung von 1:10 aufwärts, und zwar mit einer Geschwindigkeit
von 10 m/s, so hebt er die Luftmassen und mit ihnen das Flugzeug um einen
Meter in der Sekunde. Dasselbe Ergebnis würde bei einem unter einer
Neigung von 1 : 20 und mit 20 m/s Geschwindigkeit wehenden Winde erzielt
werden, während er bei einer Geschwindigkeit von l 0 m/s unter dieser
Neigung nur einen Hub von einem halben Meter ergeben würde. Wir sehen
aber jedenfalls, daß unser Flugzeug unter diesen Windverhältnissen
im Gleitflug nicht nur seine Höhe einhalten, sondern sogar noch steigen
könnte.
Wir erkennen auch schon,
daß das für den Segelflug geeignete Flugzeug zwei Bedingungen
genügen muß. Erstens muß. es einen möglichst geringen
Gleitwinkel haben, d. h. unter einem möglichst geringen Gefälle
flugfähig sein, und zweitens muß. es diesen Flugzustand auch
bei einer möglichst kleinen Geschwindigkeit durchhalten können.
Auf Grund welcher konstruktiven Eigenschaften diese Forderungen zu erfüllen
sind, werden wir später sehen.
Betrachten wir noch einmal
die Flugmöglichkeiten, die durch die Windverhältnisse gegeben
sind, so drängt sich ohne weiteres die Erkenntnis auf, die durch
die Rhön-Segelflüge und die Flüge in England bestätigt
worden ist: daß es nur der richtigen Auswahl des Geländes bedarf,
damit unsere Flieger bei frischem Winde auf den jetzt üblichen Flugzeugarten
mit Hilfe der im normalen Fliegen
erworbenen Kunstfertigkeit Segelflüge durchführen können.
Die Hauptkunst besteht offenbar in der Ausnutzung des Geländes und
dem Auffinden der Stellen, wo sich notwendigerweise aufsteigende Luftströmungen
ausbilden müssen, weil der Wind nach oben abgelenkt wird oder gar
sich in Mulden fängt und staut. Diese Kunst der Geländebeurteilung
will natürlich auch erlernt sein und setzt eine natürliche Begabung
und einen sichern Blick voraus. Bei dem englischen Segelflugwettbewerb
wollte die Sache zunächst gar nicht klappen, bis Fokker, der in der
Rhön schon Erfahrungen gesammelt und die Geländebildung zu beurteilen
gelernt hatte, eine für den Flug geeignete Stelle herausfand und
die englischen und französischen Flieger so auf den rechten Weg brachte.
Demnach
ist es auch denkbar, daß in einem hügeligen Gelände Überlandflüge
als Segelflüge durchgeführt werden könnten. Der Flieger
müßte sich dann etwa so, wie es auf der Abb. dargestellt
ist, zunächst für den Aufstieg einen Fleck mit günstiger
Luftströmung aussuchen und so viel als möglich an Höhe
gewinnen, um dann im Gleitflug nach der nächsten Stelle mit aufsteigender
Luftströmung zu gelangen. Da diese Stellen nicht immer so nahe beieinander
liegen werden, daß sie im Gleitflug sicher erreichbar sind, so wird
man vielleicht einen leichten Hilfsmotor mit Triebschraube einbauen, die
aber nur ausnahmsweise in Betrieb genommen werden.
Daneben besteht die Aussicht,
daß es gelingen könnte, weitere Strecken flachen Landes bei
stärkerem Winde zu überfliegen. Denn wenn der Wind, wie wir
nach den Forschungen Lilienthals annehmen müssen, tatsächlich
unter einem Winkel von 3° bis 4° nach aufwärts weht, so hat
er eine Neigung von l : 20 bis 1:14. Ein Flugzeug, das den gleichen Gleitwinkel
und außerdem die gleiche Geschwindigkeit wie der Wind besitzt, müßte
sich also über dem flachen Lande schon schwebend halten können.
Steigen könnte es jedoch nur, wenn entweder seine Fluggeschwindigkeit
kleiner ausfiele als die des Windes; dann würde es aber abgetrieben
werden und nicht vorwärtskommen; oder sein Gleitwinkel müßte
noch kleiner sein als der Steigwinkel des Windes. Das Gefälle seiner
flachsten Gleitflugbahn müßte also noch kleiner sein als l
: 20 oder wenigstens 1:14.
Vielleicht gibt es aber
noch andere Mittel, um dem Winde Kraft für den Segelflug abzuzwingen?
Bisher hatten wir angenommen, daß das Flugzeug sich von dem gleichmäßig
aufsteigenden Luftstrom wie im gewöhnlichen Fluge tragen lassen solle,
ebenso wie dies in der ruhenden Luft geschieht. Man bezeichnet diese Art
des Segelfluges als statischen" Segelflug. Er ist bisher allein
praktisch durchgeführt worden. Theoretisch denkbar ist aber auch
noch eine andere Art, die man als dynamischen" Segelflug bezeichnet,
weil dabei durch Bewegungsvorgänge zwischen Wind und Flugzeug Kräfte
für den Flug ausgelöst werden.
Wie schon erwähnt,
bildet nach den neueren Beobachtungen der Wind keineswegs eine gleichmäßige
Luftbewegung, sondern seine Geschwindigkeit schwankt ständig und
mit ziemlicher Regelmäßigkeit hin und her. So
beobachtete beispielsweise der amerikanische Forscher Langley, der schon
vor dem Hervortreten der Brüder Wright sich mit Flugstudien beschäftigte
und mehrere gut fliegende Modelle baute, daß der Wind in regelmäßigen
Zeiträumen zwischen 9 und 18 m/s schwankte und dabei ziemlich schnell
anschwoll und langsam wieder nachließ, wie dies aus dem in der Abb.
wiedergegebenen Schaubild ersichtlich ist. Diese regelmäßigen
Schwankungen der Windgeschwindigkeit erklären sich leicht daraus,
daß beim Dahinstreichen der Luft über dem Boden und infolge
der ungleichen Luftgeschwindigkeit in verschiedenen Höhenlagen in
den bewegten Luftmassen Wirbel entstehen, die im Winde mit fortwandern.
Dort wo der Wirbel sich im Sinne der Windrichtung dreht, tritt seine Drehgeschwindigkeit
zu der fortschreitenden Bewegung des Windes hinzu, und der Wind schwillt
an. Wo sich der Wirbel der Richtung des Windes entgegendreht, vermindert
er dessen Geschwindigkeit, und der Wind flaut ab.
Außerdem
bilden sich im Winde noch feine Wellen von etwa 15 und mehr Schwingungen
in der Sekunde. Auch diese Schwingungen werden unter Umständen sichtbar.
Wenn der Wind über den feinkörnigen trockenen Sand am Meeresstrand
dahinfährt, zeichnet er quer zu seiner Bewegungsrichtung oft feine
Wellen von wenigen Zentimetern Abstand in den Sand, deren Ursache in den
Luftschwingungen zu suchen ist.
Beide Arten von Luftschwingungen
können nun zu Kraftquellen für den Segelflug werden.
Denken
wir uns einmal eine aus mehreren Rinnen im Zickzack nach aufwärts
geführte Bahn für eine Kugel, wie sie die Abb. zeigt.
In den Spitzen führen die einzelnen Rinnen seitlich ineinander über
und bilden hier eine kleine Pfanne, die der Kugel eine kurze Rast bietet.
Die Kugel soll am rechten tiefsten Ende der untersten Rinne liegen. Nun
schieben wir mit einem Ruck, also nach den Bezeichnungen der Mechanik
mit starker Beschleunigung, die Rinnen nach rechts. Was geschieht? Die
Kugel kann infolge ihrer Trägheit sich der Rinnengeschwindigkeit
nicht schnell genug anpassen und setzt daher der Bewegung durch die Rinne
einen so grossen Widerstand entgegen, daß sich die Rinne unter ihr
hinwegschiebt und die Kugel zum ändern Ende der Rinne aufwärts
rollt. In der Pfanne möge sie zur Ruhe kommen und die Rinne nun angehalten
werden. Darauf wird die Kugelbahn rasch in entgegengesetzter Richtung
nach links geschoben. Die Kugel kann sich wieder der Bewegung ihrer Rinne
nicht schnell genug anpassen und rollt auf der zweiten Rinne nach oben.
Dieses Spiel läßt sich solange wiederholen, bis die Kugel auf
dem höchsten Punkt angelangt ist. Man erkennt, daß die Kraftquelle
für das Heben der Kugel in dem Geschwindigkeitswechsel der Unterlage
zu suchen ist, der Beschleunigungskräfte in der Kugel auslöst
und so die Schwerkraft überwindet.
Ganz ähnlich liegen
die Verhältnisse beim Vogel und Flugzeug. Wir erkannten schon, daß
ein Vogel oder Flieger, der in ganz
gleichmäßigem Winde schwebt, etwa über den Wolken ohne
Ausblick auf den Erdboden, diese Luftbewegung gar nicht empfindet, weil
er eben vom Strom getragen wird. Wenn aber die Windgeschwindigkeit ungleichmäßig
ist und der Wind anschwillt, so daß seine Geschwindigkeit über
die mittlere Strömungsgeschwindigkeit hinaus zunimmt, so empfindet
der dem Winde entgegenschauende Flieger einen von vorn kommenden Luftstoß.
Läßt dann die Windgeschwindigkeit dem Erdboden gegenüber
wieder nach, so kommt für den Flieger ein Windstoß von rückwärts.
Die Tragflächen lassen sich nun, mit der Bewegungsänderung ihre
Lage wechselnd, immer so einstellen, daß der Luftstrom sie anheben
muß. Wenn der Wind nämlich anschwillt, so müssen die Flächen
vorn etwas aufgerichtet werden, daß die Luft sich unter ihnen fängt.
Dann versucht der Wind zwar das Flugzeug nach rückwärts abzutreiben;
dessen Körper setzt aber infolge seiner Massenträgheit dieser
Geschwindigkeitsänderung ebenso wie die Kugel einen Widerstand entgegen
und wird daher mit seinen Tragflächen auf dem schrägen Luftpolster
wie auf einer schiefen Ebene nach oben geschoben, wie der von der Schnur
gehaltene Drachen. Dies
dauert natürlich nur kurze Zeit, bis der Vogel sich der neuen Windgeschwindigkeit
angepaßt hat. Wenn aber beim Abflauen des Windes für das Flugzeug
der Rückenwind eintritt, so braucht der Flieger nur in den Gleitflug
überzugehen, um seine Tragflächen in die richtige Lage für
die Ausnützung dieser Luftbewegung zu bringen.
Beim Gleitflug sind die Tragflächen nämlich leicht nach vorn
abwärts geneigt, so daß der von hinten kommende Luftstrom sich
wieder unter den Flächen fängt und das Flugzeug etwas in die
Höhe schiebt. Trotzdem
verliert das Flugzeug zunächst beim Gleitflug an Höhe. Zum Schluß
kann der Flieger dann aber den beim Abgleiten erlangten Schwung ausnutzen
und die beim kurzen Gleitflug verlorene Höhe in aufwärts gerichtetem
Flug zum grossen Teil zurückgewinnen.
Will der Flieger den Gleitflug
vermeiden, so muß. er noch vor Beginn des Abflauens einen Halbkreis
beschreiben, so daß er nun in entgegengesetzter Richtung fliegt
und den Windstoß wieder von vorn abfangen kann. Vor dem Anschwellen
des Windes muß. er dann wieder in die alte Richtung zurückwenden.
Dieses Verfahren führt, wie man sieht, zum Kreisen, das wir an segelnden
Vögeln oft beobachten können und das sicherlich auch eine derartige
Ausnutzung der Windkräfte zum Zweck hat, wenn natürlich auch
das Bestreben, längere Zeit an einem Fleck mit günstiger aufsteigender
Luftströmung zu verbleiben, zu solchen Kurvenflügen führt.
Man
kann sich auch vorstellen, wie die kleinen schnellen Schwingungen des
Windes für den Flug ausgenutzt werden könnten, und kann auch
hier wieder auf ein anderes Beispiel aus der Mechanik zurückgreifen.
Man kennt eine Vorrichtung, die schon praktisch mit Erfolg angewendet
worden ist und die Vortriebskraft für ein Boot den kurzen Wasserwellen
entnimmt. Sie besteht aus einer Reihe flacher Federn, die an einem gemeinsamen
Halter sitzen und so eine Art elastischen Kammes bilden, der
an Bug und Heck des Bootes wagrecht in der Wasserlinie so angebracht ist,
daß die Federn in der Fahrtrichtung mit dem freien Ende nach hinten
liegen (vergl. obere Abbildung). Durch jeden Wellenberg werden
die Federn nach oben gedrückt, und da das Boot nun das Bestreben
hat, auf dieser nach vorn geneigten Unterlage abzugleiten, so erhält
es einen Vortrieb (vergl. Abb.). Die Wellen müssen dabei natürlich
so kurz sein, daß sie das Boot nicht aus seiner Lage bringen.
Ähnliche
Vorgänge können sich am segelnden Vogel abspielen. Der Apparat
mit Federapparat mit den elastischen Federn ist in idealer Vollkommenheit
vorhanden in den grossen Schwungfedern, die bei einzelnen Seglern, insbesondere
Storch und Gabelweih (vergl. Abb.), auf dem größten
Teil ihrer Länge völlig frei liegen und dabei quer zur Flugrichtung
so angeordnet sind, daß ihre Fahnen die Arbeit der geschilderten
elastischen Teile übernehmen. Bei anderen Seglern, der Möwe
z. B., liegen nur die Enden der äußersten Schwungfedern in
der Flügelspitze frei, die ebenfalls im angegebenen Sinne wirken
können.
Allerdings besteht ein
wesentlicher Unterschied zwischen Boot und Vogel insofern, als das an
der Wasseroberfläche schwimmende Boot infolge seiner Wasserverdrängung
und Körperform bestrebt ist, seine normale Lage beizubehalten, während
eine derartige Richtkraft bei dem völlig von ein und demselben Element
umgebenen Vogel nicht auftreten kann. An ihre Stelle tritt aber die Massenträgheit
des Vogelkörpers, der durch die nur Bruchteile von Sekunden wirkenden
Kräfte nicht in Schwankungen versetzt werden kann. Die Trägheit
jedes Körpers gegen eine Drehbewegung ist bekanntlich um so größer,
je weiter seine Massen von der Drehachse entfernt sind. Es erscheint darum
sehr bedeutsam, daß der Storch beim Segelflug Kopf und Füße
weit nach vorn und hinten ausstreckt, denn hierdurch erschwert er die
Drehung um die Flügellängsachse und erleichtert so die Ausnützung
der kurzen Luftwellen durch seine Schwungfedern. Bei dem besten Segler,
dem Albatros, der besonders gut zu beobachten ist, weil er längere
Zeit das Schiff begleitet, hat man ein feines Vibrieren des Hinterrandes
der Flügel während des Segelflugs tatsächlich festgestellt.
Derartige
Feinheiten kann man zwar in absehbarer Zeit dem menschlichen Flugzeug
kaum verleihen, so daß auf die Ausnützung dieser Windkraft
zunächst noch nicht zu rechnen ist. Im übrigen aber lassen sich
auf Grund unserer Feststellungen über die Kraftquellen des Segelflugs
schon bestimmte, für ein gutes Segelflugzeug erforderliche Eigenschaften
angeben.
Wir fanden schon, daß
das Segelflugzeug einen möglichst flachen Gleitflug muß. ausführen
können, also einen möglichst kleinen Gleitwinkel besitzen muß.
Vorbedingung hierfür ist natürlich, daß das Flugzeug eine
möglichst geringe Vortriebskraft benötigt, also einen
möglichst kleinen Luftwiderstand besitzt. Dieser wird von Rumpf,
Fahrgestell, Schwanz- und Steuerflächen, Verspannungen und schließlich
der Tragfläche selbst erzeugt. Die erstgenannten Teile müssen
daher tunlichst vermindert und gut stromlinienförmig ausgeführt
werden. Es ist sehr lehrreich, daß die besten bisherigen Segelflugzeuge
der Aachener und Hannoveraner Vereine, die von Klemperer, Martens und
Hintzen geflogen wurden, freitragende Tragflächen ohne freiliegende
Verspannungen, gut geformte Rümpfe und sorgfältig verkleidete
Fahrgestelle aufweisen. Die
flachste Neigung der Gleitbahn dürfte für normal verspannte
Doppeldecker, wie sie bei den englischen und französischen Segelflugwettbewerben
im wesentlichen verwendet wurden, kaum über 1:10 hinauskommen, Die
deutschen Flugzeuge aber, mit denen in der Rhön die ersten großen
Segelflüge durchgeführt wurden, Vampyr (1921) und Greif (1922),
hatten schon einen kleinsten Gleitwinkel von 1:16 und 1 : 20. Bei dem
neuesten Hannoveraner Segelflugzeug H 6 1923 ist es sogar gelungen, diesen
Wert auf 1 : 29 herabzudrücken. Für Tragflächen allein
und für Vogelkörper und diesen nachgebildete Modelle hatte man
schon flache Gleitbahnen von l : 20 und 1:25 festgestellt. In dieser Hinsicht
sind die Untersuchungen von Gustav Lilienthal besonders interessant. Er
untersuchte ein vogelähnliches Modell mit geschwungenen Flügeln
(vergl. Abb.) und einem dem Vogelflug entlehnten Flügelprofil
(vergl. Abb.). An diesen Flügeln bildet sich eine eigenartige
Luftströmung heraus, die Lilienthal durch auf Nadeln am Flügel
befestigte Papierfähnchen verfolgte. Am Vordergrund des Flügels
staut sich der Luftstrom und wird nach oben und unten abgelenkt. Oben
löst er sich vorn von der Fläche ab und schmiegt sich erst am
Hinterrand wieder an sie an, wobei er die Luft unmittelbar über der
Fläche absaugt und so an ihrer Oberseite einen den Auftrieb verstärkenden
Unterdruck erzeugt. Im Gegensatz zum oberen Luftstrom kommt der unten
sich ablösende Strom hinten nicht wieder zum Anliegen an die Fläche;
er kehrt vielmehr unter der Fläche seine Bewegungsrichtung um und
fließt nach vorn, reibt sich dabei an der vorteilhafterweise rauhen
Unterseite, staut sich vorn in der inneren Wölbung und vermindert
so den Widerstand der Fläche. Die unter dem Flügel aufgestaute
Luft muß. natürlich auch einen Abfluß haben; er erfolgt,
wie aus der Abb. ersichtlich, nach beiden Seiten des Flügels.
Der geschilderte Vorstrom entsteht in seiner ausgeprägten Form daher
auch nur im mittleren Teil des Flügels, etwa im Bereich um den Schwerpunkt
der Fläche. Rechts
und links von diesem Gebiet biegen die Luftströme seitlich ab, um
schließlich an der Flügelspitze ganz in der Flügellängsrichtung,
also quer zur Flugrichtung zu fließen, während der Stau am
Rumpf zu einer erneuten Ablenkung nach hinten unter die breiten Flügelteile
zwingt. Diese seitlich gerichteten Luftströme unter dem Flügel
werden dadurch für den Auftrieb nutzbar gemacht, daß der Flügel
innen und außen herabgezogen wird. Daß diese vom Vogelflügel
her bekannte Form bei den Flugzeugtragflächen bisher noch nicht angewendet
worden ist, hat seinen Grund in der schwierigen konstruktiven Durchbildung
eines solchen Flügels.
Beachtenswert ist an dem
soeben betrachteten Modell schließlich noch die dicke Profilform
der Tragfläche. Diese kommt, wie wir sogleich sehen werden, der zweiten
uns schon bekannten Forderung für ein gutes Segelflugzeug entgegen,
daß nämlich zur Aufrechterhaltung des flachen Gleitflugs auch
eine geringe Fluggeschwindigkeit genügen muß.
Der für das Schweben
erforderliche Auftrieb wird beim Flugzeug bekanntlich dadurch erzielt,
daß infolge der Vorwärtsbewegung des
Flugzeugs ein Luftstrom unter einem gewissen Angriffswinkel die Tragfläche
trifft. Damit die Tragfläche nicht zu groß und das Flugzeug
nicht zu schwer wird, muß. man natürlich bestrebt sein, den
Auftrieb für jeden Quadratmeter Tragfläche möglichst groß
zu gestalten. Dieses Auftriebsvermögen der Tragfläche ließe
sich zwar durch Vergrößerung der Geschwindigkeit oder des Angriffswinkels
erhöhen. Aber die Geschwindigkeit soll ja gerade gering gehalten
werden, und bei kleinen Angriffswinkeln muß. man bleiben, um den
Widerstand der Tragfläche nicht zu sehr zu vergrößern.
Um mit einer kleinen Geschwindigkeit auskommen zu können, bleibt
also nichts weiter übrig, als die Tragfläche sehr groß
zu wählen.
Gute
Segelflugzeuge mit den normalen Flächenprofilen müssen daher
ziemlich grosse Tragflächen erhalten, ganz im Einklang mit den Vorbildern
der Natur, die auch den Segelfliegern unter den Vögeln im Verhältnis
zum Körpergewicht viel größere Flügel gegeben hat
als den Schlagfliegern.
Es gibt aber doch noch
ein Mittel, um die Tragflächen klein und damit das Flugzeug leicht
halten zu können. Es besteht in der Erhöhung des Auftriebs für
die Flächeneinheit durch Verwendung solcher Flügelprofile, die
ein besonders grosses Auftriebsvermögen ergeben, und dies sind gerade
die dicken Profile, wie sie Professor Junkers zuerst angewendet hat. Eine
solche Fläche wird natürlich den erforderlichen Auftrieb schon
bei viel geringerer Geschwindigkeit erzeugen, als die gleich grosse Tragfläche
von geringerem Auftriebsvermögen. Diese einfache Tatsache bildet
die Lösung des Rätsels, warum die Natur ihren Seglern die vorn
stark verdickten Flügel verliehen hat und warum die deutschen Segelflugzeuge
mit den dicken Tragflächen die besten der Welt sind.
So weist hier die Technik
den Menschen auf die Natur hin und schärft seinen Blick für
die Wunder der herrlichen weiten Welt.
Quelle: Die weite Welt, ein Buch der
Reisen und Abenteuer, Erfindungen und Entdeckungen; © 1924 by Rascher
Cie. A.-G., Verlag, Zürich; Jadu 2001
|