Ein neues Leichtflugzeug für Sport und Reise
Es ist eigentlich selbstverständlich,
daß die Klasse der Leichtflugzeuge in den weitesten Kreisen jetzt
das meiste Aufsehen erregt, ist doch gerade das schwachmotorige Flugzeug
berufen, wirklich für das große Publikum in Betracht zu kommen.
Soll nämlich einmal ein Flugsport im weiteren Sinne aufkommen, so
sind dazu vor allem Flugzeuge nötig, die in Anschaffung und Betrieb
so billig sind, daß sie auch für nicht mit Glücksgütern
gesegnete Menschen erschwinglich sind. Das motorlose Flugzeug scheint
hinsichtlich der Rosten an sich ja ideal zu sein, hat aber den großen
Nachteil, abhängig vom Fluggelände und dem Wind zu sein.
Man hat daher
Flugzeuge mit schwachen Motoren entwickelt, und hierbei ist Deutschland
führend beteiligt. Das Ziel dieser mühsamen technischen Arbeit
ist, Flugzeuge zu schaffen, mit denen bei viel geringerem Rostenaufwand
als bisher ähnliche Leistungen wie früher erzielt werden können.
Tatsächlich ist es gelungen, Flugzeuge zu bauen, deren Anschaffungspreis
nur noch ein Drittel des bisher üblichen beträgt. Gleichzeitig
ließen sich die Betriebskosten verringern.
Als ein neuzeitliches
Beispiel für ein derartiges Flugzeug kann der in unserer Abbildung
wiedergegebene kleine Hochdecker von Müller in Griesheim angesehen
werden, dessen Flugleistungen trotz dem verwendeten schwachen Motor durchaus
als gut bezeichnet werden müssen. Es handelt sich bei diesem Flugzeug
um ein völlig verspannungslosen, abgestrebten Eindecker in Holz-Stoff-Bauart,
bei dessen Konstruktion die reichen Erfahrungender Akademischen Fliegergruppe
an der technischen Hochschule Darmstadt verwertet worden sind.
Die Tragflügel
besitzen nur ein Holm, der mit der Sperrholzbeplankten Flügelnase
eine drehsteife Röhre bildet. Das Flügelende wird mit dem besonders
leichten, aber festen Otto-Baumwollstoff bekleidet. Die Stoffbeplanung
wird nach dem Aufbringen mit besonderen Lacken bestrichen und erhält
dadurch eine straffe Spannung bei guter Widerstandsfähigkeit, do
daß das Flugzeug nicht sehr wetterempfindlich ist. Alle Holzteile
werden durch Anstrich mit Bootslack geschützt.
Eigenartig
ist die Rumpfbauart dadurch, daß der über den hintereinander
liegenden Sitzen befindliche Tragbügel zur Befestigung der beiden
Tragflügelhälften mit in die Rumpfkonstruktion einbezogen wurde.
Dadurch entstand eine Rumpfform, bei der unter dem Tragflügel eine
Aussparung vorgesehen ist. Die Insassen sitzen daher besonders geschützt.
Hinter dem hinteren Sitz und vor dem vorderen ist je ein großer
Rumpfspant angeordnet. Von diesen ist der vordere so gebildet, daß
genügende Sicht auch nach vorn gewährleistet ist.
Der Rumpf ist als einfaches Holzboot
mit ovalen Spanten gebaut, das außen mit Sperrholz bekleidet ist.
Nur die Rumpfspitze besteht aus einem Stahlrohrgerüst, auf dem der
luftgekühlte Motor so angebracht ist, daß man ihn gut überwachen
und schnell auswechseln kann.
Die Sitzräume
liegen sehr geschützt. Die Sessel sind so tief eingebaut, daß
die Flieger nur mit dem Kopf herausstehen. Der Einstieg wird durch kleine
Seitentüren erleichtert. Infolge der ganzen Bauart ergibt sich die
Möglichkeit eines Fallschirmsprunges. Das handliche Paket des Heinecke-Fallschirmes
wird als Rückenpolster benutzt. Vor jedem Sessel ist eine vollständige
Steuerung eingebaut, so daß sich beide Flieger unterwegs ablösen
können. Auch eignet sich dieses Flugzeug auf diese Weise zum Schulen.
Hierfür
scheint es besonders auch wegen seiner guten Flugeigenschaften in Betracht
zu kommen. An sich sollte ja auch immer von einem Sportflugzeug verlangt
werden, daß es leicht zu fliegen ist, denn der Sportflieger besitzt
natürlich nicht die gleiche Übung wie der täglich fliegende
Berufsflieger. Da das Fliegen bei ruhiger Wetterlage aber wirklich sehr
einfach ist, kommt es hauptsächlich auf die Landeeigenschaften an.
Diese sind bei dem kleinen Hochdecker überraschend gut. Erstens ist
nämlich gerade die Sicht unmittelbar nach unten vorzüglich,
da sie keinerlei Konstruktionsteile versperren. Zweitens ist die Landegeschwindigkeit
verschwindend klein, beträgt sie doch weniger als die Hälfte
der des großen Junkers-Verkehrsflugzeuges. Dadurch stellt die Landung
aber keine großen Anforderungen mehr an den Flieger. Es ist deshalb
damit zu rechnen, daß er auch Aussenlandungen auf ihm noch unbekannten
kleinen Plätzen wird durchführen können. Trotz der geringen
Leistungen von nur etwa 35 Pferdestärken ergibt sich bei diesem Flugzeug
ein Leistungsüberschuß, wie wir ihn im Verhältnis selbst
bei Verkehrsflugzeugen kaum finden. Der Motor braucht also nur beim Abflug
mit Vollgas zu laufen, während er im Fluge stark gedrosselt und damit
gut geschont wird. Trotz dem geringen Kraftbedarf des kleinen Hochdeckers
beträgt die Zuladung fast 200 Kilogramm bei einem Rüstgewicht
von 260 Kilogramm. Auch die Steigleistungen genügen dür den
praktischen Betrieb vollkommen, werden doch mit voller Belastung 1000
Meter Höhe in 10 Minuten, einsitzig sogar in 6 Minuten erstiegen.
Da das Flugzeug eine Höchstgeschwindigkeit von 130 Stundenkilometer
besitzt und mit einer Füllung Brennstoff im Vollgasflug 4 Stunden
unterwegs sein kann, läßt sich eine Entfernung von über
500 Kilometer ohne Zwischenlandung zurücklegen. Auch das wird für
gewöhnliche Anforderungen völlig genügen, wenn man bedenkt,
daß bei D-Zügen zum Beispiel alle 300 Kilometer bereits Maschinenwechsel
eintritt.
Was das kleine
Flugzeug sehr brauchbar macht, ist auch die gute Zerlegbarkeit, die keine
Flugzeughallen mehr erforderlich macht. Auch der Transport eines solchen
Flugzeuges in zusammengeklapptem Zustand im Schlepp eines Motorrades durch
die engsten Gassen macht keine Schwierigkeiten. Dabei ist der Hochdecker
in Anschaffung und Betrieb wirklich billig, kostet er doch nicht mehr
als ein mittlerer Kraftwagen, während die von ihm verbrauchte Brennstoffmenge
nur der eines stärkeren Motorrades entspricht. Dabei ist seine Geschwindigkeit
aber etwa doppelt so groß wie die eines D-Zuges.
Quelle: Das neue Universum, Union
Deutsche Verlagsgesellschaft Stuttgart, Berlin, Leipzig; 49. Jahrgang;
Jadu 2001
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